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Full text of "Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung"

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Jahrbuch 






Vereins für niederdeutsche Sprachforschung. 



Jai mg 1887. 



xrn. 



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HÜRDE* und LEIPZIG. 

Verlag. 



Ausarbeitungen, deren Abdruck im Niederdeutschen Jahrbuche 
gewünscht wird, sind dem Mitgliede des Redactionsausschusses Dr m 
W. Seelmann, Berlin SW, LicJUerfelderstrasse 30 zuzusenden. Die 
Zahlung des Honorars (von 32 Mark für den Bogen) erfolgt zu 
Jahresschluss durch den Kassenwart." 

Zusendungen, deren Abdruck im Korrespondenz-Blatte erfolgen 
soll, nimmt Dr. W. H. Mielck, Hamburg, Dammthorstr. 27 entgegen. 

Die Mitgliedschaft zum Niederdeutschen Sprachverein wird durch 
Einsendung des Jahresbeitrages (5 Mark 5 Pf.) an den Kassenwart 
des Vereins Dr. W. H. Mielck in Hamburg oder durch Anmeldung 
bei einem der Vorstandsmitglieder oder Bezirksvorsteher erworben. 

Die Mitglieder erhalten für den Jahresbeitrag die laufenden Jahr- 
gänge der Vereins-Zeitschriften (Jahrbuch und Korrespondenz-Blatt) 
postfrei zugesandt. Sie sind berechtigt, die ersten fünf Jahrgänge 
zur Hälfte, die folgenden Jahrgänge sowie alle übrigen Vereins- Ver- 
öffentlichungen (Denkmäler, Drucke, Forschungen, Wörterbücher) zu 
Dreiviertel des Ladenpreises zu beziehen, wenn die Bestellung unter 
Berufung auf die Mitgliedschaft direkt bei dem Verleger Diedr. Soltau 
in Norden (Ostfriesland) gemacht wird. 

Bis auf weiteres können die Mitglieder von demselben auch das 
'Wörterbuch der Ostfriesischen Sprache von J. ten Doornkaat Koolman* 
(3 Bände gr. 8° kartonirt) für 15 Mark (Ladenpreis 44 Mark) post- 
frei beziehen. 

Bücher oder Sonderabzüge, deren Anzeige oder Besprechung 
gewünscht wird, sind mit dem Vermerk 'Zur Besprechung 9 oder dgl. 
dem Verleger oder einem der beiden anderen genannten Herren 
zuzusenden. 




Jahrbuch 



des 



Vereins für niederdeutsche Sprachforschung. 



Jahrgang 1887. 



xm. 



NORDEN and LEIPZIG. 

Diedr. Soltau's Verlag. 
1888. 



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TILDUN f * ■• #% • ItiNS 
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Druck von Diedr. SolUu in Norden. 



Inhalt. 



8eite 

Einleitung zu einer amrmgisch-föhringischen Sprachlehre. Von 0. Bremer 1 
Über Pommerns Anteil an der niederdeutschen Sprachforschung. Von AL 

Reifferscheid 33 

Laurembergs handschriftlicher Xachlass. Von J. Bolte 42 

Das Liederbuch des Petrus Fabricius. (Mit einer Musikbeilage.) Von J. B o 1 1 e 55 

Zum Niederdeutschen Aesopus. Von R. Sprenger 69 

Zu Gerhard von Minden. Von Ed. Damköhler 75 

Guido von Alet. Von H. Brandes 81 

Kinderspiele aus Schleswig-Holstein. Von H. Carstens 96 

Mittelniederländische Spruchdichtungen. Von W. Bäumker 104 

Kleine mittelniederländische Dichtungen. Von H. Brandes 111 

1. Der Welt Untreue 111 

2. ABC-Spruch: Frauenpreis 112 

3. Ermahnung an Hofleute 113 

4. Peynst omden ouden hont die bast 115 

5. Die Jahreszeiten 117 

6. Marienlied 118 

Johan Statwech. Von W. Seelmann 121 

Der Parson of Kalenborow und seine niederdeutsche Quelle. Von Edward 

Schröder 129 

Friesische Ortsnamen und deren urkundlich nachweisbare oder muthmasslich 

älteste Form. Von J. ten Doornkaat Koolman 153 

Nachträge 160 

Musikbeilage zum Liederbuche des Petrus Fabricius. 



Einleitung zn einer amringisch - föhringischen Sprachlehre. 

Einer ausfuhrlichen Darstellung der auf den Inseln Amrum und 
Führ gesprochnen Sprache schicke ich diese Einleitung voraus. Eine 
grössre Ausführlichkeit schien mir für diese einfuhrenden Bemerkungen 
notwendig zu sein, weil wissenschaftlich für die Mundarten im west- 
lichen Schleswig bisher so gut wie nichts getan und es daher unbekannt 
geblieben ist, eine wie grosse Ausbeute die germanische Sprachwissen- 
schaft sich von der Erforschung dieser Mundarten versprechen darf. 
Es gilt daher zunächst das Interesse für diese Erforschung zu wecken 
durch eine eingehendre Einführung in die Sprachverhältnisse von Amrum 
und Föhr sowie der benachbarten Mundarten. Ich verweise im Übrigen 
auf die trefflichen Bemerkungen in Winkler's Algemeen nederduitsch 
en friesch dialecticon I, s. 70—77, 81, 83 f., 87—89, 92 f., 97—99. 

Die amringisch-föhringische Mundart kenne ich aus eigner An- 
schauung, und ich stehe für die richtige Wiedergabe der von mir ange- 
führten Worte unbedingt ein. Die Angaben über die Nachbarmundarten 
sind schriftlichen oder gedruckten Quellen entnommen. Ich war im 
Sommer 1886 auf Amrum und Föhr, dank einer mir vom preussischen 
Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal- Angelegenheiten 
gewährten Reiseunterstützung. Indem ich der preussischen Regierung 
an dieser Stelle meinen Dank für jene Beihülfe ausspreche, ergreife 
ich gleichfalls mit Freuden die Gelegenheit, die Verwaltungen der 
Bibliotheken in Hamburg, Kiel und Stralsund auch an dieser Stelle 
meines aufrichtigen Dankes zu versichern für das freundliche Ent- 
gegenkommen und die bereitwillige Unterstützung, durch welche meine 
Arbeit wesentlich gefördert wurde. 



Verzeichnis der wichtigsten Abkürzungen. 



a., amr. = amringisch. 

aa.-f. = alt-amringisch-föhringisch. 

a.-f. = amringisch-führingisch. 

a.-f.-h.-s. = amringisch-föhringisch-hel- 

go landisch- sil dringis eh. 
»engl. = altenglisch, 
afrs. = altfriesisch, 
aosdr. = aosdringisch. 
L föhr. = föhringisch. 

KiedenUattches Jahrbuch. XIII. 



frs. = friesisch. 

Ged. = = Mechlenburg's Gedichtsammlung 
in 5 Oktavheften, von seiner Hand, 
jetzt im Besitz des Lehrers Nerong 
in Dollerup, südöstlich von Flens- 
burg. 

germ. = germanisch. 

h., neig. = helgolandisch. 

Hs., Hdschr. — Handschrift. 



ingw. = ingwaiwisch. 

J., Joh. — JohanseQ. Job., Ndfrs. Spr. 
-- Johansen, Die nordfriesische 
Sprache nach der Führinger und 
Amrumer Mundart, Kiel 1862. 

M. = Mechlenburg, früher Pastor in Nebel 
auf Amrum. 

na.-f. = neu-amringi8ch-föhringi8ch. 



ndfrs. = nordfriesisch. 

s., sildr. = sildringisch. 

sat. = satersch. 

w., wehsdr. = wehsdringisch. 

wang. = wangeroogisch. 

wfrs. = westfriesisch. 

ws., wests. = westsächsisch. 



In Bezug auf meine Rechtschreibung bemerke ich, dass " über 
einem Vokalzeichen die offne, " die geschlossne Länge bezeichnet; 
' neben einem Konsonanten deutet die Mouillierung desselben an; 6 
ist die stimmlose, $ die stimmhafte interdentale Spirans; s ist stimmlos, 
z stimmhaft; v ist unser labiodentales w; x ist die stimmlose, y die 
stimmhafte, gutturale Spirans, » der gutturale Nasal; y ist die stimm- 
lose palatale Spirans; ö ist kurzes geschlossnes o. Die übrigen Zeichen 
erklären sich vqn selbst. 



I. Das amringisch-föhringische Sprachgebiet. 

§ 1. Unter amringisch-föhringisch (a.-f.) verstehn wir die 
Sprache der Bewohner der Inseln Amrum und Föhr, wie sie heute noch 
ausser in Wyk lebendig ist. A.-f. wird von ungefähr 2500 Einheimischen 

— gegen ungefähr 5000 vor 100 Jahren — und vielen Hunderten ame- 
rikanischer Auswandrer gesprochen. 

§ 2. Die Leute nennen ihre Sprache stets ömraeii und feria, 
fer in wiederum vezdreu und äozdria (wester- und osterländisch). 
Nur die Schriftsteller gebrauchen schon seit Jahrhunderten in gelehrter 
Weise das Wort friesisch auch für diese Sprache. In Ä gleicher Weise 
bezeichnen sich die Leute ihrem Stamme nach als Ömraeusen und 
Ferißen und werden Friesen nur von den Schriftstellern A genannt. Das 
Land heisst Omrsem (auch wohl Omrsem lun, Ümrse» lun) 
und Fer (auf Amrum Fer); gewöhnlich sagt man aber blos t lun, 
das Land. Föhr und Amrum, einstmals eine zusammenhängende Insel, 
Wessen nach dem nordfriesischen Chronisten Heimreich früher Barg- 
harde. Die Westerharde umfasste Amrum und Westerland-Föhr, die 
Osterharde Osterland-Föhr. Neben dieser seit 1231 belegbaren Be- 
nennung begriff man gegen Ausgang des Mittelalters unter dem Namen 
Osterharde auch ganz Föhr, Amrum und Süd; im 13. Jhdt. galt nur 
Föhr und Amrum als Osterharde, Süd hingegen als Nordwesterharde. 

— Der liber census Daniae 1231 nennt die Inseln Ambrum und 
Föör, die designatio der Harden vnd Kercken in Frisia Minori 1240 
Amromon und Fora; im 15. bis Mitte des 18. Jhdts. wird Föhr 
gewöhnlich Föhr de genannt, daneben auch Föhre, Föhr. 

§ 3. Mit Unrecht hat man die Bezeichnung nord friesisch als 
gemeinsamen Namen für alle nicht-plattdeutschen und nicht-dänischen 
Mundarten des westschleswigschen Küsten- und Insellands angewandt. 



Die Bewohner von Amrum, Föhr, Helgoland und Süd heissen und 
hiessen nur Amringen, Föhringen, Helgolander, Sildringen. Friesische 
nennen sich und werden von jenen genannt die Bewohner der Halligen 
und des Festlands (Fastewallingen). Ebenso heisst nur die Sprache 
der letztern friesisch, jene nur amringisch u. s. w. Wir schliessen 
daher, wenn wir von nordfriesisch sprechen, die Sprache jener vier 
Inseln aus. — Vgl. Schlesw. -Holst. Anzeigen 1760, S. 8; Schlesw.- 
Holst. Provinzialberichte 1793, S. 4; Onkens Isis 1824, I, S. 52; 
Falck's Staatsbürgerliches Magazin V, 1826, S. 739; Kohl, Die Marschen 
und Inseln der Herzogthümer Schleswig und Holstein I, 1846, S. 180; 
Langhans, Über den Ursprung der Nordfriesen, 1879, S. 44; Möller, 
Das altenglische Volksepos, 1883, S. 85. 

§ 4*). A.-f. ist nicht die einzige Sprache, welche auf Amrum 
und Föhr gesprochen wird. Die Schriftsprache, Kirchen-, Schul- und 
Amtssprache ist, seit von einer solchen überhaupt die Rede sein kann, 
die plattdeutsche gewesen; erst seit zwei Jahrhunderten ist es die hoch- 
deutsche; für Amrum und Westerlandföhr galt dänische Amtssprache. 
Die Volkssprache ist auf Amrum und Westerlandföhr ausschliesslich 
a.-f.. Osterlandföhr ist zweisprachig, föhringisch und plattdeutsch. Öer 
Flecken Wyk ist vollständig, Nieblum so gut wie ganz plattdeutsch. 
Die Wyk zunächst gelegnen Dörfer Boldixum und Wrixum, vor 50 
Jahren noch rein föhringisch, sind jetzt plattdeutsch geworden; nur in 
wenigen Familien wird noch föhringisch gesprochen, sonst nur von altern 
Leuten; von Schulkindern sprechen nur vier überhaupt noch föhringisch. 
Auch in den andern Dörfern des. östlichen Föhr macht das Plattdeutsche 
neuerdings reissende Fortschritte. In Oevenum, wo noch zu Anfang dieses 
Jahrhunderts in der Schule föhringisch gesprochen wurde, wo vor wenigen 
Jahren der letzte Mann gestorben ist, der absolut kein Deutsch verstehn 
konnte, spricht heute bereits mehr als ein Drittel der Schulkinder 
plattdeutsch. Ähnlich sind die Verhältnisse in Midlum und Alkersum. 
Auch in Borgsum hört man schon viel Plattdeutsch. 

Die plattdeutsche Sprache ist durch die Fremden eingeführt 
worden, welche seit etwa einem Jahrhundert Föhr gradezu über- 
schwemmen und deren Zahl in annähernd dem Maasse zunimmt, als 
die der Föhringen durch Auswandrung nach Amerika abnimmt**). Die 
erste Fremdenkolonie kam nach der grossen Flut von 1JB34 vom alten 
Nordstrand und den Halligen. Die „Friesischen" gründeten sich in 
Wyk ein neues Heim, und dieser Zuzug der Inselfriesen hat bis heute 
fortgedauert; nach jeder grössern Flut, besonders aber 1717 — 1720, 
kamen zahlreiche Halligbewohner und zogen ausser nach Wyk auch 
vielfach nach Nieblum. So wurde hier naturgemäss plattdeutsch die 
herschende Sprache als Vermittler des Verkehrs zwischen Friesen und 
Föhringen. In Nieblum hat sich die föhringische Sprache lange ge- 
halten, und noch heute giebt es einige alte Leute, welche unter einander 

*) Vergl. hierzu Verf., Niederdeutsches Jahrbuch XII, S. 128—126. 
**) »Von den seit 1850 konfirmirten Knaben sind wenigstens 40 •/• aus- 
gewandert" Nerong, Fuhr früher und jetzt, Wyk (1885), S. 42. 

1* 



'Wohl noch ihr n'iblemburferiB sprechen. Das Nieblumer Platt tragt 
daher die Spuren des vormaligen Föhringischen viel deutlicher als 
das Wyker und erfreut sich nicht grade des besten Rufs im Lande. 
Weitres s. Niederdeutsches Jahrbuch XII, S. 125 — 129. Während 
die Einwandrung der Halligfriesen bis auf den heutigen Tag fort- 
dauert, kam der zweite Strom fremder Einwandrer zu Ausgang des 
vorigen Jahrhunderts. Die Landeinteilung 1772 — 1776 für Oster- 
landföhr, 1801 — 1802 für Westerlandföhr, wandelte da* Gemeindeland 
in Sondereigentum um und machte daher mehr Kräfte £ur Bearbeitung 
des Bodens notwendig, um so mehr als die föhringischen Frauen — die 
Männer waren alle zur See — bis dahin allein das Feld bestellt 
hatten. So kam eine Masse von Arbeitern aus Jütland und Nord- 
schleswig herüber, um sich auf Föhr anzusiedeln. Die Einwandrung 
der „Dänischen" hat jetzt nachgelassen. Dafür erfolgt in den letzten 
Jahrzehnten ein sehr starker Zuzug von Halligfriesen, besonders seit 
der Sturmflut von 1825, aber auch von Festlandsfriesen, Bredstedtern 
und Husumern. Die „ Friesischen u sprechen untereinander friesisch, 
wie die Juten jütisch, mit deir Föhringen aber und zu ihren Kindern 
plattdeutsch. Jedoch auf Westerlandföhr bedienen sich die Kinder aus 
friesischer und jütischer Ehe im Verkehi\mit den Föhringen ausschliesslich 
der föhringischen Sprache. Die ganze Fremdeneinwandrung erstreckt 
sich vornehmlich auf Osterlandföhr. Bei weitem die Mehrzahl aller auf 
Föhr plattdeutsch Sprechenden ist fremden Ursprungs; in Oevenum, 
Midlum und Alkersum besteht wohl nahezu ein Drittel der Einwohner- 
schaft aus Nicht-Föhringen. Wie das Föhringische das Plattdeutsche be- 
einflusst hat, so wird in viel höherm Grade erstres durch letztres be- 
einflusst. Nicht nur, dass eine Anzahl plattdeutscher Worte von Osten 
her in das Föhringische eindringen, auch die Aussprache der einzelnen 
Laute, die Syntax büsst in dem östlichen Föhr in Folge der Zweisprachigkeit 
von Jahr zu Jahr immer mehr von ihren altföhringischen Eigentümlich- 
keiten ein. Die Sprache von Westerlandföhr und Amrum ist rein. Nur 
wenige deutsche Wörter haben hier in neuster Zeit Eingang gefunden. 
Die hochdeutsche Schriftsprache, wiewohl heute die einzige amt- 
liche Sprache, hat nicht viel Eingang gefunden. Verstanden wird 
hochdeutsch jetzt überall. Geläufig sprechen können es ab$r, wenigstens 
auf Westerlandföhr und Amrum fast nur die Männer, welche in der 
Welt gewesen sind. Die Frauen antworten hier auf hoch- wie platt- 
deutsche Frage föhringisch und amringisch und bequemen sich erst 
dann dazu, ihre hochdeutschen Schulerinnrungen wieder wach zu 
rufen, wenn anders keine Verständigung möglich ist; denn hoch- 
deutsch zu sprechen ist ihnen gradezu eine Anstrengung. Doch 
verstehn sie und sprechen das auf der Schule erlernte Hochdeutsch 
noch besser als plattdeutsch, welches den Wehsdringen fast unbekannt 
ist. Sie sprechen sogar, wenn sie nach dem rein plattdeutschen 
Wyk kommen, ihr föhringisch, und vielen altern Frauen ist es 
gradezu unmöglich, deutsch zu sprechen, wenn sie es auch so einiger- 
maassen verstehn. 



Das Friesische hat, soweit ich sehe, keinen Einfluss auf die Volks- 
sprache gehabt, mehr das Dänische, das bei den altern Männern noch 
gut bekannt ist. Der gebildete Föhringe und Amringe beherrscht 
und spricht 5 Sprachen vollkommen: fohringisch bezüglich amringisch, 
plattdeutsch, hochdeutsch, dänisch und englisch. 



IL Verwantschafteverhältnisse des Amringiseh- 
Föhringischen. 



§ 5. Seinen Verwantschaftsverhältnissen nach bildet das Am- 
ringisch-Föhringische einenZweig des sogenannten ingwaiwiscHen oder 
anglo-f riesischen (ingw.) Sprachstamms, d.h. derjenigen altern Sprach- 
einheit, aus welcher später das Englische, das Sildringisch-Helgo- 
landisch-Amringisch-Föhringische, das Nordfriesische und das Ost- 
nnd Westfriesische hervorgegangen sind. Seinen nächsten Verwanteh 
hat es im Helgolandischen, demnächst im Sildringischen. 

§ 6. Der Unterschied zwischen der Sprache von Helgoland und 
der von Amrum und Föhr ist nicht so bedeutend, dass nicht der 
Amringe den Helgolander verstünde. Dagegen der Sildringe ver- 
ständigt sich mit dem Amringen und Föhringen besser auf plattdeutsch. 
Für den früher nähern Zusammenhang von Helgoland mit Amrum- 
Föhr, der jetzt ganz und gar aufgehoben ist, ist es sehr lehrreich, 
was Petrus Sax, Beschreibung der Insul Helgoland 1636 (abgedruckt 
Dänische Bibliothek VIII, Copenhagen 1746, S. 505 — 564), sagt, dass 
die Helgolander mit den Föhringen „sonst gute correspondence ge- 
halten, und sich mit ihnen beschwägert, inmassen ich solches auch 
einem alten Documento, 1843. am Tage Dionysii datiret, wahrgenommen 
habe*; er sagt ferner, in alten lateinischen Testamenten war „von 
Wischen und Weyden auf Helgoland gedacht und von Föhr auf S. Jo- 
hannis Kirchen und deren Altäre gelautet". — Die Sprache von Hel- 
goland, heute vom Plattdeutschen bereits durch- und zersetzt, nimmt 
eine mittlere Stellung ein zwischen amringisch-föhringisch und sil- 
dringisch. 

g 7. Ein bisher gewöhnlich stillschweigend angenommner, näherer 
ursprünglicher Zusammenhang der Sprachen von Amrum, Föhr, Hel- 
goland und Sild mit dem Nordfriesischen ist nicht zu erweisen; gleich- 
wohl hat die Jahrhunderte hindurch bestehende Verkehrsgemeinschaft 
eine grosse Anzahl sprachlicher Übereinstimmungen zur Folge gehabt. 

§ 8. Die wichtigsten Merkmale aus der Lautlehre des Amr.- 
Föhr. gegenüber der des Helg. und Sildr. und der des Ndfrs. mögen 
hier zur Sprache kommen. 

A) Das A.-F. teilt mit dem Helg. und Sildr. folgende Eigen- 
tümlichkeiten, abweichend vom Nordfries.: 

1) Germ, e ist a.-f.-h.-s. in offner Silbe diphthongiert worden 
zu a. iae, daraus f. ie, h. ift, s. i. Z. B. a. sliasp schlafen, f. sliep, 



6 

h. sliftp, s. slip; a. viaet uass, f. viet, h. viät, s. vit; a.-f. hier 
Haar, h. hiär, s. hir. Im Nordfries, entspricht e, ei, e: sleipe, 
vet>, her, heir. Vgl. wangeroogisch sleip, veit, her, satersch slepe, 
vet, her, westfries. sliepe, wiet, hier. 

2) Der i-Umlaut von germ. au ist a.-f.-h.-s. in offner Silbe 
gleichfalls zu a. i«, f. ie, h. ift, s. i geworden. Z. B. a.-f. hier hören, 
h. hiär, s. hir; a. liaesi lösen, f. liesi, s. lise. In diesem Fall ent- 
spricht ndfrs. i,i: hire,lise. Vgl. jedoch wang. her, leiz, sat. here,leze. 

3) Germ, sowie i-umgelautetes ai hat die gleiche Entsprechung. 
Z. B. a. sdiaen Stein, f. sdien, h. sti&n, s. stin; a.-f. lier Lehre, 
h. liftr, s. lir. Hier entspricht gleichfalls ndfrs. i, i: stin, stin', 
lire. Vgl. wang. stein, 1er, sat. sten, lere, westfrs. stien. 

Im A.-F.-H.-S. sind also diese 3 ursprünglich verschiednen Laute 
in einen Laut zusammengefallen, welcher in geschlossner Silbe noch 
als offnes e erhalten ist. Im Ndfrs. dagegen trifft dies nur für Fall 
2 und 3 zu, und hier ist ein geschlossnes e vorauszusetzen. Dem 
germ. e entsprach ndfrs. zunächst ein offnes e. 

4) Germ, au in offner Silbe wird vor Dentalen und Alveolaren 
diphthongiert zu s. öa, daraus a. üse, daraus f. üe, h. uä. Z. B. 
8. doaS Tod, a. düaes, f. düeS, h. duäd; s. löan Lohn, a. lüsen, 
f. lüen, h. luän; s. röad rot, a. rüsed, f. rüed, h. ruäd. Im Ndfrs. 
entspricht nördlich ü, südlich ü, u, also düs: dü8, dus; lün': lun; 
rüd': rud, rud. Vgl. wang. d68, rod, sat. dod, Ion, rod, westfrs. 
dead, lean, rea. 

5) Germ, a -+- 1 ■+■ Kons, hat die gleiche Entsprechung. Z. B. 
8. oalX alt, a. üsel, f. üel; s. hoalS halten, a. hüsel, f. huel. Ndfrs. 
ül>: ül, ul; hül'e: hüle. Vgl. wang. 61, hol, sat. old, holde, westfrs. 
oad, hade. 

In beiden Fällen ist a.-f.-h.-s. noch offnes ö in geschlossner Silbe 
erhalten. Ndfrs. ü aus u setzt ein geschlossnes ö voraus. 

6) Germ. 6, desgleichen ingw. ö aus germ. e vor n und aus germ. 
a vor n + x, s, 8, f ist a.-f.-h.-s. zu u, ü geworden (sildr. auch ö). 
Z. B. a.-f.-h.-s. hud Hut; a.-f. luki sehn, h.-s. luke; a.-f. brudr 
Bruder, h. brür, 8. bröSer; a.-f.-h.-s. mün Mond. Im Nordfrs. ent- 
spricht 6, 4u, ö, öu, eü: höd', heüd'; löke, ljuk; broer, bräuzer, 
bröuda; mön, mäun, möune. Ostfrs. 6, &u, westfr. oe, oa. 

7) Germ, a + m, n -+• Kons, hat die gleiche Entsprechung. 
Z. B. a.-f.-h. lun Land, s. lönX. Ndfrs. Ion, lön', leün'; ostfr. 6, &u. 

8) Germ, o •+- r, 1 •+- Kons, hat dieselbe Entsprechung. Z. B. 
a.-f. vurd Wort, h. vur, s. ürd. Ndfrs. urd, urd mit ü, u wegen 
des v, sonst 6, äu, ö, z. B. hörn, h&urn, hörn Hörn. Ostfr. 6, 
wfrs. oe, oa. 

9) Der i-Umlaut von germ. ü ist helg. ü, a.-f.-s. i gegenüber 
nordfrs. e, ei, e. Z. B. h. brüd Braut, s. brid, a.-f. brid'; h. hüd 
Haut, 8. hid, a.-f. hid'; h. füst Faust, a.-f. fist; h. skül Schuld, 
a.-f.-s. sgih Ndfrs. breid, breid, bred'; hed, heid, hed'je; 
fest; skel', Sei'. Vgl. wang. breid, heid, fest, sxil, sat. bred, hed. 



fest, syelde, wfrs. breid, fest, schild. Während a.-f.-s. iaufhelg. 
ü zurückgeht, ist der Laut im Ndfrs. mit dem e für germ. e (s. oben 1) 
zusammengefallen. Das Gleiche gilt für 

10) den i-Umlaut von 6, vgl. z. B. ndfrs. seke, seike suchen, 
gren, gren' grün, svet' süss, während a.-f.-h.-s. der i-Umlaut des 6 
mit keinem andern Laut zusammengefallen ist: a.-f. s'ük, s. s'uk, 
a.-f.-h. gren, a.-f.-h.-s. svet. Vgl. wang. seik, Y re i n ? sveit, sat. 
seke, gren, svet, wfrs. sijkje, grien, sviet. 

11) Das A.-F.-H.-S. kennt die westsächs. Diphthongierung nach 
Palatalen, welche dem Ndfrs. fremd ist. S. § 9,6. 

B) Das A.-F. teilt mit dem Helg. folgende Eigentümlich- 
keiten, abweichend vom Sildr., in teilweiser Übereinstimmung mit dem 
Nordfriesischen : 

1) Germ, u ist sildr. als u erhalten, a.-f. und h. zu o geworden. 
Z. B. s. ju» jung, a.-f.-h. jo»; s. tua Zunge, a.-f.-h. to». Im nörd- 
lichen Nordfriesland sagt man jub, tu», im südlichem jo«, to». Vgl. 
wang. tu», sat. tu«e, wfrs. tonge. __ 

2) Germ, iu ist im Auslaut a.-f. und h. zu ei (aosdr. ®i), s. aber 
zu i geworden.^ Z. B. a.-f.-h. nei (aosdr. niei) neu, s. ni; a.-f.-h. 
sei (aosdr. süei) nähen, s. si. Ebenso z. B. a.-f.-h. sbei (aosdr. 
sbsei) speien, s. spi. Ndfrs. heisst es nei, seie, speie. Vgl. wang. 
ni, si, spi, sat. ne, se, spe, wfrs. ny, spie. Ebenso ist 

3) Germ, iy a.-f.-h. und ndfrs. zu ei, s. zu i geworden. Z. B. 
a.-f.-h. lei liegen (aosdr. läei), ndfrs. lei, leie (neben lede, lade aus 
westgerm. ligg-), s. li. Ost- und westfrs. nur lidz, lezze, lizze aus 
afrs. lidzia aus westgerm. liggian. 

4) Germ, ay und ey sind a.-f.-h. zu fti (wehsdr. &i, öi, aosdr. 
äoi) geworden, s. zu ei. Z. B. a. und h. mäi mag, s. mei; a. näiael 
Nagel, h. nftiel, s. neil; a. und h. vfti Weg, s. vei. Im Ndfrs. steht 
ei: mei, neil (nejel), vei. Vgl. wang. mi, nil, vi, sat. mej, nejl, 
vai, wfrs. mey, neylle, wey. 

5) Anlautendes v vor ü schwindet sildr., ist aber a.-f. und h. 
erhalten. Z. B. a.-f. vurd Wort, h. vur, s. ürd. Aber vor u bleibt 
v auch südr., z. B. s. vuk weich, a.-f.-h. vok. Im Ndfrs. schwindet 
v in der Widingharde, Bökingharde und Karrharde auch vor u, also 
nicht nur urd, ürd, sondern auch uk, ük = südlicherm vox. Dem 
Ost- und Westfrs. ist dieser Lautwandel unbekannt. 

6) Germ, nd, ld ist sildr. als no, IS erhalten, während es a.-f. 
und h. zu n', n, 1', 1 geworden ist. Z. B. s. sünX gesund, a.-f. 
?>ün', h. sün; s. hün&Hund, a.-f. hün', h. hün; s. lön& Land, a.-f.-h. 
lun; s. vilS wollte, a.-f.-h. vul; s. jil$ Geld, a.-f.-h. jil. Ndfrs. 
überall n und 1, ebenso wang., aber sat. nd, ld, wfrs. n, aber ld. 

C) Das A.-F. teilt mit dem Nordfrs. folgende Eigentümlich- 
keiten, abweichend vom Helg.-Sildr. : 

1) Germ, i in geschlossner Silbe ist h.-s. zu e, a.-f. zu a (aosdr. as) 
geworden (vgl. § 15, 4), ndfrs. nördlich zu e, südlich zu a. Z. B. 
li.-s. skep Schiff, a.-f. sgap, (aosdr. sgsep), ndfrs. skep, skap, §ap; 



8 

h.-s. fesk Fisch, a.-f. fask (aosdr. fsesk), ndfrs. fesk, fask; h.-s. bed 
bitten, a.-f. bad (aosdr. b«d), ndfrs. bede, bade. Ost- und westfrs. 
sxip, syip, schip, fisk, bid, bide, bidde. 

2) Germ, au in offner Silbe ist vor p, b, v, m, y, x a.-f. äu ü 
geworden wie im Ndfrs., h.-s. aber zu 6 (aber helg. duäf taub, 
struam Strom, buäm Baum). Z. B. a.-f. und ndfrs. üy Auge, h.-s. 
6y; a.-f. küp Kauf, ndfrs. kup, kup, h.-s. köp. — Ebenso stimmt 
die a.-f. Behandlung des auslautenden au zu der ndfrs.: a.-f. und ndfrs. 
sliu schlagen, aber h.-s. slo. — Wang. u. sat. 6y (oyen), kop, slo, 
wfrs. eag, keap, slaen. 

3) Nach langem Vokal werden k, t und p in der Stellung vor 
Vokal oder im Auslaut a.-f. wie ndfrs. stimmhaft und sind als stimmlos 
nur helg. und sildr. ^erhalten. Z. B. s. möke machen, h. make: a. 
mäyi (wehsdr. mäyi, möyi, aosdr. mäoyi), ndfrs. mäye, möye; 
s.-h. veter Wasser: a.-f. vedr, ndfrs. vözer, vöder, vöer; s. ipen 
offen, h. epen: a.-w. ebm, aosdr. eben, ndfrs. eben, ebm, em, emen. 
Vgl. wang. maki, vater, ipin, sat. makje, vater, epen, wfrs. 
maaikje, wetter, iepen. 

D) Das A.-F. teilt sowohl mit dem H.-S. als mit dem Ndfrs. 
folgende Eigentümlichkeiten, abweichend vom Ost- und Westfrs.: 

1) Im Ost- und Westfrs. sind folgende Laute in ein geschlossnes 
e (wang. ei, sat. e, wfrs. ie) zusammengefallen: germ. e (s. A, 1), 
ai (s. A, 3), 6 -+- i (s. A, 10), ü -+- i (s. A, 9), au -+- i (s. A, 2). 
Das A.-F.-H.-S. setzt dagegen für germ. e, ai und au -+- i ein offnes 
e voraus, für 6 -f- i und u •+- i ein 8 und ü. Das Ndfrs. setzt für 
germ. e, 6 •+- i und ü •+- i zunächst ein geschlossnes e voraus; da 
aber germ. ai und au + i zu i geworden sind, also auch ein ge- 
schlossnes e zur Voraussetzung haben, so muss, zu der Zeit, als es 
hier e hiess, es dort noch kein geschlossnes e gegeben haben, mithin 
e, 8 und ü. Als dem A.-F.-H.-S. und Ndfrs. gemeinsam gewinnen wir 
so e, 8 und ü, während ai und au -f- i hier zu e, dort zu <5 ge- 
worden sind. Vgl. Möller, Das altenglische Volksepos, S. 85. 

2) Von Alters her gemeinsam ist dem A.-F.-H.-S. mit dem Ndfrs. 
die verschiedne Behandlung des germ. au = afrs. ä, je nachdem ein 
Alveolar und Dental oder ein Labial und Guttural folgte, s. A, 4 und 
C, 2. Dass afrs. ä überall gleich ausgesprochen wurde, zeigen die 
neufries. Mundarten: wfrs. dead, lean, rea wie eag, keap, wang. 
und satersch dod (dö6), Ion, rod, 6y, kop. 

3) Germ, ü, desgleichen die ingw. Dehnung des germ. u, ist 
im West- und Ostfrs. erhalten geblieben, a.-f.-h.-s. und ndfrs. aber 
zu ü, ü geworden. Z. B. wfrs. huwz Haus, sat. hüz, wang. hiis: 
a.-f.-h.-s. hüs, ndfrs. hüs, hös; wfrs. moerre Mauer, sat. müre, 
wang. mür: a.-f.-h.-s. mür, ndfrs. mör, m8r; wfrs. bruwcke gebrauchen, 
sat. brüke, wang. brük: a. -f. -h.-s. brük, ndfrs. bröke; afrs. müth 
Mund: a.-f.-h.-s. mü6, müs, müt, ndfrs. müs, mos; wfrs. huwn Hund, 
sat. hünd, wang. hün: a.-f.-h.-s. hünS, hün, hün', ndfrs. hün, hon. 

4) Germ, eö ist a.-f.-h.-s. und ndfrs. meist zu i, ji, i geworden. Z. B. 



a.-w. t'x'in zehn, aosdr., sildr. und ndfrs. tin; a. sini dienen, f. tini, 
h.-s. und ndfrs. tine; a.-f.-s. 8'it schiessen, ndfrs. skit'je, Sit'je. 
Die neuost- und -westfrs. Formen beruhn auf afrs. iä, ie: wang. tjon, 
öjon, sxjot, sat. tjon, tjonje, syjote, wfrs. tjien, tjienje, sjiette. 

5) Der i-Umlaut von germ. u ist helg. ö, s. e, a.-f. a (in ge- 
schlossner Silbe). Z. B. h. rög Rücken, s. rey, a.-f. ray (aosdr. rsey); 
h. sön Sonne, s. sen, a.-f. san (aosdr. s«n). S. e und a.-f. a weisen 
auf i zurück (s. C, 1); dies i geht mit helg. ö auf ü zurück, vgl. 
h. ü, a.-f.-s. i aus ü (s. A, 9). Ndfrs. reg (reg), sen, san weisen 
gleichfalls auf i (s. C, 1), das aus ü zu verstehn ist. Im Ost- und 
Westfrs. steht e; nur im Wang. ist i der entsprechende Laut, z. B. 
wang. rig (Cadovius-Müller rigg): sat. reg, wfrs. reg; wang. slitin 
geschlossen: sat. slötn, wfrs. sletten. Diese Übereinstimmung des 
Harlingischen und Wang. mit den nordalbingischen Mundarten ist be- 
sonders beachtenswert. 

6) Das afrs. Lautgesetz 6a: uä (vgl. oben unter 4 afrs. iä 
aus ia) ist dem A.-F.-H.-S. und Ndfrs. unbekannt, Wfrs. dwaen tun, 
sat. dvo, wang. do (aus *dvo) beruhn auf afrs. duä. Aber a.-f. du, 
s. dö, ndfrs. d&ue, döue gehn, wie die unter A, 6 angeführten Bei- 
spiele zeigen, auf *don (aus *döan) zurück = aengl. don. 

7) Die Verkürzung des i, ft und u in geschlossner Silbe ist dem 
West- und Ostfrs. unbekannt, aber sowohl im A.-F.-H.-S. als im 
Ndfrs- durchgeführt. Z. B. a.-f. tid' Zeit, h.-s. tid, ndfrs. tid: wang., 
sat. tid, wfrs. tijd; a.-f. -h.-s. hüs Haus, ndfrs. hüs, hös: wang. 
hüs, sat. hüz, wfrs. huwz. Diese Verkürzung ist im A.-F.-H.-S. 
und im Ndfrs. freilich nur teilweise in gleicher Weise durchgeführt, 
weil zur Zeit, als dies Gesetz wirkte, die Vokale verschieden verteilt 
waren. Z. B. a.-f.-h.-s. hud Hut: ndfrs. höd, heüd': wang. h&ud, 
sat. höd; h. brüd Braut, s. brid, a.-f. brid': ndfrs. bred', breid, 
breid: wang. breid, sat. bred, wfrs. breid. 

8) Nach i ist auslautendes t, d, 1 und n im A.-F.-H.-S. und im 
Ndfrs. mouilliert worden. Z. B. s. lit' klein, h.-a.-f. let', ndfrs. let', 
lat': wang. litk, sat. litik, wfrs. lijts; s. vinX Wind, h. vin, a.-f. 
vin', ndfrs. vin, ven: wang. vin, sat. vind, wfrs. wijn; a.-f.-s. sgil' 
Schuld, h. skül, ndfrs. skel', Sei': wang. sxil, sat. syelde, wfrs. 
schild. Diese Mouillierung ist freilich im A.-F.-H.-S. grossenteils anders 
verteilt als im Ndfrs., weil die Chronologie des i hier anders ist als 
dort; vgl. z. B. ndfrs. bin' Band: a. biaen, f. bien, h. biftn, s. bjen. 
Das Beispiel „Wind" und „ Schuld u zeigt, dass die Mouillierung nicht 
einmal im A.-F.-H.-S. gleichmässig verteilt ist: h. skül konnte wegen 
des ü (s. A, 9) gar nicht von der Mouillierung betroffen werden, 
s. vinü nicht wegen des S, und für h. vin ist wegen der mangelnden 
Mouillierung noch *vind vorauszusetzen, als man a.-f. schon* vin sagte. 

§ 9. Über das Verhältnis des A.-F.-H.-S. zu den englischen Mund- 
arten bemerke ich Folgendes: 

1) Das Kentische steht in keiner nähern Beziehung zum A.-F.-H.-S. 
oder Ndfrs.; denn die Haupteigentümlichkeit des Kent., e und e für 



10 

den i-Umlaut von germ. u und ü, wird, wie § 8 A, 9 und D, 1 und 5 
gezeigt ist, hier nicht geteilt. — Auslautendes germ. y i gt zwar 
a.-f.-h.-s. und ndfrs. wie ost- und westfrs. zu i geworden, wie im Ken- 
tischen und im spätem Englisch überhaupt; für eine ältste Sondrung 
der ingw. Mundarten kann diese Erscheinung aber nicht in Betracht 
kommen. 

2) Der übereinstimmende Abfall des auslautenden n im Northum- 
brischen, A.-F.-H.-S., Ndfrs. und Ost- und Westfrs. beweist nichts für eine 
nähere Beziehung des Northumbrischen zu den letztgenannten Sprachen. 

3) Die § 8 unter D, 1 gegebnen Hinweise ergeben a.-f.-h.-s. e für 
germ. e, ai und au -+• i, aber ndfrs. e für germ. e und ndfrs. e für 
germ. ai und au -f- i; da nun ai: e die Zwischenstufe e voraussetzt, 
so ergiebt sich für die ältste Zeit ndfrs. äe für germ. e und e für ai 
und au -1- i. Beide Mundarten weichen von allen englischen Mund- 
arten in der Behandlung des ai ab, hier ä, dort e. Während für das 
A.-F.-H.-S. nicht auszumachen ist, wann das für germ. e als ingw. vor- 
auszusetzende ie mit dem e aus germ. ai und au -h i zusammengefallen 
ist, so ist erweisbar nur für das Ndfrs. die Übereinstimmung mit 
dem westsächs.; ndfrs. und westsächs. sind die einzigen ingw. Mund- 
arten, welche nachweislich germ. e und germ. au -1- i nicht in einen 
Laut haben zusammenfallen lassen. — ö und ü, ö und ü bestanden im 
ältsten A.-F.-H.-S. und Ndfrs. wie im ältstenEngl. ausser dem Kentischen. 

4) Alle englischen Mundarten haben germ. au zu ea gemacht. 
Dass das a.-f.-h.-s. üae, üe, uä, öa und ndfrs. ü für germ. au (§ 8, 
A, 4 und C, 2) auf ä zurückgeht, beweist das Wort „Pfahl": a. püael, 
f. püel, h. puäl, s. poal, ndfrs. pul. Dass dieses & nicht aus ea ent- 
standen sein kann, beweist der Gegensatz von z. B. a. sgüset Schoos 
und s'üer Scheere, letztres aus *sjüer aus *skjuer aus *skjär 
aus *skeär, s. unten 6); geht s' auf skj zurück, so beweist das sg 
von sgüset ein ursprüngliches ä. 

5) Die Brechung des a ist im A.-F.-H.-S. und Ndfrs. nur vor r, 
nicht vor 1 eingetreten, wie im Ost- und Westfrs. und im Anglischen. 
Z. B. aengl. earm Arm, afrs. erm, wfrs. earem, sat. erm, wang. 
erem, ndfrs. erem, eirm, a. iera*m, f. ierem, h. iärm, s. jerem; 
aber westsächs., kent. healdan halten: angl. haldan, afrs. hälda, 
wfrs. hade, sat. holde, w f ang. hol, ndfrs. hül'e, hüle, hüle, a. hüsel, 
f. hüel, s. hoalS. 

6) Von allen ingw. Mundarten ist nur im Westsächs. und A.-F.-H.-S. 
die Diphthongierung durch Palatale eingetreten, z. B. nichtwestsächs. 
ger Jahr, afrs. ier, wfrs. jier, sat. und wang. jer, ndfrs. j er, jir, ir: 
wests. gear, a.-f. jüer, h. juär, s. jör. Diese Übereinstimmung ist 
darum von ganz besondrer Wichtigkeit, weil wir in der glücklichen 
Lage sind die Zeit dieser Diphthongierung bestimmen zu können: 
Westsächs. ciese Käse kann zur Zeit, als die Diphthongierung ein- 
trat, noch nicht das i- Umlauts -ae gehabt haben, weil aus *cäese ein 
*cease geworden wäre, wie *scäep Schaf zu sceap geworden ist; *casi 
kann das Wort damals auch nicht mehr gelautet haben, weil von der 
Diphthongierung nur die breiten Vokale se, äe, e, e betroffen worden sind; 



11 

folglich muss aus westgerm. *käsia zunächst *ceasia geworden sein, 
hieraus erst die umgelautete Form ciese. Dieselbe Zeitbestimmung 
ergiebt ein andrer Gesichtspunkt: Das aengl. se, welches für germ. e 
steht, wird von der Diphthongierung betroffen, nicht aber das- 
jenige se, welches i-Umlaut von a aus germ. ai ist. Es bleibt also 
das se z. B. von gced „er geht" unverändert. Folglich kann in letzterm 
Falle zur Zeit der Diphthongierung noch kein ae bestanden haben, auch 
nicht einmal der zwischen ai und « etwa mögliche Mittellaut sei, see; 
denn auch dieses se hätte sonst diphthongiert werden müssen. Es 
folgt also, dass zur Zeit unsres Gesetzes ai noch gar nicht umgelautet 
gewesen sein kann, sei es nun, dass es damals schon ä oder noch 
ai lautete. Aengl. gsed lautete also noch *yä8i oder *Yai8i, als die 
Diphthongierung eintrat, und wir kommen damit für die Zeitbestimmung 
der letztern in eine Zeit hinauf, die wir noch als westgerm. zu be- 
zeichnen pflegen; denn das auslautende i von *yai8i fiel bereits 
gemeinwestgermanisch ab. Vgl. Sievers, Paul und Braune, Beitr. IX, 
206 f. und Brate, daselbst X, 24 f. Um so merkwürdiger ist es, dass 
das A.-F. grade in dem einen Beispiel mit dem Westsächs. überein- 
stimmt, welches vorläufig nur als eine Ausnahme von der Regel 
betrachtet werden kann, dass der i-Umlaut von germ. ai keine Diph- 
thongierung erfährt: „Die Scheide", germ. *skai8iö, heisst nämlich 
ws. skead, und auf dieselbe Grundform geht a. s'ü&es, f. s'üeO, 
s'ües zurück. Die Beispiele für germ. a weisen a.-f.-h.-s. auf sb 
zurück, vor welchem sk erhalten ist, z. B. a.-f. sgel Schale = ws. 
scealu; hieraus ist also nicht zu entnehmen, ob eine Diphthon- 
gierung stattgefunden hat. Der i-Umlaut dieses se ist aber s. e, h. 
e (e), a.-f. in offner Silbe e, in geschlossner a, mithin nach § 8 C, 1 
ursprünglich i, z. B. — ich führe der Einfachheit wegen nur die a.-f. 
Beispiele an — sgal Schale, sedl Kessel = ws. sciell, cietel. Bei- 
spiele für ingw. äi sind a.-f. jüer Jahr, s'üer Scheere — helg. freilich 
skiär aus *sker — ; das s' von s'üer ist altes sj aus skj, beweist 
also (vgl. oben 4) eine Grundform *skiär. Hierher gehören auch die 
Fälle, in welchen das aus germ. a diphthongierte ea vor r -f- stimmh. 
Kons, gedehnt worden ist, z. B. a.-f. jüern Garn, h. juärn, s. Jörn = 
ws. gearn; hier beweist das j ein altes iä; denn vor ä steht g*). 
Das einzige mir bekannte Beispiel für den i-Umlaut ist ws. ciese 
Käse. Man sollte, wie einem ws. ie a.-f.-h.-s. ursprgl. i entspricht, 
hier i für ws. ie erwarten; doch a.-f. sez weist auf ursprgl. *kise mit 
kurzem i hin, helg. siz dagegen auf *kise. Beispiele für die Diph- 
thongierung eines germ. e sind a.-f. jiv geben, jil Geld, gelten, jin 
gegen, jistr gestern; das i geht zunächst auf langes i zurück; dies 
aber ist aus i erst durch den Einfluss des voraufgehenden j entstanden. 
Also i entspricht ws. ie in Beispielen wie giefan**). 



*") a.-f. güerd Garten, h. guäd wirddän. gaard entlehnt sein; Lathgaarth 
1360 auf Föhr (Michelsen, Nordfriesland im Mittelalter, JS. 193). 

**) Wenn ich auf Grund dieser hervorragend alten Übereinstimmung des A.-F.- 
H.-S. mit dem Westsächs. beide Sprachen in eine besonders nahe Beziehung zu 



12 

III. Die amringiseh-föhringisehen Mundarten. 

§ 10. Das Amringisch-Föhringische ist keine ganz einheitliche 
Sprache, sondern besteht aus den verschiednen Mundarten der ein- 
zelnen Dörfer. Dem genauen Beobachter zeigen sich von jedem Dorfe 
zum andern bereits Unterschiede, und seien dieselben auch noch so 
geringfügig; sie erstrecken sich auf alle Gebiete der Sprache, auf 
Mundstellung, Lautgesetze, Analogiebildungen, Syntax, Stilistik, Fremd- 
wörter. 

Im Allgemeinen aber kann man wenigstens von zwei innerhalb 
ihres Gebiets einheitlichen Mundarten sprechen: der amringischen 
und wehsdringischen. Erstre wird gesprochen in Sdiaenöd: Stenodde, 
bi Sftz (im Süden): Sösärap: Süddorf, Nebel: Nebel, bi Nuad (im 
Norden): Nörsärop:Norddorf, letztrein Ödersem:Utersum, DunOem: 
Gross- und Klein-Dunsum,_01ersem: Oldsum, Klantem: Klintum, 
Taftem: Toftum, Sölerän': Süderende und inHedehüzem: Hede- 
husum, wiewohl in der Mundart des letztern Dorfs sich schon aosdrin- 
gische Einflüsse geltend machen. Die wehsdringische Mundart hält 
die Mitte zwischen der amringischen und aosdringischen, hat mit 
erstrer eine Reihe ältrer, mit letztrer eine Reihe neuerer Lautgesetze 
gemeinsam, derart, dass man heute von einer föhringischen Mundart 
gegenüber der amringischen spricht, früher es aber nur eine östliche 
und eine Amrum mit einbegreifende westliche Mundart gab. 

Die Mundart des östlichen Föhr ist keine einheitliche. Zunächst 
sind die östlichsten Dörfer Büeloysem: Boldixum und Vraeksem: 
Wrixum auszuscheiden, welche eine Mundart für sich haben. Das 
übrige Aosdringisch zerfällt in eine südwestliche und eine nordöst- 
liche Hälfte. Vizem: Witsum, Boraysem: Borgsum und Giietis: 
Goting müssen zusammengefasst werden, wiewohl in jedem Dorf etwas 

einander setze, so kann ich diese Behauptung durch 2 geschichtliche Zeug- 
nisse stützen. Ptolemaio8 kennt die Sa^ove; nicht nur in Holstein; er kennt als 
sächsisch auch drei Inseln an der Eibmündung. [Vgl. Niederdtsch. Jahrbuch XII, 
S. 33.] Dass mit einer dieser Inseln Helgoland gemeint ist, kann nicht zweifelhaft 
sein. Für die beiden andern Inseln können von den heute bestehenden Inseln nur 
Amrum, Föhr und Süd in Betracht kommen; denn die heutigen nordfriesischen 
Inseln waren im 13. Jhdt. nachweislich noch Festland; Föhr und Amrum bildeten 
ehemals nur eine Insel. Diese Inselgruppe war also nach Ptolemaios von Saxen 
bewohnt. Wir haben damit für die beiden nächstverwanten Mundarten in England 
und Deutschland denselben Namen Saxen gewonnen. Das zweite Zeugnis bietet 
Nennius § 63. Er erzählt zum Jahre 627 von der Taufe einer englischen Völker- 
schaft, die er nennt „omne genus Ambronum, id est Aldsaxonum". Der Gau Arameri 
an der linken Unterweser wird für diese Ambrones kaum in Betracht kommen, 
folglich wohl die Insel Amrum, als deren ältster Name Ambrum 1231 überliefert ist. 
Also dürfen wir schliessen, dass jene englischen Ambrones aus Amrum eingewandert 
waren, und dass die Bewohner von Amrum als Sachsen galten. Vgl. Möller, Das 
altengl. Volksepos, S. 91 und 89. Ich nehme daher an, dass die Sildringen, Hel- 
golander und Amring-Föhringen Nachkommen desselben Volkes sind wie die Sachsen 
in England und schlage als gemeinsame Bezeichnung des A.-F.-H.-S. den Ausdruck 
„nordsächsisch" vor. 



13 

anders gesprochen wird. Die geringen Reste des Föhringischen in 
N'iblem: Nieblum bilden die zweite Unterabteilung dieses südwest- 
lichem Aosdringischen. o Das nordöstliche Aosdringisch wird fast ganz 
gleich^ gesprochen in Aolkersem: Alkersum, M aedlem: Midlum 
und Övenem: Oevenum. 

§ 11. Wenn ich von Osterlandföhr und Westerlandföhr, von 
aosdringisch und wehsdringisch rede, so verstehe ich darunter immer 
die sprachliche, nicht die politische Zweiteilung. Es muss dies 
darum besonders hervorgehoben werden, weil die politische Grenze 
mit der Sprachgrenze nicht zusammenfällt. Jene durchschneidet 
Nieblum; diese läuft zwischen Witsum-Borgsum auf der einen und 
Hedehusum-Süderende auf der andern Seite. Bis 1864 gehörte das 
politische Osterlandföhr zu Schleswig-Holstein; Westerlandföhr mit 
Amrum stand seit dem 14. Jhdt. unmittelbar unter der dänischen 
Krone. Schon 1231 scheidet Waidemars liber census Daniae Ostaer- 
und Waestaerh«ret auf Föör. Diese politische Hardenteilung besteht 
in Deich-, Wege- und Landschafts-Angelegenheiten noch heute. Das 
Volk versteht unter Wehsdringen nur die westlich der Sprachgrenze 
Wohnenden. Diese nennen ihre Nachbarn jenseits derselben Aosdringen. 
Von diesen wiederum nennen die südwestlichem ihre nordöstlichen 
Nachbarn Aosdringen, und diesen wiederum gilt Wrixum und Boldixum 
als üest XXT* i£o£Y,v. Die Sprachgrenze ist zugleich die Grenze zweier 
Kirchspiele, also jedenfalls gleichen Alters mit der Gründung der 
Kirchen, die ins 12. Jhdt. fällt. Die politische Grenze durchschneidet 
nicht nur ein Kirchspiel, sondern sogar ein Dorf, kann also durch 
Verkehrsverhältnisse nicht bedingt worden sein. In ihren heutigen 
Grenzen besteht die politische Oster- und Westerharde (letztre ein- 
schliesslich Amrum) urkundlich nachweisbar seit 1408 (Nerong, Föhr 
früher und jetzt, Wyk (1885), S. 81), aller Wahrscheinlichkeit nach 
jedoch seit 1231. Unter den jetzigen Bewohnern von Hedehusum ist 
kein einziger, der sein Haus von seinen Voreltern ererbt hätte; alle 
sind erst in neuerer Zeit zugewandert. Doch lässt sich annehmen, 
dass von Alters her die Grenze zwischen Hedehusum und Witsum lief. 

§ 12. Wenn ich sage, einem Dorfe ist diese oder jene Mundart 
eigen, so ist tatsächlich nur die Minderheit der Dorfbewohner im 
Vollbesitz aller jener Eigentümlichkeiten, welche diese Mundart aus- 
machen. Denn nur wenige Leute giebt es, deren Eltern und Gross- 
eltern beiderseits in demselben Dorf geboren sind. Bei der grossen 
Mehrzahl stammt Vater oder Mutter, Grossvater oder Grossmutter 
aus einem benachbarten Dorf, und somit sprechen die Kinder und 
Enkel die Mundart ihres Geburtsorts nicht völlig unverfälscht; sie 
erben zunächst die Sprache ihrer Eltern und lassen dieselbe dann erst 
durch die Sprache ihrer Schulgenossen beeinflussen. Die sprachliche 
Ausgleichung der den einzelnen Dörfern eigentümlichen Verschieden- 
heiten vollzieht sich wesentlich auf diesem Wege. Zudem wohnen in 
jedem Dorf sehr viele Leute, die in einem andern Dorf geboren sind 
und die Mundart ihres neuen Heimatsorts sich nur unvollkommen 



14 

angeeignet haben, mit Beibehaltung mancher Eigentümlichkeit ihres 
Geburtsorts. Das Gesainmtergebnis der Individualsprachen aller in 
einem Dorf Ansässigen für das jüngre Geschlecht ist folglich ein Kom- 
promiss der altheimischen Mundart mit der der Nachbardörfer. Es 
ist jedoch zu bemerken, dass ausgeprägt wahrnehmbare Abweichungen 
nur dann vorzukommen pflegen, wenn die Mutter in einem andern 
Dorf geboren ist und dort als Mädchen gelebt hat. Ist die Mutter 
schon als Kind in das neue Dorf gekommen und hier zur Schule ge- 
gangen, so wird man an der Sprache des Kindes kaum noch etwas 
von dem Geburtsdorf der Mutter heraushören können; ebenso ist die 
Beeinflussung von Seiten der Sprache des Vaters und der Grosseltern 
kaum wahrnehmbar. Fertig wird die Sprache des Kindes erst durch 
den Verkehr mit den Schulgenossen; dieser ist das eigentlich Bestim- 
mende für die Sprache. Selbst wenn Eltern und Grosseltern beiderseits 
aus demselben Dorf stammen, sprechen die Kinder, die in einem andern 
Dorf geboren und zur Schule gegangen sind, letztre Mundart mit nur 
geringen Anklängen an die ihrer Vorfahren. In einer jetzt auf Amrum 
ansässigen Familie spricht z. B. die auf Föhr geborne Grossmutter rein 
wehsdringisch; die Kinder und Enkel sprechen dagegen rein amringisch, 
und es gehört schon ein feines Ohr dazu, letztern die Herkunft ihrer 
Grosseltern noch anzuhören. Die Schule bestimmt die Sprecheinheiten, 
wie die jüngsten mundartlichen Eigentümlichkeiten zeigen. Darum 
gebe ich, namentlich im Hinblick auf die künftige mundartliche Ent- 
wicklung, die Schuleinheiten an: 1) Nebel, dazu Süddorf und Stenodde; 
2) Norddorf; 3) — im Kirchspiel St. Laurentii hatte bis 1809 jedes Dorf 
seine eigne Schule — seit 1809 3) Utersum mit Hedehusum und Gross- 
Dunsum und bis 1855 auch Klein-Dunsum ; 4) Oldsum, dazu Süderende 
und seit 1855 auch Klein-Dunsum; 5) Toftum mit Klintum; 6) Borgsuni 
mitWitsum und Goting, das bis 1834 seine eigne Schule hatte; 7) Nieblum; 
8) Alkersum; 9) Midlum; 10) Oevenum; 11) Wrixum; 12) Boldixum. 
§ 13. Mit demselben Recht, mit welchem man innerhalb des 
Aosdringischen einzelne Mundarten nach den Dörfern unterscheidet, 
könnte man dieselben auch nach den Altersstufen unterscheiden. Denn 
tatsächlich sind die Lauterscheinungen, welche in den einzelnen Dörfern 
des Ostens und in den verschiednen Altersstufen von einander ab- 
weichen, — vielleicht von Boldixum und Wrixum abgesehen — alle 
Jüngern Datums und sind zur Zeit noch im lebendigen Ringen mit 
einander. Wollte man hier Sprachlinien ziehen nach Vorbild der 
Wenker'schen Karten, so müsste man, um ein richtiges Bild zu ge- 
winnen, von den in Betracht kommenden Lautgesetzen eine Reihe 
verschiedner Linien zeichnen, jede für eine besondre Altersstufe. Na- 
türlich wäre auch dies nur eine ungefähre Bestimmung. Denn wenn 
man auch sagen kann, dass in einem Dorf etwa die Leute über 
40 Jahre so sprechen, die unter 30 anders, die zwischen 30 und 40 
zum Teil so, zum Teil anders, so giebt es doch ebenso gut einzelne 
Leute Anfang der vierziger Jahre, welche den Jüngern Lautwandel 
schon angenommen haben, wie ein Fünfundzwanzigjähriger hier und 



15 

da noch nach der Weise der Alten spricht. Selbst hier wird sich im 
einzelnen Falle die Erklärung aus den Verhältnissen ergeben: Wer 
verhältnismässig jung noch der altern Sprechart folgt, hat meist im 
Elternhause gelebt; wer verhältnismässig alt Jüngern Lautwandel zeigt, 
der ist in späten Jahren auf die Schule gekommen und hat sehr viel 
mit Jüngern verkehrt*). — Tatsächlich sind hinsichtlich der wesent- 
lichsten mundartlichen Schwankungen innerhalb des Aosdringischen 
überall die gleichen Ansätze zur Ausgleichung vorhanden; nur sind die 
Altersstufen für die neuere gleichartige Sprechweise in den einzelnen 
Dörfern verschieden. In einigen Jahrzehnten wird die aosdringische 
Mundart wieder eine einheitliche sein. 

§ 14. Die wichtigsten mundartlichen Unterschiede zwischen amr., 
wehsdr. und aosdr. sind die folgenden: 

1) Das Hauptkennzeichen des Amr. ist die Vertretung des an- 
lautenden (ausser vor r) und auslautenden germ. 6 durch s. Föhr. 
ist das anlautende 6 zu einem an den Zähnen gesprochnen t geworden, 
und dies ist im Osten jetzt grösstenteils in alveolares t übergegangen; 
das auslautende 8 ist wehsdr. erhalten und zum Teil auch noch aosdr., 
geht hier aber meist in s über. Beispiele: a. särop Dorf = f. t&rap, 
täorap; a. süaet Lärm = f. tuet; a. säu waschen = w. tau; a. se»k 
denken = f. te»k; a. düses Tod = f. düeO, aosdr. dües; a. tus 
Zahn = f. tuö, aosdr. tus. 

2) 8j ist amr. zu s', föhr. zu t'yf (aosdr. vor i zu t) geworden; 
als Mittelstufe ist natürlich 0^' (amr. s^') vorauszusetzen. Beispiele: 
&. s'ok dick = f. t'jr'ok; a. s'isk deutsch = w. t'^'isk, aosdr. tisk. 
Vgl. a.-w. t'jr'in zehn = aosdr. tin. 

3) Germ. 8 zwischen Vokalen erscheint amr. als z, föhr. als &, 
im Osten in z, gutturales interdentales 1, gutturales 1, palatales 1 und 
d gespalten. Beispiele: a. bäzi baden =. f. blXi, aosdr. bäozi, 
b&oli, b&odi; a. liz leiden = f. li$, aosdr. liz, lil, lid; a. tufrez 
zufrieden = f. tufreSj aosdr. tufrez, tufrel, tufred. 

4) Inlautendes germ. 8r ist amr. dr, föhr. lr (mit gutturalem 
interdentalen 1), das sich im Osten in lr (mit teils gutturalem, teils 
palatalem 1) und dr gespalten hat. Beispiele: a. brudr Bruder = 
f. brulr, aosdr. brudr; a. vedr wieder = f. velr, aosdr. vedr; a. 
3dr andrer = f. ölr, Ölr, aosdr. ödr. 

5) Föhr. auslautendes v sprechen die Amringen als u (ft). Beispiele: 



*) Hieraus folgt ein sehr wichtiger methodischer Wink für die chronologische 
Bestimmung überlieferter Sprachdenkmäler auf Grund bestimmter Lauterscheinungen; 
denn jeder gesetzmässige Lautwandel vollzieht sich meines Erachtens nicht in der 
Sprache des Einzelnen, sondern nach Generazionen. Wenn wir z. B. in einem ahd. 
Sprachdenkmal 50 6 und 10 oa finden, in einem andern 10 6 und 50 oa, so hat 
man bisher gefolgert, dass erstres Denkmal in demselben Maasse älter sein müsse, 
in welchem der Lautwandel ö: oa zur Zeit vorgeschritten war. Hierin liegt ein 
methodischer Fehler. Vielmehr können beide Denkmäler im selben Jahre geschrieben 
sein, vielleicht letztres sogar ein Paar Jahre früher als jenes. Zu folgern ist aus 
der Bevorzugung der Schreibung 6 nur, dass der Schreiber um so viel Jahre früher 
geboren war als der o a - Schreiber, wie die Entwicklung dieses Lautwandels geschah. 



16 

a. bliu bleiben = f. bliv; a. tu h8u zur Kirche, zum Gottesdienst 
= f. tuhöv; a. salseö selbst = w._salev, aosdr. sselev. 

6) Amr._ä entspricht wehsdr. &, 8, aosdr. 4o. Beispiele: a._däi 
Tag = w. d&i, döi, aosdr. däoi; a. mäyi__niachen = w. mäyi, 
möyi, aosdr. mäoYi; a. hä (ich) habe = w. h4, hö, aosdr. h&o. 

7) Amr. 5 entspricht f. 6. Beispiele: a. höd Kopf = f. hod; 
a. fömen Mädchen = f. fomen; a. bröxt brachte = f. broxt. 

8) Amr. und wehsdr. iu entspricht aosdr. iev. Beispiele: a.-w. 
t&u zwei = aosdr. tsevj a.-w. släu schlagen = aosdr. släev; a.-w. 
trau treu = aosdr. trüev. 

9) Amr. und wehsdr. ei entspricht aosdr. üi. Beispiele: a.-w. 
nei neu = aosdr. nSi; a.-w. sei nähen = aosdr. säei; a.-w. drei drehen 
= aosdr. driei. 

10) Das Kennzeichen des Wehsdr. ist das Lautgesetz (Palatal- 
umlaut) ik aus iek, if aus iey. Beispiele: a. iaeki, aosdr. ieki 
Eiche, Eichenholz = w. iki; a. kriaek, aosdr. kr iek Krähe = w. 
krik; a. liaßy, aosdr. liey niedrig = w. üy. 

11) Nur amr. sind noch die reduplizierten Praeterita erhalten, 
während sie föhr. in die schwache Flexion übergetreten sind: a. sest 
säte, krest krähte, trest drehte (von Halmen gebraucht), blest blies, 
rust ruderte*) = f. set, kret, tret, ruid. Das Verbaladjektiv ist amr. 
und wehsdr. noch stark, f. aber schwach: a.-w. sen, kren, tren, 
blen, a. run = aosdr. set, kret, tret, aber wehsdr. wie aosdr. ruid. 

12) Aosdr. ist die Übertragung des Stammvokals des starken 
Verbaladjektivs bei den Zeitwörtern zweiter und dritter Klasse auf 
das Praeteritum. Beispiele: a. sgod, w. sgöd schoss = aosdr. sgöd 
nach a.-f. sgödn geschossen; a. söb, w. söb soff = aosdr. söb nach 
a.-w. söbm, aosdr. söben gesoffen; a. sbrö», w. sbrö» sprang = 
aosdr. sbrÜB nach a. sbrüssen, f. sbrüsen gesprungen; a. sdöraeö 
w. sdörev = aosdr. sdürev nach a. sdürvsen, f. sdürven gestorben. 



IV. Alt- und neu-amringiseh-föhringiseh. 

§ 15. Innerhalb der a.-f. Sprachgeschichte sind zeitlich zwei 
Hauptabschnitte zu scheiden, ein ältrer: altamringisch-föhringisch 
(aa.-f.) und ein neuerer: neuamringisch-föhringisch (na.-f.). Diese 
Scheidung ist aus praktischen Gründen geboten. Die Hauptmerkmale 
des Jüngern Zeitraums sind die Kürzung von i, u und ü in geschlossner 
Silbe, die Dehnung und teilweise Diphthongierung der Vokale in offner 
Silbe und das Stimmhaftwerden von k, t, p nach langem Vokal zu y, d, b ; 



*) Die Entstehung dieser altertümlichen Formen ist von dem Praeteritum 
von „säen" ausgegangen. Got. safsö entspräche lautgesetzlich a. *ses; das t ist 
von den schwachen Zeitwörtern eingeführt worden. Nach dem Muster s e : sest 
bildete man zu kre ein krest, zu ru ein rust. Nach se: sest wurde auch 
zu sge „geschehn" ein sgest gebildet, f. sget 



das Kürzungs- und Dehnungsgesetz teilt das Helgolandische und Sil- 
dringische, bewahrt aber auch nach langem Vokal k, t, p. 

Das Aa.-F. reicht noch bis in die Zeit hinein, als man das Ein- 
zige, was wir als Denkmal ältrer Sprache besitzen, die heimischen 
Ortsnamen, aufschrieb, und dies geschah bei den altern jedenfalls vor 
der Mitte des 13. Jhdts. 

Folgende Lautgesetze sind als na.-f. durch die altern Orts- und 
Personennamen zu belegen: 

1. e wird^zu a. ise, f. ie (§ 8, A, 1 — 3). Stenodde: Sdiaenöd; 
vgl. Elbe: a. Iaelaeö. 

2. ö wird zu a. üae, f. üe A (§ 8, A, 4. 5). Goting: OüetiB, Bol- 
dixum: BüeldYsem, Oland: a. Uselun. 

3. 6 wird zu u, ü (§ 8, A, 6 — 8). Dontsum (ältre Schreibung 
fürDunsum): DunOem, Hooge: « Hüy, Nordstrandischmoor: Let 4 Mür. 
Brotherus 1360 (mehrmals, Michelsen, Nordfriesland im Mittelalter, 
Schleswig, 1828, S. 193): a. brudr. 

4. i wird durch e hindurch zu a, aosdr. « (§ 8, C, 1). Klintum: 
Klantem, Midlum: M«dlem, Wrixum, früherauch Wrexum geschrieben: 
Vraeksem, Sild (so die alte richtige, seit 1141 belegte Schreibung für 
Sylt): Sal. Rykmer 1360 (Michelsen, Nordfriesland im Mittelalter, 
S. 193): Rakmer. In unbetonter Silbe: Goting (GüetiB): a. GüsetseB. 

5. ü wird durch i hindurch zu a (§ 8, D, 5). Tüftum (so die 
ältre und richtigre Schreibung für Toftum): Taftem, die Ortsnamen 
auf -bull: -bal. 

6. u wird zu o (§ 8, B, 1). Uluersum 1436 (über censualis 
episcopi Slesvicensis, Langebek-Suhm, Scriptores rerum Danicarum VII, 
Haunise 1792, S. 502): Olersem (jetzt Oldsum geschrieben). 

7. ü wird zu ö. Uddersum 1360, Utersum 1436, Ütersum:Ödersem. 

8. ü wird zu ü (§ 8, D, 3). Hedehusum: Hedehüzem, Husum: 
a. Hüzsem. 

9. 6 wird zu e (§ 8, A, 10). Föör 1231, 1240, 1336, 1360, 1388, 
1408, 1411, 1415, Föhr: Fer. 

10. Unbetontes um wird zu a. aem, f. em. Alle Ortsnamen auf 
-um: a. -aem, f. -em. 

11. Auslautendes e fällt ab. Stenodde:J5di»nöd, A Hooge: se Hüy- 

12. lv, ry wird zu lav, ray. Elbe: f. Ielov, a. Irolseö, Borgsum: 
BordYsem, Hamborg: HamboraY- 

13. t6 wird zu s (nach n wehsdr. zu 8), nach langem Vokal zu z. 
Dontsum, Duntzum (ältre Schreibungen für Dunsum): DunOem (a. 
D uns aem), Wy dsuin (ältre Schreibung für Witsum): Vizem. 

14. ld wird zu 1 (§ 8, B, 6). Boldixum: Büelaysem, Sild (seit 
1141): Sal. 

15. lw wird zu 1. Uhiersum 1436 (jetzt Oldsum): Olersem. 

16. t nach langem Vokal wird zu d (§ 8, C, 3). Utersum: Ödersem. 

17. ki wird zu t'x'i. Ketel, Ketels: T'x'idl, T'x'idls. 

18. tl wird zu dl. Ketel: T'x'idl. 

KiedeTdenUche« Jahrbach. XIII. 2 



18 

19. ars wird zu as. Karsten: Kasn. 

20. 8 tu wird zu sn. Karsten: Kasn. 

Anm. Sowohl T'v'idl aus Ketel als Kasn aus Karsten verraten spätre 
Entlehnung aus einer andern Mundart; als die lautgesetzlichen a.-f. Formen bestehn 
daneben sedl „Kessel" und Krasn (aus *Krisn aus *Kristn aus Chri- 
stian^)). — In Betracht kommen hier noch einige Personennamen, deren der 
frühern Aussprache gemässe Schreibung zwar nicht beibehalten^ aber in richtiger 
etymologischer Erkenntnis wieder eingeführt worden ist: I e r k schreibt sich 
verdeutscht Erich (ise aus e); Rakmer schreibt sich Rickmer (a aus i). 

§ 16. Den aa.-f. Zeitraum rechne ich zurück bis etwa 600 n. Chr., 
d. h. bis zu der Zeit, in welcher die lebendige Verbindung mit den 
Stammesgenossen in Britannien aufhörte. Die Zeit vorher, in der 
von einer besondern a.-f. Mundart noch nicht die Rede sein kann, ist 
die ingwaiwische. Als ingw. verstehn wir diejenigen Spracherschei- 
nungen, von denen wir voraussetzen, dass sie zur Zeit der Sprech- 
gemeinschaft aller ingwaiwischen Stämme sich entwickelt haben, 
gleichviel, ob diese Erscheinungen uringw. sind, d. h. allen ingw. 
Mundarten gemeinsam, oder ob sie nur auf einem Teil des ingw. 
Sprachgebiets durchgedrungen sind. Die Bildimg einer ingw. Mundart 
begann und vollzog sich grösstenteils gleichzeitig mit der Bildung der 
westgerm. Spracheinheit. 

Wir unterscheiden also in der Geschichte des A.-F. drei Zeit- 
räume: 1) ingwaiwisch vom 3. bis 6. Jhdt., 2) altamringisch-föhringisch 
vom 7. bis ungefähr 12. Jhdt., 3) neuamringisch-föhringisch von 
ungefähr dem 13. Jhdt. an. 



V. Sprachdenkmäler. 

§ 17. Die schriftliche Überliefrung in der Landessprache reicht 
nicht über das Jahr 1748 zurück, wenn man von den wenigen urkund- 
lichen Eigennamen und den im 17. und 18. Jhdt. zahlreichern urkund- 
lichen Namen für Felder, Feidmaasse u. dgl. absieht, deren Sprachform, 
wie sie überliefert ist, durchaus nicht über jeden Zweifel erhaben ist. 
Wir haben freilich noch ein Lied, welches in das Mittelalter zurück- 
weist (§ 19, V, 13); aber die Sprachform, in der es überliefert ist. 
ist, bis auf einige veraltete Wörter, die heutige. 

Anm. Die altern Urkunden sind abgedruckt bei Michelsen, Nordfriesland im 
Mittelalter, Schleswig 1828 (auch in Falck's Staatsbürgerl. Magazin VIII, 1828. 
S. 453—740), S. 183 ff. Für die altern Feldnamen ist von Wichtigkeit das 
Schilling-Englisch-Buch: 1) für Osterlandföhr von 1637 (erneuert 1653, 
nochmals erneuert 1659, 1667 und 1706), (plattdeutsch), gedruckt bei Nerong, Führ 
früher und jetzt, Wyk (1885), S. 56—58 ; 2) für Westerlands hr und Amrum von 1664 
(plattdeutsch), Abschrift auf der Kieler Universitätsbibliothek Cod. MS. S. H. 232, A : 
in einem Anhang (um 1800) werden die vorkommenden führ. Wörter besprochen: 
3) für Osterlandföhr von 1706 (hochdeutsch), gedruckt in Carstens' und Falck's 
Staatsbürgerl. Magazin IV, 1824, S. 154—164 und teilweise bei Nerong, Führ früher 
und jetzt, S. 59—63; bei Carstens und Falck, S. 168—172 werden die fuhr. Wörter 
besprochen. 



19 

§ 18. Ihrer Überliefrung nach am ältsten sind die folgenden 
a.-f. Sprachdenkmäler: 

1. Der kleine Katechismiis in föhringischer Mundart, 
handschriftlich auf der Kgl. Bibliothek in Kopenhagen*), laut Katalog 
erworben lim 1700, aber nicht mehr vorhanden. 

2. Amringisches Vaterunser, gedruckt in Gessner's Oriental. 
und Occidental. Sprachmeister (hrsg. von Fritz und Schulze), Leipzig 
1748, S. 21 und in demselben Buch unter dem Titel Schulzen's 
Oriental. und occidentalisches abc-Buch, Naumburg und Zeitz 1769; 
wieder abgedruckt Adelung- Vater, Mithridates II, Berlin 1809, S. 244. 

3. Aosdringisches Wörterverzeichnis, 1757 geschrieben, 
mitgeteilt vom Organisten Peters in Wrixum, abgedruckt, in 
Falck's Staatsbürgerl. Magazin V, 1826, S. 739—745. (Einige Wörter 
hiernach nachgedruckt bei Paulsen, Samlede mindre skrifter (gesammelte 
kleinere Schriften) I, Kopenhagen 1857, S. 213 Anm.) 

4. Föhringische Wörter, mitgeteilt von Z. E. und G. V., 
Schleswig-Holsteinische Anzeigen auf das Jahr 1758, Glückstadt, S. 
557 — 562 und wieder abgedruckt in Falck's Sammlung der wichtigsten 
Abhandlungen zur Erläuterung der Vaterland. Gesch. II, Toudern 1822, 
S. 151—155. 

5. Wrixumer Abschrift des wehsdringischen Liedes „Ohn 
ah Hemmel efter ah Dos tu kemmen* (§ 19, IV, 1), um 1800, 
im Besitz von Simon Gerrits in Oevenum. 

6. (Wrixumer) Niederschrift des Hochzeitsliedes „Klüftig 
küren wir üb Drüg Seesen bradlepsday* (§ 19, V, 21), ver- 
mutlich um 1800, im Besitz von Simon Gerrits in Oevenum. 

7. Die verhältnismässig wenigen (teilweise fälschlich als föh- 
ringisch bezeichneten und grossenteils unrichtig wiedergegebnen) a.-f. 
Wörter in Outzen's Glossarium der friesischen Sprache, Kopenhagen 
1837 (Vorrede 1824 unterzeichnet); Outzen, der selbst auf Föhr gewesen 
ist, hat benutzt nach seiner eignen Angabe (S. XXIX f.): a) das 
Wrixumer Hochzeitslied (§ 19, V, 21), b) eine, und zwar vermutlich 
die Peters'sche Abschrift des alten aosdringischen Tanzliedes (§ 19, 
V, 13), c) eine Hdschr. von Quedensen's geistlichem Liede (§19, IV, 1), 
d) den kleinen Katechismus, vom Organisten P. J. Peters in 
Wrixum ins Föhringische übersetzt (vgl. die Anm. unten), e) 
r sonst manche sehr brauchbare Notizen u von demselben. 

Anm. Es ist ausdrücklich davor zu warnen scheinbar altertümlichen Schrei- 
bungen irgend welches Gewicht beizulegen. Wer sich einmal davon überzeugt hat, 
wie gradezu unglaublich verkehrt die Leute heute ihre Sprache schreiben, wenn 
sie einmal in diese ungewohnte Lage gebracht werden — sonst schreiben sie 
nur in hochdeutscher Sprache, weil sie dies auf der Schule gelernt haben — , der 
wird gar nicht misstrauisch genug sein können, wenn es gilt, aus dem Geschriebnen 
für das Gesprochne Folgrungen zu ziehen. 

§ 19. Da voraussichtlich in 100 Jahren ied lebendige Quelle 



*) nicht mit de Vries bei Bendsen, Die nordfriesische Sprache, Leiden 1860, 
S. XI f. derselbe wie die von Outzen benutzte Übersetzung des Wrixumers Peters. 

2* 



2* 

des Volksinundes nicht mehr sprudeln wird, so ist es von Wichtigkeit 
alles, was bisher in dieser Sprache aufgezeichnet worden ist, für die 
spätre Forschung au bewahren. Ich gebe deshalb hier eine, wie ich 
glaube aussprechen zu dürfen, vollständige a.-f. Literaturübersicht*); 
wenigstens ist dieselbe so vollständig, wie es heute nur im Bereich 
der Möglichkeit liegt eine solche zu geben. Da fast alles Gedruckte 
kaum allgemein zugänglich ist, sondre ich in der folgenden Übersicht 
nicht das Gedruckte von dem Geschriebnen. Ich habe von allen 
namhaft gemachten, weniger zugänglichen Sachen, soweit ich sie nicht 
erwerben konnte, Abschriften genommen, und zwar, soweit möglich, 
vom Original. Die folgende Übersicht über die Sprachdenkmäler macht 
Anspruch auf Vollständigkeit; nur wo in Erzählungen oder Reise- 
schriften ein Paar schon anderweitig gedruckte Wörter und Sätze 
wieder abgedruckt sind, durfte ich mir die Anführung ersparen. Hin- 
sichtlich des in grammatischen Schriften enthaltnen SprachstofFs ver- 
weise ich auf § 20 und 21. 

Eine Ausgabe aller amringisch-föhringischen literarischen Er- 
zeugnisse, welche inhaltlich von Wert sind, ist von mir in Vorbereitung. 

I. Amringisch und ffihrmgisch. 

Gleichmässig Eigentum von Amrum und Föhr, ohne dass der 
Ursprung sich feststellen Hesse, sind: 

1. die sehr zahlreichen a.-f. Sprichwörter aus alter und neuer 
Zeit sowie die sehr alten Wiegenlieder und Kindersprüche. Die- 
selben sind grösstenteils auch auf Süd und in Nordfriesland, zum Teil 
auch in Norddeutschland bekannt. Sie sind, mit deutscher Über- 
setzung, am vollständigsten an drei Stellen zu finden: a) in der 1846 
abgeschlossen Sammlung des Amrumer Pastors Mechlenburg, Nr. 3a 
(Übersetzung 3b) seines Nachlasses auf der Stadtbibliothek zu Hamburg, 
grösstenteils, aber nicht fehlerlos, abgedruckt in Haupt's Ztschr. VIII 
1851, S. 350 — 374; b) bei Johansen, Nordfriesische Sprache, überall 
im ganzen Buch verstreut; c) in der Sprichwörtersammlung von Nissen, 



*) Die Literatursprache war nach der lateinischen die plattdeutsche und ist 
jetzt die hochdeutsche. Daher ist weitaus das Meiste, was Amringen und Fuhringen 
niedergeschrieben haben, plattdeutsch und hochdeutsch abgefasst. Hier kommen 
nur die Erzeugnisse der Landessprache in Betracht. Es sind, soweit nicht Über- 
setzungen, vielfach Gelegenheitsgedichte. Doch giebt es immerhin eine ganze Anzahl 
recht netter neuerer Gedichte, sogar eine Art von Lustspiel (IV, 3, c), dazu viele Prosa- 
stücke, d ü n t' j i s (n) (Erzählungen). Die bekanntern Gedichte, 11 t'j in, lie t n, werden 
gesungen — meist beim Punsch — , und zwar nach der Weise von deutschen Volks- 
und Studentenliedern, sind also in dieser Form amringisch-föhringische Volkslieder 
heute zu nennen. Das meiste Interesse beanspruchen zwei ältre Volkslieder: Etwa 
aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts stammt das heute nur im östlichen Föhr 
noch lebendige, aber auch hier veraltende Lied von Trint'^' «n Driiy S6zn braed- 
lsepsdäoi (V, 21). Gänzlich veraltet und so gut wie völlig unbekannt ist das 
hochwichtige alte Tanzlied M bäoi se redr (V, 13), welches, nur unvollkommen 
erhalten, aus dem 15. Jhdt. stammt. Gedruckt ist von a.-f. Literatur das aller- 
wenigste, aufgeschrieben das meiste: vieles lebt aber auch nur im Volksmund fort. 
— Das meiste literarische Leben herscht auf Föhr; der Amringe lebt einsamer. 



81 

De freske Findling, Stedesand 1873 — 1883, in der übrigens so manches 
nur als eine amr. Übersetzung nordfriesischen Erbguts anzusehn ist. 
Kinderreime s. besonders zum Schluss der M.'schen Sammlung, hei 
Johansen, S. 3, 120, 191, 265 — 267 und bei Nissen am Schluss der 
Sammlung. Ferner sind d) in Clements Lappenkorb, Leipzig (1847), 
S. 294—316, 238 amringische Sprichwörter gedruckt und S. 392 f. 
zwei Sprüche (Arebar Lungsnar und Gregöri), zum Teil wieder 
abgedruckt in Firmenich's Völkerstimmen III, S. 2 — 8 ; e) amringische 
Reime und Sprüche auf besondre Tage und Zeiten des Jahrs nebst 
Wetterregeln, mitgeteilt von Johansen, Jahrhücher f. d. Landeskunde 
der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg IX, 1867, S. 
126 — 128, grösstenteils auch in desselben Ndfrs. Spr. vorkommend. 
Einige Sprichwörter sind auch bei Nerong, Föhr früher und jetzt, 
Wyk (1885), S. 153 f. nachgedruckt. Ein alter Reim (Piadersdai 
as nü förbi) (auch a, S. 370 und e, S. 127) daselbst S. 76 Anm., 
als Wrixumisch 1859 von Mechlenburg aufgeschrieben Ged., S. 78. 
Ein Wiegenlied (Sßnke, Sönke, D&tje wat) (auch Joh., Ndfrs. Spr., 
S. 266) steht in Nr. 11, 9 des M.'schen Nachlasses auf der Hamburger 
Stadtbibliothek, ein Kinderspiel (Ikkräskedi) daselbst Nr. 3<*. Allen 
Sammlern entgangen ist ein wenigstens 100 Jahre altes a.-f. (übrigens 
auch auf Süd bekanntes) Wiegenlied Dier kam sen sgepgi fän 
nürdn (vgl. Müllenhoff, Schl.-Holst. Sagen, S. 501 f.), von mir nach 
der mündlichen Überliefrung aufgezeichnet. 

2. „Dier vul sen bür sens edr apsdun", Übersetzung des 
deutschen „Es wollt' ein Bauer früh aufstehn", sicher älter als 100 
Jahre, heute noch bei Jung und Alt ein sehr beliebtes Volkslied, von 
mir nach dem Volksmund aufgezeichnet. 

IL Amringisch. 

1. Das alte amringische Vaterunser, s. § 18, 2. 

2. Pirlala läi ün sin käst, Tanzlied, wenigstens 100 Jahre 
alt, bis zur Mitte dieses Jhdts. noch im Gebrauch, nach der 
mündlichen Überliefrung von mir aufgezeichnet; das Lied ist von 
Holländer Schiffern nach Amrum gebracht worden und wurde von den 
jungen Amringen nachgesungen. 

3. Wat Neis brangst mä fan Nurden?, alter Spruch, von 
Clement mitgeteilt in seinem Lappenkorb, S. 332 und bei Firmenich 
III (1854), S. 2, auch in der M.'schen Sprichwörtersammlung, Nr. 3», 
S. 11 des Nachlasses in Hamburg. 

4. Letj Eelke an Grat Eelke, sehr altes Märchen, in 2 ab- 
weichenden Gestalten; die eine nach Johansen, gedruckt in Müllenhoff s 
SchL-Holst. Sagen, S. 497 — 500 und in den Grenzboten, 23. Jahrgang, 
n. Semester, III. Band 1864, S. 21 f., etwas anders in Johansen's 
Arammud an Dögganhaid, Schleswig 1855, S. 9 f.; die andre Gestalt 
teilt Clement mit bei Firmenich 111, S. 454 f., Hdschr. in Hamburg, 
Nr. 11, 12 des M.'schen Nachlasses. 



22 

5. Henk an Höön, sehr altes Märchen (auch sildringisch), 
nach der Mitteilung Clements gedruckt bei Firmenich III, S. 455 f. 

6. An Tel fän di Ris an an letjen Kühörd, Märchen, mit 
plattdeutscher Übersetzung mitgeteilt von Mechlenburg in Ehrentraut's 
Fries. Archiv II, Oldenburg 1854, S. 324—327. 

7. Ian Knolle, Märchen, Aufzeichnung M.'s 1852, Nr. 11, 14 
seines Nachlasses in Hamburg. 

8. H. Kl. ün Duntsam, Hexengeschichte, 1852 von M. auf- 
gezeichnet, Hdschr. Nr. 11, 14 seines Nachlasses in Hamburg. 

9. Diar komt an jongan Dring tüs, Hexengeschichte, 1852 
von M. aufgezeichnet, Hdschr. Nr. 11, 14 seines Nachlasses in Hamburg. 

10. Gebet, mit deutsch dazwischen, gedruckt bei Johansen, Die 
Seemannswittwe auf der Düneninsel, Kiel 1860, S. 54. 

11. An fresk Bleed? und Min leew Laanslidj, zwei Auf- 
rufe zu der Gründung eines friesischen Wochenblatts, Hdschr. Nr. 
11, 17 des M.'schen Nachlasses in Hamburg. 

12. Ein paar amringische Redensarten, mitgeteilt von C. P. 
H(ansen), Westsee-Inseln 1871, Nr. 120, 29. Iuli. 

13. Das Gleichnis vom verlornen Sohn, sehr mangelhaft 
in amr. Mundart wiedergegeben von Nissen in Winkler's Algemeen 
nederduitsch en friesch dialecticon I, S'Gravenhage .1874, S. 89 — 91 
(vgl. dazu die Übersetzung von Johansen, Ndfrs. Spr., S. 202 f.). 

14. A Könnang komt, at Lidj as bliis, Gelegenheitsgedicht 
von Nahmen Nickels Schmidt, 1845, Abschrift M.'s Ged., S. 40. 

15. Lunsfeeder! Du komst jo rogt tidjelk tu-t Lun, Ge- 
legenheitsgedicht von Hinrich Fedderse'n, 1845, zwei Abschriften M.'s 
Ged., S. 59—61 und 108—110. 

16. Uk an fresk Steam tu tha Könnang, man fan't bütjenst 
Eilun, Gedicht von an Oemrangen (K. J. Clement aus Norddorf), 
1840V, gedruckt bei Firmenich III, S. 1 f. und sehr fehlerhaft „Am 
Nordsee-Strand* (Volksblatt, in Wyk erschienen) Nr. 59, 2. Dez. 1883. 

17. Einige amringische Sätze und eine Reihe einzelner Wörter 
findet man bei Clement, Reise durch Friesland, Holland und Deutsch- 
land, Kiel 1847, S. 64 — 78, desgl., von demselben mitgeteilt, bei 
Firmenich III, S. 450—452. 

18. Gedichte von Chr. Erichsen (Iarken). 

a) An Ömrang Li e dt je, Originalhdschr. in Hamburg, Nr. 11, 6, 3 des 
M.'schen Nachlasses. — b) At letzt Ugenblack, dier an Man schiest van 
sin Wüf, Originalhdschr. in Hamburg, Nr. 11, 6, 4 des M.'schen Nachlasses. 

19. Gedichte von Karsten Paulsen aus Norddorf. 

a) An Ömrang Liattie, Originalhdschr., Nr. 11, 6, 1 des M.'schen Nach- 
lasses in Hamburg, reicht nur bis Strophe 9 einschliesslich; 2 weitre Strophen besitze 
ich nach einer freilich sehr schlechten Norddörfer Abschrift; der ganze Text von 13 
Strophenin deutscher Übersetzung in Clements Lappenkorb, Leipzig (1847), S.338 — 336. 
— b) So Üs-t hir weVskal, as-t hir lang eg müar, 1844, Abschrift M.'s 
in Hamburg, Nr. 11, 5, 1 des Nachlasses. — c) e Auar aDoas, 1845, Original- 
hdschr. Nr. 11, 6, 2 des M. sehen Nachlasses. — d)Auer Simon, 1845, Abschrift M.'s 
Nr. 3 C des Nachlasses, zwei verbesserte Abschriften .M.'s Ged., S. 62 f. und 140 f. 



23 

20. Gedichte von Jac. Lor. Engmann aus Norddorf, hand- 
schriftlich auf der Hamburger Stadtbibliothek, a) — e) Nr. 11, 3, f) Nr. 
11, 2 und g) Nr. 11, 5, 2 des M.'schen Nachlasses. 

a) Wan ik slumre ün diSliap, Nachdichtung von Klopstock's „Sink 
ich einst in jenen Schlummer" (Nr. 34 des Schlesw.-Holst. Gesangbuchs von 1780). 
— b) Wan du nian Halp fän Minskan heest, Nachdichtung von Anton 
nrich von Braunschweig's „Wenn Menschenhülfe dir gebricht" (Nr. 668 des Schlesw.- 
Holst. Gesangbuchs von 1780). — c) Wi Menskan bliw eg üb das Welt, 
Nachdichtung von Klopstock's „Pilger sind wir; wallen hier" (Nr. 907 des Schlesw.- 
Holst. Gesangbuchs von 1780). — d) Hokter fansam sat un Kaamer. — 
e) Üb Sin&i sted.üs Herr God. — f) Dfar ging an Ganner &uer-t 
Fial. — g) Det ÖmrangLun, det as man letj, 1849. 

21. Gedichte des Pastors Lor. Fr. Mechlenburg aus Nebel, 
alle in Originalhdschr. 

a) Welkimmen, Könnang an Könnangin, Gelegenheitsgedicht, 1840?, 
Ged., S. 27. 36. — b) 1) Könnang! Du komst tu üs, Gelegenheitsgedicht, 
184?, Ged., S. 27— 30. 2) Dat wi di wedderse, Gelegenheitsgedicht, 184V, Nr. 
1 1, 9 des Nachlasses in Hamburg, andre Hdschr. Ged., S. 38—40 ; Neubearbeitung 
von 1). — c) Hurraa föör a K ö nn a n g, o Gelegenheitsgedicht, Nr. 11, 9 des 
Nachlasses und Ged., S. 36 f. — d) A Auer a Amram, 1844, Nr. 11, 5 des Nach- 
lasses und Ged., S. 47—53. — e) Hura f8r a Könnang, Gelegenheitsgedicht, 1860, 
Nr. 11, 9 des Nachlasses in 2 Aufzeichnungen. — f) God alla Minsk ans 
Fee dar, Vaterunser in Gedichtform, Ged., S. 122. — g) Jaa Lidj, diar altidj 
snake, Entwurf eines Gedichts, 184?, Nr. 11, 10 des Nachlasses. 

22. Chr. Johansen (geboren 1820). 

A) Gedichte, a) Üsh Her Christus sin Gibet, 1844, Originalhdschr. 
in Hamburg Nr. 11, 8 des M.'schen Nachlasses. — b) Wos an Puask, Original- 
hdschr. Nr. 11, 8 des M.'schen Nachlasses. — c) Grötnis to a Könnang, Ge- 
legenheitsgedicht, Originalhdschr. M.'s Ged., S. 34 f. — d) Diär as bidrüvat 
Tishang kiman, Nachruf auf Christian VIII, König von Dänemark, 1848, Ori- 
ginalhdschr. Nr. 11,8 des M.'schen Nachlasses, in andrer Rechtschreibung gedruckt 
Insel-Bote, Nr. 9, Wyk, 30. Oktober 1880. — e) An deegh feast Bolwerk 
as üüsh God, Nachdichtung von Luther 's „Ein' feste Burg ist unser Gott a , 1850, 
gedruckt Joh., Arammud an Dögganhaid bi-rköödar, Schleswig 1855, S. 14 und 
Ndfrs. Spr., S. 285 f. — f) Jü üntrÄu Bridj Üb Sal ün Eidam, Abschrift M/s, 
Nr. 11, 13 seines Nachlasses. 

B) Prosa, a) Hü 't tuging, diär a nei Liär üüb Aamram kam, 
1*49, Erzählung der Einführung der Reformazion auf Amrum, Originalhdschr. Nr. 
10» des M.'schen Nachlasses. — b) Arammud an Dögganhaid bi-rköödar, 
'»der: Armuth und Tugend, eine Erzählung, unter diesem Titel gedruckt Schleswig 
1 H55. (Ein Exemplar auf der Kgl. Bibliothek in Kopenhagen.) — c) Erzählungen 
de s alten Besenbinders Jens Drefsen, Ndfrs. Sprache, S. 218—281. — 
d) Übersetzungen aus der Bibel: Ev. Matthäi 5—7 (Cap. 5 wieder abge- 
druckt bei Leopold, Van de Scheide tot de Weichsel III, te Groningen 1882, S. 
252—254; Matth. 6, 25—32 wieder abgedruckt bei Hansen, Das Schleswig'sche 
Wattenmeer, Glogau (1865), S. 272 f.), Ev. Lucae 15, Ev. Johannis 11, Apostel- 
geschichte 9 und 1. Corinther 13, Ndfrs. Spr., S. 193—211. — e) Übersetzung 
aus Goethes Faust, der Nachbarin Haus, Ndfrs. Spr., S. 211 — 218. 

23. Religiöse Gedichte von dem Lehrer und Küster Bonken 
in Nebel (gebornem Halligfriesen), hdschrftl. in dessen Besitz. 

24. Üz nftibar vier sens del sei üzn tu tren, Gedicht einer 
Xorddorferin, 1884, aus ihrem Munde von mir niedergeschrieben. 

25. Dier sded täÖ sosgarn ün a? säl, Gedicht einer Nord- 
dorferin, 1884, aus ihrem Munde von mir niedergeschrieben. 



HI. FMringucli. 

Der kleine Katechismus in föhringischer Mundart, 
s. § 18, 1. 

IV. Wehsdringisch. 

1. Uun a Hemmel efter e Duas tu kemmen, geistliches 
Lied, 1757 gedichtet von Christian Carl Quedensen,- Pastor zu St. 
Laurentii. Die ältste, mir bekannte Hdschr. ist im Besitz von Simon 
Gerrits in Oevenum; sie ist von einer Wrixumerin um 1800 abge- 
schrieben. Besonders gedruckt ist das Lied unter dem Titel: Gesang 
in der westerlandf öhrer Mundart, verfasst vor 130 Jahren von Pastor 
M. Flor, Nieblum auf Föhr, 1847 (ein Exemplar in meinem Besitz). 
Das Lied ist oft abgedruckt worden: von Clement in amringischer 
Mundart Firmenich III, 453 f.; Johansen, Ndfrs. Sprache, S. 281 — 285: 
Johansen, Die Seemannswittwe auf der Düneninsel, Kiel 1860, S. 
76—81; Nerong, Föhr früher und jetzt, Wyk (1885), S. 138— 140. 

2. Sock Tochter sann mi nüh ienfalen, Gedicht von Arfst 
Gerrits, 1823 oder 1824, zum Teil handschriftlich in Norddorf. 

3. Rewert Knudsen aus Utersum dichtete — die Original- 
handschriften besitzt Frau Josina Knudsen in Borgsum — < 

a.) das Lied En hiälmeiken Bradgung, 1880. — b) das Lied JEn 
gudden Hööb, 1880 (oder 1881), Nachdichtung von „Von allen den Mädchen 
so blink und so blank". — c) das Lustspiel Hokker feid iäst en Wüff, 1881. 

4. Nickels Jürgens (Neggels Jirrins) aus Oldsum, jetzt in Neu- 
münster, dichtete die folgenden Gedichte, deren Originalhdschr. ich besitze : 

a) A fr£m as allerdöggen, 1886. — b) Wann 's mi hirr bütjlunn 
fragi, 1886. — c) At lewent hirr bütjlunn det haget mi ei, 1886. — 
d) Tufreth wart nömen üb a w61t, 1886. — e) A fGrreng sprik 
skall lewwi, 1886. — f) Sold&tenlewent as ei nett, 1887. — g) von 
demselben? Huar as di Fresk sin federlunn? 

V. Aosdringisch. 

1. Cnut Cnutsen (Cnuit) schrieb: 

a) Tu min Loonslieid, Vorrede zu seinem Buch: Die Unsterblichkeit, 
Kiel 1825, S. XIII f. — b) ühn ah hemmel äfter ah dus tu kemmen, 
Gedicht (nicht etwa dasselbe wie IV, 1), gedruckt ebendaselbst. 

2. Dö säeks Theewüffen, jetzt nicht mehr bekanntes Gedicht; 
eine Abschrift besitzt Bernhard Schmidt in Nebel. 

3. Tu üssens Prinzessin Victoria her Bradlebs dai, Ge- 
legenheitsgedicht, gedruckt Insel-Bote, Nr. 17, Wyk, 26. Februar 1881. 

4. Hinrich Bernhard Jacobsen aus Borgsum schrieb zwei Ge- 
dichte, welche sich im Besitz von Simon Jacobs in Alkersum befinden : 

a) En Verschük üb Ferreng, 1865. — b) Heimath, Heimweh, 1865? 

Goting. 

5. Min eilunn Fer, fan a Närdsia trinj amfluddet, Lied 
von E. Rolufs, besitze ich in der Bearbeitung von N. Jürgens. 

6. En Ball in Guateng, Gelegenheitsgedicht von Amalie Erichs, 
gedruckt Insel-Bote, Nr. 9, Wyk, 29. Januar 1881. 



»s 

7. Si so, nü feit ä Smas et gud, Gedicht von Jens Christian 
Ehrichs, gedruckt Insel-Bote, Nr. 52, Wyk, 2. Juli 1881. 

Nieblum. 

8. Mantje Drefsen, geb. 1754, schrieb: 

a) An Uasterlunfeerang Liidtje: Ik ha di ühs en Frieny ver- 
sp regen, Gedicht, 1780; sehr fehler- und lückenhafte Abschrift M.'s Ged., S. 
70—73; der richtige Text von der Hand der Enkel-Nichte der Dichterin befindet 
sich in meinem Besitz. — b) Dieselbe schrieb, als Mantje Dick 8, 1889, das 
Gedicht Min fjäever n tttxndeyjuer säen gasv ferlepen, nach mündlicher 
Cberliefrung in Nieblum von mir aufgezeichnet. 

9. A. J. Arfsten, geb. 1812, jetzt Gärtner in Husum, schrieb 
um die Mitte dieses Jhdts. eine grosse Zahl echt volkstümlicher anek- 
dotenartiger Erzählungen, meist in Gesprächsform, sogen. Düntjes. 

a) Föhringer Plaudereien: Fehr, ah 1. Iüle 1870. Man gudd Knütj!, 
Brief von Frödd. Gedruckt Die Westsee-Inseln Nr. 5, Wyk, 13. Iuli 1870. — b) 
Föhringer Plaudereien: Fehr, ah 15. Iüle 1870. Man gudd Frödd!, Brief 
von Knütj. Gedruckt Westsee-Inseln, Nr. 8, Wyk, 23. Iuli 1870. — c) Föhringer 
Plaudereien: Fehr, ah 23. Iüle 1870. Man lew Knütjel, Brief von Neggels 
Rölkenweuter. Gedruckt Westsee-Inseln, Nr. 11, Wyk, 30. Iuli 1870. — d) 1) 
Föhringer Plaudereien: Vor voll Iuaren foll Ulke Driewer van't Hüss 
dehl üb a Bragg. Gedruckt Westsee-Inseln, Nr. 41, Wyck, 26. October 
1870. 2) Hokker könn plette uan Njeblem?, Anekdote, Hdschr. im 
Besitz des Verf. — e) Föhringer Plaudereien: Uha, ik arrem Mensk! 
Gedruckt Westsee-Inseln Nr. 112, Wyck, 1. Iuli 1871. — f) Föhringer Plaudereien: 
Therke an Mantje, Gespräch. Gedruckt Westsee-Inseln Nr. 1 16, Wyck, 15. Iuli 
1871.— g) Föhringer Plaudereien: Man gud Knüdj!, Brief von Frödd. Gedruckt 
Westsee-Inseln Nr. 156, Wyck, 2. December 1871. — h) 1) Friesische Plaudereien : 
An Färring Düntje: Det wir a triantwuntigst Febberware 1851. 
Gedruckt Westsee-Inseln, Wyck, September 1872. 2) Det wiar a trianntwun- 
tegst Febberware 1 851, Hdschr. im Besitz des Verfassers. — i) 1) I. M. an L. 
hual an Stack Schnaak maer ödder all. Marts 1838, Gespräch, Hdschr. 
im Besitz des Verf.. 2) AchtainHunnertAcht an Dortig aElwenstMarz 
do stenn Talke an Jung Mantje ädder me an Oankskrüw un a Hun 
an hell an Stack Schnack mä an öder awer det Wasken, Gespräch, 
erweiterte Überarbeitung von 1), Originalhdschr. in meinem Besitz. — k) Ahn 
fahlegh wiar Düjntje vaan det Hiar diar uan I. M. Bödder nimmen 
wier, Gespräch, Hdschr. im Besitz des Verf. — 1) I. M. vorteilt att L. dett 
bör letjet raar Eaat stürawenn wiar, a 13. May 1846, Gespräch, Hdschr. 
im Besitz des Verf. — m) Klüftighaiden uan I. H. Dörransk uan att 
Huallawjuanken, Gespräch, Hdschr. im Besitz des Verf. — n) Det Düjntje 
Taan det grattÜndiar wat ar ap üit aMaaskkimmenwiar, Gespräch, 
Hdschr. im Besitz des Verf. — o) Düjntjessen uan Öwenem bij Asser 
ann Tat üas jo däenskSoldoten uann Quartiar häed an do Ministers 
ap hing et ward, Gespräch, Hdschr. im Besitz des Verf. — p) Nü wall ick 
jam ans ann Stack vorteil van Krassen Onersen, Gespräch, Hdschr. im 
Besitz des Verf. — q) Hü a Lanjen thuLups kämm, Gespräch, Originalhdschr. 
in meinem Besitz. — r) Uenprivilegiret Färring Kalender för det 
Skregeljuar 1852, Hdschr. im Besitz des Verf. 

Wahrscheinlich von Arfsten sind zwei Anekdoten von M.'s Hand 
in Nr. 3c des Nachlasses in Hamburg: 

s) N. N. sfad ün-t Krughhüs. — t) An ferrang Wüf stänt Üb 
aüifdik. 

10. Un üs Bibel vor ann beft, Gedicht von Maria Christina 
Erken (geb. 1815), 1886, Originalhdschr. in meinem Besitz. 



26 

Alkersum. 

11. Simon Reinhard Bohn, der beliebtste Dichter, schrieb in 
den Jahren 1859 — 1862; die Originalhdschr. seiner Gedichte besitzt 
seine Wittwe in Nieblum. 

a)A'Böod efter a' Iadgreweren, Nachdichtung von Schillert „Der 
Gang nach dem Eisenhammer". — b) Künneng an Pr äst er, Nachdichtung 
von Bürgert „Der Kaiser und der Abt". — c) Büür an Siamaan. — d) Dir 
wir en Tidj, et hä all loong all wesen. — e) Täw Lickstianer. — f) 
Kriak an Mus s (en Fabel).. — g) Riad eis. — h) Di' Gü hl bück (en Fab el). 
— i) Dir, huar a Nurd3ia her green skümmeg Wagen, Lied, gedichtet 
nach dem Vorbild von „Dort, wo der alte Rhein mit seinen Wellen", gedruckt bei 
Nerong, Föhr früher und jetzt, Wyk (1885), S. 147 f. — k) A f j a w e r J u a r s t i d j e n, 
Lied. — 1) E n L i a t, un'thSälskapp tu schongen bi 'nBalePuns, wann 
harn nanth Oders witj, Trinklied. — m)A iast Crinolin. — n) Ucs a 
Könneng üb Fehr wir, 1860. — o) An ündülljegen Bradgung. — p) I)i 
Kuppmaan. — q) Fröd. — r) Nahmen Sütjers Pretjei, 1868. — s) Ick 
wanske di, so üs 'am sayt, Scherzstrophe. — t) Di Snarc un Hymen' s 
Bianer, Scherzstrophe. — u) Theenkt hocker manner, üs ar sayt, 
Sinnspruch. 

12. Gedicht auf S. R. Bohn von et Jong Maner hualewjonken, 
1876, Hdschr. im Besitz der Wittwe Bohn's in Nieblum. 

Oevenum. 

13. Vermutlich aus Oevenum stammt das heute nur noch in dem 
Munde zweier Oevenum er Geschwister lebende Tanzlied JK bäoi iv 
red er, das aus dem 15. Jhdt. stammt. Es ist gedruckt nach der Mit- 
teilung Mechlenburg's, die auf einer Wrixumer Handschrift beruht, in 
Ehrentraut's Fries. Archiv II, Oldenburg 1854, S. 328—333 und bei 
Hansen, Der Sylter-Friese, Kiel 1860, S. 218—220. Den verhältnis- 
mässig besten Text habe ich nach der mündlichen Überliefrung auf- 
gezeichnet. Die hervorragende Bedeutung dieses Liedes nötigt zu 
einer ausführlichem Darlegung der Überliefrung. Das Lied wurde auf 
Osterlandföhr früher bei Hochzeiten gesungen. Aber schon zu Anfang 
dieses Jahrhunderts galt es selbst den alten Leuten als veraltet und 
nicht mehr ganz verständlich. Schon damals war die Überliefrung 
verderbt, und man wusste, dass eine oder zwei Strophen abhanden 
gekommen waren. Jetzt ist das Lied so gut wie unbekannt. In den 
zwanziger Jahren gab es nur noch eine Frau in Oevenum, die Mutter 
des weiter unten genannten Knudsen, welche das Lied ganz und gar 
auswendig konnte, und nur in ihrem Hause und in ihrer Bekanntschaft 
wurde es gesungen. Es giebt meines Wissens heute nur noch fünf 
Menschen, welche mehr davon wissen, als dass es früher einmal ein 
altes Lied böireder gegeben habe. Ein sehr alter Mann kannte 
böi reder als alten föhringischen Volkstanz, wozu auch gesungen sein 
sollte. Möglichenfalls liegt noch irgendwo auf Osterlandföhr eine 
Niederschrift des Liedes verborgen; denn ich hörte von mehreren 
Leuten, dass sie sich erinnerten das Lied einmal gelesen zu haben: 
aber meine Nachforschungen waren vergeblich. Der vollständige Text 
ist heute Niemandem mehr bekannt. Eine Frau in Oevenum erinnerte 
sich nur noch, dass in dem Refrain etwas von sdolt und sÖven a lik 



27 

vorkäme; eine andre, jüngre, Frau Laura Ketek in Oevenum, wusste 
nur noch die erste Strophe und konnte die Weise noch so ungefähr 
singen, wenn sie sich auch bewusst war dieselbe ^ nicht mehr ganz 
richtig wiederzugeben. Nur einen einzigen alten Ovenembür habe 
ich in dem 70jährigen Lorenz Konrad Knudsen gefunden, welcher die 
Weise ganz genau wusste und vom Text die ersten Strophen, vom 
Folgenden nur Einzelnes. Jedoch gelang es mir mit Hülfe des Mech- 
lenbarg'schen Textes seinem Gedächtnis zu Hülfe zu kommen, so dass 
ich fast überall den Wortlaut genau feststellen konnte. Der Wortlaut 
war diesem Mann, wo es überhaupt der Fall war, so genau in der 
Erinnrung, dass er selbst bei solchen Kleinigkeiten, wie sie am 
ehsten die Überliefrung entstellt, wie Partikeln, Wortstellung u. dgl., 
überall mit Sicherheit angeben konnte, wie in seiner Jugend gesungen 
worden war, und wenn ich die Mechlenburg'schen Varianten angab, 
wusste er bestimmt, was richtig und was falsch; er fügte aber immer 
hinzu, dass man damals schon gewusst hätte, dass der so gesungne 
Text ein durch die lange Überliefrung verderbter gewesen wäre. Die 
Schwester dieses Mannes, welche in Kalifornien, der neuen Heimat der 
F(5hringen, lebt, ist ausser ihrem Bruder die einzige, die das Lied 
noch einigermaassen auswendig kann. Sie erzählt, dass ihre Mutter 
den fehlenden Vers noch mitgesungen habe: „es war eins ihrer Lieb- 
lingslieder, und hat sie es eine Zeit sehr oft gesungen, und weiss ich 
noch recht gut, wie es oft einen recht traurigen Eindruck auf mich 
machte, nachdem A . . . mir den Sinn, um was es sich handelte, erklärt 
hatte. — Neben der mündlichen Überliefrung dieses Liedes besteht 
eine schriftliche. Mit dieser verhält es sich folgendermaassen: Ein 
Brief des Schullehrers Sörensen in Oevenum an den alten Pastor Mech- 
lenburg auf Amrum vom 30. Oktober 1851 (Nr. 31 des Mechlenburg'- 
schen Nachlasses auf der Hamburger Stadtbibliothek) spricht von 
einem mit dem Briefe mitfolgenden Gedicht, das Sörensen „nach einem 
Exemplar, das Herr K. B. Knudsen hieselbst durch den vormaligen 
Organisten P. J. Peters in Wrixum hatte, buchstäblich abgeschrieben". 
Tnter den als Nr. 11 bezeichneten M.'schen Gedichten in Hamburg 
befindet sich auf einem besondern Blatt, sauber geschrieben, das 
Gedicht „Bay an a Rädder", wie die Vergleichung mit jenem Brief 
ergiebt, von Sörensen's Hand; Tinte und Bruch des Papiers stimmt 
dazu; zum Überfluss findet sich auch auf der Rückseite des Umschlags 
jener Gedichtsammlung eine Bemerkung M/s : „B&y Redder v. Sörens. 
abgsch." Eine Anfrage meinerseits bei Sörensen hinsichtlich der Her- 
kunft jener Hs. war erfolglos. So stammte die ältste schriftliche Über- 
liefrung aus Wrixum, und zwar noch aus diesem Jhdt.; P. J. Peters 
lebte 1759 — 1842. Zwei fast nur in der Rechtschreibung verschiedne 
Aufzeichnungen nach dem Peters-Knudsen-Sörensen'schen Text haben 
wir von Mechlenburg; die eine steht in seinen Gedichten, S. 129 — 131; 
die andre hat er mit deutscher Übersetzung und Anmerkungen in Ehren- 
trauf s Fries. Archiv II, S. 328—333 drucken lassen. Der Abdruck bei 
Hansen ist ohne Quellenangabe, scheint aber auf den geschri ebnen 



28 

M.'schen Text zurückzugehn. 2 Strophen des Liedes sind in Johansen's 
Ndfrs. Sprache, S. 90 und 89 abgedruckt. Die erste Strophe kommt in 
verstümmelter Gestalt noch in dem Liede von Rörd Jappen aus Wrixum 
(S. 29, 22) vor. — Das hohe Alter des Liedes bekundet der ganze 
Inhalt: Ritter und Knappe, Meth, Wachskerzen bei der Leiche. Die 
Reime beweisen teilweise ältre Sprachformen. Vielfach weist das Lied 
noch Stabreim auf. Die wunderbare Weise, moll, dann dur, dann 
mit moll wieder schliessend, ist durch ihre schwere, dramatische Tragik 
nicht nur allgemein musikalisch, sondern auch für die germanische 
Rythmik hochinteressant. Das Lied steht innerhalb der deutschen 
Volksliederliteratur ganz vereinzelt da und wird auf Osterland-Föhr 
entstanden sein. Am ehsten bietet noch Anklänge das alte dithmarsche 
Tanzlied „Her Hinrich und sine bröder aüe drei" (Neocorus, hrsg. von 
Dahlmann II, 569, danach öfter abgedruckt, Uhland's Volkslieder 1. 
Nr. 128, Böhme's Altd. Liederbuch, Nr. 12). 

14. En Ferring Döntje, Gedicht, gedruckt in der Beilage der 
„Westsee-Inseln" Nr. 14, Deezbüll, 15. Februar 1879. 

15. Frau Wilhelmine Petersen schrieb drei im Besitz von Johann 
Petersen in Oevenum befindliche Gedichte: 

a) Efterrep tu üs lew ferstürwen Frinj (S. R. Bolin), 1879, gedruckt 
Westsee-Inseln Nr. 57, Deezbüll, 1879. — b) ün Tine S., vördrainj unt Wa- 
sterlun, Gelegenheitsgedicht, 1882. — c) An Friedericke S., Gelegenheits- 
gedicht, 1882 oder 1883. 

16. Frau Namine Witt, jetzt in Nieblum, besitzt eine grössre. 
leider nicht zugängliche Sammlung guter Gedichte. 

17. Frau Laura K et eis in Oevenum besitzt mehrere nette Ge- 
legenheitsgedichte. 

18. Adjis, Lied von Ida Jacobs, um 1880, Originalhdschr. in 
meinem Besitz. Dieselbe, Frau Ida Jansen in Oevenum, besitzt noch 
mehrere nette Gelegenheitsgedichte. 

19. E Fung as ihn, e Sckinnien san voll Segen, Gedicht 
von Jacob Martin Jacobs, 1881. Dies und noch Andres von dem- 
selben befindet sich im Besitz von Frau Ida Jansen in Oevenum. 

20. Knud Broder Knudsen hat folgende Gedichte geschrieben: 

a)Allhuarik san uk üb aEerd, Lied, gedruckt bei Nerong, Fuhr 
früher und jetzt, Wyk (1885), S. 149. — b) Mutt ik ball, mutt ik ball 
weller fan di tji, Lied, um 1870, Nachdichtung von „Muss i denn, muss i denn 
zum Stadtele 'naus", Originaltext in meinem Besitz. — c) Komm, let's üs? 
högi, Trinklied, Originaltext in meinem Besitz. — d) Von Confermiren 
detts doch was, Gelegenheitslied, Originalhdschr. in meinem Besitz. — e) Bi 
Ütjbringentu sjongen, Gelegenheitslied, 1 884, Originalhdschr. in meinem 
Besitz. — f) Üs lew nett Mammensprieck, Gedicht, 1886, Originalhdschr. 
in meinem Besitz. — g) Det üs ual ferring Spriak verfoll, Gelegenheits- 
gedicht, 1886, gedruckt Insel-Bote, Nr. 91, Wyk, 20. November 1886. — Noch ver- 
schiedne Gelegenheitsgedichte von demselben sind verstreut. 

Wrixum. 

21. Trintj' an Drüg Seesen bradlepsday, seiner Zeit ausser- 
ordentlich beliebtes Spottlied von Pay Jensen aus Wrixum, Mitte 



des 18. Jhdts. gedichtet. Der Dichter nahm sich das Leben aus Ver- 
zweiflung darüber, dass das geheim gehaltne Gedicht bekannt wurde. Die 
ältste Handschrift (vermutlich um 1800) besitzt Simon Gerrits in Oevenum. 
Fälschlich als „westerlandföhrer" Hochzeitslied abgedruckt mit Über- 
setzung und Anmerkungen von Mecklenburg in Ehrentraut's Fries. Archiv 
IL Oldenburg 1854, S. 332 — 341 auf Grund zweier wehsdringischer Ab- 
schriften. Der ursprüngliche Text ist mit Hülfe einer Reihe von Ab- 
schriften, in denen das Lied verbreitet ist, und der mündlichen Über- 
liefrung sicher festzustellen. Inhalt, Stil und Weise sind durchaus originell. 
22. Buh Redder tred, Buh Redder Dans oder Ah Redder 
träid eh Bar eh Daanz, altes Gedicht von dem Grönlandsfahrer 
Rörd Jappen aus Wrixum; ich besitze es in zwei abweichenden 
Niederschriften, aus dem Munde einer alten Boldixumerin und zweier 
Midlumer. 



VI. Sprachliche Vorarbeiten. 



§ 20. Eine streng wissenschaftliche Darstellung der a.-f. Sprache 
giebt es bisher nicht. Eine vergleichende Grammatik sämtlicher 
friesischen, a.-f.-h.-s. und ndfrs. Mundarten von Möller ist in Vor- 
bereitung. Die wichtigsten Vorarbeiten sind die folgenden: 

1. Johansen, Die Nordfriesische Sprache nach der Föhringer 
und Amrumer Mundart, Kiel 1862, VIII -+- 288 S. (S. 193 ff. Sprach- 
proben), ein zwar nicht wissenschaftliches, in der Anordnung des Stoffs 
völlig verfehltes Buch, dazu von Druckfehlern wimmelnd, aber dennoch 
als Materialsammlung sehr schätzenswert und für die Wortbildungs- 
lehre, Bedeutungslehre und Syntax ganz unentbehrlich. Es behandelt 
tatsächlich nur das Amringische, nicht auch das Föhringische. — 
Einige Wörter aus Johansen sind aufgenommen von Halbertsma in 
»einem Lexicon Frisicum. A — feer. Hagse Comitis 1874. 

2. Mechlenburg, Amrum-deutsch, nordfries. etc. alphabetisch 
geordnetes Wörterbuch, Handschrift, 2 Bände in 4°, 735 Seiten = 
19s -+- 178 — 4 Doppelseiten, vollendet 1854. Es ist als ein Parallel- 
wörterbuch angelegt und enthält nur für das Amr. vollständig aus- 
gefüllte Spalten für die Mundarten von Amruni mit deutscher und 
/um Teil dänischer Übersetzung, von West- und Ostföhr, Süd, Stedesand, 
Xorgoesharde nach Outzen, Niebüll-Dagebüll, Wiedingharde, Langen- 
horn, Nordmarsch, Wangerooge, das Altfries., Angelsächs., Got. und 
Isländische. Die Hdschr. befindet sich auf der Stadtbibliothek zu 
Hamburg, als Nr. la und lb des M.'schen Nachlasses. Ich bereite 
die Herausgabe eines a.-f. Wörterbuchs auf der sichern Grundlage des 
JL'schen für die Sammlung der Wörterbücher des Vereins für nieder- 
deutsche Sprachforschung vor. 



so 

§ 21. Diesen beiden umfassendem und grundlegenden Werken 
gegenüber nehmen die folgenden, zumeist nur einzelne Teile der a.-f. 
Sprachlehre darstellenden Arbeiten eine untergeordnete Stellung ein: 

1. Peters, Beitrag zur Kenntnis der friesischen Sprache, ge- 
schrieben im Jahr 1757, Falck's Staatsbürgerl. Magazin V, 1820. 
S. 739 — 745, ist das § 18, 3 genannte aosdr. Wörterverzeichnis. 

2. Z. E. und G. V., föhringisches Wörterverzeichnis von 1758, s. 
§ 18, 4. 

3. Outzen, Glossarium der friesischen Sprache, Kopenhagen 
1837 (1824 vollendet), enthält verhältnismässig wenig a.-f. Wörter: 
vgl. § 18, 7. 

4. Mechlenburg, Abschrift von Outzen's Glossarium in Auszü- 
gen, mit Hinzufügung der amr. Formen, Hdschr. in Hamburg, Nr. 7 
des M.'sehen Nachlasses. 

5. Mechlenburg, Deutsch-friesisches Wörterbuch, d. i. deutsch- 
amr. Vokabular; Anhang dazu: a.-f. nomina propria, Hdschr. Nr. 4*> 
des M.'schen Nachlasses. 

6. Mechlenburg, Deutsch-nordfries. Wörterbuch, a — brettern, 
nur für das Amr. vollständig, Hdschr. Nr. 4c des Nachlasses. 

7. Mechlenburg, Amrumisch-Stedesandisches Vokabular: a, be, 
e und f, Hdschr. Nr. 5c des Nachlasses. | 

8. Mechlenburg, die deutschen Verba alphabetisch in Parallel- 
spalten für das Afrs., Westfries., Wangeroog., Saterländ., Ags., Isl.j 
und Amr., unvollständig, Hdschr. Nr. 4b des Nachlasses. ! 

9. Mechlenburg, Neubearbeitung des Vokalismus von Minssen s 
(so wertvoll sonst, für das nordfries. Material gänzlich unbrauchbarem) 
Aufsatz in Ehrentraut's Fries. Archiv I, S. 165 — 276, für die nordalbin- 
gischen Mundarten; hier kommen zum Helgol. nicht in gleicher Voll- 
ständigkeit ausgefüllte Spalten hinzu für Sild, Amrum-Föhr, Stedesand, 
Enge, Dagebüll, Wiedingharde und Outzen; wie bei Minssen bildet die 
Grundlage der altfrs. Vokalismus, dessen Quantität freilich oft genug 
falsch angesetzt ist ; die Arbeit ist, wenn auch nicht ganz zuverlässig, 
sehr wichtig für die vergleichende Lautlehre des A.-F. Die Hdschr. 
befindet sich in Hamburg als Nr. 15a des M.'schen Nachlasses. 

10. Mechlenburg, amr. Wörterverzeichnis nach den Vokalen 
der Stammsilbe, und zwar für ü, u, ö, o, ü, ü, 8, ö, Hdschr. Nr. 4^ 
des Nachlasses. 

11. Mechlenburg, Amrumsche Vokabeln, nach Begriffsklassen 
geordnet: Subst., Verb., Adj., Adv., Hdschr. Nr. 4a des Nachlasses. 

12. Mechlenburg, Deklinazion, Pronomina, Adverbia, Präposi- 
zionen und die Ablautsreihen der amr. Zeitwörter, Hdschr. Nr. 2a des 
Nachlasses. 

13. Mechlenburg, Diminutiva im Amr., zur Bestimmung des Ge- 
schlechts der amr. nom. substant., über die amr. Praeposizionen, Konjunk- 
zionen, Praefixe, Interjekzionen u. s. w., Hdschr, Nr. 2c des Nachlasses, 



31 

14. Viel amr. Sprachstoff findet sich überall in Mechlenburg's 
nachgelassnen Papieren; ich erwähne nur noch das Heft Nr. 2b, eine 
Vorarbeit zu 1 1 und eine reiche Beispielsammlung für gleichlautende, 
aber bedeutungsverschiedne amr. Wörter, Nr. 4b des Nachlasses. 

15. Johansen, Die Seemannawittwe auf der Düneninsel, Kiel 
1860, giebt S. 96 — 100 ein Paar in dem Buche vorkommende amringer 
Wörter in alphabetischer Reihenfolge an, grösstenteils Fachausdrücke. 

16. Clement*), Reise durch Friesland, Holland und Deutschland, 
Kiel 1847, giebt manche sprachliche Bemerkung; vgl. S. 22, 17. 

17. Clement, Heidelberger Jahrbücher 1847, S. 932—934, giebt 
eine Aufzählung amr. Zeitwörter nach den Infinitiven auf in, en und 
an, bei denen auf an mit Angabe des Praeteritums, S. 935 eine Be- 
merkung über das schwache Praeteritum und Verbaladjektiv. Wieder 
abgedruckt Ehrentraut, Fries. Archiv I, S. 290—294. ' 

18. Clement, Das westgermanische Element in der englischen 
Sprache, Herrig's Archiv IV, 235 — 278, giebt einen ausführlichen 
englisch-amringischen vocabularius rerum. — Dagegen Greverus, Be- 
merkungen über die Abhandlung des Dr. Clement: D. wg. Elem. i. d. 
engl. Spr., Herrig's Archiv VI, 81—88. 

19. Clement, Über Wesen und Grenzen der breitenglischen 
Sprache, Herrig's Archiv V, giebt S. 39 — 63 eine vergleichende breit- 
engl.-amr.-engl. Wortsammlung. 

20. Clement, Die plattdeutsche Sprache, Herrig's Archiv V, 
giebt S. 310 — 325 eine nordhausen-amr. Wortsammlung. 

21. Clement, Über Wesen und Abkunft der breitschottischen 
Sprache, Herrig's Archiv VI, giebt S. 54 f., 58—60, 167—173, 297—314 
ein breitschottisch-amr. Wörterverzeichnis. 

22. Clement, Eigentümliche Elemente der frisischen (d. i. amr.) 
Sprache, Herrig's Archiv IX, 179 — 187: Die Endung ens und lis; 
«Üe drei frisischen Infinitiv-Endungen auf in, an und en; die weibliche 
Endung ster; die Partikeln at und eat; die Vorsilben tu (ohne den 
Ton) und tu (mit dem Ton); die Endung lith. Fortsetzung Herrig's 
Archiv X, 136. — 147: Nachtrag zu der Endung ens; nordfrisische Di- 
minutiven — der frisische Umlaut; nordfrisische Beinamen, Spitznamen 
nüd Schimpfworte. Fortsetzung Herrig's Archiv X, 269 — 287: Der 
Übergang des f in w bei Verlängerung des Worts; Ausdrücke und 
Aasdrucksweisen (u. A. Gebrauch der Partikel am, das frisische Haus, 
die Collectiv-Endung ang). Fortsetzung Herrig's Archiv XII, 71 — 81. 

*j Bei 8ämmtlichen Schriften Clement's muss davor gewarnt werden, sich 
meiner Darstellung wie seinen sprachlichen Angaben ohne Weitres anzuvertrauen. Die 
ranze Darstellung dieses friesischen Nazionalfanatikers ist beeinflusst durch das 
Vorurteil der nahen Verwantschaft des Amr. mit dem Engl, und entbehrt jeder 
'«L**n3chaftlichen Objektivität. Selbst seinen Angaben amr. Wörter ist nicht immer 
'u trauen; es kommt ihm unter Umstanden nicht darauf an, seiner Theorie zu Liebe 
Hb amr. Wort dem engl, ähnlicher zu machen, als es in Wirklichkeit der Fall 
i*t Seine Schriften sind nur mit äusserster Vorsicht zu benutzen. 



B2 

23. Clement, Schleswig, das urheimische Land des nicht däni- 
schen Volks der Angeln und Frisen und Englands Mutterland, Ham- 
burg 1862; 2. (Titel-) Auflage: Schleswig, das Urheim der Angeln und 
Frisen, Altona 1867. S. 63 — 201 massenhafter Stoff zur Vergleichung 
des englischen und amringischen Wortschatzes (S. 115 — 119 u. A. 
vergleichende Übersicht der engl, und amr. unregelmässigen Zeitwörter, 
S. 127 — 134 engl.-friesische Personennamen, S. 147 — 153 amr.-engl. 
vocabularius rerum, S. 159 — 183 engL-nordfries. Ortsnamen). 

24. Bohn*) in Rendsburg hat ein völlig unzuverlässiges, von 
Unrichtigkeiten förmlich starrendes, amringisch-englisches Vokabular 
1868 geschrieben, das jetzt H. Möller in Kopenhagen besitzt, 3 Quart- 
hefte, 576 Seiten, angeordnet nach den Entsprechungen der Vokale 
in beiden Sprachen, also 1) amr. a = engl, a, 2) amr. ö = engl, a, 
3) amr. a — engl, i u. s. w. 

25. Bohn, ein ebenso unbrauchbares „Friesisches Vokabularium 
in der Amrumer Mundart 1884", 60 Quartseiten, ohne jede alpha- 
betische oder sachliche Anordnung, im Besitz von H. Möller in 
Kopenhagen. 

26. Bohn, „Das friesische Element in der englischen Sprache. 
In Briefen. 1885." Quartheft, 101 Seiten, im Besitz des Verfassers, 
von dem gleichen wissenschaftlichen Wert, wenn auch manche Ein- 
zelheit brauchbar ist. 

27. Möller, Das altenglische Volksepos I, Kiel 1883, enthält 
S. 85 wichtige Bemerkungen über die Verwantschaftsverhältnisse des 
Amr.-Föhr.-Helgol.-Sildr., des Nordfries., des Altfries, und des Alt- 
englischen. 

28. Siebs, Die Assibilirung des k und g, Tübingen 1886, be- 
handelt S. 37 f. s aus k, S. 40 j aus g und giebt S. 41 — 43 eine 
Erklärung der Palatalerscheinungen im A.-F., S. 45 noch Anm. über 
das s' aus fj in amr. s'&ur. 

*) Bohn ist ein Schüler von Clement. 

HALLE a. S. Otto Bremer. 



33 



Über Pommerns Anteil an der 
niederdeutschen Sprachforschung. 

Vortrag, 

gehalten am 1. Juni 1887 auf der 13. Jahresversammlung 

des niederdeutschen Sprachvereins zu Stettin. 

Vom Vorstande unseres Vereines zu einem Vortrage für diese 
Pfingstversammlung aufgefordert, konnte ich nicht im Zweifel sein, 
worüber ich am zweckmässigsten sprechen würde: es musste ein Ge- 
genstand sein, der den Bestrebungen des Vereines dienend, zugleich 
dein Versammlungsort, beziehungsweise der Provinz, in der der Verein 
tagt, sein Recht widerfahren Hess. Pommerns Anteil an der nieder- 
deutschen Sprachforschung auseinanderzusetzen, schien mir eine pas- 
sende Aufgabe, umsomehr, da ich als geborner Rheinländer den Vorwurf 
partikularistischer Schönfärberei, eines engherzigen Lokalpatriotismus 
nicht zu befürchten habe und doch während meiner jetzt schon 
21semestrigen Wirksamkeit in Pommern Land und Leute kennen, 
schätzen und lieben gelernt. 

Während die Geschichte der niedersächsischen oder sogenannten 
plattdeutschen Sprache schon Ende des vorigen Jahrhunderts an Kin- 
derling einen Bearbeiter gefunden, ist bis jetzt eine Geschichte der 
niederdeutschen Studien, der niederdeutschen Philologie noch nicht 
einmal als Bedürfnis gefühlt worden. Auf diesem. Gebiete ist daher 
noch alles zu thun. R. v. Raumer hatte in seiner Geschichte der 
germanischen Philologie eine so gewaltige Aufgabe zu lösen, dass er 
das Niederdeutsche nur im Vorübergehen streifen konnte. Die zufälligen 
Nekrologe können hier nicht in Betracht kommen: mit Recht gilt ja 
fnr sie, was die Wissenschaft nie zugestehen darf: de mortuis nil nisi 
tane. Die Allgemeine deutsche Biographie freilich könnte einstweilen 
aushelfen, aber sie lässt auch hier oft treulos im Stich: von wenigen 
Aasnahmen abgesehen werden niederdeutsche Arbeiten entweder gar 
nicht, oder nur unzulänglich besprochen. So führten mich die Vor- 
arbeiten zu diesem Vortrage, unwillkürlich auf den Gedanken, selbst 
eine Geschichte der niederdeutschen Studien, der niederdeutschen 
Philologie auszuarbeiten. Schon jetzt bitte ich um gütige Unter- 
stützung dieses Planes, der nur bei allseitiger Mithülfe ausführbar. 

Nirgendwo zeigt sich ein so reges Interesse für die heimischen 
Mundarten wie in niederdeutschen Gegenden. Diese auffallende Er- 
scheinung hat Goethe schein und treffend zu deuten verstanden*): 'Zu 

*) In seiner Besprechung der lyrischen Gedichte von Joh. H. Voss, Werke 32, 124. 

Niederdeutsches Jahrbach. XIII. 3 



34 

einem liebevollen Studium der Sprache/ sagt er, 'scheint der Nieder- 
deutsche den eigentlichsten Anlass zu finden. Von allem, was undeutsch 
ist, abgesondert, hört er um sich her ein sanftes behagliches Urdeutsch 
und seine Nachbarn reden ähnliche Sprachen. Ja, wenn er ans Meer 
tritt, wenn Schiffer des Auslandes ankommen, tönen ihm die Grund- 
silben seiner Mundart entgegen, und so empfängt er manches eigene, 
das er selbst schon aufgegeben, von fremden Lippen zurück, und ge- 
wöhnt sich deshalb mehr als der Oberdeutsche, der an Völkerstämme 
ganz verschiedenen Ursprungs angränzt, im Leben selbst auf die Ab- 
stammung der Worte zu merken.' 

In der That lassen sich in niederdeutschen Gegenden schon früh 
Spuren etymologischen, lexikalischen Forschens nachweisen. Diese 
Bemühungen gewannen an innerer Kraft, Berechtigung und dement- 
sprechend an Beachtung, als mit der Reformation das Hochdeutsche 
in Niederdeutschland eindrang, eine fremde Sprache, die der nieder- 
deutschen viel gefährlicher wurde als die lateinische Kirchen- und 
Geschäftssprache. Man versuchte freilich den Einfluss des Hochdeutschen 
zu brechen, indem man die Bibelübersetzung Luthers ins Niederdeutsche 
übertrug. Pommern war bei dieser Arbeit beteiligt, wenn es auch 
nicht, wie manche auch heute noch kritiklos annehmen, in Joh. Bugen- 
hagen den Übersetzer stellte: Bugenhagen kann höchstens als intel- 
lektueller Urheber einer der niederdeutschen Übersetzungen, es wurden 
mehrere unternommen, gelten, der später der von ihm angeregten 
durch Vorreden und Summarien ein grösseres Ansehen zu verleihen 
suchte. Mit dem 17. Jahrhundert erlahmte der Widerstand gegen das 
Hochdeutsche immer mehr, das Niederdeutsche hatte aufgehört Schrift- 
sprache zu sein und wurde je länger je entschiedener zurückgedrängt. 
Die Verehrer der heimischen Mundart suchten sie künstlich zu halten 
und wurden durch dieses Streben immer nachhaltiger auf ein Er- 
forschen des Niederdeutschen gefuhrt. 

Von solchen ersten Anfängen niederdeutscher Studien in Pommern 
muss ich absehen, gerade sie verlangen eine eingehendere Besprechung, 
als die mir zu Gebote stehende Zeit erlaubt. Ich beginne mit dem 
18. Jahrhundert. 

Der eigentliche Begründer einer wissenschaftlichen Behandlung 
und Erforschung der niederdeutschen Mundarten wie der deutschen 
Sprache überhaupt, war G. W. Leibniz. Seine historischen Arbeiten 
sowol wie seine Untersuchungen über das Wesen der Sprache und ihr 
Verhältnis zum Gedanken machten ihn zum Begründer und eifrigsten 
Beförderer deutschgrammatischer Studien. Er verlangte ausdrücklich 
ein glossarium etymologicum 'vor alte und Landworte' und regte ver- 
schiedene Gelehrte zur Sammlung des niederdeutschen Wortschatzes 
an. Diesen Anregungen Leibnizens verdanken wir die niederdeutschen 
Idiotiken, # welche im Laufe des 18. Jahrhunderts in üppiger Fülle 
emporschössen. Pommern blieb nicht zurück. 

Den ersten nennenswerten Versuch machte der Kolberger Pre- 
diger Joh. Engelbert Müller, der um die Mitte des 18. Jahrh. die 



in der Kolberger Gegend gebräuchlichen Wörter und Redensarten 
sammelte. Die erste Nachricht von seinem Unternehmen gab er 1754 
im 3. Bande der Pommerschen Bibliothek*), indem er zugleich an einem 
ergötzlichen Beispiel die Notwendigkeit eindringender Studien des 
Niederdeutschen nachwies. Ein Kolberger Schulrektor, der Prediger 
Schumann, ein Eingewanderter, hatte sich auch aufs Niederdeutsche 
rerlegt, aber ohne Kenntnis und daher mit entschiedenem Misserfolg. 
; Henric van dages decanus' hatte dieser biedere Thüringer in einer 
Urkunde gefunden und dabei gewissenhaft angemerkt: eine Familie 
van Dages könne er nicht nachweisen. Dass V gelegentlich gleich 
V, 'wan dages' gleich hochdeutschem 'weiland', 'vor Zeiten' sei, hatte 
er nicht gewusst. Die Probe des Wb., welche 1756 der letzte Band 
der Pommerschen Bibliothek**) brachte, zeigt, dass Engelb. Müller mit 
richtigem Verständnis und unter Berücksichtigung der volkstümlichen 
Bräuche gesammelt hatte. Sein Werk blieb handschriftlich, wohin es 
gekommen, ist unbekannt. 

Erst 1781 erschien das erste gedruckte Wörterbuch der Pom- 
merschen Mundart: Plattdeutsches Wörterbuch nach der alten und 
neuen Pommerschen und Rügischen Mundart von Joh. Karl Dähnert***), 
Professor in Greifswald, ein für seine Zeit in jeder Beziehung ausge- 
zeichnetes Werk. Dähnert, ein geborner Stralsunder, von Jugend an 
mit der platten Mundart vertraut, hatte sich durch vieljähnge Be- 
schäftigung mit den alten Urkunden, Gesetzen und Ordnungen Pommerns 
eine genaue Kenntnis der niederdeutschen Schriftsprache erworben. 
So wurde er von vielen um Erklärung einzelner Wörter und Redens- 
arten gebeten, deren Dunkelheit ihnen Unruhe machte oder Verlust 
drohte. Er sah bald ein, dass ein Missverstand bei alten Worten in 
Rechtssachen einen ganz unrechten Ausgang und in historischen Sätzen 
sonderbare Unwahrheiten veranlassen könne. So entschloss er sich 
als Nebenarbeit ein Wörterbuch sowol der alten niederdeutschen Schrift- 
sprache als der gesprochenen Mundart in Pommern auszuarbeiten. Er 
sammelte mit ausdauerndem Fleisse aus Handschriften, alten Drucken 
*owol wie aus dem täglichen Leben, was sich ihm darbot und suchte 
*or allem die Bedeutung der Wörter richtig zu . bestimmen nicht blos 
durch Beisetzung des hochdeutschen Wortes, sondern wo es Not that, 
auch durch Entwicklung des Begriffes selbst. Auf etymologische Deu- 
tungen Hess er sich kluger Weise gar nicht ein. Im Druck unterschied 
er sorgfältig die Wörter der älteren Quellen von denen der lebenden 
Mundart, erstere gab er in lateinischer, letztere in deutscher Schrift. 

*) 'Der grösste Theil der Pommerschen Kinder,' sagte er a. a. 0. 375, 
Verachten ihre Muttersprache, und taugen also vor sich alleine nicht völlig zu 
Lesung der Urkunden, so mit ihrer Muttersprache reden. Diese, und seihst einige 
auswärtige Gelehrte, können ein Pommersches Wörterbuch zum Dollmetscher 
brauchen. Vielleicht möchten auch gar die grossen Sprachverständigen, welche die 
Ähnlichkeit der verschiedenen Zungen untersuchen, einiges Licht daher nehmen.' 
«) V, 172 fgg. 

***) Die Allgemeine deutsche Biographie, IV, 700 fg., gedenkt des Wörter- 
baches von Dähnert mit keinem Worte. 

3* 



% 

Dähnerts Wörterbuch hatte seine natürlichen Lücken: schwerlich 
wird es 1 selbst bei langjährigem Sammeln und dem sorgfältigsten Auf- 
merken je gelingen, den Wortschatz einer Gegend zu erschöpfen. So 
lassen sich denn auch eine Reihe von Versuchen nachweisen, die 
Dähnerts Arbeit ergänzen und berichtigen: alle nur handschriftlich. 
Es lohnt nicht, sie einzeln zu besprechen. Keiner dieser Versuche 
tritt mit solcher Anmassung auf wie das 'Wörterbuch der sassisch- 
niederdeutschen od. sogenannten plattdeutschen Sprache. Ein Idiotikon 
für Neuvorpommern und Rügen. Mit besonderer Rücksicht auf Ety- 
mologie und Orthographie' von dem Greifswalder Theodor Drewitz, 
aus d. J. 1820 — 30. In der Vorrede wird Dähnerts UnVollständigkeit 
gerügt, ihm vorgeworfen, dass er auf die echte rechte sassische Or- 
thographie u. Etymologie zu wenig Rücksicht genommen: das mutet 
ganz Schellersch an, und in der That ist Karl Scheller, der Nieder- 
sasse, Muster für Drewitz, ja auch sein rechter Gewährsmann für die 
Beurteilung Dähnerts. Scheller kannte das Dähnertsche Wörterbuch 
blos dem Namen nach, trotzdem nannte er es unvollständig*). Drewitz 
begnügte sich damit den geschmähten Dähnert einfach abzuschreiben, 
allerdings in niedersassischer Orthographie, mit ganz unbedeutenden 
Zusätzen. Er kam mit dieser Schreiberarbeit blos bis c ligt\ 

Dähnerts Vorrede schloss mit dem Wunsche, dass die schätzbare 
hinterpommersche Sammlung seines Freundes des Praepositus Chri- 
stian Wüh. Haken bald erscheinen möge, die vorteilhafteste Ge- 
sellschaft für seine vorpommersche. Haken, durch seine Arbeiten auf 
dem Felde der Provinzialgeschichte rühmlich bekannt, hatte während 
seiner 22jährigen Wirksamkeit als Prediger in Jamund den Wortschatz 
Hinterpommerns, besonders des Striches von Cammin bis Rügenwalde, 
unter steter Berücksichtigung der Sprichwörtlichen Redensarten jnit 
hingebender Liebe bearbeitet. Die Handschrift des Wörterbuches, 
2 starke Quartanten, wurde bald nach dem Tode Hakens, um 1790 vom 
Minister von Herzberg um den Preis von 100 «f für die Akademie der 
Wissenschaften in Berlin gekauft, ist aber nie in deren Besitz gekommen 
und war 1832/3 trotz eifriger Nachfragen nicht mehr auffindbar**). 



*) Vgl. K. F. A. Scheller, Bücherkundc der Sassisch-Niederdeutschen Sprache, 
Braunschweig 1826, 401 : 'Dähnerts Plattdeutsches Wörterbuch .... Ist mir nur 
dem Namen nach bekannt, und, soviel ich höre, unvollständig. Mögte man bei dem 
derzeitigen Sprachforschungseifer ein ganzes allgemeines Sassisches Wörterbuch 
nach den vorhandenen Schriftdenkmälern bearbeitet haben, um nicht so viele unge- 
nügende Bruchstükke zu erhalten, die, wie es scheint, keine grosse Aufnahme fanden." 
**) Vgl. Pommcrschcs Archiv 1784, 388 fgg. Baltische Studien II, 147. 
Proben brachten Brfiggcmanns Beschreibung von Pommern und Kochs Eurynome 
(1806). Vgl. die Mitteilungen aus Briefen des Superintendenten Haken im achten 
und neunten Jahresbericht der Gescllsch. für Pommerschc Geschichte und Alter- 
thumskunde, Stettin 1836, 39 fgg. Nach dem Briefe Levezows in Berlin, a. a. O. 
43 fg., war das Manuskript Hakens 1833 weder auf der Königlichen Bibliothek noch 
in den Archiven der Kgl. Akademie der Wissenschaften. Levezow sprach die Ver- 
mutung aus, es sei mit den Manuskripten von Oclrichs auf die Bibliothek des 
Joachimthalschen Gymnasiums gekommen. Nach einer gütigen Mitteilung des Herrn 
Dr. Bolte an mich findet sich auch dort keine Spur des Hakenschen Idiotikons. 



37 

Erhalten ist ein. weniger umfangreiches hinterpommersches Idio- 
tikon, welches der Prediger Ho mann, in den Jahren 1822 — 32 zu 
Budow bei Stolp gesammelt. Es sollte 1826 im Druck erscheinen, 
wurde aber auf den Rat des Prof. Zeune in Berlin vom Verfasser 
noch vervollständigt. 

Als unter dem 21. December 1831 ein von Prof. W. Böhmer in 
Stettin veranlasster Aufruf der Gesellschaft für Pommersche Geschichte 
in Stettin erschien*), der zu allseitigen Sammlungen für eine Bear- 
beitung der Pommerschen Mundarten aufforderte, stand Homann hoch- 
herzig von seinem Unternehmen ab, besonders weil Bischof Ritschi 
ein Sendschreiben 3. Januar 1832 erlassen, wodurch er alle Superin- 
tendenten Pommerns aufgefordert, durch die ihnen zugewiesenen Geist- 
lichen solche mundartlichen Sammlungen veranstalten zu lassen. Für 
ein günstiges Vorzeichen des glücklichen Gedeihens der von ihm 
angeregten Sammlung musste W. Böhmer es halten, dass bald nach 
dem Erlass des bischöflichen Sendschreibens Homann sein hinterpom- 
mersches Wörterbuch, einen stattlichen Folianten, der Gesellschaft zur 
freiesten Verfügung stellte**). Rasch folgten kleinere Beiträge von 
'2b Predigern, andere Mitglieder der Gesellschaft beteiligten sich so 
gut wie gar nicht. Der beste Beweis, dass wir in Bischof Ritschi 
einen Förderer niederdeutscher Sprachforschung in Pommern sehen 
dürfen, dem wir Dank schulden. W. Böhmer versuchte***) die Ein- 
sendungen 1833 zu verwerten, um Natur und Lage der Mundarten 

*) Vgl. Bericht über die 8. Generalversammlung der Gesellscli. für Pom- 
mersche Gesch. und Altcrthumsk., Stettin 1H82, 23 fg.: 'Prof. Böhmer berührte als- 
dann die von der Gesellschaft überall in der Provinz veranlasste Sammlung und 
Aufzeichnung von. Beiträgen zur Kenntnis der niederdeutschen Mundarten . . . und 
verbreitete sich über den jetzigen Stand des mit glücklichem Erfolg betriebenen 
Unternehmens . . . Dem verehrlichen Berichterstatter wird es alleiu gedankt, dass 
diese lohnende Arbeit vorgenommen wurde und auf so umsichtige Weise erfolgt, 
in welcher philologische Schärfe und historische Auffassung so glücklich vereinigt 
?ind, dass sie jedem ähnlichen Beginnen durchaus als Muster vorgehalten werden kann. 7 

**) Durch die Liberalität der Gesellschaft steht mir der B^ind Ms. Fol. 5 zur 
freien Verfügung. Er enthält auch das Schreiben Homanns, Budow, 5. März 1832, 
an« welchem ich zur Ehre des uneigennützigen Mannes die folgende Stelle mitteile : 
'lh ich seit etwa zehn Jahren schon auf den Gedanken kam, die verschiedenen 
Provinzialwörter in hiesiger Gegend zu sammeln und dabei besouders auf die platte 
Ansprache des gemeinen Mannes zu sehen, so hat sich nach und nach unter meinen 
Händen ein ziemlich vollständiges und voluminöses Wörterbuch gebildet, welches 
ioh Willens war einem Buchhändler zu übergeben, um solches zum Abdruck zu 
Mordern. Diesen Entschluss fasste ich schon -im Jahre 1826, wurde aber durch 
den Herrn Professor Zeune in Berlin, dem ich die Abschrift einiger Buchstaben des 
Wörterbuches zur Probe eingesandt, veranlasst, bis jetzt damit zu zögern, um desto 
vollständiger meine Absicht zu vollführen. 

Indessen will ich gerne von meinem Vorsatz abstehen, da ich nun ersehe, 
da*« dieser Gegenstand von der resp. Gesellschaft dor Pommerschen Alterthums- 
kimde berücksichtigt werden soll, indem ich hoffe, dass die gemeinsamen Bemühungen 
derselben etwas weit vollkommeneres zu bieten im Stande sind, vornehmlich, dass 
die so sehr verschiedenen Dialekte oder Mundarten in Pommern ermittelt werden, 
fterne will ich daher das Product meines zehnjährigen, so mühsamen Fleisses Ihnen 
nach Stettin einsenden und zu Ihrer eigenen Disposition überlassen. 1 

***) Baltische Studien II, 139 fgg. 



38 

Pommerns in Umrissen anzudeuten. Unterstützt durch die Nachfor- 
schungen des Oberlehrers Scheibert in Stettin, fand er, dass in 
Pommern zwei gründlich verschiedene niederdeutsche Mundarten neben 
einander bestehen, in der alle Unter- und Spielarten der Provinz be- 
griffen, die eine sei rund, leicht, ohne alle Doppellaute, grosser Be- 
hendigkeit fähig, die andere breit an Lauten, schwer bis zur Trägheit 
und Härte, erfüllt mit gewissen Diphthongen und nachklingenden 
Vokalen. Richtig erkannte Böhmer, dass zum Erreichen seiner Haupt- 
absicht, einen vollständigen Überblick der Mundarten Pommerns zu 
gewinnen, viel reichhaltigere, sorgfältigere Beiträge aus allen Gegenden 
Pommerns eingehen müssten. Es ist schwer zu begreifen, wie Böhmer 
auf Grund des unbedeutenden Materials, welches ihm zur Verfugung 
stand, die eben erwähnte Einteilung der Mundarten Pommerns be- 
haupten konnte. Dass er die mundartlichen Forschungen in den fol- 
genden Jahren fortgeführt, ist nicht bekannt. Er starb 1842, ohne 
dass er seine Absicht merklich gefördert hatte. Sein Aufruf konnte 
übrigens leicht irreführen, wie Kosegarten gleich warnend hervorhob*). 
Die Böhmerschen Proben der Pommerschen Mundarten gaben nicht 
die einfache natürliche Gestalt der Sprache, sondern setzten etwas 
darein, die gezierten künstlichen Ausdrücke zu gebrauchen, die nie 
als Unterschiede der Mundarten gelten können. Bei Sprachforschungen 
muss man sich zuvörderst an die einfache natürliche Sprache halten. 
Ferner rügte Kosegarten mit Recht die gewählte Wortschreibung, die 
zu sehr von der Etymologie abweiche und sich ganz der Aussprache 
hingebe, keine Schrift thue dies, denn sie würde in heilloses Schwanken 
fallen, wenn sie der unendlich schwankenden Aussprache sich ganz 
hingeben sollte, ohne doch mit ihren Buchstaben den gesprochenen 
Lauten nachkommen zu können. 

Mit ganz anderem Erfolge als Böhmer richtete in den letzten 
Jahren Ulrich Jahn seine Aufmerksamkeit auf das Volkstümliche 
in Pommern: 1886 erschien seine reichhaltige Sammlung Volkssagen 
aus Pommern und Rügen, in demselben Jahre sein Buch über Hexen- 
wesen und Zauberei in Pommern. Noch ergiebiger wird seine Sammlung 
Pommerscher Märchen sein, die den reichsten Ertrag für die Wissen- 
schaft versprechen. Dankbar ist seine Absicht anzuerkennen, in seinen 
Werken über Pommersches Volkstum zuverlässige Stoffsammlungen 
für Untersuchungen über die Mundarten Pommerns zu bieten. 

Während die bisher besprochenen Arbeiten, abgesehen von den- 
jenigen Jahns, nur innerhalb Pommerns Anerkennung gefunden und 
Nacheiferung geweckt, aber die Entwicklung der niederdeutschen For- 
schungen nicht beeinflussen konnten, habe ich nunmehr einen pom- 
merschen Gelehrten zu nennen, der durch seine mustergültige Bear- 
beitung niederdeutscher Literaturwerke bahnbrechend wurde fiir die 
niederdeutsche Philologie, und nicht blos für sie, sondern auch für 
die deutsche Rechtswissenschaft, den Wolgaster Carl Gustav Homeyer. 



*) Siebenter Jahresbericht, Stettin 1836, 64 fgg. (== Balt. Studien III, 176 feg.)- 



39 

Durch ihn und seine Ausgaben der sächsischen Rechtsbücher erhielt 
die Beschäftigung mit niederdeutscher Sprache und Literatur einen 
echt wissenschaftlichen Charakter. Was J. Grimm und Karl Lachmann 
for die deutsche Philologie geleistet, das wurde hier mit sicherer Hand 
und glänzenden Erfolgen an den bedeutendsten sächsischen Rechts- 
denkmälern verwertet. Aus einer grossen Zahl von Handschriften des 
Sachsenspiegels wurde die beste und korrekteste ausgewählt, die der 
Ausgabe zu Grunde gelegt wurde, die übrigen nach ihrem Werte für 
die Geschichte und Entwicklung des Rechtsbuches untersucht. Mit 
jeder Ausgabe erweiterte sich die richtige Erkenntnis. Ebenso wuchs 
das Register immer entschiedener zu einem erklärenden Index verborum 
et rerum. Seitdem war es unmöglich niederdeutsche Literatur und 
Sprache anders als streng wissenschaftlich zu behandeln. 

Von den Sprachforschern, welche seit den dreissiger Jahren, 
in der Zeit von 1830 — 1870, sich der niederdeutschen Philologie 
zuwandten, erreicht nicht einer die wissenschaftliche Bedeutung der 
beiden Pommern Joh. Gottfr. Ludwig Kosegarten und Albert 
Hoefer. Beide Professoren in Greifswald, der eine für alttestament- 
liche Exegese u. Orientalia, der andere für vergleichende Sprach- 
wissenschaft und deutsche Philologie. Beiden entsank die Feder, ehe 
sie ihre Lieblingsarbeiten, natürlich niederdeutsche, zum Abschlüsse 
gebracht. 

Beide wandten schon früh ihre volle Aufmerksamkeit dem Nieder- 
deutschen zu und entschlossen sich jeder für sich ein pommersches 
Idiotikon und ein mittelniederdeutsches Wörterbuch auszuarbeiten. 
Hoefer trat Herbst 1838 mit dem Plane eines Wörterbuches der pom- 
mersch-plattdeutschen Mundart hervor. Der fleissig gearbeitete Dähnert 
sollte die Grundlage bilden, auf ihr sollte das neue Werk sich erheben, 
welches den im Munde des Volkes erhaltenen Sprachschatz in mög- 
lichster Vollständigkeit umfassen und sprachwissenschaftlich bearbeiten 
wollte, ein Anhang sollte Volkslieder und Märchen bringen. Fast 
gleichzeitig kündigte Kosegarten, der früher nur eine Neubearbeitung 
des Dähnertschen Wörterbuches geplant, ein allgemeines Wörterbuch 
der niedersächsischen oder plattdeutschen Sprache älterer und neuerer 
Zeit an, welches von Ostern 1839 an erscheinen sollte. Erst 1856 
erschien die 1. Lieferung des I. Bandes des Wörterbuches der nieder- 
deutschen Sprache der älteren und neueren Zeit, 1859 folgte die 2., 
1*60 die 3.; alle 3 440 Seiten a — angetoget. Mindestens 20 starke 
Quartbände hätte Kosegarten gefüllt, wenn er dem Anfang entsprechend 
fortgefahren, 1860 starb er, 35 starke Folianten mit Vorarbeiten für 
das Wörterbuch hinterlassend, aber nicht ein Artikel ist druckfertig 
und doch legt jede Zeile Zeugnis ab für seine ausserordentliche Gelehr- 
samkeit, seinen unermüdlichen Fleiss. Noch weniger gedieh ein anderes 
Werk Kosegartens, seine Saxonia, welche verschiedene mittelnieder- 
deutsche Schriften umfassen sollte, Meister Stephans Schakspil, das 
niederdeutsche Hildebrandslied nach einem Druck des 16. Jh., das 
niederdeutsche Heldenbuch, die niederdeutschen Volksbücher von den 



40 

7 Meistern, Griseldis, Melusina u. a. Der Druck hatte eben begonnen, 
als der Tod den verdienten Forscher aus einer reichen und gesegneten 
Wirksamkeit abrief*). Er hatte nur seiner Wissenschaft gelebt, nie 
ehrgeizige Ziele verfolgt, so Hess er gerne die eigene Arbeit ruhen, 
um für andere das Material herbeizuschaffen und sie bei ihren Unter- 
suchungen zu fördern. Wie kaum ein anderer hat Kosegarten Mit- 
forscher durch briefliche Auskunft unterstützt, er verpflichtete sich so 
zu stetem Danke Jak. Grimm, Hasselbach, Klempin, K. E. H. Krause, 
Karl Regel, Fried. Lisch, Carl Michael Wiechmann und viele andere, 
und wirkte so in der Stille ungemein im Dienste der niederdeutschen 
Forschung. 

Hoefer kam gar nicht zur Verwirklichung seiner lexikalischen 
Pläne, zuerst hemmte ihn die Rücksicht auf Kosegarten, dann Kränk- 
lichkeit, so dass seine umfassenden, sorgfältigen Sammlungen sowol 
für die nd. Schriftsprache als für die pommersche Mundart hand- 
schriftlich geblieben. — Um der unverdienten Nichtachtung des Nieder- 
deutschen entgegen zu treten und sich mit Ernst und Liebe um eine 
gründliche Kenntnis desselben zu bemühen, begründete er 1830 'die 
Denkmäler der niederdeutschen Sprache und Literatur nach alten 
Drucken und •Handschriften', weil er der Ansicht war, dass es zunächst 
auf die Veröffentlichung möglichst vieler niederdeutscher Denkmäler 
ankomme. Nur 2 Bändelten erschienen, da der Verleger keinerlei Opfer 
zu bringen geneigt war. Um so mehr wirkte Hoefer für Erforschung 
des Niederdeutschen durch seine kleineren Aufsätze in seiner 'Zeitschrift 
für die Wissenschaft der Sprache', der ersten sprachwissenschaftlichen 
überhaupt, und in der Germania. Nach meiner Ansicht würde eine 
besondere Ausgabe derselben noch heute eine wertvolle Förderung der 
niederdeutschen Sprachforschung sein**). 

Zum Schlüsse muss icli eines Dilettanten***) gedenken, der mit 
leidenschaftlicher Begeisterung das Niederdeutsche erfasst und der dieser 
Leidenschaft sein ganzes Vermögen, seine Zeit, seine Gesundheit opferte, 
um 1885 unbekannt und arm zu sterben. Der Name dieses Schwärmers 
ist Christian Gilow, wan dages Thierarzt in Anklam. Seine nieder- 
deutschen Bücher Hess er auf eigene Kosten drucken, gegen 10 000 «f 
opferte er dafür: er hatte sie im Selbstverlag, fand aber keine Ab- 
nehmer. Er veröffentlichte u. a. 1S(>S 'Leitfaden für plattdeutsche Sprache 
mit besonderer Rücksicht der südwestlich-vorpommerschen Mundart' 
(176 Seiten), 1871 4 De Diere as man to seggt un wats seggen' (unge- 



*) Es ist ein Irrtum, wenn die Allgemeine Deutsche Biographie XVI, 744 
behauptet, dass Kosegarten eine Reihe niederdeutscher Schriften unter dem Titel 
'Saxonia' herausgegeben; nur der 1. Bogen, den Anfang des Stcphansohen Schach- 
spiels enthaltend, wurde gedruckt, mit dem Tode Kosegartens aber der Druck ein- 
gestellt, da kein druckfertiges Manuskript vorlag. 

**) Vgl. meinen Aufsatz über Albert Hoefer, Jahrbuch des niederdeutschen 
Sprachvereins X, 148 fgg. 

***) Nach gütigen brieflichen Mitteilungen des Herrn Konrektors C. H. Oelgarte 
zu Treptow a. d. Tollense. 



41 

fähr 800 Seiten), 1878 { de Planten, as man to seggt un wats 
seggen. Botanisches und niederdeutsches Wörterbuch für Landwirte, 
Ärzte, Apotheker, Theologen und Philologen.' 7 Bde. (circa 3700 Seiten). 
1863 oder bald nachher machte er der Greifswalder Universitäts- 
Bibliothek sein reichhaltiges vorpommersch-niederdeutsches Wörterbuch, 
17 starke Quartbände, zum Geschenk: viele Spreu, aber auch viele 
Goldkörner. Gilow war fest überzeugt, dass seine Arbeiten und Samm- 
lungen Nutzen stiften würden, für sich verlangte er nichts: 'dat kümt 
ierst na minen dode!' pflegte er zu sagen, wenn die Rede darauf kam. 

Und er soll sich nicht getäuscht haben; seine Sammlungen werden 
gute Dienste leisten, wenn endlich der Versuch gemacht wird, das 
reiche Material, das in Greifewald, Stettin und anderswo aufgespeichert 
liegt, für ein Wörterbuch der pommerschen Mundarten zu verwerten. 
Ich werde Sorge tragen, dass es endlich geschieht, bitte aber, mir 
über vorhandene Sammlungen, die mir unbekannt geblieben, Nachricht 
zu geben. 

Unzweifelhaft ist mir manche Arbeit pommerscher Gelehrten, 
die nur handschriftlich auf Bibliotheken bewahrt wird, entgangen. 
Das besprochene zeigt aber zur Genüge, dass Pommern sich nicht 
blos eifrig zu allen Zeiten an der niederdeutschen Sprachforschung 
beteiligt, sondern wirklich grosse Verdienste um dieselbe erworben 
hat. Gerade Pommerschen Gelehrten und den von ihnen angeregten 
Forschern haben wir es zu danken, dass die Beschäftigung mit nieder- 
deutscher Sprache und Literatur zur Wissenschaft der niederdeutschen 
Philologie gediehen. 

Um so auffallender ist der geringe Anklang, den der Verein für 
niederdeutsche Sprachforschung während seines 13jährigen Bestehens 
in Pommern gefunden hat, die Prediger fehlen ganz, die Lehrer sind 
nur sehr spärlich vertreten, zählt der Verein doch bisher in dieser 
Provinz nur 22 Mitglieder, darunter mehrere Nichtpommern. Es ist 
nicht leicht zu sagen, wer die meiste Schuld trägt, der Verein oder 
Pommern. Ich möchte glauben, dass der Verein nicht genug Sorge 
getragen hat, in Pommern bekannt zu werden. 

Hoffentlich regt sich bald wieder in Pommern der alte Eifer für 
die heimische Mundart. Der deutsche Unterricht an den höheren 
•Schulen in Pommern sollte sich den Vorteil, den die niederdeutsche 
Mundart der Schüler bietet, nicht entgehen lassen; durch richtiges 
\ ergleichen hochdeutscher und niederdeutscher Worte, Wortformen 
und Ausdrucksweisen würde das Gefühl für die Erkenntnis sprachlicher 
Erscheinungen, des Sprachlebens überhaupt geschärft, und so die 
Grundlage geschaffen für fruchtbringende Behandlung des gesammten 
Sprachunterrichtes. Grosse und schwere Aufgaben hat die nieder- 
deutsche Philologie in Pommern noch zu lösen. Vor allem muss der mund- 
artliche Wortschatz Pommerns sorgfältig gesammelt und wissenschaftlich 
verwertet werden und durch Vorgleichung mit dem anderer nieder- 
deutscher Gegenden das sprachgeschichtliche Material gewonnen werden 
iur die Geschichte der Kolonisation und Germanisation Pommerns. 



42 

Nicht minder wichtig und notwendig ist eine Geschichte der nieder- 
deutschen Schriftsprache in Pommern, wofür es noch keine Vorarbeiten 
gibt, während auf lexikalischem Gebiete die vorhandenen Sammlungen 
einen kräftigen Grundstock bilden. Also Arbeit die Fülle. Möchten 
auch in Zukunft die Pommern sich um die niederdeutschen Studien 
verdient machen, damit sie ihrer Vorfahren sich wert erweisen. 

GREIFSWALD. AI. Reifferseheid. 



Laurembergs 
handschriftlicher Naehlass. 



Als ich im Juli des vorigen Jahres die Handschriftenverzeichnisse 
der Königlichen Bibliothek zu Kopenhagen durchsah, stiess ich zu 
meiner Überraschung auf verschiedene Werke von Johann Lauremberg, 
die weder in der sorgsamen Ausgabe, welche Lappenberg 1861 von 
den niederdeutschen Scherzgedichten für den Stuttgarter literarischen 
Verein veranstaltete, noch in der liebevoll eingehenden und manches 
neue archivalische Material verwertenden Monographie von L. Daae 1 ) 
noch sonst in den sich mit diesem Dichter und Gelehrten beschäfti- 
genden Arbeiten erwähnt worden sind. Sind nun auch die meisten 
dieser Handschriften nicht geeignet, durch ihren Inhalt das eingehende 
Interesse des Litterarhistorikers in Anspruch zu nehmen, so bedarf 
doch eine kurze Aufzählung an dieser Stelle um so weniger einer 
Rechtfertigung, als zwei derselben auch einen schätzenswerten Beitrag 
zur Geschichte der niederdeutschen Dichtung abgeben. 

Schon von Lappenberg verzeichnet ist ein Werk Laurembergs, 
welches erst 1660 nach dem Tode des Verfassers von Samuel Pufen- 
dorf in Druck gegeben wurde: 31 Landkarten des alten Griechenlands 
mit lateinischem Texte, betitelt: 

V. Cl. JOANNIS LAURENBERGI GRAECIA ANTIQUA Edidit SAMU- 
EL PUFENDORF. o. 0. u. J. Quer 4°. — Die Vorrede des Heraus- 
gebers trägt das Datum „Lugd. Bat. prid. Eid. Quintil. 1660". Auf dem 
Titel des kopenhagener Exemplars findet sich der handschriftliche Zusatz: 
Amstelodami, Apud Joannem Janssonium, Anno Christi cId IQCLX. 
Diese Arbeit muss den Soröer Professor lange beschäftigt haben; 



J ) Om Humanisten og Satirikeren Johan Lauremberg. Univereitetsprogram 
i Anledning af Universitetets Holbergsfest 3die December 1884. Christiania 1884. 
Fehlt bei Goedeke, Grundriss * 3, 236, ebenso wie Erich Schmidts fördernder Artikel 
in der Allgemeinen deutschen Biographie 18, 58 f. Einige biographische Nachrichten 
über Lauremberg bei A. Sach, Joachim Rachel 1869 S. 64—66 sind bisher unbe- 
achtet geblieben. 



43 

denn die Kopenhagener Königliche Bibliothek bewahrt nicht weniger 
als fünf verschiedene Handschriften derselben: 

1) Mscr. Thott. 538 fol. „THE EAAAAOS Owotuto^i; y^YP*? 130 ?-* 
2 Bl. & 64 S. Text mit Tafeln 4- 3 Bl. klein Folio. Die undatierte 
griechische Widmung von IwavvDs Aaupe^spyio? 'OXifapica Po&ocre- 
oivw, d. h. an den durch seine Gelehrsamkeit berühmten Grafen 
Holger Rosencranz (1574 — 1642), liefert uns wenigstens eine ungefähre 
Zeitbestimmung und erklärt zugleich die kostbare Ausstattung der 
Handschrift. Dieselbe ist nämlich sehr zierlich auf Pergamentblätter 
geschrieben, deren Ränder gleich den Initialen reiche Vergoldung 
zeigen. Die fortlaufende Erklärung der Karten und die Namen auf 
diesen sind ebenfalls in griechischer Sprache abgefasst. Eine genaue, 
doch minder prächtig ausgestattete Kopie ist 

2) Mscr. Gamle kongelige Sämling 449 fol. auf Papier. Die 
Zeichnungen sind auf gefirmstem Papier durchgepaust. 

3) Mscr. Gamle kongelige Sämling 2139 in 4 Q . „THS EAAAAOS 
*7r/ni™<ns EIS ES OINAKAS AIHPHMENH, oU SiaypacovTat EAAAS 
OAIRflS, MAKEAOMA, EnEIPOS, AXAIA, IlEAOnONlNHSOS, 
KVKAAAES NHEOI, Otto *Ia>. Aaupe[/,ßepy(ou PoSotoACtou, taTpo^t)iX- 
b;vo$.* Es sind nur 6 kolorierte Karten auf Pergament, im selben 
Format wie 1 und 2, mit griechischen Namen, ohne erklärenden Text. 

4) Mscr. Gamle kongelige Sämling 448 fol. „EAAAE. GR^CIA 
ANTIQVA ET HODIERNA, Tabulis Geographicis illuftrata ac defcripta 
ab JOANNE LA VRENBERGIO." Es sind 32 sehr sorgfältig gezeich- 
nete Karten in etwas grösserem Massstabe und mit lateinischen Namen. 
Ein Text fehlt. 

5) Mscr. Thott. 539 fol. „THE EAAAAOS YnOTTnQSIE 
rEürPA<MKH. Ali Iw. AaupefjßepYiou, Mz^'OLTzokfcou." 30 Karten im 
Format von Nr. 4, mit lateinischen Namen, ohne Text. 

6) Mscr. Thott. 221 fol. Tafeln in Grossfolio zu: „Domini Lau- 
renbergii Praelectiones Geometricae in Academia Sorana elucidatae*. 

7) Mscr. Thott. 1073 in 4°. „JOH: LAURENBERGII OTIUM 
SORANUM ET PROBLEMATA AC QUjESTIONES ARITHMETICAE.« 
W den beiden hierin enthaltenen Werken ist das erste, auch „Epi- 
grammata exercitationibus arithmeticis accommodata* genannt (1 Bl. -+- 
116 S. 4°), unter dem Titel „Ocium Soranum" 1640 zu Kopenhagen 
in 4° gedruckt (vgl. Lappenberg S. 186); doch schliesst der Druck 
*chon mit dem 61. Epigramm Xepcriou xeiparjiipiov, während in der 
Handschrift noch fünf weitere Nummern folgen; Nr. 66 heisst Moucrawv 
rc&xi. Bisher unbekannt war die angehängte Sammlung von 62 
arithmetischen Aufgaben in lateinischer Prosa: „PROBLEMATVM AC 
QVAESTIONVM ARITHMETHICARVM LIBER. JOAN. LAVREM- 
BERG propofuit & folvit.« 1 Bl. -+- 39 S. 4°. Vorreden und Zeit- 
angaben fehlen beiden Werken. 

8) Mscr. Gamle kongelige Sämling 2047 in 4°, „Collectio poe- 
matum Latinorum et Gallorum ad historiam saeculi XVII, u 35 Bl. 4°, 



44 

Enthält auf der letzten Seite ein Gedicht in lateinischen Trimetern, 
betitelt: „Novis Sponsis Johanni Georgio Quirino Civi et Oenopolo 
Hauniensi et Gertrudi Ulrichiae Conjugium felix et foecundum opto 
J. L. Sorae 1647." Dass die Initialen J. L. auf J. Lauremberg zu be- 
ziehen sind, wird unzweifelhaft durch die Thatsache, dass Morhof dies 
Hochzeitsgedicht 1684 (Kiel BL 4b) zusammen mit desselben Satyra 
und Querimonia herausgab. Vgl. Lappenberg a. a. 0. S. 193 und 
Daae S. 29; Anhang S. IV. 

9) Mscr. Gamle kongelige Sämling 2662 in 4°, betitelt: „MVSI- 
CALISCH BALLET. Darin vorgestellet werden die Geschichte ARIONS. 
Dem Durchlauchtichstem, Großmächtigstem Fürsten vnd Hern, Hera 
FRIDERICH, dem Dritten Konig in Dennemarck, Norwegen &c. auch 
Der Durchlauchtichsten Hochgebornen Furstinn vnd Frawen Frawen 
Sophia Amalia, Koniginn in Dennemarck, Norwegen, etc. Zur Glück- 
wünschung über die Geburt des Jungen Herleins Hertzogk Georg, 
unterthänigst praesentiret, von Joh. Laurenberg. u 23 BL 4°. — Da 
der Prinz Georg, welcher als Gemahl der Prinzessin Anna, der Tochter 
Jakobs IL von England, in der Geschichte bekannt ist, am 21. April 
1653 geboren wurde, vermögen wir die Entstehungszeit der Dichtung 
genau zu bestimmen. Doch muss dieselbe entweder aus unbekannten 
Gründen nicht dem Könige überreicht oder von demselben nicht be- 
achtet worden sein 1 ). Denn zwei Jahre darauf widmete Lauremberg 
sie in gedruckter Gestalt dem Könige bei einer ähnlichen Gelegenheit. 
Der Titel ist den Umständen entsprechend verändert: 

MUSICALISCH | Schawspiel, | Darimi vorgestellet werden die Ge- 
schichte | ARIONS. | Dem Durchleuchtiehstem, GroDmächtigstem Fürsten 
und Herrn, | Herrn FRIDERICH dem Drit- | ten, König in Denmarck, 
Norwegen, zc: | Auch | Der Durchleuchteten, Hochgebohrncn Fiirstinn 
und Frawen, | Frawen SOPHIA AMALIA, | Koniginn in Dcnmarck, Nor- 
we- | gen, ?c: | Zur Glückwündschung über die Huldigung | Des Durch- 
leuchtigsten Printzen | Hertzog CHRISTIAN, <Sx. j Vnterthänigst prtefen- 
tirt. || Copenhagen, | Gedruckt von Peter Morsing Königl. und Acad. 
Buchdr. | Im Jahr 1055. | 5 Bogen 4*. — Die Vorrede ist unterzeichnet : 
Sorae, Nomine Academiac f. Joh: Lauremberg. Vgl. Lappenberg S. 
177 f., 191 f. und Daae 8. 02. Fehlt bei Goedeke, Grundrüs ■ 3, 213. 

Auf den Inhalt des Ballets, in welchem sechs Oden (Genius, 
Neptunus, Daphorinus [= Lauremberg], Arion) und sechs Chöre (drei 
Furien, drei Tugenden, vier Schifter, Nereiden und Tritonen) mit ein- 
ander wechseln, hier einzugehen liegt keine Veranlassung vor. Die 
Handschrift weicht nur darin von dem späteren Drucke ab, dass sie 
am Schlüsse noch eine in jenem fehlende niederdeutsche Scene enthält, 
ähnlich wie in den 1634 zu Kopenhagen aufgeführten drei Zwischen- 
spielen Laurembergs, welche Jellinghaus und Nissen in diesem Jahr- 
buche III, 91 — 100 und XI, 145 — 150 mitgeteilt haben, knüpft die 

x ) Zur Taufe des Prinzen wurde ein Ballet „Die vier Elementen 4 * Kopenhagen 
1653. 4° gedruckt und aufgeführt (Exemplar in Stockholm). Die Kopenhageuer 
Bibliothek besitzt nur eine dänische und eine französische Übersetzung: „De tire 
Elementer . . . forestillet den 17. Juli 1653, äff Tydskcn paa Dansk udsat af P. N. M. 
(Köbenhavn 1653). tf HS. 4°. „Ballet des quatre elemens sur l'heureuse naissance 
de Georges Duc de Holstein" (1653) 6 BL 4°. 



46 

Unterhaltung des kleinen Bauernknechtes mit der langen Magd, die 
ihm noch zu klein zum Heiraten ist, an den eben dargestellten mytho- 
logischen Vorgang an, den Spässen vergleichbar, mit denen der Pickel- 
häring die ernsthafte Haupthandlung in den Schauspielen der englischen 
Komödianten begleitete. Statt der Prosa aber hat diesmal der Dichter 
die metrische Form gewählt, und zwar lassen die überschlagenden 
Reime vierzeilige Strophen erkennen, welche allerdings nicht durch 
Absätze hervorgehoben sind. Da jedoch der Bauerntanz inmitten eines 
Singspiels erscheint, so ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Verse 
wie die kleinen Possenspiele der englischen Komödianten nach einer 
bekannten Melodie abgesungen wurden. Somit haben wir, w T enn wir 
Ton dem nur aus dem Hochdeutschen herübergenommenen Liede 
.0 Xaber Rubbert Ä1 ) absehen, das älteste bisher nachgewiesene nieder- 
deutsche Singspiel vor uns. Ich lasse nun den Text desselben folgen. 



Bawrentantz zum Epilogo. 

Ein Kurtzer dicker Bawer knecht, vnd lange Bawer Magdt. 

K[necht.] Wor geistu hen, wor bliffstu doch, 
du schmucke Kiene deerneV 
Du weest, dat Ick di leve noch 
vnd mag di sehen so gerne. 
5 Wat achte ick, dat ein Hafman 
mit sinem dantzen prale? 
ein Buer Knecht ock woll danßen kan 
vnd springen up vnd dale. 
M[agd.] Mi dünckt, dit Volckschen althomahl 
10 schodüvellen löpt hierbinnen, 

se hebt sick up dem schönen Sael, 
alß weren se nicht by Sinnen. 
Wat was dat vor ein Sküßlick dinck*), 
dät dar quam sacht her krupen? 
15 Ick meend, alß ick dar nah by gingk, 
Dat ick my scholde bepupen. 
De Keerle, de up dem Spoke reet, 
de makede vel vertöge; 
he qverckede, lyck ein Varcken deit, 
20 wen idt söcht na der Söge. 
Kfnecht.] Ick wolde nicht vor twintig Marck 
dar hebben up geseten, 
idt sach mi an so glüpisch starck, 
ick hadde my schier beschetcn. 
25 Wenn ick up sülcker Söre skold 



■) Niederdeutsche Volkslieder, Hamburg 1883 S. 109 Nr. 148. Vgl. weiter 
unten: 'Pas Liederbuch des Peter Fabricius.' 

*) Sie meint den Delphin, auf welchem der ins Meer gestürzte Arion ritt. 



46 

van unsem Dörpe wegriden 
hen na de Stad, ick würde woll 
tho bringen Jahres tiden. 
M[agd.] De ruckelrey 1 ) so dulken stund, 
30 den düße Wiever sprangen, 

dat Leed dat waß so kakelbund, 
dat Se dar tuschen sungen, 
se makeden sick so scheeff und krum 
vnd schüddeden Buek und darmen, 
35 se hüppeden dörch malkander rum, 
alß wenn de Immen schwärmen. 
K[necht.] Wat frag ick na sulck Hummethey? 
ick acht idt nicht gar väle, 
ick hold idt mit dem Lulckendey 
40 und mit dem Lierenspäle 8 ). 
M[agd.] Wy hebben nichts tho dohn darmed, 
lath unß van frien schnacken; 
do ick di lest van frien seed, 
du wisdest mi de hacken. 
45 K[necht.] Wat schold ick dorvan koltzen 8 ) mehr? 
du bist noch veel tho kleene, 
du schlöpst noch woll ein Jahr edr vehr 
by diner Möhme allene. 



l ) Ein Hochzeitstanz; vgl. Schiller-Lübben, Mnd. Wörterbuch 3, 519 f. 

') Lulkendey, Sackpfeife; Liere, Drehleier, deren über einen Resonanz - 
kästen gespannte Saiten durch ein mit Harz bestrichenes Rad gleichzeitig zum Tönen 
gebracht werden. Beide werden als „bäurische Instrumente u von Rist 1653 genannt 
(Jahrbuch 7, 159). Ebenso erscheinen Lulkendey bei J. Burmeister, Xokjto; 
xeoaffuivo; 1605 Bl. D 2a, Lüllckenpipe (— Lulkendey), Dudey, Schalmei, Flöyte 
una Fidel bei E. Herlicius, Musicomastix 1606 Bl. B ij b. J j a u. ö., Lyre bei 
Schlu, Isaac 1606 Bl. 42a, Lüll'kendey und Schalmey bei D. Friderici, Tobias 
1637 S. 297 nur in den Händen von Bauern. Auch ein Mensch wird Lulkendey 
genannt; bei Z. Zahn, Tragoedia fratricidii 1590 Bl. E ij b sagt Cain: „Getrost 
vnd guter ding du sey, Sanct Yalten hab der Lilckendsy." Gabr. Rollenhagen, 
Amantes amentes 1609 IU, 5: „Wei bistu denn, du lulkendeij?" Lyrum Lolle- 
kendey als Refrain eines Tanzliedes bei Böhme, Altdeutsches Liederbuch Kr. 306 
und Eitner, Das deutsche Lied 2, 251. Vgl. nid. lullepijpe, und Grimm, DWB 6, 
1288. — In dem Freudenspiel „Tugend- und Liebes-Streit" (Bevern 1677 III, 
5 Bl. Eijb; vgl. J. Meissner, Die englischen Komödianten in Österreich 1884 
S. 111—126) fragt Pickelhäring die als Knabe verkleidete Silla: „Auff was 
Instrumenten kanstu dann?" — Silla: „Ich verstehe etwas auff der Viol di gamba, 
auff der Laute, auff der Zitter, auff der Harpffe, auff der Flöhte, und hab auch ein 
gut Fundament auff dem Spinet zu spielen. u — Pickelhäring: „Was? Seynd 
das die Instrument, einen grossen Herrn damit lustig zu machen? Weg mit diesen 
Lappereyen, es seyen Bawren Instrument, und gehören in die Schencke vor die 
Bawren -Knechte. Aber kanstu nicht auff der Sackpfeiffen, auff dem Runpelpott 
[vgl. Korrespondenzblatt 7, 9. 8, 34], auff der Strofiedel, auff der Leyer, auff der 
Maultrommel, auff dem Polnischen Bock? das seynd Instrumenta vor einen grossen 
Herrn." — Silla: „In Cypern brauchen die Bawren solche Instrumente." 

■) k o 1 z e n braucht G. Rollenhagen im Vorwort zum Froschmeuseler Bl. A 5h 
vom Schnattern der Weiber und Gänse: „köddern, kolzen, kosen und kallen", vgl. 
Grimm DWB 5, 1624. Bei Gerhard von Minden 31, 42 steht kolsen vom Gesang 
der NachtigaL 



47 

M[agd.] Din Sch[n]ack den düvel richten döcht; 
50 Ick kamer woll mit thorechte, 

Ick heb ydt all so offte versöcht 

mit Sivert unsem Knechte. 

Iß idt din Ernst und iO kein tand, 

dat du mi willest habben, 
55 so giff mick etwas up de hand 

vnd pype mick up de Habben 1 ). 
K[necht.] Sühe dißen dicken dahler dy 

Ick up de habbe*) gäve, 

und du skalt nahmals wesen my 
60 de allerleffste Täve. 

CHORVS VII. 
Mit Trompeten und Heerpaucken. 



10) Wichtiger als die bisher aufgezählten Stücke ist endlich das 
Mscr. Gamle kongelige Sämling 20G9 in 4°: „Skimpgedichte, | Van 
etliken Stücken na der itz | gebrückliken Mode, | Alse, Kleder, Sprake, 
Poesie, &c. | In Nedderdüdisk gerimet." 34 Bl. 4°. — Der ungenannte 
Autor ist, wie der erste Einblick in diese bisher nicht beachtete *) Hand- 
schrift ergiebt, Lauremberg; es ist, um es kurzweg auszusprechen, die 
älteste Fassung der vier berühmten Scherzgedichte, also vor 1652 
entstanden. 

Von der im Drucke veröffentlichten Gestalt (D) unterscheidet 
sich der hsl. Text (H) erstens durch seinen Umfang; er enthält *42 -h 
*1710 = *1752 Verse, die Drucke dagegen 42 -+- 456 -+- 798 -+- 
494 -f- 696 -h 138 = 2624 Verse, also etwa die Hälfte mehr. Ferner 
zeigt die Handschrift nicht die Einteilung in vier Bücher, sondern 
ungehemmt durch Einschnitte und Überschriften, in behaglichem Plau- 
dertone fliesst die Rede des Dichters fort. Nur bei V. *379 bedient 
sich derselbe einer andern Einkleidung, indem er einem gleichgesinnten 
Freunde das Wort erteilt und diesen drei Viertel dessen, was er selber 
auf dem Herzen hat, in einem Bjriefe an Hans Wilmsen aussprechen 
lässt. Das frische Vorwort in trochäischen Strophen ist beiden Re- 
eensionen gemeinsam; den Epilog spinnt D zu 138 Versen aus, während 
H sich mit 22 begnügt. Die Plusverse von D in den vier Scherz- 
gedichten selber kennzeichnen sich als weitere Ausführungen desselben 
Grundgedankens, veranlasst durch neu auftauchende Moden und Er- 
eignisse, welche den patriotischen Zorn Laurembergs entflammten: so 
1, 231 — 294 die Schilderung der französischen Kochkünste, 2, 563 — 590 



") Zu V. 53—56 vgl. die Parallelen bei Gaedertz, Gabriel Rollenbagen 1881 
S. 55. 66 und Das niederdeutsche Schauspiel 1, 70. 

■) Habbe, Verlobungsgabe. Berghaus, Sprachschatz der Sassen 1, 629. 

*) Wie ich während der Korrektur dieses Aufsatzes erfahre, hatte Herr Prof. 
AI. Reifferscheid sich 1881 Notizen über diese Handschrift gemacht, welche er 
gelegentlich verwerten wollte. 



48 

die Sitte der Favorbänder, 2, 349 — 498 die Parfüme Philipps von 
Varan. Dagegen ist 2, 57 der Stich auf die schwedischen Röcke weg- 
gefallen, da diese vielleicht nur kurzlebige Mode gegenüber der starken 
Einwirkung französischer Sitte kaum in Betracht kam. Andere Zusätze 
sind durch das Bedürfnis entstanden, an mehreren Stellen der Dar- 
stellung einen Ruhepunkt zu gewähren und sie dann mit dem Beginne 
eines neuen Abschnittes von neuem anheben zu lassen. Für das zeitliche 
Verhältnis von H und D ist es bezeichnend, dass in H häufiger be- 
stimmte Orts- und Personennamen genannt werdeu. In dem 4, 165 = 
*1209 als nüchterner Beurteiler der Poesie auftretenden Hans Iver 
hat man sicher einen wirklichen Kopenhagener Bürger dieses Namens 
zu erkennen. Doch in der für die Oeflentlichkeit bestimmten Redaktion 
D, welche solche persönlichen Anspielungen meidet, wird er zu einem 
Anonymus; ebenso wird 4, 140 Kopenhagen zu v einer vornehmen Stadt", 
3, 359 Hamburg zu „einer grossen Stadt". Und wenn der Dichter 
in einer Zusatzstelle 2, 615 auf Hamburg hinzuweisen scheint, so thut 
er es nur andeutungsweise. Die 2, 678, ebenfalls in einer H noch 
fehlenden Partie, begegnende Nennung Kopenhagens war etwas Un- 
verfängliches, da er hier nicht bestimmte Personen im Auge hatte. 
Die Personennamen aber in D wie Lenke Bökeln, Else Klunds, Aalke 
Quaks, Matz Pump sind nur typische Bezeichnungen einer ganzen 
Menschenklasse. Alle diese Einzelheiten fuhren uns zu der Überzeugung, 
dass H eine Vorstufe zu D und nicht etwa aus D geflossen ist. Es 
ist leicht begreiflich, dass Lauremberg eine ältere Dichtung, die er 
nach Jahren aus dem Schreibpulte nahm, in der angedeuteten Weise 
ummodelte und erweiterte, dass er die etwas ungeschickte Fiktion des 
Briefes um einer sachgemässen Teilung willen aufgab; aber ich wüsste 
keinen Grund, weshalb Lauremberg oder jemand anders die seit ihrem 
Erscheinen äusserst beliebten Scherzgedichte' hätte umarbeiten und 
verkürzen sollen; als eine Auswahl in usum Delphini kann man II, 
wie das Stück * 529— * 622 = 2, 135—236 ausweist, keineswegs 
betrachten. Zu einer genaueren chronologischen Bestimmung der 
Handschrift mangelt uns leider so gut wie jeglicher feste Anhalt; denn 
gerade die Angaben von D, nach welchen man das Jahr 1651 mit 
Sicherheit als die Abfassungszeit bezeichnen zu können meinte 1 )» lassen 
hier im Stich. 1, 307, wo Lauremberg von seinen vor vierzig Jahren 
unternommenen Reisen ins Ausland spricht, fehlt in H, und 1, 128 lautet: 

Ik heb in veertein (statt vertich) Jahr vcl Hagen vul geakreven. 
Von wo ab diese vierzehn Jahre, in denen man wohl nicht einen 
blossen Schreibfehler wird erblicken wollen, zu rechnen sind, geht aus j 
dem Zusammenhang nicht hervor; vielleicht vom Antritt seiner Pro- 
fessur in Rostock (1618) oder seines Lehramtes in Sorö (1623) ah: 
immerhin kommen wir auf ein erheblich früheres Entstehungsjahr des 
oder der niederdeutschen Scherzgedichte, welche somit der 1630erschie- j 
nenen lateinischen Satyra (bei Lappenberg S. 7!), vgl. 190) zeitlich näher j 



') Braune in seiner Ausgabe 1879 S. VII f. 



40 

rücken. Auch an die Bemerkung Lappenbergs S. 213, dass viele 
Stellen der Scherzgedichte an die 1633 von dem jüngeren Bruder 
Laurembergs, Peter, veröffentlichte Acerra philologica erinnern, na- 
mentlich die pythagoreische Lehre von der Seelenwanderung, darf viel- 
leicht in diesem Zusammenhange erinnert werden. Die grosse Wasser- 
flut, welche Lauremberg 3, 420 = *1016 erwähnt, bezieht E. Müller auf 
das Jahr 1649, Latendorf und Braune auf 1651; doch auch in früheren 
Jähren wird sich wohl ein derartiges Naturereignis nachweisen lassen. 
E< blieben also von den von Braune geltend gemachten chronologischen 
Indicien nur noch die Anspielungen im Beschluss V. 3 und 73 f. auf 
das hohe Alter des Autors übrig; und diese gerade fehlen in der 
Handschrift. Ich glaube deshalb diese Fassung noch in die dreissiger 
Jahre des 17. Jahrhunderts setzen zu dürfen. 

Über die Art der Entstehung giebt Lauremberg V. *1691 f., 
5 l6i»S f. einen wertvollen Aufschluss, wenn er erzählt, dass er an drei 
schulfreien Mittwochen das Ganze niedergeschrieben habe. Hierin liegt 
zugleich eine Erklärung der nachlässigen Komposition. 

Die naheliegende Frage, ob wir in H ein Autograph des Dichters 
besitzen, muss leider verneint werden. Denn von zwei sicher von 
Lauremberg herrührenden Schriftstücken, welche ich vergleichen konnte, 
zeigt das oben unter Nr. 7 verzeichnete Otium Soranum (vor 1640) 
schräge, kleine und zierliche Züge ohne Druck, ähnlich dem von Lap- 
penberg gegebenen Faksimile einer Widmung v. J. 1619, und der bei 
Iiaae S. 79 f. aus der Böllingschen Briefsammlung abgedruckte ebenfalls 
lateinische Brief an Johann von Bielke vom 11. Okt. 1632 ist in grösseren, 
aufrechtstehenden Lettern mit breiter Feder geschrieben, während die 
deutschen Buchstaben in H nicht so glcichmässig in einer Linie laufen, 
sondern eine ungelenkere Hand verraten. Endlich das Manuskript des 
Arion von 1653 (oben Nr. 9) zeigt kleine, aufrechte und krause deutsche 
Buchstaben, welche vielleicht dem Dichter selbst ihren Ursprung ver- 
danken; der Bauerntanz aber ist wiederum von einem andern weniger 
hübten Schreiber in schrägeren Zügen hinzugefügt. 

Da somit H als eine Abschrift zu betrachten ist, welche sich 
irgend ein guter Freund Laurembergs von seinem handschriftlich 
kursierenden Gedichte nahm, so hat eine genaue Angabe aller ortho- 
graphischen Abweichungen von der durch Braune treu wiederholten 
Originalausgabe von 1652 kein Interesse für uns. Ich hebe nur hervor, 
dass regelmässig sk (skilling, wünsken, fleesk), sl, sm, sn, sw (im 
Anlaut) für seh, schl, schm, sehn, schw erscheinen, und dass e (vel, 
li : ven, esel) oft statt e oder ee auftritt. Sonst wechseln mit einander: 
eh — ee, ei — e (eigen, klenen), i — y, o — o, o — oh — oe, 
& — u, u — uh — ue. Im Auslaut wechseln ch — g, g — k, d — t — 
dt — th, von der regellosen Verdoppelung vieler Konsonanten im In- 
and Auslaut abgesehen. 



Hiedcrdeutechfts Jahrbuch. XIII. 



50 

Abweichungen der Handschrift Gamle Kong. Saml. 2069 in 4° von 
Braunes Nendrnck der Originalansgabe 1652. 

In hold V. 21 manch — 22 mange — 38 sick bald alle — 41 Anders skal. 

I, 7 goden — 18 Quehm — 19 einen — 24 jemals sick — 28 weke — 
37 ward — 46 Vehe — 49 wolde dohn — 70 Junffer — 71 fuhlem — 73 crem 

— 84 ane — 91 Mine gdancken wil — 93 Skold ick ein Koepman — 94 bavceren, 
u. f. hogen staet — 102 sölck — 108 darvan — 110 rekne — 113 keine — 119 
Nein — 128 veertein jar — 129 övrst (statt man) — sülvcrn — 135 underskedcn 

— 136 verleden — 139 kan idt syn — 141 kan — 164 den spönen — 188 Alß 
Montaban, le Noir, und andre dergeliken, — 200 cirkel runde — 203 herum, alß 
ging idt in — 226 hüfflicheidt — 228 mit swerem — 231—294 fehlen — 300 geest 

— 302 sy (statt is) — 303—312 fehlen, statt dessen: 

so feit my achter in etwaß dat noch iß slimmer, 

*240 wyl eine fantasie der andern folget immer. 
313 off ock eins — 315—319 fehlen, statt dessen: 

♦243 wen he skoen paßlyck wehr tho sinen iahren kamen — 
320 ick — 325 övr — 327 jegn — 329 men — 337 geskehn — 338. 345 gesehn 

— 346 wen idt — 350 Stelte — 351 Daer hefft — 352 witten — 368 men — 377 
iß halßgefahr — 378 Ick kan jo lichtlyck segn — iß wahr — 385 eine — 408 
Ewigwehrender — 409 skal — 411. 427 ewigwehrend — 420 unden würd befinden 

— 422 Zegen — 426 sköne stickde — 433 Men — 442 idt hülp doch nicht — 
444 se in dat lock würd — 451 werd so wiedt vnd dick — 455 — II, 2 fehlen, dafür 
ein andrer Übergang: 

idt mach gähn alß idt geit, alß idt iß mach idt wesen, 
*380 doch will ick juw to lest ein Breeffken laten lesen, 

den my ein gode fründ vor weinig dagen skreeff, 

de iver vnd de torn en dat tho skriven dreeff. 
• syn Stil iß nicht formeert alß nu de nien poeten 

afftellen' ere Rym. Wo iß he den gebeten? 
*385 Van em ick juw ditmahl nichts anders seggen kan, 

sine Moder iß eine Fruw, syn Vader iß ein Man. 

syn nahm iß woll bekand in mangen düdsken Orden. 

Desulve Man my skrifft mit nafolgenden worden: 
Myn gode fründ, Hans Wilmsen, gy skölen weten, 
*390 dat ick offtmalß in twifel bin geseten, 

II, 3 wo men sick moet quelen, — 8 dar skal um — 9 men — 10 eine — 
13 möst — Auf 20 folgen sechs in den Drucken fehlende Verse: 
Darum, myn gode fründt, dcwyl ick wcet, 
*410 dat gi van jöget up sind gewesen ein poet, 
und ick darvör van velen werde gcholden, 
twaer nicht vor almodisk, men van der art der olden, 
so will ick juw mine mening apenbahren 
vnd in Rym verteilen wat my iß wedder fahren. 
23 vdtlendisken — 24 edder achten — 26 gesettet hefft — 27 högerem — 28 werd 
spötlyck verachtet — 35 syn — 44 goet vnd bloet — 47 men enen billich — 4S 



51 

(Werst — 50 Sondern — 52 geringere — dem högeren — 63 hebben eine Mode 

— 55 nu newliek begannen — 56 alß Capuciner Nunnen — 57 und 58 lauten: 

*451 mit langen Swedisken rücken bet up de waden, 
alß went de Sweden en also hedden gebaden. 
66 Jens Skreder — gnoech — 69 schmucke fehlt — 70 altydt laten im — 71 weinig 

— 74 dat men sehn köne — 87. 97 vele — 90 int apenbare — 93 tovörn hebben 

— 103 hüpsk lyfffarvet — 109 nicht alto fast — 115 Sennepsköttel — 125 
peluven — 127 darby syn gebliven — 132 de bahn — 133 skal men se nicht be- 
lachen vnd — 134 se wat beters möten laten — 144 van dage — Statt 169—174 
stehen zwei andre Verse: 

*563 so dul vnd snakisk stellestu dy an, 

alß wen du werest ein junck festeman 1 ). 
176 ere — 187 offtermahls — 188 wo my disse nacht wedderüm — 189 — 190 fehlen 
192 ick kant — - 194 hedde — 195 sedder dat du — 196 sölken averlast — 199 
gebrütet — 200 och nein, sede se, laet syn, idt deit my keinen skaden, — 201 
dewyl — des ewigen Vaders — 202 liden gehrn — 204 nah Christlikem gebrueck 

— 206 nichts — 207 Margrete sede — 208 men des avends dat — 210 hoch van 
nöden — 211 möge — 216 hefft binnen — 217 helft fehlt — 235 konde men — 
251—305 fehlen; dafür ein kurzer Übergang: 

also konden se erredden ere tucht vnd Ehr, 
wen skoen eine klene skande darby wehr. 
Överst wat skal men vele dar van skriven, 
*640 idt wcrd doch by dem gemenen Sprickword bliven, 
alß de olden pipen vnd singen, 
also ock de jungen dantzen vnd springen, 
in stede dat men skolde gewehnen de Jöget 
nicht tho üppicheidt, men tho aller döget, 
*645 findet men wol Oldern, de sick sulvest rühmen 
308 heruth moten putzen — 310 ummesmöltcn — 312 skölen dragen — 318 
dochtern — 321 fruwen -— 322 idt junge princessen weren — 339—498 fehlen — 
499 Dat hyr kein raeth tho iß, kan men lichtlyck sluten, — 500 wyl — 503 
Övericheidt ernstlike Mandaten — 522 wol lichtlyck — 523—524 fehlen — 526 
So fehlt — 527—530 lauten kürzer: 

♦705 Kleder und Semmel, wo kan sick dat flasken? 
idt kumt darbi alß Sla Botter in de tasken. 
531 Idt iß waer; men — 535 — 542 lauten kürzer: 

*711 De gelikenissen willen by my nicht lenger loseren, 
se kamen unvermoedlyck heruth marseren. 
545—546 fehlen — 563—590 fehlen, statt dessen folgen zwei Verse über die Krämer: 
♦731 ock late ick gerne verdenen dem Kramer, 

dar he düdisk beer vor drincken kan im Somer. 
592 so brave sko mit hörne — 593—594 fehlen — 599—602 fehlen — 608 kruscn 
dubbelden — 611 bis III, 150 fehlen. Als Übergang dienen folgende z. T. an III, 
89—92 anklingende Verse: 

Dit alles hedde nicht vel tho bedüden, 

wen ^ eme andere doerheit were by den lüden, 

*) dänisch fastemand, Bräutigam. 



5& 

de aller bedröveste und slimmeste sake 
*750 iß de nie alemodiske sprake, 
de nu vor etliken weinig jähren 
iß upgekamen vnd niegebahren. 

III, 151 de düdiske sprake so dull nu geidt, — 154 so moet men fragen — 
159 gerömet — 160 genömet — 162 wolden — 175 dat krumme waß skeeff — 
176 Möwen, ein groet lepel sleeff — 178 Mchrkatte — 183 plegen — 189—196 
fehlen — 198 keine Dame, kein Monsör — 202 vnd en — 206 edder Margrete — 
220 De fehlt — kramerjungens — 221 Stajjungens — 225 Wen idt — were — 
231 wolde — 247—250 lauten kürzer: 

*841 Laet de Frantzosn Monsör, de Engelsken Lord bruken, 
vnd alle beide einen densken Lord upsluken. 
255 steit so — 256 vnd Adder — 262 den Böcken — 263 Junckfrowen — toern 

— 264 ohrn — 267 is fehü — gebrueck — 270 Her fehlt — 298 pfelgt — 305 
und leep hen — 311 dar, so dick alß mehlen brie, — 316 men do ein nah dem 
andern de — 317 Sterne — 318 gerne — 330 sach men twisken sine tene herfleten 
undr de banck — 343 gy seden io tho my — 345 juwe sprake was verplümpert, 
de wörde de gy spreken — 346 weren tho samen geskraept — 354 up juwe — 
355 gnedige — Auf 356 folgen zwei Verse: 

wille gy van den Koken Küß in Ers maken, 
*950 se skolden vor potase juw woll potaske kaken. 
358 willn — 369 Tho Hamborg in der Stadt — 365 müste — 366 sick seiden — 
378 van frantzöscker — 380 an sprake hed — 393 slechtem — 406 dat men — 
408 ein groff buerknulle — Hinter 412 folgen noch zwei später nachgetragene Verse: 
*1007 darmit ertögt men Ehr. vnd kan ock Ehre bekamen, 

dorch eines andern rohm krigt men sulffst bogen namen. 
427 bald verdruncken — 428 skyr versuncken — 429 tituleert — 430 geehrt — 
433 uth der lüde gode gunst — 445 Oappelan — 451 nohmen sick — 452 holten 

— 456 vam Weltlikem — 457 tröstlyck — 466 erfrösken — 466 drösken — 
473—474 lauten: 

iß he ein Mester, als wehr he ein flegel, 
♦1070 so moet he am ersten drincken sinen pegel. 
483— IV, 30 fehlen. 

IV, 31 mochte — 40 were ere — 41 desulve — 46 wammes — 50 na ambra 
roeck — 51 smerige — 58 latin dat hebb — 59 hcbb — 66 gern fehlt — 77 vele 

— 86 drept nu nicht — 88 den büdel — 89 erde — 97 sinen oldfrenkisken Kledern 

— 99—102 fehlen — 102 her fehlt — 110 newlyck vam Parnasso — 112 versk — 
113—114 lauten: 

*1157 de krigen wol tho verehring up ein mall 
etlike hundert daler vnd grote pocael. 
117 armen — vele — 120 darvur — 126 helpet — 136 dede — 137 verbrüdeden 
fehlt — 139—140 lauten: 

♦1183 Idt iß nu ungefehr ein Maendt verflagen, 
dat ick kam hen na Copenhagen — 
146 stücksken — 153 under — 154 skönste — 160 bald alse — 161 wilt my so 
vel to — 166—166 lauten: 



53 

de man de hyr waent heet mit nahmen Iver, 
♦1210 de iß etlike jar gewesen Skriver, 
168 sülffst — 170 em fehlt — 172 eine fehlt — 177 Here — 184 lille fehlt — 
186 gewißlick — 188 jungen fehlt — 191 hedde — 195 feren — 196 Heren — 
203 hüt — 204 geldt — 219 velichte — 220 lehren — 229 gelück — 240 ein — 
243 my doch van andern — 248 wor se men etwas — 252 Dat fehlt — 256 een 

— 258 alle staetlike poeten — 268 ander gelesen — 272 de er einen finger — 
276 gekarment — 287 also köstlick — 288 dem — 307 So fehlt — 311 geldken 

— 318 gejaget — 320 alle — 327 helpt — 329 men — - 337 nehmet — und fehlt 

— 339 kop rechte krueß — 346. 413 ftver — 350 my nicht rechte woll geraden 

— 352 perle — 362 swestern — 367 sinen — 370 harte — 371 sede iß, iß velichte 
all — 372 nicht all — 373 gemene — 375 hil — 384 alleen — 389 Fruwe — 392 
wurd — 409 würde — 416 simpel — 430 So suver vnd subtil alß hed se de Bück 
pelickt — 433 vor kerten dagen — 434 Twaer fehlt — 435—436 lauten: 

doch kan ick se nicht laven, alß de hebben gedahn, 
*1480 de sick up de Zierlike poesie nicht verstahn. 
442 dat iß de rechte maneer — 442 Men fehlt — 443 ander iß — 454 int getall 

— 460 dem Apollo geskenckt hefft — 461 Ryme — 474 könne — 476 edr wo — 
477 de tal — 478 keden — 485 gnawen — Auf 486 folgen vier neue Verse: 

*1531 underdessen heb ick mine Vers nah Marken geskreven, 
nah Lübsken vnd Densken Marcken uthgegeven, 
darher kümt, dat men in einem Kirne find 
eins so vel silben alß in dem andern sind. 
500 den andern — 510 einer moet — 513 de strengen Critici — 514 disse Sake 

— 525 ene — 528 ewer — 530 sind — 533 was plump — 539 unser — 543 noch 
licblicheitt — 554 wyl gy se — 562 was also iß se — 563 juwe de — 564 de Böker 
vnd skrifften — 566 gedrückt — 572 alß were se — form gegaten — 581 överst 
wen men — 582—583 lauten: 

*1630 dar höret men, wo sick de spraken verandern, 
in der Paltz, Switz, Swaben, Düringen. 
590 Kekelreme — 600 jeder — 601 willn — 609—668 fehlen — 673 Veh — 677 
de Rackers moten unse villen — 683 s6de — 686 Brüde dine moder, Hans. — 687 
keke — 690 late — 695 sülvest — Auf 696 folgen noch vier Verse: 
♦1685 Dit hebb ick, gode fründt, an juw willen skriven, 
ick bidde, gy willen idt by juw laten bliven, 
vnd sydt mit juwen hußgesinde altomale 
fründtlyck van my gegrötet. Vale. 



Der nun ohne Überschrift folgende Beschluss hat nur die beiden ersten und 
die vier letzten Verse mit den Drucken gemeinsam; V. 3 — 134 fehlen. 
Wol disse mine Rym werd lesen edder hören, 
*1690 werd seggen: wo hefft sick de geck laten bedören, 
dat he dre gantzer daeg, dar tho twe halve nacht 
hefft mit dem lumpen werck tho maken tho gebracht! 
Ick segge idt sülvest ock. Doch na der arbeit rüsten 
vnd, wen men möde iß, syn gemote etwas erlüsten, 
♦1695 dat lehret de Natur. Men kan nicht alle tydt 



54 



an ernst like dinge anwenden sinen flydt, 
ein Baeg, de immer blifft gespant, kan lichtlyck breken. 
Alß ick skreeff disse Vers, dat wehre dro Middeweken, 
dat sind de Rowe daeg, den rowet sick ein jeder, 

♦1700 den iß de Skole frie, den fieret de Cateder. 

Woll dit nicht lesen will, de mach idt bliven laten. 
Kan idt dem, de idt list, nicht anders wor tho baten, 
So kan he doch darmit verkörten sine tiden, 
nndr dessen he dit list, werd en de Maer nicht riden. 

♦1705 thom weinigsten werd dit papicr sick dartho skicken, 
dat men nicht nödich hebb, de finge r tho beklicken. 
Alj} einem steit de Kop, vnd em licht in den Sin, 
darna em plegen ock de Würde fallen in. 
Ditmahl helft disse skimp my so behaegt vor allen. 

*1710 Ein ieder Nar leth sick syn Kapken woll gefallen. 



Nur um den Rest der Seite zu füllen, hänge ich noch ein paar 
Bemerkungen zu Lauremberg an. 

Scherzgedichte I, 82: Swaenke begegnet als Hundename auch 
bei Petrus Pachius, einem aus Colberg gebürtigen, später in Stockholm 
ansässigen Schulmeister, über den ich in der Allgem. deutschen Bio- 
graphie 26, 794 f. gehandelt habe, in seinem Missus 91 (1639): 'Man 
muß offt auch einen pechschwartzen Hund Schwaneke heissen.' Diese 
Stelle spricht für die Ableitung von Schwan, nicht von Susanna oder 
Sven (Lappenberg S. 213). 

Lappenberg glaubt in dem von ihm S. 149 (vgl. 267) abge- 
druckten nd. Hochzeitsgedicht v. J. 1689 V. 21 eine Anspielung auf 
den spanischen Bühnenhelden Don Juan, welcher durch Molieres Be- 
arbeitung des spanischen Dramas (1665) bekannt wurde, annehmen 
zu müssen. Jedoch eine unbefangene Betrachtung der Verse: 
Dat makt dat lopen dör de weit, dat reisen mannigfalt, 
Davan kumt, dat des vaders brook dem söhn nich mehr gefalt: 
Den wen Don Jan ut Spanjen kumt, so het he hoge reden, 
so kent he use katt nicht mehr, so geit he deftig treden .... 
lässt in dem hier geschilderten Nachäffer ausländischer Moden viel- 
mehr einen Vorläufer von Holbergs unsterblichem Jean de France 
(1722) erkennen. 

BERLIN. Johannes Bolte. 



55 



DasLiederbuehdesPetrusFabrieius. 

(Mit einer Musikbeilage am Schlüsse des Bandes.) 

Unter den Schätzen der königlichen Bibliothek zu Kopenhagen 
liegt bisher unbeachtet 1 ) ein als Mscr. Thott Quart 841 bezeichnetes 
deutsches Liederbuch aus. dem Beginne des 17. Jahrhunderts, welches 
durch die grosse Zahl der Texte sowohl als besonders durch die Fülle 
von Lieder- und Tanzmelodien sofort meine Aufmerksamkeit erregte. 
Später hatte Herr Bibliothekar Justizrat Chr. Bruun die Güte, auf 
mein Gesuch die Handschrift zu bequemerer Durchforschung nach 
Berlin zu senden, wofür ich auch an dieser Stelle meinen Dank aus- 
zusprechen nicht unterlassen will. 

Das Liederbuch enthält 152 von einer zierlichen Hand beschriebene 
Quartblätter *) und ist abgesehen von einem nach Bl. 25 ausgerissenen 
Blatte und zwei weiteren hinter Bl. 139 fehlenden wohl erhalten, der 
grüngefärbte Pergamentband ist noch der ursprüngliche. Über Ent- 
stehungszeit und -ort geben uns mehrere Unterschriften der ersten in 
Lautentabulatur aufgezeichneten Melodien hinreichenden Aufschluss. 
BL 8a Nr. 1 heisst es: 'Suo Petro Fabritio in longaevam sui memoriam 
ponebat Bostochi Petrus LaurimontiusS — Bl. 10a Nr. 6: l P. L. ponebat: 
— Bl. 12a Nr. 8: 'Amico suo clarissimo Petro F. Ponebat. Petrus Lau- 
rimontius: — Bl. 17a Nr. 15: 'Petrus Petro Ponebat.' — Bl. 19b 
Nr. 20: 'Atnoris et benivolentiae Ergo amico suo clarissimo Petro F. 
ponebat hoc P. Laurenberg: — Bl. 102b: 'Praeambulum P. P: — 
Dieser musikkundige Petrus Laurenberg oder Laurimontius ist kein 
andrer als der wohlbekannte ältere Bruder Johann Laurenbergs; er 
wurde 1585 zu Rostock geboren, im April 1605 ebenda immatrikuliert 
und zog, nachdem er im Sommer 1607 zum Magister promoviert 
worden war, 1608 in die Fremde; 1624 erhielt er die Professur der 
Poesie in seiner Vaterstadt und starb daselbst 1639 8 ). Über seinen 
Freund Fabricius, den wir als den eigentlichen Sammler und Besitzer 
des Liederbuches ansehen müssen, gewährt Mollers treffliche Cimbria 
litterata 1, 167 (1744) erwünschte Auskunft: Petrus Fabricius, 1587 
in Tondern geboren, also um zwei Jahre älter als Peter Laurenberg, 
studierte seit März 1603 in Rostock 'Petri Laurenbergii äuctv? Ma- 
thematik und alsdann Theologie; Martini 1608 erlangte er die Magister- 
würde, 1613 erhielt er ein Pfarramt in Bulderup bei Tondern, später 



*) Uhland benutzte für seine Volksliedersammlung von Kopenhagener Hand- 
schriften nur das Mscr. Thott fol. 778. 

*) Scheinbar nur 151 ; aber Bl. 8 ist irrtümlich zweimal gezählt. 

•) Allgem. deutsche Biographie 18, 59. Die Daten aus der Rostocker Ma- 
trikel über Lauremberg und Fabricius verdanke ich der Güte des Herrn Dr. A. 
Hofmeister. 



56 

ein andres in Warnitz bei Apenrade, wo er 1651 starb. Obwohl er 
'vir ezirnie doctus artiumque tnathematicarum peritissimus' genannt wird, 
scheint sich seine litterarische Thätigkeit auf die Herausgabe von 
Kalendern beschränkt zu haben. Halten wir diese Thatsachen mit den 
erwähnten Notizen des Liederbuches zusammen, so ergiebt sich, dass 
die Handschrift vor 1608 und nach 1603, wahrscheinlich sogar erst 
nach 1605 in Rostock von den beiden Studenten Fabricius und Lau- 
renberg angelegt wurde: doch steuerte der letztere nur einige durch 
die abweichenden Züge leicht kenntliche Singweisen bei. Alles Übrige, 
namentlich alle Texte, rührt von Fabricius her; auch ein späterer 
Besitzer des Codex, der auf dem letzten Blatte eingetragene „Jacobus 
Erasmi Bipensis 1 ) Anno 1659 L., tf hat nichts Neues hinzugefügt. 

Den Inhalt bilden: 1) 190 durchgezählte Lieder auf Bl. 8a — 75b. 
85a— 95b, ferner 6 Lieder ohne Nummer auf Bl. 98b— 100a. 141— 144b. 

— 2) eine ungefähr gleiche Anzahl von deutschen und ausländischen 
Tänzen in Lautentabulatur auf Bl. 76a— 84b. 97a— 98a. 101a— 140b. 

— 3) 26 Choralmelodien in Lautentabulatur auf Bl. 145a — 148b. — 
4) Verschiedene Reime, Rätsel und Scherze auf BL la — 7b. 149a — 150b. 

Die Lieder, welche uns hier allein beschäftigen, sind sorgfältig 
geschrieben, die Strophenanfänge durch rote, grüne oder gelbe Tinte 
ausgezeichnet; über jedem Liede steht, vom Texte getrennt 1 ), die zuge- 
hörige Weise in Mensuralnoten oder in deutscher Lautentabulatur oder 
auch in beiden; bisweilen aber ist der hierfür bestimmte Raum leer 
geblieben. Rings um den Rand jeder Seite sind Sprüche heitren und 
ernsten Inhalts eingetragen, wie: 'Viel geschrey weinich wollen, sagt 
iener, beschar ein sauw,' 'Kunst wil gerete haben, sagt iener, kemmt 
sich mit einer mistgabell' u. a. Gegen das Ende der Studienzeit 
scheint Fabricius eifriger theologische Vorlesungen besucht zu haben; 
denn aus diesen stammen wohl die Randcitate aus Augustin (Bl. 133a. 
135a), Luther (130a. 136b), D. Wolf Scuerus de Luthero (130b), 
Eobanus, Philippus (133b). Die Lieder kann man scheiden in moderne 
Gesellschaftslieder und ältere Volkslieder. Unter den ersteren, na- 
mentlich unter Nr. 1 — 70, mögen sich auch eigene Dichtungen des 
Rostocker Studenten befinden, der den jungen Mädchen seiner Be- 
kanntschaft durch akrostichische Namenlieder huldigte und sich öfter 
dies Geschäft durch wechselnde Anordnung derselben Strophen er- 
leichterte. Meist jedoch benutzte er offenbar ältere gedruckte Lieder- 
sammlungen, vor allem wohl die 1602 zu Deventer erschienene Pauls 
von der Aelst: 'Blum vnd Außbund Allerhandt Außerlesener Lieder vnd 
Rheymen 3 ).' Auch mit dem Frankfurter Lieder-Büchlein von 1582*) 
stimmen viele Nummern überein. Aus den beiden niederdeutschen 



') Ebenso auf Bl. la: „Nicolaus Erasmi Bip:" und darunter „Jac: Eras: 
Bip:" Moller, Cimbria lit. 1, 160 nennt einen Theologen Andreas Erasmi Ripensis, 
der mit diesen offenbar verwandt war. 

*) Die Unterlegimg des Textes stösst daher bisweilen auf Schwierigkeiten. 

*) Hoffmann von Fallersleben, Weimarisches Jahrbuch 2, 320 — 356. 

4 ) Das Ambraser Liederbuch, hrsg. von J. Bergmann 1845. Über andre 
Ausgaben vgl. Hoffmann von Fallersleben, Findlinge 1, 150—152. 371—376. 



57 

Liederbüchern Ulilands und deBoucks 1 ), -welche dem Anfange des 17. 
Jahrhunderts angehören, finden wir bei Fabricius 42 Nummern, darunter 
35 mit den zugehörigen Singweisen versehene 1 ), wieder, nämlich Nr. 
2. 14. 17. 18*. 20. 21. 25. 33. 34. 35. 37. 38. 44. 45. 68. 70. 76*. 
82. 84. 95. 102. 112. 113. 114. 123. 126. 128. 129. 130. 132. 135. 
137. 138*. 140*. 141*. 142. 143. 144*. 145. 146. 149. 152*, aber 
durchweg in hochdeutscher Gestalt. Nur vier der angeführten Lieder 
(Nr. 135. 140*. 143. 144*) haben den nd. Dialekt bewahrt, bei den 
übrigen verrät hin und wieder eine vom Hochdeutschen abweichende 
Form die norddeutsche Heimat des Schreibers. Im ganzen kann man 
sagen, dass Fabricius uns nicht viele wirklich wertvolle Liedertexte 
aufbewahrt hat, die nicht schon aus anderweitigen Quellen bekannt sind. 
Anders steht es mit den Melodien. Diese verleihen durch ihre 
grosse Anzahl unserm Codex besondre Bedeutung und den Vorrang 
vor vielen sonst gleichartigen Liederhandschriften des 16. — 17. Jahr- 
hunderts s ). Mehrere hat Fabricius offenbar aus den gedruckten Lieder- 
sammlungen gelehrter Tonsetzer wie A. Scandello, J. Meiland, L. Lechner, 
X. Zange, Caspar f?J Husmann — diese nennt er gelegentlich selber 
— entnommen; andre finden wir bei J. Regnart 4 ) (1576), H. Dedekind 
(1588), M. Franck (1602), Val. Haußmann (1608), J. Staricius (1609) 
wieder; noch öfter werden dem Sammler hsl. Liederbücher andrer 
Studenten oder der lebendige Volksgesang als Quelle gedient haben. 
Wo ihm ein mehrstimmiger Satz vorlag, schrieb er nur die Melodie 
aus und fugte zu dieser in der Regel eine Lautenbegleitung hinzu; 
zwei- oder dreimal jedoch giebt er einen zwei- oder dreistimmigen Satz. 
Es niuss einer demnächst zu erwartenden genaueren Untersuchung der 
Handschrift nach ihrem- musikhistorischen Werte vorbehalten bleiben 
zu prüfen, ob nicht jene von Böhme 5 ) in seinem höchst verdienstlichen 
Altdeutschen Liederbuche 1877 S. XLIX wenig berücksichtigten Kom- 
ponisten aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts doch mehr volkstüm- 
liche Melodien enthalten, als man bisher anzunehmen geneigt war. 
Hier soll nur eine Lese von unbekannten Singweisen zu weit verbrei- 



•) Niederdeutsche Volkslieder, hrsg. vom Vereine für nd. Sprachforschung. 
I. Hamburg 1883. Vgl. Korrespondenzbl. 7, 57. 

*) Die Lieder, denen bei Fabricius keine Melodie beigegeben ist, bezeichne 
ich im Folgenden durch ein Sternchen. Die den angeführten Liedern entsprechenden 
Nummern der Handschrift anzuführen, erscheint hier überflüssig. 

*) Am besten lässt sich die Kopenhagener Handschrift mit dem Lautenbuche 
des Job. Thvsius vergleichen, durch dessen Veröffentlichung sich J. P. N. Land 
(Tijdschrift der Vereeniging voor Noord-Nederlands Muziekgeschiedenis 1 — 2) ein 
irrnsses Verdienst erworben hat. Auch dies ist höchst wahrscheinlich von einem 
Studenten ums Jahr 1600 niedergeschrieben, nämlich von Adrian Smout (1578—1646), 
welcher 1595 bis 1601 in Leiden studierte. 

*) Wenig bekannt scheint zu sein, dass der rührige F. W. v. Ditfurth in 
«einen Einhundert unedierten Liedern des 16. u. 17. Jahrhunderts (Stuttg. 1876) 
eine freilich nicht durchweg befriedigende Erneuerung von Regnarts dreistimmigen 
Liedern (Nürnberg 1578) gegeben hat. 

*) Folgende 34 Lieder aus Böhmes Werk (darunter 27 mit Melodie) stehen 
auch bei Fabricius: Nr. 23A. 27. 60*. 73*. 85. 117. 118*. 132. 135*. 136. 142. 
154* 155A. B. 191. 194A. 197. 212. 219. 227*. 230. 243A. 244. 260. 264B. 267, 
269. 276. 334. 366. 435. 464. 491*. 501. 



58 

teten Volksliedertexten, besonders zu den Nd. VI. 1883, mitgeteilt 
werden. Bei der Auswahl und Bearbeitung derselben hat mir Herr 
Professor Dr. Ph. Spitta gütig Rat und Hilfe gewährt; für die Ent- 
zifferung der in Lautentabulatur geschriebenen Stücke bin ich Herrn 
Stud. M. Seiffert zu Danke verpflichtet. 




I. Störtenbeoker. Fabricius Nr. 183 bietet die lange gesuchte Weise des 
Störtebekerliedes (R. v. Liliencron, Die historischen Volkslieder der Deutschen 
1, 210 Nr. 44) in Mensuralnoten, doch ohne weiteren Text. Zur Vergleichung fuge 
ich einige wenig abweichende Bruchstücke derselben bei, welche sich in gedruckten 
Quodlibets derselben Zeit erhalten haben: 1) aus Melchior Francks Fasciculus quod- 
libeticus, Coburg 1611 Nr. 6; danach die Oberstimme bei Böhme, Altdeutsches 
Liederbuch 1877 Nr. 366, hier im vollständigen Satz unter Ib. — 2) aus Francks 
Farrago, Nürnberg 1602, Altus (~ Fascic. quodlib. 1611 Nr. 7); unter Ic. — 3) 
ebenda, 2. Tenor; unter Id. — 4) aus Joh. Moller, Ein New Quodlibet, Frankfurt 
a. M. 1610, Cantus; unter Ie, um eine Quinte tiefer gesetzt. Die Vermutungen 
Böhmes, welche sich auf mehrere andre bekannte Singweisen richteten, müssen jetzt 
wohl als abgethan gelten. 

Über die dem Liede zu Grunde liegenden Ereignisse v. J. 1401 und ihr Fort- 
leben in der Volksüberlieferung handelt gründlich K. Koppmann, Hansische Geschichts- 
blätter 1877, 35—58; dazu Mitteilungen des Vereins f. hamburg. Geschichte 1882, 
134. 152—154. 1883, 24. Nicht gesehen habe ich L. Frahm und F. Sundermann, 
Klaus Störtebeker in Sang und Sage, Hamburg 1885. — Der nd. Text des Störte- 
bekerliedes ist leider noch nicht zum Vorschein gekommen, obwohl seine Auffindung 
schon in Freytags Roman 'Die verlorene Handschrift' (III, Kap. 3) eine Rolle spielt. 
Die älteste Fassung der hd. Übertragung giebt ein vor 1566 in Süddeutschland, 
vielleicht bei Hans Burger in Regensburg, gedrucktes fliegendes Blatt: 'Ein schön 
Lied, | Von StörUebecher, vnd \ Gödiche Michael f *c. Wie sie so | sehen dtlich 
geraubt | haben, it. | |_| |* 4 Bl. 8°. Zwei Exemplare in Berlin. Abdruck in 
Möhlmanns Archiv für fries. westfäl. Gesch. 1, 47 (1841), danach bei Liliencron (A). 
Aus diesem Blatte ist der obige Holzschnitt entnommen, welcher die Überwältigung 
des gefürchteten Seeräubers in wenigen, aber treffenden Strichen veranschaulicht. 
Ausser den andern bei Liliencron aufgeführten Quellen sind noch zwei fliegende 
Blätter der Berliner Bibliothek (Yd 8860 und 8865) zu nennen, gedruckt zu Nürn- 
berg, durch Valentin Newber' o. J. und zu 'Erftbrd bey Jacob Singe. Im Jahr 1598'. 
Für die weite Verbreitung des Liedes zeugt auch Fischart, Geschichtklitterung 



59 

Cap. 8 fS. 146 ed. Aisleben 1887); ein Citat v.J. 1611 bei Weiler, Annalen 1,278 
Nr. 424. Vgl. Bolte, Archiv f. Litgesch. 15, 228. 

IL Brennenberger. Fabricius Nr. 154, 12 Str. — - Der Text Btimmt mit der 
n<L Fassung bei Unland Nr. 75a =-- Nd. VI. 1883 Nr. 44 überein und scheint sogar 
erst aus dieser ins Hochdeutsche übersetzt zu sein; der Ritter, welcher dort Bru- 
nenberch genannt wird, heisst bei Fabricius Braunenberg. Die Melodie ist ver- 
schieden von der in geradem Takte gehenden Weise bei Böhme Nr. 23, welche aus 
den Grasliedlüi von 1535 erschlossen ist. Die Punkte im 3., 7. und 8. Takte von 
hinten sind von mir hinzugefügt. 

Ähnlieh beginnt ein sonst in Inhalt, Strophenbau und Melodie abweichendes 
nid. Liebeslied : 'k heb veel nachten langh gewaeckt, welches Scheltema, Nederlandsche 
Liederen uit vroegeren Tijd 1885 S. 120 aus Starter, Friesche Lusthof 6 (1634) S. 205 
mitteilt. Die Melodie wird als eine englische bezeichnet: 'Y 'have waket the 
winters nightf. 

III. Dag Schloss in Oesterreich. Fabricius Nr. 188, 17 Str. — Der Text 
gleichlautend bei Unland Nr. 125 und Nd. VI. Nr. 84. Die Melodie ist wohl dem 
Liede nicht ursprünglich eigen; sie erscheint mit geringen Abweichungen im 16. 
Jahrhundert als Singweise dreier andrer Volkslieder : 'Ich habe mein Sach zu Gott 
gestellt,' 'Ich weiss ein Blümlein hübsch und fein,' 'Es ist auf Erden kein schwerer 
Leiden' und des Chorals: 'Ich hab mein Sach Gott heimg8tellt , (Böhme Nr. 266. 
5s5. Bäumker, Das kathol. deutsche Kirchenlied 2, 274 Nr. 284 und Nr. 248). 
Alle diese Texte sind in funfzeiiigen Strophen abgefasst, während das 'Schloss in 
OesterreiclT nur vierzeilige Strophen enthält. Ganz verschieden sind die älteren 
Weisen: 1) 'Es leit ein schloss in oesterreich' ohne weiteren Text, dreistimmig, im 
Berliner Liederbuch aus dem Ende des 15. Jahrh., abgedruckt bei R. Eitner, Das 
deutsche Lied des 15. und 16. Jahrhunderts 2, 157 (1880). Ebenda 2, 155 steht 
eine andre Melodie 'Von osterreich' aus dem etwa gleichzeitigen Münchener Lieder- 
bnche II artmann Schedels. 2) 'Es ligt ein schloß in Oesterreich,' bei G. Forster 
1540 2, 77, wiederholt von Böhme Nr. 27 und R. v. Liliencron, Deutsches Leben 
im Volkslied um 1530 (1885) Nr. 38, vgl. S. XLVII. Nach Liliencron liegt hier 
aber nicht das spätere, bis heut im Volke lebendige Lied gleichen Anfanges vor, 
5ondern ein älteres, von welchem nur noch die bei Forster mitgeteilte Eingangs- 
«trophe erhalten ist. Die Melodie kehrt 1544 bei J. Ott Nr. 8: 'Es ligt ein haus 
im Oberland' (in der Ausgabe von Eitner, Erk und Kade 1873 — 76 S. 29 = Böhme 
Xr. 28, Liliencron Nr. 39, auch in Hans Gerles Lautenbuch von 1546) wieder. 3) 
'In oostenryck daer staet en stadt,' in den Souterliedekens 1540, Ps. 6, abgedruckt 
von Böhme Nr. 158 mit dem Texte Nd. VI. 72, vgl. Antwerpener Liederbuch 1544 
Xr. 220. Ebenda eine spätre Fassung aus Werlins Liederhandschrift. — Ebenso 
abweichend sind die neueren, bei Böhme Nr. 27 aufgezählten Volksweisen, zu denen 
man die Aufzeichnung aus Pommern bei Birlinger und Crecelius, Deutsche Lieder 
1<76 S. 7 und eine andre aus der Niederlausitz, die K. T. Heinze in den Musikbei- 
Wen zu Gräters Idunna und Hermode 1812 Nr. 22 mitteilt, hinzufügen mag. Weitere 
Litteraturnach weise bei 0. Böckel, Volkslieder aus Oberhessen 1885 S. 111 Nr. 28. 
Im Coburger Gesangbüchlein 1621 wird der Ton 'Es ligt ein schloss in Oesterreich' 
dreimal (S. 82. 103. 117) angeführt. Eine schwedische Fassung in 9 Str. 'I öster- 
recke ther legher itt slot 1 in Broms Gyllenmärs Liederbuch Nr. 12 bei A. Noreen 
nnd H. Schuck, 1500- och 1600-talens visböcker 2, 124 (1885) und nach fl. Blättern 
von 1642 und 1688 in 17 Str. bei Geijer och Afzelius, Svenska folkvisor, utg. af 
ßergström och Höijer 1880 Nr. 34. Ebenda 3, 65 und 191 eine schwedische und 
eine norwegische Melodie. 

IV. Bistu des goldtschmids tochterlein. Fabr. Nr. 140 und 167. — Der 
unter Nr. 167 stehende hd. Text enthält 9 Strophen und stimmt zu Nd. VI. Nr. 145. 
Thland Nr. 253 hat Strophe 3 — 8 seines nd. Liederbuches weggelassen, ohne dies 
anzumerken (doch vgl. seine Schriften 4, 232 f.); Hoffmann von Fallersleben, Ge- 
?elLschaftslieder * Nr. 149 und Böhme Nr. 194a übersetzen nur die drei Strophen 
TTilands ins Hochdeutsche. — Die bisher unbekannte Melodie hat Fabricius zweimal 
in Lautentabulatur aufgezeichnet. Im 8. Takte scheint ein Fehler vorzuliegen. 

V. Idt is ein boieken kamen. Fabr. Nr. 161, 10 Str. — Von der acht- 
strnphigen Fassung bei Unland Nr. 255 = Nd. VI. Nr. 135 = Böhme Nr. 191 
weicht der Text nur durch die Einfügung zweier derber Strophen hinter Str. 7 ab ; 



60 



8. Medelein, sed he, megdlin, 
gy muten de tydt vorbeiden: 
wen de negen maent vmme sindt, 
iuw röckiin wert sick wyden. 

Eine Melodie war bisher unbekannt. 



9. Vnd do de negen maent vm wem, 
dartho de negen dage, 
do sach men dat fins megdelin 
ein schon kindlin dragen. 



VI. Es war ein junger heltt. Fabr. Nr. 160, 2 Str. — Die erste Strophe 
des offenbar unvollständigen Textes bildet auch den Eingang eines längeren Liedes 
Nd. VI. 33 (12 sechszeilige Str.) und P. v. d. Aelst, Blüm vndt Außbundt 1602 
Nr. 188 (11 Str.). 

VII. Hertzlich thntt mich erfrenwen. Fabr. Nr. 75, 5 Str. — Der Text 
ist oft gedruckt: Unland Nr. 57; Böhme Nr. 142; R. v. Liliencron (1885) Nr. 95; 
Goedeke-Tittmann, Liederbuch aus dem 16. Jahrh. 1867 S. 159; P. v. d. Aelst 
Nr. 102; Nd. VI. Nr. 17; Berliner Liederhandschrift von 1568 (Mscr. germ. fol. 752) 
Nr. 10. Fabricius lässt Str. 4 und 5 weg und schiebt dieselben in Nr. 95 : 'Wolauff, 
gut gsell, von hinnen' (= Böhme Nr. 260A) hinter Str. 1 ein. Schwedisch in Gvl- 
lenmärs Liederbuch Nr. 41 (A. Noreen och H. Schuck, Visböcker 2, 174. 1885 = 
Arwidsson, Svenska forns&nger 3, 84. 1842) : 'Hierteligh mtgh nu frögdas.' — Die von 
Fabricius in Lautentabu latur und Mensuralnoten überlieferte Melodie, welche sich 
durch ausdrucksvolle Deklamation auszeichnet, ist nicht die von Böhme wiederholte der 
Rhawschen Bicinia (1545), auch nicht die Regnarts (Neife kurtz weilige Teutsche 
Lieder, Nürnberg 1586 Nr. 7), sondern aus J. Meilands vierstimmigen 'Neuweii 
auserlesenen Teutschen Gesängen,' Nürnberg 1569 Nr. 3 = Frankf. 1575 Nr. 3 
entlehnt (Melodie im Cantus). Mit einem geistlichen Texte von B. Musculus findet 
sich derselbe Satz wieder bei G. Körber 1597 Nr. 51, Praetorius 1610 Nr. 236 bis 
237, E. Widmann 1622 Nr. 36, Sacra Cithara 1625 Nr. 76; vgl. R. Eitner, Biblio- 
graphie der Musiksammelwerke 1877 S. 715. — Auch sonst hat Fabricius die von 
Böhme so gut wie gar nicht berücksichtigten Melodien Meilands aus dessen mehr- 
stimmigen Liedern ausgezogen und mit einer Lautenbegleitung versehen; ein Beweis, 
dass sie in hohem Grade beliebt und populär waren. So treffen wir aus der er- 
wähnten Sammlung von 1569 bei ihm an Nr. 1 : 'Jungfräulcin, sol ich mit euch gähn' 
(vgl. Böhme Nr. 136), Nr. 2: 'Wie schön bluet uns der meye' (Böhme Nr. 264B\ 
Nr. 4: 'Wolauff, gut gsell, von hinnen' (Böhme Nr. 260). 

Eine nahe verwandte, vielleicht noch ältere Dichtung in neunzeiligen Strophen 
entnehme ich dem Berliner Mscr. germ. qu. 1004, S. 55. Meusebach, der sorgsame 
Sammler, hat dieselbe hier samt der dazu gehörigen Melodie von einem einst Brentano 
gehörigen Quartblatte, welches wahrscheinlich aus einer Handschrift des 15. Jahr- 
hunderts herausgerissen war, abgeschrieben. 



1. Mein hercz wil sich erfrewen 
Gen diser sumerezeit 
Vnd all mein laid zustrewen 
Dem winter kalt zu neid, 
Das er vns hatt betwungen 
Der zarten plumlein vil, 
Die vogel schier verdrungen, 
Das sy nymer sungen 
Wis auf des mayes zil. 

2. Seind das nun ist zergangen 
Der reiff vnd auch der snee, 
Der may sich angefangen 
Gewaltikleich als ee, 
Des hört man voglein singen, 
Mit manigem süssen don 
Gar lustigkleich erklingen, 
Ir noten scharff volpringen: 
Der may gibt in den Ion. 

VIII. Ich weis mir drey blumlein 



3. Der hübschen plumlein sind on zal, 
Dy er vns pringen tuet. 

Daraus so nym ich mir dy wal; 

Ain krawt haist Wolgemut, 

Das wil ich meinem herezen 

Behalten, ob ich kann; j 

Augentrost went schmerezen, 

Hab mich lieb yn herezen, 

[? Vnd] frewden mir vergan. 

4. Ich hab in meinem gemuete I 
Dy roten roselein: 

Mich frewt dein weipleich guete, 
Sy stillen dein aigen sein, j 

Dy wil ich dir schenkhn, 
Wann sie gehorent dir zue. 
Mein veyal, tut [? tue] nicht wenkchen, 
Stetleich an mich gedenkchen, 
Tue deiner varib genueg. j 

Fabr. Nr. 156, 8 Str. — Der Text ist 



schon aus den Nd. VI. 130 bekannt. Vermutlich dasselbe Lied in hd. Fassung 



61 

enthält ein 1605 zu Basel gedrucktes fliegendes Blatt: 'So weiß ich mir drey 
Blümelem' (Weller, Annalen 1, 266 Nr. 384). Vgl. Coburger Gesangb. 1621 S. 27. 
— Die Melodie wiederholt Fabricius auf Bl. 78b unter den Tänzen in Lautentabulatur. 

IX. Nun fall, da reiff. Fabricius Bl. 109a unter den Tanzmelodien, nur 
mit diesem Textanfang. — Die Melodie ist der von Böhme Nr. 155 aus M. Francks 
Fasciculus quodlibeticus 1611 Nr. 7 ausgezogenen verwandt. Der sechsstrophige 
Text, welchen Uhland Nr. 47 A und Böhme Nr. 155A aus dem Frankfurter Lieder- 
buche von 1582 Nr. 62 entlehnen (ebendaher auch Nd. VI. 14), begegnet schon in 
dem niederrheinischen Liederbuche von 1574 (Berliner Ms. germ. qu. 612 ; Abschrift 
Ms. gerni. qu. 716) Nr. 34 und in Yxems Liederhandschrift von 1575 (Ms. germ. 
fol. 753) Nr. 57. — Auch das nahverwandte Lied: 4 Nun reif, nun reif, du kühler 
tau' hat Fabricius in seine Sammlung (Nr. 103) aufgenommen, und zwar mit drei 
Strophen mehr als bei Uhland 47B und Böhme 155B und mit einer ganz andern 
Singweise im Tanzrhythmus (Galliarde). 

X. Ach winter kalt, wie mennigfalt. Fabr. Nr. 152, 6 Str. — Der Text 
auch im Frankfurter Liederbuche von 1582 Nr. 25 ; Nd. VI. 82 ; im Berliner Lieder- 
bliche von 1568 (Ms. germ. fol. 752) Nr. 61, in der niederrheinischen Liederhand- 
schrift von 1574 (Berliner Ms. germ. qu. 612) Nr. 46, in Yxems Liederbuch von 
1575 (Ms. germ. fol. 753) Nr. 44. Ganz abweichend ist das gleich anlautende Lied bei 
Harnisch, Hortulus 1604 Nr. 14 — Goedeke und Tittmann, Liederbuch aus dem 
lt5. Jahrh. 1867 S. 161. Eine nd. geistliche Umdichtung 4 Och vngeval, wo menig 
inaer begegnet schon 1571 bei H. Vespasius, Nye Christlike Gesenge vnde Lede 
S. 15. — Von der Melodie finde ich ein Bruchstück wieder in M. Francks Fasciculus 
quodlibeticus 1611 Nr. 2 (erste Ausgabe 1605), abgedruckt bei R. Eitner, Das 
deutsche Lied 2, 280. Derselbe Franck benutzte sie schon 1602 in seinen Musica- 
li-chen Bergkreyhen Nr. 5 (Tenor), um einen vierstimmigen Satz daraus zu machen, 
doch verschnörkelt er sie, und besonders der letzte Teil weicht ganz ab. In seinen 
I'euterliedlein 1603 Nr. 2 giebt er zu demselben Texte eine völlig verschiedene Weise. 

XL Einiges lieb, getrewes hertz. Fabr. Nr. 181, 7 8tr. — Der Text 
«timmt zu Nd. VI. 137 und ist auch hd. in einem 1601 gedruckten fliegenden Blatte 
erhalten; vgl. Weller, Annalen 1, 265 Nr. 373. In der Melodie erregt der Schluss 
Bedenken. 

XII. tiudt gsell, vnd dn must wandern. Fabr. Nr. 118, 8 Str. — Der Text 
schon im Frankfurter Liederbuche 1582 Nr. 250 (9 Str.) und nach einer Handschrift 
m*u 1604 teilweise bei Böhme Nr. 230. Wahrscheinlich identisch ist das nid. Lied: 

Gheselleken, du most wandelen' in der Sammlung 'De nieuwen verbeterden Lust- 
hof Amsterd. 1607. — Eine Melodie war bisher unbekannt. 

XIII. Wie kan vnd mag ich frölig sein? Fabr. Nr. 133, 5 Str. — Vom 
Texte sind zwei hd. Fassungen v. J. 1603 und 1659 durch Hoffmann, Gesellschafts- 
lieder » Nr. 146 (4 Str.) und 147 (5 Str.) veröffentlicht; ferner Nd. VI. 113 (5 Str.). 
Andre Lieder mit ähnlichem Anfange 'Ich kan und mag nicht frölich sein 1 oder: 
'Adi Gott, wie kann ich frölich sein' bei Weller, Annalen 1, 271. 2, 172 f. Mittler, 
Volkslieder Nr. 903. 1450. — Die Melodie ist in der Mitte durch einen Wasserfleck 
etwa* undeutlich geworden ; drei Noten, die sich dem Rhythmus nicht fügen wollten, 
habe ich eingeklammert und hinter die erste Note des 10. Taktes einen Punkt gesetzt. 

XIV. Wie wirdt myr denn fceNchehen. Fabr. Nr. 138, 11 Str. — Der Text 
auch bei Hoffmann, Gescllschaftslieder " Nr. 13 nach einem fl. Blatte v. J. 1601 
«ein anderes von 1609 bei W'eller, Annalen 1, 268 Nr. 395), bei Aelst, 
Blüm vnd Außbund 1602 Nr. 69 und Nd. VI. 146. Schwedisch in Gyllenmärs Lieder- 
buch Xr. 54 (Noreen och Schuck, Visböcker 2, 197. 1885) : <Huru vill thett migh 
lifcka$.' — Zu der Melodie, welche Fabricius in Mcnsuralnoten und Lautentabulatur 
giebt, vermag ich eine Variante aus M. Franck, Fasciculus quodlibeticus 1611 Nr. 3, 
< antus (frühere Ausgabe 1605), nachzuweisen, die ich hier um eine Quinte tiefer 
setze. Angeführt wird sie auch im Coburger Gesangbüchlein 1621 S. 207. 

XV. Mein englein weinen. Fabr. Nr. 159, 14 Str. — Der auch in nd. Fassung 
<Kd. VL 37 und fl. Blatt o. J. in Tübingen) vorhandene Text ist aus dem Niederlän- 
dischen übersetzt Da das Original bisher, so viel ich weiss, nicht gedruckt vorliegt, 
teile ich es nach der 1609 angelegten Sammelhandschrift des Wouter Verhee aus Gouda 



S. 170 (Hamburger Stadtbibliothek. Vgl. G. Kalff,.. Tijdschr. voor ncderlandsch 
Taal- en Letterkunde 5, 137 — 186) zugleich mit der Übersetzung bei Fabricius mit. 



[S.170] Een nieu Lyedeken 
op die wyse: Bedroefde' herteken. 

1. 
Mijn oochgens weenen, myn hert moet 

suchten, 
Dus moet ick clagen mijn swaer verdriet: 
Myn liefste lieueken wilt van mij vluchten ; 
Wist ick waerora, ick truerde niet. 

2. 
"Wist ick waerom, twas my begeren, 
Dat sij vp mij dus is gestoort, 
Si'j gelooft quade tongen, Idt mach my 

vbel deren, 
die niet en soeken dan discoort. 

3. 
Ick bemin haer seere, en sy mij mede, 
Ter werelt en wasser noeyt lieuer paer, 
Wij hadden noeyt twist, maer alty t vrede, 
Och bitter scheyden, ghy valt mij swaer. 

[S. 171] 4. 

In vreemde landen moet ick gaen reysen 
Met groote droeuffheyt gaen dolen altijt; 
Sult ghij, schoon lieff, doer niet een om 

peijnsen, 
Dat ghij daer äff een oorsaeck sijt? 

5. 
Reale mondeken, wilt ghij mij vertaten, 
Söo moet verdwijnen myns hersen [!] bloet, 
Wilt ghij v lieueken niet comen to baten, 
Noeyt meerder droeffheijt en tegenspoet. 



Had ick den apel van rooder goude, 
Die Paris Venus schonck voor een present, 
Ick schenckste mijn lieueken die schoone 

vrouwe, 
Die daer veyt was onder hemels tent. 

7. 
Bedroeft mach ick wel wesen van sinnen, 
Beclagen mach ick wel myn misual; 
Die ick met mijnder herte beminne, 
Dat daer een ander byn rüsten sal. 

8. 
Hoe sullenmyn oochkens dat aenschouwen, 
Wat grooter droeffheijt sal mij hert 

ontfaen, 
Als daer een ander mij lieff sal trouwen 
En met haer uyt vermeyen gaen. 

[S. 172] 9. 

Hoe kanse mij dus vergeten [? nu ver- 
achten], 
daer wy malcander soo hebben geertl 



[Bl 85b] 



Fabricius Nr. 159.] 



1. 



Mein Euglein weinen, mein hertz muj 

seufftzen, 
des mus ich klagen mein schwär vordrieß: 
mein liebstes liebken will von myr flihen, 
wüst ich worum, ich trurdc nicht. 

2. 
Wust ich worum, das were mein begehr, 
das sie auff mich so ist vorstort, 
sie geleubet bösen Zungen, es mach mich 
wol betrüben,! 
die anders nit suchen den discort. 

3 - 

Ich beliebte sie sehre, vnd sie mich mcde, 
auff der Erden war kein lieber paer, 
wyr hatten nicht tw yst, man aizeit fricd, 
och bitter scheiden, du falst mir schwer. 

4 - ! 

In fromde lande mus ich nun reisen, 

mit großer traurigkeit aizeit; 

solt ihr da, schons lieb, nicht eins vrab 

dencken, 
das ihr dazu ein vrsach seitt? 

5. 
Reale Mundeken, wolt ihr mich vorlaßen, 
so mus verquinen meins herzen bludt, 
wolt ihr mich, schons lieb, nicht kommen 
zu zu batheDi 
in meiner betrubnus vnd gegenspoet. 

G. 
Hett ich den Apfel von rotem golde, 
den Paris Venus gab für ein present, 
ich schenckt den meinem lieb, der schönsten 

frauwen, 
die nun lebt vnter des himels end. 

7. 
Betrübt mach ich wol sein von sinnen, 
beklagen mach ich wol mein mißfall; 
die ich in meinem hertzen beliebte, 
das da ein ander bey ruhen soll. 

8. 
Wie sollen meine Euglein das anschoiiwon, 
was betrubnus wirt mein hertz empfan, 
alß das ein ander mein lieb sol trawefl 
vnd mit ihr ins grüne gähn. 

9. 
Wie kan sie mich nun so verachten, 
da wyr vns malckander suß haben geehrt 



Z_ 



63 



Ick mach wel seggen, dat vrouwen ge- 
dachten 

Wanckelbaer syn en haest verkeert. 
10. 

Mocht ick y Heueken noch selfs eens 
spreken, 

Dat ghij moecht hooren mijn clagcn groot, 

Mijn jonck herteken sal moeten brekcn, 

Dat ghij v lieueken dit lijden aendoet. 

11. 
Ick bid v lieueken met smckende tränen, 
V oochkens wilt doch vp mij slacn, 
Den don der lieffden lat vp mij dalen, 
Ick sal mij betercn, lieff, heb ick misdaen. 

12. 
Xu is mijn arbeijt doch al verloren, 
Mijn singen, mijn springen nacht ende dach : 
Sij heeft een ander lieff uyt vercooren, 
Daer ick mij luttel vp hadde gewaccht. 

13. 
Op hoopen moet ick nu gaen leuen, 
Ick ben eijlaes een onwaert gast, 
AI waert mij dit van te vooren geschreucn, 
Ick betroude haer woordekens veel te vast. 
[S. 173] 14. 

Adieu Prinsesse uyt vercooren, 
Adieu de schoonste de liefste mijn, 
Het is mij een droeuich dinck om te hooren, 
Dat w\j twee gescheyden moeten syn. 

Die Melodie, welche auch Bl. 84a unter den Tänzen wiederholt wird, 
stammt gleichfalls aus Holland; in mehrfach abweichender Gestalt ist sie in dem 
Leidener Lautenbuche von Thysius aufbewahrt und von J. P. N. Land in der 
Tijdschrift voor Noord-Nederlands Muziekgeschiedenis 1, 185 (1885) mitgeteilt. Wir 
finden sie auch, etwas umgemodelt und aus dem Tripeltakte in den geraden gebracht, 
1638 unter der Bezeichnung 'Mijn ooghskens weenen, ofte: Gcdiard* ItaW in dem 
•Paradys der Geestelijke en Kerckelijcke Lofsangen' 8. 650 wieder; vgl. Land a. 
a. O. und Bäumker, Das kathol. deutsche Kirchenlied 2, 289 Nr. 307. 

XVI. Ich solt ein nunlein werden. Fabr. Nr. 166a, 7 Str. — Der Text ist 
«chon aus Unland Nr. 329 = Böhme Nr. 243 A (ohne Melodie) bekannt; nur hat 
F&bricius am Schlüsse noch zwei Strophen mehr: 



ich mach wol sagen, das frawen ge- 

dancken 
wanckelbar sein vnd bald verkert. 

10. 
Mocht ich euch, liebken, noch selbst eins 

sprechen, 
das ihr mocht hören mein klagen gros, 
eur junges hertz solt mußen brechen, 
das ihr eurem liebken das leiden antutt. 

11. 
Ich bit euch, liebken, mit sachten Worten, 
wolt eur Euglein doch auff mich schlan, 
eure reine liebe laßet eins auff mich nalen, 
ich wil mich beßern, hab ich mißgethan. 

12. 
Nun ist mein arbeit doch all vorlorn, 
mein singent vnd springent tag vnd nacht: 
sie hat einen andern außerkoren, 
dar ich mich weinig vor hedd gewachtt. 

13. 
Auff hoffen mus ich nun thun leben, 
Ich bin worden ein vnwert gast; 
all weres myr zuvor geschrieben, 
ich vertrawte ihren worten viel zu fest. 

14. 
Ade Princeße außerkorn, 
ade die schönste vnd liebste mein, 
Es ist myr betrüblich anzuhören, 
das wyr zwey mußen gescheiden sein. 



5. Mein hertz mit lieb vmfangen, 
mit lieb anzündet sehr, 
nach im steht mein vorlangen, 
nach ihm stet mein beger. 
Godt geb dem [klepfer vnglück viel, 
der mich armes megdelein 
im kloster haben will.J 

XVII. Hett ich sieben wünsche. 



7. Darum, ir jungen megdelein, 
wil euch geraten hahn, 
das ihr euch [? eur] leib vnd ehre 
vortrauwn eim jungen man, 
vnd hüten euch für nunnen lehn, 
etzlich ihr seel dem teufll orgebn. 
Adde, ich far von hyr. 
Fabr. Nr. 135, 9 Str. — Der Text schon 



n<L bei Unland 5B = Nd. VI. 114, hd. bei Toppen, Altpreuss. Monatsschrift 9, 546 
(1S73). Eine siebenstrophige Fassung bei Uhland 5A, Böhme 276, in der Berliner 
Liederhandschrift von 1568 (Mscr. germ. fol. 752) Nr. 25 und in Yxems Liederbuch 
(Berliner Mscr. germ. fol. 753) Nr. 109. Vgl, noch Uhland, Schriften 4, 13—18. 
— Die Melodie bei Fabricius widerlegt Böhmes Vermutung, das Gedicht sei nie 
gesungen worden. 

XVHL W»ß woln wyr auff den abendt thun.? Fabr. Nr. 107, 4 Str. — 
Text auch bei Böhme Nr. 334 nach Hainhofers Lautenbüchern (1603). Ebenda 



64 

eine ziemlich ähnliche Singweise und ein Fragment aus M. Francks Quodlibets 
1611 Nr. 2 (= Eitner, Das deutsche Lied 2, 281). Vgl. Böhme, Geschichte des 
Tanzes in Deutschland 2, 61 Nr. 135. Andre Aufzeichnungen aus einem deutschen 
Lautenbuche von 1580 und aus holländ. Quellen teilt J. P. N. Land in der Tijd- 
schrift der Vcreeniging voor Noord-Nederlands Muziekgeschiedenis 1, 188 f. mit. 
Auch eine hsl. Melodiensammlung v. J. 1593 (Berliner Ms. germ. tbl. 270 Bl. 6b) 
enthält unsre Melodie in Lautentabulatur. Der Nachtanz wiederholt in dreiteiligem 
Takte (Proportio) die voraufgehende Melodie; vgl. Nr. XXI. 

XIX. Wammb seind die Studenten. Fabr. Nr. 155, 6 Str. — Den Text 
liefert auch Hoffmann, Gesellschaftslieder * Nr. 300 nach einer Hs. von 1603. Die 
Melodie kehrt, vierstimmig gesetzt, bei M. Franck, Fasciculus quodhbeticus Kill 
Nr. 5 mit dem Texte der 2. Strophe wieder. Fabricius hat sie Bl. 78b auch in 
Lautentabulatur unter den Tanzmelodien. 

XX. Der Igel und die Leineweber. Fabr. Nr. 94, 11 Str. — Der Text des 
ursprünglich wohl nd. Spottiiedes stimmt mit der Fassung im Venus-Gärtlein (Ham- 
burg 1659 S. 39. Eine Ausgabe von 1656 besitzt die Stockholmer Bibliothek; 
einen Neudruck 1 dieser wichtigen Sammlung bereitet M. v. Waldberg vor) übercin, 
welche von HonWnn, Gesellsehaftsliedcr * Nr. 856 und Bolte, Archiv f. Litjfesch. 
14, 364 — 368 wiederholt worden ist; nur steht die 6. Strophe: 'Ach lieber 
Egel, laß mich leben' voran, ferner lautet Str. 3, 1 : 'Vnd das erhordt die Feldt- 
maus', 6, 5: 'se kan de spolen scheten', 9, 2: 'das sahn die frawn vnd auch die 
man'. — Von der Melodie waren bisher nur zwei Bruchstücke aus Quodlibets von 
Zangius und Franck bei Böhme Nr. 501 und Eitner, Das deutsche Lied 2, 240. 
281 bekannt. Im Schluss liegt wohl ein Versehen vor, da für die vorgeschriebene 
Wiederholung der letzten Textzeile nicht Noten genug übrig bleiben. 

XXI. Es ht ein baur in brunn gefalln. Fabricius Bl. 77a giebt nur die 
Melodie in Lautentabulatur ohne weiteren Text unter den Tanzweisen. Der Text 
hat sich bis heute in der mündlichen Überlieferung fortgepflanzt. Bei Fischart, 
Geschichtklitterung C. 45 (Scheibles Kloster 8, 477) begegnet er in folgender Gestalt : 

Es ist ein mönch vom bäum gefallen, 

Ich hab jlm hören plumpen. 

Ach daß jhm bring kein schad das knallen! 

Er köndt sonst nicht mehr gumpen, 

Hibe ha wol zumpen. 
Andre Fassungen bei Böhme Nr. 464. Arnim-Brentano, Des Knaben Wun- 
derhorn 2, 765 ed. Birlingcr und Crecelius. Simrock, Das deutsche Kinderbuch 
1848 S. 21. E. Meier, Kinderreime und Kinderspiele aus Schwaben 1851 S. 50. 
Rocholz, Alemann. Kinderlied und Kinderspiel 1857 S. 177. II. Frischbier, Preus- 
sische Volksreime und Volksspiele 1867 S. 43. Firmenich, Germaniens Völker- 
stimmen 1, 265. Fiedler, Volkslieder in Anhalt- Dessau 1847 S. 230 u. s. w. — 
(•oussemaker, Chants populaires des Flamands 1856 S. 404 Nr. 146 und Land, 
Tijdschr. voor Noord-Nederlands Muziekgeschiedenis 1, 164 veröffentlichen auch ver- 
wandte Melodien. — Über den Nachtanz vgl. Nr. XVIII. 

XXII. Der engelliindiNche Roland. Fabricius Nr. 9 giebt zu einem sechs- 
strophigen Namenliede auf Sophia : 'Schons lieb, ich thue dir klagen' eine Melodie 
in Lautentabulatur mit der doppelten Überschrift : l JhJiusdem Antorist, d. h. Caspari 
Husmanni, und 'Bolanl'. Die letztere Bezeichnung bezieht sich ohne Zweifel auf das 
1597 in Deutschland auftauchende und rasch beliebt gewordene Singspiel (Jigg) der 
englischen Komödianten: 'Ach Nachbar Robert', welches in derselben achtzeiligen 
Strophe abgefasst ist. Auch das von Fabricius unter Nr. 26 aufbewahrte dra- 
matische Lied, welches den Streit zweier Liebhaber um die Gunst eines Mädchens 
vorführt (abgedruckt in der Vierteljahrsschrift für Literaturgeschichte 1, 111 — 116. 
1888), geht 'Auff die Melodei : Ach nachbar Roland'. — Den deutschen Text jenes 
Singspiels von Roland findet man bei A. Keller, Fastnachtspieie des 15. Jahrhunderts 
2, 1021, Böhme Nr. 85 und Nd. VI. Nr. 148. Zu meinen Notizen über seine einstige 
Verbreitung im Korrespondenzblatt f. nd. Sprachf. 10, 38 trage ich nach, dass die 
Berliner Bibliothek zwei noch nirgends verzeichnete fliegende Blätter, o. 0. 1599 



und Magdeburgk o. J. (Te 726 und 781) besitzt; auch eine 1600—1603 in Jaufen 
(Tirol) entstandene Liederhandschrift enthält, wie mir Herr Dr. M. v. Waldberg mit- 
teilt, das Stück; eine Abschrift in K. T. Heinz es Volksliedersammlung (Mscr. S 504 der 
Bonner Universitätsbibliothek) ; die Melodie wird noch citiert 1607 in dem bei Lantzen- 
berger zu Nürnberg erschienenen Liederbüchlein Nr. 68, 1609 (Weller, Annalen 1, 268 
Nr. 396 und 409), 1627 (Birlingers Alemannia 16, 84) und 1632 (Ditfurth, Volkslieder 
des dreissigjährigen Kriegs 1882 S. 152). — Der englische Originaltext ist uns ebenso 
wie eine niederländische Übersetzung: 'Soet t soet Robbertgen' verloren gegangen. Da- 
gegen vermögen wir die Melodie, welche sich einer ausserordentlichen Beliebtheit erfreut 
haben muss, auf ihrer Wanderung von England nach Holland und Deutschland zu ver- 
folgen. In England erscheint sie, wie W. Chappcll (Populär music of the olden time 
1855 — 59 p. 1 14 f. 770) angiebt, in dem sogenannten Virginalbuche der Königiu Elisabeth ') 
unter dem Namen Rowland, von dem berühmten William Byrd (1538—1623) gesetzt. In 
den Virginalböchern der Lady Neville (1591) Bl. 46b und des William Forster (1624) 
S. 22 Nr. 6 und in Thomas Robinsons Sehool of music (1603) führt sie den Titel 'Lord 
Willohies welle ome hörne 3 , weil nach ihr auch eine Ballade*) auf Peregrine Bertie 
Lord Willoughby of Eresby (f 1601) gesungen wurde, welcher 1587 nach der Ab- 
berufung Leicesters den Oberbefehl über die in Holland gegen die Spanier fech- 
tenden englischen Truppen übernahm. Aus Holland bringt Land, Tijdschr. voor 
Noord-Nederlands Muziekgesch. 1, 223 f. vgl. 28 vier verschiedene Aufzeichnungen 
der hier nur als 'Soet Bobbertgen' bezeichneten Melodie: aus Thysius' Lautenbuch 
(um 1600), aus Pieter Leenaerts van der Goes Druyven-Tros der amoureusheyt 
il«02) S. 102, aus Adrian Valerius, Nederlandtsch Gedenckclanck 1626 S. 83 und 
aus dem Paradijs der geestelicken en kerekelicken. lofsangen 7. Aufl. 1679 8. 695. 
Angeführt wird sie auch in Wouter Verhees Liederhandschrift (vgl. oben zu Nr. XV) 
S. 249: 'Een nieu liedeken op die voys van Soet Robbergen: Door lief den reijn 
terwonnen ick blijuen moet y (6 Str.). 

Die nabeliegende Frage, ob die Melodie ursprünglich dem Willoughbyliede 
oder dem Singspiele Roland angehörte, lässt sich aus dem vorliegenden Materiale 
nicht mit ausreichender Sicherheit beantworten. Wäre jedoch das Letztere der Fall, 
so bliebe auffallend, dass die Melodie gerade in England nur einmal (doch s. S. 68) 
und ziemlich spät unter dem Namen Rowland auftaucht. Es ist aber wohl denkbar, dass 
die englischen Schauspieler, welche Leicesters Gunst genossen und von ihm 1586 an 
den Kfmig Friedrich II. von Dänemark empfohlen wurden *), auch seinem Nachfolger 
in den Niederlanden ihre Ergebenheit beweisen wollten und auf die Melodie eines 
zu seinem Ruhme gedichteten, allgemein beliebten Liedes jenes Possenspiel reimten, 
welches dann in der Fremde so ausserordentlichen Beifall fand. Endlich ist zu 
berücksichtigen, dass das Vorhandensein der Willoughbyballade schon für 1591 
durch Lady Nevilles Virginalbuch bezeugt wird, während das Possenspiel zum ersten 
Male 1596 in einer gereimten Beschreibung der Frankfurter Messe von Marx 
Mangold 4 ) als etwas ganz Modernes genannt wird: 

Einer sang: Ö Nachbawr Ruland, 

Ein Lied, kommen auß Engelland. 

Bis auf weiteres haben wir also anzunehmen, dass die Melodie des Rolands- 
liedes älter ist als der Text. 

Noch andre um dieselbe Zeit von England nach dem Festlande herüber- 
gebrachte Tanzweisen lernen wir aus Thysius' Lautenbuche keunen, z. B. Tijdschr. 
2, 309 eine Pavane 'DelighV jenes Richard Machin, welcher 1600 — 1605 als Musiker 
und Komödiant im Dienst des Landgrafen Moritz von Hessen stand ), sowie mehrere 

*) Hs. in Cambridge, wohl erst nach 1620 entstanden, S. 278 Nr. 158. Vgl. 
G. Grovc, Dictionary of music 4, 309b (1885). 

*) Pcrcy, Reliques vol. 2. 2, 19. The Roxburghe Ballads 4, 8. (12 Strophen.) 

*) Bolte, Jahrbuch der deutschen Shakespearegesellsch. 23. 

4 ) 'Marckschiff, hrsg. von E. Kelchner, Mitt. d. V. f. Gesch. und Alt. in 
Frankfurt a. M. 6, 322 (1881). 

•) E. Mentzel, Archiv für Frankfurts Gesch. N. F. 9, 43. 45. 50. 52. J. Crüger, 
Archiv f. Litgesch. 15, 116. 

BiadardenUohos Jahrbuch. XIII. 5 



66 

Kompositionen des Robyn Jones und des berühmten, auch von Shakespeare ge- 
feierten John Dowland (Tydschr. 2, 287. 310. 340. 344). Wie viele namhafte 
englische Musiker damals in Deutschland Beifall erntend umherzogen, ist bisher 
kaum beachtet worden. In Rinteln am Hofe des Grafen Ernst III. von Schaumburg 
(1570 — 1622) lebte Thomas Simpson, in Berlin und dann in Hamburg William 
Brade-, beide Hessen auch ihre Couranten, Galliarden, Paduanen in Deutschland 
drucken, während die Kompositionen von Thomas M o r 1 e y wiederholt von Valentiu 
Haußmann, Michael Praetorius, Conrad Hagius, Johann von Steinbach und Daniel 
Friderici herausgegeben wurden 1 ). Morley und Brade führt auch 1627 der letzt- 
genannte Rostocker Cantor in seinem gereimten Verzeichnis berühmter Musiker 
(Amuletum musicum Nr. 30) auf. Dagegen ist bei den Melodien, welche den 
Sammlungen der 'Englischen Komödien und Tragödien 7 von 1620 und 1630 bei- 
gegeben sind, der englische Ursprung nicht immer zweifellos, gerade wie bei den Texten. 

Ich liefre in der Musikbeilage A) die vollständige Lautenmusik nach Fa- 
bricius samt dem dort untergelegten Texte, B) die Melodie desselben Stückes mit 
dem ursprünglichen Texte, C) das schon von Böhme ermittelte Fragment bei M. 
Franck, Fasciculus quodlibeticus 1611 Nr. 2, Cantus (— Eitner, Das deutsche Lied 
2, 283), von welchem es auch einen Druck v. J. 1605 giebt; vgl. Monatsh. f. Musik- 
gesch. 17, 55, D) die englische Melodie mit dem Texte der Willoughby-ballade 
nach Chappell 1, 115, doch um einen Ton tiefer gesetzt. 

Den Originaltext zu der Melodie 'Rowland' glaubte Chappell, welcher von 
dem deutschen Liede nichts wusste, in einem fliegenden Blatte aus den Jahren 
1600 — 1625 in der berühmten Balladensammlung von Samuel Pepys, welche sich 
gegenwärtig im Magdalen College zu Cambridge befindet, Bd. I S. 210 f. ent- 
deckt zu haben, ging aber nicht näher auf die Sache ein. Mir ist, nachdem ich 
durch die Freundlichkeit der Herren Dr. K. Breul und Dr. C. Schüddekopf eine 
Abschrift des genannten Einblattdruckcs erhalten habe, seine Ansicht zweifelhaft 
geworden. Zwar weist das englische Gesprächslied denselben Strophenbau auf wie 
die verschiedenen Aufzeichnungen der Melodie und der deutsche Text, auch die 
Anfangszeile stimmt zu dem letzteren ; aber der Inhalt ist ein völlig anderer : kein 
Ehestandsdrama, sondern eine Satire auf alle Stände in Form eines Dialoges 
zwischen dem von London heimkehrenden Rowland und seinem zweifelsüchtigen 
Nachbar John, mit derselben direkten Ironie ausgeführt, wie sie z. B. eine Regens- 
burger Truppenliste zum Türkenkriege aus wenig früherer Zeit (Birlingers Alemannia 
16, 85 — 87) enthält. Ferner geht dies Lied nicht in seinem eigenen Tone oder in 
dem der Willoughbyballade, sondern nach einer sonst nicht bekannten Weise: 
l Twentypoundayeere\ Man darf vielleicht annehmen, dass das englische Lied die 
erste Anregung zu dem Singspiele der englischen Komödianten hergab, welche aber 
ausserdem eine andre Melodie benutzten. Ich lasse nun den Text selber folgen. 

[8.210] Nevves good and nevv 

To the tune of Ttcenty pound a yeere. 
[Holzschnitt: Zwei Männer, der links auf sein Schwert gestützt, der rechts 
in langem Mantel, ein Schwert an der Seite, einherschrcitend, reden mit einander.] 



1. 
John. Now welcome neighbour Rowland, 

From London welcome home, 

What newes is there I pray you ? 

From thence I heare you come. 
Row. The best that ere you heard, 

Youle say 't when I you shew. 
John. I hardly can beleeue it, 

Tis too good to be true. 
2. 
Row. The Lawyer in hiß pleading 

to gaine giues no respect. 



Though Clients have no mony, 
he doth not them neglect: 
But truly pleades their cause, 
Of these there be not few. 
John. I neuer will beleeue it, 
Tis too good to be true. 

3. 
[Row.] In Lords there 's no ambition, 
in Ladies theres no pride, 
The Clergie lones no mouie, 
no woman 's wanton-eyde, 



') Grove, Dictionary of music. Goedeke, Grundriss. Weller, Annalen. 



6? 



Each one that wicked lin 'd, 
doth staine to line anew. 
John. I neuer etc. 

4. 

Row. I there did know an Usurer, 

ith ') hundred tooke three score : 
But he is now repented 
and gaue all to the poore, 
And daily fasts and prayes, 
and hates that damned Crew. 

John. I neuer etc. 

5. 
Row. Your Tradesmen hate short 
measures 
false lights, and falser waights: 
Nor will they in their bargaines, 
vse oathers as cunning baites 
To fetch the simple ore, 
theres no such cunning Jew. 
I neuer etc. 



John. 



6. 



Row. No Vintner there doth mingle 
his wine with water pure: 



And then doth sweare tis neatest : 
in London 's no such Brcwer. 
Of that they all are cleare, 
they can, but will not brew. 
John. I neuer etc. 



7. 



Ro^ 



No Ostler there will rob you, 
of either oates or hay, 
No Tapster nickes the pot there, 
but fils it as he may: 
No hoast will there be drunken, 
no hostesse proues vntrue. 
John. I neuer etc. 

8. 
Row. Your Brokers there are honest 
and are not ranckt with knaues, 
They lend their coine for con- 

science, 
Which niakes them ore their 

graues. 
To haue their good deeds writ, 
Whose number is but') fcw. 
John. I neuer etc. 



[S.2U] 



Too good to be true 

The Second Part. 



[Holzschnitt: Links ein höfisch gekleideter Jüngling mit Halskrause und 
Srhwert, Handschuhe in der Hand, rechts eine sehr geputzte Dame mit Halskrause 
und Fächer oder Blumenstrauss.] 

To thinke on poore mAis miscries, 
their yron hearts doe weepe: 
The poore men they relieue, 
and giue the rieh their due. 
John. I neuer etc. 



9. 

Row. A Sergeant late turn'd honest, 
and not abus'd his place: 
A Baily became pitifull, 
and wail'd his prisoners rase: 
And both to goodnesse fram'd 
their former course anew. 

John. 1 neuer will beleeue this, 
Tis too good to be true. 

10. 

Row. The Landlords there are pitiful 
and racke not poor mens rents, 
The tenant there is dutifull 
and payes what he indents. 
The rieh the poore doe loue: 
of these there are but few. 

John. I neuer etc. 

11. 



12. 

Row. You there shall see no drunkards, 
in Walking through the street: 
The Stockes stand euer emptie, 
all's sober that you meet. 
He's hated that's but secne, 
amidst a drunken crew. 

John. I neuer etc. 



13. 



Row. 



Row. Jailors are tender hoarted, 
that doe their prisons keepe: 

*) Breul vermutet: in the. 

*) Wohl not. Breul 

*) Ein Gefängnis bei Ludgate Hill. 



Pickbatch, and garden Allics, 
Turnebull, and Mutton lane 
Of truth are now turn'd honest, 
and hate vnlawfull gaine. 
Bridewell 8 ) did them conuert, 
and clad their backes in blew. 
John. I neuer etc. 



5* 



«8 



that turnes the night to day 
By vile disordered life, 
wnich age doth after rue. 
John. I neuer etc. 

16. 
This newe8 doth much amaze me, 
the which you have me told, 
And truely to beleeue it, 
I dare not be too bold. 
I would as true it wcre, 
as it to me is new. 
But I will not beleeue it, 
tis too good to be true. 

I. Trundle. 



14. 
Row. Fleetstreet ha's nere a cheater, 
White-fryers ne 1 re a whorc: 
Tiburne') is now deliuered 
and bearcth theeues no more. 
And Smithfield*) now is rid 
of those horsc-cheating crew. 
John. I neuer etc. 

15. 

Row. Ludgate ha's nere a bankrupt 
that can, but will not pay: 
The Counter nere a Prodigall 

Printed for 

Nachträglich finde ich noch die Melodie e O neighbour Bobert? angeführt als 
Ton für die vor 1600 gedruckte Ballade auf Jasper Coningham : 'It was a Scotchman' 
in The Roxburghe Ballads ed. by Chappell 3, 104 (1880). Dagegen ist ein ähnlich 
beginnender Dialog Martin Parkers ebenda 1, 441: 'Neighbour Roger, woe is me\ 
den eiu eifersüchtiger Ehemann Simon mit einem Junggesellen Roger hält, in einer 
andern Strophe nach der Melodie 'Buckle and Thong-a' gereimt. 

XXIII. Die Schlacht bei Mohaez. Anhangsweise folgt eine Volksweise, deren 
schon einmal in diesem Jahrbuche gedacht wurde. Jellinghaus hat im Jahrbuch 7, 
11 f. (1881) aus einer um 1540 in Island entstandenen Handschrift der Kopenhagener 
Universitätsbibliothek (Mscr. Arnae Magnaei 622 quart, Bl. 7b) eine nd. Übersetzung des 
verbreiteten Liedes auf den Tod König Ludwigs von Ungarn (Liliencron, Die hi- 
storischen Volkslieder der Deutschen 3, 562, Nr. 403. Nachtrag S. 55 f.) veröffent- 
licht und dabei bemerkt, dass der ersten Strophe eine Melodie beigegeben sei. Da 
neuerdings die Frage nach der Singweise dieses Liedes mehrfach erörtert worden ist, 
wandte ich mich an Herrn Universitätsbibliothekar Dr. S. Birket Smith in Kopen- 
hagen, welcher die Freundlichkeit hatte, mir eine Abschrift der Noten zu übersenden. 
Es ergiebt sich nun, dass das Lied vom 'König in Ungarn 1 wirklich seinen eigenen 
Ton besass ; denn die vorliegende Melodie, bei der ich nur die Taktstriche hinzugefügt 
und die 4. und 6. Note (a) aus Vierteln in Achtel verwandelt habe, stimmt mit keiner der 
bisher mit dem Texte in Verbindung gesetzten Weisen überein, weder mit der des älteren 
Marienliedes: 'Frülich so will ich singen' (Böhme Nr. 602. Bäumker, Das kathol. 
deutsche Kirchenlied 2, 104 Nr. 33a. R. v. Liliencron, Deutsches Leben im Volkslied 
1885 Nr. 7), noch mit dem ähnlichen Choral: 4 reicher gott im throne' (Böhme Nr. 
392), noch mit der Doller Weise (Böhme Nr. 374), noch endlich mft dem Tageliede: 
'Die sonn die ist verblichen' (Böhme Nr. 116). Freilich bleibt die Möglichkeit, dass 
der 'König von Ungarn' später auch im Tone des genannten Marienliedes gesungen 
wurde; aber gegen die ursprüngliche Verwendung dieser Weise spricht der Umstand, 
dass die älteren Drucke des 'Königs von Ungarn' keine Tonangabe haben ; und nur aus 
der Gleichheit des Strophenbaus und der typischen Eingangsformel 'Frölich so will ich 
siugeu' auf die Gleichheit der Melodien zu schiiessen ist etwas gewagt. — Das deutsche 
Lied samt der Melodie rührt, wie mir Herr Smith schreibt, von einer andern Hand her 
als der übrige Inhalt der Kopenhagener Handschrift, ist aber ohne Zweifel zu derselben 
Zeit (um 1540) aufgezeichnet, vermutlich von einem Deutschen, der sich damals in Island 
aufhielt. Vgl. noch über die IIs. W. H. Carpenter, Nicoläsdräpa Halls prests, Freiburger 
Diss. 1880 (Halle 1881). — In Jellinghaus' Text haben sich ein paar kleine Versehen ein- 
geschlichen : Z. 1 Lecklick statt Klecklick, wille ist ausgefallen, ebenso 2 Verse hinter Z. 4. 

') Ein Platz, auf dem die Hinrichtungen von Verbrechern stattfanden. 
■) Ein Platz, auf dem die Viehmärkte abgehalten würden. 



BERLIN. 



Johannes Bolte. 



69 



Zum Niederdeutsehen Aesopus. 

Unter dem Titel 'Niederdeutscher Aesopus' hat Hoffmann von 
Fallersleben 1870 20 Fabeln und Erzählungen aus einer Wolfenbütteler 
Papierhds. des 15. Jahrhunderts (997 Nov) mitgeteilt, nachdem er 
schon vorher in Pfeiffers Germania, Jahrg. 13 S. 469 — 478 Proben 
daraus wiedergegeben hatte. Der Abschreiber der ursprünglich nieder- 
deutschen Gedichte hat Nieder- und Hochdeutsch gemischt, und H. 
hat sich die Aufgabe gestellt den Text in das ursprüngliche Nieder- 
deutsch zurückzuübersetzen, zugleich aber denselben von allen übrigen 
Entstellungen zu reinigen. Nun hat er aber den Text vielfach nur 
sehr flüchtig gelesen. Auch treffen die eigenen Conjekturen des Heraus- 
gebers an vielen Stellen nicht das richtige. Ich habe nun in Folgendem 
versucht das dem Dichter zukommende herzustellen. Ich benutzte 
dazu eine Abschrift der Hds. von W. Seelmanns Hand. Auch die ent- 
sprechenden Fabeln Gerhards von Minden, die Hoffmann nur aus 
Wiggerts Scherflein kannte, haben an einigen Stellen zur Herstellung 
des Textes beigesteuert. 

I, 49. mer ein iklik merke rechte, 

dat man den to vorsten neme, 

de sik der swacken nicht en scheme, 

unde dat em allewege sy 

wärheit unde genade by, 

de sik to aÜer doget syre 

unde dorch gave nummende vyre. 

Weder sik syren to 'zieren, verherrlichen', noch vyren 'Ehre er- 
weisen', wie H. angibt, ist zu belegen. Es liegt ein Fehler des 
Schreibers vor, der das alte sik Heren (teren) 'Art und Weise an- 
nehmen, sich benehmen' nicht verstand. Statt vyren ist hoveren mit 
Dat. 'einem hofieren, schmeicheln' einzusetzen, also zu schreiben: 

de sik to aller doget tere 

unde dorch gave nummende hovere. 

V. 76 schreibt die Hds. we eventuire hie iummer sij. Vergleichen 
wir dazu XXIX, 30 des saltu iummer vro und eventuir van myr werden^ 
so ergibt sich, dass eventure hier ein Adjectivum ist, ungefähr gleich- 
bedeutend mit vro, 

II, 13 ff. sind folgendennassen zu interpungieren : 

he vragede war he ein helve neme, 
dat syner exen even queme, 
dar he de mede mochte merken 
unde 6k synen willen werken. 

D. h. er fragte, woher er einen Stiel nähme, welcher zu seiner Axt 
passend wäre, damit er dieselbe versuchen möchte u. s. w. H. bezieht 
de fälschlich auf de bbme^ und fasst merken als 'mit der Märke ver- 



70 

sehen'. Doch nicht darauf kommt es dem Schmiede an, sondern er 
will die Bäume fällen, vgl. 5 f., 33 f. 

Y. 45. dar um wy hebten graten dult. 
Die Hds. hat moieen statt groten, wonach moten zu schreiben 
ist: 'Darum müssen wir Geduld haben', dult hebben findet sich noch 
LXI, 16. 

III, 33. d&rer is dy des du dg nerest 

Die Hs. hat duire is dich; für duire ist aber, wie die Vergleichung 
von Gerh. 56, 29 beweist, diuve 'Diebstahl' zu schreiben. Der Vers 
ist demnach zu lesen: diuve is des du dy nerest 'Diebstahl ist es, 
wovon du dich nährst'. 

V. 105 ff. sind mit der Hds. zu lesen: 

doch einen sede heft dat hert, 
dat he uprichtet hoch den stert: 
wan he jenniges anxtes plicht, 
he jo nicht vor dem hinder licht. 

'Wenn der Hirsch Angst hat, so liegt der Schwanz nicht vor 
dem Hinterteil.' 

V. 112 lies: 

schul em dat, so weit ik wol, 
dat he tohant en vluchtich maket, 
of he den rechten wech in raket. 

H. schreibt V. 114 er statt o/", bezieht also he auf den Hirsch. 
Es heisst aber: wenn er (der Käfer) den rechten Weg hineintrifft. 

V. 136. se lopen, of se hebbe vorvert 

de duvel mit eines ddrnes Uaven. 

In Jclave sieht H. das lat. dava, erklärt also dörnes Jclave durch 
'Dornenkeule'. Dies gibt jedoch keinen Sinn. Das hdsl. dornis dafen 
ist entschieden stärker entstellt und in donres klapen 'Krach des 
Donners' zu ändern. Über den Reim Idapen : apen vergl. zu Gerhard 
von Minden 2, 51. 

V. 162 ist zu lesen: 

de eine grep ein bret, de ander ein span, 
unde weiden vor dem hinder hdn. 
de eine dit, de ander dat 
hengen hinden vor dat gat. 

weiden ist = toölde en. hengen ist die schwache Form des 
Praet., der Plural, weil sich sowohl auf de eine als de ander beziehend. 
V. 200 ist mit der Hds. zu lesen: 

de duvel künde nicht bestryden 
dat gen t dar mit wy sint behaft. 

gent, Volk findet sich auch XIX, 19: 

tom testen disser wilde gröt 
dem armen gente ser vordröt. 

Vm, 11 ff. lauten in der Hds.: 

du sust, das ich van myner macht 

han aller vögele schone gewracht 

an dich aUeyne. nu straffes du mich. 



71 

die allen dach underwisen dich, 
dal iclich synes amptes plecht . . 

Was Hoffmann daraus gemacht hat, scheint mir unverständlich. 
Ich schreibe mit möglichstem Anschluss an die Hds.: 
du 8U8t, dal ik van myner macht 
han aller vögele schone gewacht 
an dy, alleine du strafest my. 
de alle doch underwisen dy, 
dat ÜUk sines amptes plecht . . . 

Du siehst, dass ich durch meine Macht aller Vögel Schönheit 
an dich gelegt habe, obgleich du mich nun tadelst. Diese (Vögel) 
alle unterweisen dich, dass jeder seines Amtes pflegt u. s. w. 

V. 91 ist zu schreiben: 

de my bracht an diesen miströst 
unde dy van anxte heft erlöst. 
XII, 28. so trat men den guden dot, 

dank wet he des, nicht is bewänt 

Das ist trotz H.'s Erklärung: "bewanen, verdächtigen, für falsch, 
unrichtig halten u unverständlich. Die Hs. hat richtig: ind ist betvant 
'und (es) ist wohl angewandt', ind = ende it? 49, 61. bewant ist 
also Part, praet. von bewenden. Vgl. XLVII, 59: tvat man an den 
guden leckt is toal bewant, de meister secht. Vgl. auch 20, 152: vä 
wcl he syne siege bewande. — Nach dridde V. 41 ist ein Komma zu 
setzen; das Relativpronomen ist ausgelassen. 

XTV, 20 muss gelesen werden: de äpen gingen vor en stan Die 
Hs. hat zwar hier eme, aber auch V. 33 u. 86 steht em, wo H. richtig 
en gesetzt hat. Ebenso ist V. 46 en statt eme zu lesen. 

V. 51. wat here dunkt dy dat ik sy 
unde alle de hyr stan by my. 

Die Hs. hat richtig den Gen. plur. heren, vgl. V. 73 wat Volkes; 
ik ist zu betonen. 

V. 63 f. do sach de ander unde dachte 

wo he sik van dem apen wrachte 

sind unverständlich, denn die Übersetzung H.'s: 'sich frei machte' 
ist nicht sprachgemäss. Die Hs. hat we statt wo. Es ist zu lesen: 

wes he sik van dem apen wrachte 
; was er sich von dem Affen auswirken möchte'. Der Gen. wes steht 
als Rel. wie noch häufig für den Acc; vgl. Mnd. Wb. 5, 694. 

XVII, 26 hat die Hs. vrunt statt sint. Dies ist beizubehalten 
und folgendermassen zu interpungieren: 

vrunt, ik starkers nicht en vinde 
dan du bist, so mach sik temen, 
dat ik dyne tochter nemen 
wtl to wyve na der echte. 

XVHI, 4 ist nach der Hs. zu schreiben: 

he gaf em wünsche walde 
drier hande, wu dat he 
jummer wolde nomen de. 



72 

Y. 22. se sprak: nti wünsche ik, leive man, 
dattu krygest einen mavel 
to dieser miner wünsche kavel 
von State, dat ik möge sein 
dat mark hyr üt van dy myn tein. — 

myn V. 26 hat H. aus dem hdsl. mich gemacht, dies gibt aber 
keinen Sinn; es ist in noch zu bessern. 

XIX, 3 ist in der Hs. nijt statt mit zu lesen. Dies ist die dem 
Schreiber gemässe Form der Negation nicht, mit alt = mit aJ, 'omnino, 
prorsus valde', was H. setzt, dagegen nicht weiter zu belegen. 

Der Anfang dieser Erzählung ist zu lesen: 

An meientit sik dat geschach, 
dat ein man syne vrouwen sach 
mit einem knapen, de nicht alt 
was, gegän an einen grünen wdlt. 

Das Part, praet. nach sen auch V. 66: den leiden döt hebtet gy 
gegän sein mit my. 

V. 28. to hant de vrouwe den man vornam 

to sik komen an grimmiger vdr (: dar) 

var erklärt H. durch dolus, Arglist; es ist aber var (: dar) zu 
lesen, var(e) = mhd. fuore, die Art und Weise, wie jemand fährt, 
des Benehmens. Vgl. Mnd. Wb. 5, 199. 

V. 102 ist nicht dar für dat zu setzen, sondern letzteres zu streichen. 
Y. 109 lautet in der Hs.: do dachte der vrouwe an erem moed, 
wofür zu schreiben ist: do duckte der vrouwen. 

V. 119 ist dar statt der verschrieben. Der Schluss muss lauten: 
Ein olt gesproken wort gemeine 
is, dat, de waschet teigelsteine 
unde de eines wives hat, 
seit, de wert der lüde Spot. 

XX, 12 ff. sind sehr in Verwirrung geraten und folgendermassen 
wiederherzustellen : 

doch künde de sege syn ny gewerden, 

so dat se ene wolde leven. 

an disser var se lange hieven. 

do einer tyt mit siner plöch 

to hüs he quam, noch gern gevoch 

an syner were mit nichte he vant, 

wol dat dem wyoe wal bekant 

was manniges kummers sware dach 

des he dorch sie beide plach. 

Dazu ist folgendes zu bemerken: V. 15 hat die Hs. 50 statt cfö, 
vgl. z. XVI, 86. einer tit ist zeitlicher Genit. wie 'eines Tages', vgl. 
Leibnitz Script, rer. brunsw. 3, 197. Die Verse sind zu übersetzen: 
'Doch konnte der Sieg nie sein werden, dass sie ihn lieben wollte. 
Bei dieser Lebensweise blieben sie lange. Da er zu einer Zeit mit 
seinem Pflug heimkam, fand er noch keinerlei Bequemlichkeit in seiner 
Behausung, obgleich dem Weibe wohl bekannt war mancher schwere 
Tag der Not, die er ihrer beider wegen erduldete.' 



73 

XXV ist der stärker entstellte Schluss folgendermassen zu bessern: 

Dem unschuldigen dicke göt 
schut tegen des bösen tnöt: 
siege dem wyve vor ere Ungunst, 
gut wart dem bure vor syne kunst. 

'Schläge dem Weibe für ihr Übelwollen, Gut wurde dem Bauer 
für seine Kunst zu teil.' Statt Ungunst hat die Hs. gunst, wie V. 33 
gewrochen statt ungewrochen. 

Den obigen Bemerkungen seien schliesslich noch folgende angereiht, 
die m. E. keiner ausführlichen Erörterungen bedürfen: I, 68 lies mit 
slagen 'Holzschlagen' statt siegen. — II, 42 exent&ch ist nicht 'Axtgerät', 
sondern verächtlich gesagt, vgl. nnd. kröptüch. — IV, 28 ist das ne 
der Hs. (H. ny) nicht zu ändern. — IV, 30 lies väre 'Angst, Furcht'. 

— IV. 41 ff. vgl. mein Programm Northeim 1879 S. 7. — IV, 54 
hat die Hs. das richtige annamen, ebenso IV, 63 das Part, praet. 
unnamet, vgl. Mnd. Wb. I, 98. — IV, 179 f. ist zu interpungieren : 
Tom lesten undergink de vane Des toulves up des strydes bane. — IV, 
185 ist das hsl. eobarst in tobarst (H. tobrast) zu ändern. — IV, 196 
lies nach der Hs. bannervorer 'Bannerführer'. — V, 1 bietet die Hs. 
Eyn (H. De), was nicht zu ändern war. — VI, 14. 22 ist dede sicher 
Conj. praet. zu dön 'verleihen, gewähren'. — VII, 6 ist schöner wohl 
Fehler des Schreibers und zu lesen: Noch den vogel ich ne gesach De 
ju gelyk an schone were. — VII, 1 1 ist Uf 'Leben', nicht leif zu lesen, 
vgl. Gerhard 46, 21. — VE, 54 hat die Hd. loffen, woraus H. lopenden 
gemacht hat, vielleicht ist losen 'freien' zu lesen, vgl. lösjungere. — 
Nach XI, 59 fehlt ein Vers, der nach der Hs. zu ergänzen ist. De 
lande he den künden bot. Vgl. auch Gerhard 53, 76. — XI, 72 steht 
der (= de) in der Hd. fiir unde. Nach Vergleichung von Gerhard 
53, 91 ist zu schreiben: De my bracht an dissen mistrost Unde dy 
van anxte lieft erlöst. — XII, 4. 48 ist vormanne (Hs. voirmanne) nicht 
in vermanne zu ändern, vgl. mnd. Wb. 5, 403. — XI, 42 ist vielleicht 
ü redet j. u. o. zu schreiben. — XIV, 9 ist, nachdem hinter gräle ein 
Punkt gesetzt ist, so zu interpungieren: Dar na den apen töch syn art: Ein 
deif he synes heren toart. — XIV, 34 schreibt H. Ein hopen golt he 
vor sik nam. Das hsl. hovetgolt 'goldener Kopfschmuck' ist aber un- 
zweifelhaft richtig. — XIV, 61 ist das hsl. gessen wohl als geten 
wiederzugeben. — XV, 14 so, welches in der Hs. fehlt, ist zu tilgen. 

— XV, 26 ist mit der Hs. zu setzen Do he disset vlcent sach. — 
XV, 23 ist wohl zu lesen : Van vlucht er gein der andern warde (warde 
Praet. von worden 'warten auf, erwarten'). — XVI, 4 lies vor en, vgl. 
zu XIV, 20. — XVI, 86 lies De lewe do dein wulve gebot. Die Hs. 
hat zo, was häufig aus do entstellt ist. — Zu XVI, 120 plicht vgl. 
Mnd. Wb. 3, 347b. — XVII, 1 interpungiere Ein mül, wolde vryctl ho. 
Das Relativpronomen ist ausgelassen. — XVIII, 36 boven raden heisst 
nicht 'im Rathe übertreffen', sondern 'herrschen über', es ist zu 
schreiben du boven er rät, dat rade ik dy. — XIX, 52 lies mit der Hs. 
nitnant statt numment, desgleichen V. 70 dat sy dy geklaget hexe Crist, 



74 

V. 84 utent (so hat die Hs.) ih sdl nicht lange leven, V. 90 he dachte 
hijr, he dachte dort, V. 102 ist nicht dar für dat zu setzen, sondern 
letzteres zu streichen. — XX, 32 ere (eire) bähen der Hs. ist richtig. 
— XX, 39 gorge 'ärmlich', vgl. Korresp.-Blatt 12 S. 42. — XX, 34 
ist got mote des, meister, an ju walden zu lesen. — XX, 102 lies Se 
slogen aver (Hs. over) up synen bah. — XX, 105 kann spil wohl nicht 
'Spiel' sein, sondern wird ein dünnes Stähchen bedeuten, s. Schambach 
u. sptle. — XX, 119 lies de vor (vorher) quam gande up dem slyke. 
Die Hs. hat uff oder uff, H. unpassend üt. — XX, 141 hat die Hs. 
richtig van em etc. 'dem vermeintlichen Arzte'. — XX, 145 'Über 
diesen Bauern waren sie erfreut', vgl. XIII, 17. 

Zur Wortlese ist noch zu bemerken: 1, einhrygich, eigensinnig, 
zänkisch findet sich scheinbar LXIIII, 37. Eyn eynhrygich menshe wil 
miß sinem wiue winnen vil Da das Wort nicht weiter belegt ist 
dürfen wir wohl eine Dittographie annehmen und auch hier eyn hrigich 
mensche schreiben. 

2, schanthache wird hier ohne Erklärung aufgeführt. Das mnd. 
Wb. will darin die schanthoihe sehen, den Schandmantel, welchen z. B. 
ein auf Ehebruch ergriffenes Weib öffentlich tragen musste. Dagegen 
spricht aber der Zusammenhang der betr. Stelle, XXIV, 15 ff. nach 
der Hs.: 

Eyn schainithache druwet meer 

und zornet uff dm guden seir 

dan die vromen iummer doet 
schainithache (die Fliege wird so bezeichnet) ist in schanthache 
zu bessern, -hacke wie in westfäl. Kau~hacke, Sliep-hacke s. Jahrb. 
III, 118. 

3, Nicht ein subst. weddersnack, sondern ein Verbum toedder- 
snachen ergibt sich aus den beiden citierten Stellen. 

NORTHEIM. R. Sprenger. 



75 



Zu Gerhard von Minden. 



Den früheren Bemerkungen zu Seelmanns Ausgabe der Fabeln 
Gerhards im Korrespondenzblatt XI, 68 und XII, 5 lasse ich hier 
einen dritten Beitrag folgen mit dem Wunsche, dass durch ihn das 
Verständnis des Dichters gefördert werde, der in sprachlicher Beziehung 
von hohem Interesse ist. 

3, 100. unde worden vast aldus gebunden 
mit enem vaden, den ae vundeti, 
daraf geneget was ein bot. 

Was soll geneget heissen? Das Wort fehlt in der Wortlese; das 
mnd. Wtb. bietet nur negen oder neigen 'neigen', und neien, neigen, 
neggen, negen 'nähen', aber keines dieser beiden Verben scheint an 
unserer Stelle zu passen. Wenn, wie ich annehme, Seelmanns Kon- 
jektur bot 'Endchen' richtig ist, so vermute ich, dass 1) negen =r: nagen 
ist; a wechselt oft mit e, z. B. dragen und dregen. 2) nagen = gnagen, 
Jenagen 'nagen'. Nun ist freilich nagen für gnagen im Mnd. nicht belegt, 
vergl. aber ahd. nagan, altn. naga und ten Doornkaat Koolman, ostfr. 
Wtb. nagen neben gnagen. Auch sonst ist wohl im Nd. anl. g vor n 
abgefallen, s. z. B. Br. Wtb. s. v. gnabbeln: „Wir sagen auch gnibbeln, 
knibbeln, nibbeln u . — Da der Frosch die Maus untertauchen will, so 
darf der Faden, mit dem sie zusammengebunden sind, nicht zu lang sein. 

3, 128. Swe jo an drogene pinet sik, 

van rechte valt he an den strik, 
dar he wil seüen sine vrende. 

Statt dar in Vers 130 hat die Hdsch. dat, welches beizubehalten 
ist, obgleich den strik vorausgeht; denn strik wird von Gerhard auch 
als Neutrum gebraucht in Fabel 16, 55: dat starke strik. Vergl. auch 
des Herausg. Bemerkung zu Fabel 5, 9. Vielleicht ist auch doch mit 
Wiggert viende statt des hs. vrunde zu schreiben, obwohl letzteres, 
vom Herausg. in vrende geändert, dem Sinne nach nicht falsch ist. 
Vergl. 94, 40, wo auch hs. vrunden auf enden reimt. Der Sinn ist: 
Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Wegen des „ein 
strik setten u vergl. 16, 36 und 58, 67. Wegen des Gedankens vergl. 
55, 133: 

vü mannich sulven daran veUet, 

dat he to valle enem anderen stellet, 

wie ich statt darna und enen lese. Demnach ist auch in 3, 130 sinem 
statt sine zu lesen. Ich vermute, dass über dem e in sine der Strich 
fehlt, sine ist aber = sinen und sinem. 

5, 10. 6k enen anderen kese vunde = 'noch einen anderen Käse\ 
ok kommt bei Gerhard sehr oft vor, entspricht aber nicht immer 
unserem „auch", 6k, einem Relativum vorgesetzt, heisst 'was auch 



76 

immer, wo auch immer 9 , z. B. 42, 20: 6k wat it ome schaden scholde, 
50, 17: 6k wat de man sprak efte ret, 81, 40: 6k wor du in dem lande 
blivest. Das mnd. Wtb. bietet kein Beispiel, 

7, 13. 6k wis. Die Hdsch. hat wise. Sprenger im Programm 
löst es auf in wisen 'zu erkennen geben' und vergleicht die noch heute 
gebräuchliche Formel, „mit Wissen und Willen", die wohl ursprünglich 
nd. sei: mit wisen ende willen. Abgesehen davon, das letztere Ver- 
mutung schwerlich richtig sein wird, kann ich nicht verstehen, wie 
wisen hier Verbum sein soll. Das hat der Herausg. sehr wohl erkannt 
und darum wis gesetzt. Aber das hs. wise kann doch richtig sein, 
man hat es vielleicht in wis en aufzulösen. Dieses en 'und' scheint 
zwar überflüssig, wird aber noch heute in ähnlicher Weise gebraucht. 
Statt des Infinitivs nach Substantiven steht oft „und* mit einem Verbuin 
finitum. Als Beispiel führe ich hier an R. V. 166: Wo gy mit Beinken 
maken den vorbunt Unde wolden wesen twe like gesellen. 

7, 81. Dit bispel xoil de jene leren, 
de gerne hedden vele heren, 
dat 8e sik vorwandeln mochten 
unde ere der jare vele besochten. 

Diese Stelle scheint mir vom Herausg. missverstanden zu sein. 
Die Hdsch. hat des jares, das ist für die Erklärung der Stelle wesentlich. 
Ist des jares richtig, so kann es nicht von vele abhängen, wovon der 
Herausg. dir jare abhängig gemacht hat. Ferner erklärt der Herausg. 
ere als 'die ihrigen', offenbar infolge der Änderung von des jares in 
der jare. Ich fasse ere nicht als Pronom. possess., sondern als Gen. 
PL des Pronom. pessonale = er 'ihrer', und mache es von vele ab- 
hängig. Ich übersetze: und ihrer des Jahres viele versuchten. Viel- 
leicht sind Vers 33 und 34 umzustellen, doch scheint mir dies nicht 
gerade notwendig, vergl. Fabel IV, 8: 

De hunt sprak, dat hea om wolde 
mit tugen vü gut overgän, 
Dat he hedde om ein bröt gedän, 
de it gehör den unde sagen, 

wo sich auch de in Vers 11 auf tugen in Vers 9 bezieht. Ähnlich 
Fabel 8, 44 u. 45; 25, 1 ff. Über das ere für er s. Lübben, mnd. 
Gram. § 18. 

8, 1. Ein voulf dorch »in girichede 

gröt let to enem male dede, 

xoent he sUnden ein bein begunde, 

dat he inbringen nicht ne künde 

in den hals. It one do stak 

unde dede em vü gröt ungemak. 

let don heisst „Leid, Schmerz zufügen, verursachen u . Man würde 
noch einen Dativ, liier sik y erwarten, oder ist statt dede etwas anderes 
zu lesen, vielleicht lede = let? 

11 , 20. dat gi vil arme scolen bewaren. 

Die in der Wortlese angegebene Bedeutung von bewaren = ver- 
hüten passt für unsere Stelle nicht, falls nicht der Ausfall einer Ne- 



7? 

gation, etwa en, anzunehmen ist. Der Sinn wird vielmehr folgender 
sein: „das sollt, ihr ärmste, (noch) inne werden, erleben u . bewaren 
würde dann = gewaren sein, vergl. mnd. Wtb. I p. 313, für das zwar 
die Bedeutung „erleben, inne werden* im mnd. Wtb. nicht belegt ist, 
vergl. aber die heutige Redensart aus Kattenstedt am Harz: dat säst 
du noch jetcdr tveren 'das sollst du noch erleben', und ostfr. Wtb.: 
gewaren 'gewahren, gewahr werden, erkennen'. 
11, 47. It were böse, dat it totsten. 

Die Konjunktion dat wird von Gerhard in einigen Bedeutungen 
gebraucht, die im mnd. Wtb. nicht verzeichnet sind. In der Bedeutung 
„quodsi" steht dat, wie der Herausg. schon bemerkte, 14, 39 und 
76, 17. Ferner noch in Fabel 69, 70.: De vruntschop lange denne 
bestät, Dat se tcol dregen over ein. — 11, 47 ist dat — „wenn* in 
irrealen Bedingungssätzen, ebenso Vers 56: dat it des landes heren 
leisten — se ne deden is jo nicht vde. Ferner 69, 34: Ein man, de 
dar was vorgegdn^ De lach dar vor om up der erden Unde sprak, he 
wolde syn egen werden, Dat he ome dat Itf geve enen dach. In anderer 
Bedeutung scheint mir dat in Fabel 3, 115 zu stehen. Die von 
Sprenger, nd. Jahrb. IV p. 98, für diese Stelle vorgeschlagene Inter- 
punktion halte ich für zutreffend, übersetze aber die Verse : dat se 6k 
jenige teere Ijegrcp, Vil dicke se to eme rep nicht: 'so bald sie etc.', 
sondern 'indem sie, während sie'. Diese Bedeutung von dat folgere 
ich aus dem heutigen Gebrauch, sie ist in Kattenstedt ganz gewöhnlich. 
Ebenso glaube ich, dass in Fabel 98, 5 das hsl. dat „ während " ist 
und nicht in do geändert zu werden braucht; der Kaltenstedter würde 
hier nur dat setzen. Auffordernd wird dat stehen in Fabel 94, 73: 
Gi sinnelose det, dat gi den gek nicht an en set. 
16, 3. to testen ein up ene sprank. 

ein ist vom Herausg. hinzugefügt. Sollte nicht to lest en up ene 
sprank zu lesen sein? to testen ist in der ersten Hälfte der Fabeln 
sehr selten, erst in der zweiten Hälfte oder dem letzten Drittel findet 
es sich öfter. 

18, 8. do schude on so van rechter scholde. 

Das hsl. rechte ist nicht zu verwerfen, vergl. 43, 8: do schude 
om, so van rechte scholde, auch sonst steht van rechte. 

22. 19. so gut is min moder de zege, 
dat ik der moder al vortege 
dorch oren willen, den ik weit, 
ir melk is mi jo so bereit. 

In Vers 21 hat die Hs. de statt den und das ist richtig. Ich 
übersetze „dass ich um ihretwillen auf alle Mütter verzichte, die ich 
weiss (kenne)". Im Nd. steht oft da „wissen", wo im Hd. „kennen" 
gebraucht wird. 

Fabel 27, 6. dat se is 6k mi nicht enwiten. In der Wortlese ist 
enwiten als ein Wort aufgeführt, es ist aber = en witen. 

35, 11. He let sek de arsten besein, 
de aüe des begunden gein, 



78 

na orer kunst unde einem begere, 
dat he mit enem kinde were. 

begere in Vers 13 wird schwerlich richtig sein, was soll hier 
„Verlangen, Wunsch, Begehr"? Ich lese gebere 'Gebaren 1 , vergl. 
45, 5 daran om duckte an sinem gebere. 

39, 54. nu mochte ik eten also sachte 

dut 8chdp, dat ik hir hebbe vunden, 
were it mit lovede ungebunden. 

Statt it in Vers 56 ist ik zu lesen. Nicht das Schaf, sondern 
der Wolf hat sich durch das Gelübde gebunden, t und c, k sind öfter 
verschrieben, s. Vb. p. 165. 

46, 26. Im Text steht ja an schöner rode, nicht rede, wie Sprenger, 
Programm S. 6 angiebt. Eine Schmeichelei liegt übrigens in dem, 
was der Fuchs von des Hahnen Vater rühmt, nicht für den Hahn. 
an schöner rode kann meiner Ansicht nach recht wohl heissen: „was 
schöne Röte anlangt". Hähne haben nicht blos einen roten Kamm, 
der als besonderer Schmuck gilt, sondern auch sehr oft rote Federn. 

46, 43. De herde worden sin geware 

unde lepen mit den hunden dare \ 

mit al dem vlite. de se mochten. 

Der letzte Vers findet sich genau ebenso in Fabel 16, 62, statt 
des hsl. de hat der Herausg. aber hier .90 gesetzt. 94, 44 steht mit 
al dem vlite y dat se künden. Demnach wird auch 46, 45 so oder dat 
zu schreiben sein, wenn nicht vielmehr de für de = den zu lesen ist; 
vergl. 65, 129, wo de statt dem; 67, 5, wo de statt des; 76, 14, wo 
de statt der in der Hs. steht. 

49, 159. De wevele de quam hergeoaren 

mit sinen in den strit mit macht. 

Zunächst lese ich mit Sprenger sinnen, wie die Hdsch. hat. Dann 
hat der Herausg. wevele als Nomin. Sing, gefasst, woraus sich auch 
dessen Konjektur in sinen erklärt. Der Sing, lautet aber wevel. Diese 
Form findet sich 10 Mal in der Fabel. Der Sing, wevele steht nur 
1 Mal in Vers 191, wo die Hdsch. aber duvele hat. Auch in Fabel 
85 findet sich 3 Mal der Sing, wevel. wevele ist Plural, deshalb hat 
die Hdsch. auch richtig quamen statt quam. 

51, 13. Darbi ne dorsten se nicht niesen, 
dar de berch wolde genesen. 

Dcis hsl. dat war nicht in dar zu ändern. Diese Konjektur hat 
der Herausg. öfter gemacht z. B. 10, 25; 55, 9; 86, 34; 87, 49, 
aber, wie mir scheint, ohne Grund. Nur 10, 25 und 84, 1 ist bestimmt 
dar statt hsl. dat zu setzen. Vergl. oben z. 3, 128. 

56, 8. under der stuken du den legest. Sprenger im Programm 
p. 7 liest: under de stuken du de entlegest = „unter diesem Baum- 
stumpfe verbirgst du sie (die Körner) dann", und meint, die Erklärung 
(des Herausg.) in der Anm. sei schon deshalb falsch, weil legen niemals 
'liegen' bedeute. Letzteres ist irrig, denn nicht blos das mnd. Wtb. 
bringt Belege für legen 'liegen', sondern auch Gerhard selbst hat 



79 

88, 43 du legest und 46, 29 leckt. Ferner ist Ughen im nd. Jahrbuch 
V p. 25 bezeugt. — körn droge heisst 'trocknes Korn', nicht 'Körner', 
es ist daher bedenklich, den in Vers 8 in de zu ändern; es scheinen 
sich zwar einige Beispiele zu finden, wo auf einen Singular ein Pron. 
im Plur. bezogen wird, s. 29, 29 und 92, 6. Falls nicht ein Femin. 
stuke anzusetzen ist, möchte ich under den stuken vorschlagen. 

57, 28. darumme bespottet uns de lüde; 

doch bin ik meist darmede begän, 
ah ik ja schal to hove slän. 

Die Wortlese giebt für begän die Bedeutungen an: begehen, 
bestehen; bestatten. Diese passen jedoch für unsere Stelle nicht. Es 
ist zu übersetzen: Darum bespotten uns die Leute; doch bin ich am 
meisten davon (von dem Spotte) betroffen, wenn ich zu Hofe gehen 
soll. S. mnd. Wtb. s. v. begän. 

59, 69. de bein kun stich. Es ist nicht notwendig mit Sprenger 
knustich zu schreiben. Die früher geschickten Beine sind infolge der 
Gallen nicht mehr geschickt. 

61, 15. do wunde dar bi ener mite 

ein ridder, de 6k plach bi wile. 

Gewöhnlich steht bei Gerhard wüen oder bewilen. Der Dativ 
teile steht nach dem unbestimmten Artikel, bewüe statt bewilen auch 
90. 2. Wahrscheinlich ist auch an unserer Stelle bewilen zu lesen. 
Wegen des Reimes s. Einl. p. 40. 

Fabel 67, 17. sint du mi hevest nicht gedän. Die Ildsch. hat 
min statt mt, wie erklärt sich dieser Fehler? Oder könnte min aus 
mi und der Negation en zusammengezogen sein wie z. B. sone = so eti, 
(J5, 19. 67, 49 men — men en? 

67, 30. Mit stempne 6k lüt unde unbehande. Sollte nicht wn- 
hehande aus unde behande verschrieben sein? Verdoppelungen finden 
sich 59, 63 is is; 56, 23 du du. behande würde dann „schnell* 
heissen, vgl. Seelmann zu Vw. 3. Beachte übrigens unbevunden 74, 2. 

71, 84. dat wird doch Konjunktion sein, kunne scheint hier 
nur zur Umschreibung zu dienen, vergl. mhd. Wtb. I, 387. Vers 86 
hat die Hdsch. willen statt wil. Ich vermute daher, dass eher über 
dem e in kunne der Strich zur Bezeichnung des n fehlt, als dass willen 
für wü verschrieben ist. 

72, 23. den drom wü ek ju duden. Von einem Traume ist hier 
nicht die Bede. Die Rda. soll nur bedeuten: Ich will euch den Sach- 
verhalt sagen. Zu vergleichen sind die Redensarten, die am Harz 
üblich sind: nü komme ek üt minen dröme 'nun wird mir die Sache 
klar"; ek könne immer nich üt minen dröme kommen = 'ich konnte 
die Sache noch immer nicht begreifen, mir klar machen'. 

79, 26. Dat sik der vögele genere ist mir unverständlich ge- 
blieben. Ich lese dat se sik der vögele genere. Subjekt ist dann raven, 
das im Mnd. auch Femin. ist, s. mnd. Wtb.: eyne wüte rave^ ebenso 
noch heute am Harz. Es wäre auch möglich, dass generen zu lesen 
ist: Der Lerche, Nachtigal, Drossel, dem Pyrol und anderen ist Gesang 



80 

verliehen; Rabe, Adler, Falk und Sperber nähren sieb von anderen 
Vögeln; die Eule frisst Mäuse und scheut das Tageslicht. 
81, 57 lies wi statt mi. 

81, 67. De egel Jet af, in sin beholt 

quam he, dai was ein dicke brake. 

brake ist in der Wortlese als „Erdspalt* erklärt. Das wird schon 
deswegen unrichtig sein, weil sich der Igel nicht in Erdspalten, sondern 
in dichtem Gebüsch, in Hecken und Zäunen aufzuhalten pflegt. Letz- 
teres muss brake bedeuten. Vergl. ten Doornkaat Koolman I, 218: 
„f/räk, Strauch, Gestrüpp, bz. allerlei wild und wirr durch einander 
wachsendes Gesträuch (wie z. B. Brombeeren, wilde Rosen, Dornen 
und sonstiges Unterholz), welches man nur mit grosser Mühe durch- 
dringen kann". Brem. Wtb.: brake: Weidenbusch zum Zäunen. Vilmar, 
Idiot. : brake, gewöhnlich PI. braken, Dornreiser, welche zum Ausbessern 
der Zäune benutzt werden (westf. Hessen). Woeste, Wtb. : br dke, Reis, 
Busch. Auch das Reisig, welches man an die Gartenerbsen steckt, 
nennt man in Westfalen brake. Mnd. Wtb. : brake, Zweig. In Katten- 
stedt a. Harz ist brake ein dichtes Gebüsch von Brombeeren, Him- 
beeren, Domen etc., das schwer zu durchdringen ist. Vergl. auch 
Frisch, Wtb. I, 123: Busch — Brake = ager mellitus arbustis repletus. 
Auch der Zusatz dicke deutet an, dass brake nicht Erdspalt heissen 
kann. Nicht unerwähnt will ich hier lassen, dass in Kattenstedt brake 
auch die Bedeutung „Menge, Masse" hat, z. B. ne brake owet, ne brake 
kartuffdn, ne brake holt etc., vielleicht ist diese Bedeutung für die 
Etymologie des Wortes von Belang. 

87, 55. De jene mit dem krusen hare 
de rep lüde unde openbare. 

Die Hs. hat den jene. Kann den nicht = dann, darauf sein? 

92, 61. De vos de sprdk: wen ek di ütbrenge. Statt ütbringen 
erwartet man inbringen. 

102, 19. ju 'euch 1 . Die Hdsch. hat gik. Die Form mit ausl. 
Konsonanten findet sich noch 3, 94 juk; 16, 46 juk; 12, 20 juk; 34, 8 
gik; 40, 32 gik: 55, 64 juk; 62, 10 gik; 83, 31 gik; 93, 48, 55 juk; 
94, 70 gik; 94, 75 juk; 100, 79 gik; 101, 26 juk; 102, 23, 47 gik. 
Diese konsonantischen Formen sind von Bedeutung. Lübben, mnd. 
Gram. p. 106 fuhrt die Formen ju, juw, gik, juk, juch auf mit dem 
Bemerken, dass gik, juk, juch, entsprechend den oberdeutschen iuwich, 
iueh, sich einzeln, besonders gern da finden, wo sich auch dik und 
mik findet, d. h. nur landschaftlich, um den Mittelpunkt Hannover 
herum bis Magdeburg. Das trifft im Wesentlichen noch für den heu- 
tigen Sprachgebrauch zu. Das Ditmarsche hat ju, jü (Quickborn p. 
238); das Meklenburgische jüch,ju; in älterer Zeit juw, ju, jw (Nerger 
Gram.); Ostfr. jo, bisw. ju (ten Doornkaat Koolman); das Pommersch- 
Rügische juw, juj (Dähnert) ; in und um Hamburg ju oder jo oder 
auf bäurisch jou (Richey); Altmärkisch ju (Danneil). Das Brem. Wtb. 
sagt Jii. Man hört es bisweilen, denn ordentlich sagen wir jou". 
Rists Dramen haben yuw (nd. Jahrb. VII, 101 ff.). Westfälisch ju 



(Woeste). Um Holzminden jök; Göttingen-Grubenhagen jök (Scham- 
bach); Salder jich; Westharz jeich; Mittel- und Ostharz jtch; Osterwieck 
jich; um Braunschweig jöch; Fallersleben jich; Helmstedt jich ; östlich 
von Helmstedt jiich; um Magdeburg jich; Irxleben bei Magdeburg 
jich; Biere juch. Aus obiger Zusammenstellung erhellt, dass dem mik- 
(iebiete die konsonantischen, den übrigen Gebieten die vokalischen 
Formen eigen sind. Auch das Mnd. kennt diesen Unterschied. In 
(■erhards Fabeln rühren die konsonantischen Formen vom Abschreiber 
her. Einige Male hat er auch ju = 'euch' mit ju = 'jemals, immer' 
verwechselt, z. B. 23, 27 und 120, 47, wo gik steht, das Pron. aber 
unpassend ist. 

BLANKENBURG. Ed. Damköhler. 



Guido von Alet. 



In der Schrift De anima Guidonis besitzen wir ein wertvolles 
Zeugnis für die eigentümlichen Formen, zu denen die Visionsdichtung 
im Ausgange des Mittelalters gelangte. Das Interesse an ausge- 
schmückten Berichten über die jenseitige Welt war in der zweiten 
Hälfte des 14. und im 15. Jahrhundert, wie die zahlreichen zu dieser 
Zeit entstandenen lateinischen und volkssprachlichen Abschriften der 
Fahrten des Tundalus, des Brandan, des Paulus, des Purgatorium S. 
Patricii beweisen, nicht weniger rege als vordem. An den alten Bestand 
schlössen sich neue Schöpfungen an, und auch diese fanden, obwohl 
ihre Verfasser durchgehends nicht über die reiche Phantasie ihrer 
Vorgänger verfügten, in weiten Kreisen freundliche Aufnahme. Man 
hatte Gefallen an der lehrhaften Tendenz, die in den jüngeren Erzeug- 
nissen mehr hervortrat als in den älteren. Breite Ausführungen über 
das letzte Sacrament, über Almosen, Selenmessen und die kirchlichen 
Lehren von der Busse ersetzten schliesslich die Schilderungen der 
Höllenqualen und Paradiesesfreuden, den Kern der eigentlichen Visionen. 
So entstanden Abarten der Visionsdichtung, wie die, die durch unsere 
Schrift repräsentiert wird. Aus dem Gleise des Hergebrachten waren 
schon ältere Darstellungen herausgetreten, doch ebenso zwanglos, wie 
sich deren Zusammenhang mit der Visionsdichtung aufweisen lässt, 
lässt sich die Beschwörung des Geistes Guidos aus dieser herleiten. 
In dem Streite der bösen und guten Engel um die Sele eines Ver- 
schiedenen, in der Schilderung des Fegefeuers besitzt unsere Schrift 
Bestandteile, die fast allen echten Visionen gemeinsam sind. Die 
Unterweisung in kirchlichen Lehren überwiegt allerdings, und wir 
müssen daher den Verfasser des Buches von Guido als einen ausge- 

KiedordeaUcheB J Ährbuch. XIII. £ 



82 

sprochenen Vertreter der neuen Richtung ansehen. Gleichmässiger sind 
Lehre und Schilderung in Amt Buschmans Mirakel, einem jüngeren 
Werke 1 ), verteilt. 

Die im 12. Jahrhundert entstandene Visio Philiberti hat die rein 
lehrhafte Richtung in der Visionslitteratur wenn nicht begründet, so 
doch, da sie sich in kurzer Zeit über weite Gebiete verbreitete, 
wesentlich gefördert 2 ). Wie erwähnt, wird in den dahin gehörigen 
Schriften der Sele Klage 3 ): 

Quando tc volucram caro castigare 

Käme, vel vigiliis, verhöre domare, 

Mox te miindi vanitas coepit invitare 

und der gleich verständliche Vorwurf*): 

Du woldest langhe slapen, 

Du achtedest cleyne up de papcn, 

Wat sc gudcs mochten klapen. 

To godcs denste was dy leide, 

Metten unde missen vorslepestu heyde. 

Des mute wy van liynne sceydcn, 

Mit jamerliken oglien weyncn 

nur weiter ausgesponnen und variirt. Dass die jüngeren Darsteller 
aber in jeder Beziehung den durch die älteren Vorbilder gewiesenen 
Wegen folgten, zeigt die Wahl der Gesprächsform durch die Verfasser 
der Disputation zwischen einem Prior der Dominikaner und dem 
Geiste Guidos und der Offenbarungen Amt Buschmans. Der Papst 
Johann XXII, ein Gegner der Visionen, scheint, nach den Schluss- 
worten des erstgenannten Werkes zu urteilen, Hervorbringungen dieser 
Art eine gewisse Teilnahme entgegengebracht zu haben, sei es weil 
sie die Autorität der Kirche stärkten, sei es weil die gleichsam unter 
seinen Augen entstandene Schrift über Guidos Geist aus den Kreiseu 
der von ihm begünstigten Dominikaner *) hervorgegangen war. 



*) Herausgegeben von W. Seelmann in dieser Zs. 6, 32 ff. — *) Etwas älter 
ist die Vision eines Mönches von Clairvaux, welchen ein verstorbener Bruder mit 
der Pein bekannt macht, die er zu erdulden hat. Der Visionär wird an den be- 
kannten unermesslich breiten und tiefen puteus geführt, und schaudernd hört er 
das Bekenntnis seines aus eigener Erfahrung sprechenden Führers, dass er lieber 
hundert Mal von Menschen als ein Mal von den Teufeln in den Abgrund gestossen 
werden wolle. Was er gehört und gesehen, teilt der Mönch seinem Abte, dem hl. 
Bernhard, mit, und dieser ermahnt die Brüder unter Hinweis auf die Bosheit der 
Teufel und die Qualen des Verstorbenen, sich eines immer frömmeren Wandels zu 
befieissigen und nicht nachzulassen, für die gemarterte Sele zu beten und Messe zu 
lesen, damit sie erlöst werde. Nach wenigen Tagen erscheint der Verstorbene dem 
Mönche zum zweiten Male. Jede Spur von Traurigkeit ist aus seinem Antlitz ver- 
schwunden. Auf die Frage des Visionärs berichtet er, dass es ihm gut gehe, und 
auf die weitere Frage desselben, wie er seiner Pein lcdig geworden sei, weist er 
auf die Messe lesenden Priester hin. Kr findet nicht genug Worte, die erlösende 
Kraft der Hostie zu preisen. Auch diese Offenbarung wird den übrigen Brüdern 
mitgeteilt. Die Vision steht im Exordium magnum ordinis Cisterciensis des Konrad 
von Eberbach, bei Tissier, Bibliothcca patrum Cisterc. 1, 44—45. Sie macht auch 
in formeller Hinsicht einen ansprechenderen Eindruck als die verwandte Vision eines 
Sacristans, Tissier 1, 177 f. — ■) Visio Philiberti her. von Karajan in Der Schatz- 
gräber (Leipzig 1842) V. 158 ff. — «) Nd. Jahrb. 5, 36. — •) Bei den Prediger- 



83 

Welcher Beliebtheit sich unsere Schrift erfreute, lässt das nach- 
stehende Handschriftenverzeichnis erkennen. 

Lateinische Handschriften. 

A. Berlin, Königl. Bibliothek, Ms. Diez. C. in Fol. 2. a. d. J. 1455 

bis 1456. no. G. Uebcrschrift: Historia de anima Guidonis Anf.: Sicut 
dicit beatus Augustinus in de hMe ad Petmm etc. ... in civitate Allecti que 
distat a curia apostolica que iam Bayona vocatur per XXX miliaria vj kalendas 
decembris obiit quidam civis eiusdem civitatis Allecti noraine Owido etc. 
Ende: IIcc omnia probata sunt coram domino papa Jobanne XXij. Et in 
die Pascha papa misit ilhic et non invenit dictum spiritum, unde creditur, 
quod iam regnat in celo, ad quod nos perducat ille qui est benedictus in 
secula seculorum. Amen. 

B. Kiel, Universitäts-Bibliothek, Miscellanhs. 38 in 4°, Bl. 175 ff. 

Sequitur apparicio spiritus Gwidonis et aimiracio eiusdem per priorem quendam. 
Auf.: Sicut dicit Augustinus in libro de fide. lieber die Hs. vgl. Ratjen, Zur 
Geschichte der Kieler Univcrsitäts-Bibl. S. 65. 

C. London, British Museum, Ms. Cotton. Vcsp. A. VI, Pergamenths. 

in 4°, Bl. 138 ff. Uebcrschrift: Spiritus Guidonis. 
I). London, British Museum, Ms. Cotton. Vesp. E. I, Pergamenths. 
in 4°, Bl. 219b ff., nach Wright, St. Patrices Purgatory S. 45 
älter und besser als C. Ende: Explicit quedam disputacio mirabilis 
inter priorem fratrum predicatorum de civitate Alcestie que distat a curia 
apostolica que vocatur Avinouia per XX fci .iiij. miliaria et inter spiritum 
cujusdara civis civitatis ejusdem nomine Guydo, qui obiit .Xvj. kl. Decembris 
anno Domini millesimo tricentesimo vicesimo tcrcio. 

E. Mühlhausen, Ratsbibliothek, Hs. 138. fol. Papier. Ueberschrift: De 

spiritu gwidonis. Ende: Hec omnia probata sunt coram domino papa Jo- 
hanne XXij u etc. Anno domini Mccccxliij per me Caspar lewenhagen bonum 
socium. Vgl. Stephan, Neue Stofflieferungen (Mühlhausen 1846 — 1847) 2, 127. 

F. München, Cod. lat. 18 621. 4°. 15. Jh. Bl. 219 ff.: Disputatio inter 

spiritum defuncti et priorem praedicatorum. 

G. Osnabrück, Bibliothek des Gymnasiums Carolinum, Papierhs. Dy 

76. 4 n . 15. Jahrb. no. 16: Disputatio inter priorem et spiritum 
Gwidonis. 

H. Wolfenbüttel, Cod. Heimst. 695. 14. Jh. (1383). Bl. 1—2. De 
reapparitione spiritus Widonis, cuiusdam civis Boyonensis, post 
mortem eiusdem. Bricht nach v. Heinemann, Die Handschriften 
der herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel I (2), 147 mitten 
in der Erzählung ab. 

I. Wolfenbüttel, Cod. Heimst. 730. Papier. 15. Jh. Bl. 135—146. De 
reapparitione spiritus Gwidonis, civis cuiusdam Boyonensis, post 
mortem eiusdem, anno m°. ccc°. XXiij. Schlussschrift: Hec omnia 
probata sunt coram domino papa Johanne XXII, et iterum in Pascha papa 
misit illuc et non invenit dictum spiritum, unde igitur creditur, quod iam 



manchen war seit der Zeit der ersten Ausbreitung des Ordens eine merkliche Neigung 
zu Traumen und Visionen vorhanden. Sie tritt stark in dem 1263 geschriebenen 
Buche des Dominikaners Thomas von Chantimpre' vom Bienenstaat hervor. Vgl. 
Wattenbacli, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter 2, 446 — 447. 

6* 



u 

regnat in celis, ad qnos nos producat qui sine fine vivit et regnat per secuta 
seculorum. Amen. Ueber die Hs. vgl. v. Heinemann I (2), 171 — 172. 

Deutsche Handschriften. 
K. Berlin, Königl. Bibliothek, Ms. germ. Quart. 404, Bl. 85a— 111h, 
in mittelniederdeutscher Sprache. 15. Jh. (1446). Seelmanns 
Ausgabe von Arnt Buschmans Mirakel ist der in dieser Hs. Bl. 
1 ff. stehende Text zu Grunde gelegt. 

L. Darmstadt. Hs. IOC fol. Papier. 15. Jh. Anf.: Hie begynt eyne dis- 
putatie tuschen cyiue prior der preitger orden ind eyme geiste eyns maus, de 
gestoruen was, ind gwido heisch. Ende: Grate pro translatore. Vgl. Roth, 
Altdeutsche Handschriften der Bibliothek zu Darmstadt in der Germania 32, 334. 

M. Kopenhagen, Königl. Bibliothek, Gamle Kongelige Sämling in folio 
no. 82, Ende des 15. Jhs. Ueber diese Hs. hat Jellinghaus in 
dieser Zs. 7, 14 berichtet. 

Mittelenglische Fassung. 
N. London, British Museum, Ms. Cotton. Tiberius. E. VII. Bl. 90 ff. 
Nach Wright S. 45 schliesst sich diese me. metrische Version 
eng an das lateinische Original an. Ausser dem Anfang: 

Saint Michael goddes angel clere, 
And Saint Austin the doctur dere, 
And other maisters raare and myn, 
Said that men grete mede may wyn, 
And nameli Clerkes that can of lare, 
If thai thaire cunyng will declare, 

der diese Behauptung bestätigt, teilt Wright den Abschnitt aus 
der Einleitung mit, welcher von der Ankunft des Priors handelt. 

Mittelniederländische Fassung. 
0. Berlin, Königl. Bibliothek, Ms. germ. Quart. 1081. Papierhs. mit 
Pergamentbll. des 15. Jhs. Bl. 158a — 174a. Aus der Hand- 
schriftensammlung des Freiherrn August von Arnswaldt (no. 3138). 
Ausführlich beschrieben von AI. Reifferscheid in dieser Zs. 10, 
12 — 13. Eine besondere und bisher nicht bemerkte Eigentüm- 
lichkeit dieser Bearbeitung ist, dass die Fragen des Priors mit 
Nummern versehen sind. zählt im ganzen 38 Fragen. 

Französische Fassung. 

P. Troyes. Cod. 1465. Papierhs. in 4°. 15. Jh. no. 13: Cy commence 
une disputacion faietc ja piec,a entre resperit d'un homme trespasstf et ung 
prieur des freres Prescheurs. Im Cataloguc gencral des manuscrits des 
bibliothfcques publique* des äVpartements 2, 616 sind folgende besonders 
wegen der Ortsbestimmung für uns wichtige Notizen gegeben : Prologue : *Mon- 
seigneur Saint Augustin dist que miracle ou chose miraculeuse est toute 
chose non usagie et non aecoustumrfe estre faicte, qui naturelement est im- 
possiblc, etc. . .' Et voiei comme le fait est presentä dix-sept lignes plus 
bas: 'En Tan de Tlncarnation de nostre Seigneur mil cccc et XxlIII, le 
XVI jour du mois de decembre, en la cito de Alesse qui maintenant est 
appcllc* Veronnc, qui est ä XXX lieues de Romme, trespassa ung cytoien ou 
bourgois, homme notable, de bonne vye et bonne renommee, que on appelloit 
Guy de Tourno. Aprfcs son trepas, environ VIII jours, son corps mis en 



85 

terre en sepulture, comme il est de coustume, s'aparut et manifeste tant 
seulement en voix ä sa femme estant et demorant en sa maison, oü eile 
s'estoit tenue simplement depuis le trespas de son mary; dont eile fut raoult 
espouentle et esbahie, et tant que pour le paour et grant doubte qu'elle 
eust, eile manda et assambla ses parens et amis avec aucuns en sa compagnie, 
en soy complaignant de ce qu'elle avoit oy, et commcnt chascune heure de 
la nuyt eile oyt une voix complaindre en la chambre environ le lieu oü son 
mary estoit trespasse', et ne savoit que ce povoit etre, requerant sur ce leur 
conseil et ayde. Lesquelz, apres ce qu'ils eurent oy une fois ou deux la 
dite voix avec la dite femme, ils eurent conseil ensamble qu'il seroit bon, 
pour savoir la verite' de celle chose, de aler par devers les freres Prescheurs, 
le prieur et autres notables clercs de la religion, etc. . .' Le copiste de ce 
volume, smon Fauteur, est 4 Frere Jehan Herlut, religieux de Clairvaulx,' 
ainsi qu'il est not<< ä la fin, en encre rouge. 

Schwedische Fassung. 
Q. Ueber eine schwedische Version in einer Papierhs. in 4° aus dem 
Ende des 15. Jhs. (1491) berichtet J. A. Ahlstrand in den Sam- 
lingar utg. af Svenska Fornskrift-Sällskapet I (2), LI f. Ueber- 
schrift: Guidonis siels openbarelse. Ende: 

Ac lys ok Tu Guidonis siell 

bedh für allom tik wilia wäll 

at the efter liffuets ändha 

maghe med tik i hijmerike lända 

Thetta screff broder Jones Räk 

uthan at scriften är allom otbäk. 

Anno Dni MCDXC primo facta sunt hec. 

Die einzelnen Versionen, selbst die metrischen, weichen inhaltlich 
wenig von einander ab und schliessen sich eng an das lateinische 
Original an. Erheblich differieren die Namen, die Zeit- und die Orts- 
angaben. Wir finden in: 

D: Guydo 1323 de civitate Alcestie que distat a curia apo- 

stolica que vocatur Avinouia per XX tJ .iiy. 

miliaria 
A: Gwido 1323 in civitate Allecti que distat a curia aposto- 

lica que iam Bayona vocatur per XXX 

miliaria 
K: Gowido 1323 in der stad to Allecti, de gelegen is van 

Banonyen, deme hove to Rome, dertich mile 
0: Gwydo van Tome 1324 in der stat van Alesten, die nu heit Bayona, 

die van den have van Romen gelegen is 

bi XXX mylen 
M: Gwido van Tennen 1325 an der stat Ölesti, de nü beten wert Bayona 

unde liebt van deme rumeschen have dre 

clene mile 
P: Guy de Tourno 1424 en la cite* de Alesse qui maintenant est 

appellä Veronne, qui est ä XXX lieues de 

Romme. 

Diese Zusammenstellung gestattet, drei Redaktionen zu unter- 
scheiden. Die erste wird durch D repräsentiert. Die Entfernung 
zwischen Avignon und der Stadt, in der Guido lebte, ist hier genauer 
angegeben als in den übrigen Ueberlieferungen, und schon deshalb 
dürfen wir annehmen, dass diese Redaktion der ursprünglichen Fassung 
sehr nahe steht. Die Formen Allecti A K, Alesten 0, Olesti M, Alesse 



86 

P lehren Alcestie als Schreibfehler für AUestie erkennen. Alectum, 
Alecta, bei Graesse auch Electa, ist die im französischen Departement 
Aude am Fusse der Pyrenäen gelegene Stadt Alet. Die Stadt, die 
1883 x ) 1210 Einwohner hatte und deren Entfernung von Avignon 
ungefähr 25 Meilen beträgt, schloss sich nach Bescherelle um eine 
gegen 813 gegründete Benediktinerabtei, die 1222 mit der Cathedrale 
von Narbonne vereinigt wurde. Wann die Niederlassung der Domi- 
nikaner in Alet erfolgte, habe ich nicht ermitteln können. Es erübrigt 
noch zu bemerken, dass Wright die Erscheinung des Geistes nach der 
Stadt Alost in Südfrankreich verlegt. Ein Ort dieses Namens existiert 
in Frankreich nicht, w r ohl aber in der belgischen Provinz Ostflandern. 
Dieses Alost, das auch Aalst genannt wird und 1136 als Aleste belegt 
ist 8 ), kommt indes der grösseren Entfernung von Avignon halber hier 
nicht in Betracht. Die zweite Redaktion, der A und K angehören, 
zeigt die Entstellung von Avinonia zu Bayona (K: Banonyen). Die 
Meilenzahl ist auf 30 abgerundet. Die dritte Redaktion, zu der ich 
M P rechne, unterscheidet sich von der vorhergehenden durch die 
eigentümliche Verbindung, in die die Namen Aledum und Bayona 
(P: noch mehr verstümmelt Veronne) gebracht sind, und von den beiden 
ersten Redaktionen durch den Beinamen, welchen Guido führt. Ob 
dieser ursprünglich ist, vermag ich mit Hilfe der mir zu Gebote ste- 
henden Hss. nicht zu entscheiden. Es fällt immerhin auf, dass er nur 
in der dritten Redaktion erscheint, in der gerade Namen und Zahlen 
bedeutendere Veränderungen erfahren haben. Wie sich aus Red. I 
und II ergiebt, fand die Erscheinung im December des Jahres 1323 
statt. Red. III scheint 1324 anzusetzen. 1424 P ist sicher unrichtig, 
da das Ereignis in die Zeit des Pontificats Johanns XXII fällt, und 
1325 M ist mit den übrigen Ungenauigkeiten der Hs. in Parallele zu 
stellen, die Olesti bietet und die Entfernung dieser Stadt van deme 
rumeschen have auf dre clene mile bemisst. 

Die der zweiten Redaktion angehörende Hs. K verdankt einem 
wenig sorgfältigen Schreiber ihre Entstehung. Es sind Wörter und 
ganze Sätze ausgefallen 8 ), und ohne Kenntnis des lateinischen Textes 
würde man bei ihr nicht selten vor Rätseln stehen. Eine charak- 
teristische Eigentümlichkeit besitzt sie in der Vorliebe für Appositionen. 
Ich teile nach K die wichtigeren Abschnitte der Schrift mit. Die 
zwischen ihnen liegenden Fragen des Priors und die Auseinander- 
setzungen des Geistes sind nur insoweit berücksichtigt, als es zur Er- 
kennung des Zusammenhanges erforderlich schien. Gebräuchliche Ab- 
kürzungen habe ich aufgelöst. Zusätze sind in eckige Klammern ein- 
geschlossen. 



*) Vgl. Ritter s. v. — •) Oesterley, Histor.-geogr. Wörterb. des deutschen 
Mittelalters s. v. Aalst. — •) So Bl. 99a: bin ich Gowido verlost van der pine des 
vegevurs veir jar dan sich bor de = A : ego Gwido sunt liberatus a pena pxirgatorii 
per qualuor annos et cicius et festinancius quam debuissem; grössere Lücken be- 
sonders auf Bl. 102a, wo Frage und Antwort mehrfach nicht zusammenstimmen. 



87 

( Bl. 85a) Also alse sunte Augustinus seghet in deme boke van 
deme geloven to sunte Peter: Eyn wunder is dat geheiten, dat wun- 
derliken sch&t boven de naturliken krefften und boven menslike wunder 
und is unwontlich to eyner meren sterkinge des geloven, wente als de 
apostel sunte Paul betuget: Alle dinck, de gescreven sint, de sint to 
unser lere gescreven, up dat wij in' gedult und in den troist der scrifft 
unse hopene setten. Dat sach Jhesus Cristus, eyn bekenner aller 
dinge, unde wolde sterken den geloven der tokomenden salicheit manck 
den criften und oppenbarde eyn wunderwerck den cristenen van der 
besittinge des tokomenden levens, wante also als dat god verstan hadde 
overmyttes siner unsprecliker vorsichticheit. Na den jaren unses heren 
dusent jar drei hundert jar unde drei unde twintich jar 1 ) in der städ 
to Allecti, de gelegen is van Banonyen, deme hove to Rome, dertich 
mile, dar starff eyn borger in der stad; de borger hette Gowido. Und 
also als sin licham was begraven, darna over achte dagen do oppenbar- 
(BL 8öb) de sich sin geist siner husfrouwen in unsunliker wise und 
pynedigede*) se to male sere. Und darna in deme derden dage na 
wynachten, alse to sunte Johannes dage, do ginck de wedewe, sin 
husfrouwe, to dem clostere der brodere van den predikerorden, de 
dar wonachtich waren in der stad, unde eisschede den prior der 
brodere. Und als de prior bij se quam, do began se to segene van 
dem geschichte, dat er wedervaren was, alse van deme geiste eres 
mannes, de sich er oppenbarde, darna dat he verscheiden was, und 
se en wiste nicht, effte et icht were des duvels droch. Unde se segede 
deme prior, se were darumme to eme gekomen, dat se gerne wolde 
hören sinen raid, wat he er darto reide vor dat beste, und sprack, 
se meynde sunder twivel, dat de geist were in der stede, dar ere man 
starff. Alse de prior dit horde, do begunde he se to sterkene und 
sprack: 'Du en salt dij nicht verwunderen van dussem geschichte, 
wente got is wunderlich in sinen wercken, wente he wil sinen gelovygen 
wot (Bl. 86a) nyges oppenbaren to eyner meren bekantnysse eres 
geloven 1 , und sprack to er: k Hir wachte my eyn cleyne, ich wil hören 
den rait myner brodere, wante de rait veler lüde de is better dan 
eynes menschen rait allene.' Do ginck he und ludde de docken der 
capellen, op dat de brodere des clofters to hope quemen. Do segede 
he en dat geschichte. Do de brodere dat horden, do geven se eme 
den rait, dat de prior myt eynem mester der hilgen scrifft und eynem 
besp recker der wisheit, de dar weren de wijsesten van en allen, dat 
de to hope gengen an de oversten van der stat unde beden se, dat 
se en mede deden eyn deil lüde, dat se myt en mochten gän in dat 
hüs Gowidoni8, de dar was verstorven, umme merer sekerheit willen 
unde eyner oppenbaren betuchnisse der dinge, de dar scheen. Und 
de oversten van der stat de deden en mede twe hundert w r apender 
man, oppe dat se myt en gingen und seen den ende des geschichtes. 



•) Es fehlen Monat und Datum. — •) Wohl Schreibfehler, da ein nach Analogie 
von sutuUgede gebildetes Praet. von pinegen sonst nicht belegt ist. 



88 

Sunder de prior de merkede sine unde der anderen vromen lüde, de 
myt eme gingen, ere nutteste und segede to (Bl. 86b) en, se solden 
alle bichten; alse se deden und he myt en. Und darna dede he mysse 
van allen gelovygen seilen und gaff den luden eyn deil van en den 
hilgen licham unses heren, dat hilge sacramente, op dat se de seker 
weren vor des duvels droch. Und he nam dat hilge sacramente heme- 
liken, des nymant en wiste dan he allene, und hadde dat hemeliken 
in eyner bussen unde henck et vor sine borst under den scheppeler 
also erwerdeliken *), als he künde. Und de prior ginck myt siner 
geselschap in dat hfis Gowidonis und hette er io drey unde drey to 
hope stan vor deme huse in dechtnisse der hilgen dryvoldicheit, unde 
eyn deil hette he stan oppe den latten des huses boven op deme hus 
und hette er eyn deil ftan in den vinsteren unde eyn deil in den doren 
und hette er eyn deil stan in den garden, op dat se wachteden unde 
seen den tokomen der wunderliken dinck. Unde darna do ginck he 
selven in dat hfis myt elven siner brodere unde myt deme gesinde 
des huses. Und alse he inginck, do sprack he: 'Vrede sij (Bl. 87a) 
dusseme hfis. 1 Und alse he quam in de kameren des huses, do be- 
sprengede he se myt wiewatere unde las den lovesanck Vidi aquam 
egredigentem. Darna las he den lovesanck Veni creator spiritus myt 
der collecten Deus qui corda fidelium. Und alse he besprengede de 
kameren myt wiewatere, do sprack he: 'Besprenge my, here, myt der 
ysopen' etc. Do eisschede [he] to sich de wedewen des huses, up dat 
se eme wisede de stede, dar se den geist eres mannes, de verscheiden 
was, hadde vernomen. Do wisede eme de vrouwe de stede myt groten 
angeste unde sprack: 'Dijt is se; gat hen unde biddet vor en. Wu 
lichte openbart (he) sich iw sin geist.' Und also alse se gingen, do 
sprack de prior luder stemme dat evangelium In den anbeginne was 
dat wort etc. Do dat was gelesen, do was bereide eyn banck vor 
dem bedde. Dar gingen se op sitten unde lesen de vespere unde de 
vigilie der doden unde de seven saline myt der letanien. Und alse 
se lesen Agnus dei, do horden se eyne deine stemme als eines kindes, 
de dar antwerde Amen. Alse de prior (Bl. 87b) dat horde, do beswor 
he den geist und sprack aldus: 'Ick beswere dij, eyn creature godes, 
overmyttes der macht der hilgen dryvoldicheit unde vermittes crafil 
alle der hemele, ist mogelich, dat du spreckest, dat du dan spreckest 
unde nicht van de stede en wikest, du en berichtest uns eirst umine 
de dinck, dar wij willen umme vragen. Do sprack de stemme hoger 
dan to voren unde antwerde: '0 prior, vraghe endeliken, des du 
vraghen wult, und ich wil dij antwerden na der mogelicheit myner nature 
unde mynes orleves.' Do se de ftemme horden unde vernamen, do 
lepen se alle to unde menden, se wolden den geist semeliken seen. 
Doch so en saghen se nicht, sunder se horden alle de stemme. Darna 
do hette se de prior alle swighen unde begunde den geist to vragene 
aldus: 'Wudane geist bistu, wer gud eder quad?' De stemme ant- 



l ) A: reverenter = 0: mit alre werdicheit. 



89 

werde: 'Ick 1 ) bin eyn gud geist, wente alle creaturen, in deme dat se 
van gode sint geschapen, sint se gud, wente god sach alle dinck, de 
he hadde geschapen, und se weren gud. Unde na dem (Bl. 88a) dat 
ich bin de geist Gowidonis, de nu nesten starff, so bin ick eyn gud 
geist na myner nature unde en bin nicht quad, sunder ick bin eyn quad 
geist van myner pyne willen, de ich lide unde de ich verwracht hebbe 
myt mynen sunden.' Do antwerde de prior: 'So bekenne ich ute dinen 
worden, dat du bist eyn quad geist. Dat mercke also, wante alle pyne, 
de eyn verwracht hevet myt sinen sunden, de is gud, unde is gud, dat 
de sunde wert gepyneget, wante dat komet van der rechtveirdicheit 
godes, de nicht quades en wercket sunder alle gud. Sunder du en- 
kennes, dat du lides de pine vor dyne sunde, darumme is dusse pine 
gud in sich, wante du heves se rechtveirdeliken verwracht tegen god. 
Darumme segestu ovele, dat du eyn quad geist sijst, darumme dat 
du quade pine lidest.' De stemme antwerde: 'Alle pine in deme dat 
se geit van deme gerichte godes, so is se gud, sunder de pine is quad 
deme gheme, de se lidet, wante de schult is quat, dar he de pine 
umme lidet. Und de pine, de ick lide, de is (Bl. 88b) my quad, 
wante se wert my gegheven vor myne bösen werck, de ick hebbe 
gedan, und de wile ick hebbe de pine, so en mach ick nicht heiten 
eyn gud geist, er ich dan vermittes der pine bin gereyneget van der 
bosheit, de ich hebbe gedan in mynem levene.' 

Do vragede de prior, wes geist he were. De stemme de sprack : 
'Ich bin de geist unde de seile Gowidonis, de cortliken van hijr scheide.' 
Do sprack de prior: 'So duncket my, dat du sijst undancsem dij selven 
unde deme lichame Gowidonis, wante in deme dat du dij aldus oppen- 
barst unde overmits den in dusser stede diner husfrouwen, so deustu 
dij selven eyne schände bij den luden, also dat se wenen, dat Gowido 
in sinem levene böse hevet gewesen, des se doch nicht en wenden; 
sunder se menden, he were gud, und neyn arch van dij en was, do 
du levedest.' De stemme sprack: 'Ick en bin neyn undancsem geist 
noch my noch neynem anderen, wente ich willet also setten, dat du, 
broder, weme gevest dinen rock und he sal den nemen to sick (Bl. 89a) 
umme diner leve willen und he umme des rockes willen sterven moit 
vor dij, eff des noit were, duchte dij dat nicht gedancsamich genoch 
wesen?' Do antwerde de prior: 'Werliken ja.' Do antwerde de stemme: 
'Do ich was in deme lichamen Gowidonis, do en nam ich nicht anders 
van deme lichamen dan den rock siner sterfflicheit. Und nu is de 
licham begraven in der erden unde en tastet noch bedroffnisse noch 
pine, unde ich werde hir gepineget vor de werck des lichames, und 
de wollust des lichames en was my nu anneme, wante de begerlicheit 
des vleissches sint allweghe tegen de seile. Oppe dat nu de licham 
myt der seile nicht en werde geplaget in deme daghe des gerichtes, 
so bin ich eme dancsamich unde lide vor de bosheit des lichames, 
doch en heb ich nicht böses gedan, in deme dat ich was sin seile. 

f ) Ick and ich wechseln, ebenso de und dey, up und op, wante und wente. 



90 

Und darumme en drafftu nicht segen, dat ich eme sij undancsamich, 
und it en doch nicht, dat du, prior, seghest, dat ich my schände do, 
in deme dat de lüde arghen wän hebben van my, umme des willen 
dat ich my jw hijr openbare und (Bl. 89b) sprecke myt jw, wante dat 
is schände, dat eyn mensche dat doit myt worden effte myt wercken 
in enen hoen enes anderen umme eynes quaden eyndes willen to er- 
krigene. Darumme is gescreven: We deme menschen, overmyddes 
weine schände schfit. Sunder ich geist Gowidonis en do eme neynen 
hoen noch laster in worden effte in werken, wente ich do et umme 
eynen guden eyndes willen. Doch wattan dat my verlenet is, dat ich 
myd jw hir sprecke und wise jw myne noit unde der anderen, de dar 
liden in deme vegevure, und dar inne do ich vil mer ere Gowidoni, 
wante hude de ganße stad is hir jegenwordich umme mynen willen 
und bidden vor my, dat my got verlose van den pinen, als du, prior, 
myd dinen broderen lange hevest vor my gebeden. Darumme is et 
openbar genoch, dat ich neyne schände en do my noch deme lichamen 
Gowidonis.' 

Do vragede de prior: 'Wu mach eyn böse sin na sime dode, na 
deme dat he bichtede, er he verscheide, unde nam darna dat hilge 
sacrainente?' Der Geist weist auf die Notwendigkeit der Busse hin; 
'weine,' schliesst er, 'de pine nicht hir en wert gegeven vor sine sunde, 
deine wert dar in deme vegevur eyn vil heiter baet bereit.' Ueber 
die, welche, solange er im Fegefeuer weilt } in den Himmel eingegangen 
und welche verdammt sind, vermag er keine Auskunft zu erteilen, da 
ein im Fegefeuer befindlicher Geist weder Himmel noch Holle kenne 
und Gott zudem nicht wolle, dass über diese Dinge etwas verlaute. Er 
sucht dem Prior, welcher ihm wegen der Aufschlüsse, die die Propheten 
gegeben haben, nicht glauben will, den Unterschied zwischen diesen und 
den Selen im Fegefeuer darzulegen. Was die Propheten kündeten, führt 
er auf Offeriltarungen des heiligen Geistes und der Engel zurück, die 
denen, welche im Fegefeuer gepeinigt werden, nicht zu teil würden. Da 
der Prior noch immer zweifelt, beschränkt sich der Geist darauf, zu 
wiederholen, dass er nicht die Offenbarung der obersten Engel besitze, 
die allein den Selen im Fegefeuer und den Teufeln nach dem Willen 
Gottes Aufschluss über die Vorgänge im Himmel erteilen könnten, und 
des weiteren den Unterschied zwischen Hölle und Fegefeuer auseinander- 
zusetzen, um darzuthun, dass er auch mit jener nichts zu schaffen habe. 

(Bl. 92a) Do vragede en de prior, war he were. Do antwerde 
eme de geist: 'Ich bin hir in mynem vegevure.' Diese Antwort giebt 
den Anlass zur Erörterung des Verhältnisses, in dem dies besondere zu 
dem allen Verdammten gemeinsamen Fegefeuer steht. Dieses befindet 
sich im Schosse der Erde. Als Grund seiner Pein bezeichnet der Geist 
unvollkommene Busse. 

(Bl. 93a) Do vragede de prior, wat deme menschen meist to 
tröste queme in syme lesten. Do antwerde de geist: 'De gedechtnisse 
des lidens unses heren Jhesu Cristi unde de woldait der ersamen 
juneffrowen Marien und dat gebet der hilgen.' Do segede de prior: 



91 

'Berichte uns, wu mach de verdeynst des lichamen Cristi eynem menschen 
helpen in sinen lesten.' De geist antwerde: 'Ja gerne. Is et, dat 
welich mensche stervet in dotliken sunden sunder ruwen und bicht des 
(Bl. 93b) mundes, so wert deme menschen geseget dat liden unses 
hören van syme guden engele in der wijs, dat he ordelt, dat de 
mensche gode undancsam hebbe gewesen in deme, dat he nicht en 
wolde bichten van sinen sunden, do he et mochte wol don, sunder he 
hevet versmät de sacramente der hilgen kerken, de vermyddes krafft 
unses heren de sunder 1 ) reyniget hevet van al eren sunden und brenget 
se weder in den stad der genade godes. Alse dat geseget is, so nemet 
en de duvele unde söget eine: du mensche, de dar hevet gode un- 
dancsem gewesen siner genade 2 ), kom myd uns in de helle, dar der 
undancsem erve is. Sunder is et, dat eyn mensche verscheidet und 
hevet gebichtet und dat hilge sacramente entffangen, wattan dat he 
nicht en hevet vul gedan vor de sunde, so komen de guden engele 
und sterket den menschen vor de anvechtynge der duvele und segget 
den bösen geist en: Gij en hebbot neyn deil an dussen menschen, wante 
de verdeynst Cristi unde sin liden is eyn gud vredeschilt tusschen eme 
unde jw a ). (BL 94a) So seggen de bösen geiste: So en mach et nicht 
wosen, wij willen sine wereke richten under uns; su, dusse mensche 
hevet so unde so gesundiget vermyddes sinen banden, so vermyddes 
al sinen leden, so myd sinen krefften der seile utwendich unde in- 
wendich, darumme hebbe wij wot rechtes to den menschen. De engel 
ant werdet unde seeget: Dat is war, dat he also hevet gesundiget, sunder 
alle de sunde de hevet he gebichtet, und des in eyn tuchnisse hevet 
he den lichamen unses heren genomen in de wechreise 4 ), umme des 
willen dat liden unses heren, dat he hevet geleden an deme cruce, 
is eyn beschermynge tusschen eme unde jw. De dorgenegelden hande 
Cristi sollen nü myddelen tusschen eme unde jw, de ougon Cristi sollen 
nu myddelen tusschen eme unde jw. (juwe ougen) Na dussen tijden 
en sole gij sijr nicht mer seyn, en to ververne. De ganöe lichamen 
Cristi, de dar was in deme cruce utgerecket, sal eme wesen eyn loen 
unde eyn starck schilt tegen juwe drogenachticheit, dar gij ene mede 
deden to sundigen. De letmate Cristi, de vor eme also hebben geleden, 
de maken en rey-(Bl. 94b)ne van alle sinen sunden, wante Cristus 
hevet geleden vor sine letmate alse vor de cristenen, und he hevet er 
eyn gewesen, darumme he ock geleden hevet vor en, und alsodane 
wijs helpet de verdenst des lidens Cristi in deme lesten ende deme 
menschen. Vortmer de woldait der junevrouwen Marien de helpet ock 
eynem menschen in sinem lesten ende in dusser wise. Is et, dat eyn 
mensche stervet gebichtet unde berichtet myd deme hilgen sacramente, 
so is de junevrouwe Maria dar unde seget also: Ich bin eyn junevrowe 



*) Hs. sunde. — *) A : homo ingrate in respectu dei. — *) A : quia merüum 
Oiristi et passionis eius est scutum et remedium contra vos, und so 0: want die 
rerdiente der passien Cristi is hem een schilt ende een middel tusschen ons ende u. — 
4 ) wechreise im Mnd. Wb. nicht belegt. Bl. 109a: blisam, eine auch im Mnd. Hwb. 
nicht verzeichnete Nebenform zu Mix eme. 



92 

und eyn moder unses heren Jhesu Cristi und eyn konyncginge des 
hemels, eyn vrouwe der werlde und eyn gebeydersche der helle, und 
in deme dat ich bin eyn konyncginge des hemels, so mach ich seggen 
mynem kinde Jhesu Cristo, dat he den menschen richte to der pine 
des vegevures, up dat he dar vul do vor sine sunde, unde in deme dat 
ich moder godes, so hebbe ich de macht, dat alle de innygen gebede 
unde de hilgen mysse und almosen, de dar scheit van den cristen- 
menschen up ertrike, dat de komen to bäte dussem menschen, und 
ich wil, dat de guden werck und de mysse unde de almosen (Bl. 95a) 
en verlichten van der pine, de eme bort vor sine sunde, und in deme 
dat ich bin eyn gebeidersche der helle, so gebeide ich jw duvelen, dat 
gij nicht mer en schaden dussen menschen, de myd dem sacramente 
mynes kindes is verscheiden. Und ock de bede der hilgen helpet deme 
menschen, in deme dat he sal verscheiden, wante wan Maria ere rede 
hevet gesprocken, to der stunt so komet al de hilgen und biddet 
innentliken den heren und segget: Here Jhesu Criste, eyn 1 ) vader der 
glorien, eyn here der gracien unde genade und eyn mensche der barm- 
herticheit, du de dar bist gekomen van deme hemele, de sundere salich 
to makene, erbarme dij over de seile dusses doden menschen, wente 
he is unse vleisch unde unse broder. Und alse dijt al gesecget is, so 
wert de seile gevort vermyddes eren guden engele in dat vegevur, 
unde de quaden engele de scheiden van eme bedrovet unde geschant. 
So is dij openbar, wu de verdenst des lidens Cristi, de woldait Marien 
unde dat bet der hilgen helpen den luden in erme dode.' 

(Bl. 95a) Do vragede de prior, efft eyn mensche in sinen lesten 
möge seyn Jhesum Cristum unde de juncvrouwen Marien und (BL 95b) 
de anderen hilgen in eren eigenen wesene. Der Geist entgegnet, dass 
ein Mensch dieses Anblicks nur teilhaftig werde, wenn ihm die Qualen 
des Fegefeuers erspart blieben. Christus zu sehen, sei die höchste Wonne, 
und wenn jeder im Augenblicke des Hinscheidens Christus erblickte, so 
müssten alle Menschen selig werden. Nachdem er darnach bestätigt, dass 
ein Geist Kenntnis aller Thatcn der Menschen habe, stellt der Prior ihn 
auf die Probe. Er verlangt von ihm zu wissen, wovon er am selben 
Tage Messe gelesen habe. Der Geist nennt das Officium vom hl. Geiste. 
Um des Priors Einwand, dass er das Officium von allen gläubigen Selen 
abgehalten habe, zu entkräften, beruft sich der Geist auf den Satz: Wessen 
das Herz voll ist, fliesst der Mund über. Seine Antwort rechtfertigte 
sich dadurch, dass der Prior in der Messe ein Gebet vom hl. Geiste 
gelesen habe, das ihm besonders von Nutzen sei. 

(Bl. 98a) Do vragede de prior: 'Vor wuvele seile mach eyn prester 
misse don, dat doch de eyne seile van der misse so vele hebbe alse 
de andere?' Der Geist versetzt: 'Ein Priester kann zugleich für alle 
Seien Messe lesen, sowohl für die der Toten wie für die der Lebendigen. 
Ein Gut wie die Messe wirkt um so kräftiger, je grösser seine Ver- 



*) Ueber ein als pronomen demonstr. vgl. Braune in Paul-Braunes Beitr. 
11, 518—527 und Beets in der Tijdschrift voor Nederl. Taal- en Letterk. 6, 94—102. 



M 

breitung ist. Ehe der Priester für alle Selen bittet, sott er aber an die 
denken, welche ihm besonders befohlen sind. 1 Heber seine eigene Erlösung 
äussert er sich folgendermassen: (El. 99a) overmyddes den beden unde 
anderen innegen gebeden bin ich gehulpen, wante ich en sal nicht 
lengher in der pine wesen dan winte to paschen. Unde wultu dat 
verwar wetten, so kom weder oppe dusse stede, und horestu myr 
hir nicht, so saltu verwar weten, dat ich bin myd den seligen seilen 
in deme ewighen levene, dat de prior myt eyn deils des gesindes war 
vant, alse de geist geseget hadde. 

(Bl. 99b) Do vragede de prior: 'Wat is behulpliker den seilen 
in deme vegevure?' Es werden namentlich das Officium von unserer 
lieben Frau und die sieben Psalmen empfohlen. 

(El. 100a) Do vragede de prior: 'Wat batet den verstorvenen 
seilen, de in deme vegevure synt, eff men vor se lese de vespere unde 
de vigilie der doden?' Der Geist wünscht, dass dieses Officium viel 
häufiger gelesen würde. Er erklärt die verborgene Bedeutung dessellten 
und schliesst seine Auseinandersetzung unter Thränen mit der Auf- 
forderung: Frage schnell, was du fragen willst, denn die Zeit naht, wo 
ich schweigen muss um der Pein willen, die mich quält. Den Prior, 
der ihm gern zu Hülfe kommen möchte, bittet er, fünf Mal für ihn die 
fünf Freuden unserer lieben Frau zu sprechen. Nachdem sein Verlangen 
erfüllt ist, tritt Erleichterung ein, und die Unterhaltung kann fortgesetzt 
werden. Sie bezieht sich zunächst auf die Anfechtung, die der die Messe 
eeM/rirendc Priester durch böse Engel erfahren könne. Schutz soll in 
dieser Not das ambrosianische Gebet Summe sacerdos gewähren. 

(Bl. 102b) Do vragede de prior, eff he nu en hedde gesein den 
lichamen unses heren, synt he were verscheiden van dusser erden. 
Der Geist erklärt ^ dass er den Leib Christi in dem Versteck an der 
Brust des Fragenden erblicke und ihn unausgesetzt nach seiner Weise 
anbete. Ohne Verzug befreit der Prior den Leib des Herrn von seiner 
HiUle und gelnetet dem Geist kraft des Sacrnments, ihm zur Pforte des 
Hauses zu folgen. Der Geist gehorcht. (Hl. WSa) Do began de prior 
trachliken to gande vor de porten myd twen sinen broderen und velen 
anderen luden. Und alse de prior genck, do sach he weder umme 
nnde en sa sich nicht volgen, sunder he horde eyn gelud, rechte effte 
dar we achter eme gynge und kerde dat hös offte de dele. Do segede 
de prior: 'Du de dar bist de geist Gowidonis, lat dij uns nu sunliken 
seyn.' Dar en antwerde de geist nicht (Bl. 103b) up, und alse de 
prior vort ginck myd deme lichamen Cristi und eme de lüde also 
volgeden, do he quam op de stede, dar sin husfrouwe was, up der 
luchteren sijden der kameren, do lach sin husfrouwe in deme bedde 
und began wunderliken to latene und gelat to hebbene und reip luder 
stemme, recht alse eyn dovendich mensche. Dar na do lach se rechte, 
alse se doit were. Da die Hausfrau auf die Erkundigungen nach der 
Vrsache ihres Zustandes schweigt, ruft der Prior den Geist feierlich 
wf, Auskunft zu geben. Er versagt dieselbe, da es sich um eine Sünde 
Itundele, die bereits gebeichtet sei und, von Gott ausgelöscht, nicht mehr zur 



u 

Kenntnis der Menschen kommen solle. Sein Weib habe die Sünde 1 ) 
noch nicht völlig abyebüsst. (BL 104b) Und alse sin husfrouwe dijt | 
horde, do begunde se bitterliken to wenende unde sprack: 'Leve Gowido, 
werde ich dan salich, alse ich byn gereyniget van den Hunden der ich 
nu denckeV Do antwerde er de geist: k Ja.' Do was se vrolich und 
sprack eyn pater noster unde eyne avemarien. Der Prior weist die 
Frau sodann auf die Wichtigkeit und den Nutzen der Almosen hin. 

(Bl. 105a) Do vragede dey prior, warumme he sich nicht vil er 
geistliken luden en openbarde dan siner vrouwen, na deine dat doch 
de geistliken lüde vil mer verplichtet sint myd gode dan de vrouwen. 
Der Geist versetzt, seine Hausfrau sei ihm teurer als die geistlichen 
Leute; darum habe er den Herrn gebeten, sie zunächst warnen zu dürfen, 
dass sie von den Qualen des Fegefeuers befreit bleibe. Die nächstfolgenden 
Fragen des Priors betreffen die Zeit des Gerichts, die schlimmsten Sünder, 
den vollkommensten Stand, Straferhss im Fegefeuer und die grössten 
Qualen desselben. Der Geist bezeichnet als unerträglich: (BL 107a) 
de vlamme des vures unde de kulde des yses, wante se gan dar van 
der utersten kulde in de vlammen des vures unde ute derae vure in 
de kulde 8 ). 

(Bl. 107b) Do vragede de prior, wat pine he beeide. Der Geist: 
1 Flammen des heissesten Feuers martern mich. 7 Der Prior will die Ant- 
wort nicht gelten lassen, so dass der Geist genötigt ist, zu zeigen, dass 
Feuer auf einen Geist einzuwirken vermag. Erwähnt wird dabei das 
Mirakel von den drei Kindern*), die ins Feuer geworfen wurden und 
ungesengt wieder herauslcamen. Der Prior lenkt darnach das Gespräch 
auf die Menschwerdung Gottes. 

(Bl. 109a) Do vragede de prior, wer he wiste, welich de sunde 
weren, dar de lüde allermeist mede umraegengen. Der Geist hebt drei 
Sünden besonders hervor: overspel, dat dar is tusschen echten luden 4 ) 
und de stummen unmensliken sunde (Bl. 109b) und den doitslacb unde 
meyneede. Nach diesen Worten bittet die Witwe Guidos den Prior, 
den Geist aufzufordern, von ihr zu weichen. Dieser entspricht dem 
Wunsche, Guido verlangt aber als Gegenleistung, dass sie sich stets keusch 
halte und im ganzen 600 Messen für sich und ihn lesen lasse. Die zweite 
Bedingung wird an demselben Tage erfüllt; die Folge ist, dass die 
Witwe vom Geiste ihres Mannes nicht weiter gepeinigt wird. Nachdem 
der Prior noch eine wenig befriedigende Auskunft über das Erscheinen 
des Endckerst erliaiten, verschwindet der Geist. 

(Bl. 110a) Und alse dijt allet was gescheyn, do was et umme 
vespertijt dages, und alse se dar alle weren versaraet, do segede de 
prior to en allen: 'In deme namen godes, so gha eyn juwelich in 



f ) Anscheinend im ehelichen Verkehr begangen. — *) Eine ähnliche Qual- 
anschauung findet sich Visio S. Pauli (in meiner Ausgabe 66, 29; vgl. auch die 
Anm. zu der Stelle). — 8 ) Daniel 3, 12 ff. : Sydrachus, Mysachus en Abdenago. 
— *) Deutlicher in A: Sed tria vicia sunt, pro quibus se deus Hndicat cito, quo r um 
unum est matrimonium palhatum, quod fit, quando vir et mulier coeuni sine 
sollempnüate sacrimenti matrimonii. 



n 

synen wech, und alse gij werdet gevraget umme dijt geschickte, so 
segge eyn juwelich also, alse he hevet geseyn unde gehöret.' Und de 
prior segede siner husfrouwen, dat se sich kusliken heilde, de wile 
dat se levede, und helde eynen prester in der stede winte to paschen. 
Dat dede se und en dorste in cyner gansen wecken nicht komen in 
er hus. Des anderen dages na twelfften 1 ), do ginck se weder to deme 
prior und (Bl. 110b) bat en, dat he wolde weder komen in er hus 
myd anderen broderen, up dat se mochten seyn, eff sich de geist icht 
anderwerff wolde openbaren. Und dat dede he unde nam myd sich 
wol twintich ander brodere, und alse [se| quamen in dat hus, do be- 
funden se to lesene de vigilie*), und alse se waren komen to der 
stede, dar men leset Itequiescat in pace, do quam # bij den prior eyn 
dumme wynt unde gaff eyn gelud, recht eff dar eyn were, de dat hus 
kerede myt eynem besamen. Und alse dat de prior vernam, do beswor 
he den lut bij deine blöde unses heren Jhesu Cristi, dat he stille 
stende unde spreke myd eine. Do antwerde de geist in eyme gelude 
eyncs krancken menschen und sprak: 'Wes beswere gij my den dach 
ut unde ut? Ich hebbe jw doch geantwert to allen dingen, de gij 
my vrageden! Wat hebbe gij my dan to vragene?' Do segede eyn 
broder, eyn mester van der hilgen scrifft: 'En bistu noch nicht ent- 
lisset 8 ) van diner pinc'?' De geist antwerde: '(Jod de sij gebenediet, 
overmyddes den myssen, de vor my gelesen synt, bin ich gelost 
van der vlammen des vures in deme vegevure, also dat ich mer 
sal komen in dat gemeyne vegevur 4 ).' Do vragede he, wat pyne he 
leele. De geist antwerde: 'De vlammen des vures.' Do segede de 
broder: 'Kan men dij nicht gehelpen (Bl. 111a) ute dussen pyiien?' 
De stemme antwerde: 'Neyn.' Do segede de prior: 'Su, so sij wij 
hir versammet, up dat wij eyne wäre tuchnisse geven der dinck, de 
wij hebbet geseyn und gehört, alse wij komen bij den pawes ; darumme 
so seghe uns eyn wunderwerek.' De stemme de antwerde: 'Dat höret 
gode allene to, dat he wunderwerck do und neymande anders. Mer 
ich segge jw, et en sij dan, dat gij predeken bet, dan gij dus langhe 
liebt gedan, tegen de overswengen sunde, alse tegen dat verkopen 
geistliker lüde, woker, homot, doitslach, overspel, meyneede unde tegen 
valsch getuchnisse und vele ander sunde, de werlt vergeit drade in 
erer bosheit und gij myd en. Und dat sole gij ock wetten: Endeden 
de bede Marien unde anderer hilgen, de truweliken vor uns bidden, 
god de en leyte nicht ungewrocken de sunde, de dar scheit in deme 
ertrike, wante de warheit und de wisheit Cristi en is nicht in der 
werlde, sunder overspel, doitslach unde meyneede und alle bosheit, 
de se vullenbrengen mögen.' Do vragede de prior, wu vele pawese 
dat noch solden komen vor deme ende der werlde. De geist ant- 
werde: 'God de weit alle tokomene dinge allene, und my en is nicht 

*) Am Tage nach dem hl. Dreikönigstage, also am 7. Januar 1324. — •JA: 
ineepü prior dicere Placebo et dirige. — *) entlassen 'befreien'. Woeste kennt ein 
Subst. lisseninge in der Bedeutung von Linderung. — 4 ) A: ita quod amplius in 
commune purgatorium non veniam. 



bekant dan dat my wert geopenbart van mynem engele, und darumme 
en kan ich dij in der warheit nicht (BL 111b) dij[tj seggen 1 ). Gut 
hen enwech und hiddet god vor my und de seile, de dar wonen in 
deme vegevure. Und de hilge kereke en hevet neyne grote achte up 
de seile in deme vegevure und gij geistliken lüde sint gar kalt in den 
werken der leyve to juwen nesten unde to den seilen in deme vegevure. 
Betert jw in juwem levene, up dat gij nicht en vergan eweliken/ Und 
alse he dijt hadde geseget, do sweich he stille. Dijt geschichte is al 
proheret bij unsen geistliken vader, deme pawese Johannese deme 
xxij *). Und to paschen sande de pawes anderwerff dare, und de geist 
en openbarde sich en nicht. Unde men lovet des, dat he eweliken 
leve myd gode in deme hemelrike. Dat uns dat allen besehe, des 
helpe uns de vader und de sone unde de hilge geist. Amen. 

BERLIN. Herman Brandes. 



Kinderspiele 
aus Schleswig-Holstein. 

(Nachtrag zu Jahrb. X 8. 52.) 

Ballspiele, 
a. Schlagball. Auf einer langen freien Bahn werden 2 Male 
bestimmt. Beide sind etwa 50 Schritt von einander entfernt. Die 
Spieler teilen sich in zwei gleiche Parteien, indem die beiden tüch- 
tigsten Spieler mit Zustimmung der Mitspieler einander gegenüber 
treten, einer dem andern einen etwa eine Elle langen Stock hinwirft, 
den derselbe an irgend einer Stelle angreift und mit der rechten Hand 
umfasst. Dann legt der andere seine rechte Hand auf die des ersten, 
ebenfalls den Stock umfassend; darauf A. seine linke Hand auf B.'s 
rechte, B. seine linke Hand auf A.'s linke, und so geht es abwechselnd 
bis oben hin. Ist von dem Stock oben auch nur noch ein solch kleines 
Stück übrig, dass der letzte noch mit dem Daumen und Zeigefinger 
dasselbe so fest halten kann, dass er den Stock 10 Ellen (= 10 Stock- 
längen) über den Kopf werfen kann, so darf er aus der Zahl der Mit- 
spieler zuerst wählen. Auch das Wählen geschieht abwechselnd. (Vgl. 
das Losen beim Kipseln, Jahrb. VIII S. 104.) Sind alle Spieler gleich- 
massig verteilt, so losen A. und B. nochmals, und zwar darum, welche 
von beiden Parteien Schlagpartei und welche Fangpartei sein soll. 
Von der Schlagpartei heisst es dann, dass sie die „BSwerhaud" (Ober- 



'; A: et ideo nescio vobis verüatem hu jus questionis dicere. — •) Hs.: xxiij. 



97 

band beim Losen) habe, von der Fangpartei, dass sie die „Ünnerhand" 
(Unterhand beim Losen) habe. 

Nun stellen sich die Spieler auf. Die Schlag- oder Laufpartei 
steht auf dem ersten Mal. Einer von ihnen hat das „Ballholt", einen 
ziemlich dicken, runden, oft oben abgeplatteten Stab in der Hand. 
Der Schlagpartei gegenüber steht der „Opgewer" (Aufgeber) mit dem 
Ball. Keiner von der Schlagpartei darf das Mal überschreiten. Thut 
einer das, so darf der Aufgeber ihn werfen, und trifft er ihn, so ist 
die Schlagpartei „fül" (faul), und wechselt mit der Fangpartei. Ebenso 
darf keiner der Oberpartei den Ball anrühren. Geschieht das, so ist 
die Laufpartei ebenfalls faul. Der Aufgeber wirft den Ball in die 
Höhe, so dass er nahe vor dem Schläger niederfällt, und dieser schlägt 
dann, bevor er den Erdboden berührt, ihn in gerader Richtung möglichst 
weit in einem hohen Bogen fort, während die an verschiedenen Punkten 
der Bahn aufgestellten Spieler der Fangpartei ihn zu fangen suchen. 
Wird der Ball gefangen, so wechseln die Parteien. Während der Ball 
fortgeschlagen wird, muss einer von der Schlagpartei laufen, was jedoch 
geschehen muss, bevor der Ball zum 3. Mal fortgeschlagen wird. 
Geschieht das nicht, so hat die Schlagpartei verloren. Wenn nun 
einer läuft, so sucht der Aufgeber oder ein in der Bahn stehender 
Fänger, der dem Läufer zunächst steht und dem man den Ball schnell 
hinwirft, ihn zu werfen. Wird der Läufer, bevor er das Mal erreicht, 
Tom Ball getroffen, so wechseln die Parteien. Wird er nicht getroffen, 
so sucht er bei der ersten besten Gelegenheit das Schlagmal wieder 
zu erreichen, während andere das Mal wieder verlassen. So laufen 
nun alle Spieler der Oberpartei nach und nach, auch der Ballschläger. 
Oft läuft einer fort, wenn der Aufgeber den Ball noch in der Hand 
hat. Wirft er dann nach ihm und auch noch vorbei, was in der Er- 
regung sehr leicht geschieht, so ist der Jubel der Schlagpartei gross. 
In dem schnellen und sichern Werfen zeigt eben der Spieler seine 
Gewandtheit. Nicht minder zeigt auch der Läufer, der nur geworfen 
werden darf, wenn er in der Bahn ist, seine Geschicklichkeit dadurch, 
dass er den Ball nicht aus dem Auge verliert und sich so zu drehen, 
wenden, ducken, nieder zu werfen versteht, dass man ihn so leicht 
nicht trifft. Sobald nun einer vom Ball getroffen wird, so eilen alle 
Spieler der Fangpartei an ein Mal; denn wird einer von ihnen vom 
Ball getroffen, während er noch in der Bahn ist, so ist seine Partei 
wieder die Fangpartei. — Trifft der Schläger beim Fortschnellen den 
Ball nicht, so ist das ein Pudel. Macht einer drei Pudeln, so ist seine 
Partei faul. In dieser und ähnlicher Weise ward vor ca. 20 Jahren 
noch in Ditmarschen und Stapelholm von Kindern (Knaben) und nicht 
selten gar von Erwachsenen Ball gespielt. Der Ball 1 ) aber musste 
tüchtig hart sein, wesshalb ein hohler Gummiball verpönt war. Man 
machte sich einen Garnball, der mit buntem Garn hübsch verziert*) 

') Ditm. KäsbaU, ostfr. kdtzen, ndl. kaatsen, mnd. hatten (Fangball spielen) 
schnellen, treiben, fortschleudern, werfen, prellen etc. Ostfr. Wb. IL 136. 
*) Das nannten wir in Stapelholm flamm'n, 'n Ball Swerflamm'n. 

Niederdeutsche« Jahrbuch. XIII. 7 



98 

und ausgenäht war. Ward jemand mit einem solchen Ball getroffen, 
so that das natürlich sehr weh, wer aber weinte, ward verlacht und 
verhöhnt, und was noch schlimmer war: er ward so leicht nicht wieder 
in die Reihe der Spieler aufgenommen. 

Bergenhusen in Stapelholm. 
Einfacher wird obiges Ballspiel hier in Dahrenwurt gespielt. 
Die beiden Male sind nur einige Schritte von einander entfernt. Wei- 
den Ball schlägt, muss laufen und meistens auch sofort wieder zurück- 
kehren nach dem Schlagmal. 3 Pudel gelten auch hier nur. Wenn 
einer von der Schlagpartei den Ball anrührt, so hat diese das Spiel 
verloren. 

Vgl. Gutsmuths, Spiele zur Übung und Erholung etc., Schnepfenthal 1796, 
S. 52 u. f.; Trapp u. Pinzke, Das Bewegungsspiel, S. 56 u. f.; Lier, Turnspiele für 
Deutschlands Jugend, S. 14 u. f.; Leitfaden für den Turnunterricht in den preussischen 
Volksschulen, S. 127 u. f. 

b. Ballholt in'n Pütt. Auf einem nicht allzugrossen quadrat- 
förmigen Platz stellen sich 4 Spieler an den 4 Ecken auf. Das sind 
die Reinen. In dem Quadrat sind gleichfalls 4, die „Fülen* (spr. Fü'ln). 
Die 4 Reinen fangen den Ball einmal herum. Erst dann dürfen sie 
nach den Faulen, die im Quadrat laufen können, wohin sie wollen, 
werfen: müssen aber stets an ihren Ecken stehen bleiben. Sie dürfen 
aber mit dem Ball hin- und herfangen. Wird einer von den Faulen 
mit dem Ball getroffen, so scheidet der aus. Wirft aber einer von 
den Reinen vorbei, so tritt auch der ab. Und so geht es fort, bis 
nur 2 nach sind, ein Fauler und ein Reiner. Dann beginnt das Jagen, 
indem der Reine flink von einer Ecke zur andern läuft, um in die 
Xähe des Faulen zu kommen und den leichter treffen zu können. 
Trifft er ihn, so bleibt es beim Alten, die Reinen bleiben rein und 
die Faulen faul. Wirft er aber vorbei, so tritt das Umgekehrte ein. 

Schwienhusen b. Delve. 

c. Ball op'n D&ken. Einer nimmt den Ball in die Hand und 
stellt sich in die Nähe des Hauses hin. Alle Mitspieler flüchten von 
ihm hinweg und zwar so lange, bis er den Ball auf den „Düken* 
(Dach des Hauses) wirft und ruft: „Ball op'n Däk'n! N. X. (Name 
eines Mitspielers) schall d' niäk'n." Sofort müssen alle still stehen. 
Der Gerufene läuft nach dem Ball, muss aber an dem Platze, wo der 
Ball liegt, stehen bleiben, und sucht einen damit zu werfen. Trifft 
er einen, so läuft dieser nach dem Ball, während alle andern wieder 
davon laufen, und die Mitspieler stehen erst still, wenn er den Ball 
aufs Dach wirft und obigen Ruf wiederholt. Selbstverständlich ist 
der Spielplatz abgegrenzt. 

Dahrenwurt b. Lunden. 

Vgl. Trapp u. Pinzke, S. 42 u. f. Lier, Turnspiele für Deutschlands Jugend, 
S. 4, führt statt „Ball op'n D&k'n", oder Stehball, den Ruf „Vigoli" an. Ferner: 
Turnleitfaden für preuss. Volksschulen, S. 126 u. f.; Gutsmuths S. 116 u. f. 

Ganz ähnlich ist auch das bei Handelmann, S. 88 beschriebene „Sta Bali", 
oder das „Akkarbolspiel". Jeder Mitspieler bekommt einen Scherznamen, welche 
in der Reihenfolge nach dem A B C an die Wand geschrieben werden; z. B. auf 



den nordfries. InBein Altkar, Bol, Cimisan, Dol, Echtar, Fechtar, Gechtar, Hechtar 
u. s. w.; in Lauenburg „Aap, Bar, Clüsener, Hatt-eker" u. s. w.; in Mecklenburg 
.Apenklas, Babo, Cikot" u. 3. w. Einer wirft nun den Ball aus, in die Höhe oder 
in die Ferne, und ruft zugleich jemand bei seinem Scherznamen (fries. N. N. bi a 
Bai). Der Genannte muss den Ball aufsammeln, unterdess laufen die Übrigen 
schnell davon (aus dem Hok = Stall). Sowie aber jener den Ball in Händen hat, ruft 
er: „Sta Ball!" oder „Staet!" (Steh dem Ball; steht!); dann müssen alle augen- 
blicklich stehen bleiben. Der Inhaber des Balls darf nun, nach wem er will, zielen 
und werfen; trifft er denselben, so wird diesem neben seinem Namen ein Strich 
gemacht und der Ball zum Auswerfen übergeben; wirft er aber fehl, so bekommt 
er selbst einen Strich und wirft das nächste Mal aus. Zum Beschluss werden die 
Striche mit Schlägen abgebüsst. 

d. Königsball. Ein Spieler ist König. Die Mitspieler bilden 
eine Frontreihe. Der König steht in einiger Entfernung vor der Reihe, 
nimmt den Ball, fangt ihn einmal und wirft ihn dem obersten Spieler 
der Reihe zu, der das Vorgemachte nun genau nachmachen muss. 
Hat er das gethan, so fängt er dem König den Ball wieder hin, der 
denselben nun Nr. 2 zuwirft, der ebenfalls das Vorgemachte nachmachen 
muss. Und so müssen alle Mitspieler es nachmachen. Hat nun der 
König den Ball vom letzten Spieler retour erhalten, so wirft er den 
Ball in die Höhe, fängt ihn aber noch nicht, sondern schnellt ihn mit 
der innern Handfläche nochmals in die Höhe und fängt ihn erst jetzt. 
Dann wirft er der Nr. 1 den Ball hin, der das Vorgemachte nun 
wieder nachzumachen hat; dann der Zweite und so die ganze Reihe. 
Hat der König den Ball wieder in Händen, so wirft er ihn abermals 
in die Höhe, schnellt ihn beim Niederfallen mit der äusseren Hand- 
fläche in die Höhe, fängt ihn dann und wirft ihn Nr. 1 hin, der das 
nun wieder nachzumachen hat; gleichfalls auch die andern Spieler. 
Zum Vierten schnellt der König den zu ihm zurückkehrenden Ball 
zurück, und fängt ihn erst dann, wenn Nr. 1 den Ball gleichfalls 
zurückschnellt. Das müssen nun auch alle Spieler nachmachen. Zum 
Fünften wirft der König den Ball über Kopf dein ersten Spieler zu, 
der ihn ebenso zurückwerfen muss. Dann wirft er Nr. 2 ebenfalls 
über Kopf den Ball hin, der ihn auch ebenso zurückwerfen muss. 
Dann Nr. 3 u. s. w. Wer bei diesem Spiel, das Königsball heisst, 
einen Fehler macht, muss sich unten an hinstellen. 

Mitgeteilt von Fräulein E. Brodersen aus Tolk in Angeln. 
Fast ebeaso wird der Königsball auch hier in Dahrenwurt gespielt. Trapp 
u. Pinzke beschreiben S. 43 den Königsball abweichend hiervon. Gutsmuths hat 
unter seinen 13 verschiedenen Ballspielen den Königsball nicht mit verzeichnet. 

e. Fangball, a. Ein Spieler wirft den Ball an die Wand, fängt 
ihn mit beiden Händen, mit der rechten allein, mit der linken allein, 
mit beiden Händen, indem er zuvor in die Hände klatscht, mit beiden 
Händen, indem er die Hände nach hinten streckt und klatscht, mit 
beiden Händen, indem er die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, 
mit einer Hand rechts und links, indem er sich einmal umdreht. 

^Dahrenwurt b. Lunden. 
ß. Der Spieler hat einen Ball in der rechten Hand und einen 
in der linken Hand. Den einen Ball wirft er in die Höhe. Während 



2193 ITA 



100 

dieser Ball nun steigt oder fällt, wirft er den 2. auch in die Höhe, 
fängt den ersten wieder, wirft denselben aber auch zugleich wieder 
in die Höhe und fängt den 2. u. s. w. 

Christiansholm b. Hohn. 

y. Sogar mit 3 Bällen fängt man, und zwar dergestalt, dass 
stets ein Ball in die Höhe steigt, der 2. Ball fällt und der 3. in der 
Hand sich befindet. 

Kleinsee b. Bergenhusen in Stapelholm. 

X. Eine seltene Geschicklichkeit besassen meine Mitschülerinnen 
auf Christiansholm im Fangen. Der fallende Ball ward nämlich mit 
dem Unterarm aufgefangen. Dann fiess man ihn längs dem Arm in 
die Hand hinabrollen und schnellte ihn wieder in die Höhe. Wenn 
ich mich recht erinnere, so geschah das sogar mit 2 Bällen. 

Christiansholm b. Hohn. 

e. Oft wird ein Gummiball auf den Fussboden geworfen, und 
wenn er wieder emporschnellt, mit der Hand zurückgeschlagen. Wer 
das am meisten kann, ist der Beste. 

Gegend von Lunden. 

C Mehrere Mädchen stellen sich in kleinen Abständen von ein- 
ander auf. Ein Spieler hat den Ball, wirft ihn einem andern schnell 
hin, der ihn dann fangen muss und weiter wirft. 

Gegend von Lunden. . 

27. Mutter Maria. 

Die Mädchen sitzen in einer Reihe einander auf dem Schooss. 
Eine fragt die Reihe entlang: 

Waneb'n wahnt Mutter Marie? 
„Eb'n acht'r mi." 

(Bei der zweitletzten:) 
Waneb'n wahnt Mutter Marie? 

„Eb'n achtV mi. u 
Kann'k ehr ni mahl to spreck'n krieg'n. 
„Slepp noch!" 
Fragt wieder die Reihe entlang und bei der zweitletzten ange- 
langt, antwortet diese: 

„Is eb'n ut d' Bett!" 
Fragt wieder die Reihe entlang und erhält von der nächstletzten 
als Antwort: 

„Is noch nich antrock'n!" 

Fragt abermals die Reihe entlang und erhält als Antwort: 

„Hett noch keen Schört vjr!" 
Beim fünften Mal antwortet die zweitletzte: 
„Xu is se fertig! 44 

(Bei der letzten:) 
Kann 'k ni en vun ehr Döchter krieg'n? 
„Hess ers gestern een kreeg'n. 44 



101 

Füll mi in 'e Bott'rmelk. 

„Kunns ja man prahlt hebb'n." 
Ick harr en Klump 1 ) in 'n Hals. 

„Kunns ja man loop'n hebb'n." 
Ick harr en Doorn in 'n Foot. 

„Ja, denn nimm een, awer keen vun de beBt'n. u 

Sie nimmt die erste aus der Reihe und spricht zu dieser: 

„Kanns dreemaal op un daal spring' ahn to lachen un ahn de Tään 
to wies'n?" „Kanns Arfn kaak'nV" „Kanus Klump kaak'n?" „Kanns 
Griitt kaak'n?" 

Kann sie nun dreimal auf- und niederspringen ohne zu lachen 
und ohne die Zähne zu zeigen, und beantwortet die drei letzten 
Fragen mit ja, so kommt sie in den Himmel, sonst in die Hölle. Sind 
alle Mitspieler verteilt, so fassen die, welche im Himmel sind, Mutter 
Maria an; die aber in der Hölle sind, fassen diejenige, welche fragte, 
an, und beide Parteien suchen sich über einen Strich zu ziehen. 
(Vgl. Dlr'n Hirschen in Jahrb. VIII. S. 100 u. f.) 

Mitgeteilt von Fräulein Brodersen aus Tolk in Angeln. 

Bei Mannhardt, der eine ganze Reihe von Spielformeln aus 
Deutschland, den Slavenländern, Flandern, Schweden etc. gesammelt 
hat, kommen die Namen Frau Rose, Gode, Sole, Sino, Mutter Maria, 
de ole Moder Törsche (Teppersche) d. i. Zauberin, Hexe vor. Sie 
stellt nach demselben die Holde vor, die im Kinderbrunnen sitzt, aus 
dem die Kinder geholt werden. Die Ungebornen sitzen auf ihrem 
Schooss, die holende Frau ist die gebärende Mutter. Wer nicht lacht 
und nicht die Zähne zeigt, ist ein Wechselbalg und kehrt zur Frau 
Holle zurück; lacht er aber und zeigt die Zähne, so verbleibt er der 
Erde und wird Mensch. Nach Müllenhof, S. 486 u. f., wo eine inter- 
essante Variante verzeichnet steht, giebt die Holle der holenden Frau 
den Rat, den Wechselbalg mit Salz zu bestreuen. Salz bricht den 
bösen Zauber. Daher rührt auch wohl der Rat, den man kleinen 
Kindern zu geben pflegt, wenn sie Vögel ergreifen möchten: „Muss 
se Solt op'n Stiert streun"; denn die Seelen der Ungebornen laufen 
auch in Vogelgestalt auf der Erde umher. 

Handelmann führt in seinen Volks- und Kinderspielen noch 2 andere, aber 
sehr verstümmelte Formeln auf, wovon die erste aus Altona stammt. Eine sehr 
entstellte Formel hörte ich auch hier in Dahrenwurth. 

28. Gunk. 
Ein Spieler wird ausgeloost, gewöhnlich ut-dült d. i. durch einen 
Abzählreim ausgewählt. Dieser stellt sich nun mit dem Gesicht gegen 
die Mauer eines Hauses und damit er nicht sehen kann, muss er 
wenigstens die Hände vor das Gesicht halten, während die anderen 
Spieler sich hinter den Ecken des Hauses oder an sonstigen Stellen 
in der Nähe des Males verstecken. Haben alle ein Versteck gefunden, 



■) Scherzhafte'Bezeichnung für den Zustand, wo man so heiser ist, dass man 
keinen Laut von sich geben kann. 



102 

so beginnt das Suchen. Kann der Sucher nicht gleich einen finden, 
so ruft er: „Piep mal", welcher Aufforderung auch sofort entsprochen 
wird. Gewahrt er einen, so sucht dieser das Mal vor ihm zu er- 
reichen, was ihm aber selten gelingt. Leichter gelingt es schon den 
andern Versteckten, die auch das Mal zu erreichen suchen, wenn der 
Sucher sich zu weit vom Male entfernt. Wer von dem Sucher zuerst 
„aftacks" wird, d. h. wenn der Sucher vor einem Spieler das Mal 
berührt und „tacks u ruft, muss das nächste Mal suchen. Wer aber 
vor dem Sucher das Mal erreicht und „tacks" ruft, ist frei. Erst 
wenn alle Spieler gefunden sind oder ihren Versteck verlassen haben, 
beginnt das Spiel von vorne. 

Delve. 
Vgl. das Versteckspiel, Jahrb. VIII, S. 102; Jahrb. III, S. 109; Handelmann. 
Volks- und Kinderspiele, S. 81 u. f. 

29. Plumpsackspiele. 

Klumpsack. Die Spielenden bilden einen Kreis und fassen sich 
an den Händen. Einer hat ein Taschentuch mit einem Knoten darin, 
Klumpsack genannt, geht um den Kreis herum und spricht: 
„Kiek di (sick) ni um, de Klumpsack geit 'rum." 
Wer sich umsieht, bekommt Schläge. Am Ende lässt der Umgehende 
den Plumpsack leise hinter einem im Kreise stehenden niederfallen. 
Dieser hat dann rasch denselben aufzunehmen, hinter dem Umgehenden 
herzulaufen und wenn möglich, ihm einen Schlag mit dem Plumpsack 
zu geben. Gelingt ihm das, bevor der Umgehende den Kreis dreimal 
umlaufen hat, so muss der Geschlagene wieder umgehen; wenn nicht, 
so der andere. 

Kleinsee b. Bergenhusen i. Stapelholm. 

Schon bei Gutsmuths findet sich S. 230 u. f. dieses Spiel ver- 
zeichnet. Bei Schütze (II, 251 u. 288) heisst es: Kiek di mg um, 
de Stock sleit um. Eben daselbst S. 52: 

„De Goos, de Goos, de leggt dat Ei, 
un wenn et fallt, so fallt et twei." 

Andere Formeln zu diesem Spiele finden sich in Handelmann, 
Volks- und Kindersp., S. 58 u. f. Trapp u. Pinzke nennen 8 Plump- 
sackspiele, darunter auch das von dem verstorb. Woeste, Jahrb. 1877, 
S. 106 beschriebene: „Wie gefällt dir dein Nachbar V" Lier beschreibt 
in seinen Turnsp. S. 41 u. f. 5 Plumpsackspiele. Der Leitfaden für 
den Turnunterricht in den preuss. Volksschulen nennt 3 Plumpsackspiele. 

Nach Handelmann heisst das Spiel in Holland „de Vlugt of Sack- 
jagen", auch wohl „den Sack te dragen". In der Gegend von Bremen 
heisst der Spielspruch: „Kiek di nich um, de Voss gait rum!" (vgl. 
auch Dr. Fölsing, Erziehungsstoffe I, S. 182), und in Westfalen: „Dat 
Vössken dat kummt!" Bemerkenswert ist, heisst es bei Handelmann, 
die Übereinstimmung des Spielreims an den äussersten Grenzen der 
germanischen Zunge; in Finnland heisst es: „Lussi laskar om" ; in der 



103 

Schweiz: „Der Lunzi chunt". Was mag sich unter diesem Namen 
Lussi oder Lunzi verstecken? (Handelmann, S. 59.) 

30. Den Drütt'n jäg'n. 
Alle Spieler stehen paarweise, einer hinter dem andern, in 
einem grossen Kreis und zwar so, dass zwischen den einzelnen 
Paaren ein Zwischenraum bleibt. Zwei Spieler sind aussen vor. Der 
eine von diesen beiden führt einen Plumpsack und verfolgt den 
andern durch den Kreis herum. Will der Gejagte sich sicher stellen, 
so stellt er sich vor ein Paar. Die hintere Person dieses Paares 
muss nun vor dem Plumpsack Hieben, kann sich aber vor demselben 
sicher stellen, indem sie sich gleichfalls vor ein Paar stellt. So wird 
also immer der Dritte gejagt. Kann nun der mit dem Plumpsack 
einen der als Dritter steht oder läuft, schlagen, so muss der Ge- 
schlagene ihn ablösen. 

Eckemförde. 

Gutsmuths Spiele, S. 276: Das Drittenabschlagen. Schütze I, S. 249: Den 
Drüdden jagen; twee jagt den Drüdden. Leitfaden für preuss. Volksschulen, S. 124: 
Den Dritten abschlagen. Trapp u. Pinzke, S. 134: Drei Mann hoch oder den Dritten 
abschlagen. Französ.: Deux c'est assez, trois c'est trop. (Handelmann 8. 65.) 

c. S. Jahrb. IX, S. 51, Nr. 24: Jakob, wo bist du? 

31. Katt un Mus. 
Alle Kinder schliessen einen Kreis. Zwei Spieler stehen in dem 
Kreis. Einer von diesen ist Katze, der andere Maus. Die den Kreis 
bildenden Kinder halten die Arme etwas in die Höhe. Die Maus 
läuft unter den Armen durch. Die Katze sucht sie zu erhaschen, wird 
aber von den Mitspielern daran gehindert, indem sie der Katze das 
Eindringen und Hinauslaufen aus dem Kreis mit den Armen zu ver- 
wehren suchen. Gelingt es ihr dennoch, die Maus zu erwischen, so 
sucht die Maus die Katze wieder zu erhaschen. Gelingt auch das, 
so wird ein anderes Paar gewählt. 

Dahrenwurt b. Lunden. 

Vgl. Trapp u. Pinzke, Bewegungsspiel, S. 75; Lier, Turnspiele, 8. 66. 

DAHRENWURT b. Lunden. Heinrich Carstens. 



104 



Mittelniederländische Spruch- 
dichtungen. 

Die Pergamenthandschrift 7970 auf der k. k. Fideikommiss- 
bibliothek in Wien (XV. Jahrh.) enthält ausser den mittelniederlän- 
dischen geistlichen Liedern, welche ich in der Vierteljahrsschrift für 
Musikwissenschaft 1888, Heft 2 und 3 publicirt habe, einen Anhang 
mit Prosastücken und Reimsprüchen. 

Da die letzteren sowohl sprachlich als auch inhaltlich, einige 
auch als Varianten zu Sprüchen des niederdeutschen Reimbüchleins 
(herausg. von W. Seelmann 1885)*) von Interesse sind, so dürfte die 
Veröffentlichung nicht unwillkommen sein. 

Ich gebe die Texte in der urkundlichen Schreibweise mit Hinzu- 
fügung einer Interpunktion. 

Ic bin verraden al onuerdient, 
Die my verriet, dat scheen myn vrient; 
Dair ic myn trouue toe verliet, 
Dat was den ghenen, die my verrriet. 

Ic woude wel, dat niemant en conste 5 

Vrienscap togen sonder guede gonste, 
Want dair is gheen quader venyn, 
Dan vrient te schinen en viant te syn. 

Die syn vrient proeuen sal, 
Die proeue hem in syn ongeual, 10 

Want int geluc is menich vrient, 
Die inder noet niet en dient. 

Die vercout is in syn mage 
Eil al wil seggen, dat hi weet, 

Het waer wel van node, datmen hem gaue 15 

Een cruydekyn, dat swigen heet. 

Wilt ghi tot enen saugen leuen keren, 
Soe pynt dat fundament der duechden, 
Dats oetmoedicheit van cristo te leren. 

Siit oetmoedich van werken, van woerden ende van gedachten, 20 
Leert v seluen vernederen eil niet achten. 

Siet dicwiil op v selues gebreclike werken, 

Op dat ghy eens anders gebreken myn moecht merken. 

Vergadert in uw r er herten alle die oersaken, 

Die iu cleyn en oetmoedich maken. 25 



*) Vgl. 104, 7 f. und Reimbüchl. 2119. 2510; 104, 10—13 u. R. 2514; 106, 
1—10 u. R. 2101. 2150; 108, 33—36 u. R. 2502. 



105 

Acht des anders guetwerc groet, mer dat v is deine, 
Dicwil biecht en hout v reyne. 

Alsmen v priist, soe bliift gesaet, 
Mer toent v bliide, alsmen v versmaet. 

Siit Heuer bi dien, die v versmaetheit bewisen, 6 

Dan die v achten off priisen. 

Begeert die ewige glörie nae deser tut, 
Na loff off priis en staet hier niet. 

Een ygeliic sal hem seluen mishagen 

En ouer hem meest clagen; 10 

Want dat is kenlic efi wis, 

Dat dicwil een mensche hem seluen scadelic is. 

Die inden hemel wil besitten enen hogen graet, 
Die sal nv verkiesen den laechsten staet. 

Also veel alstu biste om goeds willen 15 

Meer cleyn efl snode in dyns selfs ogen, 

Alsoe veel meer sal di god namels verbogen. Amen. 

Van die mynne. 

Onse salige wyn hanget in gods eft in ons euenkersten myn, 
Ende gheen guetwerc sonder mynne en brenget ons saugen 

oirbair ynne. 
Die myn, nae dat sinte Pieter seyt, 20 

Bedect der sonden menichuoldicheit. 

Wensschet mit al dat guet, 

Datmen ouer al die werrelt doet, 

Soe moecht ghy in corter tut 

Van geesteliken guede werden riic. 25 

Hebt een meedogende hert 
Mit die in lüden syn off smert. 
Siit geestelike blide mitten bliden 
Ende mitten droeuigen siit in liden. 

Die heer heeft ons tot hem geroepen, 30 

Mer tstaet aen ons, wy mögen lopen 
Tot hem, van hem, hoe wyt verkiesen, 
Wy mögen wynnen of uerliesen. 

Die dese werrelt aen cleeft 

Efi syn god dair om begeeft, 35 

Alst comt, dat hy van hier moet sceiden, 

Soe wert hi quyt dier alle beiden. 



Hy is wys, die < 



Hi is geck, 



106 

Die gode mynt, 

Hern seluen kent, 

Hem wacht voir sonden, 

Guet en quaet kan gronden, 

Die doet aensiet, 5 

Quaet geselscap vliet. 

Die hem te vele onderwynt, 

Die hem te vaste uerbindt, 

Die tsyn niet en genoecht, 

Die hem mit gecken voecht. 10 

Die altoes mitten gueden wandelt, 

Hoe geckelic dat hi hem handelt, 

Hi sal altoes mit eren leuen; 

Mer die volgen wil de quaden 

En plegen oec höre daden, 15 

Die moet oec int eynde sneuen. 

Die meeste wiisheit, die men vindt, 

Die is, dat elk hem seluen kent, 

Ende daer toe die meeste riicheit 

Dunket my wesen genoegelicheit; 20 

Want wien genoech is, dat hi heeft, 

Hi is die riicste, die daer leeft. 

Niemant en is arm dan hi alleen, 

Die syn guet duuct wesen te cleyn, 

Laet v genoegen int genoech, 25 

Dien tsyn genoecht, is riic genoech. 

Die alre meeste eer ist trouue, 

Trouue is alre eeren vrouue; 

Hi is wiis en wel geleert, 

Die al dinc ten besten keert. 30 

Gherechtich, barmhertich, wetende, milde, 
Die dese vier ponten wel hielde, 
Hi solde hemmelriic gewynnen, 
En alle die werrelt solden mynnen. 

Hoessche tale en groet oetmoet 35 

Die doen sinken oeuelen moet, 

Efi brengen al dingen ten besten; 

Dair om is seker swigen guet; 

Die wel kan dwingen sinen moet, 

Hi verwynt voirwaer ten lesten. *° 

Oetmoedicheit is suet eh sacht 
Ende heeft altoes guet int gedacht; 
Oetmoedicheit brect alle striit 
En si uerledicht alle nyt, 



107 

Die oetmoedicheit willen plegen 
God en salse nymmer begheuen. 

Des siit seker efi gewes, 

Dat eene mer te prysen es, 

Die synen grammen moet bedwinct, 5 

Dan die een borch mit erachte wynt. 

Weet ghi, wat ic gescreuen sach: 
Wiltu verwinnen, soe verdrach. 

Die kan uerdragen, swigen efi hören, 

Vele rüsten sal hem geboeren, 10 

Zwycht, hoert, siet, efi uerdraecht, 

Soe en weet nyemant, wat ghi iaecht. 

Soe wien dunet dat hi genoech kan, 

Hi en werdt nymmenneer wiis man, 

Efi wien dunet, dat hi is wiis, 15 

Die draecht van alre sotheit priis. 

Het is swaer van leuene te sceyden, 

Soe ons redene doet verstaen, 

Tot steruen laet ons ons bereiden 

Want steruen mögen wy niet ontgaen, 20 

AI mögen wy een luttel tiits uerbeiden, 

Nochtan moet ymmer eens syn gedaen. 

Tot steruen syn wy alle geboren, 

Steruen is ons leuen al, 

Steruen is ons toe behoeren; 2ö 

Mer wel te steruen, is guet geual. 

Die te steruen is onbereet, 

Als hi ymmers steruen moet, 

Soe sal hem steruen wesen wreet, 

Als hem steruen steruen doet 3° 

Van dingen, die hi niet en weet, 

Sal hem steruen dan maken vroet. 

Nv want ic steruen soe edel kyn 

Efi alle heiligen dat hebben gedaen, 

Soe willicic steruen in mynen syn, 35 

Want dat dunet my tbeste voertaen. 

My dunet dat hi seer sorchlic leeft 

Efi niet wel en is hi vroet, 

Die noch al te steruen heeft, 

Als hi ymmers steruen moet, 4° 

Tegen die doet en is gheen seilt, 

Leeft soe als ghi steruen wilt. 



108 

Ic rade dat ghi v daer toe keert, 
Dat ghi alle dage steruen leert, 
God en heeft ons niet te weten gegeuen, 
Hoe lange dat wy hier sullen leuen. 

Hi is wiis, die hier vele gaert 5 

Tegen die lange heneuaert. 

Die doet comt haestelic mit geweit 

Eö neemt beide iong efi out, 

Daer om soe is ons allen noet 

Kennen steruen, eer coemt die doet. 10 

Het is te mael een swaer uerbeiden, 

Die op syn doetbedde hem sal bereiden, 

Want die hoge lerer sint Augustyn 

Sprect alsus inden latyn: 

Si vis agere penitenciam dum peccare non potes 15 

Peccata te dimiserunt non tu illa. 

Alst een mensche gelike gaet, 

Hoe mach hi weten guet eö quaet; 

Grote weelde plompt zeer die synne, 

Mer sorge die brenct wiisheit ynne. 20 

Die guet efi quaet hier heeft geproeft, 

Die weet, wat elc mensche behoeft. 

Gode mynnen efi hem ontsien, 

Sonden haten ende die vlien, 

Gheerne uergheuen en noede wreken, 25 

En vanden anderen altiit wel spreken: 

Die dat dede, god solde hem geuen 

Nae dese elleynde dat ewich leuen. 

Alre bliiscap is een verganc 

Dan, daermen hoert der engelen sanc, 30 

Ende alre droefheit is een eynde 

Sonder der droeuer hellen elleynde. 

Dyn lyden en sulstu niemant clagen 

Dan ihesu, die salt di helpen dragen; 

Die menige seyt syn liden voert 35 j 

Den ghenen, die dat gheerne hoert, ' 

Hem weer leet, dat anders waer. 

Aldus maect hi hem seluen te maer 

En wordt dan vele te myn geacht. 

Het is een manlike cracht, 40 

Dat een syn liden wel can dragen 

Verborgen, sonder yemant te clagen 

Ende toenen van butcn alsufljk gebaer, 

Recht off in hem gheen liden en waer. 



Leert verdragen, Als ghi uerdraecht, 
Sonder clagen, Hoe seer men v iaecht, 
Wie ghi siit, Ghi wynt den striit. 

Ghi sult gramscap van v weren, 

Want si plach ziel ende liiff te verteren, 5 

Ende wie syn liden can volharden, 

Syn ongesien sal beter warden; 

Ende wie can liden, swigen en sien, 

Int eynde sal hem guet geschien; 

Ende wie uerbeiden can en liden, 10 

Hi sal nerwynnen sonder striden. 

Soe wye benyt 

Eens anders profiit 

En is niet guet, 

Hi uerliest syn tut 15 

Ende sonder respiit 

Quelt hy syn bloet. 

Die heeft syn eer, ende onsen heer 
Altiit voir ogen, Wat hem geschiet 
Hi en sal niet wel vallen mögen. 20 

Een corte ioliit 

In deser tut, 

AI hier vercoren 

Voer hemmelriic, 

Dats sekerlick, 25 

Te vele uerloren. 

Ere. 
Nie synt soe en woudic meer 
Climmen nae der werrelts eer, 
Daer vele menschen seer op letten 
En hoer zielen en liue voersetten, 30 

Doe ic merktde op enen pas, 
Dat si also verganclic was. 

Ontrouue. 
Nie synt en had ic des rouue, 
AI gheschiede my ontrouue, 

Doe ic my seluen wel besach, 35 

Dat ic goede soe menigen dach 
Veele ontrouuer hadde geweest, 
Di my vrient was alre meest. 

Tiitlike guet. 
Nie synt en was my wee te moede 
Om uerlies van eertschen guede, 40 



110 

Doe ic claerlic sach, dat my 
Dit guet niet dan gelient en sy, 
Eö ic vandt, dat die erue myn 
Properlic soude gods rike syn. 

Penitencie. 
Nie synt soe en was my pyn 5 

Om hier in penitency te syn, 
Hoe zuer si was off hoe onsochte, 
Off hoe si my uerswaren mochte, 
Als ic aenmercde die grote vroude, 
Die my god daer voer gheuen woude. 10 

Siecte. 
Nie syn en vreesdic ziecte, die my 
Toequam, als ic mercde, dat zy 
Is der doet een seker bode; 
Efi niemant van hier tot gode 

En mach cornen sonder haer, 15 

Daer ic noch alte gheerne waer. 

Ordell. 
Nie synt en vreesde ic dat ordel myn, 
Doe ic dacht, dat die selue sal syn, 
Die oiier my sal vonnys [wiisen] geuen, 
Die hier voir my gaff syn leuen, 20 

Om myns te deruen nymmermeer, 
Voerwaer hier op troest ic my seer. 

Nie synt vreesdic der hellen pyn, 

Doe ic vandt dat wy waerlic syn 

Alleen gescapen, om gods riike 25 

Te besittene ewelike; 

Myn hope noch te comen daer, 

Die driift van my den heischen vaer. 

Nummermeer en wil ic wanhopen, 

Want ihesus leert ons waer efi open: 30 

Clopt v sal werden op gedaen, 

Efi eyschet, ghi sult ontfaen, 

Soect en ghi sult vinden tot dien, 

Nae v geloue sal v geschien. 

NIEDERKRÜCHTEN. Wilh. Bäumker. 



111 



Kleine mittelniederländisehe 
Dichtungen. 

Die nachfolgenden Dichtungen sind uns bis auf das Marienlied, 
welches im Ms. germ. octav. 211 steht, indem Ms. germ. quart. 557 
der königlichen Bibliothek zu Berlin erhalten. Die dem 15. Jh. ange- 
hörende Papierhs. war ehemals im Besitz Hoffmanns von Fallersleben, 
der sie in seiner 'Bibliotheca' unter Nr. XI kurz beschrieben hat. 
Hoffmann hat aus ihr in den Altdeutschen Blättern I, 75 — 78 eine 
Auswahl von Reimsprüchen und A. Beets in der Tijdschr. v. Ndl. taal- 
en letterk. 6, 79 — 80 ein Gedicht von 40 Versen veröffentlicht, dem 
er die Ueberschrift : 'Die werelt es mit allen bedorven' gegeben hat. 
Ueber die erstgenannte Publication werde ich an anderer Stelle zu 
sprechen Gelegenheit haben. 

Das von mir 'Der Welt Untreue 1 betitelte Gedicht findet man 
auf Bl. 21b— 22a, den ABC-Spruch auf Bl. 23a— 23b. Mone ver- 
zeichnet im ganzen 7 solcher ABC-Sprüche, von denen manche ausser- 
ordentlich künstlich gebaut sind. Einige Dichter, wie der unsrige, 
begnügen sich damit, jeden Vers mit einem neuen Buchstaben des 
Alphabets zu beginnen, andere weisen jedem Buchstaben mehrere Verse 
zu oder lassen auf die übliche Reihenfolge der Buchstaben die umge- 
kehrte folgen (Blommaert's OV1. Ged. 3, 143). Eine am Schluss ge- 
kürzte Uebertragung unseres Spruches ins Mittelniederdeutsche hat 
Mone Uebersicht» S. 398 nach einer dem 16. Jh. entstammenden Hs. 
des Freiherrn W. von Haxthausen zu Böckerhof mitgeteilt. Die 'Er- 
mahnung an Hofleute' umfasst die Bll. 31a — 32b, 'Peynst om den 
ouden hont die bast' die Bll. 34b — 35b und das von mir 'Die Jahres- 
zeiten" überschriebene Gedicht die Bll. 66a — 66b. Reinier Teiles 
Dichtung von den vier Jahreszeiten 1 ) hat mit dem letztgenannten 
Werkchen nur eine geringe inhaltliche Gemeinschaft, dagegen Aehn- 
lichkeit in der äusseren Anordnung. 

Das im 15. Jh. geschriebene Ms. germ. octav. 211 besteht aus 
7 Blättern. Die ersten 6 Blätter der Hs., welche früher Meusebach 
gehörte, nimmt das Marienlied in Anspruch. Die Verse sind nicht 
abgesetzt. Das letzte Blatt enthält auf der Rectoseite einen latei- 
nischen Osterhymnus. 

I. 

Der Welt Untreue. 

Mensch, wes op dijn hoede altoes, 
Want die werelt is soe loes: 



') VgL J. te Winkel in der Tydschr. v. Ndl. taal- en letterk. 3, 169 f. 



112 

Haer genoecht is onsuverheyt, 

Haer raet is hovaerde ende ghiericheyt, 
5 Haer dienst is zoet, haer loen is cranc, 

Haer bloem is scoen, haer vrucht is stanc, 

Haer sekerheyt is verradenis, 

Haer medecijn is verghiffenis, 

Haer geloven is liegen, 
10 Haer geleesten dat is bedriegen, 

Ende voer bliscap ghift sy rou, 

Scande voer eer, boesheyt voer trou, 

Voer rijcheyt ghift sy armoede groot, 

Voer ewich leven ewich doot. 
15 edel mensch, bedenct dy wel 

Ende wes ten dienst gods snel. 

Qienstu der werelt, du blijfs bedrogen, 

Alstu mogheste sien mit dijn ogen. 

Die werelt, die viant ende dat vleysch, 
20 Als dese drie hebben haer eysch, 

Soe blijft die edel ziel verloren, 

Die god so vriendelic heeft vercoren. 

Die werelt vlie, den viant ontspringhe, 

Mit besceyde dijn vleysch bedwinge, 
25 Soe bistu behouden in dat lest. 

edel mensch, dese leere wel vest. 

n. 

ABC-Sprueh: Frauenpreis. 

Abel was die vrouwe mijn, 

Blide van herte ende mit aenschijn, 

Cläre dan die dageraet, 

Duechdelic in hären staet, 
5 Eersamich tot allen steden, 

Frisch gedaen van allen leden, 

Guetelijc in hären dinghen, 

Hoech in hären wanderingen, 

Innich inden dienst ons heren, 
10 Konstich alle dinc te leren, 

Lieflic in hären aenscouwen, 

Minlijc boven alle vrouwen, 

Neerstich tot allen goeden werken, 

Oetmoedich is sy inder kerken, 
15 Prijs heeft sy, wat sy doen sal, 

Quaetheyt scouwet sy over al, 

Reyn van leven ende van moede, 

Rechtvaerdich in allen goede, 

Sedich in spraec ende in tgelaet, 



113 

20 Stadich wair sy hene gaet, 

Trou van hande ende van monde, 

Vroet verstandet tot allen stonden, 

Wijs van rade ende van dade, 

Christus dient sy vroe ende spade, 
25 Yoechdelijc is sy gedaen, 

Zinnich int spreken ende int verstaen. 

Et sy, drinct sy, dat is in maet, 

Konstich na alle vrouwen staet, 

Tytel is sy boven alle vrouwen. 
30 Ist wonder, dat ic se mynne mit trouwen? 

III. 

Ermahnung an Hofleute. 

1. Die wil der werelt dwalinge verstaen 
Ende des hoves rasarien, 

Int cort mach hy dat lesende doergaen 
Ende dit ghedichtkijn wel doersien. 

2. AI schijntet in een droem geschiet, 
Dat hier nae volcht in corten reden, 
Ten is geen droem, diet wel doirsiet, 
Mer leringhe van salicheden. 

3. Twie gesellen die dienden ten hove, 
Sliepen op eenre tijt te samen; 

In eenre camer, als ic gelove, 
Sy haer nachtrust beyde namen. 

4. Als die nacht was over gegaen, 
Began die een mit herten te spreken 
Ende seyde den anderen, sonder waen, 
Int gemeen des hoves ghebreken. 

5. Ic en weet, sprac hy, hoe wy seilen comen 
Tot gods genaden nae desen leven; 

Nae allen scriften, die ic heb vernomen, 
Soe moeten wij an die verdomenis cleven. 

6. Wij nement altoes, ist recht, ist crom, 
Van allen canten, nyement gespaert, 

Hoe dattet comt, wij en geven niet om; 
Dit dient zeer wel ter hellen waert. 

7. Ende dat mijn zeer verwondert boven al: 
Onse raetsheeren inden rechten geleert 

Die grypen ende grapen sonder getai 
Ende willen oyc dair of zijn gheert. 

8. Die scriften, die reden hier tegens vechten, 
Die predicaren roepen inder kerken, 



II, 24: In der Hs. beginnt der Vers naturlich mit X: Xpüs. 

Niederdeutsches Jahrbuoh. XI IL 



114 



Dat onse hantyeringhe sijn teghen die rechten 
Ende der ewigher verdoemenis wercken. 

9. Alle dit nochtants aengesien, 
Soe gaen wy blindelic an die marct, 
Sonder voirdencken of sonder verinyen, 
Die een den anderen in quaetheyt starct. 

10. Wat sei ons anders hier nae geschien, 
Dan dat wij wachten die ewighe doot. 

Die wij niet en moghen ontvlien, 
AI schynen wij nu ter werelt groot. 

11. Die ander van beyden, wel meest geleert. 
Als hij dese reden hadde gehoirt, 

Was thants ter antwoirt wel gekeert 
Ende sprac een onbedachtelic woirt. 

12. Ey zwijch, sprac hij, daer staet gescreven 
In Davids souter, sonder sneven: 

God is die heer vant hemelsche leven, 
Den menschen heeft hij die aerde gegeven. 

13. Indyen dan dattet soe is gheschyet 
Ende ons die scriften alsoe bewisen, 

Soe laet ons leven sonder verdriet. 
My dunct, men seit wel mögen prysen. 

14. Mit deser antw r oirde aldus ghedaen, 
Soe sprac die ander mit lachenden monde, 
Wy moghent soe setten ende latent staen 
Mit lichter herten op zoeten gronde. 

15. Een derde man hier omtrent by was. 
Die dese matery hoerde verslaen. 

Hy sweech ende hoirdet op dat pas 
Ende dochte, het souder al anders gaen. 

16. Als hy daer nae bij eenen quam. 
Die inder gemeenten dienste oyc stonde, 
Versloech hijt hem, als hijt vernam, 

Doe sij dit spraken mit nochteren monde. 

17. Doe seyde die vierde man een wairt woirt: 
Men vint die scrift alsoe bescreven, 

Mer tvairskijn, datter meer an hoert. 
Als my dunct, is after gebleven. 

18. Daer seyt die propheet mit claren verteilen: 
Here, die doden en seilen dy niet loven 

Noch alle die geen, die dalen ter hellen, 
Mer wij, die leven, benedyen dy boven. 

19. Wat machmen lesen beter bescheyt, 
Dan ons die scrift aldaer bewijst, 

Twischen duechd ende onduechd recht onderscheyt. 
Die sonden laect, die duechden prijst. 

20. Die sondaren sijn byden doden verstaen, 



115 

Om dat sy dootlijke wercken doen, 

Die zekerlic neder ter hellen gaen 

Ende nymmermeer comen en mögen te zoen. 

21. Wat baet dan grypen ende grapen 
Ende veel goets ter werelt te garen! 

Ist dat wij in sonden ontslapen, 
Wij moeten zekerlic ter hellen varen. 

22. Ende dat die geleerde inder wet 
Gheestelic of wairlic oyc soe leven, 
Dat en ontsculdicht ons niet te bet, 
Mer tmach ons meerre dwalinc geven. 

23. Ende oyc en ist gheen oirbair te spreken 
Of enighe langhe reden te maken 

Vander groter heeren ghebreken, 
Sij seilen bij hären recht wel raken. 

24. Ons staet mit arnsten altois te poegen, 
Hoe wij ter salicheyt moghen comen. 
Hebben wij goids vrese altois voir ogen, 

Dat sei ons inder ewicheyt vromen. 
Amen. 

IV. 

Peynst omden ouden hont die bast. 

l. 

Als doude hont bast, soude men uut sien 

Opt avontuere, wat mocht geschien 

Van dinghen, daer menich luttel op geloest, 

Dat den menighen heeft genoest 

Van eren ende oic van goede mede: w 

Daer goet hoede is, daer is goet vrede. 

Maer als de dinghen sijn geschiet, 

Daer men om doghen moet verdriet 

Ende bij comen in schalkernye, 

Die te voren stonden int vrye, 

Soe en eest nyet anders dan druc en last: 

Peynst omden ouden hont die bast. 

2. 
Men mach wel seggen over waer 
Ende oec proeven int openbaer, 
Dat hij es wijs ende wel gesint. 
Die sijns seif staet bekint 
Ende pijnt te levene in selker mate, 
Alsoet behoert te sinen state, 
Naer dat hem god verleent heeft. 
Die daer buyten gaet, hij sneeft 

8* 



116 

Soe zeere, dat hem nae berout, 
Dat hij sijn hoet daer omme crout. 
Hets recht, hij hevet qualijc gepast: 
Peynst omden ouden hont die hast. 

3. 
Die tachter es ende nyet te voren, 
Hem is van node, wilt hijt hören, 
Dat hij sijn zaken soe bestelt, 
Dat hij hem niet en . . lde l ) gevelt 
Met allen eer hijt selve weet. 
Eest anders, het sal hem worden leet; 
Als hij hem wel hedincken sal. 
Alst peert verloren es, slutmen den stal; 
Dan eest te spade na mijn verstaen, 
Die ridens plach, die moet dan gaen. 
Beter eest, weert te sine dan gast: 
Peynst omden ouden hont die hast. 

4. 
Na dese werelt eest groet eere, 
Dat hem elc alsoe genere, 
Dat hem nyemant sijns en beclage 
Niet*) meer vremde dan vrienden oft maghen. 
Oec eest gode seer wel bequame, 
Ende men ghecrychter bij goeden name. 
Nen mach wel exponeren siecht 
Sonder yemande te doene . onrecht. 
Van onrechte in waren saken, 
Siet men dicke comen wraken. 
Hout u daer an wel ende vast: 
Peynst omden ouden hont die bast. 



Hi dunct my sinde van sinne blint, 

Die niet en acht upt regiment 

Van hem selven ende sinen lieden, 

Die hij mach heten ende gebieden, 

Want nyet meer dan een man sonder hoeft 

Leven en mach, my dies geloeft, 

Soe en mach een mensche staende bliven, 

Weder het sijn mannen oft wiven, 

Die niet en ledt up sijn bestier. 

Hij vint hem selven int dangier 

Micls den commer die hem an wast: 

Peynst omden ouden hont die bast. 



') vilde? — *) Hinter Niet ist man getilgt. 



117 



Ende naer dat aldus gescepen staet, 

Laet ons sceppen aisulken raet 

Ende soe toe sien tot onser bederve, 

Dat wij behouden lant ende erve, 

Ende altoes pinen ende pogen, 

Gode te payen na ons vermoghen. 

Die nyet en heeft, men gheeft hem nyet 1 ), 

Hij inoet bliven in sijn verdriet, 

Ten baet geen bidden noch gheen clagen, 

Weder het sijn vriende oft maghen. 

Dat weet hij wel, diet heeft getast: 

Peynst omden ouden hont die hast. 



Die Jahreszeiten. 

Van lusten heb ic een weynich gedieht 
Ende uwer niynnen dat toe geticht. 
Wilt ghijt in goeder mynnen ontfaen, 
Alst uut mynnen is u gedaen: 
5 Int cort geroert den loop der tijt, 
Hoe wij worden dat leven quijt! 

Die lenteu is warm, vuehtieh ende soet, 
Ende alle dinek lustelic spruten doet. 
Die joeeht die is dair bij verstaen, 
10 Thent die craften zijn ontfaen. 
Dat bloet is werm ende vol lusten 
Ende doet den jongeline seiden rüsten. 
Die sudenwint die waeyt dan fast 
Ende gift den dieren ende eruden craft. 

15 Die somer is wann ende dair toe droech, 
Want dan climmet die sonne int hoech. 
Die mensch wort man, die vruchten stereken, 
Die heete colera beginnt te wereken. 
Die oestenwint waeyt schoen ende ciaer, 

20 Des worden die dieren ende vruchten ontwair. 
Wie hem dan houden can eloec ende wijs, 
Die vergadert dan goet loff ende prijs. 

Die herfst is cout ende dair toe droech, 
Want die sonne loopt uutet hoech. 



') nyet steht hinter dem Reimwort des folgenden Verses ; der übliche Haken, 
der die aus Platzmangel nötig gewordene Versetzung andeutet, fehlt. — V, 11 — 13 
Randglosse: Ver. Adolescencia. Sanguis. — 18—20: Estas. Juventus. Colera. — 
24—26: Autumpnus. Senectus. Melancolia. 



118 

25 Dan sijn vijftich jaren geleden, 
Ende die craften minren mit reden. 
Die acker ende wijngairt ende alle boemen 
Doen alle vruchten ter schueren comen. 
Dan soe rijsen die inelancolyen, 

30 Die synnen die valien in fantasyen. 
Die riken peynsen, wair sijt seilen laten, 
Die arme soekent bij wegen ende Straten. 
Die noerdenwint die waeyt dan, 
Tgepeyns maect menich bedrucket man. 

35 Die winter is cout ende vuchtich mede, 

Want die sonne leyt dan beneden. 

Dair is die ouderdom bij verstaen, 

Als vijff ende tsestich sijn overgegaen. 

Dat bloet dat wort verwandelt in flumen, 
40 Die en willen mit arbeyt nauwelic rumen, 

Mit hoesten, mit cochen, mit noesen te drupen, 

Doer alle conduten beghinnen sij te crupen. 

Die westenwint die waeyt mit reghen, 

Het stormt ende bairt, tis al tondeghen. 
45 Och hoe wel soe is hem dan, 

Die gedocht heeft upten ouden man, 

Dat hem moghen bueren maechden ende knechten, 

Die hem dan zijn gemack berechten. 

Mer veel bet heeft hij gewrocht, 
50 Die zijn ziel dan heeft bedocht 
Ende mit oefeninge van duechden 
An god verdient die ewige vruechden. 
alre gemintste mit al mijn synnen, 
Die scheynt is uut grondigen mynnen. 

VI. 

Marienlied, 
l. 

Ave moeder, reyne maecht, 

Mijn aerme noot zy hu gheclaecht, 

Hemelsche conneghinne. 

Consciencie heift my ghcvraecht, 

Hoe verre dat mijn leven draecht 

Ten hemelschen ghewinne. 

Dit vraghen maect my so versaecht, 

So zeere bescaemt ende so verbaecht. 

Ic en weet, wat ic beghinne. 



V, 35 Hs. : wint. — 39—41 Randgl. : Yems. Senium. Flegma. 



119 

Dese worm dor mijn herte cnaecht, 
Ic bem bedorven en gheplaecht. 
Ghy en doet, dat ic bekinne 
Hu moederlicke minne. 



Maria, aldersoetste woort, 

Zoe waer dat men hu nomen hoort, 

Daer van vliet alle mesquame. 

Sviands cracht hebdi verstoort. 

Wie an hu roupt, hy vint confoort, 

Wel zoete werde name. 

My dincke, dat mijn herte seuert 

Int peisen, dat ic hebbe verbuert 

Met sondelicker blaine. 

Maria, zijt in mijn hulpe voort, 

Maect my pays ende vast acoort, 

Eer god up my vergrame, 

Want ic my voor hem scame. 

3. 
Gratia plena sonder gront 
Zidi, vrauwe, in alder stont 
Tonsen bouf vercoren. 
Soe wie van zonden es ghewont, 
By hu mach hy zijn ghesont. 
Hier toe zydi gheboren. 
Mijn aerme noot die zy hu cont, 
Hu bidt mijn herte en ooc mont, 
Als moeder wilt my hooren. 
Eist dat ghijs my niet en jont, 
AI ba voor my de werilt ront. 
Nochtan blevic verloren. 
Dit weetic wel te vooren. 

4. 
Dominus tecum talder tijt, 
Want also wel ghy met hem zijt, 
Hu wille dat es de sinne. 
Hier toe soe heift hy hu ghewijt, 
Verheven ende ghebenedijt, 
Doet ons huwe macht ansehine. 
Wie mach onstaen des viands nijt, 
Ten zy dat ghy ons bevrijt 
Met der hulpe dine. 
Maect ons nu van sonden quijt 
In dese ertsche overlijt, 



120 

Ende emmer tonsen fine 
Zijt onse medecine. 

5. 
Benedicta tu, vrauwe alleyne, 
Naest gode so helich, so en es ne gheyne, 
Versiert in hemelricke. 
Themelsche beer al ghemeyne 
Verblijt hem in hu, groot ende cleyne, 
Daer en es niement dijns ghelicke. 
soete hemelsche souvereyne, 
Ziet neder in dit dal van weyne. 
Up my die nu verzlcke. 
Ghy zijt donfarmeghe fonteyne, 
Maect my nu van zonden reyne, 
Dat my gods vrienscap blicke, 
Eer by zijn vonnes stricke. 

6. 
In mulieribus zydi soet, 
Der maecbden speghel vulder otmoet, 
Boven der zonne schone. 
Ghy hebt ghemaect om ons behoet, 
Dine moederlike borsten zoet 
Toecht huwe lieve zone, 
Bit hem, hy gaf om ons zijn bloet, 
Dat hy zijn wonden schauwen doet 
Den vader vanden troone. 
Wildi dit doen, ic bem wel vroet, 
Wy crighen pays met groter spoet, 
Brinct ons ten hooghen loone, 
Ghy zijter doch wel ghewoone. 



Et benedictus so es hy, 

En vui van zonden staen wy 

Allendeghe keytiven. 

Wie mach ons maken van zonden vry 

Dan alleyne vrauwe ghy? 

Boven alle wiven 

Ic duchte, niement zo helich en zy, 

Waer dy hem niet met troosten by, 

Hij en zoude in drucke bliven. 

Ay lacen, hoe zout dan staen met my! 

moeder, der zondaren cry, 

Wilt van my nu verdriven 

Tfiands ieghen kiven. 



121 

8. 
Fructus ventris tui, vrauwe, 
Hy heift ons bevrit van alle rauwe 
Met sinen werden bloede. 
Ast eomt dat elc zijn ordeel scauwe, 
Up rechte moederlicke trauwe 
Zijt daer in onse hoede. 
Ende als ons aerme herte flauwe, 
Met uwen zoete hemelsche dauwe 
Laeft ons, vrauwe goede. 
Rumt ons den wech, hy es te nauwe, 
Dat ons den viant niet en glauwe. 
Vrijt ons van zijnder roede 
Ende van der hellen gloede. 

9. 
Amen, dit inoete wcsen waer, 
Ende die dit scriven hier naer 
Of met den wyse lesen 
Inde werdichede van hacr, 
Die ons inden laesten vaer 
Van sonden mach ghenesen, 
Leist ave Maria een paer 
Voor hu, voor my, dats mijn begaer, 
Dats wijs te beter wesen. 
Dat jonne ons god en bringhe daer 
Daer vreucht es zonder jaer, 
Zy en mach niet zijn vulpresen, 
God zy gheloft van desen. 

BERLIN. Herman Brandes. 



Johan Statweeh. 

Im Deutschen Museum für 1777 Bd. 2 S. 326 teilte Anton, 
Gymnasialdirektor in Görlitz, mit, dass sich in seinem Besitze sechs 
Pergamentblätter mit einem altdeutschen Gedichte befänden, welches 
die Genealogie Christi behandele. Fünfzig Jahre später wies 
Spangenberg in seiner wertvollen Anzeige von Schellers Biicherkunde 
in der Allgemeinen Litteratur-Zeitung 1827 Bd. I Sp. 738 f. auf eine 
gereimte Weltchronik Job. Statwechs in einer Görlitzer Handschrift 
hin. Auf Grund dieser Angaben verzeichnete Gödeke in seinem Grund- 
risse 2 Afl. Bd. I S. 470 n. (> eine 'Genealogie Christi' und als ein 
zweites Werk S. 462 n. 38 eine 'Weltchronik in ml. Reimen'. Wie 



122 

die von Anton und Spangenberg mitgeteilten Anfangsverse zeigen, kann 
jedoch von verschiedenen Werken nicht die Rede sein, vielmehr handelt 
es sich um dieselbe Dichtung und dieselbe Handschrift. 

Der Verbleib der von Anton erwähnten Pergamentblätter ist mir 
unbekannt, die Handschriftenverzeichnisse der Görlitzer Bibliotheken 
geben keine Auskunft über dieselben. Dagegen bietet die Dresdener 
Handschrift M. 178. 4° eine im 18. Jahrh. angefertigte, aus Gottscheds 
Bibliothek stammende Abschrift. Aus der Dresdener Handschrift ist 
dann eine weitere Abschrift geflossen, die als Mscr. germ. Quart. Nr. 4 
die Königliche Bibliothek in Berlin besitzt. Die Abschriften bieten 
manche Verlesungen, vielleicht fehlt auch öfter hier und da ein ein- 
zelnes Wort, welches in Anton's Handschrift noch stand, ganze Verse 
scheinen aber nicht ausgefallen zu sein, da Spangenberg angiebt, dass 
auch die Görlitzer Handschrift 920 Zeilen enthalten habe. 

Das Gedicht ist von Spangenberg richtig als Weltchronik be- 
zeichnet worden. Aus dem Rahmen der biblischen Geschichte im 
allgemeinen nicht heraustretend, giebt es, meist kurz verzeichnend, 
selten einzelnes breiter ausführend, eine historische Übersicht bis zur 
Zeit des Tiberius. Mitunter begegnen legendarische u. a. Zusätze, 
die wohl schon in der unmittelbaren Quelle des Verfassers sich fanden: 
Adam lässt er zu Damascus geschaffen werden, Jubal soll der Erfinder 
der Briefsegen gegen Feuer und Wassernot sein, Vs. 843 ff. zeigen 
Kenntnis der Pilatuslegende. 

Nicht klar ist die Ursache der chronologischen Verwirrung in 
den ersten achtzig Versen. Cains Brudermord wird eher als die Er- 
schaffung Adams erzählt. Folgen müssten auf Vs. 6 die Verse 53 — 7s, 
dann 7 — 52. Auch scheinen Lücken den Zusammenhang zu unter- 
brechen, vergl. Vs. 67 ff. 

Das Gedicht gewinnt einiges Interesse auch dadurch, dass Namen 
und Heimat des Dichters nicht zweifelhaft sind und dieser noch als 
Verfasser eines anderen Werkes nachweisbar ist. L Johan Staturch. 
ein poppendikesch mar! wird der Verfasser der Weltchronik zu Sehlus> 
derselben genannt. Seine Mundart (mek statt rot, brockte neben brachte, 
stidde statt stede) weist auf den östlichsten Teil des rot/c-Gebietes, in 
das Flussgebiet der Ocker, Bode und des Oberlaufes der Aller, also 
in den östlichen Teil des Herzogtums Braunschweig und des angren- 
zenden Teiles der Provinz Sachsen. Die Ileimgenauigkeit, dass er 
inlautendes v nur mit t?, nie mit g, bindet, deutet für das in Betracht 
kommende Gebiet darauf, dass er westlich oder südwestlich von dem 
Laufe der Ohre und der obern Aller, also in der Gegend von Oschers- 
leben, Helmstädt oder Braunschweig zu Hause war 1 ). In der That 
lässt sich wenig nördlich von der letztgenannten Stadt, südlich von 
Gifhorn, ein Bezirk nachweisen, der heute Papenteich genannt wird 
und früher Poppendik hiess*). 

») Nd. Jahrbuch 12, 27. 

") Vgl. Sudendorts Urkimdenbuch 11 S. 363; Chroniken d. dtsch. Städte tf 
S. 3(5 n. 6. 



123 

Ausser seiner gereimten Weltchronik hat Johan Statwech noch 
eine prosaische Weltchronik hinterlassen, der ein gereimtes Vorwort 
vorangeht. Dieses und der letzte Teil der Chronik ist von Leibnitz 
in den Scriptores reram Brunsvicensium T. III, 263—276 mitgeteilt, 
*ie reicht hiernach bis zum Tode Albrechts II. von Österreich. Der 
Verfasser scheint darnach in der ersten Hälfte des 15. Jahrh. gelebt 
zu haben. 

Statwechs Reimchronik enthält nicht einen einzigen unreinen 
Reim, das ist aber auch das einzige, was an ihr als Dichtung zu loben 
ist. Es mag genügen, wenn Anfang und Ende derselben abgedruckt 
werden. 

Godde Marien unde allen hilghen to eren 

Wil ik de leygen leren, 

Dat fe feyn unde lefen, 

Wo id vor uns fy gewefen 
5 Van Adammes tyden to Cristi bort. 

Des merke duffe lere vort: 
Cayn fynen broder floych 

Van hate, den he in fynen herten droych. 

Darumme he vluchtich mofte werden, 
10 Wante he ftorf van duffer erden. 

Enoch was Cayns erfte föne, 

Eine ftat ome buwede fchone 

Unde fynes namen Enoch heyt. 

Dar he wonde unde al fyn deyt. 
15 Lamech, de erfte breker der ee, 

Myt tween wyven levede alze ve, 

De ome der fmaheyt nicht vordroyghen, 

Beyde roften unde floyghen, 

Dat he wart feyk unde blynt. 
20 He fchot Cayn unde floych dat kynt 

Unde sprak to fynen wyven do 

'Myn herte kan werden nummer vro; 

Van Kayn, den ik hebbe flaghen, 

Moyt ik feven vloyke draghen. 
25 Seven unde feventich fynt dem bereit, 

De mek wedder to dode fleyt.' 

Jabel dat erfte hoyden vant, 

Alle deir weren ome bekant 

De he den luden fcheyden leide. 
30 Dar van fyn komen alle beide. 



1 Die handschriftlichen u und v sind im Abdrucke nach heutiger Regel gesetzt. 
Für das neben vnde sich findende vnd ist stets unde wiedergegeben. — 25 den — 
27 Dem gewöhnlichen Sprachgebrauche würde erste dat hoyden hier und erste de 
immcam Vs. 33 entsprechen. 



124 



Jubal up den feyden konde fyngen 

Na fynes broders hörne klyngen; 

He vant de elften muficam; 

Unde eynen marmor to fik nani 
35 Alzo eyn boyk unde eynen breyff 

Teghen vur unde water dar yn fcreif. 

Tubalkaym de metalle vant, 

Do he de buffehe hadde braut. 

Dar he beide konde afhauwen 
40 Myt fynen hameren unde tauwen. 

Xoeina dat werkent vant. 

So nam dat gharne in de haut 

Unde alzo lange dar up dachte, 

Dat fe dat to wände brachte. 
43 Dar van de cleder komen fyn 

Dor not unde des homodes fchyn; 

So men alle daghe fut, 

Dat mennich fek fere vortut 

Unde dar uinme moyt vorfynken 
50 Unde in der helle grünt vordrynken, 

Alze duffe al in waternot 

Storven ok den eweghen dot. 

Adam to Damascene gemaket wart 

Van der erde, de god hadde vorclart, 
55 Unde Adam de clarheyt het verlorn. 

Dar umme Christus is gheborn, 

Dat we inoghen tho godde kommen. 

Adam de wart upgenommen 

Van der ftede, dar he maket was, 
60 Unde vort in des paradifes plas 

Vil drade bracht, he dar entfleyp, 

God in fyne fyden greyp 

Unde eyn ribbe dar toch ut, 

Dat makede he ora to eyner brut. 
65 Vil drade Adam dat vornam 

Unde fprak, 'dem wive fchal wefen nemet gram, 

Dit is myn vleifch unde fyn myne knoken. 

Der elderen leve wert tobroken 

Van den mannen unde wiven, 
70 De dar fchollen to hope bliven.' 

Drade dit de duvel vornam 

Unde in eyner flangen wife quam. 

Behende wort he one vorloch, 

Dat he fe dar do bevde bedroch. 



37 Tybalkaym — 61 bracht fehlt. — Nach 67 und 70 scheinen, worauf der 
unterbrochene Gedankenzusammenhang deutet, Lücken zu sein. 



125 



75 God fprak 'du heft myn bot gebroken, 

Dat fchal werden an dy gewroken. 

Du fchalt komen yn fodane not, 

Myt fwete du fchalt eten dyn brot.' 
Seth vor Abel wart ghegeven, 
80 Up dat de mynfche mochte leven. 

Wente Kayns flechte dochte nycht, 

Des was id to dem dode vorplicht. 

Enos dat erfte bede vant, 

Dar goddes torne wert midde want, 
85 Dat he de funde wel vorgheven 

Up dat de lüde moghen leven. 

Caynen tcylde Makalehel, 

Ghuder werke he dede vel, 

He levede neghenhundert iar 
90 Dar to teyne, vinde we vorwar. 

Mahalaleel Yarech teylde 

Na lxxv jaren, alzo ik meylde; 

Achtehundert xcv jar he wart olt. 

Do vel he in goddes wolt. 
95 Jarech teylde Enoch na hundert jaren 

Unde LXXII, alzo de fcrifte fyn vorvaren. 

Enoch goddes denftes plach 

Darumme one god anfach, 

Dat he ome de wiflieyt lerde, 
100 Wo he feck van den runden kerde, 

Der do was w r orden leyder vel. 

Dar umme god one brachte fnel 

In des paradifes auwe, 

Dar he is in groter rauwe 
105 Wante to antichristi tyden 

Unde en dot van ome lyden. 

He het gheteylt Matufalam, 

Van dem vort Lamech quam. 

In den tyden fchach overhur, 
110 De unkufcheyt bernde fo dat vur. 

Dar umme got dachte in synen moyt 

Unde vordorf fe myt des waters vloit. 

Noe was olt D iar, 

God do dede om openbar 
115 Dat he do mit gantzen truwen 

Scholde eyne arken buwen 

Dar he myt fynen flechte in trat, 



91 Malaleel — 92 Nach Genest* 5, 15 LXV — 9G Nach der Bibel LXIi — 
102 Die Reime erweisen brachte und brochte, vgl. brachte : dachte 625. 913. 687; 
brachte : nachte 219. 453; sochte : brochte 481. 879. — 103 pardises — 104 hen 
— 106 en] den — 117 Der Mundart des Dichters entsprechen die Dative auf -em, 



126 

God de gaf ome fulven rat. 
De duve ome de palme brachte, 
120 Drade he fek do bedachte, 
Dat he ut der arken fteych, 
Unde fek got to ome neych. 
He fprak 'nu is de ende der watersvloyt 
Vleyfch moghe gy eten ane bloyt.' 
Sem de vrigen het gelaten. 



799 Johannes Hircani Davites schat 

Mit den yoden geopent hat, 
Den fe hebben den hedene[n] gheven, 
Dat fe myt vrede mochten leven. 
Den hedenen bewifeden [sej oren vlijt, 
Doch ftunt de vrede cleyne tijt. 

805 Hyrcanum Ariftobolus beloych, 
Dar umme in Arabien vloych, 
Dar na to Pompeyo vlo, 
De one erde wedder ho. 
Craffus was eyn ghyrich man, 

810 Vele gholdes fek underwan. 

De Romere on hadden utgefant, 
Unde fcholde wynnen der Syten lant. 
He meynde, ome fcholde wol gelingen, 
Dat volk he wolde al vordryngen. 

815 Dar umme fe to hope quemen 
Unde ome vele ghudes nemen, 
Syn volk dar to fe hebben gheflaghen. 
Des den Romeren nicht konde behaghen, 
Vil drade fe one grypen leyten 

820 Und dat golt heyt in den hals gheyten. 
Se fpreken: 'Na dem gholde du bift dul, 
Des du nu fchalt drynken vul/ 
Pomponius de gaf den rat 
Den Romeren, dar he mede fat 

825 In der herfchup unde rade, 
Dat fe fcholden fenden drade 
In der bofen Joden lant, 
De fek do hadden van godde want 
Unde myt den heydenen fek verplicht; 

830 Goddes bot fe heylden nicht, 

Scheyf was or levent unde cruin, 
Se [vorjkoften do dat biffchopdum 
Vor fuluerpenninge unde gelt, 
Des armen recht dat wart vorfnelt, 



die in der Abschrift auftretenden -en wie hier in synen sind vielleicht irrige Wieder- 
gabe handschriftlicher e. 



127 



835 De fymonye was rekent nycht. 

Dar umme de Romer nennen vorplicht. 

We do meyft des gheldes gaff, 

Dem gheven fe den biffcoppesftaff 

In den tempel to Jherufalem 
840 Unde fanden dar Coniponium to prefidem. 

Duffe andern, de bir na ftan, 

Nicht merkelkes en hebben dan. 

Pylatus, van Mentze des koninges föne, 

Teylde fyn vater io myt hone 
845 To Yorcheym van des molres kynde. 

Syn levent is gewefen fwynde, 

Synen broder he drade floych; 

Dat de konning myt undult droych, 

Dar umme one to Home fände 
850 De keyfer vort in Poncien lande, 

Dar he vele gheldes kreych. 

Dar na ome de keyfer leych 

Jherufalem, der Joden ftat, 

Dar he do dat richte fat 
855 Over Jhefum, unfen got, 

Dem he dede groten fpot 

Unde leyt one den bofen Yoden, 

Dat fe one mochten doden. 

Tyberius duffe rede vornam, 
8G0 Yil drade he wart ome gram. 

He leyt on bynden unde vangen 

Unde van Jherufalem to Rome langen. 

De keyfer dachte ome pyne grot, 

Dar umme he ftak fek fulves dot. 
865 Herodes Antypas 

To Galilea eyn konning was, 

Duffe makede groten kyf 

Unde Philippo nam fyn wif. 

Dat Johannes gheftraffet hat, 
870 Dar umme fe wart ome quat 

Unde Johannem gripen leyt 

Unde fyn hovet afliauwen heyt, 

Herodes myt den fynen hadde fpot 

Over Jhefum Chriftum, unfen got, 
875 Do Pylatus on ome fände. 

Den heren he vraghede menigherhande, 

Wunder hedde he gherne feyn 

Unde eyn wit cleyt leyt ome anteyn. 

Herodes Agrippa dat lucke föchte 
880 Unde Jacobum to dem dode brochte 



849 Dar vmme he one — 850 landen — 857 Vnd heyt — 862 fangen 
57 ti herren — 878 an reyn 



128 



Unde Petrum grypen heyt. 

De engel on ut der vengniffe leyt. 

Julius Pompeyum vorwunnen hat, 

Darumme Rome de grote ftat 
885 One do eyn keyfer heyt, 

Unde den namen na fek den anderen leyt. 

Auguftus na ome ghekomen yft. 

By fynen tiden wart boren Crift 

To Betlehem, Davitis ftat. 
890 Auguftus horde Sibillen rat, 

Dat he gaf der werlde eyn bot, 

One fcholde eren nemet vor got. 

To vorne dede he menighen vordreit, 

Do he fek vor eynen god anbeden leyt. 
895 Duffe ere is ummekart, 

Do Chriftus Jliefus geboren wart. 

Eyn grot wunder do ome fchach, 

Eyne iuncfrawen he in der funnen fach, 

Up orem arme eyn kyndelyn, 
900 Unde horde, dit fchal des hymmels alter fyn. 

Dar unime de keyfer wart bekart 

Unde vorlette do fyne hovart. 

Tyberius de dridde here 

Vorkofte den yoden der prefter ere, 
905 Hysmaelem he afdreyf, 

Annas in der stidde bleyf, 

Darna Eleazar unde Symon was, 

To leften Yofippus gebeten Annas. 

Duffe Jhefum merteren heyt, 
910 Wente fyn lere dede ome vordreyt. 

God de bosheyt wolde vorftoren, 

Des Annas nicht en wolde hören 

Unde dar fo langhe up dachte, 

Dat he den heren to dode brachte. 
915 Des wil we eren fynen dot, 

Dat he uns helpe ud aller not! 
Leve frunt, les lyke! 
Van rymen was ik nicht ryke, 
Wente ik byn ut dem Poppendyke. 
Me fecit Johan 
Statwech, eyn poppendikefch man. 



886 Unde fehlt. — 893 he fehü. — 896 war — 897. 898 Diese Verse hal 
die Handschrift in umgekehrter Folge. — 898 he fehlt. — 902 vorlette — 912 en fehlt | 

BERLIN. W. Seelmann. 



129 



Der Parson of Kalenborow 
und seine niederdeutsche Quelle. 

Um dieselbe Zeit, wo der Schalk von Knittlingen sein ursprüng- 
liches Kleid auszog und von einer oberdeutschen Presse aus seinen 
eigentlichen Siegeszug antrat, ist der österreichische Schelmenpfaff 
nach Niederdeutschland gewandert und hat von dort aus sogar die 
Reise über den Kanal angetreten. Und während der ursprüngliche 
Eulenspiegel uns unwiderbringlich verloren scheint, können wir die 
Wanderungen des Pfarrers vom Kaienberge ziemlich deutlich verfolgen, 
ja aus ihren Spuren auch die Zerrüttung der oberdeutschen Über- 
lieferung aufhellen. Denn dass schon der älteste oberdeutsche Druck 
des Kalenbergers, den die Hamburger Bibliothek besitzt, uns einen 
verstümmelten Text überliefert, war spätestens seit Mantels hübschem 
Fund (Jahrb. 1875) für jeden Leser klar, und man ist nicht wenig 
überrascht, den jüngsten Herausgeber, Herrn Bobertag ! ), ausdrücklich 
versichern zu hören, dass die Überlieferung auf „zum Glück guten" 
alten Drucken beruhe. 

Von einer Übertragung des Kalenbergers in die niederdeutsche 
Sprache wusste man, seit v. d. Hagen in Veesenmeyers Bibliothek zu 
Ulm zwei Blätter des alten Druckes gesehen hatte *), dieselben, welche 
sich jetzt in der Berliner Bihliothek (Yg 3921) befinden. Allein noch 
Lappenberg 8 ) nennt die Fassung eine niederländische und dabei bleibt 
auch Bobertag, der nichts davon weiss, dass W. Mantels in unserm 
Jahrbuch 1875, S. 66 ff. zwei von ihm aufgefundene Lübecker und 
1876, S. 145 ff. ein drittes, Veesenmeyersches, Blatt des niedersäch- 
sischen Druckes publiciert und mit verständigen Bemerkungen begleitet 
hat. Es trifft sich nehmlich ungünstig, dass eines der Blätter doppelt, 
in Berlin und in Lübeck, erhalten ist: diesem Nachtheil steht aber die 
glückliche Fügung gegenüber, die uns, wie schon Mantels sah und 
sich unten noch deutlicher zeigen wird, gerade die für die Textgeschichte 
wichtigsten Stücke in die Hände spielt. Die Hoffnung, dass noch 
einmal der vollständige „Kerckhere van dem Kaienberge u auftauchen 
werde, ist nicht eben gross und darum gewinnt die englische Prosa- 
fassung, der „Parson of Kalenborow *, an Wert, die, wie sich von vorn 
herein voraussetzen lässt, aus dem Kerckheren geflossen ist. 

Auf dieses Werk ist unsere Aufmerksamkeit neuerdings wieder 
durch das vortreffliche Buch von Herford Studies in the literary rela- 

*) Kürschners Deutsche National-Litteratur Bd. 11. Narrenbuch (Berlin und 
Stuttgart o. J.) S. 3; der oberdeutsche Text des Kalenbergers ist hier S. 7 — 86 
abgedruckt: die Lücke des Hamburger Exemplars v. 655 — 734 ist aus dem Frank- 
furter Druck von 1550 ergänzt. ') Briefe in die Heimath Bd. 1 (Breslau 1818) 
S. 131. s ) üienspiegei S. 356. 

SHedmdeutaohes Jahrbuch. XIII. 9 



tions of England and Germany in the sixteenth Century (Oxford 1886) 
S. 272 — 282 hingelenkt worden. Von den englischen Zeitschriften und 
bibliographischen Werken, in denen es schon früher Erwähnung fand, 
war mir nichts zugänglich 1 ). Alle, und so auch Herford, kennen nur 
das eine leider unvollständige Exemplar des Druckes, welches die 
Bodleiana zu Oxford in der Douce Collection K. 94 besitzt. Der 
einstige Besitzer hat demselben ein paar Notizen beigegeben, aus denen 
ich die folgenden wiedergebe, ohne sie controlieren zu können: 'Here 
is very good reason for supposing that this most curious work was 
translated from the German or Flemish by Richard Arnold during 
his residence at Antwerp. I think that he niight also have translated 
the other books printed by John of Doesborowe.' Die sichern Drucke 
des Jan van Doesborch gehören zu den allergrössten Seltenheiten: in 
einer deutschen Bibliothek wird schwerlich einer von ihnen zu finden 
sein, Douce aber mag zu seiner Annahme doch wol den Grund aus 
eigener Anschauung geschöpft haben. Für Antwerpen und die Zeit 
um 1510 entscheiden sich auch andere Sachverständige: so schreibt 
mir Herr Prof. Arthur S. Napier in Oxford, dessen liebenswürdigem 
Entgegenkommen ich eine vollständige und überaus sorgfältige Abschritt 
verdanke. 

Das Oxforder Exemplar bewahrt noch 23 Blätter, die ich unten 
mit den Zahlen 3 bis 25 bezeichnet habe; das ganze bestand allem 
Anschein nach aus 5 Lagen von abwechselnd 6 und 4 Blättern, nehmlich 
A 6, B 4, C 6, D 4, E 6. In der Anwendung der Blattsignaturen 
ist der Setzer überaus liederlich gewesen, und es würde nur verwirren, 
wenn ich etwa seine Zeichen an den Rand setzen wollte. Das erste 
erhaltene Blatt bezeichnet er als C ij, das nächstfolgende in die rich- 
tige Chiffre einlenkend als A iij; mit ij aber ist das dritte Blatt der 
Lage auch bei B C E bezeichnet, während in D gar erst das vierte 
Blatt die Signatur D ij führt. 

Der englische Text setzt etwa um v. 230 der oberdeutschen 
Fassung (nach Bobertags Zählung des Hamburger Drucks) ein: da 
dürften wir für das vorausgehende immerhin zwei Blätter mit Text 
vermuten. Es hat also entweder das Titelblatt (falls der Druck ein 
solches hatte) ausserhalb der ersten Lage gestanden, oder der Eng- 
länder hat in der Einleitung, wie noch an einer andern Stelle, stärker 
gekürzt, indem er von den Studentenstreichen des spätem Pfaffen 
einiges fortliess. — Für den fehlenden Schluss (v. 2122 — 2180) reicht 
ein Blatt gut aus, auf dem sehr wol auch noch ein Holzschnitt Platz 
gehabt haben kann. Die Zahl der erhaltenen Holzschnitte beträgt 13 
gegenüber 36 des Hamburger Exemplars. Da nun auch in den er- 
haltenen niederdeutschen Fragmenten (X) nur 2 Holzschnitte gegenüber 



*) In den Typographical Antiqnities etc. by Jos Arnes .... considerably aug- 
mented by William Herbert vol. III (London 1790) p. 1531 ist das Fragment er- 
wähnt unä ein Stück daraus (Bl. 5b Our parson — 6b conutre about) abgedruckt: 
in der mir allein zugänglichen neuen Ausgabe dieses Werkes: greatly enlarged by 
the Hev. Thomas Frognall Dibdin London 1810 — 1819. 4 voll. 4° finde ich keinerlei 
Mitteilung darüber. 



131 

') der entsprechenden oberdeutschen Partien (0) stehn und von diesen 
zweien sich einer im englischen Druck (E) an gleicher Stelle findet, 
der andere sammt der Geschichte fortgefallen ist, so wird im übrigen 
die Verteilung der Holzschnitte in N der in E entsprochen haben. 

Ich halte die englische Prosa eines vollständigen Abdrucks durch- 
aus für würdig und schicke sie weiteren Erörterungen voraus. Die 
Orthographie habe ich dabei nicht geändert, nur die Abkürzungen sind 
aufgelöst, ein paar ungleichmässig gesetzte grosse Anfangsbuchstaben 
beseitigt, Trennung und Zusammenschreibung geregelt und eine deut- 
lichere, aber immer noch sparsame Inteqninction eingeführt worden. 
Die Mehrzahl der unter den Text verwiesenen Druckfehler hatte bereits 
Herr Prof. Napier als solche bezeichnet. 

Text des Parson of Kalenborow. 

(Beginnend ca. 230.) 

(3a) come to it and all oncouered in such maner that it rained in 
at euery corner, so that no man coud stände drye in it, whan it 
was foule wedder for lacke of reperacion; the whiche he with his 
subtyll maners caused to be amended in shorte tyme after of 
5 the paysans his parissheners, as herafter shalbe shewed. Cl Also 
he called vpon them for his offeringes and dymes or tythes, sainge 
to them: 4 ye must helpe to mayntaygne the temple of god, and 
dele me parte of your goodes or catell, as shepe or kyne, your 
wyfe 1 ) and your chyldren also, for I have charge of all your 
10 so wies and I must answere for you all before the face of god at 
the dredfull day of dorne/ 

(| Howe the parson be his wyles causeth the ehurehe to 
be couered. (0 242—296.) 

(3b) GTJIf^han this parson had kepte his eure a lytell whyle and 

^jtgßj se that he coude nat stand drye to do the seruyce of 

almyghty god, with a proper wyle he come to his 

15 parisshioners and sayde: 'my frendes, we shal encreas the seruice 
and honoure of almighty god, and also the place whereas the 
seruice ought to be done in; and because that therto we shold 
haue a gode beginninge*), let vs take a gode auysement and let 
vs couer our churche, and I wyll geue you choys of two thinges, 

20 whiche ye wyll do to thentent that our church may be couered, 
so that ye may stände drye to here the seruice of almighty 8 ) god, 
and I drye to do it. And I geue you choyse, whether ye wyll 
couer the body of the churche, or ellys the quere'. And*) without 
auysement takynge as gredy people answered their parson thus 



') myfe — •) begin-inge — •) almighth — *) quere and im Druck ohne jede 
Interpunctiön: hier ist vielleicht ein ganzer Satz ausgefallen, entsprechend 248 bis 
260, wo einer der Bauern seinen Dorfgenossen den Vorschlag macht, den Chor (quere) 
zu decken; dieser Satz wird wie die Rede des Pfarrers mit quere geschlossen haben, 
sodass der Ausfall aus einem Überspringen des Auges zu erklären ist. Meine Inter- 
punktion ist daher nur ein Notbehelf. 

9* 



m 

saynge: 'maister parson, we thanke you of your gode profer; yf 
ye be so content, we wyll couer the quere, because we be nat 
able to couer the body of our churche.' The parson hering this 
was right glad and saide, he was content. Thus the paysans be- 
5 gan the quere and ended it with all their dilgens, thinkynge that 
the parson sholde couer the rest; and whan they had done and 
that their quere was couered 1 ), thei asked of their parson, whan 
he wolde couer the remenant, and he answered and saide: 'my 
frendes, yf ye haue couered the quere, (&*) ye haue done 1 ) that 

10 ye ought to do, therfore be content, for I am well content. I se 
well that I shall stände drye and out of the rayne to do goddes 
seruice, and the best counsell that I can geue you is that ye 
couer vp the remenant, and than ye shall stände drye also/ The 
paysans hering this wäre meruelously angry and curssed the preste, 

15 and began to crye out vpon hyni, the one with a mischefe, the 
other with a vengeauns, the third bed the deuyll bere bim away etc. 
Thus they were all abasshed of their parsons subtyll wyles and 
yet they were fayn to couer their churche themselfe for any cost 
that the preste wolde do therto or cause to be done, for he stode 

20 drye ynough to do goddes seruice, and than he cared nat for 
them, for they cared before as lytell for hym*). 

(| Howe the paraon beshote the Clerkes eayes and the 
place whereas he sholde gytt lu the churche**). (0 399—422.) 
(^b) JTRT befell vpon a seson that the parson was very seke, 
jE so ^at he coude nouther ete uor drynke, and herof herde 
the paryssheelerke, and thoughte in hymselfe: ; I faythe 

25 our parson is so wylye, yet I wyll begyle hym ones nowe if I can/ 
and went to the parson and visyted hym, wherof the parson was 
right gladde and shewed to the clercke his disease, and the clerke 
thinkynge hymself very wyse, and answered the parson saing thus : 
'maister parson, be of gode chere, and I wyll make you a recept 

30 that shall be very gode for you, for it hathe holpen many a gode 
body. The parson this heryng thanked his clerke with all his 
harte, and than went the clerke home and made hym a recept 
of lynesede, because the parson sholde beshyte his bed; and whan 
it was made, he brought it to the parson and made him beleue 

35 that it was very costly, and bed him take it at foure a clocke 
in the mornynge, and he sholde fynde therin great ease. The 
parson dyd be the Clerkes counsell and toke this medecyne at the 
houre assigned on the mornynge folowynge. and his condicion was, 
how seke that he was, he dyd e uery daymasse, and shortly after 

40 this recept receyuinge his bely began to swelle. He thoughte no 
härme, but went to church and thought to haue (day)masse 8 ), and 

*) coured — *) done — *) Hier fehlt die ganze Geschichte von den 'Hauenr 
O 297—398 ; in N stand sie, wie Fragm. I Nd. Jahrh. I 67—69 zeigt. — **) Erhalten 
in N Fragm. II Nd. Jahrb. I 69—71. — 8 ) day abgerissen. 



133 

such a laske come vpon hym that ( 5a ) he coude nat go home, 
and incontyneiit he perceyued wel that it come of the Clerkes 
falshode, and by and by he loked for the clerkes kayes and founde 
them and all to beshote theyni, and by and by to it he must 1 ) 
5 agayn, and than he went to the clerkes seat and all to beshote it 
bothe vnder his fete and whereas he säte, and than for gladnes that 
he had yelded the clerke of all his gode wyl he was euyn hole 
and prepared hymselfe to go to masse (and dyd masse), and 
whan the masse was done, the clerke sought the kayes to shyt 

10 the churchdore agayn be the place whereas he was wont to syt, 
and in reching of his kayes he set his fote in a torde and slyppered 
with his elbowe in the other and all to arayd his handes and his 
one syde as yf xx. men had shytten vpon hym, and durst say 
nothinge for fere lest that he sholde be mocked, but gate a brome 

15 and water for to make hym and his seat clene and to wasshe 
his kayes. All this whyle the parson stode in a corner beholdynge 
the clerke that was so besy to clense away another mannes torde 
and loughe saynge to the clerke: 'nowe thou arte serued aright, 
for thou thoughtest to begyle me and I haue begyled the, and so 

20 be al they worthy that thynke to begyle another. 1 

(| Howe the parson wolde fle ouer the ryner ofTonowa. (0 423 — 594.) 
(ob) [Bild.] 

für parson of Kalenborow had wyne in his seier whiche was 
marred, and because he wold haue no losse be it, he practysed 
a wyle to be ridde of it, and caused it to be publyshed in 
many parysshens there about, that the parson of Kalenborow at a 

23 daye assigned wolde fle ouer the reuer of Tonowa froine the stepyll 
of his churche, and this he proclaymed in his owne parisshe also, 
and than he caused .ij. wynges of pecockes iedders to be made, 
and also he caused his noughty wynes to be brought vnder the 
churche stepyll whereas he sholde stände for to fle ouer the reuer, 

30 and he gaue the clerke charge of his wyne, because he sholde 
seil it well and dere to the moste profyte. Cl And whan the day 
was come that the parson (G*) sholde fle, many one come theder 
to se the maruayle, frome farre contrees, and than the parson 
went vpon the stepyll arayed lyke an angell redy for to fle, and 

35 there he flickered oftentymes with his wynges, but he stode styll. 
In the meanwhyle that the people stode so to beholde hym, 
the sonne shone hote and they had great thurste, for the preste 
dyd nat fle, and he se that and beckened to them saynge: 'ye 
good people, my tyme is nat yet to fle, but tary a whyle and ye 

±0 shall se what I shall do;' and than. the people went and dronke 
apace of this wyn that they se ther for to seil, and they dronke 
so longe, that they coude gete nomore wyne for money and cryed 
out for drynke and made great preas; and within a lytell whyle 

') mnst 



134 

after the clerke come to the parson and sayde: 'sir, your wyne is 
all solde and well payde for though there had ben more.' The 
parson beinge very gladde of this tydinges began to flicker with 
his wynges agayne, and called with a lowde voyce vnto the peple, 
5 saing: 'harke, harke, harke, is there any amonge von all that ever 
se man haue winges or fle?' There stepped one furth and sayd: 
'nay sir, nay.' The parson answered ! ) agayn and sayd: 'nor neuer 
shall be my fay. Therfor go your wayes home euerychone and 
say that ye haue dronke vp the parson of Kalenborows euyll wynes 

10 and payd for it well and truly more than euer it cost hym.' Than 
wäre the vilayns or (6b) paysauns meruelously angry, and in their 
language curssed the parson perillously, some with a myscheue 
and vengeaunce, and some sayd: 'god geue hym an hondred drouse, 
for he hathe made amonge vs many a fole and totynge ape.' But 

15 the parson cared nat for all theyr cursses. And this subtyle dede 
was spred all the countre*) about. Cl Nat far thens there dwelled 
an olde preste that enuyed this parson of Kalenborowe and that 
wolde come to hym and se hym, and thought howe he myght 
begyle hym mith a proper wyle, for the olde preste was very wyse 

20 and wolde haue argued with hym, and the parson herde of the 
olde prestes intencyon, bed hym welcome, and in shorte conclusyon 
they argued sore, but the parson helde the ouerhande, wherof 
he had great honoure. Than sayd he to the olde preste: 'thou 
grayheded fole, thou hadest ben better nat to haue argued, for 

25 thou art ouercome to thy dishonoure, for thy clargye fayleth. 
Nowe nomore of this,' sayde' the parson, 'but let vs go togeder 
and make gode chere,' and the other desyred also to assay of 
the parsons wyne. 

(| Howe the parson gaue shillynges to enery one in his parysshe 
to thentent that they sholde offer it the nezt daye at the olde 
prestis mmse Tor to begyle hym to cause him chaunge henellces. 

(0 595—711.) 
(7a) [Bild.J 

tMTan the parson of Kalenborowe parceiued that tholde preste 
v wolde abvde with hym the next day, he ymagined how to 
begyle the olde preste by some subtyll maner and wyle, and 
went to his paryssheners and commaunded them all to come the 
next daye to the hye masse vpon payn of that that may befall, 
for a straunge parson sholde do the masse, and gaue to eche of 
35 theym a shelynge for to offer at that masse and bed them be 
styll and say nothynge therof. And the people offered shillynges. 
wherof the olde preste maruayled sore, and this seynge he was 
strycken with auaryce and thought: 'offer they (7b) nowe so mocho. 
what offer they than on highe festefull dayesV and sayde to bym- 
40 seife: 'gode lorde, yf I had this benefice for myn!' And whan the 

') ansered — *) conutre. 



135 

masse was done, the parson led the olde preste to his parsonage 
with great reuerence, and there made hym gode chere, so that 
they were all mery and gladde and dronke the wyne right plen- 
teously, and alter dyner the parson asked the olde preste, what 
5 game he wolde go to, and he answered agayne sainge thus: 'maister 
parson, we be well here, take no displesurc, but what say ye to 
this: wyll ye chaunge benefyce with me, your churche for myne 
and late vs passe the tyme with suche communyeacion, incontynent? 1 
The parson of Kalenborowe was well content and therof they 

10 made a bargayn and it abode a bargain. Cl Thus 1 ) whan they 
had made gode chere togeder thre or foure dayes and dronke the 
wyne as merely and plenteously as it had bene water, and after 
all gode oberes made and gode pastymes done, than thei began 
to comon of their departynge, and so the parson of Kalenborowe 

15 departed from thens to his newe parsonage, that was moche better 
than his, and the olde preste abode at Kalenborowe, whereas he 
was lightely wery, for he se nomore the gode offerynges that he 
had sene be the other parsons tyme before his dayes, wherfore 
he was right sory and (Sa) sad that he had made suche a folysshe 

20 bargayne, and went 1 ) to his people 8 ) and demaunded of them, what 
it ment that they had offered so moche in their other parsons 4 ) 
tyme, and that they as now in his tyme offred so lytell. They 
answerd agayn and sayd: 4 sir, the shelynges that we offered here 
at your tirst commynge hether was to your abusion, for he gaue 

25 to eche of vs within this parissh twelue pens to thentent that we 
sholde offer 5 ) that in presence ofyou.' And whan the olde preste 
herde this, he cryed out: 4 alas! this fals preste hathe desceyued 
me! I wyll go to him agayne and se yf I can gete myn olde 
benetiee agayne and geue hym some lytell parcell of money to 

30 böte. 1 Whan he come to the other, he made a piteous complaint 
and sayd that he was foully desceyued, whiche was for faut of a 
lytell gode ouersight, and prayed hym to do so moche for hym 
as to chaunge 6 ) benefyce agayn with hym vpon as gode a tourne 
another tyme. The parson answered agayne and sayde: 'what 

35 say ye? I had went that ye had bene the wysest and moste 
subtyll and worste to desceyue of any olde man in all this londe 
rownde about, but wel I perceyue the contrarye in this cause, for 
ye thought to haue begyled me with your olde subtyll wyles, but 
therof I had perseuerans longe before hande. Therfor yf ye wyl 

40 haue your benefyce agayne, laye downe .xl. li. to a (&b) repentaunce, 
and I wyll tourne to myn olde home agayne with that money 
and ellys nat.' Cl The olde preste beynge very angry sayd: 4t is 
to moche, but rather than I wold abyde lenger at Kalenborowe 
amonge those vylaynes, I had leuer geue this money than to lyue 

43 in pouertye and penury, for they neuer brought me fardinge to 



') Tuhs — •) ment — a ) peole — 4 ) parsous — 6 ) öfter — •) chaunge. 



offerynge yet,' and with an angry wyll curssed hym and bände 
hym and gaue hym the .xl. pounde with many a thousande drouse 
saynge in Eis language: 'be goddes leuer hans (!), nowe may I cursse 
the tyme that euer I met with the' and so departed. And anone 
5 thys was knowen thrughout all the contre, so farre that it come 
to the bysshopes eare; of these mad toyes the bysshope maruayled 
sore, and sent for this parson of Kalenborowe for to se yf the 
reportis of hym wäre trewe. 

(| Howe the parson of Kalenborowe come to the bissbope 

and obeyed bis eommaundement 1 ). (0 712—766.) 
& a ) ^ff^Onuenytly be the eommaundement of the bysshope the 

10 Ifß which the parson wolde obey, incontynent after the 

messagers departynge he sadeled a lowe lytell mare som- 

whate hyer than thre horseloues, and so lepte he into the sadell 

and set hym on his joumey with his one fote hanginge on the 

grounde and the other as yf it had ben east ouer the sadell, and 

15 so*) come to the bysshopes courte, whereas the bysshope lened 
before the gate. And the bysshope this seynge laughed hartely 
and asked of the parson howe he come so rydinge. The parson 
answered and sayde: 'my lorde, I ryde nat.' The bisshope asked 
hym: 'howe than? goest thou onfote?' He sayde 'nay, my lorde. 

20 I come hangynge on my mare vnto your grace, the whiche shall 
auantage me but lytell saue, only that I shall gete a wyde arse 
for my labour.' The bisshope herynge this went his way and 
thought he had bene folysshe. Than sayde the gentyhnen to the 
parson: 'how spekest thou so to my lorde?' The parson answered: 

25 'be content, my gode frendes, but howe gothe my lorde thus away? 
dothe he se me for a fole? I trowe my lorde be blynde.' Than 
sayd one to hym: 'he seeth nat very well.' 'Aha!' quod the parson 
'gothe the game so, and my lorde wyll do be my counsayl, (9b) 
I wyll cause hym to se twyse better be the morninge than he 

30 dothe nowe.' Cl This was shewed vnto the bysshope, and the 
bysshope 2 ) asked hym yf he coude helpe hym, thinkynge to assay 
his connynge. The parson sayd: 'yes*), my lorde, and ye wyll do 
be my counsell and ye shall nat leue all your olde vses, but. 
reuerend 4 ) fader, you shall get som fayre creatur and lighten your 

35 nature oftentymes on her, labouringe with your plowghe in Venus 
aker, and than ye shall well pereeiue that your sight shalbe greatly 
amendyd or it be to morowe daye.' The bisshope had wende 
it had bene trewe and beleued hym well, saing: 'it is an hap what 
may helpe me.' Thus he caused a faire creature to be brought 

40 to his bedde, and dyd with hir after the counsell of the parson 
oftentymes or day and laboured sore, but or the day dyd springe 
the bysshope had laboured so sore with his fayr gentyll woman 



*) cömanndement. *) Von hier an bis 137, 5 ist die Geschichte in N Fragin. III 
erhalten: Nd. Jahrb. II 146—148. — •) byssope — •) ye — 4 ) reuernde. 



137 

that his braynes were as dasy as a gose, and sayde to her: 'my 
fayre doughter, let vs leue this medecyne, for it is somwhate to 
dangerus for me to dele with, for ye sbolde make me starke 
blynde, yf I sholde vse this medecyne longe, 1 and than he turned 
5 hym about and so toke his ease and 1 ) slept tyll it was daye. 

(10a) [Bild.] 

C| Howe the parson dyd lede the bisshope on the mornynge about 
the ehnreheyerde and thrugh hin gode medecyne the bisshope se 
•U. steples whereas stode but one. (0 707—821.) 

fX the mornynge after that the bysshope was rysen the parson 
yode vnto hym and sayd: : reuerend fader, lat vs go into the 
ayre and that shall refresshe you well after your medecyne, 
for it shal quicken your sightes, and than ye shall se whether it 

10 be amendyd or not/ Cl The bisshope therwith beinge content 
they went togeder about the ehurchyerde. Than sayd the bisshop: 
'your conninge 00b) hathe holpen me well, for yesterdaye I se here 
but one churche and one steple, and nowe I do se .ij. churches 
and .ij. steples.' 'Well, reuerend fader, wene ye that I am a foleV 

15 ye raay nowe for my connynge*) geue me a gode benetice, for I 
haue well deserued it/ Therwith the bysshope laughed hartely 
for to se howe couertly the parson coude vtter his wyles and 
falshod with folisshe fantasyes, he sholde haue holpen hym of his 
disease, and he brought hym to that poynte that he coude scant 

20 stände vpon his fete, for the dasynes of his hede. Than the 
parson was bed to dyner with the bisshope, and after dyner toke 
his leue of the bisshope and wolde haue bene gone. The bisshope 
seynge that, because he was mery and füll of madde toyse, he 
wolde nat let hym go, but sayde to hym: 'ye must abyde with 

25 me and ryde with me to all churcheholowynges and chapellis,' 
of the which wordes the parson was nothynge gladde nor well 
apayde, but thought howe that he myght brynge vnto purpose 
that he myght abyde at home. 

(| Howe the parson of Kaien bor owe gaiie money vnto the bisshope« 

lady paranionrs and prayed her to helpe hym that be myght 

byde at home. (0 822—875.) 

[IIa) [Bild.] 

fHe parson of Kalenborowe perceyuynge that the bysshope 
wolde haue hym with hym to euery churcheholowynge 8 ), 
he sought a wyle to byde at home and kepe howse with his 
seruant or wenche, for it was moste his ease, and incontynent 
he went to the bysshopes souerayne lady and prayed her, that she 
wolde helpe hym that he myght byde at home, and nat go to no 
•>') churchehalowynge : 'and I wyll gyue you a gode rewar- (M) de.' 
She answered agayne and sayd: 'that is nat in my power/ The 

l ) aud — ") cömynge — ■) -holownnge. 



138 

parson sayd: 'yes,' and sayd: 'holde here a pursse with money for 
your labour, for I knowe well, the bysshope wyll lay with you to 
night, thus I pray you to shewe nie the hour of his commyng, 
that I than may lay vnder the bed.' She answered and saide: 
5 'than come at seuen of the clocke, for eight of the clocke is hi* 
houre,' and in the uieane season she prepared the Chamber lyke 
an erthely paradyse and sett rownde about the wallis of it can- 
dellis burnynge bright against the bisshopes commyng, and at 
the houre assigned the parson come and crepte vnder the bedde 

10 in her Chamber. Whan the bisshope com, he merueyled sore to 
se this sight and asked her what it ment. 'My lorde', she saide. 
'this is for the honoure of you, for this nyght I hope ye wyll 
halowe my lytell chapel standyng benethe my nauyll in Venus 
valaye and that by and by, or ellys from hens forth I wyll shewe 

15 you no point of loue whylst I leue.' 

(| Howe the bisshope holowed the chapell whereas 
the parson lay vnder the bedde. (0 876—939.) 
(12a) [Bild.] 

fHe bysshope went to bedde with his souerayn lady and he 
fulfylled al her desyre and began to holowe her chapell to 
the best of his power. The parson laynge vnder the bedde 
herd this right well and began for to singe with a hye voyce Iyke 

20 as they do at euery churchholowynge in this maner: 'terribilis 
est locus iste etc.,' wherof the bisshop maruayled and was abasshed 
and blessed hym f^V with the signe of the holy Crosse, and 
wenynge to hym that the deuyll had bene in the Chamber and 
wolde haue coniured hym. Than spake the parson laynge vnder 

25 the bedde with grete haste saynge thus (and with that he crepte 
out): 'reuerende fader, I feie so sore to breke your conimaun- 
dement l ), that I had leuer crepe on hande and fote to fulfyll your 
mynde and wyll than to be absent at any of all . your churche- 
holowinges, and for that cause I wolde be at this chapell also.' 

30 The bysshope sayde: 'I had nat called the to be at the holowynge 
hereof, I trowe the deuyll brought the hether, get the hens out 
of my sight and come nomore to nie.' 'My lorde, I thanke you 
and also your lady paramours.' Thus went the preste on his way 
and thanked god that he was so rydde frome the bysshope, and 

35 so come home and kepte house with his fayr wenche as he was 
wont to do, the whiche was glad of his commynge home, for she 
had great disease of suche thynges as he was wonte to helpe her 
of. And some that enuyed the preste shewed the bysshop that 
he had suche a fayre wenche. And because he had layde vnder 

40 the bysshops bedde and playde hym that false touche, the bisshope 
sent a commyssion vnto hym, that vpon payne of curssinge he 
shold put awaye frome hym his yonge* lusty wenche, and to kepe 

') comaiidement. 



13» 

his house that he shold take an olde wo- (13a) man of .xl. yere 
of age, or ellys he sholde be put in pryson. The parson hering 
this made a gret inournynge eomplaynt to his wenche and said: 
; now must I wasshe and plasshe, wringe and singe and do al my 

5 besines myselfe,' wherof she gaue hym gode comforte and said: 
; the whele of fortune shall turne ones againe,' and so departed 
tbr a seson, and than he toke gode hert a grece and said to him- 
selfe: 'noforce, yet shall I begyle hym, for I wyll kepe .ij. wentches 
of .xx. yere of age, and twise .xx. maketh .xl., holde thyne owne, 

10 parson!' 

(| Here rydeth (he fornamed duehes alonge the w«ter of Kalen- 
borowe, whereas she se the parson stände shamfully wasshlnge 
with his arse totynge into the ayre, whereofshe was hälfe ashamed. 

(O 940—994.) 
[Bild.] 

( I3b ) {KOftPon a season it fortuned that the duches rode a spor- 

j Wj tynge alonge the ryuer of Kalenborowe, whereas she 

se the parson stände wasshynge, and she wyst nat what 

it was, and because that she wold knowe she sent a gentylman 

15 of hers to se what it was, and he perceyued well that it was the 
parson that stode there wasshing in the moste shamfullest maner 
that euer he sawe, and he himself was a mery gester and laughed 
apace therat and so come with a mery countenaunce to the duches 
desyringe her to come and se what it was, and she sholde laughe 

20 at it as well as he, for the parson was than more lyker a. monster 
than a cristen body. The lady whiche lysted well for to be mery 
rode towarde the wassher, and whan she come nye hande hym, 
she knewe hym well. The parson perceiuinge well that the duches 
crom to beholde hym as a man without shame, he stoped lowe 

25 with his hed for to wasshe 1 ), and his bare ars toted vp toward 
the ayre, and his frappinge galand hanged betwene his legges 
wagginge frome one syde to another, and abode styll wasshinge 
withouten shame. The lady beholdynge hym well sayde: 'fye on 
the, lewde preste! arte nat thou ashamed to stand thus here and 

: ">0 wasshe in this maner V haste thou behaued thyselfe so that thou 
canst nat gete a woman seruand to kepe 1 ) thy (Mo) house and 
wasshe thy clothes? than arte thou very lewde of thy condicions 
that none wyll byde with the, than it is pyte that thou leuest.' 
And so she departed. Whan she was come home, her lorde asked 

35 her what tydinges, and she vp and told hym all that she had sene 
of the parson of Kalenborowe, wherat they laughed meruelously 
sore and had great game and sporte all that day, and the duke 
*ayde: 'forsothe, my parson is a gode honest man,' and thus 
was the parson cause of all their gode myrth and pastyme. 



*) wasse — ■) hepe. 



140 

(| Howe the dache» denyred ljceiice of her lorde ftor to ride to 

the parson of Kalenberowes place, that she myght haue some 

pastyme, whiehe wu graunted her. (0 997—1217.) 

(Üb) (jr^He beinge glad gate her quickely on horsbacke and 1 ) sett 

Jgj her forward on her iourney; the duke seing this laughed 

apace and sayd: 'our lorde be with you, I trust my 

parson wyll receyue you worthely and entreat you very well, 1 the 

5 whiehe he had great desyre to here of. The parson herd say 

that the lady was come to visite him, wherof he was right glad 

and went with all his diligence for to niete her, and weleomed 

her right louyngly and dyd brynge her hoine vnto his parsonage, 

and by and by made a gret fyre and set a grete many of pottes 

10 about it füll of water. The duches beneide hym well and sayd: 
'sir, must ye be your owne coke to? I se you the last day wasche 
your clothis yourselfe in a right sharnful maner also, I haue 
maruayle that ye haue nat one to tende you. I pray you, teil 
me now be your fayth: haue ye no woman pärsone in this howse 

15 to do your besynes?' The parson answered and sayd: 'gracion* 
lady, it is nat longe agone that I was commaunded by the bysshope 
that I sholde put awaye fro me my yonge mayden seruant and 
take an olde woman of .xl. yere of age, whiehe lyked me right 
shrodly, and I surmysed in myselfe, that it wäre better for me 

20 to take two yonge women eehe of .xx. yere of age, for twyse .xx. 
maketh .xl., than to take an olde one that wold go coghing and 
spetting, 05a) chydinge and braulinge alwaye about the house, and 
I desyre nothinge but myrthe and sporte, for a yonge wenche 
with a mery countenaunce is a mannes erthely paradyse and a 

25 worlde füll of plesure, and an olde woman is a yonge manne* 
dethe, therfore I had leuer the yonge wenches. But alwaye whau 
there come anybody, he (!) caused the wenches to go out of the 
way for because that the bysshope shold nat (!) knowe that he did 
his worke himselfe.* 'Gode sir, I pray you, let me se your wenches 

30 or seruantes, and I geue you leue to kepe them, and I wyll answere 
for you before the bisshope.' Cl Than he called forthe his fayre 
seruantes, and through his fayre pratynges he was consented to 
kepe them, and the gode lady gaue eche of them a pece of golde 
to drink, wherof the parson thanked her. After this the duches 

35 went towarde the herth to se what gode mete the parson had to 
dyner, whereas she se a grete many of pottis füll of water and 
no mete therin. Than she sayd: 'here is shrode puruoyans towarde> 
dyner to make gode chere, me think ye forgete vs.' 'Madame.* 
he sayde, 'I had went yehad ben so wyse to haue brought mete 

40 with you and therfore I ordeyned water to dresse it with, and 
also I fered that your ladisshep wolde haue bene angry and 
disdayned my metys, yf I had brought it forthe, and that ye wolde 

») an. 



; 
i 

141 

haue asked (Mb) me, if ye had nede of my mete. Tims for to 
kepe peas and to spare the cost I haue left all thinge vndone, | 

ibr it wolde haue cost me as uioche as I wolde haue spente in a | 

yere.' The gentyll lady was noble of condicyons and toke all these ] 

5 toyse in gode worth and sayd: 'maister parson, syt downe by me | 

and let vs talke togeder.' Than sayd he: 'gracious lady, it is here I 

to colde, I wyll warme you the hote chamber and put fyre in the ' 

stewe, than may ye sitt warme;' and by and by he went to the 
churche and fetched the twelue apostels and put thein in the ouen 

10 of the stewe and brent them. Cl The noble lady perceiuynge this 
was meruelously angry and blamed the parson sore geuynge hym 
many a shrode wo nie, and sayde: 'fy on the that mocketh thus 
with almighty god! I maruayl that god taketh nat vengeaunce on 
the/ Than saide the parson: 'nay, gracyous lady, I do it for your 

15 sake because that ye sholde warme you be these olde apostels, 
for I thynke you so gode and gracious that ye wyll for these olde 
rotten peces geue vs goodly newe ymages for to chere our pore 
churche with.' The gracyous lady perceiuynge his mynde very well, 
graunted hym that he sholde cause newe ymages for to be made, 

20 and she wolde pay for them, and because he had practised that 
so properly, she gaue hym a gode rewarde for his laboure besydes, 
(16a) and thanked hym hartely of his gode plesaunt pastyme, and 
so she departed and at her comminge home she rehersed her 
noble lorde of the parson and his madde toyes, wherate he loughe 

25 right hartely and had grete game and sporte. 

[Bild.] 

() Bowe the parnon bronght *U* paysauns ') ofhis parisshe nalced 

Ut* the duke* hall before the duke and his gentls all» wherwlth 

they laghed all rlght hartely. (0 1271—1371.) 

(töi>) JJßT befell vpon a sondaye that the parson went out of the 

*4g dukes courte and founde .ij. of his paryssheoners stan- 

dynge at the gate, and he asked them what their desire 

were, and they answered and sayde: 'we wolde fayne speke with 

30 my lorde the duke, if ye wyll helpe vs that we maye speke with 
hym, we wyll deserue*) it vnto you.' The parson sayd: 'tary me 
here a lytell whyle and I wyll go loke yf the duke be within,' 
and incontynent he come ronnynge to them agayn in grete haste 
and sayd: 'hye you apase and put of your clothes quickely, for 

35 ye come neuer in better tyme, for my lorde is nowe alone in the 
hotehowse, and ye shall speke with hym or euer there come more 
Company,' wherof they were right glade ; and the parson told them 
that the duke was mylde and überall, and that they shold aske 
of hym what bowne they wolde, and he sholde graunt it them. 

40 Than sayd they to eche other: 'we wyll auenture it, för it is 



*) paysanus — *) derserue. 



142 

nouther felonye nor treason,' and the parson went into the hall 
before them, and led them with hym holdinge his peas as yf he 
had bene domme, and thus come they into the halle whereas the 
duke with many noble gentylmen säte at dyuer, wherof the pay- 
5 sauns were sore ashamed and sayd to their parson: 'helpe vs out 
agayne, for this is no hotehowse, auengeauns on 07a) the!' and 
began to swet for very pure anger and fere, whan they se theym- 
selfe naked bofore all those states and cowd nat hyde their geni- 
tories. The lordes and states laghed a gret pace to se the falshode 

10 of the parson and asked of hym what he ment, but what they 
sayde the parson was bothe domme and defe. Than saide the 
duke: 'the parson must be to daye my geste, for now the deuyll 
hathe bome away his tonge.' 'Graeyous lorde,' said one of the 
paysans than, 'we had nat went that he wolde haue serued v> 

15 thus, for we desyred hym that he wolde helpe vs to come to your 
presens and speche for suche maters as we had a do, and nat- 
thinkynge that he wolde make foles of vs, wherfore, as your 
lordship may se, god taketh vengeauns vpon hym for this shanifull 
dede that you here se.' 'Be content, my frendes,' said the duke. 

20 4 for what so euer ye desyre of me it shal fortune you.' Than 
saide the parson 'ye vilayne paysans, I tolde you before my lorde 
sholde shewe his grace vnto you, therfore nouther cursse me nor 
ban me, for ye fynde my wordes trewe, and ye haue swette as well 
as yf ye had bene in a hotehouse. , Than saide the duke: 'thanked 

25 be god that the parson can speke agayne, for thorugh his gotle 
predicacyon many a sowie shalbe broughte to heuen. The noble 
duke behelde the parson wel and loked on his fete, and spied 
that the (IM) soles feil of frome his shone all dirtye and ful of 
myre raynge the house therwith to shamfully; wherfore the duke 

30 sayd to him: 'thou arte a foule slouthful man,' and than called 
to him his stewarde 1 ) and commaunded hym to bye hym a payre 
of newe shone. The parson 1 ) answered: 'my lorde, I wyl no newe 
shone haue, but I pray you to geue him as moche as to pay for 
the clouting of these,' the whiche was graunted him with gode wyll. 

(| Howe the parson b ringeln hl» shone to the goldsmjrth 
to elout them with ailuer. (0 1372—1581.) 

35 (g^oFter that the duke had consented him to pay for the cloutinge 

^y of his shose, he went streght to the goldsmith and bargayned 

with him that he sholde ouerlay them with siluerplates and 

nayle them with siluerpynnes, and the goldsmith bed him come 

the fourthe daye after and feche them, for than they sholde be 

40 done, and that he sholde as than nat fayle to brynge with him 
for the cloutinge of his shose .xx. golde gyldons, which mouuteth 
in siluer to .xx. ounces. The preste went to the steward and 
asked him if he wold go with him to fet (18<*) out his shone, and 

*) steward-de — *) parsou. 



143 

the steward said nay, but went to his pursse and wolde haue 
geuen the parson the worthe of a grote or .vi. pens to haue 
feched out his shone, and the parson sayd: 'nay, I wyl nat haue 
that money, for it shall coste moche more, therfore come with 
5 ine yourselfe and ye shal se how they be clouted, and lowse them 
than with a peny if ye can/ Thus went the stewarde with the 
parson, that led hini to the goldsmithis hous and saide: 'maister 
stewarde, here be my shose a cloutinge.' The steward was angry 
and saide: 'wenest thou that I am blynde? here dwelleth a gold- 

10 sniith/ 'What ist than/ said the parson, 'he hath clowted my 
shone, and my lorde sent me to hym because they shold be clenly 
done to thentent that I sholde make his hall nomore fowle with 
my noughty shone; 1 and so they went into the house to se the 
shone. the which were done accordinge to the parsons mynde, 

15 wherwith the stewarde was right sore abasshed, and sayde: 'nay, 
parson, my lorde wyll nat alowe me this, thou getest no money 
of me, for of suehe shose haue I no commaundement,' and so went 
they chydinge away tili they com to the duke, which maruayled 
sore what they ment and said: 'why come ye thus chidinge? , 

20 The stewarde answered and sayde: 'my lorde, ye haue promysed 
this preste to paye for the cloutynge of his shone, and ye had 
bene better (18b) to haue geuen hym .vi. payre of newe shone, 
for 1 ) the shoecloutes alone besyde the platis aboue wayed .x. 
ounces of syluer. The parson sayd: 'my lorde, your stewarde coude 

25 do nothynge but chide, what wyll he say so moche to it? it coste 
hym nought, and it pleseth your lordship well ynough, and I am 
sure, ye be so gode and gracyous that ye wyll geue me of your 
olde caste gere a payre of hosen a doublet and a newe payre of 
shone to, for I pray dayly for your longe lyfe/ Than said the 

30 duke: 'it is reson that I paye for the cloutinge of your shone, 
and ye shall haue them feched vnto you, but ye inust dyne with 
me at nonef wherof the parson was content and gladde, and 
thought to make gode chere. tl Thus against dener the duke 
commaunded that euery body shold beinge at his table haue a 

35 trencheour layd before him saue only the parson, and that there 
shold be no more peces of mete in the dysshe than there were 
trencheours on the borde, and that euery one sittynge at the borde 
sholde take his porsyon of mete vpon his trencheour, the whiche 
commaundement was fulfylled and obeyd, and whan it came to 

40 the tynie of dener, euery man was commaunded be the vssher 
for to sit downe, and they were serued all, but the preste gate 
nothing before hym, wherat the lorde laughed and bed hiin ete 
and be of gode chere. The preste saide agayne: O^a) <I ete and 
I fast, I spare my mouth and rest my teth.' The duke spake 

45 agayne and saide: 'it is a maner in our courte that no man take 

«) foe. 



144 

mete frome others trencheours, for that a man hath on Ins tren- 
cheour it is his; I promyse you be my faith.' Thus wäre the 
disshes emtye and euery ') one had mete ynoughe saue only the preste, 
whiche säte and loked on euery syde lyke a fole and saide: 'I wolde 
5 I wäre at home be my wenche now, for she sholde fyll my bely 
with some gode metis; I se well here: the füll bely knoweth nat 
what the hongry ayleth.' The duches seinge this laughed a grete 
pace and said to him: 'sir parson, as ye serue other so be ye 
serued 2 ). Cl And thus they passed their dener with moche gode 

10 laughinges and sportis. Cl With that come in the goldesmythe 
and brought with hym the shone. Than saide the duke to him: 
'maister, who lerned you forto clowte shone in this maner?' He 
answered and saide: 4 the preste, my lorde/ 'Well, geue them him, 
ye shalbe payde/ Than he dyd them on and went galantly and 

15 loked on his shone; than saide the lady: 'the parson is nowe a 
gaye man with his shoes.' The parson answered and sayde: 'gode 
lady, it was great nede, for I go oftentymes 8 ) betwene Kalenborowe 
and your court and were many shone. 1 But sportinge and gestinge 
the preste gate what he wolde and so toke his leue and thought 

20 alwaye (19b) howe the duke had sayde: 'what a man hathe on Ins 
trencheour is his owne' and here vpon ymagined a wyle and caused 
a trencheour to be made, brode ynough to set an horse with his 
foure fete vpon it standynge. 

(| Howe the parson brought the dukes horse vpon bis 
trencheour. (0 1582—1672.) 
[Bild.] 
(20a) ftTifK'Pon a season it befeil that the duke wolde ryde a spor- 

25 1 W I tynge, and caused his Company to make them redy and 

his hors for to be sadeled, wherof the parson had 
knowlege lightely and brought with him to courte his brode tren- 
cheour and layde it downe vpon the grounde and shyfted so that 
he gate the dukes horse vpon it. And whan the duke come fortlie. 

30 he salewed hym, and the duke bed him welcome and asked hym 
what tydinges, and he saide againe: 'I knowe nothing but gode. 
but my lorde, remember ye well, whan I was your geste, that ye 
saide: what a man had on his trencheour that was his owneV* 
and the duke saide: 'ye, what I saide shall stände/ Than saide 

35 the parson: 'o noble lorde, alwaye must your worde stände in suche 
eftect; nowe, gracious lorde, loke what Fortune hathe geuen nie 
vpon my trencheour. I trust no man shall drawe it nor take it 
frome me. 1 ; Xo' saide the lorde and therwith he laughed, 'but ye 
must nedis lende it me teil I come home againe frome huntynge. 

40 and than I wyll geue you another that shall be more prestelyer 
than this, for this is not for no prestes flesshe to sit on, and 
specially whan the wyne is in your 4 ) brayne, for if ye sholde sit 



pcuiaiij wuuii tue wjriitr i» in jruui ) umy 
*) eury — ■) seraed — ■) ofentimes — 4 ) you. 



145 

than vpon hym, without dout ye shold fall/ Thus he gat an esy 
hors of the duke to ryde vpon as it semed, for he com after that 
(20b) rydinge in a dongecarte vpon it, as hereafter is shewed, 
and than caused he his trencheour to be borne home agayne, and 
5 by and by he come to the duke and desyred hym to geue hym 
forage for his horse. The noble duke saide: 'bring a sacke and 
feche otes for thy horse, and lat nat thy sack be to smal.' The 
parson was wyly and fisshed on his praye, and come home and 
toke a gret hopsacke and layd it on his cart and come so rydinge 

10 to the court that all the people wondred to se him so. Than he 
lighted frome the carte and toke his sacke in his armes and went 
streight to the dukes prouydour and bed him in the dukes name 
to fyll his sacke with otes. The prouydour beholdinge this grete 
sacke said vnto him: 'thou mad preste, wenest thou that my lorde 

15 wyll alow the that? nay, hardely nor nought getest of me, but 
if thou wylt haue it füll of haye, that wyll I geue the. The preste 
saide: 'naye, I am no fole, geue nat me no chaffe for cheshe, for 
my lorde promysed me otes.' Than thought the prouidour: this 
preste wyll begyle me, and so he went to the duke and tolde hym 

20 of the prestes subtill wyle, wherwith the duke laghed füll hartely, 
and sayd : 'god geue hym sorowe, fyll hym his sacke and let hym 
go, for he is to false l ) for vs all.' And thus gate he bothe horse 
and horsmete and so went home agayne. 

(21a) [Bild.] 

(| Howe the parson come to court In m dongeeart 
rydinge on hl» horse. (0 1673—1766.) 

fT befeil vpon a shroftyde that the noble duke wold be mery 
to reioyce his lordes and ladyes and all his housholde, and 
because they sholde be the more meryer, he sent for the 
parson of Kalenborowe that he shold come in his courtliest maner 
vnto the courte. He heringe this obeyed the dukes commaun- 
dement and made hym redy in this maner. He caused a donge- 

30 carte for to be broughte forthe and horses for to drawe it, and 
his owne hors aboue in the carte, and he himselfe vpon his hors 
backe and come to the court in presence (21b) of the duke and 
al the states which bad him hartely welcome, and all the people 
had gret maruayle of the parsons mad toyes and his folisshe 

35 fantasies. Than rode the duke a huntinge with all his lordes and 
ladyes, and the parson folowed after in his dongecart, wherat 
they had all grete game and sporte. Than came the duches and 
she bed him welcome also, and he thanked her right hartely. She 
saide again: 'ye be verely a wonders courtyer, as euer we se in 

40 our dayes.' The parson said: 'gracious lady, I can no skyll of 
your courte nor courtmaners, but this is the maner of my court, 



») falce. 

Hi4d«rde«techei Jahrbuch, im. 10 



146 

tlierfore take my gode w'yll a worthe.' Than laghed the lady and 
said: 'ye haue done very well;' and thus in the chase they had 
right gode game and amonge them there was slayne .ij. hertes 
that day, wherof the duke and his nohle Company were glad and 
5 so they sped them homwarde agayn. And than the duke thanked 
the parson and saide vnto him: 'thus, my parson, it shall auayle 
you and be to your grete profyte that ye come to our court so 
manerly after your courtfacyon, if that I lyue. 

(| Hone. üfj. of the duke« eourte rode to the parson« place where- 
a« they were shanifully dlacejued. (0 1767—1908.) 
(22a) [Bild.] 

PPW?Pon a tyme it befel that the duke sent out .iiij. of his gen- 

10 nVi tylmen on his besines, and in their retourne as they come 

homwardes, they wold visyte the parson of Kalenborow, 

and so com to his house somwhat late in the night and the 

parson receyued them right well and sayde: 'gode gentylmen, fro 

whens come ye thus late?' They answered and sayd, vpon their 

15 lordes besynes: 'and our horses be very wery, wherfore nowe we 
entende for to tary with you all this night;' and the parson said 
to them: 'ye be welcom' and made them gode ehere, and made 
them so dronke that thei knew nat themselfe and than he tolde 
them that he wold (22b) go to bed and bad theim take their 

20 plesure and sit as longe as they lyst, and shewed them their beddis 
and bad them gode night, for he must nedis do masse on the 
morow r e. And so departed from them and wayted his tyme tyll 
they were abed for to do them a shrode turne, and within a whi- 
te they went to bed and slept lyke dronken swine, and than the 

25 preste com to loke yf they were aslepe, and spyed that they 
slept so fast that it was nat well possible to waken them, and 
he se that and to go as fast as he coud and warmed a gret dele 
of thicke wynelyes and went therwith vnto their bed and lifted 
vp the couering and flapped their arses füll of those lyes or dregges. 

30 as if they had shytten in their bed, and so went fro thens into 
the stable and toke out their horses that were goodly and lusty 
to ride vpon, and in stede of them he set in .iiij. lene trottynge 
maris, and than he went to bedde as of nothinge knowing. And 
within a white after one of them wakened and feit his felowes 

35 arse in his läppe all beshitten, wherwith he cryed out and saide: 
'fye for shame! man knowest thou nat the mesure of thy bely 
but that thou must shyte in thy bedde? awake for shame!' And 
therwith he wakened and turned hym about and so cast his arme 
ouer his felow and founde him so beshitten to, that all the bed 

40 was arayd with shere dirt so shamfully that all (23a) they wondred 
on eche other and made a fowle noyse, wherwith they in the other 
bedde awakened and founde themselfe bothe so shamfully beshitten 



147 

that they were ashamed eche of other and cryed out vpon eche 
other, sainge : 'this is a shamfull rebuke for vs all as euer fortuned 
vs, that we haue bene so well entreted and through our dronkenes 
that we haue done so vilanously more lyker caytifs than gentylinen, 
5 whiche is to our great rebuke and dishonour.' 'But what remedy?' 
saide the one. 'I can nat 1 ) teil' said the other. 'Nor V saide 
the thirde. 'I wolde we were frome hens' said the fourth 'with 
hälfe our onestye, but the best therof is this: we come hether be 
darke night and it is best that we departe or it be day, for than 

10 the preste shall haue no parfyte kno wiege what we be, for without 
dout, if he know vs, we be shamed for euer, for the deuyll brought 
vs to this shame; lat vs aray vs quickely and gete vs out be the 
darke or euer the parson be vp, and let vs chyde nomore for this 
beshitten mater.' And incontinent they rose vp in haste withouten 

15 lyght and went darklonge into the stable and sadeled their horses 
and went to the parsons chamberdore and toke leue of him, and 
so they rode a grete whyle or it was day, and whan the day 
apered, one of them spyed and saide to his felowe: 'what me 
thinke ye ryde on an olde scald mare that ha- (23b) the drawen 

20 .vij. yere in the plough.' The other said agayne: 'thou lyest be 
goddes blest, thou haste beshit thy bed as well as I and yet thou 
wylt mocke and scorne with me. 1 Another saide: 'thou haste 
stolen the parsons horse,' and with that they loked eche vpon 
other: 'my frendes, let vs stände styll a whyle and beholde eche 

25 others hors wel, for me thinke we be begyled;' and so they percei- 
ued all that they rode vpon plowemares and said to eche other: 
'the deuyl brought vs on the preste, for because we haue beshit 
his beddes we must ryde vpon these rotten iadis.' And thus thei 
rode complayninge eche to other, but to nobody ellis for very 

30 pure shame. 

(| Howe that the paiaans wolde bye no erossebaner, and 
therfor they folowed the par»on» breche. (0 1909—1974.) 

[BML] 

(24a) j|ryr fortuned in the rogacion dayes that the parson wolde 

*4ß that all the crosses sholde haue baners, and there wäre 

none in his churche. Than hanged he one of his olde 

breches vpon a crossestaffe and his parissheners folowed it, of 

35 the which thei were sore abasshed and went to theyr parson and 

sayde: 'ye do vs grete shame, if ye lacke ought speke to vs and 

it shalbe prouyded,' and than they caused baners to be made 

and vestimentis, copes, chalices, bokes, and al other ornamentis 

to the churche belonginge, wherof the parson praysed them sore, 

40 and saide, so doinge they sholde be beloued of almighty god, and 

euer after thei dyd the commaundeinent of their gode parson. 

*) uat 

10* 



148 

C] Howe the parson kept kyne in the felde. (0 1975—2039.) 

[Bild.] 

(24b) ' ÄDffilY welbeloued bretheren and sistren, in many vilages 

ffljjlfj'l here about it is a costomable vse that they haue a 

common herdman to kepe their bestes, the whiche is 

rewarded of them all in generali, but we in our parisshe must 

5 kepe our bestes be course, as nowe one and than another and 

no man fauoured, wherfor I wolde we sholde hire one amonge vs 

al and that euery man payd alike moche towardes bis hyre.' But 

for all the parsons counsell the vilains wolde none of that, and 

at the last it feil to the parsons lotte that he sholde kepe the 

10 bestes afelde, and was warned of the baylif ouer night, that he 
sholde kepe the bestes on the morow, wherwith the parson was 
rery angry in himselfe, that they wolde nat honoure the sacrament 
of presthode, but made of a preste a kowherde. He commaunded 
his seruant to gader and assemble all the kyne of the parisshe 

15 and to leue none at home, but to bring them all on the churche- 
yarde syde against that the masse wäre done. And his commaun- 
dement was obeyed, and thus whan his masse was done, in the 
same and seife ornamentis and in the same maner as he did masse 
in, so come he streght frome the auter and went to dryue the 

20 kyne and bestes afelde with a litell bell hanginge on his backe 
and a staffe in his one hande, and a whippe in the other band 
(2oa) singynge with a lowde voyce: 4 ego suni pastor bonus,' that 
is to say 'I am a gode herder/ Whan the paysans herde hym 
thus come singynge, and the lytell bell thus ringinge, all that was 

25 in the village come ronninge out, wenynge that it had bene the 
sacrament coming, but it was their parson that went thorugh 
thicke and thinne with the ornamentis on his backe, wherwith his 
parissheners were angry and sayde: 'our parson is madde, wher- 
fore destroyeth he our churcheornamentis thus?' 

(| Howe the baylif com with the charehewardens iiito the felde 

whereas the parson kept the bestes« and there they asked hint 

why he marred the ehnrehiewellis. (0 2040—2121.) 

[Bild] 

30 (25b) Qjnijf^Han the parissheners se in the felde this onresonable 

cjtwj dede of their parson, thei made a grete complaint to 

the baylif and iustice, sainge that the parson did gret 

outrage, wherwith they were all right wroth, and the baylif, iustice 

and comons went all to the parson in the feldes, whereas he was 

35 kepynge of theyr kyne. And whan they come at him, they asked 
hym why he destroyed their ornamentis so lewdly. He answered 
and saide: 'is it against your wyll? and doth it nat plese youV* 
They saide againe: 'no, we be nat content therwith/ Than saide 
the parson to theym thus: 'my dere frendes, ye shal vnderstande 

40 one thinge, that I am and must be a gostly herdman and keper 



149 

of your pore soules, and I ought for to be in my churche and 
say my seruice, and nat to be in the fclde kepinge of your bestes, 
and I wyll vse you to knowe me for a presto, and that you and 
all they that go be the waye shall se that I arae a preste be 
5 myn araye, to thentent that the sacrament of presteliod shold be 
honoured.' Than saide they euerichone: 'sir, for the loue of god 
forgeue it vs and from hensforth there shall neuer preste be put 
to so disonest an office in this parisshe, 1 and prayed hym that 
they might lyue togeder with eche other in loue and pece, as they 
10 did many yeres under the lawes of almyghty god and after that 
he changed benetice for another. 

[Der Schluss = O 2122—2180 fehlt im Oxforder Exemplar.] 



Ich gebe nun einen Überblick über das, was wir unter Heran- 
ziehung der englischen Prosa für die Textgeschichte der deutschen 
Dichtung ermitteln können. 

Gleich das erste, was von E erhalten ist, scheint eine vollstän- 
digere Darstellung vorauszusetzen, als in bewahrt erscheint. In E 
wird erzählt, wie der Pfarrer beim Antritt seiner Stelle die Kirche 
verwahrlost, mit schadhaftem Dache vorfindet, wie er sich seine Bauern 
nutzbar macht und sie schliesslich auch durch List dazu bringt, den 
Chor zu decken. Für die Zeilen 131, 1 — 5 findet sich in nichts 
entsprechendes, und eben so wenig für 12 — 15; wir erfahren hier von 
dem übelen Zustand des Gotteshauses erst aus einer Predigt des 
Pfarrers (v. 242 ff. das man das gotzhauß decken sd), und zwar ist 
diese erste Erwähnung so ungeschickt wie möglich. Wenn wir nun 
bei E sonst das durchgängige Bestreben wahrnehmen, zu kürzen und 
zusammenzuziehen, wenn es 140, 1 die Überschrift als zum Faden der 
Erzählung gehörig auffasst, 148, 1 auf eine erzählende Einleitung ver- 
zichtet und uns überlässt, die Situation aus den Worten des Pfarrers 
zu erkennen, so ist es völlig unglaublich, dass der Engländer hier 
selbständig die Darstellung erweitert habe. Wir werden vielmehr die 
Fassung von als das Resultat einer Kürzung ansehen. 

Dass zu Kürzungen hinneigte und auch vor ziemlich gewalt- 
samen nicht zurückschreckte, das zeigt am deutlichsten die erste Be- 
gegnung des Pfarrers mit dem Bischof 712 — 718 gegenüber E 136, 
9 — 26. Die Situation ist hier in völlig unverständlich: alles, w r as 
E 136, 10 — 22 erzählt wird, ist in dem Vers 713 er lcam geritten und 
gegangen zusammengefasst, und ebenso rätselhaft kommen dann die 
Worte des Pfarrers heraus: ich mein, mein herr sei plindt v. 716. In 
E dagegen ist alles klar: der Pfarrer kommt 'geritten', indem er auf 
einem kleinen Pferde sitzt und den einen Fuss cast over the sadell hält, 
gegangen', indem er den andern Fuss die Erde berühren lässt. Und 
nun entspinnt sich das Gespräch 17 ff., welches uns auch in N Fragm. III 
erhalten ist, in aber gänzlich fehlt, und an dessen Schluss der 
Pfarrer ein scheinbares Recht zu der Frage hat: 'ist denn der Bischof 



150 

blind?' — Es ist durchaus nicht zu erkennen, was anders als Raum- 
ersparnis veranlasst haben kann, mit dem überlieferten Texte so 
rücksichtslos umzugehn. 

Aber freilich, hat ein merkwürdiges Talent, die Pointen zu 
verwischen. Ein zweites Beispiel dafür ist der Schwank mit dem 
Mistwagen v. 1680 ff. Nach lässt hier der Herzog dem Pfarrer 
sagen: es wer im lieb do oder leidt, das er mit im rit an das jeidt gar 
balde do in dreien tagen. Darauf belädt der Pfarrer einen Wagen mit 
Mist und lässt sich hoch zu Ross auf diesem Mistwagen zu Hofe 
fahren, wo er die grösste Heiterkeit erregt. Worin liegt hier der 
Witz? Der Text E hilft uns auf die Spur: hier 145, 27 entbietet der 
Herzog dem Pfaffen: that he shold come in his courtliest maner, und 
darauf liegt der Nachdruck. Der Herzog hat befohlen, der Pfarrer 
soll nach seiner 'besten hoffweis' kommen, und darauf erscheint dieser 
auf einem Misthaufen: das ist seine 'HofweiseM Es ist denn auch in 
wiederholt die Anspielung auf jene von uns erschlossene Fassung 
der Botschaft bewahrt: v. 1695 f. des wil ich im gehorsam sein und 
sehen lan die hoffweiß mein, v. 1716 f. dort kumpt der pfarrer fnein 
mit seiner hoffweiß her geritten u. s. w. Nur gerade an der entschei- 
denden Stelle, in der Aufforderung selbst, ist die 'hoffweis' fortgeblieben. 

Ähnlichen Unklarheiten begegnen wir in noch mehrfach, aber 
bei der knappen Fassung von E lassen sich nicht alle Schwierigkeiten 
von hier aus lösen; die Erörterung jeder einzelnen würde zu weit 
fuhren und in den Rahmen dieses Jahrbuchs nicht hineinpassen. 

Im grossen und ganzen gewinnen wir aus E unter Vergleichung 
der Fragmente von N die Überzeugung, dass der niederdeutsche 
Text nach einer bessern hochdeutschen Fassung, als sie uns überliefert 
ist, treu und gewissenhaft übertragen wurde. Selbständig verfuhr der 
Bearbeiter N nur einer Geschichte gegenüber, dem schmutzigen Schwank 
von der Verunreinigung der Kirche: 399 — 422 — - N Fragm. II = 
E 132, 22—133, 20. Freilich wollte Mantels Jahrb. I 69 gerade hier 
dem nd. Texte die Ursprünglichkeit zusprechen, aber aus N selbst lässt 
sich das Gegenteil beweisen. Zunächst trifft M.'s Vermutung, dass 
der schnöde Streich des Küsters in N nur Revanche für eine voraus- 
gegangene 'Schalkheit' des Pfarrers und dass mithin zwischen den 
Fragmenten N I und II nicht 1, sondern 2 Blätter ausgefallen seien, 
nicht zu: E, welches im ganzen auch hier durchaus N folgt, zeigt im 
Eingang des Schwanks nichts, was über hinausweist, folglich können 
auch* in N nur wenige Verse, entsprechend E 132, 22 — 25, unserm 
Fragment II vorausgegangen sein. 

Wir haben nun in N (E) einerseits und anderseits zwei ganz 
verschiedene Geschichten: in entleert sich der Pfarrer während der 
Predigt eines Linsengerichts, das er am Abend vorher gegessen und 
weiss dies Misgeschick mit viel Humor zu ertragen; in N ist ihm 
dieser Linsenbrei von dem Küster boshafter Weise als ein Abfuhrmittel 
beigebracht und der Pfarrer, der dies merkt, nimmt eine entsprechende 
Rache. Ein Linsenbrei abführend?! Ja, so steht es in N, und zwar 



151 

obwol vorher ein wyt ptdment van manddn und van anderen kruden 
angekündigt war! Hier sieht man deutlich, wie N geändert hat, aber 
so oberflächlich, dass er einen Widerspruch und eine Unwahrschein- 
lichkeit hineinbrachte, die erst E durch eine glückliche Besserung 
( ; Conjectur'j beseitigte: bei ihm handelt es sich um a recept oflynesede. 

Diese Geschichte also ist von N nicht ins niederdeutsche umge- 
schrieben, sondern so gut wie vollständig neu gereimt worden: das 
beweisen evident auch die Reime. Während das Fragment I eine grosse 
Anzahl oberdeutscher Reime sprachwidrig beibehält, ist in unserm 
Fragm. II erstens nur ein einziger Reim mit einem der oberdeutschen 
Fassung identisch (lanck : sanck) und zweitens ist fast die Hälfte der 
Reime, sei es rein niederdeutschen Charakters, sei es derart, dass sie 
wenigstens für den bairischen Kalenberger unmöglich sind. Wir haben 
da: my im Reime st. mir, vro : thö (eü), raken : maken, 2 mal doen : 
loen (thün : Ion), Maßen : hoßen (blasen : hosen), dö : thö (zu), van:staen, 
nicht : dicht (Kai. stets nü) 9 ghevlegen : dreghen, aldär : apenbaer. Dazu 
kommen noch die im Reime stehenden nd. Wörter und Wendungen, 
welche nicht nur unserer Fassung 0, sondern dem obd. Werke über- 
haupt abgesprochen werden dürfen: ghebreken (st. gebrest), wellen (st. 
wallen), arstedye : mangelye, glijden, sunder wän. Ein oberdeutscher 
Reim findet sich nicht. 

Ist nun der niederdeutsche Schwank sicher nicht ursprünglich, 
so bleiben doch gleichwol auch gegen die Fassung von entschiedene 
Bedenken, die sich aber lediglich auö Kürzungen erklären lassen. Die 
Verse 405 — 407 Indem erlengt sich die predig, do wurden linßen in im 
ledig, czu den er sprach: ^get seinsing auß' sind zwar wolverständlich, 
aber von einer Knappheit, die einer Überschrift würdig wäre. 

Diese Beispiele mögen genügen, um das Verhältnis der einzelnen 
Fassungen zu erläutern und den Nutzen von E zur Beurteilung dieses 
Verhältnisses ins Licht zu stellen. Überall, wo N von abweicht, 
tritt ihm E zur Seite, und da dies auch in der letztbehandelten Ge- 
schichte, einer Neudichtung von N, der Fall ist, so schwindet damit 
jeder Zweifel, dass wir in E wirklich eine Bearbeitung von N, nicht 
etwa eine Ableitung aus der gleichen Quelle, vor uns haben. 

Was hatte nun N für eine Vorlage? Die gesammte uns zugäng- 
liche oberdeutsche Überlieferung scheint auf jenen Druck zurückzugehn, 
den wir eben nur aus dem Hamburger Exemplar kennen. Ihm folgt 
mit kleinen Freiheiten die Frankfurter Ausgabe von 1550 und diese 
wieder scheint die Vorlage aller späteren zu sein: jedesfalls geht die 
Augsbiirger von 1602 auf sie zurück und ebenso die o. 0. 1620 er- 
schienene, welche v. d. Hagen in seinem Narrenbuch abdruckte. 

Jener älteste Druck ist ein Nürnberger Presserzeugnis, das zeigt 
schon die bairische Orthographie deutlich an. Den Drucker namentlich 
zu bestimmen ist mir trotz vielen Bemühungen nicht möglich gewesen, 
immerhin kann ich ein zweites, datiertes Werk nachweisen, das aus 
derselben Druckerei hervorgegangen ist. Es ist dies das bei Panzer 
Annalen I 190 als Nr. 318 besprochene Buch Mobilia Rome urbis, 



152 

dem leider im Berliner Exemplar (Rr 4388) der Titel fehlt. Der be- 
druckte Raum des auffallend kleinen, sehr selten vorkommenden Octav- 
formats ist aufs Haar der gleiche, das Papier und die Letternformen 
sind dieselben, und da dies Buch laut Schlussschrift zu Nürnberg 1491 
gedruckt ist, so wird man auch dem Hamburger Exemplar unseres 
Kalenbergers in Klammer künftig beifügen dürfen (Nürnberg ca. 1490). 

Von diesem Druck und seiner ganzen Familie unterschied sich 
also die Vorlage von N zu ihrem unleugbaren Vorteil. War diese 
Vorlage deshalb eine Handschrift? Wahrscheinlich ist dies von vorn 
herein nicht, und nötig ist es auch nicht. Gödeke Grundr. I 1 344 
hat nehmlich auf das einstige Vorhandensein einer Strassburger Aus- 
gabe des Pfarrers hingewiesen. Die Strassburger Eulenspiegel-Aus- 
gaben von 1515 und 1519, die auf eine ältere des gleichen, Griininger- 
schen Verlags (ca. 1510) zurückgehn, weisen zur 12. Historie eine 
Blustration auf, welche gar nicht zu dem betr. Schwank passt, wol 
aber zu der Geschichte des Kalenbergers 399—422 (E 132, 21 bis 
133, 20; N Fragm. H): der Küster ist beschäftigt, ein Häuflein Unrat 
aus der Nähe des Altars hinwegzufegen. Die Vergleichung dieser 
Strassburger Eulenspiegelillustration mit dem entsprechenden Bilde 
des Nürnberger Kalenbergers ergibt in der Auffassung der Situation 
eine unleugbare Verwandtschaft. Es ist nun viel wahrscheinlicher, 
dass hier ein Holzstock des gleichen oder eines befreundeten Strass- 
burger Verlages bequeme Verwendung fand, als dass man einen un- 
passenden Holzschnitt eines auswärtigen Verlagswerks gedankenlos 
nachgeahmt habe: die Ausführung ist durchaus selbständig. 

In Strassburg treffen wir ja auch die frühste litterarische Er- 
wähnung des Kalenbergers im Narrenschiff Seb. Brants (1494) c. 72, 
v. 24; hier liebt es Thom. Murner, auf ihn hinzuweisen (Narren- 
beschwörung 19, 128. 38a) und aus ihm zu citieren (5, 191), ohne dass 
er ihn nennt; hier hat der Bearbeiter des Eulenspiegel schliesslich ihn 
zur Erweiterung seiner Vorlage benutzt. 

Gab es also (wie vom Bruder Rausch) neben der Nürnberger 
noch eine Strassburger Druckversion, so mag es diese gewesen sein, 
welche dem niederdeutschen Bearbeiter vorlag. 

BERLIN. Edward Schröder. 



15S 



Friesische Ortsnamen und deren urkundlich nachweisbare 
oder muthmasslich älteste Form. 

Bern.: Im Chronicoii Moissiacensc und in der Vita AVillchadi (s. MG. 1, 298; 

2, 383) ist berichtet, dass der Bremer Diöce&e von König Karl übergeben seien 

die Pagi Wigmodia Riustri, Asterga, Lara (d. i. Leer), sowie Nordendi (Norden und 

Harlingerland) und Wanga*). 

I. im alten Gau Rttstringen. 

Anm. 8. v. Richthof en' 8 Untersuchungen II, 1239 seq., Einhards Jahrb. anno 
793 und 826 Hriustri-Gau, sodann auch Laurent zu Anskar's Leben des heil Willchad 
Seite 9 und 10 wegen Ut- und Up-riustri. Zum Namen Rüstringen cf. an. hriostr 
faspretum) und Weiteres bei mir unter hörst, sowie bei Ehrentr. fries. Archiv, II, 
268 in der Note. 

1. Lanrtvarden, älter Lougoworthe, bz. Langonwurdh. (Fr. Nr. 171.) 

2. Bnrhave, älter Bir-, bz. Byrhove, d. i. Hof zu Byre oder Bure, cf. Bur (Dorf, 

Ansiedelung etc.) in Ortsn. Vietorbur etc. 

3. Waddens, früher Waddensze, älter Waddinke und Waddiuge. 

4. Blextn, früher Blckkcce, älter Pletcates-hem. 

5. Abbehansen, früher Ubbahuscn (v. Ubba, bz. Ubbo?). 

6. ToKHens, früher Toszenzen, Toscnsen, Tosinse, Tosinsze etc., alter Tosinge. 

7. Eekwarden, früher Egwort, d. i. wohl = älterm Eggc-wurdh. 

8. Heppens, früher Heppensze = älterm Heppingc (v. Heppo V). 

9. Atens, früher Atensze = älterm Atinge (v. Ate V). 

10. Inte, früher Innede. 

II. Rodden«, früher Rodense, älter Rodinge. 

12. Esenshamm, früher Esemessam, älter Esraundeshem. 

11. im Lande Wursten od. dem alten Wurthsetena-lond. (Richth. II, 1256.) 
Misselwarden, früher Mvsszelwurden, älter Midlistanwurth und Midlistanfadhar- 

uurde. S. Vita WiUehadi MG. 2, 388. 

III« im Lande Wtthrden oder der terra Wordensis. 
Dedesdorf, früher Thedesdorpe und Thedestorpe. 

IV. im alten Aster-ga und Wanga (bz. Wan-ga), dem spätem Ostringen (wegen 
des dazu gehörenden Auricherlandes s. unt. sub VII.) und Wangerland. (Richth. 

II, 1222.) 
L Jever, früher Jevere, Gevcre etc., älter Gaveria. 

2. Cleverns, früher Clevercns, Cleverensze, älter Cleverenge oder Cleveringe. 

3. Sc horten» früher Schortensze, Schortinse, älter Scortinge oder Scrotinge, da es 

wohl als solches in der Bulle des Papstes Clemens III. von 1190 vorkömmt. 

4. Fedderwarden, früher Vederwert, Fedderwurden, älter Federwurdk od. Feder- 

wurth (cf. Feerwert in Groningen etc.). 

5. Sengwarden, früher Sen-, Synn-wert, Sevewerde, älter Sevenwurtk und Seven- 

wurden. 

6. Waddewarden, früher Wadwerdeu, Wadwurden, älter Waddewurth. 

7. Pakens, früher Packensze, älter Pakinge. 

8. flogkarken oder Hohenkirchen, früher Hockerken statt älterm Go-Kerken oder 

G o-, G a-Kerke, d. i. G a u*Kirche, weil es die erste bz. älteste Kirche des pagus 
„Wanga" war. 

*) Die urkundlichen Formen sind grösstenteils v. Richthofen's Untersuchungen 
über Friesische Rechtsgeschichte Th. II (Berlin 1882) und dem (mit Fr. und Nummer 
angeführten) Ostfriesischen Urkundenbuch, her. von E. Friedländer, Bd. 1. Emden 
1Ö7Ö. 4. entnommen. 



154 

9. Mederns, früher Medensze statt cüterm Medcnge oder Medinge (v. Mede ?). 

10. Minsen oder Mynsen, früher Minnensze, älter Miimiiige? 

11. Wiarden, früher Wiger^n oder Wigerdeu, älter Wichardhera ? 

12. Wiippels. früher Wyppensc, Weplensen, Woppelensze, älter Woppelenge oder 

Wcpelingc? cf. afries. wapel, wepel (Lache, Sumpf etc. oder kleiner Land- 
see, Moor etc.) und den in die Jade mündenden kleinen Fluss oder Bach 
Wapel = älterm Wepilingc. 

13. TeUens, früher Tcttcnsc, Tettensze, älter Tettengc oder Tcttiuge? 

14. Reepsholt, früher Ripesholt, alter Hripesholte. 

15. Marx, früher Marckes, Markcse, älter MarkiugeV 

16. Etzel, früher Etzele, älter Ekelo? cf. Eke (Eiche) und lo oder loh (Wald etc.). 

17. (Jüdens, früher Godensc, älter OodingeV 

18. Zetel, früher Tzetele, älter Ketele V cf. tzetel = ketel. 

19. Wiesede, früher Wickede V cf. v. Richth. II, 1232 seq. 

V. im Harltngerland, cf. v. Richth. Il t 1213 seq. 

1. Stedendorf, früher Stedesthorpe. 

2. But forde, früher Butcfcrde, Butetbrde, cf uns. forde und nhd. Fürth. 

3. Esens, früher Esensze, Esinghe, älter Eseliuge, Oslingc etc., cf. Es, As, Os (deus). 

4. Beuge, früher Bensze, älter Bengc, Binge, bz. Beuinge und BiiiuingeV 

5. Wester-Accuni, früher Wester-Aghcim. 

6. Otznm (nur noch in Otzumer-Balge), früher Ortzsura. 

7. Wittmund, früher Wit-, Wyt-, Wythmunde. 

8. Middels, früher Myddclszen, älter Midlesthem oder Midlisthem ? 

9. Bleersum, früher Pledderszeu. 

10. Eggelingen, früher Ickelynck, Eckgel in, älter Eucelinghe, Anaclingun. 

11. Asel, früher Aszele, älter Askele oder AskelohV cf. Ekel i*. s. Nr. 16 sub IV. 

VI. im alten Norderland oder dem pagus Nordendi, wozu früher auch Har- 

lingerland gehörte, cf. v. Richth. II, 1208 seq. 

1. Norden, früher Norda, Nordi etc., älter Xordwidu, Nordwidi, Nordwich, Xor- 

dendi, Nordcdi, Norditi. 

2. Hase, früher Hagha. 

3. Arie, früher Erle, Erla, älter Erila oder Arila V 

VII. im alten Auricherland, als dem westlichsten Ende des aüen Pagus 
Ostringen, s. sub IV. Die Kirchen gehörten zur Bremer Diöcese. 
(Richth. II, 1201) 

1. Aarich, b. Fr. zuerst 1302 in Urk. 161 als Aurik. 

2. Weene. (Fr. Nr. 493.) 

3. Wiesens, früher Wyszcde, älter WiskedcV 

4. Barstede, früher Berstede. 

5. BangMtede, früher Bangkstede, Bonxtum. 

Bern. Die kleine Ortschaft Rahe hiess früher Rade, bz. Rode, cf. Rode i » 
Oster-Rode etc. 

VIII* im alten pagus Fedirga oder Feder-ga, dem früheren Amte Oreetsiel. 
(Richth. II, 1139.) 

1. Uttum, früher Uthym, Utthum, Huttum etc., älter Ut-hem oder Ut-heim im 

Fuldaer Güterverz. sub Nr. 66. 

2. Midelsum. früher Mydlistum. 

3. Eilsuni, früher Edelsum, Edelsem, Ethilsum etc., älter Ethelshem? 

4. Jennelt, früher Yenlcd, Genlede, Genlete ete., älter (cf. Güterverzeichniss des 

Klosters Fulda aus dem Ende des 8. Jahrhunderts) Geinleto oder Genlete 
(in marcha Nortwaldo u. pago Fetergewe oder Federgewe). 
o. Visquard, früher Fisqnwart, Viscwert, cf. v. Richth. I, 135 Fiskwert. 

6. Pilsum, früher Pyleshom. 

7. Öamhusen. Im Güterverzeichniss des Klosters Fulda (s. unt. Jennclt) wird 

erwähnt, dass ein Albricus in Damhuscn in duobis locis virgam uiiam schenkte. 



155 

Desgl. wird in demselben erwähnt, dass ein gewisser Albericus dem heü. Boni- 
facius seine Güter in villa Frisgana et iu villa Donehusen übertrug, welches 
Letztere auch unt. Nr. 120 als Duonhusen vorkommt und wohl mit Damhusen 
eins ist. Damhusen kömmt auch schon im Qüterverzeichniss des Klosters 
Werden vor. 

8. Grimersnm, früher Grimissum. 

9. Wirdum. Dabei die von der alten Oster-Ems gebildete Insel Aland (d. h. 

Wasserland), worauf das Prämonstratenser- Kloster Aland oder Insula, dessen 
Probst Focco in einer Urkunde von 1255 erwähnt wird. 

10. Cirkwerum, früher Syrcweren. 

11. Canhnsen, früher Cannyngehusum. 

12. Apping bei Greetsiel, 'früher Kloster Apyngum oder Appinge. Es ist wahr- 

scheinlich dasselbe, wie die im Fedcrgewe belegene alte villa Avinge, s. Nr. 99 
im Güterverzeichniss des Klosters Fulda v. Ende des 8. Jahrhunderts. 

B e m. Wegen Siegelsnni s. Bern, zu X. am Schlüsse u. Fr. Urk.-B., wo 
es zuerst in 1450 als Svgildsum in Nr. 630 erscheint. 

IX. im alten Emsgan (Richth. II, 1149) und zwar: 

a. im spätem Amt PewNim vor destien Vereinigung mit Greetsiel: 

1. Groothüsen, früher Husum, älter Hunun (im Werdener Heberegister pag. 20 u. 24). 

2. Bettewehr (1720 ausgedeicht und überfluthet), früher Betawere, Bethewere. 

3. Knoek ( Vorwerk), cf. v. Bichth. II, 1146 seq. Die Notiz v. Continuator Menco 

z. J. 1285 „trän s Emesam prope Oterthom, Longene et Knocka cum equis 
etc. in glacie solidum iter carpebant". 

4. Drewert (um ungefähr 1540 ausgedeicht und überfluthet). 

5. Rysnm, früher Rvsingum, älter Hrisinghem. 

6. Loquard, früher Laquart, Laquerth, älter Lacwurdh. 

7. Campen, früher Campum (schon im Werdener Heberegister). 

8. Upleward, früher Plegewert, älter Plen-, Pleon-wurdh. 

9. M anklagt, früher Manslat, Manslach, Mansliacbt. 
10. Woqnard, früher Wachwert, älter Wahcwurdh? 

IL Call im, früher Canagum, Canynge, älter Caninghem. 

12. Pewsum, früher Pawesum, Pewesum, älter Peweshem. 

13. Woltaeten, früher Walsecum statt Waltsetum, älter Waltsation. 

b. im Emder Amt: 

1. Emden, früher Emeda, Emctha, Emeden etc., älter Emu t ha, Emuthon, Amuthon. 

2. Folkersweer (Ende des 15. Jahrh. überfluthet), früher Volkardawera. 

3. Langen mit dem Kloster Langen, jetzt Logumer Vorwerk mit dem Hook van 

Logum, früher Langene, Longene, Langhena, älter Langonha (Werdener 
Register) und Langenhoh, Langenhouh (Fuldaer). 

4. Gwrdsweer (1720 überfluthet), früher Gerleswere, Gherkiswere, Gheerdswere. 

5. Twixlnm, cf. v. Richth. I, 135 Twixlum. 

6'. Larrelt, früher Leerlt, Hlerlt, Lerlethe, Hlerlete, älter Hlar- oder Hlara-fhata. 

7. Wibelsnm, früher Wivelsum. 

8. Woltknsen, früher Walthusum. 

9. Uphnsen, früher Uphusum (Fr. Nr. 109.) 

10. Harsweg, früher Hersweghe, Herseweg. (Fr. Nr. 509.) 

11. Hinte, früher Hynte, älter Hinuti. 

12. Snarhusen, älter Suderhusum. 

13. Marienweer (früher Kirchdorf, da das Münster" sehe Dec&n&ts- Register von 

1475 eine Kirche zu Area sanete Maria, bz. zu Area erwähnt). 

14. Lopnersnm, Lopsum. 

15. Abbingweer (früher Kloster), früher Abingwere. 

16. Eisingnnsen (früher Kirchdorf), früher Esing-, Esiuga-, Hesinge-husen bz. husum. 

17. Osternnsen, cf. Osta-husun im Werdener Heberegister p. 22. cf. auch Fr. 98 

wegen des Vorwerks Osterhusen bei Borssum, was vielleicht mit dem Osta- 
husun des Werdener Güterverzeichnisses identisch ist. 

18. Westerhnsen, Westerhusum. 



156 

19. Albringsweer, früher Albrunsweer. Awraudeswere, Albrandeswere. 

20. Midlum, früher Middeltira. 

21. Freepsnm, früher Frebescum, Frebestum etc., älter Fresbrahteshem. 

22. Sielmtinken oder Sylinonniken, altes Kloster im Kirchspiel Freepsum, früher 

Kloster Silo (nach einem daselbst belegenen Siel) genannt. 

23. Fahlem (Oross- und Klein-, jetzt Theile der Stadt Emden, s. oben sub 1), 

früher Fallcrn, Fairen, Phalerna, (1255) Felerne. 

24. Hamkusen (jetzt weg, s. alte Dollart -Karte von Emmitis), alt Hamhusum. 

s. Werdener Heberegister. 

25. Borsuiu (Opohs- und Klein-), früher Bursum, älter Borshem, Borzhem, Bruzem. 

26. Jarsum. früher Jersum, älter Jcrzcm, Gerzhem. 

27. Widdelsweer (hatte fmher eine Capelle), früher Widliswerc. 

28. Petkum (Petjum), früher Pettum für Petcum, alter Pcttinghem. 

29. (iandersnin, früher Gondorsum, älter Gondrikeshem. 

30. Öldersnni. früher Uldersum, älter Olders- oder Alders-hem. 

X. im alten Brokmer- oder Brokmoiiua-land, was früher ein Theil des 

alten Emis-ga (Emsgatt) war. (liichth. II, 1167.) 

1. Marienhafe, früher Marienhove oder curia sancte Marie und (anno 1362) curia 

virginis gloriose. Sie ist bald nachher durch Feuer zerstört, wie aus einer 
Urkunde von 1387 erhellt, cf Notiz zu Nr. 3. 

2. Osteel, früher Oost-deel, älter Astc-delc. 

3. Westeel oder vrspr. Weste-dele. Es lag mit dem vorigen Dorf auf demselben 

Sandrücken, jedoch näher dem Meere und wurde 1277 oder etwas später 
überfluthet, da nach einer Urkunde von 1387 die dortige Kirche zum Wieder- 
aufbau der durch Feuer zerstörten Kirche zu Marienhafe verwandt wurde. 

4. Enger liafe, früher Ut-enger- oder Ut-eugra-hove, und auch (1250) Buta-e, weil 

es nördlich von oder ausserhalb der zwischen Engerhafc und Victorbur 
fliessenden Ehe lag. Aus Buta-ce oder Uta-ec entstand dann weiter die 
Vorsilbe Ut-enger-. 

5. Victorbnr. früher Victorishove (curia saueti Victoris). B. Fr. zuerst in Urk. 

914 (1473) als Fittersburcn. 

6. Wiegboldsbur, früher (bis 1455) Wibclsbur und (1250 und 1475 urkundlich) 

Wibboldes- oder Wibaldeshof. Der Brokmerbrief aus dem Ende des 13. Jahr- 
hunderts spricht von „binna Wibaldinga szerspele". Das Werdener Hebe- 
register hat neben einer Wibades kerikou auch ein Wiboda holta und \Yi- 
bodi silva, deren Lage indessen nicht sicher anzugeben ist. 

7. Bedekaspel (Bade- Kirchspiel), früher Bete-, Bede-Kerke, wohl soviel als Bet e- 

Kir che. 

8. Forlitz, früher Vorletz oder For-letze. In Urkunde von 1250 wird die Kirche 

Godeka-kirk (nach ihrem Stifter) genannt. Der Name Forlitz oder Forletze 
ist wohl eine Composition von For- und letze = afries. lege, läge, wie neben 
afries. lega (legen) auch die Formen ledsa, lidsia, litzia und für liga (liegen) 
auch die Formen lidsa, litza etc. vorkommen. 

9. Blaukirchen, auch Südwolde genannt und in einer Urkunde von 1475 „Suda- 

wolda u . Es ist wahrscheinlich dasselbe Kirchdorf, welches in Urkunde von 
1250 „Loppessumwalde" genannt wird, weil „Blaukirckeu" östlich des 
Grossen Meeres. „Loppersum" gegenüber liegt. 

10. Burhave (tiross- und Klein-), jetzt 2 Plätze, wovon der erste Domänenplatz. 

Es war früher ein Kirchdorf und kömmt im Decanatsregister von 1475 als 
Burhoff vor. 

11. Ochtelbur. Im Decanats-Eegister von 1475 Uterla-bur, indessen in Urkunde 

von 1431 Ochtleburcn und 1401 Ochtelbur. 

12. Riepe. 1431 und 1435 Rype. 

*1. Bern. Neben Loppessumwalde (s. sub 9) wird in Urkunde von 1250 
auch noch eine Kirche in Aldeguudeswalde genannt, was vielleicht dieselbe 
Kirche war, die später Bete-kerke (s. sub 7) hiess, zumal Bedekaspel ebenso 
wie Blaukirchen nicht am Grossen Meer liegt. Sodann ist zu diesen im 
spätem Brokmer land liegenden Ortschaften noch zu bemerken, dass das 



157 

Decanatsregister von 1475 auch die Kirche zu Siegelsum oder Sigelum auf- 
führt, welches indessen auch im Decanat Uttum, als zu diesem gehörend, 
mit genannt wird und weil Siegelsum jedenfalls nicht im alten Brokmerland 
liegt, auch jedenfalls wohl früher zum Decanat Uttum gehört hat, wonach 
dann auch anzunehmen ist, dass Sigelsum (älter Sygildsum) in alten Zeiten 
ebenso wie Wirdum im östlichsten Theil des Feder-Gauea lag. 

2. Bern. Die ältesten 6 Kirchen (nämlich: Curia sancte Marie, Buta-0, 
Wibadeshof, Lopessumwalde, Godekakirk, Aldegundeswald) gehörten bis 1250 
zum Decanat II inte und wurden dann wegen Streitigkeiten mit dem Decan 
Lutward davon getrennt und dem Consulatus Brokmaunorum unterstellt Cf. 
v. Richth. 1, 322 seq. 

3. Bern. Der südlichste Theil des alten Brokmcr-Landes (bz. Bruch- 
Landes) hiess früher Suthor-lond und gehörten die darin liegenden Orte 
Simonswolde, Holttrup und Aurich - Oldendorf zum früheren Decanat Leer, 
s. weiter sub XL, dann b. Friedl. Urk.-Buch, wo das Suderland zum ersten 
Mal in Urk. Nr. 398 erscheint und darin Simiswalde, Rype, Ochtleburen 
und Bon x tum als im Süder laud liegend angegeben werden. 

XI* im alten Decanat Leer, bestehend aus dem Moormer-, Lengener- und 

Overledinger-Land, sowie aus dem südlichsten Theil des alten Brokmer - Landes, 

der spec. Sutherlond hiess. (Richth. II, 1175.) 

1. Leer, früher Lere, Lare, älter Hlcri (an der Leda, alt Latha). 

2. Nüttermoor, früher Uetter-, Utter-moor, älter Uttera-mora. Urk. zuerst 1427 

als Uttermoer b. Fr. 345. 

3. Yeenhosen, früher Vennehusen, älter Torta- (amend. Torfa?) mora. Urk. als 

Feenhusen zuerst 1430 b. Fr. 509. 

4. .Vermoor, früher Edermocr, älter Nedcra-mora. Urk. zuerst 1428 als Eramoere 

b. Fr. 371. 

5. Roriehnni, früher Rarchum, Rarichum, Raerchem, urk. zuerst 1357 b. Fr. 80. 

6. Ayenwolde, früher Alingewolde, älter Aldingawalde. Urk. zuerst 1459 als 

Avlingkwolde b. Fr. 509. 

7. Hatshnsen, früher Harsta- bz. Hasta-busum. Urk. zuerst 1438 b. Fr. in 487 

und dann 1439 b. dems. in 509 als Hatzehusen. 

8. Boeksetel. früher Bookscde. Urk. zuerst 1319 als Bowkesete b. Fr. 48. 

9. Simonswolde, ^ *• / b. v. Richth. Sonneswolde und früher (cf. Bartels 
t» l über d. Dollart, Jahrb. d. Gesellsch. f. bildende 
3 ) Kunst 1872, Heft I, p. 12 d. Anm.) Sunedes- 

walda. Als Simiswalde urk. zuerst in 1431, cf. 



| I Fr. Nr. 398. 

ö* f urk. zuerst als 

KJ 1 _I„ 11.1. il 



10. Holtrup. J o- f urk. zuerst als Holdorpc in 1451 b. Fr. in 398. 

11. Aurifh-Öldendorp, >\ y als Alda-thorp urk. zuerst 1307 in Nr. 105 b. Fr. 

12. Timme]. In Fr. Urk. zuerst 1438, jedoch im Werdener Heberegister pag. 22 

schon als Timberlae verzeichnet. 
IX Strakbolt. b. Fr. Nr. 072 (1454) Stracholtc. 
li. Backband, b. Fr. Nr. 672 (1454) Bacbaude. 
15. Hesel, Fr. 961 (1475) Hcssele. 
10. Barthe (Kloster), früher Bertbe, Beretbe (1288 als Porta friesiae orientalis 

erwähnt), b. Fr. Nr. 140 (1380) Bertba. 
17. Loga, b. Fr. 210 (1408) Laghe und im Werdener Heberegister Lage, Lagi und 

Loge. Ob eins mit loog (locus)? 
1*. Ugabirnm, Fr. 509 (1439) Loghebeerne. 

19. Xortmoor, 1439 Nortermor, 1475 Nortmora. 

20. Filsam. So bereits 1475, s. Richth. II, 1181. 
M. Hollen, Fr. 509 (1439) Holne. 

2'i. Ammersum. (Bertram, Geographie, pag. 207.) 
23. Detern, Fr. 351 (1424) Detheren. 
2i. Holtgaste. (Fr., 961, bz. 1127.) 

25. Remel*. früher Lengen, bz. Lanzene (statt Langene). 

26. MnJide, bz. ter Muhde, Muda, älter Lethe-niuda, bz. Latha-muthon. 



158 

«07. Driever, früher Driwer, bz. Driwere. 

28. Coldeinüntje, bz. Coldemüiikeu. 

29. Midling, Fr. 460 (1436) Mvdlinghe. 

30. Völlen, Fr. 730 (1458) Vollen. 

31. Hampoel, Fr. 677 (1454) Hempoel. 

32. Esclnm, Fr. 961 (1475) Eskelum. 

33. Ihrhove, das. Yderahave. 

34. Stecnfelde (früher Steenwoldc), Fr. 460 (1436) Steenvelde. 

35. Neuburg, früher Nicnborg, Fr. 509 (1439) Nigenborch. 

36. Amdorf, Fr. 389 (1430) Amdorpe. 

37. CoUinghorst. (Fr. 1753.) 

38. Bakemoor, Fr. II, 460 (1436) Boecraora. 

39. Rhaude, Fr. 508 (1439) Rawedc (ist der zweite Theil wede ident. mit wede 

= altem widu ?). 

40. Potshauften, Fr. 509 (1439) Poptishusen. 

XII. im alten Retderalond (Rheiderland), soweit es zum Münster* sehen Bisthum 
gehörte. (Richth. II, 1183.) 

1. Nesse, Fr. I, 119 (1372), cf. Nas und Nasse b. Crec. pag. 20 und 23. 

2. Herum, (Fr. I, 270) überflutet. Cf. b. Crec. pag. 11 Burion, was doch sicher 

im Rheiderland e lag. 

3. Wilgum, Fr. I, 119 (1372) Wilinggum, überflutet. 

4. Fletum, Fr. I, 119 (1372) Flyatum, überflutet, cf. Wig-Fliata. 

5. Jarssum, (1277) cf. v. Richth. II % 1185. 

6. Torum, Fr. I, 119 (1372) Tordinggum, überflutet. 

7. Pogum, cf. Fr. 7, 105 (1367) Citera-sura (Ovira?) -peum oder Pawingum, älter 

Pawinghem. Cf. v. Richth. II, 1187. 

8. Ditziim, Fr. I, 509 (1439) Dytsum, desgl. II, 763 (1460) Ditsuin. 1475 Derzum 

oder Dertzum s. v. Richth. II, 1187. 

9. Oldendorf. Oldendorp und Aldatborp, s. v. Richth. II, 1187. 

10. Hatznm, Fr. I, 221 (1409) Hardsum, das. 461 (1436) Hartzum, später Fr. II, 

609 (1449) Hatsum. 

11. Coldeborg, 1475 Galdeborch, s. v. Richth. 11, 1188. 

12. Kritzum, Fr. I, 409 (1432) Krytzum mit Krvtzamewalt. 

13. Midlum, Fr. I, 609 (1449) Mydlum. 

14. Jemguni, JFV. I, 35 etc. (1284 etc.) Gemmczum, Gemmynzum, Jemingben etc. 

15. Marienchor, cf. v. Richth. II, 1187. 

16. Böinerwold, früher Bimerwolt oder Bedamewalt (cf. Bartels pag. 15), cf. Bedma- 

wertha b. Fr. I, 221 und das. (Ürk. 584 und 818) Bedma-, Bedraer hamryck. 
Wegen Bedum aus Bedgum, bz. Beddinghem (cf. Crec. pag. 22 etc.), cf. Petk. 

17. Holtgast, früher Holtgcst, Fr. I, 34 (1282), Diöcesan-Reg. v. 1435 Holtgeist. 

18. Binzuin, früher Bvnnvngum. 

19. Kark-Borgum mit Midäelste- und Feersten-Borgum. (cf. Fr. Nr. 57 Bergbum, od. 

besser vielleicht Burchum in Nr. 80 u. 81 u. ferner: Bertram, Geogr., pag. 197.) 

20. Georgi- oder Swarte-wold. 

21. Weener, früher Wyancre, Weyner, Weningera. 

22. Weniger- oder Weener-moor, früher Wenighermoer, Wengramor. 

23. Boene, cf. Bonewerda b. v. Richth. II, 1190. 

24. Poel, cf. pöl (palus) und Bartels über den Dollart im Jahrb. f. Kunst etc. 

(1872) p. 21. 

25. Bunde, Fr. I, 366 (1428) und Bunde (1391), s. v. Richth. II, 1190. 

26. Linda. (Fr. Nr. 270) 

27. Wymeer, Fr. I, 48 Wvmaria (1319). Ob = Winna- oder Wynnamar? cf 

v. Richth. II, 1190. 

28. Haxne, überfl., s. v. Richth. II, 1190, cf. Saxum und Saxumerwold. Ein Haxn 

oder Haxne kömmt übrigens auch schon im Werdener Heberegister, Seite 22. 
mit Scagastborpe (s. Stockdorp), Wilinghem (s. Wilgum) etc. vor. 

29. Oekeweer, Fr. I, 270 Ockeweir. 

30. Huweghenborch, früher Huwingaborg, *. v. Richth. II, 1190. 

31. Palmar, Fr. I, 57 (1338) Pallemar. 

32. Reiderwolde, cf. Redi in walda b. Crec. pag. 19. 



159 

33. Westerwolda. 

34. Saxnm = Haxne, s. v. Bichth. II, 1190 und cf. unter Saxumerwalt = Haxene- 

walt. S. indessen Weiteres unt. Haxne. 

35. Berde, cf. Uitcrbeerte und Osterbeerte oberhalb Winemecr auf der Karte des 

Dollarts b. Straiingh. 

36. Santdorp. s. Zentorp b. v. Bichth. II, 1190. 

37. Saxummerwolt oder Saxunierwolde, s. v. Richth. II, 1190, wo er Haxenewalt 

damit identifieirt, 8. indessen unt» Haxne. 

38. Tysweer oder Siweteswere. s. do. und dazu Bartels (Jahrb. d. Ges. f. Kunst 

" etc. von 1872, pag. 15) der Siweteswere mit dem auf der Emtnius 'sehen Karte 
vorkommenden Ewitwcer identifieirt. Zu Siweteswere cf. b. Crec. p. 11 
Siwataras hwervia. 

39. Stockdorp, cf. Steges- und steghesdorp in Urk. 302 (1422), b. Friedl. I, früher 

Stagestorp, *. t?. Bichth. II, 1190, cf. b. Crec, pag 11 Scagasthorpa. 

40. Beide (Oster- und Wester-). (1282, 1377, Fr. I. 34 und 131) Asterreyde, Astie- 

rheide, Abt Enno (1211) Villa Hreidcnsis, cf. Hredi, Hriedi, Hriadi b. Crec. 
pag. 11 etc. 

41. Wiiie- oder Wynedaham (cf. 1391 bz. 1420 Wiveldaham s. Fr. I, 270) nebst Wy- 

nedaboreb, s. v. Bichth. II, 1191. 

42. Megenfcam (Fr. I, 270, 1391 bz. 1420 Megham), auch Meggeham, s. v. Bichth. II, 

1191 Megalzem. 

43. (Jothorne bz. «olthorne , s. v. Bichth. II, 1191. 

XIII. im alten Relderalond, bz. dem südlich von Weener liegenden Theil, 

soweit es zum Bisthum Osnabrück gehörte. (Bichth. II, 1292.) 

1. Stapelmoor (1424) Stapelmor. 

2. Vellage. Nach v. Bichth. (II, 1189) Village, cf. Veldlagi b. Crec. pag. 23. 

3. Diele oder Dyle, cf. Dilon b. Crec. pag. 23 etc. 

4. Dünebrook. 

5. Bellingwolde. (1498) Bellinckwolde. 

6. Winschoten, (1467) Wynschottcn. 

7. Blvhaw. (1498) Bleichhammc. 

8. de" Beerta. (1656) Berde. 

9. Hilliger-lee. (1656) Hilligerlobc. 
10. Wester-lee. So MG. 23, 597. 

XIV. Die Inseln von der Ems bis zur Weser. 

1. Borktn, Fr. 167 (1398. copie.) Borkyn. Bei Strabo VIT e. 1 B'jpyavC; 

(Bo»ip5£avi£ Stephanus Byz. 183, 8 Meineke), bei Plinius IV, 97 Burcana, 
bei Emo (MG. Scr. 23, 511) Borkna. 

2. Baut. Schon Ende des 8. Jahrh. (785?) dem Bisthum Münster (d. Bischof 

Liudger) zugelegt und jetzt nur noch eine Sandplate zwischen Norddeich und 
Juist, cf. v. Bichth. II, 396 seq. und bei mir unter Bant. in Bante Oorkon- 
denboek van Holland en Seeland I n. 33 (a. 960); Bant MG. 2, 410; 9, 289. 

3. Juist, Fr. 167 (1398) Just. Nach der alten grossen, mit einem Kreuzgewölbe' 

versehenen Kirche muss sie früher viel bedeutender gewesen sein als jetzt. 

4. Buxe, Fr. ebd. Burse. Fr. 203 (1406) Buyze. 
">. Xorderney, Fr. ebd. Oestercnde. 

6. Baltram, Fr. ebd. Balteringe. Der Form wegen cf. Baldratinge oder Bal- 

tratingen im Fuldaer Begister auf Texel? — Muss sehr alt sein, weil es 
eine Insel für sich war und so im Gegensatz zu Norderney etc. etc. stand. 

7. Langeoog, Fr. ebd. Langoch. 

8. Spikeroog, Fr. ebd. Spickeroch. 

9. Waogeroog, Fr. ebd. Wangeroch. 

10. Helgolaad oder wie wir sagen : dat lli\geU'(Heüigen-)La.u&. Diese, schon von 
Willebrord und Liudger besuchte Insel hiess damals Fosetesland, «. MG. 
2, 410. 9, 869; und daneben (bei Adam Brem.) Halagland s. MG. 9, 282. 

NORDEN. J. ten Doornkaat Koolman. 



160 



Nachträge. 

Nachdem meine „Einleitung zu einer amringisch - föhringischen 
Sprachlehre" bereits fertig gedruckt war, ist es mir endlich gelungen 
eines Exemplars der Schrift von Möller, Die Palatalreihe der indo- 
germanischen Grundsprache im Germanischen, Leipzig 1875, habhaft 
zu werden. Da diese Schrift nicht im Buchhandel erschienen ist, möge 
man es mir nachsehn, dass ich die folgenden Verweisungen auf die- 
selbe erst nachträglich zu geben im Stande bin: 

S. 11, Z. IG: Vgl. Möller, S. 30. 

S. 11, letzte Zeile: Vgl. Möller, S. 31— 4G, 53 Anm. und 59 f. 

S. 32 ist als 25. der Titel von Möllers Schrift nachzutragen 
mit dem Zusatz: „behandelt S. 28 — 48, 53 Anm. und 59 f. s aus k, 
S' aus kj und die Diphthongierung nach Palatalen." — 25. 26. 27. 
28 sind in 26. 27. 28. 29 zu ändern. 

Ausserdem bitte ich zu verbessern: 

S. 2, § 2, Z. 1 u. 2 ferea (feria), ferei» statt feri», feria. 

S. 5, § 6, Z. 7 v. u. 1483 statt 1843. 

S. 6, Z. 3. 4, S. 7, 10), Z. 4. 5, 4), Z. 4. 5 und S. 8, 3), 
Z. 2 v. u. ist in den wang., sat. und westfrs. Wörtern w statt v ein- 
zusetzen. 

S. 6, Z. 3. 8. 12. 1 v. u., S. 7, Z. 7 und S. 9, 7), Z. 1 v. u. 
wäre in den wang. Wörtern besser sei für ei zu schreiben. 

S. 19, Z. 3 v. u. die statt ied. 

S. 23, Z. 2 v. u. sosgorn statt sösgarn. 

Halle a. S. Otto Bremer. 



Zu dem Aufsatze: Das Liederbuch des Petrus Fabricius. 

Zu S. 60, Nr. 6. Eine nid. Fassung in 11 Str. enthält 'Het oudt Amsterdams 
Liedt-Boeck' (Amsterdam, I. I. Bouman o. J., Exemplar in Berlin, Zf. 7788) S. 32. 

Zu S. 61, Nr. XII, XV, XXII. In der Sammlung 4 Den nieuwen Lust-hof 
(Amsterdam, H. Mathyss. 1602) findet sich S. 1 die Weise 'GheseUeken, du tnost 
wandele*, S. 40 und 52 die Melodie 'Galiard' Itali oft Bedroeft hertekeri, S. 43 
und 69 'Soet Robbertgien' und S. 26 'Nabuer Roelanf angeführt. 

In der S. 66 f. abgedruckten englischen Ballade bitte ich einige Druckfehler 
nachträglich zu verbessern : 3,i loues — 3,i liu'd — 3,6 striue to liue — 5,« sathes 
— 7,i drunke — 16,i haue. 

Berlin. J. Bolte. 



Zu S. 111. Mit der von C. Schröder Jahrb. 2, 52 veröffentlichten Fassung 
des Spruches von der Welt Untreue sind mehrere Sprüche vom Tode verbunden 
(= No. 41—44 der oben S. 104 ff. von Bäumker herausgegebenen Wiener Samm- 
lung.) Eine stark gekürzte Redaktion desselben hat Birlinger aus dem 'Schatz- 
boechlin der gotlicher lieffden' Germania 19, 98 mitgeteilt. 

Berlin. Hermann Brandes. 



Musikbeilage. 

Zu S. 58-68. 



Ia. Störtenbecker. (P. Fabricius Nr. 183. M.) 



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Stör - ten - be - cker [vnd Go - de Mi - chel, de ro - ve - den beide tho 



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gott van hem-mel vor-droth, do mos-ten so li-den gro - te seban - de.] 
Ib. Fragment bei M. Franck, Fase. quodL 1611, Nr. 6. 




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Stör-tze - be - eher vnd Gö-de Mi-cha-el, die raub tu mit ein -an - der auff 




glei • - chen theil, zu wasser vnd auch zu lan ------ de. 

Ia M. Franck, Farrago 1602, Ali Id. Ebenda, 2. Tenor. 



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Stortze - be-cher vnd Go-de Mi-cba - el. 



Die raubtn mitnan-der auff glei - chen theil. 

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Ie. J. Moller, Quodlibet 1610, Cantus. 




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Stör - tzen - be - eher vnd Göt - te Mi - cha - el. 



II. Brennenberger. (Nr. 154. M.) 



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Ich ha - be ge - wacht ein win - ter-lange nacht, dar - zu hatt 




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schon jung - freu - lein ge- bracht mit ih - ren schne-weis- 

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sten: dass mu-ste dem hei - de ge - lu - sten. 



HL Das Schloss in OesterreicL (Nr. 188. M.) 




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In - eter- reich da ligt ein schloss, das ist gantz woll ge - baa- 




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wet, von sil - her vndT von ro - tem gold, [von ro - tem gold,] mit 



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mar - mel - stein ge • mau - ret. 



IV. Des Goldschmieds Töchterlein. (Nr. 140 und 167. L.) 



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Bi-gta des goldtechmids tochter- lein, bin ich des baw- ren söhn, ja söhn: so 



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zeuch dein be - ste klei-der an vnd sprich, du wilt zum tan-ze gähn, vnd 




zeuch mit mir da - von, [vnd zeuch] mitt myr da - von. 



V. Kornschneiden. (Nr. 161. M. und L.) 




Idt iß ein boicken kamen int landt, datt wold bo ger-ne de 




nen; de mo-der tho der dochter sprack : Wat wille wy Hen-se-lin ge - nen? 



Vi. Der junge Held. (Nr. 160. M. und L.) 



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1. Es war ein jun-ger heltt, sein hertz war ihm ge- stelt nach ei - ner jung- 

2. Er dient ihr tag und nacht, dass sie doch wei-nig ach tt, gab ihm doch gar 



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frauwe scho - ne. 

kein loh - ne. 



VII. Sommerlied. (Nr. 75. U. und L.) 



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Hertzlich, thnttmich er -freu -wen die frö-lig sommer-zeidt, all mein ge-blutt 



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ver-neu-wen der mey viell wollost geitt. Die lerch thutt sich er-schwingen mit 



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ih-rem hellen schall, lieb -lieh die vog-lein sin -gen, dar -zu die nach-ti - gall. 



VIIL Drei Blümlein. (Nr. 156 in M. und BL 78b in L.) 



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Ich weis mirdrey blom-lein in ei-nem gar - ten, j 
die hab ich mir erst- lieh aus -er- ko - reo. j 



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seind lieb-lich and schon, viel ta-gend an sich hahn. Es ist nun got-tes 



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gab al - lein bey die - sen scho-nen blu - me - lein, sie müssen ge - bro-chen sein. 



IX. Reif und Schnee. (Bl. 109 a. L.) 



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Nun fall, du reiff, [du kal - ter sehne, fall mir auf mei - nen fuss ! 



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Das megd-lein ist nicht vbrhun-dert meü, vnd das mir wer -den muss]. 
Xa. Wintersnot. (Nr. 152. M.) 



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Ach win - ter kalt, wie men - nie - falt krenckstu hertz, mutt 

grauw vnd auch alt machstu mich haldt — , des hin ich wor - 



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den h^'ne' I Mein glück ist klei " ner als ein haaT ' dar " zu ist mir mem 

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beu - tel klar : dis jar ist von Idei-nem ge - win - - ne, [dis jar ist von 
Xb. Fragment bei M. Franck 161 1, Nr. 2. 



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klei-nem ge - winne.] Ach win -ter kalt, wie ma-nig-falt. 

XL Liebesklage. (Nr. 181. M.) 




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Ei - ni - ges lieh, ge - trew - es hertz, J J so ich er - lei - den 
dyr ist ver - hör - gen nicht mein schmertz, j J von we - gen dein, o 



Sund 6 - lein ff | Be - we - ge doch meine nodt! 



XU. Schab ab. (Nr. 118. L.) 




Gudt gesell, vnd du must wan 



dern, das megd-lein liebt ein an - dem: die 



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ich ge-lie-bet hah , bey der bin ich schab -ah. Kann dirs nit 




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gnogsam kla-gen — mein schmerz, e - lend Ynd pein; je - doch ich hoff, os 



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wird sich noch an ir selbst re - chen fein. 



XIII. Nach dem Regen Sonnenschein. (Nr. 133. M.) 



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Wie kan vnd mag ich frö-lig sein? In mei-nem her - tzen trag ich groüs 

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schmer - tzen vnd schwere pein. E - lend bin 



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ich, doch tröst ich mich, 

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das nach dem re - gen gott giebt sein se - gen vnd son-nen-schein. 



XlVa. Ich kann nicht abelan. (Nr. 138. M. und L.) 



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wirdtmyrden ge-schehen, wen ich dich mei-den Bollt { Schön 
ich dich nim-mer sehe? viel liebr ich ster-ben wolt. \ ' 



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a - do - lieb vnd firom, mein« her-tzen ei • ne krön, 



du hast mein hertz vmb- 



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fan - gen, ich kan nicht a - be - lahn. 
XIVb. Variante bei M. Franck 1611, Nr. 3. 



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Wie sol mir dann ge - sehe - hen, wenn ich dich moi • den sol. 
XV. Abschiedsthränen. (Nr. 159 und Bl. 84a. L.) 



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Mein eug - lein wei - nen, mein hertz muBs seuff - tzen, des mus ich 




kla - gen mein schwär vor-driees: mein lieb-stes lieb - ken will von mir 




fli - hen; wüßt ich wo - nun , ich trur - de nicht 



XVI. Klosterliass. (Nr. 166a. M.) 




Ich solt ein nun -lein wer -den, ich hett kein lost dar -zu: ) 
ich schlaff nit gern al-lei - ne, vnd ess des mor-gens frue. | 



Gott 



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geb dem kle-pfer vn-glfick viel, der mich ar-mes megde4ein im kloeter hvben will. 



XVIL Sieben Wünsche. (Nr. 135. M.) 



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Hett ich sie -ben wünsche in mei-ner gewaltt, 8ag mir, hab ich recht? so 



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wolt ich mich wünschen jung vnd nim-mer alt Sag mir, hab ich vn- recht? 



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Sag mir, hab ich recht o 



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vn - recht? 



XVffl. Abendlust. (Nr. 107. L.) 




Wass woln wyr aoff den a - bendt thon ? Schlaffen wol - len wyr gähn. 




Schlaffen gähn ist wol ge - than. Bchö-ne Jungfrau w, wolt ihr mit vns gähn? 



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Schlauen wol-len wyr gähn. 




XIX. Studentenlob. (Nr. 155. M.) 




Wa-rumb seind die stu - den-ten so lei- den voll ge - hordt? 





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ja, ja, ja. Sie habn des wirdt sein 




toch - ter - lein wol zu dem tanz ge - furdt. 

XX. Der Igel und die Leineweber. (Nr. 94. L.) 




Ein Schneider und ein zie-gen-bock, ein lein-we-ber vnd i - gel-kopff, ein 




kurschner vnd ein ka-tze. Nun woT - an! Die tantztenaoff ei - nem pla-tze. 




So, mein i - gel, so. 

XXI. Spottreim. (Bl. 77a. L.) 



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Es i«t ein bawr in braun ge - fallen, [ich hab ihn hö - ren plum-pen. Hätt' 



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ich ihn nicht bem haaren er «wischt, so wir der Schelm er - tron-ken.] 
Proportio. 



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XXIIa. Der englische Rolandston. (P. Fabricius, Nr. 9. L.) 




Sehons lieb, ich thue dir kla - gen die schwe-re angst vnd pein, ) 
welch ich muas heimlich tra - gen im jun - gen her - tzen mein : ( 



das 




pein werdich nicht ohne, dan du wirst mei-ne 



gar. 



XXII b. Dieselbe Melodie mit dem ursprünglichen Text. 



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Hol.; nach -bar, lie • ber Bo - bert, mein herz ist vol - 1er pein! I 
Rob. : nach - bar, lie - ber Bo - land, um was mag das wol sein ? ( 




Hol.: Johann Glöck-ner liebt mein Gre - ta, das - sei - big bringt mir schmerz. 



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Bob.: Sei zfrie-den, lie 'ber Ko-land, das ist noch wol ein scherz. 



XXUc. Bruchstück bei M. Franck 1611, Nr. 2, Cantus. 



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Nach-bar Bo - land, mein Hertz ist vol - 1er Pein ! 



XXnd. Chappell 1, 115. 



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The fifteenth day of ju - ly with glist'ring sword and shield, { m> 
a fa-mous figth in Man - dere was fough-ten in the field. { 



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moflt cou-ra-geous of - fi-cers were english captains three, but tho bra-vest in tho 



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bat-tle was brave lord Wil-longh-by. 



XXIH. Die Schlacht bei Mohacs (1526). 



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men, ko-ninck Lo - de-vick was sin na-me, eyn ko-ninck tho Be - mer landth. 



DRUCK VON H.W. SCHMIDT D* HALLE. 



In unserra Verlage sind erschienen: 

Drücke des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung. 

i. 

JMttelniederdeutsehe Fastnachtspiele. Mit Einleitung und 
Anmerkungen herausgegeben von W. Seelmann. 2J.LVII. und 
86 S. Preis 2 Mk. 

Inhalt: Böse Frauen. — Bauerobetrtlgerei. — N. Mercatoria Fastnachtspiel. — Zwie- 
gespräch swisohen dem Leben und dem Tode. — Der Schere Klot. — Röbeler Spiel. 
— Das Glücksrad. 

Dieser Neudruck mit Reproduction der Original-Holzschnitte entfallt eine 
Sammlung alter volkslhümlichcr Lustspiele in mittelniederdeutsclier Mundart. 
Die ausführliche Einleitung, welche der Herausgeber beigefügt hat, bereichert die 
Geschichte des deutschen Dramas um eine ReiJie interessanter Thatsachen und 
fuhrt u. a. den Nachweis, dass dem Fastnachtspiele, wie man böse Frauen fromm 
machen kann, derselbe Stoff und dieselbe Quelle zu Grunde liegt, wie einer eng- 
lischen, auch Shakespeare, wie seine Zähmung der Widerspenstigen zeigt, be- 
kannten Dichtung, 

II. 

Das niederdeutsche Reimbüchleiii. Eine Spruchsamnilung 
des 16. Jahrk. Herausgegeben von W. Seelmann. XXVIII. und 
122 S. Preis 2 Mk. 

Das um die Mitte des IG. Jahrh. gedruckte und nur in einem einzigen 
Exemplare erhaltene Reimbüchlein ist eine in ihrer Art einzig dastehende Antho- 
logie gnomischer und Igrischer Poesie, die aus z. 77*. jetzt verschollenen Dich- 
tungen, x. Th. auch aus dem Volksmunde gesammelt ist. 

Unter der Presse befindet sich und erscheint in Kurzem: 

III. 

De diidesche Sehlftmer von Johannes Stricerius. 1584. Her- 
ausgegeben von Joh. Bolte. 

Ein Neudruck des Scßüämers, welcher neben dem verlorenen Sohne des 
Burkard Waldis als das bedeutendste niederdeutsche Drama des 16. Jahrhunderts 
bezeichnet werden muss, ist schon oft als ein Bedürfnis empfunden worden. 
Stricer enttvirft darin in lebendigen Zügen ein getreues und anschauliclies Bild 
von dem wüsten und schwelgerischen Leben des Adels in seiner Heimath Holstein. 
Seinem Stücke liegt zu Grunde eine scJwn zuvor in England, Holland, Frank- 
reich und Deutschland dramatisch bearbeitete Fabel, die, wie Goedeke nachgewiesen 
hat, aus einer budhistisclien Parabel fiervorgegangen, zuletzt zu einer Darstellung 
der Bekehrung eines verstockten Sünders im Sinne der Protestant isclien Recht- 
fertigungslehre geworden ist. 



Wörterbücher des Vereins für niederdeutsche Sprachfarscliang. 

lVort< rhu« h der WeftfAlI fielt eil H mitfürt 
ftitlelnfrderdcutiirlie* Hameln ört<'H>ii<li 



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Chriatopli Waltlier. 






II. IL. Hi 

































Woordenbock der €«r»iiiiig*rhe VolliNfaal 



Forschungen. 

Herausgegeben vom Verein für niederdentsclie Spracliforsclmng. 

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lllc Hoenter Hiiiitfiirf. Laut- und I 
rdinand Hol! 



.Nonlcn. 



Diedi\ Sollaifs Verlag* 






Jahrbuch 






Vereins für niederdeutsche Sprachforschung. 



1888. 



XIV. 






HORDEN ucil 

IB.Q. 



Ausarbeitungen, deren Abdruck im Niederdeutschen Jahrbuche 
gewünscht wird, sind dem Mitgliede des Redactionsausschusses Dr. 
TP. Seelmann, Berlin SW, Lichterfelderstrasse 30 zuzusenden. Die 
Zahlung des Honorars (von 32 Mark für den Bogen) erfolgt zu 
Jahresschluss durch den Kassenwart. 

Zusendungen, deren Abdruck im Korrespondenz-Blatte erfolgen 
soll, nimmt Dr. W. H. Mielck, Hamburg, Dammthorstr. 27 entgegen. 

Die Mitgliedschaft zum Niederdeutschen Sprachverein wird durch 
Einsendung des Jahresbeitrages (5 Mark 5 Pf.)^an den Kassenwart 
des Vereins Dr. W. H. Mielck in Hamburg oder durch Anmeldung 
bei einem der Vorstandsmitglieder oder Bezirksvorsteher erworben. 

Die Mitglieder erhalten für den Jahresbeitrag die laufenden Jahr- 
gänge der Vereins-Zeitschriften (Jahrbuch und Korrespondenz-Blatt) 
postfrei zugesandt. Sie sind berechtigt, die ersten fünf Jahrgänge 
zur Hälfte, die folgenden Jahrgänge sowie alle übrigen Vereins- Ver- 
öffentlichungen (Denkmäler, Drucke, Forschungen, Wörterbücher) zu 
Dreiviertel des Ladenpreises zu beziehen, wenn die Bestellung unter 
Berufung auf die Mitgliedschaft direkt bei dem Verleger Diedr. Soltau 
in Norden (Ostfriesland) gemacht wird. 

Bis auf weiteres können die Mitglieder von demselben auch das 
'Wörterbuch der Ostfriesischen Sprache von J. ten Doornkaat Koolman' 
(3 Bände gr. 8° kartonirt) für 15 Mark (Ladenpreis 44 Mark) post- 
frei beziehen. 

Bücher oder Sonderabzüge, deren Anzeige oder Besprechung 
gewünscht wird, sind mit dem Vermerk k Zur Besprechung 9 oder dgl. 
dem Verleger oder einem der beiden anderen genannten Herren 
zuzusenden. 



Jahrbuch 



des 



Vereins für niederdeutsche Sprachforschung. 



Jahrgang 1888. 



XIV. 



KORDEN und LEIPZIG. 

Diedr. Soltau's Verlag. 
1889. 



Druck Ton Diedr. 8oltau in Norden. 



Inhalt. 



Seit« 

Rollenhagens Froschmeuseler und die protestantische Glosse zum Reinke Vos. 

Von Herrn. Brandes 1 

Der Jesusknabe in der Schule. Bruchstück eines niederrheinischen Schau- 
spiels. Von Joh. Bolte 4 

Weiteres über Dialekt- und Gaugrenzen. Von Heinr. Babucke. . . . 9 
Die Dialektmischung im Magdeburgischen Gebiete. (Mit Karte.) Von Rieh. 

Löwe 14 

Einleitung 14 

Geschichte der Sprache Magdeburgs 15 

Geschichte der Sprache des Magdeburger Landes 22 

Abstufung des hochdeutschen Einflusses 24 

Das Hochdeutsch im Magdeburger Lande 35 

Jüngere Beeinflussungen durch das Mitteldeutsche 44 

Beeinflussungen der kleinen Städte durch Magdeburg 46 

Abstufungen der Lokaldialekte nach Ständen 50 

Mundart des Dorfes Fahrenkrug in Holstein. Von H. Jellinghaus. . . 53 

Syderak. Von H. Jellinghaus 59 

SV erdener Liederbuch. Von Franz Jos t«s 60 

)ie Weinprobe. Aus einem alten Revaler Liederbuche. Von Joh. Bolte. 90 

Cur Geschichte der Leberreime. Von Herrn. Brandes 92 

Zur Geschichte der Leberreime. Von L. H. Fischer 95 

Niederdeutsche Rechenbücher. Von W. Crecelius 98 

>ie Vogelsprachen (Vogelparlamente) der mittelalterlichen Litteratur. Von 

W. Seelmann 101 

Niederdeutsche Vogelspraghe. (Aus einer Stockholmer Handschrift.) . 126 

Niederdeutsche Vogelsprache. (Aus einem Wiegendrucke.) .... 138 

Hochdeutsche Vogelsprache. (Aus einer Wiener Handschrift.) . . . 146 

am Sündenfall. Von Rob. Sprenger 148 

n Meister Stephans Schachbuch. Von Rob. Sprenger 153 

um Amringisch-föhringischen. Von 0. Bremer 155 

uzeige (Niederländische geistliche Lieder, herausgegeben von W. Bäumker). 

Von G. Kalff 158 



Rollenhagens Froschmeuseler und 
die protestantische Glosse zum Reinke Vos. 



Goedeke hat S. XXXIX seiner Ausgabe von Rollenhagens Frosch- 
meuseler bemerkt, dass Manches in der Dichtung den Eindruck er- 
wecke, als ob es aus dem Volksmunde geschöpft sei, dass man diese 
Abschnitte aber dennoch als des Dichters Eigentum anerkennen müsse, 
der es trefflich verstanden habe, „den Gedanken in treffende schlagende 
Worte zu kleiden*. Dieser Ansicht Goedekes ist Seelmann in seinem 
in der Allgemeinen Deutschen Biographie veröffentlichten Artikel über 
Georg Bollenhagen entgegengetreten, mit allem Rechte, da für jeden 
Kenner der mittelalterlichen Spruchpoesie die Unrichtigkeit der Be- 
hauptung Goedekes hinsichtlich des Besitzrechts Rollenhagens an den 
meisten der in den Froschmeuseler verpflochtenen Sprüche auf der 
Hand liegt. Rollenhagens Verdienst an dem Spruchreichtum seines 
Werkes besteht allein darin, dass er es nicht verschmäht hat, edles 
Gestein zu brechen, wo er es fand; selbst Fassung und Form rühren 
nur in einzelnen Fällen von ihm her. Eine reiche Fundgrube bot ihm 
wie anderen seiner Zeitgenossen die protestantische Glosse zum Reinke. 
Er schreibt die Glosse wörtlich aus, mit allen ihren kleinen Zuthaten 
und Veränderungen am Wortlaut, der beste Beweis, dass er ebenso 
wenig auf die Quellen, aus denen der Glossator schöpfte, zurück- 
gegangen ist wie der Compilator des Reimbüchleins, der ihr, wie ich 
in der Einleitung zu meiner demnächst erscheinenden Ausgabe der 
Glosse ausführlicher darlegen werde, einen nicht kleinen Teil seiner 
Sammlung entlehnte. 

Goedeke hat gleichsam als Belege seiner Ansicht mehrere Sprüche 
besonders herausgehoben. Gleich den ersten Spruch dieser Auswahl 
Froschin. I, 1, 9 (= Goed. S. 51 V. 287—288), der aus dem Freid. 
(61, 21—22) stammt: 

Gnüge ist besser denn zuuiel, 
Wenn mans nur recht bedencken wil. 

findet man in der protestantischen Glosse zum RV als Randglosse zu 

I, 8 wieder: 

Genoghe ys beter alse tbo vyll, 

So men ydt recht vorstan und mercken wylL 

Derselben Glosse IV, 2 Randgl. (RB 193—196 = Weltsprüche 8): 
Eyn yder lathe syck an dem benögen, 
Dat syck tho synem handel wyl vogen; 
Wert he darbaven tho vele begeren, 
So moth he groth unnd kleine entberen. 

Niederdeutsches Jahrbach. XTY. 1 



ist der zweite der von Goedeke angeführten Sprüche Froschm. I, 1, lö 
(Goed. S. 57 V. 184—187) entnommen: 

Ein jeder laß sich an dem gnugen, 
Was sich zu seim handel wil fugen; 
Wird er drüber zu viel begeren, 
So mus er groß vnd kleins entberen. 

Nebenbei bemerke ich, dass man in dem Umstände, dass sich V. 4 
dieses Reimspruches in den Weltsprüchen (So moth he dat groth und 
Idein mtbern) enger an den RV als an das RB (So moth he dat grate 
mit dem Jclenen entberen) anschliesst, vielleicht einen Beweis dafür zu 
sehen hat, dass ein Druck des Reimbüchleins existierte, älter als der, 
den Seelmann seiner Ausgabe zu Grunde legen konnte. 

Froschm. I, 1, 9 (Goed. S. 52 V. 297—298), Goedekes drittes Citat: 

Das best man billig wehlen sol, 
Das böß kömpt von ihm selber wol. 

lehnt sich an RV I, 1, 9 Randgl. (RB 1327—1328 = KW 33) an: 

Ein wyß man dat gude uthkesen schal, 
Dath ergeste kumpt noch alle dage wol. 

Zu den Sprüchen, die neben wörtlicher Entlehnung Abweichungen im 
Einzelnen zeigen, zählen Froschm. I, 1, 9 (Goedeke S. 51 V. 265 — 270): 

All freundschafft auch weyt vbertrifft 
Ein from Weib, das nichts böses stifft. 
Wenn alle freunde von dir gehen, 
Wird sie getrewlich bey dir stehen. 
Alles mit wagen, freud vnd leid, 
Zu deinem dienst alzeit bereit. 

und Froschm. I, 1, 10 (Goed. S. 54 V. 59—66): 

Denn wer lobet des Kuckucks singen 
Vnd der Schnecken meisterlich springen, 
Der Bawren tantz vnd Betler zehren, 
Von dem sagt man mit allen Ehren, 
Das er die Nachtgal nie hört singen, 
Sähe auch kein Leoparden springen, 
Kein Welschen tantz vnd Kauffleutessen, 
Oder hatt aller sinn vergessen. 

Der erstere entspricht RV I, 35 Randgl. (RB 761—768): 

Alle geselschop und frftnde avertrefft 
Ein fram wyff, de nicht quades stifft. 
So dy alle geselschop wert vorlan, 
Wert se dy alle tydt doch bystan. 
In sorgen steit by dy dyn wyff, 
Se waget by dy eere, gudt und lyff, 
Se truret mit ay in dynem leydt 
Und ys tho denen dy stedes bereyt. 

und der zweite ist die weitere Ausfuhrung von RV III, 9 Randgl. (aus 
Freid. 139, 19—22; = RB 280—283): 

Wol dar lavet der sniggen springent 
Und des Esels uthbundige syngent, 
De quam nicht, dar de Leopardt spranck, 
Noch dar de Nachtegale sanck. 



Diejenigen Sprüche, die ausser den genannten einerseits im Frosch- 
meuseler, andrerseits in der Glosse vorkommen, stelle ich in der nach- 
folgenden Uebersicht zusammen. Rollenhagens Dichtung ist nach Buch, 
Teil und Capitel citiert, in Parenthese ist auch die Seiten- und Vers- 
zahl von Goedekes Ausgabe beigefügt. 
Froschm. I, 2, 2 (Goed. S. 64 V. 7 — 8): Dieweil ein heymgeeogen 
Kind = RV I, 35 Gl. (Freid. her. von Sandvoss 139, 14 ab = 
RB 759—760; vgl. auch Altdeutsche Blätter 1, 11: Est puer in 
patria bos qui nutrüur in atüa aus einer dem 12. Jh. angehörenden 
Wiener Hs. mit dem Hinweise Haupts auf Gruter Floril. 1, 47: 
haimgesogen kindt ist bey leuten wie ein rindt): Ein yngetagen und 
unerfaren kindt. 
Froschm. I, 2, 6 (Goed. S. 83 V. 117—120): Denn wer alles ver- 
meint eu rechen = RV I, 13 Randgl. (RB 1225—1228): De alle 
dat vorment tho wreken. 
Froschm. I, 2, 7 (Goed. S. 86 V. 63—66): Gedenck, man sagt: 
Grawrock reiß nicht = RV I, 31 Randgl. (RB 808—810; vgl. 
Findlinge 1, 458 Nr. 199: 

Lieber Kittel, reiß nicht! 
Herrendienst erbet nicht. 

Hoffmann von Fallersieben Spenden 1, 54): Grawe rock ryth nicht. 
Froschm. I, 2, 8 (Goed. S. 88 V. 27—28): Denn wo man findt viel 

blinder geste = RV 1, 14 Randgl. (RB 1215—1216): Wor menn 

vele vyndet der Uynden geste. 
Froschm. I, 2, 12 (Goed. S. 104 V. 79—80): Denn geld, gewalt vnd 

Herrengunst = RV H, 9 Gl. (aus dem Narrensch. 46, 61 — 62 

= RB 454—455; vgl. Findlinge 1, 458 Nr. 200, Hoffmann von 

Fallersleben Spenden 1, 50 und bei Mone im Anz. f. Kunde d. 

deutschen Vorzeit 5 (1836), 342 aus einem in Gent befindlichen 

Stammbuch des 17. Jhs.): Gelt, nydt, Fr&ndtschop, Gewalt undgunst. 
Froschm. I, 2, 23 (Goed. S. 171 V. 81—84): trewer Freund, ein 

seltsam Gast = RV I, 34 Randgl. : untruwe /V&mft, ein seltsam 

gast. Nahe steht RB 2506—2509. 
Froschm. II, 2, 2 (Goed. S. 233 V. 439—440): Es ward auff Erden 

nie so schlecht — RV IH, 13 Randgl. (RB 10—13): Idt wart up 

erden nehe so siecht. 

Zwei der verzeichneten Sprüche lassen sich im RB nicht nach- 
weisen. Da sich ausserdem bei Rollenhagen keiner von den Sprüchen 
wiederzufinden scheint, die nicht aus der RV-Glosse in das RB gelangt 
sind, so ergiebt sich mit Sicherheit, dass jene Glosse eine Quelle für 
Rollenhagen gewesen ist, aus der er unmittelbar und im Wesentlichen 
wörtlich entlehnt hat. Bei den Zeitgenossen Rollenhagens fanden die 
von ihm in seine Dichtung verpflochtenen Sentenzen und Reimsprüche 
besonderen Beifall, wohl nicht zum mindesten deshalb, weil sie ihnen 
aus der Jugendzeit her bekannt und vertraut waren. Goedeke hat 
schon darauf aufmerksam gemacht, dass man aus der Thatsache, dass 
iu vielen Exemplaren der alten Drucke solche Bemerkungen und Lehren 

1* 



unterstrichen oder in anderer Weise handschriftlich hervorgehoben sind, 
auf das Interesse schliessen darf, welches die Leser ihnen zuwandten. 

Da jene Sprüche in keiner der zahlreichen hd. Uebersetzungen 
der protestantischen Glosse — auch nicht in der ältesten von 1544 
— stehen, so müssen wir weiter folgern, dass Rollenhagen den RV 
in einer niederdeutschen mit der protestantischen Glosse versehenen 
Ausgabe benutzt hat. Erwähnenswert ist, dass die Entlehnungen 
wenig über das erste Buch hinausgehen. 

Zur Entscheidung der mehrfach erörterten Frage (vgl. Zamcke 
in der Zs. f. d. A. 9, 378 und Reinke de vos her. von Prien S. XXVII), 
ob die von Rollenhagen in seiner Vorrede bezeichnete glossierte Aus- 
gabe des RV von 1522 wirklich vorhanden gewesen ist, vermag die 
obige Zusammenstellung nichts beizutragen. Da die nd. Bearbeitungen 
des Narrenschiffs ebenso wie der Freidank, die als Quellen des Glossators 
genannt sind, vor 1522 liegen, so bleibt die Möglichkeit ihrer Existenz 
bestehen. Lässt man aber Rollenhagens Zeugnis gelten, so ist man 
nach dem Vorstehenden wenigstens in der Lage zu behaupten, dass 
die protestantische Glosse von 1539 wesentliche Bestandteile der ver- 
loren gegangenen Glosse aufgenommen hat und sich abgesehen von 
Zusätzen aus Schriften, die zwischen 1522 und 1539 erschienen sind, 
kaum von dieser unterschieden haben wird. 

BERLIN. H. Brandes. 



Der Jesusknabe in der Schule. 

Bruchstück eines niederrheinischen Schauspiels. 

Das folgende Fragment entstammt einem Sammelbande von Köl- 
nischen Drucken, welcher einst dem Minoritenkonvent zu Fritzlar ge- 
hörte, dann in J. Grimms Besitz gelangte und sich jetzt, in vier Teile ! ) 
zerlegt, auf der Königlichen Bibliothek zu Berlin befindet. Er enthielt 
zumeist gereimte Heiligenlegenden, wie sie in den Jahren 1500 — 1520 
zahlreich in dünnen Quartheften, mit einigen Holzschnitten geziert, am 
Niederrheine verbreitet und vom Volke gern gekauft wurden, nämlich: 

1. Cato. 2. Marienklage. 3. Barbara. 4. Katharina. 5. Margarets, 
6. Ursula. 7. Salonion. 8. Amt Buschmann. 9. (ungewiss, an welcher Stelle) 
unser Fragment, 2 Quartblätter mit den Signaturen Ay und (jetzt weggerissen) Aiij. 

Die Nummern 2, 3, 6 und 8 sind mit der Bezeichnung 'Gedruckt hy 
Seruais Kruffter' oder 'vfF sant Marcellen straissen' versehen, und 
allem Anscheine nach sind auch die übrigen, denen ein Druckervermerk 
fehlt, aus derselben Officin hervorgegangen. Als Druckjahr müssen 
wir nach dem Wenigen, was wir über Kruffter wissen*), etwa 1520 

«) Sie tragen die Signaturen Wi 9358, Yg 6377, N 5162, Yp 7150. 
*) J. Franck, Allgem. deutsche Biographie 17, 212. 



ansetzen. Schon 1826 gab J. Grimm 1 ) eine kurze Nachricht über den 
Inhalt des Bandes, doch gerade ohne des letzten Stückes zu gedenken; 
dass dies aber wirklich daher stammt, ist durch eine handschrift- 
liche Notiz des hochverdienten Custos J. Schrader sichergestellt. 

Ein besondres Interesse darf dies Fragment deshalb beanspruchen, 
weil uns in ihm nicht eine epische Darstellung, sondern der Rest eines 
geistlichen Dramas vorliegt. Freilich scheint es noch teilweise im 
Banne des Epos zu stehen, da zwischen den einzelnen Reden, deren 
Überschriften durch doppelt grosse Schrift hervorgehoben werden, in 
V. 48 f. 66 f. 72 noch Spuren einer verbindenden Erzählung erhalten 
sind, die ich durch Klammern angedeutet habe, und man könnte deshalb 
das Stück auch nach dem Muster der in einem gleichzeitigen Kölner 
Drucke erhaltenen 'Historie van Lanslot vnd van die schone Sandrijn\ 
welche aus einem älteren niederländischen Schauspiele hervorgegangen 
ist*), als eine dialogische Erzählung bezeichnen. Doch auch im Wol- 
fenbütteler Theophilus, dessen dramatische Gestalt daher noch von 
dem ersten Herausgeber Bruns verkannt wurde, nehmen öfter die 
Bühnenanweisungen an der Reimform des Textes teil, z. B.: k Do sprah 
Theophilus \ jamerliken alsus'. Dass in unserm Falle die dramatische 
Form aus den erläuternden Beischriften von erbaulichen Bildern her- 
vorging, wie z. B. beim Spiegelbuch 8 ), ist durchaus unwahrscheinlich. 

Der Stoff ist dem grossen Legendenschatze entlehnt, mit welchem 
das Mittelalter die Jugendgeschichte des Erlösers ausgeschmückt hatte. 
Das Jesuskind wird in Nazareth von seiner Mutter in die Schule ge- 
bracht, um lesen zu lernen. Das Alphabet begreift es so schnell und 
treibt durch seine Lernbegierde den Schulmeister so in die Enge, dass 
dieser zum Stocke greift. Kaum aber hat er ihn gegen den unbe- 
quemen Frager gehoben, als er wehklagend zu Boden sinkt und stirbt. 
Joseph und Maria finden den Toten und wollen schon aus dem Lande 
fliehen, da sie ihn von Jesus erschlagen glauben; aber dieser belehrt 
sie, der Tote schlafe nur, und erweckt ihn. — Eine ähnliche Erzählung 
finden wir in den apokryphen Evangelien, welche den Lehrer Zachäus, 



') Kleine Schriften 4, 414; vgl. J. M. Wagner, Archiv f. d. Gesch. deutscher 
Sprache u. Dichtung 1, 558 (1874). Sonst sind diese Ausgaben mit Ausnahme der 
von W. Seelmann im Jahrbuch 6, 37, Q verzeichneten Nr. 8 nirgends genannt, wo 
von den darin enthaltenen Werken die Rede ist: bei E. Weller, Repertorium typo- 
graphicum, bei P. Norrenberg, Kölnisches Literaturleben (1873), 0. Schade, Geist- 
liche Gedichte vom Niederrhein (1854), F. Zarncke, Der deutsche Cato (1852): — 
Ich mache hierbei darauf aufmerksam, dass ein ähnlicher Sammelband nieder- 
rheinischer Legenden aus den Druckereien von Lijskirchen, Heinrich von Neuss, 
Jan van Landen zu Köln und Grüneck kürzlich von der Berliner Bibliothek er- 
worben worden ist: 1. Margareta. 2. Dorothea. 3. Katharina. 4. Ursula. 5. 
Anseimus. 6. Unser liever vroutcen clage. 7. Begynchyn van Parijs. 8. Cato. 
9. Eucharius, Valerius und Matemus. 10. Tundalus. 11. Amt Bosman (1506). 
Der Band gehörte früher dem Freiherrn von Arnswaldt; vgl. den 144. Antiquariats- 
katalog von 0. Harrassowitz in Leipzig (1888) Nr. 1215. 

*) Norrenberg, Kölnisches Literaturleben S. 34 f. 60—86. Zwei ältere nid. 
Text« bei Hoffmann von Fallersleben, Horae Belgicae 5, 1— -32. 6, 158—166. Moltzer, 
De middelnederlandsche dramatische poezie 1875 S. 141 — 182, vgl. LX. 

■) Vgl. meine Einleitung zu Strickers Düdeschem Schlömer (1889) S. *15. 



Zacharias oder Levi nennen *), und daraus abgeleitet in verschiedenen 
deutschen Dichtungen des Mittelalters, im grossen Passional S. 55, 1 — 56, 
19 ed. Hahn, in Bruder Philipps Marienleben V. 3985 — 4051 ed. 
Rückert, vgl. S. 362 u. a. 

Wir fragen endlich nach dem Inhalte des ganzen Stückes, dem 
das Bruchstück angehörte. Aus der glücklicherweise noch vorhandenen 
Signatur ergiebt sich, dass nur ein Blatt voraufging; dieses wird auf 
der Vorderseite den Titel nebst einem Holzschnitte, und auf der Rück- 
seite höchstens 20 Verse enthalten haben, in denen geschildert war, 
wie Maria ihren Sohn dem Schulmeister übergiebt. Wie gross der 
Umfang der ganzen Dichtung war und welche weiteren Begebenheiten 
in ihr zur Darstellung kamen, entzieht sich der genaueren Berechnung. 
Sicher aber beschäftigte sie sich nicht mit dem ganzen Leben und 
Leiden Christi, — eine solche Dichtung hätte mit der Geburt zu 
Bethlehem anheben müssen — sondern umfasste nur eine beschränkte 
Anzahl von Wunderthaten des Herrn, vielleicht lediglich aus seiner 
Kindheit und nach apokryphen, dem Geschmacke der Zeit besonders 
zusagenden Quellen. 



[Jesus sprach:] 



[Ay a] Ich wil dat yr mich lert vnd twinckt? 
Der meister sprach: 
Jesus du en darffs dich niet veruieren 
Ich hoffen ich sül dich wail leren. 
Nu sprich mir na, A b c d e f g h § ). 
Jesus zo dem meister. 
5 Meister en sal ich hauen nümme? 
Der meister zo Jesu sacht 
Jesus ich en wyl dich niet verladenn 
Du bist noch junck, nu lais dir raden. 
Du mochtz yd licht vergessen also, 

Jesus sprach: 

Ja Meister is dat van dem Credo? 
Der meister sprach: 
10 Jesus wiltu van dem Credo sprechen 
Du mochts mich buissen keren stechen. 
Jesus sage mir na, hiklmnop, 
Des haistu genoich tzo leren hude. 

Jesus zo dem meister 
Meister ich en hain niet genoich, 
15 Myn moder was arm die mich droig. 



*) Rud. Hofmann, Das Leben Jesu nach den Apokryphen (1851) S. 213—227. 
R. Reinsch, Die Pseudoevangelien von Jesu und Marias Kindheit in der romanischen 
und germanischen Litteratur (1879) S. 97. 113. 119 u. a. 

*) Wie der Beim lehrt, ist he zu lesen, nicht ha. 



Der meister sprach 

Dyn moder bat mich die frawe fyn, 
Dat ich dir eyn gut schoilmeister wold syn. 
[ Ai Jt>] Jesus sprach: 

Meister ich sagen vch geynen danck, 
Dat yr mich sparen kurtz off lanck. 
20 En kan ich myn letze iriet lesen, 
So wil ich van vch geschlagen wesen. 

Der meister sprach: 
Nu sage mir na, p q r s t, 
Haistu genoich, off wiltu me. 

Jesus sprach 

Meister ich wil dat yr mich hört, 
25 Kan ich myn letze, so geuet mir vort. 

Der meister zo Jesu sacht 

Nu sag vp dyn letze van anbegynne 

Ich en sach nye kynt van sulchem synne 

Haistu yd so bald vernomen, 

So en darfstu niet me tzo scholen komen. 
30 Du salt vorder komen dan ich 

Myt all miner lerung duncket mich. 

Van wafi kumpt dir dese wijßheit, 

Du dunckes mich syn ein propheit. 

Want du sprichs viß Godes mond, 
35 Des gifft dir der hilge geist vrkond, 

Ader du bist der wäre Messias. 

Dair Moses van spricht vnd laß 

Jesus sprach: 

Süesse meister wilt yr mich h5ren, 
[Aiij a] Laist mich dafi dat blat vmkeren. 
40 Want dese syde kan ich wae 1 ), 

Der meister sprach 

Jesus du bist mir vil tzo schnei 
Du drijffs mich me dan ich vermach 
Sal ich dan desen gantzen dach 
Oeuer dir tzo brengen myn zyt 

45 Als wer ich in einem strijt. 

Ich en vörten mich niet also sere 
Vur dem doid sprechen ich vp myn ere. 
(Der meister wold yd Jesus v'dragen niet 
Vnd schloig jn, vnd schalt jn do quijt.) 
Jesus sprach: 

50 Meister warumb schlaidt yr mich, 
Des ich mich entsyen vur euch. 

') l waü. 



8 

Myn letz ich besser kan dan yr 
Dat bewysen ich al hyr. 
Bericht mich wat bedüdet dat A, 
55 Vnd warumb dat B steit darna. 

Vnd wat sy bedüden in dem Abcd, 
Des fragen ich vch myn off me. 

Der meister sprach: 

Eyn kynt mir tzo der scholen quam 

Dat ich tzo leren ane nam 
60 Hait mich ouerwonnen ym A b c, 

Ich weiß niet wat ich sal sagen me. 

seluer schaden gedain, 

hain bestain. 

[Aij b] Myr is so wee ich kan niet gedüren 
65 Ich mois steruen in kurtzer vren. 

(Rechte vort was der meister doit. 

Des qua Maria vfi Joseph in groisse noit.) 

Joseph zo Marien sprach 

Maria mir moissen rumen dyt lant, 

Want wir hain so manchen vyant 
70 Jesus hait synen meister doit geschlagen, 

Dair moissen wir scholt an hauen 

(Maria sprach,) Höre lieue kynt myn, 

Dat men van dir saget, is mir pijn. 

Ich en kans niet langer verdragen 
75 Dat men ouer dich sal clagen. 

Dattu dinen meister hais doit geschlagen 

Dat schent vns vnd alle vnse magen. 

Jesus sprach: 

Lieue moder dat wil ich vch sagen, 

Dattu niet en darffes fragen. 
80 Vnd wil des bescheyden dich, 

Sage warumb schloig he mich 

Ich kond myn letz besser dan he, 

Wan ich jn fraegde was ader wie. 

Des en kond he mir niet gesagen 
85 Darumb han ich jn doit geschlagen. 

Sijt tzo freden ich sal dair gain, 

Dat sal jm tzo freuden ergain. 

He schleefft, ich doin jn weder vpstain. 

Hie weckt Jesu[s . . . 
BERLIN. Johannes Bolte. 



Weiteres über 
Dialekt- und Gaugrenzen. 

F. Jostes in Münster hat meinen Aufsatz „Über Sprach- und 
Gaugrenzen zwischen Elbe und Weser" (Jahrbuch Jahrgang 1881 [1882]) 
im Jahrbuch 1885 XI p. 95 einer Besprechung unterzogen, welche den 
in Rede stehenden Gegenstand in dankenswerter Weise fördert. 

Ich hatte im Jahrbuch 1881 p. 74 behauptet: „1) Lebhafter 
Verkehr ver schleift die gesonderten Dialektformen, und 2) er- 
hebliche Hindernisse desselben erhalten die Besonderheiten der 
Aussprache auch in räumlich ganz nahe gelegenen Ortschaften. u In 
Beziehung auf den ersten Punkt ist Herr Jostes — wie natürlich bei 
einer fast selbstverständlichen Sache — mit mir einer Meinung und 
führt aus der Südspitze der jetzigen Landdrostei Osnabrück einige 
Beweise dafür an. Ich kann auch meinerseits noch weitere bestätigende 
Zeugnisse dazu anfuhren. R. Rackwitz sagt in seiner Schrift „Zur 
Volkskunde von Thüringen. u Halle. 1884. p. 25: „Interessant ist es zu 
beobachten, dass sich die Bergdörfer eine Anzahl eigentümlicher Wort- 
formen bewahrt haben, während die Flachlanddörfer, zumal die 
Bahnstationen, zum grossen Teil schon Schriftdeutsch sprechen." 
Professor L. Tobler drückt sich in demselben Sinne so aus: „Die 
mundartlichen Besonderheiten sind heute geringer, als sie noch vor 
100 Jahren gewesen sein müssen, weil seither fortschreitende Verbreitung 
der Schriftsprache, Erleichterung des Verkehrs und die Nieder- 
lassung ausgleichend gewirkt haben. u („Ethnographische Gesichts- 
punkte der Schweizerdeutschen Dialektforschung u im 12. Bande des 
Jahrbuchs für Schweizerische Geschichte. Zürich. 1887. p. 183 ff.) 

Zur Ausführung des zweiten Punktes hatte ich gesagt: „Wenn 
man sich in eine Zeit zurückversetzt, wo noch nicht Brücken über 
jeden Fluss, Wege durch jeden Wald, Fusspfade über jeden bewaldeten 
Bergrücken, Steege durch jedes Moor vorhanden waren, so erkennt 
man schon in Flüssen, Wäldern, bewaldeten Bergrücken, Mooren die 
trennenden Scheidewände zwischen dialektischen Besonderheiten. Und 
die Wirksamkeit dieser natürlichen Scheidungen musste durch die 
wiederum von ihnen bewirkten politischen Verschiedenheiten nur noch 
stärker werden." Jostes sagt nun hierauf, ich sei der Ansicht, dass 
die Differenzierungen sich erst gebildet hätten, als die Bewohner zu 
beiden Seiten der Grenze schon so sassen, wie sie jetzt sitzen. 
Er hält das für unrichtig und fährt dann fort: „Es ist ja richtig, dass 
Flüsse, Bergketten u. s. w. Dialektgrenzen bilden, aber sollte das nicht 
deshalb so sein, weil die Kolonisten (nämlich beim Einrücken in 
diese Gebiete) vor diesen Grenzen Halt machten?" Gewiss, das 
ist auch meine Meinung, und wenn ich sagte, erhebliche Verkehrs- 
hindernisse hätten die Besonderheiten der Dialekte erhalten, so liegt doch 



10 

darin zunächst ( — wenn auch nicht ausschliesslich, worüber später 
ein Wort — ) dass ich gemeint habe, die Besonderheiten wären schon 
vor dem Einrücken in die neuen Wohnsitze vorhanden gewesen. 

In der Urzeit ist nämlich der Gau diejenige politische Einheit, 
welche sich durch Einwanderung eines in sich geschlossenen Volks- 
teils in ein noch unbesiedeltes oder einer dort schon vorhandenen 
Völkerschaft entrissenes Gebiet innerhalb gewisser natürlicher 
Schutz- und Trennungsgrenzen bildete. Vergegenwärtigen wir uns 
an der Hand eines bewährten Forschers den Vorgang bei der Begründung 
eines germanischen Gaues ! ) : „Der wandernde Gau, welcher einen Teil 
der Völkerschaft bildete, erhielt wohl durch gemeinsamen Beschluss der 
Versammlung der Völkerschaft (z. B. der Cherusker) seinen Teil des 
eroberten oder ohne Kampf besetzten Landes zugewiesen, welchen er 
dann unter die Hundertschaften, die Dorf- und Hofgemeinden, selbst 
weiter zu verteilen hatte." „Das gesamte, dermassen dem Gau zuge- 
teilte Land ward nun in drei Gruppen gegliedert, Grenzwald, Allmännde, 
und Sonder-Eigen. Der Grenzwald bestand aus schwer durchdringbarem 
Urwalde, der oft Sümpfe, Seeen, Gebirge einschloss und die beste natür- 
liche Schutzwehr bildete gegen Einfälle feindlicher Nachbarn*)." — 

Also wir beide, Jostes und ich, sind der Ansicht, dass die ur- 
sprünglichen Gaugrenzen dadurch entstanden, dass die Kolonisten beim 
Einrücken vor natürlichen Verkehrshindernissen Halt machten und dass 
durch eben diese Hindernisse eine unmittelbare Berührung von Völker- 
stämmen, die einander entgegenrückten, verhindert wurde. 

Von hier ab beginnt jedoch in zweifacher Hinsicht eine Differenz 
unserer Anschauungen. 

1) Jostes meint, dass die auf einander zurückenden Völkerstämme 
oder Volksteile ihre dialektischen Besonderheiten schon mit- 
brachten, wodurch es sich auch erkläre, dass manchmal (J. fuhrt aus 
dem südlichen Westfalen einen vermeintlichen solchen Fall an) die 
Dialekt grenze nur durch eine geographische Linie, gar nicht durch 
Bodenhindernisse gebildet werde. Ich läugne zunächst dieses ursprüng- 
liche Vorhandensein dialektischer Besonderheiten durchaus nicht, im 
Gegenteil glaube auch ich, dass in jedem in sich geschlossenen, auf 
der Wanderung begriffenen Volksstamm schon besondere Gruppen mit 
gesonderter Färbung der Aussprache vorhanden gewesen sein werden 3 ). 
Dass jedoch in der Urzeit dieser wandernde Stamm bis unmittelbar 

*) Felix Dahn, Bausteine. VI. Berlin. 1885. p. 95 f. 

') Vergl. meinen Aufsatz im Oster-Programm des Altstädtischen Gymnasiums 
zu Königsberg. Pr. 1886. 

") Vergl. Tobler a. a. 0. : „Aus der altgermanischen Volksverfassung ist zu ver- 
muten, dass innerhalb der Gesamtmasse der Alamannen kleinere Stämme bestanden 
und bei der Einteilung der einzelnen Gaue irgendwie mitbestimmend waren." — „So 
werden auch innerhalb eines einzelnen Dialekts wie des alamannischen seit alter Zeit 
wieder mundartliche Besonderheiten als Anfänge der späteren bestanden haben." — 
Derselbe („Die lexikalischen Unterschiede der deutschen Dialekte" in der Festschrift 
zur Begrössung der 1887 in Zürich tagenden 39. Versammlung deutscher Philologen 
und Schulmänner. Zürich. 1887. p. 91 ff.): „Strenge Einheit der Sprache hat auch 
in ältester Zeit und in verhältnismässig engem Volkskreise nirgends bestanden. 
Ansätze zu dialektischer Spaltung haben sich schon früh und überall gebildet" 



11 

an einen andern sesshaften Stamm herangewandert sein sollte, ohne 
irgendwelche natürliche Schutzwehr aufzusuchen, so dass sich gewisser- 
maßen beide Stämme, nur durch jene „geographische Linie" geschieden, 
auf offenem Blachfelde die Hand gereicht hätten, das scheint mir den 
Bedingungen unsers frühesten Volkslebens zu widersprechen, und die 
Annahme einer rein geographischen Linie als Stammes- oder Dialekt- 
grenze trifft auf mein entschiedenes Misstrauen. Es ist ganz richtig, wie 
Jostes sagt, es kommt hier alles auf Einzelbeobachtung an. Sehen wir 
also zu, was J. für seine Ansicht anführt. „Die Südspitze der jetzigen 
Landdrostei Osnabrück stösst an drei verschiedene Länder, nach keiner 
Seite hin ist eine Naturgrenze vorhanden, ja, der Teutoburger 
Wald schneidet die osnabrückischen Dörfer Iburg, Glane, Glandorf, Laer 
u. s. w. ganz von dem übrigen Osnabrücker Lande ab, und doch 
sprechen ihre Bewohner denselben Dialekt, der in den Dörfern nördlich 
des Gebirges gesprochen wird, und zwar hebt sich dieser Dialekt von 
dem münsterländischen scharf genug ab. Die Grenze wird nicht 
einmal durch die zwischen zwei Dörfern liegenden Fluren gebildet, 
sondern ist, wie gesagt, bloss eine geographische Linie." 

Dies ist freilich sehr merkwürdig und könnte, wie es scheint, meine 
Ansicht von dem Zusammenfallen von Dialektgrenzen mit natürlichen 
Verkehrshindernissen sehr erschüttern. Aber hat denn dieses unmittel- 
bare Nebeneinanderwohnen der osnabrückischen und der münsterlän- 
dischen Bauern schon von jeher und schon seit der Urzeit statt- 
gefunden? Gab es denn dort gar keine natürlichen Verkehrshindernisse? 
Hören wir Jostes selbst. „In Urkunden des 9. (10.) Jahrhunderts, welche 
die Grenzen des Bistums Osnabrück angeben, erscheint das jetzige 
Amt Iburg als ein grosser Wald." „Nach der Volkssage sind 
die südlichsten osnabrückischen Dörfer die jüngsten und aus 
den Urkunden lässt sich die Richtigkeit der Sage nachweisen." 

Bessere Zeugnisse für meine Ansicht kann ich mir gar nicht 
wünschen. Also hat ursprünglich kein unmittelbares Nebeneinander- 
wohnen stattgefunden, jene genannten südwärts über den Teutoburger 
Wald hinausreichenden Dörfer sind erst später entstanden, nachdem 
der ursprünglich trennende „grosse Wald" durch fortgesetzte 
Rodungen so gänzlich beseitigt war, dass dort Iburg angelegt werden 
konnte, so dass ich als Bestätigung meiner Ansicht nichts besseres und 
überzeugenderes zu sagen wüsste, als was J. selbst folgendermassen sagt: 
,,Die von der Hase kommenden Kolonisten drangen mit ihren Rodungen 
immer weiter vor, bis sie zur Grenze kamen, an der auch die von der 
andern Seite kommenden Kolonisten Halt machen mussten." Natürlich, 
aber erst, nachdem bereits Jahrhunderte lang Trennung bestanden 
hatte. So werden sich wohl noch viele, scheinbar nur durch „geogra- 
phische Linien" gebildete Dialektgrenzen bei genauer historischer Unter- 
suchung als ursprünglich durch natürliche Bodenbeschaffenheit bedingt 
herausstellen. 

2) Nun wende ich mich zu dem zweiten Punkte, in dem ich von 
Jostes abweiche. Derselbe sagt: „Babucke stellt sich die Sache offenbar 
so vor, dass die Differenzierungen (der Dialekte) sich gebildet hätten, 



12 

als die Bewohner zu beiden Seiten der Grenze schon so sassen, wie sie 
jetzt sitzen." Er hält diese Ansicht für falsch und will nur ursprünglich, 
d. h. vor dem Einrücken in die späteren Wohnsitze schon vorhandene 
Dialektunterschiede gelten lassen. Ich habe eben gesagt, dass auch ich 
der Ansicht bin, dies sei meistenteils wirklich der Fall gewesen; dass 
dies jedoch immer und überall der Fall gewesen, möchte ich* doch 
nicht so ohne weiteres annehmen. Stellen wir uns mit Felix Dahn eine 
wandernde Gaugemeinschaft vor. Gewöhnlich wird dieselbe, um feste 
Wohnsitze zu erlangen, bemüht gewesen sein, entweder mit Güte oder 
mit Gewalt ein Gebiet zu gewinnen, welches innerhalb gewisser natür- 
licher Schutzgrenzen für die ganze Gaugenossenschaft genügte. Gar 
nicht selten jedoch werden sich, wenn das Land hiezu nicht ausreichte, 
kleinere Teile der Gemeinschaft genötigt gesehen haben, weiter zu 
wandern, bis auch sie ein ihnen zusagendes Gebiet erlangten; oder das 
ganze Gaugebiet konnte sich auch aus kleineren Abschnitten zusammen- 
setzen, von denen jeder für sich von natürlichen Schutzwehren eingehegt 
war, so dass dann der sesshaft gewordene Gau sich aus einer Anzahl 
von kleineren „Kantonen", um diesen modernen Ausdruck hier anzu- 
wenden, zusammensetzte. Wir wissen aber, dass unter solchen Ver- 
hältnissen noch jetzt regelmässig Differenzierung des ursprünglich ein- 
heitlichen Dialekts einzutreten pflegt. Tobler sagt (im Jahrbuch für 
schweizerische Geschichte. Zürich. 1887. p. 1S5), nachdem er von der 
grossen Mannigfaltigkeit der Dialekte im Schweizergebiet gesprochen 
hat: „Freilich brauchen diese Verschiedenheiten nicht alle auf alte 
Grundlage zu ruhen. Wenn nach Grimms Ansicht (Geschichte der 
deutschen Sprache. 3. Aufl. p. 578) Dialekte und Mundarten sich „vor- 
schreitend" entfalten, d. h. aus einer ursprünglich einheitlichen Sprache 
erst im Laufe der Zeit durch zunehmende Spaltung hervorgehen, so könnte 
auch alle sprachliche und die mit ihr zusammenhängende übrige Beson- 
derung erst ein Produkt späterer Entwickelung sein." Dass nun gerade 
„alle" heutzutage beobachtete Besonderung durch natürliche Abge- 
schlossenheit des Wohnorts, durch politische strenge Absonderung 
u. s. w. entstanden sei, ist freilich nicht meine Ansicht, wohl aber 
die, dass eine solche Möglichkeit keineswegs auszuschliessen sei. 

Heutige Dialektverschiedenheiten können also entweder schon 
ursprünglich in die jetzigen Wohnsitze mitgebracht sein ( — dies ist 
die alleinige Möglichkeit, die Jostes zulässt — ) oder sie können auch 
daselbst erst entstanden sein. 

Für beides bietet die Provinz Preussen Beweise. 

Es strömten hierher zur Zeit der Herrschaft des deutschen Ritter- 
ordens die Kolonisten aus allen deutschen Gauen zusammen und zerstreuten 
sich über die ganzen ihnen zur Besiedelung überlassenen Landgebiete, so 
dass die Sprache der deutschen Bevölkerung in der heutigen Provinz 
Preussen ursprünglich ein Gemisch fast sämtlicher deutschen Dialekte war. 
Keineswegs wurde etwa die Gegend um Insterburg ausschliesslich mit 
Westfalen, die Stadt Königsberg mit Thüringern u. s. w. besetzt. Und 
doch spricht heute der Insterburger einen einheitlichen, besonders ge- 
arteten Dialekt, ebenso der Königsberger, der Elbinger u. s. f. Durch 



enges Zusammenwohnen und durch relative Absonderung von den übrigen 
Städten hat sich hier eben an allen diesen Orten ein neuer, besonderer 
Dialekt erzeugt. Wie viel mehr musste dieses in der urgermanischen 
Zeit der Fall sein, wo Abgeschlossenheit und Schutz nach aussen hin 
gesucht wurden. 

Andrerseits giebt es aber in unsrer Provinz auch einzelne Ge- 
genden, welche fast ausschliesslich durch Kolonisten aus einem einzelnen 
deutschen Gebiete besetzt wurden. So glaubt man in den Ermländern 
(das Ermland umfasst die Kreise Braunsberg, Heilsberg, Rössel und 
Alienstein) hauptsächlich schlesische Kolonisten zu erkennen*). Das Erm- 
land war eins der vier Bistümer des Ordenslandes, kam 1466 unter pol- 
nische Herrschaft, während der übrige Teil des heutigen Ostpreussens 
unter der Herrschaft des Hochmeisters verblieb, erhielt sich rein katho- 
lisch, während sonst ganz Ostpreussen zur Zeit Luthers evangelisch wurde, 
und kam erst 1772 wieder zu Preussen zurück. Infolge dieser drei Jahr- 
hunderte währenden scharfen Absonderung hat sich der ursprüngliche 
Dialekt der Ermländer so kräftig erhalten, dass man denselben sofort 
heraushört, so wie man über die ermländische Grenze tritt. 

Die letzten Worte des betr. Aufsatzes von Jostes: „Wollen wir 
nicht den festen Boden unter den Füssen verlieren, so müssen wir 
Schritt vor Schritt in die Vorzeit zurückgehen und zusehen, ob die 
jetzige Dialektgrenze nicht auch die Rodungsgrenze eines Stammes 
gebildet hat,* haben meinen vollen Beifall. 

Ich bin Jostes für die Anregung, welche er mir zu erneuter 
Prüfung dieser so interessanten Frage gegeben hat und für mancherlei 
Förderndes und Belehrendes, welches der Aufsatz enthält, zu aufrich- 
tigem Danke verpflichtet. 

Schliesslich kann ich nicht umhin, meiner Genugthuung darüber 
Ausdruck zu geben, dass die meines Wissens von mir zuerst gemachte 
Beobachtung von dem Zusammenfallen heutiger Dialekt- mit alten Gau- 
grenzen jetzt auch von andern Seiten Bestätigung findet. Tobler sagt 
(im Jahrbuch für schweizerische Geschichte. Zürich. 1887. p. 185): „Noch 
heute bestehen in der Schweiz neben der halb eingeführten politischen 
Einheit eine Menge Besonderheiten in der Bevölkerung, nicht sowohl der 
einzelnen Kantone (deren Grenzen ja meistens später und künstlich her- 
gestellt worden sind), als einzelner grösserer Gebiete, welche alten 
Gauen entsprechen mögen, und zwar nicht nur in der Sprache, 
sondern auch in der leiblichen und geistigen Anlage der Bewohner und 
den davon abhängigen Sitten. u — Derselbe (a. a. 0.): „Merkliche Unter- 
schiede (in der Sprache) treten erst hervor, wenn wir das Gesamtgebiet 
in zwei grössere Hauptmassen teilen. Der Durchschnitt zwischen Ost 
und West scheint am ergiebigsten auszufallen, und zwar dort, wo etwa 
um das Jahr 900 die Grenze des späteren kleinburgundischen 
Reiches (gegen die alamannische Bevölkerung) verlief." 

*) Noch heute sagt man von einzelnen Strichen im Ermlande: Die Leute 
sprechen dort „Breslauisch". 

KÖNIGSBERG i. Pr. Heinrich Babueke. 



14 



Die Dialektmisehung 
im Magdeburgisehen Gebiete. 

Einleitung. 

Das in der vorliegenden Arbeit zu behandelnde Gebiet habe ich 
so abgegrenzt, dass es eine möglichst grosse Abstufung des mittel- 
deutschen Einflusses auf das Niederdeutsche darbietet. Die Umgrenzung 
wird durch Magdeburg, Rothensee, Ebendorf, Ochtmersleben, Drux- 
berge, Schermke, Oschersleben, Hadmersleben, Egeln, Schneidlingen. 
Wolmirsleben, Altenweddingen, Welsleben, Westerhüsen, Fermersleben 
gegeben; historisch genommen macht das Gebiet etwas mehr als das 
mittlere Drittel des Nordthüringgaues nebst einem schmalen Nordost- 
strich des durch die Bode von demselben getrennten Schwabengaues aus. 

Die Mischung in unserem Gebiete steht in Zusammenhang mit 
derjenigen Dialektmischung, die das westlich wie östlich sich an- 
schliessende Niederdeutsch erfahren, sowie mit derjenigen Dialektver- 
schiebung, die zu beiden Seiten der Saale stattgefunden hat. 

Für diese Striche dienten mir ausser Firmenich als Quellen: 
H. Waeschke, Über anhaltische Volksmundarten in „Mittheilungen 
des Vereins für Anhaltische Geschichte und Altertumskunde *, Bd. II 
(1880), S. 304 ff. u. S. 389 ff., Damköhler, Zur Charakteristik des 
niederdeutschen Harzes, Halle 1886, ferner „Der richtige Berliner in 
Wörtern und Redensarten", 4. Aufl., Berlin 1882, Bruno Graupe: 
De dialecto Marchica, Berolini 1879. Für das angrenzende Gebiet 
benutzte ich: Albrecht, Leipziger Mundart, Leipzig 1881. 

In den Fragen über die Dialektverschiebung verwertete ich ferner 
das hierfür grundlegende Werk „Monumenta inedita rerum Germa- 
nicarum praecipue Magdeburgicarum et Halberstadensium, Tomus I, 
qui Georgii Torquati annales continet*, 1760 vonBoysen heraus- 
gegeben. Torquatus schrieb sein Buch 1567 — 1574 und war nach 
seiner eigenen Angabe praefatio S. 9 geborener Sudenburger und 
Geistlicher in Neustadt-Magdeburg. 

Vorbemerkungen zur Transskription. 

In meiner Transskription habe ich mich möglichst an die herkömmlichen 
Zeichen angeschlossen. Im übrigen habe ich alveolares r durch r, uvulares durch R 
ausgedrückt, w ist bilabialer, v labiodentaler stimmhafter Spirant. Die langen 
offenen Vokale sind durch ein übergesetztes ~, die langen geschlossenen durch ein 
übergesetztes A gekennzeichnet worden. 

Alle feineren phonetischen Unterschiede durften als für den Zweck meiner 
Arbeit unwesentlich unbezeichnet bleiben. So sind z. B. alle secundaren Stärke- 
unterschiede der einzelnen Laute (vgl. Sievers, Phon. § 9), z. B. das stete Eintreten 
der Fortis im Inneren des Wortes nach kurzem Vokale nicht bezeichnet worden. 



15 



Auch habe ich die diphthongischen Vertretungen des aa. e aas urgerm. ai, des aa. 
o aus urgerm. an sowie die übrigen ihnen phonetisch gleichen Diphthonge nach 
gewöhnlicher Wiedergabe als ai und an belassen, obwohl hier die zweiten Kom- 
ponenten kurzes geschlossenes e und kurzes geschlossenes o repräsentieren und 
auch ihre sonantischen Bestandteile kein reines a auszumachen scheinen. Ich be- 
merke noch, dass mein Zeichen ö (lautgesetzlich für gemeindeutsches & und ton- 
langes urgerm. a) nicht die organische Länge des von mir mit o bezeichneten Lautes 
darstellt wie e die des e, sondern einen etwa in der Mitte zwischen reinem offenem 
ä und der organischen Länge dieses o liegenden Vokal. 



Abkürzungen 

Aid. = Alikendorf. 

Apf. = Ampfurth. 

Awd. = Altenweddingen. 

Bck. = Buckau. 

Bckd. = Bleckendorf. 

Bed. = Beiendorf. 

Bltz. = Brelitz (Buch). 

Bmb. = Blumenberg. 

Bmd. = Bottmersdorf. 

Brd. = Bahrendorf. 

Dbg. =r Druxberge. 

Ddd. = Dodendorf. 

Dks. = Drakenstedt. 

Dl. = Dreileben. 

Dml. = Domersleben. 

Dsd. = Diesdorf. 

Ebd. = Ebendorf. 

Eg. =r Egeln. 

Etgl. = Etgersleben. 

FmL sss Fermersleben. 

Gr. 6ml. = Gross Germersleben. 

Kl. Gml. = Klein Germersleben. 

Gthd. = Gunthersdorf. 

Hdd. = Hohendodeleben. 

Hmd. =ä Hemsdorf. 

Hml. ss Hadmersleben. 

Lmd. = Lemsdorf. 

Lwd. = Langenweddingen. 

Mb. = Magdeburg. 

(St-Mb. = Stadtmagdeburgisch.) 

(Sch.-Mb. = Schiffermagdeburgisch.) 

Kl. Med. = Kloster Meiendorf. 



der Ortsnamen. 

Ndd. = Niederndodeleben. 

Ns. « Neustadt. 

Oml. = Ochtmersleben. 

Oschl. = Oschcrsleben. 

Kl. Oschl. = Klein Oschersleben. 

Gr. Otl. =r Gross Ottersleben. 

KL Otl. = Klein Ottersleben. 

Ovs. * Olvenstedt. 

Owd. = Osterweddingen. 

Psd. = Pesekendorf. 

Gr. Rdl. = Gross Rodensieben. 

Kl. Rdl. = Klein Rodensieben. 

Rkl. = Remkersleben. 

Rths. = Rothensee. 

Schk. = Schermke. 

Seh lg. = Schneidlingen. 

Schnb. = Schwaneberg. 

Schntz. s= Schleibnitz. 

Sdb. as Sudenburg. 

Sdf. == Sülldorf. 

Sh. = Seehausen. 

Sk. = Salbke. 

Sl. = Sohlen. 

Stm. = Stemmern. 

Tth. = Tarthun. 

Wh. == Westerhüsen. 

Win. = Wellen. 

Wml. = Wolmir8leben. 

Wseg. = Westeregeln. 

Wsl. = Welsleben. 

Wzl. = Wanzleben. 

Kl. Wzl. = Klein Wanzleben. 



Geschichte der Sprache Magdeburgs. 

Nach Winter, Forsch, z. d. G. XIV, S. 344 schrieben die Erzbischöfe 
seit 1327 ihre Urkunden hochdeutsch, während das Domcapitel die seinigen 
noch lange Zeit mit Vorliebe in niederdeutscher Sprache ausstellte. Auch 
die beiden ältesten erhaltenen deutschen Urkunden der Magdeburger 
Erzbischöfe aus den Jahren 1299 und 1305 sind niederdeutsch abgefasst. 
Winter erklärt dies folgendennassen: „Die Kirchenfursten waren bis 
auf Erzbischof Otto, der im Jahre 1327 die Würde erhielt, fast aus- 
nahmslos aus dem eigenen Domcapitel hervorgegangen und, wenn auch 
vielfach mitteldeutschen Familien entsprossen, doch so in die nieder- 



16 

sächsischen Traditionen eingeweiht, dass das Niedersächsische, für sie 
und ihre Kanzlei Amt- und Verkehrssprache bildete. Seit dem Jahre 
1327 aber wurde den Magdeburgern eine fortlaufende Reihe von Erz- 
bischöfen aus dem Süden, die ihre Schreiber aus ihrer Heimat mit- 
brachten und das Mitteldeutsche als Kanzleisprache einführten, von 
Papst und Kaiser aufgezwungen. u 

Die eigentliche Einfuhrung des Mitteldeutschen in Magdeburg 
begann jedoch erst zur Zeit der Reformation, wie sie Hülsse, Ge- 
schichtsblätter f. Stadt u. Land Magdeb. Bd. XIII, S. 150 ff. aus- 
führlich geschildert hat. Mit Recht hebt derselbe S. 155 hervor, dass 
dort die Reformation fast alleinige Ursache zur vollständigen Annahme 
der gemeinen Schriftsprache und damit indirekt einer hochdeutschen 
Volkssprache geworden ist: wie Magdeburg wohl zuerst die evangelische 
Lehre öffentlich eingeführt, so habe es auch in Bezug auf die Sprache 
ihr zuerst die volle Herrschaft eingeräumt. 

Und so müssen denn auch mit den studiosi adolescentes, welche 
die Akademieen Leipzig und Wittenberg besucht hatten und zur Ein- 
führung des Meissnischen in ihrer Heimat beitrugen, an jener Stelle 
des Torquatos*) auch Angehörige der Stadt Magdeburg gemeint sein. 
Dem entsprechend wurden p,uch nach Hülsse a. a. 0. S. 157 alle 
Magdeb. Bücher, die einen mehr wissenschaftlichen Inhalt hatten, z. B. 
die während des ersten Magdeb. Krieges von Magdeburg ausgegangenen 
Streitschriften, von Anfang an seit Einführung der Reformation hoch- 
deutsch gedruckt; nur Bibeln und die meisten Gesangbücher, die für 
die niederen Stände, besonders auch für das Landvolk berechnet waren, 
erschienen noch in niederdeutscher Sprache. Die jungen Gelehrten, 
insbesondere die jungen Theologen, waren es also, welche der als 
Gemeinsprache auftretenden Mundart zuerst Eingang in Mb. verschafft 
hatten. Damit stimmt es auch überein, wenn Torquatus S. 107 die 
unausgesetzte Pflege des Meissnischen geradezu als Aufgabe der Diener 
des Staates und der Kirche bezeichnet: 'Nos etiam, qui aliquando 
causas publice acturi sumus aut ad Ecclesiam dicturi, suscipiamus 
aliquam saltem Saxonicae linguae excolendae curam, et ad Misnicam 
dicendi venustatem nos a primis statim annis adsuefaciainus.' 

Da Torquatus ferner bemerkt hatte, dass sich auch die übrigen 
deutschen Stämme der von Luther angewandten ostmitteldeutschen 
Mundart, die man kurzweg „Meissnisch" nannte, befleissigten, so hielt 
er bereits diesen Dialekt fiir den reinsten und gewähltesten von ganz 
Deutschland. Er sagt demgemäss S. 93: 



*) S. 98. Accedit huc, quod in vicinis Academiis Lipsica et Wlttebergenst 
cum studiis politioribus simul Misnicam linguam (Luthero potissimum autore) addis- 
cerent studiosi adolescentes, qui deinde assumti ad Reipublicae, Ecclesiae et scholarum 
functiones in his locis domestica antiquata, novam illam introduxere linguam, quae 
nunc etiam in urbe Magdeburgensi usu adeo invaluit, ac temporis progressu tantum 
roboris collegit, ut et litterati et peregrinationibus nonnihil exculti cives, non sine 
summa difficultate Saxonice scribant et loquantur ipsi, ac publice privatimqoe 
dicentes ingenti cum fastidio audiant. 



'QaemaAmodum aliarum gentium seu nationum linguae auas quasdam sive 
in singulis ßive in pluribns verbis proprietates habent, quibus a communi loquendi 
ratione differunt, idiomata vel dialectos Graeci vocant, inter quas tarnen alia aliis 
pnrior est et elegantior. Nam Attica olim, hodie yero Peloponnensis dialectns 
apud Graecos praefertur ceteris. In Hispaniis Castellana. In Galliis Parisiensis 
et Aureliana. Inter Sclavos Bohemica. Apud Beigas Flandrica cnltior existimatur: 
Ita una idemque lingua qnidem est Suevis, Bavaris, Francis, Thuringis, Misnensibns 
et Saxonibus. Verum singnli horum suos habent Idiotismos, qnibus a communi 
sermone differunt. Inter quos omnium assensu et comprobatione prae caeteris 
bomines Misnenses pure et eleganter, cum mirifica quadam gravitate, coniuncta 
(tum comitate, seu vere Attica gratia loqunntur.' 

Aus diesen Worten, besonders aus der Parallelisierung mit an- 
deren Sprachen, geht deutlich hervor, dass Torquatus eine klare Vor- 
stellung von der Erhebung eines Dialektes zur Gemeinsprache hatte, 
dass sich aber unmittelbar daran bei ihm die Vorstellung geschlossen, 
dass dieser Dialekt wegen seiner Reinheit und Eleganz zur Schrift- 
sprache und zur Umgangssprache der Gebildeten geworden sei. In 
diesem Gedanken lebte also bereits ein Mann, der das Mitteldeutsche 
während seines Studiums in Wittenberg selbst erst erlernt hatte! 

Konsequent verfahr Torquatus nur, wenn er jede andere deutsche 
Mundart als die Meissnische ausdrücklich von jeder Mustergiltigkeit 
ausgeschlossen wissen wollte. So sagt er weiter S. 107: 

( Et in discenda illa (sc. Misnica lingua) illos studiose imitemur, qui proprio, 
eleganter et sine affectatione scribunt et loquuntur Germanice. Boiarismos, 
Suavismos et si qna alia est affectata sen barbarica grandüoquentia, relinqnamus 
Ulis, qui ubi quid quemque maxime deceat et ornet, minime observant' 

Die Hochschätzung des Meissnischen musste eine Verachtung des 
Niederdeutschen zur Folge haben, wie denn Torquatus demselben 
bereits sogar eine barbarica et incondita pronunciatio zuschreibt. 

Übrigens ist neben dem religiösen und dem sich daran schliessenden 
wissenschaftlichen Verkehr auch der merkantile für Ausbreitung des 
Mitteldeutschen in Magdeburg noch besonders wirksam gewesen, wie 
sich aus folgenden Worten, die Torquatus S. 107 seiner Aufforderung 
an die Staats- und Kirchenbeamten zur Pflege des Meissnischen bei- 
fügt, ergiebt: 'praesertim cum id Mercurio, ut dicitur, felici non male 
succedere apud nostrates comperimus.' Gemünzt ist diese Stelle 
sicherlich auf die vornehmen Magdeburger Kaufleute, die jährlich zur 
Leipziger Messe ziehend im Interesse ihrer Geschäfte dort meissnisch 
sprechen mussten. Aber auch sie — denn nur diese können mit den 
neben den literati genannten peregrinationibus exculti gemeint sein 
— hörten ja nur noch mit grossem Widerwillen niederdeutsch reden, 
so dass also die Wertschätzung der Sprachen von der Gelehrten- 
aristokratie auf die kaufmännische Aristokratie, welche den Dialekt 
zu anderen Zwecken erlernt hatte, direkt übergegangen war. 

Dass die lücrati et peregrinationibus exculti das Plattdeutsche 
nur noch mit der grössten Schwierigkeit geredet hätten, muss aller- 
dings in dieser Allgemeinheit eine Übertreibung sein und kann sich nur 
auf in Magdeburg lebende geborene Mitteldeutsche beziehen, die ja zur 

Ni«derdauUeh«s Jahrbuch. XIV. 2 



18 

Reformationszeit dort vielfach aufgenommen waren und das Meissnische 
ganz besonders verbreitet haben werden. 

Wie das Mitteldeutsche zunächst sogar nur für den wissenschaft- 
lichen Verkehr, das Niederdeutsche noch für den Privatverkehr auch 
der Gebildeten angewandt wurde, ersehen wir am deutlichsten aus 
dem Umstände, dass Torquatus selbst, soweit er die am Rande ge- 
machten Inhaltsangaben seiner 1567 — 1574 lateinisch geschriebenen 
Annalen in deutscher Sprache giebt, fast durchweg rein hochdeutsch 
geschrieben hat, während er nach Boyseu d 3, S. 3 seine Selbst- 
biographie, die er unter dem Titel „Huss-Bock M. Georgii Torquati 
Sudenburg Magdeburg 1569" nur für sich selbst und seine Nachkommen 
verfasste, sich des Niederdeutschen bediente. Allerdings ist von den 
beiden Stellen, die Boysen d 3 S. 4 u. e 3 S. 1 aus dem jetzt ver- 
lorenen Manuskripte anführt, nur die erste ziemlich rein niederdeutsch, 
die zweite dagegen mit hochdeutschen Wörtern und Sätzen vermischt; 
letzteres erklärt sich jedoch wohl dadurch, dass diese Stelle, die am 
Schlüsse des ganzen Buches stand, eine Anrufung Gottes enthält, 
infolgedessen der Verfasser mit dem Predigtstile zum Teil auch un- 
willkürlich in die Predigtsprache verfiel. Die beiden Stellen lauten: 

1) De öffentlicke Schole hebbe ick wol besocht. Aber nicht nützlieken. 
Under Mynes Gucken was eck höcher an Wissenschopp; aber eck was öuen vare, 
an mathwelligen Stückchen; und bösen Daten, woran dei Jagend Öhr Speel hett 
Aber dei leibe Herre Gott, hat meck dorch Kranckheiten so schwach hemakt, dat 
eck nicht stark genaug was, grötere Sünne tho dohn. 

2) Dein Wille o Heere Gott geschehe! vollbringe das gute Werk, das da 
in mir angefangen hast; gif meck ock diene Gnad, dat eck dorch dines hilligen 
Geistes Hylpp, de Sünne and meck, war eck dien find bin, hasse, angriepe, und 
betwinge, und dir lebe mit Mund, Herz, und That, und in dir lieber Herre Gott 
sterbe. Da bist mynes Lebens Quell, and mynes Todes Here. Amen. 

Während sich also die das Hochdeutsche verbreitenden literati 
selbst noch Ende der 1560er Jahre in der Regel des Niederdeutschen 
bedienten, hatten sie ersteres wenigstens schon früher vom religiös- 
wissenschaftlichen Verkehre auch auf den amtlichen Verkehr über- 
tragen, dessen Sprache man gleichfalls als feierlicher und edler als 
die Umgangssprache empfand. Die Einführung des Mitteldeutschen 
in die Urkunden begann nach Hülsse um 1550. Besonders interessant 
ist das von Hülsse S. 160 ff. beschriebene Ringen beider Mundarten 
in den von den jährlich wechselnden Kirchmeistern, die nicht immer 
den vornehmsten Familien entsprossen waren, geführten Rechnungs- 
büchern der St. Jacobikirche; hier folgen z. B. auf Urkunden, die in 
einer Art Mischdialekt abgefasst sind, wieder rein niederdeutsche, 
während sich bei dem Kirchmeister Jochim Sedeier, der das Amt zwei 
Jahre hinter einander bekleidete, im Register von 1557 schon viel 
weniger niederdeutsche Elemente als in dem von 1556 finden. Wir 
sehen hier also, wie das Hochdeutsche wie eine fremde Sprache mühsam 
und allmählich erlernt werden musste. Aber schon von 1560 an weisen 
nach Hülsse S. 163 die erwähnten Rechnungsbücher nur noch ver- 



19 

einzelte niederdeutsche Formen auf, und nach S. 158 findet sich schon 
im Jahre 1570 die letzte niederdeutsche Urkunde, eine Ratsordnung. 
Um diese Zeit muss das Mitteldeutsche auch für den mündlichen 
Verkehr der Gebildeten unter sich einen breiteren Boden gewonnen 
haben, da sonst jene Worte des Torquatus von den literati und den 
peregrinationibus exculti wohl überhaupt unmöglich gewesen wären; 
das betreffende Capitel wird sicherlich erst in den 1570er Jahren ge- 
schrieben sein, da ja Torquatus noch 1569 seine Biographie nieder- 
deutsch abfasste; wie aber das Hochdeutsche von Jahr zu Jahr mäch- 
tiger wurde, haben wir an der Urkundensprache ersehen. 

Bei der Verachtung, die sich das Niederd. gerade in Magdeburg 
sehr früh zugezogen hatte, ist es begreiflich, wenn hier bereits sehr 
früh und zweifellos zuerst in ganz Norddeutschland auch die mittleren 
und niederen Volksschichten Gebildeten gegenüber sich ihrer Sprache 
schämten und das Hochdeutsche anzuwenden begannen. Die Folge 
war, dass die Gebildeten, die wenigstens bisher das Niederdeutsche 
noch im Verkehre mit den Ungebildeten zu gebrauchen sich genötigt 
gesehen hatten, dies nunmehr überhaupt abstreiften. 

Das schliessliche Resultat des Prozesses war das vollständige 
Aufgeben des Niederd. zu Gunsten des Hochd. von Seiten der ganzen 
Bevölkerung in den 1830er Jahren. Die Zeit, in der in Magdeburg noch 
plattdeutsch gesprochen wurde, ist noch jetzt in Erinnerung alter 
eingeborener Magdeburger. 

Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, die Schiffer und Fischer, 
hat bis heute das Niederdeutsche gewahrt. Begründet ist diese Er- 
scheinung darin, dass diese Leute erstens einen besonderen Teil der 
Stadt bewohnen, zweitens aber infolge ihres Handwerkes eine relativ 
in sich geschlossene Verkehrsgemeinschaft bilden. Dazu werden sie 
auf ihren Eibfahrten, die sie weit häufiger stromabwärts als strom- 
aufwärts von Magdeburg aus unternehmen, bis nach Hamburg geführt 
und so in fortwährenden lebhaften Verkehr mit anderen niederd. 
sprechenden Personen gebracht. Wie sehr sie sich selbst als eine 
geschlossene Verkehrsgruppe, die von ihnen bewohnten Strassen ge- 
wissermassen als einen besonderen Ort betrachten, geht aus ihrer 
Redensart „nö §tat jön (in die Stadt gehn)" hervor, womit sie sagen 
wollen „sich aus dem Schifferviertel in das Innere von Magdeburg 
begeben"; die gleiche Redensart gebrauchen auch die Dörfler, wenn 
sie sagen wollen „nach Magdeburg gehen". Die Arbeiter und Hand- 
werker in Magdeburg nennen die Schiffermundart FedRäpRöxa, weil 
sie am meisten an den sogenannten „Fördern" (niederd. FedR), den 
Plätzen, von denen aus Personen über die Elbe gefördert werden, 
gehört wird; auch die Schiffer selbst haben diese Bezeichnungsweise 
für ihre Mundart angenommen. Da jetzt viele das Schiffer- oder 
Fischerhandwerk nicht treibenden Personen in die beiden früher von 
den Schiffern und Fischern allein bewohnten Strassen „Altes Fischer- 
ufer" und „Neues Fischerufer" ganz im Südosten der Stadt, da ferner 
viele Schiffer und Fischer selbst auf das rechte Eibufer oder die Elb- 

2* 



20 

Werder gezogen sind, so ist auch das Schifferniederdeutsch bereits arg 
in seiner Existenz bedroht. Doch reden auch die Kinder der Schiffer 
und Fischer meistens noch niederdeutsch. Im Verkehre mit jedem 
anderen Magdeburger, auch mit jedem Arbeiter, spricht der Mag- 
deburger Schiffer übrigens regelmässig hochdeutsch. Ich habe im 
folgenden das Schifferniederd. mit „Schiffermagdeburgisch" (Sch.-Mb.), 
das von den Ungebildeten in Mb. gesprochene Hochdeutsch mit 
„Stadtmagdeburgisch" (St.-Mb.) bezeichnet. 

Von Magdeburg aus verbreitete sich der Prozess der Ablösung 
des Niederdeutschen auch auf seine Vorstädte. In Buckau, das erst 
vor etwa 25 Jahren zur Stadt erhoben wurde und seitdem von allen 
Seiten, auch von Magdeburg selbst, Zuzug insbesondere von Arbeitern 
erhielt, musste das Hochdeutsche deshalb dominieren, weil es unter den 
sich begegnenden Mundarten diejenige war, die für die vornehmste galt. 
Heutzutage sprechen auch in dem jetzt mehr als 20 000 Einwohner 
zählenden Buckau, wenigstens so weit ich habe erfahren können, nur 
noch die gleichfalls unmittelbar an der Elbe wohnenden, mit den 
Berufsgenossen in Magdeburg in Verkehr stehenden Schiffer und Fischer 
niederdeutsch. 

In der südwestlichen Vorstadt dagegen, der gegen 20 000 Ein- 
wohner zählenden Sudenburg, wo es keine Schifferbevölkerung giebt, 
ist es einzig eine kleine Anzahl von Ackerbürgern, etwa 10 Familien, 
die das Niederd. bis heute gewahrt haben. Dieselben wohnen etwas 
zerstreut ganz im Süden der sich lang hinziehenden Vorstadt, also 
am entferntesten von Magdeburg und weit näher den noch niederd. 
redenden Dörfern. Auch verkehren sie vorwiegend unter sich und 
sonst wohl mehr mit den Bauern der Dörfer als mit ihren Mitbürgern. 
Jedoch sprechen die jüngeren Leute unter ihnen meist nur noch mit 
ihren Eltern niederd., so dass diese Mundart auch in Sudenburg 
bereits in den allerletzten Zügen liegt. 

Weit verbreiteter ist das Niederd. noch in der nördlichen Vorstadt 
Neustadt. Ursache dafür ist einfach weitere Entfernung vom eigent- 
lichen mitteldeutschen Sprachgebiet. In Sudenburg begegneten sich 
die beiden mitteldeutschen Strömungen, von denen die eine aus Mag- 
deburg, die andere direkt von Mitteldeutschland kam; in der Neustadt 
dagegen ist die letztere Strömung überhaupt kaum noch vorhanden. 
Ns. selbst besteht aus zwei nicht unmittelbar zusammenhängenden 
Teilen, von denen der südliche „Alte Neustadt", der nördliche „Neue 
Neustadt" heisst. Trotz dieser Lage ist das Hochdeutsche in der 
alten Neustadt minder als in der neuen verbreitet, da ersteres wiederum 
eine zahlreiche Schiffer- und Fischerbevölkerung besitzt, letzteres aber 
wegen seiner Industrie und seiner Fabriken einen weit lebhafteren 
Verkehr mit Magdeburg unterhält. Neben den Schiffern und Fischern 
halten auch wiederum die Ackerbürger beider Teile der Vorstadt am 
zähesten am Niederd. fest; bei diesen Leuten reden auch die Kinder 
überall noch niederd., was bei der übrigen Bevölkerung wohl garaicht 
mehr der Fall ist. Wie viele Personen unter den Handwerkern und 



21 

Arbeitern der Neustadt noch niederd. sprechen, lässt sich nicht genau 
angeben; nach der mir als am zuverlässigsten erscheinenden Schätzung 
haben in der etwa 10 000 Einwohner zählenden alten Neustadt noch 
etwa Vb, in der ungefähr 20 000 Einwohner zählenden neuen Neustadt 
noch etwa 7s der Gesammtbevölkerung das Niederd. erhalten. Also ein 
eigentlicher Umschlag in das Hochd., wie er auch in Sudenburg einge- 
treten sein muss, wo er nur die Ackerbürgerbevölkerung nicht getroffen, 
hat in Neustadt noch nicht stattgefunden: wenn in der neuen Neu- 
stadt bereits die Majorität nur noch hochdeutsch spricht, so erklärt 
sich dies auch aus der Fluktuation ihrer Einwohnerschaft. Da jedoch 
in einigen Jahren die Vereinigung von Magdeburg und Neustadt zu 
einer Stadt durch Anbau des dazwischen liegenden Terrains anheben 
wird, so ist dem Niederd. in Neustadt nur noch eine sehr kurze 
Zukunft gesichert. 



22 

Geschichte der. Sprache des Magdeburger Landes. 

Während Magdeburg nebst seinen Vorstädten so das Niederd. all- 
mählich immer mehr einschränkte, hatte das umgebende Gebiet den 
gleichen Weg eingeschlagen, war aber weit langsamer nachgefolgt. Schon 
jene das citierte Capitel des Torquatus einleitende Äusserung über das 
Niederd. im Erzbistum und der benachbarten Mark im Gegensatze 
zu dem früher eben dort und zu gleicher Zeit in den weiter nördlich 
und westlich gelegenen Gegenden Norddeutschlands gesprochenen 
Niederd. zeigt hinlänglich, dass man in diesem ganzen Gebiete bemüht 
war, den angestammten Dialekt möglichst zu Gunsten des Mitteid. 
einzuschränken. Dass auch die Ungebildeten auf dem Lande das 
Mitteid. im Verkehre mit Gebildeten, Städtern und Mitteldeutschen 
selbst bei uns schon seit geraumer Zeit sprechen, ergiebt sich aus 
der grossen Anzahl von mitteld. Elementen, die in dies Niederd. auf- 
genommen worden sind. Auch Damköhlers Betrachtung, der die starke 
Durchsetzung mit mitteldeutschen Elementen als das Hauptcharakteri- 
stikum des oberharzischen Niederd. im Gegensatze zu dem weiter 
nördlich, aber auch weiter westlich gesprochenen ansieht, gipfelt in 
dem Satze, dass die Aufnahme dieser Elemente wohl nicht erst in 
jüngster Zeit erfolgt sein könne. War das frühe Sichfestsetzen de* 
Mitteld. als Gemeinsprache auch der niederen Stände im Magdeburger 
Lande eine Folge an der lebhaften Beteiligung an der Reformation 
gewesen, und haben wir somit diesen Prozess als die direkte Fort- 
setzung der vollständigen Verdrängung des Niederd. im Saalgebiete 
zu betrachten, so müssen wir auch analog die Aufnahme mitteld. 
Elemente in das Niederd. des Oberharzes als die Folge eines langen 
Nebengebrauches des Mitteld., diese aber gleichfalls als die Fortsetzung 
der Verdrängung des Niederd. im Unterharze betrachten. Und wenn 
östlich der Elbe sich gleichfalls die Dialektgrenze verschoben hat, 
Torquatus aber für die Mark Brandenburg die gleichen sprachlichen 
Verhältnisse wie für das Erzbistum Magdeburg angiebt, so dürfen wir als 
sehr wahrscheinlich annehmen, dass auch der südliche Strich des heute 
noch niederdeutschen ostelbischen Landes ein gleichfalls von mitteld. 
Elementen durchsetztes Niederd. redet, so dass an das mitteld. ge- 
wordene Gebiet in seiner ganzen Länge sich ein vom Mitteld. stark 
beeinflus8ter Distrikt anlehnt. 

Nächst den Vorstädten sind es die kleinen Städte im Magdeburger 
Lande, in denen das Hochdeutsch am meisten an Terrain gewonnen 
hat. Wanzleben hat sich in seiner Urkundensprache schon sehr früh 
an Magdeburg angeschlossen; die dort von mir im Magistratsarchive 
durchgesehenen Urkunden schlagen um 1560 aus dem Niederd. in das 
Mitteld. um. Seit 20 — 30 Jahren hat die jüngere Generation der 
Ökonomen und der besser situierten Handwerker das Niederd. grössten- 
teils gänzlich abgestreift. Ganz analog wie* in Wanzleben scheinen 
die letzteren Verhältnisse in Egeln zu liegen. Während also in den 
Magdeburger Vorstädten die ackerbürgerlichen, dem grossstädtischen 



23 

Treiben am fernsten stehenden Kreise am zähesten an Sprache wie 
an Lebensweise der Vorfahren festgehalten haben, ist es in den kleinen 
Städten gerade die wohlhabende ackerbautreibende Bevölkerung, die 
meist von einem gewissen Geld- und Bildungsdünkel beherrscht am 
meisten den Gebrauch des Niederdeutschen zu meiden sucht. Bei 
Wanzleben kommt übrigens für die häufige Anwendung des Hochd. 
auch der starke Verkehr dieses Punktes mit Magdeburg, für Egeln 
die Nähe des mitteld. Sprachgebietes in Betracht. Ein verhältnis- 
mässig kleineres Terrain scheint die alleinige Anwendung des Hochd. 
in dem zwar beträchtlich grösseren, aber weiter sowohl von Magdeburg 
als auch von der Sprachgrenze entfernten Oschersleben zu besitzen; 
jedenfalls war seine Anwendung in früherer Zeit dort eine geringere 
als in Wanzleben und Egeln, da sein Niederd. weit minder vom Hochd. 
als in diesen Städten beeinflusst ist. Noch geringer ist der Gebrauch 
des Hochd. in dem Wanzleben an Grösse fast gleichkommenden See- 
hausen und dem bedeutend kleineren Hadmersleben, Punkten, die weder 
von Magdeburg noch vom mitteld. Gebiete her beträchtlich hätten 
beeinflusst werden können. 

Aber nicht nur in den kleinen Städten, sondern auch auf den 
Dörfern hat die Bildungssucht wenigstens bei einer Reihe einzelner 
Personen das gänzliche Aufgeben des Niederd. als Eigensprache zur 
Folge gehabt. Winter hat in seinem kulturhistorisch interessanten 
Aufsatze „Über die Sprache am Zusammenflusse der Bode, Saale und 
Elbe", Geschichtsbl. f. Stadt u. Land Magdeb., Bd. IX, S. 98 ff. aus- 
geführt, in welcher Weise die Verdrängung des Niederd. bei den reichen 
Bördebauern geschieht, und wie die Bildungssucht derselben in dem 
sichtlichen Wachstume ihres Wohlstandes, der hauptsächlich einer 
agrarischen Umwälzung, der seit etwa 1830 erfolgten Separation des 
Gemeindebesitzes, seinen Ursprung verdankt, ihre Quelle hat. 

Durch den letzteren Umstand erhält die Magdeburger Börde in 
der Häufigkeit der Anwendung des Hochd. sogar ein Übergewicht über 
die sich östlich und die sich zunächst westlich anschliessenden niederd. 
Landstriche. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die ja einstens, 
wenn auch in ganz unabsehbarer Zeit, ohne das Eintreten unerwarteter 
störender Umstände sicherlich erfolgende vollständige Ablösung des 
Niederd. durch das Hochd. im Magdeburger Gebiete am frühesten ein- 
treten und von dort ihren Zug durch ganz Norddeutschland nehmen wird. 



24 



Abstufung des hochdeutschen Einflusses. 

Im einzelnen ist jedoch im Magdeburger Lande der grössere 
oder geringere Gebrauch des Hochdeutschen und der höhere oder 
niedrigere Grad der daraus resultierenden Dialektmischung noch ein 
sehr verschiedener. Drei Arten von Strömungen sind es, die sich auf 
das Gebiet von verschiedenen Seiten her geltend machen und durch 
ihre vielfachen Kreuzungen das Bild der Abstufung des hochdeutschen 
Einflusses zu einem sehr komplizierten gestalten. Die stärkste dieser 
Strömungen geht vom mitteldeutschen Gebiete selbst, eine minder 
starke von Magdeburg aus; bedeutend schwächer sind diejenigen, die in 
den kleinen Städten Wanzleben, Egeln, Oschersleben ihre Quellen haben. 

Magdeburg hat erstens nicht nur seinen Vorstädten, sondern 
auch den nächst gelegenen Dörfern eine grosse Menge hochdeutscher 
Elemente zugeführt, zweitens aber dem vom mitteldeutschen Gebiete 
ausgehenden Strome eine Grenze gesetzt d. h. durch seinen Verkehr 
mit Mitteldeutschland und durch den Vorzug, den es der hochdeutschen 
Sprache von jeher gab, überhaupt möglich gemacht, dass diese Strömung 
ununterbrochen bis zu ihm selbst dringen oder vielmehr mit der von 
ihm selbst ausgehenden zusammenfliessen konnte. Denn westlich von 
Magdeburg ist der mitteldeutsche Einfluss viel weniger weit oder doch 
in weit geringerem Masse nach Norden gedrungen. Man ersieht die 
Kreuzung der beiden Strömungen aus dem Umstände am deutlichsten, 
dass sich das Mass des hochd. Einflusses in dem Niederd. der Mag- 
deburg nächst umgebenden Dörfer zugleich nach der Entfernung und 
nach der Himmelsrichtung von Magdeburg aus bestimmt. Am stärksten 
ist das Niederd. in dem nächstgelegenen Lemsdorf, ein wenig schwächer 
in Fermersleben, fast ebenso in den doch weiter von Magdeburg ent- 
fernt gelegenen Salbke und Westerhüsen, wieder ein wenig schwächer 
in Kl. Ottersleben und noch etwas schwächer in Gr. Ottersleben vom 
Hochd. durchsetzt. Demnächst ist der betreifende Einfluss in Diesdorf 
am stärksten, dem jedoch derjenige in den viel weiter entfernten, aber 
auf der Kreuzungslinie gelegenen Beiendorf, Sohlen und Dodendorf 
nur wenig nachsteht. Dass die von Mitteldeutschland ausgehende 
Strömung nicht weiter nördlich als höchstens bis Diesdorf gelangt ist, 
zeigt sich an dem Umstände, dass Rothensee, direkt nördlich von 
Magdeburg und nur der Neustadt näher gelegen, das westlich liegende, 
aber der Stadt als Gesammtkomplex, d. h. die Vorstädte eingerechnet, 
ferner gelegene Olvenstedt an Durchsetzung seines Dialektes mit hochd. 
Elementen übertrifft, während es Diesdorf darin noch nachsteht. Der 
Abstand zwischen Ebendorf und Olvenstedt in dem betreffenden Punkte 
ist sodann ein ganz bedeutend grösserer als selbst derjenige zwischen 
Olvenstedt und Diesdorf. Mit Olvenstedt etwa gleich mögen die unter 
sich kaum verschiedenen Osterweddingen, Sülldorf, Welsleben stehen. 
Gering ist der Abstand des Dialektes dieser Dörfer in dem betreffenden 
Punkte von demjenigen von Langenweddingen, Bahrendorf, Stemmern, 



25 

Altenweddingen, hinter denen wieder Schwaneberg, Wolmirsleben, 
Tarthun ein wenig zurückstehen. 

Wir sehen also in der Abnahme des hochdeutschen Einflusses 
neben der Richtung von Süden nach Norden deutlich eine solche von 
Osten nach Westen gehen. Ursache ist freilich nicht allein Magdeburg, 
sondern auch die nach Westen hin zunehmende Neigung der Dialekt- 
grenze nach Süden. 

In analoger Weise haben Egeln und Wanzleben das besprochene 
Kreuzungsgebiet wieder durch kleinere Strömungen, die von ihnen aus- 
gingen, in bestimmte Grenzen gewiesen. Zwar haben beide Punkte 
nicht vermocht, wie Magdeburg in der Weise Einfluss zu üben, dass 
die Mundarten der ihnen nächstgelegenen Dörfer sich ganz beträchtlich 
von denen der ihnen weiter entfernten abheben; wohl aber haben sie 
es wiederum ermöglicht, dass die Hauptmasse der von der mittel- 
deutsch-magdeburgischen Strömung getragenen hochdeutschen Elemente 
bis zu den Linien Magdeburg — Wanzleben und Wanzleben — Egeln fort- 
geschwemmt wurde. Nordöstlich der erstem Linie wird die Zahl dieser 
Elemente plötzlich eine ganz bedeutend geringere. Etwas weniger 
scharf prägt sich dieser Unterschied zwischen den Distrikten westlich 
und östlich der zweiten Linie aus, eine Eigentümlichkeit, die wohl in 
der Hauptsache dadurch veranlasst ist, dass westlich dieser Linie der 
von Mitteldeutschland ausgehende Einfluss an sich noch wirken konnte. 
Dazu kommt auch wohl, dass der Verkehr zwischen den Gebieten 
nordwestlich und südöstlich der Linie Wanzleben — Magdeburg bei dem 
leeren Zwischenräume zwischen den Dörfern Gr. Ottersleben, Oster- 
weddingen, Langenweddingen, Schleibnitz ein etwas eingeschränkterer 
sein muss. Das Dorf Schleibnitz, welches gerade auf jener Linie liegt, 
bildet eine Art Übergangsstufe. Östlich der Linie Wanzleben — Egeln 
ist ein derartiges leeres Gebiet nicht vorhanden, da die noch streng 
zum Kreuzungsgebiete gehörigen Schwaneberg und Wolmirsleben jener 
Linie ganz nahe, Bottmersdorf und Bleckendorf fast auf derselben liegen. 

Am deutlichsten zeigt sich die Abgrenzung des Kreuzungsgebietes 
in dem Laufe der Grenze zwischen anlautenden äp, §t und sp, st. 
Dieselbe geht zunächst im ganzen südwestlich, indem sie Rothensee, 
Diesdorf, Kl. und Gr. Ottersleben, Osterweddingen, Brelitz als die 
nordöstlichsten Punkte mit §p, §t erscheinen lässt, macht aber sodann 
um Wanzleben eine scharfe Biegung nach Süden und läuft so direkt 
bis Egeln. Nur in dem fast auf jener Linie gelegenen Bottmersdorf 
sprechen heute die Kinder meistens auch schon §p und ät. Zwar hat 
man nun im allgemeinen zuzugeben, dass jene Grenze überhaupt in 
ganz Norddeutschland in einem fortwährenden Vordringen nach Osten 
und Norden begriffen ist; aber die Thatsache, dass in allen Ortschaften, 
die einmal äp und §t angenommen haben, auch die ältesten Leute 
dasselbe sprechen, in den übrigen aber grösstenteils noch nicht einmal 
die Kinder, macht es doch zur Gewissheit, dass dieser Grenze an 
jenen nicht zufälligen Linien wenigstens für eine Zeit lang Halt ge- 
boten wurde. 



26 

Etwas weiter ist die Grenze von niederd. anl. Sl, Sm, Sn, §r für 
ursprüngliches sl, sm, sn, sv verschoben. In der Nordhälfte unseres 
Gebietes haben es jenseits der eben besprochenen Grenze nur noch 
das nicht mehr zum Kreuzungsgebiete gehörige, aber von Magdeburg 
aus direkt beeinflusste Olvenstedt und das auf der Linie Magdeburg — 
Wanzleben gelegene Schleibnitz. Südlich von Wanzleben macht aber 
diese Linie eine Biegung nach Westen, die offenbar durch den EinHuss 
der Stadt Oschersleben veranlasst worden ist. Die gesammten in dem 
Dreieck Wanzleben — Oschersleben — Egeln gelegenen Dörfer haben anl. 
sl, Sm, Sn, Sv in ihr Niederdeutsch aufgenommen, auch das auf der 
Linie Oschersleben — Egeln gelegene Westeregeln. In dem aus einer 
Dorf- und einer sehr kleinen Stadtgemeinde bestehenden Hadmersleben 
wird noch von der mittleren Generation sl, sm, sn, sv, von den Kindern 
dagegen bereits Sl, Sm, Sn, Sv im Niederd. gesprochen. Hier hat sich 
also die Grenze des Gebietes mit Sl u. s. w. nicht wie sonst nach 
Nordwesten, sondern direkt nach Südwesten vorgeschoben. So sehr 
kann auch die Richtung des Vordringens einer Sprachneuerung unter 
dem Einflüsse bestimmter kultureller Faktoren in eine andere Bahn 
als die ursprüngliche gelenkt werden. 

Innerhalb des von Wanzleben, Egeln und Oschersleben um- 
schlossenen Dreiecks macht sich eine schwache Abnahme der hoch- 
deutschen Elemente im Niederd. nach Norden sowohl wie nach Westen 
bemerklich. In der letzteren Richtung haben wir noch einen Einfluss 
der beiden ersteren Städte zu sehen, die ja auch selbst, wie gesagt, 
ein weit mehr vom Hochd. durchsetztes Niederd. als Oschersleben reden. 

Nördlich der Linie Wanzleben — Oschersleben wird die Abnahme 
der hochdeutschen Elemente wieder eine bedeutendere. Ursache ist 
ausser dem Aufhören der Wirksamkeit von Egeln und der grösseren 
Entfernung von der mitteldeutschen Grenze wiederum das Bestehen 
eines grösseren leeren Vierecks zwischen Bottmersdorf, Pesekendorf, 
Ampfurth, Kl. Wanzleben und infolgedessen ein verhältnismässig 
schwächerer Verkehr. 

Jenseit der Linie Magdeburg — Wanzleben — Oschersleben sind 
sodann die hochdeutschen Elemente überhaupt nur noch schwach ver- 
treten und in einer ganz allmählichen leisen Abnahme nach Westen 
und Norden begriffen. Auch die Grenze des Gebietes der labial- 
palatalen Vokale ft, 5, fi, 8, die im grössten Teile unseres Bezirkes 
durch Lippenentrundung in l, e, i, e infolge mitteldeutschen Einflusses 
übergegangen sind, zieht sich im ganzen von Nordosten nach Süd- 
westen, ist also nach Nordwesten im Vordringen begriffen. Auffallend 
ist nur die Ausbuchtung um Olvenstedt. Wenn das fast direkt nördlich 
von Gr. Rodensieben gelegene Hemsdorf jene Vokale gleichfalls ent- 
rundet hat, so ist diese Erscheinung dadurch erklärlich, dass Hemsdorf 
erst unter Friedrich d. Gr. von Pfälzern angelegt wurde, die, wie noch 
heute ältere Eingeborene dort in Erinnerung haben, noch lange ihren 
Heimatsdialekt neben dem Niederd. sprachen. Dass Seehausen als 



27 

Stadt sich der von Mitteldeutschlund kommenden Strömung ange- 
schlossen hat, ist hegreiflich. 

Am wenigsten in unserem Gebiete ist der Dialekt seines nord- 
westlichsten Punktes, Druxberge, vom Hochd. beeinflusst. Hier haben 
einzig noch die Kinder die nd. Formen der Zahlwörter beibehalten, 
die fast überall durch die hochd. ersetzt worden sind. Es heisst hier 
also : ains, tve, drai, fair, fif, zes, zemm, axt, nejii, tain u. s. w. gegen- 
über ains oder ens, tsvai oder tsve, drai, fir, flmf, zeks, zimm, axt, 
noin oder nain, tsen im ganzen übrigen Gebiete. Nur in Drakenstedt, 
Dreileben und auch in Oschersleben sind die ursprünglich niederd. 
Zahlformen wenigstens noch bei den meisten Erwachsenen im Gebrauch. 

Nachdem ich im Vorstehenden bereits die Belege für meine Be- 
hauptungen hinsichtlich der Abstufung des mitteldeutschen Einflusses 
soweit gegeben habe, als sie abgesehen von der Veränderung der 
Zahlformen rein lautliche Neuerungen betreffen, stelle ich nunmehr 
zur Veranschaulichung jener Abstufung auch im kleinen eine Reihe 
lautlich- funktioneller Neuerungen zusammen. Zu bemerken ist nur 
noch, dass Striche, die im ganzen weniger mitteldeutsche Elemente 
als andere entlehnt haben, in einzelnen Fällen zu diesen sehr wohl 
im umgekehrten Verhältnisse stehen können. Wo jedoch unter den 
folgenden Beispielen Domersleben und Hohendodeleben die nd. Formen 
erhalten, gilt das Gleiche auch für sämmtliche nordwestlich gelegenen 
Punkte; wo hingegen Langenweddingen und Osterweddingen die nd. 
Formen durch eine mitteldeutsche ersetzt haben, beansprucht dasselbe 
Verhältnis auch für das ganze südöstlich gelegene Gebiet Geltung. 
Ich habe die folgenden Formen meist aus dem Munde von Kindern 
im Alter von 12 — 14 Jahren gesammelt; für das Schiffer-Magdeburgisch 
sowie für die Neustadt und Sudenburg standen mir jedoch nur ältere 
Leute von mindestens 50 Jahren zu Gebote. Dennoch zeigt sich hier 
eine noch grössere Zersetzung der ursprünglichen Mundart durch 
fremde Elemente als selbst bei den Kindern in den Magdeburg nächst- 
gelegenen Dörfern. 

1) Aufnahme stofflicher Elemente. 

a) ts für t. 

Dbg., OsM.: harta (Herz). Gr. Bdl.: harta = hartsa. SÄ., KL Wzl, Kl. 
GmL, Bmd., Wzl, Dml, Hdd., Ndd. t Ovs., Kl. (Ml, Gr. Oll nebst allen südöstlich 
von diesen Punkten gelegenen Dörfern: hartsa. 

Gr. BdL, 8h., KL Oschl, KL Gml, Wseg., Eg., Tth., Wtnl., Schnb., Bmd.. 
Wzl., Schutz., Lwd., Owd., Gr. Otl: holt (Holz). Ebd.: olt (h lautgesetzl. ge- 
schwunden). Lmd.: holt = holts. Seh.- Mb.: holts. Gr. Bdt.: höltn. Sh., Kl. 
OscM., Kl. Gml, Dml, Hdd.: heltn (hölzern). Gr. OH.: heltn = heltsrn. Ovs., 
Dsd\: heltsrn. Sch.-Mb.: heltsRn. 

Dbg., Dks., Dl, Gr. BdX.: hita (Hitze). Dml., Wzl, Lwd., Owd., Ddd., Gr. 
OÜ., Imd., Fml, Wh. und alle südlich von diesen Punkten gelegene Dörfer: hitsa 
(so auch Sdb., Sch.-Mb., Ns.). 

Dbg., Gr. BdL: net (Netz). Wzl, Dml, Hdd., Ovs., Ns. und weiter süd- 
östlich: nets. 



28 

Dbg.: frtSrn (verzehren). Ebd.; frtsem. Ns., Sch.-Mb., Sdb.: frtseRn. ÄAi., 
Wh., Sk., Fml: frtsern. 

Dbg., Oschl: tvern (Zwirn). Sh.: tsvern. Kl. Oschl., Wzl, Gr. Oti., Wh. • 
und von diesen südöstlich: tsvern. Sch.-Mb., Ns., Sdb.: tsveRn (Kontaminationen). | 

Gr. Bdl, Ebd.: boltn (Bolzen). Sch.-Mb.: boltsn. » 

Dbg., Sh. t Gr. Bdl, Oschl., Kl. Oschl., Aid., Psd., Kl. Gml, Bmd., 
Kl. Wzl., Wzl, Schntz., Dml, Hdd.: kata (Katze). Wseg.: kata, selten katsa. 
Etgl, Bckd.: kata = katsa. Eg., Tth., Wml, Äwd., Stm., Brd. t Wsl., Sdf., Ddd, 
Sl., Bed., Lmd., Wh, Sk. y Fml, Sdb., Sch.-Mb., Ns.: katsa. Bihs.: kata = katsa. 

Gr. Bdl., Dml, Wzl, Schntz., Lu>d., Owd., Ddd., Sl, Bed., Lmd., Wh., Bths.: 
frata (Warze). Sch.-Mb.: fRatsa (Kontamination). Kl Oschl, Etgl, Bckd., Eg.: \ 
frata =-- vörtsa (vörtsa stets im Hochdeutschen). Sdb.: fRata = fRatsa (vöRtsa 
*Bru st warze'^ 

Gr. Bdl., Wzl, Dml t Bths.: vaitn (Weizen). Sch.-Mb.: v6tsn. 

Gr. Bdl, Wzl, Dml: milta (Milz). Sch.-Mb.: miltsa. 

Gr. Bdl., Oschl., Kl Oschl, Sh., Schk., Äpf., Bkl., Kl Wzl, Kl Gml. 9 Dml., 
Hdd., Ovs., Ebd.: timrn (zimmern). Ddd., Lmd., Fml, Sk., Wh.: tsimra. Sdb., 
Sch.-Mb.: tsimRn. 

Gr. Bdl.: töjl (Zügel). Kl. Gml, Hdd., Dml: tejl. Ovs.: töjl = tsüjL 
Wzl, Sch.-Mb.: tsljl. 

Sh., Gr. Bdl., Kl Gml: taila (Ziegel). Wzl, Owd., Gr. OH, Kl OÜ., Ebd.: 
taijl. Bths.: tejl (lautges.). Wh.: tsijl (bei alten Leuten töjl). Sch.-Mb.: tsejl 
(Kontam.). 

Gr. Bdl: grüta (Grütze). Wzl: jritsa. Sch.-Mb.: jRitsa. 

Dbg., Gr. Bdl: tvispalt (Zwiespalt). Kl. Bdl., Dml, Hdd., Ndd.: tevispalt. 

Gr. Bdl., Dml., Wzl: tön (Zahn). Sch.-Mb.: tsön. 

Gr. Bdl., Dml., Wzl: tön (Zeh). Sch.-Mb.: tsön (Kontam.). 

Gr. Bdl., Wzl, Dml, Bths.: taikn (Zeichen). Sch.-Mb.: ts6xn. 

Oschl, Sh. t Gr. Bdl,, Dml., Hdd., Ndd., Ovs., Dsd., Lwd., Kl Gml, Bmd.: 
Bvet (Schweiss) (Svet), svetn (schwitzen) (§vetn). Wzl, Eg., Ddd., Bed., SL, Kl 
OU., Lmd., Sk., Wh., Fml, Sdb., Sch.-Mb., Ns.: Svits (Kontam.), Svitsn. 

b) s für t. 

Gr. Bdl., Dml, Hdd., Ovs., Schk., Äpf., Kl. Wzl: grötfodr (Grossvater), 
grötmutr (Grossmutter). Oschl, Kl. Oschl., Gr. Chnl, Kl Gml: grösfodr, grösmutr. 
Wzl, Lwd., Owd., Ddd., Lmd., Wh. u. s. w.: jrösfodr, jrösmutr. 

Gr. Bdl., Hml., Wzl, Lwd., Owd., Ovs.: öwat (Obst). Sdf., Bed., Fml: 
öwast (Kontam.). Eg.: öpst. 

Gr. Bdl, Sh., Kl. Oschl., Etgl, Schnb., Owd., Bths.: barwat (barfuss). Wsl: 
barftix (Weiterbildung von der nd. Form). Oschl: barwat = barwas (miUeUL). 
Ns.: baRwast (Kontam.). 

Gr. Bdl., Sh., Oschl, Kl. Oschl, Psd., Kl. Wzl, Hml, Wzl, Eg., Lwd., 
Stm., Bed., Wsl, Fml, Lmd., Kl OÜ.: vit (weiss). Sch.-Mb., Ns.: vais. 

Gr. Bdl., Sh., Dml, Hdd., Kl. Gml, Bmd., Wzl, Lwd., Ovs., Ndd.: jota 
(Gosse). Owd., Ddd., Bed., Fml, Lmd., Sch.-Mb., Ns.: josa. 

Dbg.: krewat (Krebs). Dl, Gr. Bdl.: kreps (doch krewat noch Name der 
Krankheit). Ebd.: kreps (krewat noch: schmerzende Stelle, wo man jemanden ge- 
kniffen hat). Wzl, Kl. Oschl, Wseg., Tth., Eg., Lwd., Owd. u. s. w.: kreps. 
Ns.: kReps. 

c) f für p. 

Gr. Bdl, Dml, Hdd.: plöstr (1. Wundpflaster, 2. Strassenpflaster). Sh., 
Wzl, Bmd., Ddd.: plöstr (Wundpflaster), plastr (Strassenpflaster; wohl Kontami- 
nation mit hochd. flastr). Ndd., Dsd., Ovs., Lmd.: plöstr (Wundpflaster), flastr 
(Strassenpflaster). Ebenso Ns., Sch.-Mb., Sdb.: plöstR (Wundpflaster), flastR 
(Strassenpflaster). 

Gr. Bdl, Dml, Hdd.: laif (heb). Ovs., Dsd., Wh., Sk. 9 Fml, Lmd., Sch.- 
Mb.: lip. 

Gr. Bdl., Dml, Hdd., Ndd.: hemp (Hanf). Kl Gml.: henap. Ovs.: hemf 



2» 

(Kontam.) = hamf. Ddd., Bed. f Kl. OÜ., Lmd, Wh., Sdb., Sek.- Mb., Dsd, 
Bths.: hamf. 

Gr. BcU., Dml, Hdd., Ndd., Wzl: zemp (Senf). Kl Gml: zenap. Ovs.: 
zemp = zemf. Ddd., Bed, KL Otl, Lmd, Wh, Sdb., Sch.-Mb. f Dsd., Bths.: zemf. 

Gr. Bdl, Dml. Hdd., Wzl, Bmd., Bckd., Eg., Tth , Wml, Schub., Ebd.: 
köpman (Kaufmann). Stm.: köpman = köfman. Brd., Wal, Gr. Otl., Lmd , Wh., 
Sch.-Mb., Ns., Bths.: köfman. 

Gr. Bdl., Dbg.: hcmprliuk (Hänfling). Wzl: hemfrliBk (Kontam.). Ovs.: 
hemprliak = hemflisk. Lmd.: hemtüßk. 

d) y oder x für k. 

Dbg., Dks., Gr. BcU.: höwik (Habicht). Ndd.: höwix (Kontam.). Sh.: höwix 
= höwixt. Oschl, Kl Oschl., Kl Gml., Kl Bdl, Wzl, Eg., Tth., Lwd., Owd., 
Ddd., Kl OÜ., lmd.: höwixt. 

Gr. Bdl., Ovs., Ebd.: dröka (femin.; Papierdrachen). Wzl: draxn (mascul.). 

Gr. Bdl., Wzl, Dml: dirik (Dietrich). Ddd., Fml.: didarix (Kontam.). 
Sch.-Mb.: didaRix- 

Dbg.: aikr (Eichhörnchen). Dl, Gr. Bdl: aikr = aixörnxn. Wzl, Ebd., 
Ovs.: aixorn (doch in Wzl aikr noch: 1) Rotkopf, 2) Hund von rotgelber Farbe). 
Eg., Tth.: aixernxn. Ld.: aikornxn (Kontam.). Bths.: aiketsxn (d. i. „Eichkätzchen"; 
Kontam.). 

Gr. Bdl., Dml., Hdd., Ndd., Kl Gml, Bmd., Wzl, Eg., Gr. Otl, Fml, 
Dsd., Ovs.: ISraka (Lerche). Lmd.: leraka = larx». Na.: leRaka = laRxa. 

Gr. BcU.: flaukB (fluchen). Sch.-Mb.: flüxn. 

Gr. Bdl.: fök (Fach). Sch.-Mb., Bths.: fax. 

e) t für d. 
Dl, Gr. Bdl., Oschl., Kl. Gml, Bmd, Wzl t Dml., Hdd., Ndd, Stm., Brd., 
Bckd.: dtr (Kontam.; doch meist noch dairt als Schelte). Ebd.: tfr (doch olas dir 
und olas dair (altes Tier) als Schelte). Sdf., Wsl, Wh., Sk., Fml, Lmd.: tfr. 
Sch.-Mb.: tlR. 

f) Vereinzelte konsonantische Ersetzungen. 

Gr. Jß<M.: A henx (Hering) (-ing aus -ix für das ganze Gebiet lautges., da es 
überall heisst Ostrvedix u. s. w. = Osterweddingen). Oschl.: herix- Ovs.: 6rija 
(ursprüngl. Plural; h im Anl. lautges. geschwunden). Ebd.: £rix, doch plur. erina. 
Sh., Kl. Oschl: herix = herink. Dml, Hdd.: h£rix = heriak. Wzl, Awd., Gr. 
OÜ., Lmd., Wh., Fml, Bths.: heri»k. Ns., Sch.-Mb., Sdb.: heRiak. 

Dbg., Gr. Bdl: büsa (Büchse). Oschl, Bths.: bisa = biksa. Wzl, Ns.: biksa. 

Gr. Bdl., Wzl: flas (Flachs). Lmd.: flaks (ober z. B. osa Ochse). 

Gr. Bdl, Oschl., Kl Gml., Wzl, Owd: dfsl (Distel). Ddd., Ovs.: dfsl = 
distl. Wh.: dfstl. 

Dbg., Gr. Bdl, Dml, Hdd: mön (Mond). Oschl., Sh., Owd., Ddd., Lmd, 
Fml., Sch.-Mb.: mönt (doch in letzteren Ortschaften meist noch: möngfn Mondschein). 

Dbg., Gr. Bdl.: ern (Ernte). Kl. Oschl, Etgl, Tth., Sdb.: ern (lautgesetzlich 
unterschieden). Sh.: 6rn = 6rnda (Kontam. und Lautübertragung). Oschl: ernt 
(Kontam.). Ebd.: £rn = arnta. Ns.: eRn = eRnta (Kontam.). Sch.-Mb.: aRnta 
(im Hochd. allgemein übliche Form). 

Dbg., Sh., Senk., Apf., Gr. BcU., Dml: gaus (Gans). Hdd.: gans. Kl Gml, 
Etgl, Wseg., Eg., Tth., Wml, Schnb., Bmd., Wzl, Schutz., Lwd., Awd, Owd., 
Ddd., Sdb., Sch.-Mb., Ns , Ebd.: jans (in Wzl noch scherzhaft: jaus). 

Kl Gml, Kl Wzl, Gr. Bdl, Dml, Hdd, Ovs., Owd.: svöleka (Schwalbe). 
Wzl, Eg., Tth, Sch.-Mb.: Svalwa. Bths.: ävelaka (umgelautet) = Svalwa. 

Sh., Gr. BcU., Dml., Hdd., Ndd., Ovs., Dsd., Lmd, Kl Otl, Gr. Otl, Ddd., 
Owd., Lwd., Awd., Schntz., Bmd., Kl Gml., Kl Wzl: born (Brunnen). Ns., Sch.- 
Mb., Sdb.: bRunn. Bths., Fml, Sk., Wh., aber auch Wzl u. Oschl: brunn. 

g) Tonlängung aufgehoben. 

Sh., Gr. Bdl., Kl. Oschl., Kl Gml, Wzl, Dml, Hdd., Ndd, Bths., Ddd., 
Owd., Lwd., Wh.: dorn (Dorn). Eg.: dorn = dorn. Dsd., Kl. Otl, Gr. Otl: dorn, 



Gr. Udl, Kl. Gml., Dml, Edd.: körn (Korn). WzL, Ddd., Kl. OtL, Lmd., 
Fml., Wh., Rths.: körn. Sdb.: koRn. Oos.: körn (Kollektivbegriff) u. körn (ein- 
zelnes Korn). Die Verbreitung von dorn zeigt, dass auch die lautlich parallel 
gehende Form körn einst weiter als jetzt geherrscht haben u. körn aus dem Hochd. 
aufgenommen sein muss. Analog kann es sich nur mit dem folgenden Worte verhalten. 

Gr. Bdl.: hörn (Hörn; urspr. umgelauteter Plural). KL Gml., Hdd., Dml: 
hern (lautges. = hörn). Ovs. : hörn = hörn. Oschl. : hern = hörn (urspr. niederd. 
Sing.). WzL, Ddd., Kl. OtL, Gr. OU., Lmd., Fml., Rths., doch auch Sh.: hörn. 
Sdb.: hoRn. 

Gr. Bdl., Kl. Gml., Rths.: hömr (Hammer). Wh.: hömr = hamr. WzL: hamr. 

Gr. Rdl., Kl. Gml., WzL: höml (Hammel). Rths., Fml., Wh.: höml = haml. 
Besonders die allgemeine Verbreitung der Form kömr (Kammer) über das ganze 
Gebiet zeigt, dass die lautlich sich entsprechend verhaltenden Formen höml und 
hömr einst gleichfalls über unser ganzes Gebiet verbreitet waren. 

h) i für e oder ai aus westgerm. eo. 

Gr. Rdl., Oschl., Tth., Schnb., Owd., Gr. OtL: naira (Niere). Rths.: nera 
(lautges.). Ns.: n£Ra (lautges.). Bed., Sh., WzL: nfra. 

Gr. Rdl., Oschl., KL Gml., Dml., Hdd., Ovs., Tth.: frairn (frieren). Rths.: 
frern. Ns.: fRIRn. Sh., Gr. OU.: frairn = frlrn. WzL, Ddd., KL OtL, Lmd.. 
Wh.: frlrn. 

Gr. RdL, Oschl., KL Gml., Dml., Hdd., Ovs., Schnb., Tth.: frlairn. Bths.: 
frlern. Ns.: fRURn. Sh., Gr. OtL: frlairn = frlirn. Wzl, Ddd., KL OU., Lmd., 
Wh., Dsd.: frlirn. 

Gr. Rdl, Oschl., Sh., Dml., Hdd., Ndd., Ovs., Dsd.: bair (Bier) (doch überall 
schon: zaidl bir Seidel Bier, bairs bir bairisch Bier). Rths.: b£r. WzL, Lmd., 
KL OtL, Fml., Wh.: bir. Sch.-Mb.: biR. 

Gr. Bdl., Sh., Ebd.: dainn (dienen). Bths.: de*nn. Kl. OU., Lmd., FmL, 
Wh.: dinn. 

i) i für e oder e = tonlang i. 

OsM., Gr. Bdl., Kl. Gml., Bmd., Dml, Hdd., Ndd., Lad.: tafren (zufrieden). 
WzL, Ddd.: tafrSdn. Gr. Otl., KL OtL, Lmd., Fml., Wh., Dsd., Oos., Sdb., Seh- 
Mb., Ns.: tafrtdn (Kontam.). 6 ist lautgesetzliche Vertretung des tonlangen ur- 
germ. i z. B. st£l oder 8t61 (Stiel; vgl. ahd. Stil), spei oder £p£l (Spiel; vgl. ahd. 
spil), föl (viel; vgl. ahd. filu), bera (Birne; vgl. ahd. bira); nur unmittelbar an der 
Elbe herrscht dafür teilweis e z. B. FmL: Speln, Stel, föl, b6ra, Sch.-Mb.: Speln, 
Stel, fei, beRa, nirgends f. 

k) au oder Umlaute ai, oi für ü oder Umlaute ü, L 

Gr. Bdl., Kl. Gml., WzL: alün (Alaun). Sch.-Mb.: alauna (femin.; hochd. 
Diphthongierung). 

Gr. Bdl: kapünn (Kapaun) (vgl. mhd. kappün). WzL: kapaun. 

Gr. Bdl, KL Gml., WzL, Bths., Lmd.: üla (Eule). Sch.-Mb.: aila (ai für 
oi volksmitteldeut8ch). 

Gr. Bdl, KL Gml., WzL: bule (Beule). Sch.-Mb.: baila. 

Gr. Bdl.: trü, jatrü (treu). Dml, Hdd.: tri (aus trÜ) = troi. Kl. Gml: 
jatrf = troi. Bmd.: trfa = trü = troi. WzL, Ndd., Dsd., Ovs.: troi. 

1) Verschiedene vokalisehe Ersetzungen. 

Chr. Bdl., Ebd., Ddd.: kaula (kühl; au aus urgerm. 6; vgl. Staul Stuhl, faut 
Fuss u. s. w.). Gr. OH.: kaula = kila (1 aus ü). Wh., Lmd., Sch.-Mb., Ns.: kila. 

Gr. Bdl, Sh., Gthd., Aid., Kl. Oschl., Hml., Gr. Gml, Dml., Hdd.: ezl 
(Esel; doch ezl meist schon als Schelte). Wseg., EtgL, Tth., Bckd, Eg., Wzl, 
Lwd., Owd., Ddd., Lmd., KL OtL, Gr. OtL, Wh., Fml., Sdb., Sch.-Mb„ N$., Ovs., 
Ebd.: ezl. Die letztere Form kann deshalb nicht der Eigenentwickelung unseres 
Niederd. entstammen, da in dem Gebiete, in dem es allein gesprochen wird, ton- 
langes umgelautetes urgerm. a durch e vertreten ist z. B. redr (Rader), §emm 
(schämen), mena (Mähne). 



31 

Gr. &dl., Kl. Wzl., Kl. Gml, Bmd., Schntz., Dml, Hdd, Ndd. t Ovs., Dsd., 
KL Oti., Lmd., Fml, Sdb., Sch.-Mb., Ns.: kikn (gucken) (vgl. nind. kiken). Uschi, 
Aid., Gthd., Hml, doch auch Wzl.: kukn (in Oschl. kikn noch im Munde alter Leute). 

m) Einsetzung einer anderen Bildung. 

Dbg., Gr. BcU., Bkl: njaulo (Veilchen). Oschl.: failxn = njöla. Sh., Aid.: 
failxn = njaulo. Hml, Oml: failxn, bei älteren Leuten fijaula. Dml, Hdd., Ndd., 
Wseg., Kl Gml., Bmd., Wzl, Schntz., Ovs., Rths. und überall weiter südösil: failxn. 

2) Aufnahme formeller Elemente. 

1. Die schwachen Präterita endigten in unserem Gebiete ur- 
sprünglich auf -d z. B. h$r9 (er hörte), eine Bildung, die von den auf 
d oder t auslautenden Wurzeln ausgegangen ist; vgl. mnd. antworde 
aus antwordede, sette aus settede u. s. w. (Silbendissimilation), ver- 
einzelt danach auch schon leve für levede u. a. Diese Formen wie 
hftra sind jedoch ziemlich ausnahmslos nur noch etwa in dem gleichen 
Gebiete in Gebrauch, das die labial-palatalen Vokale erhalten hat; 
das ganze übrige Land nordwestlich und westlich der Linie Mb. — 
Wzl. — Eg. hat hera neben herfo, Ovs. hftra neben hörte, Dsd. und 
Rths. jedoch nur noch herto, ebenso das gesammte Kreuzungsgebiet 
der mitteldeutschen Einflüsse. Die Endung -to ist hochdeutschen 
Ursprungs. 

2. Im nom.-accus. neutr. sing, haben die Adjektiva in starker 
Flexion die endungslosen Formen wie grSt (gross) ohne Nebenformen 
nur noch in Dbg., Dks., Dl. erhalten, während in den weiter südlich 
und östlich gelegenen Punkten bereits die aus dem Hochd. entlehnten 
Formen auf -98 z. B. grotas neben gröt schon vorhanden sind. In 
Gthd., Oschl., Schk., Apf., Kl. Med., KL Wzl., Dml., Hdd. mögen 
beide Formationen etwa gleich gebräuchlich sein; in dem von Oschl., 
Wzl., Eg. umschlossenen Dreieck und in Aid. überwiegen bereits die 
Formen auf -98. Selten sind die älteren Formen bereits in Ovs. und 
Rths., ganz ausgestorben in Dsd. und im Gebiete südöstlich und 
östlich der Linie Mb. — Wzl. — Eg. 

3. Etwas minder weit ist die Endung -r z. B. grötr für grötn 
für den nom. sing. masc. der starken Flexion der Adjektiva vorgedrungen. 
In Sh., Rkl., Kl. Rdl. sind die Formen auf -n noch die überwiegenden, 
die weiter nördlich allein gebräuchlich sind. Ziemlich gleichmässig 
scheinen auch beide Formen noch in Oschl., Psd., KL Oschl., Gr. Gml., 
HmL, Aid., Gthd. in Gebrauch zu sein; erst in Wseg., Etgl., Kl. Gml. 
fangen die jüngeren Formen an zu überwiegen. Etwa gleichmässig 
werden beide Formen auch in Dml., Hdd., Ndd., Ebd. gebraucht. 
In Ovs., Rths., Dsd. sowie in Bmd., Bckd. und im ganzen übrigen 
Gebiete sind die Formen auf -r die durchaus normalen und diejenigen 
auf -n fast überall nur noch im Affekte gebräuchlich (z. B. dat is n 
jrotr man 'das ist ein grosser Mann 9 , aber is dat möl n jrotn man 
4st das ein grosser Mann!'). 

4. Wieder minder weit sind die Artikelformen dr für da (nom. 
sg. masc.) in eigentlicher Funktion als Artikel und der für dfe in 



Sä 

deiktischer Funktion vorgedrungen. Sh., Rkl., Gr. Rdl., Hmd., Win. 
haben bisher nur da und de, Kl. Med., Kl. WzL, Apf., Schk. häufiger 
da und de als dr und dör, ebenso DmL, Hdd., Ndd., Kl. Rdl. Dagegen 
mögen in Ebd., in Schntz. und im westlichen Teile des Dreiecks WzL — 
Oschl. — Eg. beide Formen etwa gleich häufig sein, während in Kl. GmL, 
Bmd., Etgl., Bckd. sowie in Rths. und Ovs. die Formen mit P bereits 
überwiegen. In Dsd. sowie im gesammten von der Linie Mb. — Wzl. — 
Eg. nach Südosten eingeschlossenen Gebiete sind der und dr allein 
im Gebrauche. 

5. Im gleichen Gebiete wird auch die Pronominalform dizr aus- 
schliesslich für älteres diza gebraucht. Im Gebiete westlich Wzl. — Eg. 
sind beide Formen neben einander üblich; doch wird dizr nach Norden 
und Westen hin seltener. In Schntz. sind beide Formen in Gebrauch: 
in DmL, Hdd., Ndd. ist diza noch üblicher. In Rkl., Kl. Med., 
Schk., Apf., Kl. WzL, Kl. Rdl. existiert bisher nur diza, weiter 
nördlich dflza. 

6. Etwa die gleiche Verteilung zeigt sich zwischen den Formen 
des Reflexivs zik und zfy. Ersteres ist in Rkl., KL Med., Apf., auch 
noch in Oschl. allein im Gebrauche, steht neben zij£ in Aid., HmL. 
KL Oschl. u. s. w., auch in DmL etc. und ist nur in dem von Mb., 
WzL, Eg. eingeschlossenen Gebiete gänzlich verdrängt. 

7. Die Form er für he (hai) findet sich nur und auch dort 
hauptsächlich nur bei der jüngeren Generation in Lind., FmL, Sk., 
Wh., neben hai auch in Kl. Ott. und Gr. Ott., ebenso SR in Ns., 
Sch.-Mb., Sdb. 

Dass die Zweisprachigkeit nicht allein in Mb., sondern auch in 
WzL und Eg. schon seit längerer Zeit viel weiter ausgebildet als auf 
den der mitteldeutschen Grenze näher gelegenen Dörfern gewesen sein 
muss, zeigt sich vor allem an dem Gegensatze derjenigen Art und 
Weise, in welcher hier noch abweichend von sämmtlichen umliegeuden 
Dörfern Elemente aus dem Hochdeutschen in das Niederdeutsche auf- 
genommen wurden, zu derjenigen, in welcher sich derartige Neuerungen 
über zusammenhängende Striche verbreiteten. In den meisten Punkten, 
in denen einzelne hochdeutsche Formen, auch hochdeutsche Flexions- 
endungen, in das Niederdeutsche entlehnt wurden, stammen dieselben 
nicht nur direkt aus dem von den Bewohnern dieser Punkte gespro- 
chenen Hochdeutsch, sondern auch aus dem Niederdeutsch derjenigen 
Nachbardörfer, die dem Ausgangsgebiete des Hochdeutschen näher 
gelegen diese Elemente bereits in ihr Niederdeutsch aufgenommen 
hatten. Welches Gewicht der letztere Faktor bei diesem Prozesse 
gehabt hat, zeigt sich weniger darin, dass überhaupt nur die Städte 
noch isolierte Entlehnungen aus ihrem Hochdeutsch in ihr Niederdeutsch 
aufgenommen haben, als in dem Umstände, dass speciell diese Ent- 
lehnungen zum grossen Teile in der Aufnahme ganzer Reihen von 
Wörtern, die durch lautliche Eigentümlichkeiten mit einander verknüpft 
sind, bestehen. Über weitere Striche hin sind dagegen erstens einzelne 
stoffliche Elemente deshalb aus dem Hochdeutschen aufgenommen 



83 

Worden, weil sie vermöge ihrer Bedeutung häufiger hier als im Nieder- 
deutschen vorkamen — derartige Wörter könnten sogar von solchen 
Dörflern in ihre Sprache entlehnt worden sein, die sich auch den nur 
hochdeutsch sprechenden Personen gegenüber nur ihres Niederdeutsch 
bedienten — , zweitens aber Flexionsfonnen deshalb entlehnt, weil hier 
fast überall zwingende Gründe psychologischer Art massgebend ge- 
wesen sind, worüber näheres später. Derartige zwingende Gründe 
sind jedoch für die Reihenentlehnungen stofflicher Elemente nicht auf- 
findbar. Die Beispiele sind folgende: 

1. Im Sch.-Mb. ist, von wenigen durch lautliche Verhältnisse 
bedingten Ausnahmen abgesehen, jedes t in ts verwandelt worden, wenn 
das Hochdeutsche an entsprechender Stelle ts hatte; vgl. oben tsapm 
für tapm, tsön für tön u. s. w. Dass dieser Prozess keineswegs mit 
den „ Lautgesetz u genannten Erscheinungen auf gleiche Linie zu stellen 
ist, ergiebt sich einfach aus der Thatsache, dass alle nach Eintreten 
der zweiten Lautverschiebung sowohl in das Hochdeutsche wie Nieder- 
deutsche aufgenommenen, ein t enthaltenden Lehnwörter dies t im 
Sch.-Mb. erhalten haben, weil auch im Hochd. t, nicht ts daneben 
stand. So heisst es Sch.-Mb. stets telR (Teller), tuRm (Turm), tun» 
(Tonne), tuRnn (turnen), tanfo (Tante). 

2. Intervokalisches d ist sowohl als Vertretung des urgerm. P 
wie des urgerm. 8 im Striche an der Elbe, in Wsl., Sdf., Ddd., SL, 
Bed., "Wh., Sk., Fml., Sdb., Sch.-Mb., Ns., Rths., erhalten, im übrigen 
Gebiete aber überall geschwunden, wo es nicht ursprüngliche Geminata 
war. Es heisst z. B. im Eibniederdeutsch löda (lade), böda (bade), 
röda (rate), rida (reite) u. s. w. gegenüber löd, böa, röd, ri9 im übrigen 
Lande. Ebenso ist an der Elbe, ausserdem nur teilweis im Norden 
des Gebietes, intervokalisches y und j erhalten, während es sonst 
wiederum geschwunden ist; dem fröya (frage), dröya (trage), ätija 
(steige) stehen im grössten Teile des Westens, auch noch in Schntz., 
DmL, Kl. Wzl., Apf. die Formen fröa, dröa, §tia (stfo) gegenüber. 
Innerhalb dieses Gebietes jedoch haben nun Wzl. und Eg. intervo- 
kalisches y und j überall wiederhergestellt, weil die hochdeutschen 
Formen diese Laute enthielten; ebenso hat der grösste Teil der Be- 
völkerung beider Städte auch intervokalisches d wiedereingesetzt, sei 
es dass demselben hochd. d oder t gegenüberstand. Es heisst daher 
in beiden kleinen Städten fröyd, dröya, §tija u. s. w. und meistens 
auch lödd, böd», röda, rida etc., während sämmtliche unmittelbar um 
und zwischen Wzl. und Eg. gelegenen Dörfer nur die Formen ohne 
intervokalische y, j und d kennen. Dass z. B. in dröa ein y, in dem 
lautlich parallel geformten loa ein d eingeschoben wurde, zeigt hin- 
länglich, dass wir es nicht mit einem Lautgesetze zu thun haben. 

3. Im Niederdeutsch unseres ganzen Gebietes mit Ausnahme des 
Striches unmittelbar an der Elbe hat in den einsilbigen Substantiven 
mit inlautendem a auch bei folgendem Geräuschlaut der Nominativ 
nach Analogie der übrigen Casus ö angenommen: es heisst daher z. B. 
niederd. jlös (Glas), jrös (Gras), rot (Rad), bot (Bad), jröf (Grab), 

KledeideufcMhts Jahrbuch. XIV. 3 



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föt (Fass), dök (Dach). In unserem Hochdeutsch wird jedoch allgemein 
jlas (glas), jras (gras), rat, bat, jrap (grap), fas, dax gesprochen. 
Nun hat jedoch Wzl. nebst seinen beiden Domänenvorwerken Bmb. 
und Bltz., aber abweichend von allen umgebenden Dörfern die Formen 
mit kurzem Vokal überall da auch in das Niederdeutsche eingeführt 
wo beide Dialekte den gleichen Konsonantismus boten, so dass es hier 
jlas, jras, rat, bat, aber jröf, fot, dök im Niederdeutschen lautet. Da 
nun nach Friedr. Hoflfmann, Geschichte des Königlichen Domainen-Amts 
und der Kreis-Stadt Gross-Wanzleben, Berlin 1863 Bmb. und Bltz. 
im Jahre 1790 und in den folgenden Jahren von Wzl. aus angelegt 
wurden, so muss diese Übernahme aus dem Hochd. in das Niederd. 
höchstwahrscheinlich vor 1790 erfolgt sein, weil es doch merkwürdig 
wäre, wie eine von Wzl. aus wellenförmig sich ausbreitende Sprach- 
neuerung gerade nur dessen Domänenvorwerke, nicht aber auch eins 
der umgebenden Dörfer erreicht hätte. 

Welche Rolle hingegen bei der Übernahme einzelner Wörter 
die Kultur- und Verkehrsverhältnisse zuweilen selbst so gut wie unab- 
hängig von der Häufigkeit der Anwendung der Kontaktmundart für 
die Aufnahme von Wortformen derselben in die Eigensprache spielen, 
ergiebt sich aus folgenden Beispielen: 

1. Die jüngere Generation in Dbg. hat niederd. jdte durch josa 
ersetzt, weil dies Dorf, wie mir versichert wurde, bis vor kurzer Zeit 
noch nicht gepflastert war und daher überhaupt keine Rinnsteine hatte. 
Alle südlich und östlich gelegenen Dörfer bis Lwd. kennen niederd. 
nur jöte, wofür josa erst in Owd. auftaucht (vgl. oben). 

2. Das sonst am meisten vom Hochd. durchsetzte Sch.-Mb. hat 
eine niederd. Wortform eben nur in Übereinstimmung mit dem sonst 
von dieser Durchsetzung noch am meisten verschonten Dbg. erhalten. 
Es ist dies Sch.-Mb. kReft für „Krebs", wofür Dbg. noch „krewat 4 ' 
bietet, eine Form, die südlich und östlich von diesen Dörfern entweder 
gänzlich verdrängt oder doch nur in übertragenen Bedeutungen er- 
halten, sonst aber durch kreps (Ns., Sdb. kReps) ersetzt worden ist 
(vgl. oben). Die Erhaltung der niederd. Wortform gerade im Sch.-Mb. 
erklärt sich aus der Identität des Aufenthaltsortes des durch dieselbe 
bezeichneten Tieres mit dem Lebenselemente der Schiffer und Fischer. 



85 



Das Hochdeutsch im Magdeburger Lande. 

Das in so beträchtlichem Masse in der Magdeburger Börde und 
in den sich westlich wie östlich anschliessenden Distrikten von den 
Ungebildeten im Verkehre mit Gebildeten und Städtern angewandte 
Hochdeutsch gleicht natürlich nicht der mustergiltigen Gemeinsprache. 
Es hat erstens zahlreiche niederdeutsche Elemente beibehalten, zweitens 
sich an die benachbarten mitteldeutschen Volksdialekte angelehnt. 
In dieser Gestalt ist es eine bei den verschiedenen Individuen unseres 
Gebietes und der betreifenden Nachbargebiete relativ einheitliche und 
neben dem Niederdeutschen traditionelle Sprache geworden, wiewohl 
es infolge von Schuleinflüssen mannigfachen Schwankungen unterworfen 
ist. Diejenigen Landleute, die das Niederdeutsch nur aus Vornehm- 
thuerei völlig abgestreift, aber keine höhere Schule besucht haben, 
sprechen in der Regel das schlechteste Hochdeutsch, das eben, weil 
es als alleinige Sprache weit geläufiger geworden, am wenigsten den 
paralysierenden Einflüssen der Schule unterliegt. Das Gleiche hat 
für die Bewohner der Stadt Magdeburg überhaupt zu gelten, gerade 
wie für die Berliner. 

Aus dem Niederd. hat unser Hochdeutsch, am ausgeprägtesten 
das St.-Mb. der niederen Stände, die neutralen Pronominalformen wie 
vat, dat beibehalten, also analog dem Berlinischen, das nur in seinem 
det von unserem Hochdeutsch ähnlich dialektisch differenziert ist wie 
das in jener Gegend gesprochene Niederdeutsch von dem unsrigen. 

Besonders eklatant beweist folgender Fall die Einheitlichkeit und 
traditionelle Fortpflanzung der hochdeutschen Kontaktsprache in dem 
ganzen hier in Betracht kommenden Gebiete: 

Niederd. d aus urgerm. X = hochd. t ist im Volkshochdeutsch 
des Magdeburger Landes, insbesondere regelmässig im St.-Mb., in- 
lautend nach langen Vokalen stets, nach kurzen meistens durch t 
ersetzt (z. B. fotr Vater, rötn raten, ärotn schroten, raitn reiten, 
röte rote, braita breite u. s. w. ; kete Kette, vete Wette, vetr Wetter, 
retn retten, bete Bett u. s. w.), anlautend dagegen erhalten worden 
(z. B. doxtr Tochter, dauznt tausend, dauwa Taube, dölr Thaler, dan» 
Tanne, drisk» trinken, dröyn tragen, dol toll, dir» Thür, dör Thor 
u. s. w.). Genau die gleiche Verteilung hat das Berlinische (vgl. D. 
richtige Berliner S. VI, Graupe S. 43). Diese Übereinstimmung setzt 
auch die gleiche Verteilung von d und t des ganzen zwischen Berlin u. 
Mb. gelegenen Gebietes in dem von den Ungebildeten gesprochenen Hoch- 
deutsch voraus. Wenn nun auch, wie später gezeigt werden soll, der 
ganze Wechsel von d und t in diesem Dialekte auf der Wirksamkeit ganz 
bestimmter Faktoren, vor allem des Bequemlichkeitstriebes, beruht, 
so würde es doch sehr merkwürdig sein, wenn bei jedem einzelnen 
Individuum genau dieselben Faktoren in Wirksamkeit getreten wären. 
Von Kindern, die ihre Muttersprache lernen, fällt ja auch dem einen 

3* 



diese, dem anderen jene Lautverbindung schwerer. Auch wo Laut- 
wandlungen sichtlich aus Bequemlichkeitsgründen hervorgegangen sind, 
brauchen sie sich nicht über das ganze Gebiet zu verbreiten, auf dem 
die gleichen Lautverbindungen, die vom Wandel getroffen sind, vor- 
liegen. Auch solche Lautwandlungen setzen sich ja durch Übertragung 
von einem Individuum auf andere fort. So wäre gewiss auch nicht 
überall dort, wo die im Verkehre mit Gebildeten gebrauchte Kontakt- 
sprache zu einer häufigeren Anwendung gelangt ist, d und t nach 
demselben Gesetze verteilt worden, wenn hier nicht der Einfluss der 
einzelnen sonst niederdeutsch sprechenden Personen auf einander, auch 
die Tradition von Eltern zu Kindern bereits mitgewirkt hätte. Am 
auffallendsten ist jedoch der Umstand, dass die von den ungebildeten 
Magdeburgern gesprochene Mundart und die hochdeutsche Kontakt- 
sprache im Magdeburger Gebiete mit dem Berlinischen in der einzigen 
Ausnahme von dem Gesetze, dass niederd. d im Anlaut erhalten bleibt, 
übereinstimmt. Es ist dies das Wort tir (niederd. dairt aus mnd. 
dert, dfer = andfrk. Ps. dier = ags. deor = anord. dyr; dairt im 
grössten Teile unseres Gebietes nur noch als Schelte üblich, sonst die 
Kontaminationsform dir [aus dairt -f- nhd. tir]; in einigen Dörfern 
im Süden Magdeburgs wie in Wh., Wsl. tir auch schon im Niederd.). 
Vgl. D. rieht. Berl. S. 100: Thier, Firmenich I, 148 ff. stets: Thier; 
bei allen anderen Wörtern schreiben beide Bücher stets d für anl. 
urgerm. X (vgl. das Wörterverzeichnis in „D. rieht. Berl. Ä unter den 
Buchstaben d und t). Ich habe keine Ursache ausfindig machen 
können, weshalb einzig bei diesem Worte anl. niederd. d durch hochd. 
t ersetzt worden ist; die abweichende Behandlung desselben kann ich 
mir nur so erklären, dass gerade unter denjenigen Personen, die das 
Wort infolge ihres Berufes oder aus unberechenbaren Ursachen am 
häufigsten im Hochdeutschen anwandten, die Mehrzahl zufällig psychisch 
und physisch so organisiert war, dass sie Bequemlichkeitstrieben weniger 
nachgebend für jedes anlautende d ein t einsetzte. 

Wie sich unser Volkshochdeutsch an das benachbarte Volks- 
mitteldeutsch gelehnt hat, so hatte dies selbst in Anlehnung an die 
benachbarten Volksdialekte Obersachsens und Thüringens das dortige 
Niederdeutsch verdrängt. Denn während sich die Mundart der Ge- 
bildeten dieses Distriktes genau der Lutherschen Sprache anpasste, 
wie denn auch später neben Dresden und Leipzig Merseburg und 
Wittenberg (über die ursprüngliche Zugehörigkeit des letzteren zum 
Mitteldeutschen vgl. Winter, Forsch, z. deutschen Gesch., Bd. XIV, 
S. 337) als diejenigen Punkte genannt zu werden pflegten, welche das 
beste Deutsch sprächen, unterschied der Ungebildete desselben Gebietes 
nicht zwischen den verschiedenen Nuancen des Mitteldeutsch und 
nahm bei dem Bestreben, sich die Luthersehe Sprache anzueignen, 
den im Verhältnis zum Niederdeutschen dieser Sprache ungemein 
nahe stehenden, weit häufiger aber als diese selbst gehörten ober- 
sächsisch-thüringischen Volksdialekt an. Ich gebe die Beispiele: 



37 

A) Reihenentlehnungen nach lautlichen Eigentümlichkeiten. 
a) Konsonantismus. 

Die Gemeinsprache steht hinsichtlich der Lautverschiebung be- 
kanntlich auf ostfränkischer Lautstufe. Nach Paul, Mhd. (Ir. § 94 
weichen das Thüringische, Obersächsische und Schlesische insofern 
vom Ostfränk. ab, als sie pp und mp unverschoben lassen. Das gleiche 
Verhalten zeigt nun das vom Mitteldeutschen eroberte Gebiet. So 
nach Haushalter, Die Mundarten des Harzgebietes S. 11 das Unter- 
harzische, nach S. 18 das Mansfeldische und Anhaltische. Vgl. ferner 
folgende Stellen bei Firmenich II: S. 217: Appel (Unterharz), 224: 
Toppchen, Tröppchen, Damp, Mistsump (Bernburg), 231: Kopp (Dessau), 
238: Stampe (gestampfte Rüben; Merseburg). So ist nun auch in der 
hochdeutschen Rede des Niederdeutschen im Magdeburger Lande sowie 
im St.-Mb. alte Geminata p und mp unverschoben geblieben z. B. kop 
(Kopf), krop (Kropf), nap (Napf), tsop (Zopf), tsapm (Zapfen), dropm 
(Tropfen), hopm (Hopfen), propm (Pfropfen), apl (Apfel), kupr (Kupfer), 
damp (Dampf), zump (Sumpf), ätrump (Strumpf). Analog muss sich 
auch das Berlinische verhalten. Vgl. D. rieht. Berl. S. VI: Strump, 
knippern, S. VIII: Droppe, Firmenich I, S. 151 wiederholt: Kopp, S. 
153, Sp. 1, Z. 36: Wiedehopp. Vgl. auch Graupe S. 4L 

Dass hier alte Geminata p und mp weniger aus dem Bequem- 
lichkeitstriebe als deshalb beibehalten wurden, weil man diese Laut- 
verbindungen auch als hochdeutsch empfand, ergiebt sich aus einem 
Worte wie dem St.-Mb. und von unseren Niederdeutschen in hoch- 
deutscher Rede angewandten top (Topf), das im Niederd. nur als dop 
in den Bedeutungen „Eierschale, Tassenkopf (mnd. „hohle Rundung") 
erscheint, in der Bedeutung „Topf" aber niemals dort vorkommt, 
wofür vielmehr das Wort pot allein herrschend ist, abgesehen davon, 
dass in einigen Dörfern dicht um Mb. top auch in das Niederdeutsche 
übernommen worden, woneben aber dop in seiner Bedeutung fortbesteht. 
Wir sehen also, dass ein hochdeutsches Wort, zu dem man im Niederd., 
da pot nicht lautlich, dop nicht funktionell entsprach, nichts als 
Analogen fühlen konnte, in volksmitteldeutscher, nicht in eigentlich 
gemeinsprachlicher Gestalt in den bei den Ungebildeten als Gemein- 
sprache fungierenden Dialekt eingesetzt wurde. 

Die Formen mit unverschobenem p in den betreffenden Fällen sind 
besonders im St.-Mb. bei den niederen Ständen allein gebräuchlich, da sie 
hier eigensprachlich geworden sind. Im Magdeburger Lande hört man 
in hochdeutscher Rede der Ungebildeten wenigstens zuweilen daneben 
die echt gemeinsprachlichen Formen mit f; doch wirkt auch hier die 
Übereinstimmung der ursprünglich volksmitteldeutschen Formen mit den 
eigensprachlichen niederdeutschen dem Schuleinflusse mächtig entgegen. 

b) Vokalismus. 

Im Vokalismus zeigt sich die Abhängigkeit des betreffenden Ge- 
bietes in seinem Hochdeutsch vom benachbarten Volksmitteldeutsch 
noch weit deutlicher. Ich gebe zunächst den Thatbcstand: 



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Nach Haushalter, Mundarten des Harzgebietes S. 11, hat das 
Unterharzische, ehemals niederdeutsches Gebiet, urgerm. ! und ü noch 
durch t und ft vertreten. Vgl. auch Firmenich II, S. 217 u. 218: 
sihnen (seinen), mihn (mein), glihch (gleich), schriben (schreiben), 
wiht (weit), blieb (bleib!), uhs (aus). Aus Firmenich ist auch die 
Vertretung des urgerm. in durch i ersichtlich: vgl. Lihte (Leute), 
dihtlich (deutlich), hilite (heute). Nach Haushalter, S. 12 Fussnote 1 
wird im westlichen Teile des Unterharzischen minn huss (mein Haus) 
gesprochen; es steht also, mindestens teilweis, i für urgerm. I, u für 
urgerm. fi. Die urgerm. Diphthonge ai und an scheinen im Unterharze 
überall dort durch ai und an vertreten zu sein, wo das Ahd. die 
Diphthonge gewahrt hat. Vgl. Firmenich a. a. 0. : Falkensteine, kein, 
gemeine, heime (daheim), an (auch). 

Das Mansfeldische hat nach Haushalter S. 12 für urgerm. l und 
ft diphthongische Vertretung eingeführt (z. B. mein haus). Ebenso 
nach Wäschke a. a. 0. S. 314 das Anhaltische z. B. mein, Eis, Eile, 
Seite (latus), bleiben, schreiben, Weite, eisern, Pflaume, faul, bauen, 
Braut, brauchen, Raum, Taube. Weitere Beispiele für Bernburg und 
Dessau bei Firmenich II, S. 218. Analoge Vertretung in Halle ist 
aus Firmenich II, S. 235 ff. zu ersehen: deinetwegen, Pfeiffe, greifen, 
Schneider. Vertretung des u durch an ist aus dem umgelauteten 
Fäuste zu folgern. So verhält es sich auch mit Merseburg; vgl. Fir- 
menich II, 236 ff.: fein, Reiter, meine, weiss, Reich, reich, ans, Haus. 
Dagegen ist urgerm. ai durch e, an durch 6 im Anhaltischen, in Halle 
und in Merseburg vertreten. So nach Wäschke S. 314 u. 315; vgl. 
anhält, rene, allene, hele, bret, hSss, Schwess, Stfcn, SSI (Seil), Sete 
(Saite; mhd. seite). Vgl. für Halle Firmenich a. a. 0.: keene, kleen, 
alleen, Trom, für Merseburg: Leed, heemlich, keener, oh (auch). 

Ganz die gleichen Verhältnisse gelten für das St.-Mb., in dem 
urgerm. ai gleichfalls regelmässig durch e, urgerm. au regelmässig 
durch 6 vertreten ist, während sich an Stelle von urgerm. i und ü die 
Diphthonge ai und an gestellt haben. Beispiele: enR, kenR, aRwet 
(Arbeit), Sten, klen, ben, bret, hesn, hfes, vStsn, dfy (Teig), wejr, del, 
menn, lesta (Laiste), let, zefa, klet, venn; öx, h6x, löfn, bdm; haitn, 
iRaifn, bail, fain, Raix, §maisn, tsait, vait; baux, faul, danwa (Taube), 
bann, haus u. s. w. 

Der Umlaut des 6 aus urgerm. au ist im St.-Mb. durch 6 gegen- 
über gemeinsprachlichem oi vertreten z. B. fRzefn (ersäufen), dRemm 
(träumen), zemm (säumen), bfeme (Bäume), left (er läuft), SnelefR 
(Schnellläufer). 

Auch das Berlinische hat die gleichen Vertretungen. Vgl. D. 
rieht. Berl. S. VII: „Dem hochdeutschen ei und an entspricht wie im 
Plattdeutschen zweierlei: ee und oo: vgl. een, Arbeet, Boom, Droom, 
koofen; dagegen ai und an, wo das Plattdeutsche langes i und n hat 
z. B. Wein, Haus. Wenn an Umlaut von an = oo ist, entspricht ihm 
ö (spr. e) z. B. drSmerig (träumerisch), aber Häuser (spr. Heiser)." 
Weitere Beisp. bei Firmenich a. a. 0., Graupe S. 38 ff. 



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In fast sämmtlichen angeführten Fällen, in denen hier das auf 
ehemals niederdeutschem Gebiete gesprochene Volkshochdeutsch einen 
von der Gemeinsprache abweichenden, mit dem thüringischen oder 
obersächsischen Volksdialekte übereinstimmenden Lautstand zeigt, hat 
es allerdings den niederdeutschen Vokalismus, der hier mit dem des 
benachbarten Mitteldeutsch übereinstimmte, festgehalten. Dass jedoch 
die niederdeutschen Laute hier nicht etwa aus dem Bequemlichkeits- 
triebe, sondern deshalb beibehalten wurden, weil sie mit den Ver- 
tretungen im benachbarten Volksmitteldeutsch übereinstimmten, dafür 
lässt sich ein doppelter Beweis fuhren: 

1. Das Obersächsische z. B. Leipzig bietet nach Albrecht, S. 8 
u. 9 ai für urgerm. i, an für fl, 6 für jedes urgerm. au, $ für jedes 
urgerm. ai. Das nördliche Thüringisch hat nach Martin Schultze, 
Idiotikon der Nord-Thüringischen Mundart S. 3 urgerm. 1 und ü er- 
halten, ahd. in durch ii (i) vertreten, z. B. tiier (teuer), f iier (Feuer) ; 
ein Teil des nördlichen Thüringens z. B. die Gegend von Nordhausen 
hat für i und ü in gewissen Fällen die Kürzen i und u eintreten lassen; 
nach Haushalter a. a. 0. S. 1 1 wird „minn huss" ausser im westlichen 
Unterharze auch in einem Teile Nordthüringens, einschliesslich Nord- 
hausen, gesprochen. Dagegen hat das Thüringische nach Mart. Schultze 
a. a. 0. urgerm. ai und au wie im Ahd. vertreten. Nunmehr ist ohne 
weiteres klar, weshalb das Unterharzische aus seinem Niederdeutsch 
i und U, das weiter östlich gelegene, ehemals niederdeutsche Gebiet 
aus dem seinigen e und 6 beibehalten hat: die Niederdeutschen haben 
überall den Dialekt ihres südlichen Nachbars als den „ hochdeutschen u 
aufgefasst, so dass sich die mitteldeutschen Volksmundarten in gerader 
Linie von Süden nach Norden vorgeschoben haben. In einem Falle, 
in der partiellen Vertretung des urgerm. 1 und ü durch i und u im 
westlichen Unterharze hat sich der Dialekt abweichend sowohl von 
der Gemeinsprache wie vom ursprünglichen Niederdeutschen an das 
benachbarte Thüringisch angeschlossen, falls wir hier nicht etwa eine 
jüngere sich wellenförmig ausbreitende Secundärentwickelung vor 
uns haben. 

2. Das St.-Mb. — und gewiss auch so das übrige ehemals nieder- 
deutsche Gebiet — hat auch da e und 6 eingesetzt, wo die Gemein- 
sprache ai und au, das Obersächsisch- Volksmitteldeutsche e und ö, 
das Niederdeutsche im Magdeburgischen in seiner Eigenentwickelung 
weder e noch ai, weder 6 noch au bietet. So ves (ich weiss) = 
obers. ves gegenüber niederd.-Magdeb. vet (nach dem Plur. vetn), 
abweichend von gemeinspr. vais, mestR = obers. mestR gegenüber 
gemeinspr. maistr und niederd.-Magdeb. mestr (z. B. Wzl., Ovs. etc., 
mestR im Sch.-Mb. u. s. w. beruht höchstwahrscheinlich auf Entlehnung 
aus dem Hochdeutschen), dftfh = obers. ddfli (mit anderem d) gegen- 
über gemeinspr. tanfn u. niederd.-Magdeb. depm (aus döpm), köfn = 
obers. köfn gegenüber gemeinspr. kaufn u. niederd.-Magdeb. kepm 
(aus köpm). Im Prinzipe verhält es sich auch analog mit St.-Mb. 
lefst (du läufst) = obers. lefst gegenüber gemeinspr. loiist u. niederd.- 



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Magdeb. lepst (aus lOpst). Am auffallendsten ist folgendes Beispiel: 
Sdb., Sch.-Mb., Ns. haben zwar urgerm. ai durch Ä vertreten, aber 
das Wort aika (Eiche) aus dem westlich angrenzenden Niederd. ent- 
lehnt; trotzdem heisst es St.-Mb. ejd = obers. typ gegenüber 
gemeinspr. afya u. diesem aika. 

In dem Hochdeutsch der Dörfer des Magdeburger Landes ist 
infolge des Schuleinflusses urgerm. ai und au in der Regel durch ai 
und au vertreten, sobald es die mustergiltige Gemeinsprache erfordert. 
Doch findet sich besonders in den in unmittelbarer Nähe von Mag- 
deburg gelegenen Dörfern e allgemein für urgerm. ai und 6 allgemein 
für urgerm. au recht häufig, obwohl wenigstens im ganzen Gebiete 
westlich von Magdeburg ersteres in den meisten Wörtern im Niederd. 
durch ai vertreten ist. So insbesondere bei den in Magdeburg viel 
beschäftigten Arbeitern aus Diesdorf und Olvenstedt, die also im 
Niederd. kain (kein), hait (heiss), brait (breit) u. s. w., im Hochd. 
kfcn, hfcs, bröt etc. sagen. Auch bilden e und 6 in den weiter westlich 
gelegenen Dörfern die regelmässigen Vertretungen für urgerm. ai und 
au bei vielen einzelnen Individuen, die viel in Magdeburg verkehren, 
insbesondere bei solchen, die das Niederd. gänzlich aufgegeben haben. 

B) Einzelentlehnungen*). 

St.-Mb. uf (auf) = obers. uf gegenüber gemeinspr. auf und 
niederd.-Magdeb. op. 

St.-Mb. nidR = obers. nidR gegenüber gemeinspr. ntdR und 
niederd.-Magdeb. nedr (Sch.-Mb. nedR). 

St.-Mb. vidR = obers. vidR gegenüber gemeinspr. vtdR und 
niederd.-Magdeb. vedr (Sch.-Mb. vedR). 

St. -Mb. iwR (über) = obers. iwR gegenüber gemeinspr. ftbR und 
niederd.-Magdeb. ewr (aus öwr; Sch.-Mb. ewR). 

St.-Mb. fite = obers. fite gegenüber gemeinspr. fil und niederd.- 
Magdeb. fSl oder fei (letzteres Sch.-Mb.). 

Die gleichen Formen wie im St.-Mb. und im Obers, sind auch 
aus Berlin bekannt. 

Mit der Verteilung der Formen auf und uf, nidr und nidr u. s. w. 
im Hochdeutsch des Magdeburger Landes verhält es sich ganz analog 
wie mit derjenigen der Vokalvertretungen ai und 8, an und 6. 

Aber nicht nur das Hochdeutsch der mittleren und unteren Stände 
im Magdeburger Lande, sondern auch dasjenige der Gebildeten weist 
Abweichungen von der mustergiltigen Gemeinsprache auf. In den 
betreffenden Formen weicht die Sprache der gesammten Volksmasse 
unseres Gebietes zugleich auch vom obersächsisch-thüringischen Volks- 
dialekte ab. Die Beispiele sind: 

1. Tonlanges westgerm. e ist sowohl in Obersachsen wie in der 
Hauptmasse des Niederdeutschen im Magdeburger Lande durch e ver- 
treten. Es heisst z. B. in Leipzig lewa, klewd, trete, knete, wofür 

*) Die obers. Formen kenne ich aus Leipzig. 



41 

im Magdeb. Niederdeutsch lewa, klewd, trea, kned (resp. treda, kneda). 
Naturgemäss lautet es auch im Magdeb. Hochdeutsch lewa, klewd, 
trete, knefo. Tonlanges umgelautetes a ist jedoch in Sachsen z. B. 
in Leipzig durch ä z. B. in hewe (ich hebe), dies aber in dem gleichen 
Teile des Magdeb. Landes im Niederd. durch e z. B. in hewd vertreten. 
Der Unterschied zwischen e in lewa u. s. w. und dem e in hewd ist 
mir innerhalb des vom Mitteldeutschen eroberten Gebietes wenigstens 
aus Halle bekannt. Die hauptsächlich durch den mündlichen Verkehr 
vermittelten Formen erscheinen hier in obersächsischer Gestalt. Der 
betreffende grössere Teil des Magdeb. Gebietes hat auch tonlanges 
umgelautetes a durch e z. B. in hewd vertreten. Da nun die Ein- 
fuhrung des Hochdeutschen im Magdeburgischen in der Hauptsache 
auf schriftlichem Wege geschah, das Schriftbild e aber eine Zwei- 
deutigkeit zuliess, so behielt man auch hier nach Analogie der Verba 
lewe, trete u. s. w. die niederd. Form höwa auch im Hochd. bei. 
Wo hingegen das Obersächsische ein e für tonlanges umgelautetes a 
gegenüber einem anderen niederd. Laute als e oder e bot und wo 
keine ähnliche Analogiebildung wie hewa nach trete möglich war, da 
entschied die obersächsische Aussprache für die unseres Hochdeutsch 
auch da, wo das Schriftzeichen gleichfalls zweideutig erschien. Obers, 
ezl (Esel) = niederd. ezl erscheint auch in unserem Hochd. als ezi. 

Der kleinere nordwestliche Teil unseres Gebietes hat sowohl ton- 
langes westgerm. e als auch tonlanges umgelautetes a im Niederd. 
durch e vertreten z. B. !Sw9, hftwa. Die östlichsten und südlichsten 
Punkte dieses Bezirkes sind: Ebendorf, Olvenstedt, Diesdorf, Gr. Otters- 
leben, Schleibnitz, Domersleben, Remkersleben, Seehausen (doch hat 
Kl. Ottersleben noch e). Aber auch in diesem Gebiete wird für ton- 
langes westgerm. e stets z. B. in lewa e, für tonlanges umgelautetes 
a in hewd e im Hochd. gesprochen. Offenbar ist hier die hochd. 
Aussprache des dem Ausgangslande der Gemeinsprache näher liegenden 
Gebietes, vor allem aber wohl diejenige der Stadt Magdeburg für das 
Hochdeutsche massgebend gewesen. Es heisst auch hier hochd. 6zl 
gegenüber niederd. ezl. Was hewa und hewa betrifft, so ist hier durch 
eine eigentümliche Verkettung von Umständen das mit der gemein- 
sprachlich-obersächsischen Form zufällig übereinstimmende volksdia- 
lektische hSwo durch die ursprünglich dem benachbarten Volksdialekte 
angehörige Form in gemeinsprachlicher Funktion verdrängt worden. 

2. Weiteren Umfang hat eine ganz analoge Verdrängung wie 
die letzte in folgendem Falle, nur dass hier die Übereinstimmung der 
verdrängten Formen mit den eigentlich gemeinsprachlichen nicht einmal 
eine zufällige war: 

Im Niederd. fast des gesammten Magdeb. ist bei den einsilbigen 
auf einen Geräuschlaut auslautenden Substantiven mit inlautendem a 
eine Angleichung des nom.-acc. sg. an die übrigen Casus in Bezug 
auf die Tondehnung übereinstimmend mit dem Mittel- und Oberdeutschen 
and abweichend vom übrigen Niederd. erfolgt: also jlös, jrös, bot, 
Pöt, fijt (Fass), dök (Dach), jröf (Grab), köf (Spreu). Der Prozess 



42 

dieser Angleichung ist vom hochd. Sprachgebiete ausgegangen und bat 
von da den angrenzenden Teil des Niederd. ergriffen. Denn Schneit- 
lingen, Egeln, Bleckendorf, Westeregeln haben auch die Adjektivform 
not (nass), Schneitlingen, Egeln und überwiegend auch Westeregeln 
die Adverbialformen öf (ab), ön (an), die an die ursprünglichen Neben- 
formen *öwa, *öM9 aus abe, ane angeglichen sind (vgl. Leipzig an), 
wofür Bleckendorf bereits stets af und an zeigt. Weiter nördlich 
heisst es auch überall nat. Neben blöt findet sich in Kl. Germersleben 
bereits blat; in Gr. Rodensieben ist blat allein üblich, in Druxberge 
heisst es auch bat, dagegen immer noch gros, glös, rot, föt, dök, jröf, 
köf. Dass sich die Formen allmählich nach Norden hin verlieren, 
beweist eben, dass sie aus dem mitteldeutschen Nachbarlande stammen. 

Da die von Mitteldeutschland aus später vordringenden gemein- 
sprachlichen Formen ganz vorzugsweise durch das Mittel der Schrift 
verbreitet wurden, das hochdeutsche die Quantität nicht bezeichnende 
Schriftbild sich aber gerade in unserem Falle vom Niederdeutschen 
im Vokale nicht unterschied, so behielten die übrigen Norddeutschen 
die ihnen aus dem Niederdeutschen geläufige Aussprache des a als 
kurzen Vokales im nom.-aec. sg. bei. So giebt z. B. schon C. F. 
Weichmann in seiner „Poesie der Nieder-Sachsen", I. Teil, Hamburg 
1725, S. 12 „Pfad, Bad, Rad" mit kurzem a als niedersächsische vom 
Obersächsischen abweichende Aussprache des Hochdeutschen an. Die 
Aussprache jras (gras), jlas (glas), bat, rat, fas, dax, jrap (grap) ist 
nun auch die im heutigen Hochdeutsch des Magdeb. Gebietes allein 
herrschende, obwohl man doch hier gemäss der hier geltenden niederd. 
Aussprache jlös, jrös u. s. w. auch im Hochdeutschen erwarten sollte. 
Ganz die gleichen Verhältnisse gelten für das Hochdeutsch und Nieder- 
deutsch des Oberharzes (vgl. Damköhler S. 16). 

Wie das ursprüngliche Niederd. der Stadt Mb. hier gelautet hat, 
lässt sich leider nicht mit voller Sicherheit bestimmen. Das Schifter- 
Magdeburgische, Neustadt und Sudenburg können ihr jlas, jRas, bat, 
Rat, blat sehr wohl aus dem daneben gesprochenen Hochdeutsch über- 
nommen haben, so gut wie ihr dax (Dach) und fas aus dem Hoch- 
deutschen entlehnt sein müssen. Da nun das Schiffer-Magdeburgische 
die Form jRöf noch erhalten hat, so ist es wenigstens recht wahr- 
scheinlich, dass jlas u. s. w. wirklich dem Magdeb. Hochdeutsch ent- 
stammen und auch jlös etc. die ursprünglichen niederd. Formen für 
Mb. sind. Allerdings kennt bereits Rothensee vor folgendem Dental 
hier nur Formen mit a z. B. fat (Fass). Nimmt man jedoch an, dass 
auch das Niederd. der Stadt Magdeburg ursprünglich jlös u. s. w. 
bildete, wie es bei weitem das Wahrscheinlichere ist, so hat Mag- 
deburg, indem es der Gemeinsprache als Brücke dienend dieselbe, dem 
übrigen Norddeutschland vermittelte und in Gemeinschaft mit diesem 
an der Herstellung eines norddeutschen Hochdeutsch arbeitete, infolge 
des Strebens nach möglichster Einheitlichkeit dieser Sprache sich iu 
dem Punkte, in welchem es von der Majorität der norddeutschen 
Städte abwich, sich derselben gefugt und die dort im Hochdeutschen 



43 

geltende Aussprache angenommen. Mindestens ist aber dann die Aus- 
sprache dieser Wörter im Hochdeutschen der Stadt Magdeburg für 
diejenige im Hochdeutschen des Magdeburger Landes massgebend ge- 
worden, die mit den Formen des Stammlandes der Gemeinsprache in 
der Länge des Vokals übereinstimmendes und sogar dorther stam- 
mendes jlög u. s. w. nur in ihrem Volksdialekte beibehielt, in ihren 
als Gemeinsprache fungierenden Dialekt die der Hauptmasse des Nie- 
derdeutsch angehörigen und dort zuerst gemeinsprachlich gewordenen 
Formen jlas u. s. w. einführte. Das analoge Verhältnis hat natürlich 
auch für die Sprache des Oberharzes zu gelten. 

Die Dörfer Fermersleben, Salbke, Westerhüsen haben ihre niederd. 
Formen jlas, jras u. s. w. so gut wie fas u. s. w. aller Wahrschein- 
lichkeit nach aus dem Hochd. entlehnt; möglichenfalls finden sich auch 
dort die Formen mit langem Vokal noch bei den älteren Leuten; ich 
habe die kurzen Formen nur aus dem Munde von Kindern aufgezeichnet. 
Auch die Form bat ist westlich von Magdeburg z. B. in Olvenstedt, 
Xiederndodeleben auch in das Niederdeutsche gedrungen. Wenn Wanz- 
leben einen Teil der kurzen Formen in sein Niederd. übergeführt hat, 
das ihm sonst fast überall parallel gehende Egeln jedoch nicht, so 
hat man den Grund dafür in dem grösseren Verkehre des ersteren 
Punktes mit Magdeburg und der geringeren Entfernung des letzteren 
von der mitteldeutschen Grenze zu suchen. 

Zum Schluss des Kapitels sei noch eine Bemerkung über die 
Anschauung des Volkes hinsichtlich des Ursprungsverhältnisses von 
Hochd. und Niederd. gestattet. Bei den Personen, die das Niederd. 
überhaupt abgestreift haben, ist die Vorstellung ziemlich allgemein, 
dass dasselbe nur ein arg entstelltes Hochd. sei. Bei den noch niederd. 
redenden Individuen hingegen scheint die Anschauung verbreiteter, 
dass das Niederd. den älteren Dialekt, das Hochd. eine jüngere Ver- 
feinerung desselben repräsentiere; vgl. den Namen Oltdifö für „ Niederd. u 
in Ns. Der ersteren Vorstellung bin ich wiederum da begegnet, wo 
wie z. B. in Leipzig der Volksdialekt nur verhältnismässig geringe 
Abweichungen vom gemeinsprachlichen Muster aufweist. 



44 

Jüngere Beeinflussungen durch das Mitteldeutsche. 

Mit der Aufnahme der Gemeinsprache war die von Obersachsen 
ausgehende Beeinflussung unseres Sprachgebietes nicht abgeschlossen. 
Die Niederdeutschen unseres Landes bedienten sich im Verkehre mit 
den mitteldeutschen Nachbaren stets ihres Hochdeutsch, um nicht 
ungebildeter zu erscheinen, und so konnten bei dem regen Verkehre, 
der zwischen beiden Stämmen herrschte, lautliche Neuerungen im Mit- 
teldeutschen auch das ihm im wesentlichen gleiche Hochd. der niederd. 
Nachbaren ergreifen, wo sie die gleichen Lautwandlungen im Niederd. 
in sich schliessen mussten. Ich gebe die Beispiele: 

1. Aus dem Volksmitteid. stammt die Entrundung der labial- 
palatalen Vokale im Hochd. unseres Gebietes, in dem es z. B. hite 
(Hüte), jresr (grösser), slisl (Schlüssel), knepa (Knöpfe) lautet. Über 
den Lautwandel im Obersächsischen vgl. Albrecht S. 7 u. 8, über 
denselben im Anhaltinischen Wäschke S. 408. Dass dieser Prozess 
überhaupt vom Volksmitteldeutschen ausgeht, wird durch das allmäh- 
liche Vorrücken desselben nach Norden und teilweis nach Westen 
bewiesen. In Olvenstedt, das im Gebiete der labial-palatalen Vokale 
am meisten vom Hochdeutschen beeinflusst ist, spricht, worauf Wegener, 
Ztschr. f. d. Gymnasialw., Jahrg. XXXVI S. 301 aufmerksam 
macht, die jüngere Generation die betreffenden Laute bereits mit 
bedeutend geringerer Lippenrundung als die ältere. Dass ferner 
die betreffenden Vokale nicht schon in der entrundeten Form aus 
dem mitteldeutschen Volksdialekte in unsere hochdeutsche Kontakt- 
sprache übernommen wurden, geht aus dem Umstände hervor, 
dass auch die labial-palatalen Vokale des Niederdeutschen genau auf 
dem gleichen Gebiete wie die des Hochdeutschen, aber nirgends über 
dasselbe hinaus, die gleiche Entrundung erlitten, eine Thatsache, die 
nur darin ihre Erklärung findet, dass die infolge der Berührung mit 
einer anderen Sprachgemeinschaft entstandene Artikulationsveränderung 
der einen Mundart unserer zweisprachigen Individuen die gleiche 
Artikulationsveränderung in der zweiten von ihnen gesprochenen Mundart 
unmittelbar in sich schliessen musste, wiewohl die labial-palatalen 
Vokale beider Mundarten zum grossen Teile auf ganz verschiedene 
Wörter verteilt sind. So weit also im Hochd. Mte (Hüte), jresr 
(gresr) (grösser), glisl (Schlüssel), knepe (Knöpfe) angewandt werden, 
heisst es auch niederd. liizr (Häuser), bema (Bäume), litjr (klein), 
jretr (gretr) (grösser); wo im Hochd. die Aussprache hfifo, grftsr, 
slüsl, knöpa beginnt, erscheinen auch die niederd. Formen hftzr, bSrnj, 
liity, grötr u. s. w. 

2. Auch ai des Stadt-Magdeburgischen an Stelle des nhd. oi, das 
einem ahd. iu oder dem Umlaut des germ. ft entspricht, ist aller 
Wahrscheinlichkeit nach nicht gleich als ai entlehnt, sondern erst später 
durch Anschluss an das angrenzende Volksmitteldeutsch aus oi umge- 
wandelt worden, da es sich im Beginne der neuhochdeutschen Periode 
nirgends im obersächsischen Dialekte nachweisen lässt. Es heisst also 



45 

im Stadt-Magdeburgischen laito (Leute), haito (heute), haizR (Häuser), 
maiza (Mäuse) u. s. w. Ebenso lauten auch die hochd. Formen in 
Westerhüsen, Fermersleben, sowie in Rothensee, soweit sie nicht durch 
Schuleinfliiss wieder aufgehoben worden sind. Aber auch nach Beien- 
dorf, Sohlen, Dodendorf ist hochd. ai aus oi auf dem Wege der laut- 
lichen Entlehnung gedrungen und hat dort die analoge Verwandlung 
des niederd. oi, des Umlautes von an aus nrgerm. 6, in ai veranlasst. 
Es heisst hier also nicht nur im Hochd. laito (Leute), haizr (Häuser) 
etc., sondern auch im Niederd. baikr (Bücher), faita (Küsse), piain 
(pflügen) u. s. w.; analog verhält es sich auch mit Ebendorf. Nur 
sind gerade die hochd. Formen in diesen Dörfern infolge des Schul- 
einflusses vielfach durch solche mit oi wieder verdrängt. Im übrigen 
Gebiete ist, abgesehen von Wanzleben und Egeln, hochd. und niederd. 
oi stets erhalten, so dass hier die betreffenden hochd. Worter loifo, 
hoizr, die betreffenden niederd. boikr, foita, ploin lauten. Die Formen 
mit ai für ursprüngliches oi sind nach Winter, Geschichtsblätter für 
Stadt und Land Magdeburg Bd. IX, S. 109 im ganzen südöstlichen 
Teile des Nordthüringgaues, den ich nicht mehr durchforscht habe, 
üblich; auch Biere hat noch ai (vgl. die Karte). Wir dürfen mit 
ziemlicher Gewissheit annehmen, dass auch hier und zwar hier zunächst 
der Lautwandel oi aus ai im Niederd. der Reflex des gleichen Laut- 
wandels im Hochd. gewesen ist. Über oi aus ai in dem ehemals 
niederd. Gebiet vgl. Wäschke S. 405 für Anhalt: haire, haite, Laite, 
Taivel. Für das Obersächsische vgl. Albrecht S. 10, für den analogen 
Lautwandel im Berlinischen D. rieht. Berl. S. VII. 

3. Bei dem besonders lebhaften Verkehr, den Magdeburg mit dem 
mitteldeutschen Lande hat, hat es sich in einem Punkte an die dort 
herrschende Aussprache angeschlossen, ohne dass der dazwischen 
liegende Strich von diesem Lautwandel betroffen wurde. Denn während 
in diesem Striche r in niederdeutscher wie hochdeutscher Rede ge- 
sprochen wird, zeigt das Stadt-Magdeburgische und das in den Vor- 
städten von Magdeburg gesprochene Hochdeutsch, aber auch das 
Schiffer-Magdeburgische und das Niederdeutsch der Vorstädte R in 
Übereinstimmung mit dem mittel- und oberdeutschen Sprachgebiet. 
Nach Winter, Geschichtsbl. f. Stadt u. Land Magdeb. Bd. IX, S. 110 
ist überhaupt das Kehl-r das P der Städter im Gebiete am Zusammen- 
flusse der Elbe, Saale und Bode, gilt also auch für Schönebeck, Gross- 
Salze. Barby, Kalbe, Stassfurt, das Zungen-r das P der Dörfler im 
gleichen Gebiete. Das r ist in R verwandelt worden, indem eine 
Anlehnung an eine durch die Schrift nicht zu vermittelnde, in dem 
Gebiete, von dem die Gemeinsprache ausgegangen war, zunächst 
herrschend gewordene Aussprache stattgefunden hat. Bekanntlich 
dringt R überhaupt heutzutage in den Städten Norddeutschlands immer 
weiter vor, eine Erscheinung, die doch mindestens zum Teil durch 
mitteldeutschen Einfluss bedingt sein wird. 



46 

Beeinflussungen der kleinen Städte dnrek Magdeburg. 

Wie in dieser Weise Mb. und andere Städte isoliert dem Ein- 
flüsse Mitteldeutschlands unterlagen, so beeinflusste das Hochdeutsch 
von Mb. wiederum direkt dasjenige der mit ihm viel verkehrenden 
kleinen Städte Wanzleben und Egeln, ohne dass die in der Mitte 
liegenden Dörfer in ihrem Hochdeutsch die gleichen Veränderungen 
erfuhren. So hat sich denn hochd. oi in der Sprache der am meisten 
in Mb. verkehrenden Ökonomen und besser situierten Handwerker in 
Wanzleben im Anschluss an das Stadt-Magdeb. verschoben, wo gemein- 
sprachliches oi bei den niederen und vielfach auch jetzt noch bei den 
mittleren Ständen durch ai vertreten ist. Die Art, in der dies ai in 
die Lokalmundart von Wanzleben aufgenommen wurde, zeigt, dass 
zur Zeit seiner Aufnahme die Anwendung des Hochdeutschen als eines 
völlig geläufigen Dialektes in jedem Augenblicke ohne jede Reflexion 
erfolgen konnte. Nur so ist es erklärlich, dass sich bei denselben 
Personen, bei denen hochd. oi in ai überging, nach dem Gesetze, dass 
jede sich unbewusst vollziehende Veränderung eines zwei von denselben 
Individuen geredeten Sprachen gemeinsamen Elementes in einer dieser 
Sprachen die gleiche Veränderung in der anderen in sich schliesst, 
auch niederd. oi lautgesetzlich in ai verwandelte. Es heisst also bei 
der älteren Generation der social höher Stehenden nicht nur im Hoch- 
deutschen haito (heute), naino (neun), nai (neu), laitn (läuten), haizr 
(Häuser) u. s. w. sondern auch im Niederd. kaid (Kühe), piain (pflügen ), 
baikr (Bücher), faito (Füsse), zaito (süss) u. s. w. für hochd. hoito, 
noin», noi, loitn, hoizr und niederd. koia, ploin, boikr, foifo, zoifo bei 
den niederen Ständen in Wanzleben und durchweg auf sämmtlichen 
umliegenden Dörfern. Freilich spricht die jüngere Generation auch 
der Ökonomen und wohlhabenderen Handwerker, etwa schon von 50 
Jahren abwärts, heute im Hochd. oi z. B. hoito, noino, im Niederd., 
soweit sie überhaupt noch niederd. redet, ai z. B. kaia, piain; Ursache 
ist, dass diese Leute das Niederd. im Elternhause, das Hochd. aber 
im wesentlichen erst in der Schule erlernt haben. Letzteres hatte 
sich bei ihnen vor dem Schulbesuche wenigstens noch nicht befestigt, 
und, wo es etwa befestigt war, wurde der Diphthong ai in oi in jedem 
einzelnen Worte bewusst korrigiert, wodurch niederd. ai natürlich 
nicht getroffen wurde. 

Bei derselben älteren Generation der social höher Stehenden in 
Wanzleben findet sich auch urgerm. ai im Hochd. durch e, urgerm. 
an durch 6 überall vertreten, während ein Teil der jüngeren Generation 
auch hier ai und an wieder eingesetzt hat. Bemerkenswert ist, dass 
wir es hier nicht mit Verpflanzung eines Lautwandels zu thun haben, 
da sonst erstens auch niederd. ai, die gewöhnliche Vertretung des 
urgerm. ai, zweitens aber auch hochd. ai aus urgerm. i — denn beide 
ai werden in unserem Gebiete ohne jeden Unterschied gesprochen — 
gleichfalls in fe übergegangen sein müsste, analog auch hochd. an aus 
urgerm. ü in 6. Vielmehr haben wir hier eine Reihenentlehnung von 



4? 

Wortern, die durch ein gemeinsames lautliches Band zusammengehalten 
werden, vor uns: in allen Formen, in denen man hochd. ai, wie man 
es in der Schule erlernt, neben niederd. ai oder e gesprochen hatte, 
setzte man im Hochd. e speciell für dies ai nach dem Muster des 
Stadt-Magdeb. ein, analog 6 in allen Wörtern für au, in denen dies 
neben niederd. 6 und Stadt-Magdeb. 6 stand. Es heisst demnach in 
diesem Kreise hochd. ben = niederd. bain (Bein), hochd. hes = 
niederd. hais (heiss), hochd. venu = niederd. venu (weinen), hochd. 
smaisn = niederd. ämitn (schmeissen), hochd. faifo = niederd. pipa 
(Pfeife), hochd. böm = niederd. böm (Baum), hochd. öx = niederd. 
ok (auch), hochd. baux — niederd. buk (Bauch), hochd. haus = 
niederd. hfis (Haus); die jüngere Generation der oberen Schicht und 
die untere Schicht überhaupt haben in der Regel hochd. bain, hais, 
vainn, bäum, aux. Auch einzelne dem St.-Magdeb. entlehnte Formen 
wie uf, nidr, fifo finden sich insbesondere in ersterem Kreise. 

Übrigens kommt der Lautwandel oi aus ai auch im Niederd. der 
Ökonomen und besser situierten Handwerker von Egeln vor, während 
auch dort die niederen Stände gleich den Bewohnern sämmtlicher 
umliegenden Dörfer stets oi sprechen. Ich hatte zwar keine Gelegenheit, 
das Hochdeutsche der älteren Generation der im Niederd. ai sprechenden 
Bewohner von Egeln zu beobachten, halte es jedoch für sicher, dass 
auch bei ihnen ai für oi gesprochen wird. Denn nur so begreift es 
sich, warum dieser Lautwandel gerade auf die am häufigsten in Mag- 
deburg yerkehrenden Personen eines isolierten Punktes beschränkt ge- 
blieben ist. Doch mag bei Egeln auch der Verkehr mit dem eigentlich 
mitteldeutschen Gebiete mitgewirkt haben. Vermutlich wird auch die 
Vertretung des urgerm. ai und an im Hochd. von Egeln eine der in 
Wanzleben analoge sein. 

Aber nicht nur das Hochdeutsche von Magdeburg hat dasjenige 
der kleinen Städte und der in der unmittelbaren Nähe liegenden 
Dörfer beeinflusst, sondern auch das ehemals in Magdeburg gesprochene 
Niederdeutsch hat auf das Niederd. derselben Punkte analoge Wir- 
kungen ausgeübt. Sicherlich hängt diese Beeinflussung mit dem Um- 
stände zusammen, dass man auch den Volksdialekt des die Gemein- 
sprache ganz besonders pflegenden Magdeburg als vornehmer als den 
eigenen Volksdialekt empfand. 

Die Verba der Reduplikationsklasse bilden ihr Präteritum in dem 
Striche an der Elbe (Wh., Sk., Fml., Sdb., Sch.-Mb., Ns., Rths.), der 
nicht nur urgerm. ai, sondern auch westgerm. eo u. westgerm. e durch 
e vertreten hat (z. B. dep (tief), spejl (Spiegel), regelrecht mit in- 
lautendem e z. B. rep (rief), lep (lief), hei (hielt), älep (schlief). Im 
übrigen Gebiete sind sowohl westgerm. eo wie e durch ai vertreten, 
ho dass es dort z. B. daip, gpaijl (resp. spaijl) lautet. Demgemäss 
bildet auch der grösste Teil dieses Gebietes die Präterita der Re- 
duplikationsklasse mit inlautendem ai z. B. raip, laip, hau, §laip (resp. 
slaip) u. s. w. Nur Lemsdorf hat ausschliesslich in den Formen dieser 
Reihe e, Beiendorf, Sohlen, Dodendorf, Kl. Ottersleben ganz überwiegend 



4& 

e neben ai, Gr. Ottersleben beides etwa gleich häufig. Zweifellos sind 
hier, zumal da Magdeburg seinen hauptsächlichsten Einfluss nach Süd- 
westen hin geübt hat, die Formen wie lep aus dem Eibniederdeutschen, 
spcciell aus dem ehemaligen Niederdeutsch der Stadt Magdeburg und 
dem seiner Vorstädte entlehnt worden. Die älteren Formen sind ja 
auch noch teilweis erhalten ; nirgends aber existieren im Dialekte von 
Lemsdorf selbst u. s. w. Formen, nach denen etwa zu raup» ein rep 
auf dem Wege der Analogiehildung hätte entstehen können. 

Aber auch diejenigen Einwohner von Wanzleben, die hochd.- 
niederd. oi infolge ihres starken Verkehrs mit Mb. zu ai verschoben 
haben, bilden im Niederd. die Präterita rep, lep, §lep u. s. w. gegen- 
über raip, laip, §laip etc. bei der grösseren Volksmasse und auf sämmt- 
lichen umliegenden Dörfern. Wir haben in dieser Eigentümlichkeit 
zweifellos eine Beeinflussung durch das in Magdeb. gesprochene Niederd. 
zu sehen, wobei die allgemein im Hochdeutschen üblichen Formen mit 
inlautendem i wie Rif, lif, §lif garnicht haben mitwirken können. Ob 
auch in Egeln bei der oberen Schicht der niederd. sprechenden Be- 
völkerung die gleichen Formen üblich sind, ist mir unbekannt geblieben. 

Fast ebenso liegen die Verhältnisse bei den Verben der a — ä- 
Reihe. Das gleiche Gebiet, welches für westgerm. e© und e monoph- 
thongische Vertretung hat, zeigt auch 6 an Stelle des urgerm. 6 z. B. 
hon (Huhn), §töl (Stuhl), hot (Hut) u. s. w., das übrige Gebiet au 
z. B. haun, ätaul (staul), haut. Für das Eibniederdeutsche sind daher 
die Präteritalformen §lox, drdx (dRöx), frdx (fRdx) regelrecht, im 
übrigen Gebiete älaux (slaux), draux, fraux. Doch hat auch Lemsdorf 
ausschliesslich slöx, drdx, frdx, während Kl. Ottersleben, Beiendorf, 
Dodendorf, Sohlen diese Formen wiederum überwiegend bieten, Gr. 
Ottersleben sie etwa gleich häufig wie älanx, draux, fraux aufweist. 
Auch hier können die Formen mit 6 weder auf dem Wege der pro- 
portionellen Analogiebildung noch auf irgend einem anderen Wege 
in der Eigenentwickelung des Dialektes ihre Entstehung genommen 
haben. 

Wanzleben bietet hier jedoch allgemein nur Slanx, draux, fraux. 

Diese Thatsache giebt uns einen Fingerzeig dafür, dass es be- 
günstigende Faktoren psychologischer Art gewesen sind, welche die 
Entlehnung möglich machten. Sowohl Lemsdorf, Kl. Ottersleben u. s. w. 
als auch Wanz leben bilden in Übereinstimmung mit sämmtlichen 
nächstgelegenen Dörfern die Präterita der Verba der ei -Reihe mit 
inlautendem e, das ja teilweise Vertretung des urgerm. ai ist, z. B. 
jrep von jripm, §met von smitn u. s. w. Offenbar haben die neu 
aufgenommenen let, r8p u. s. w. an diesen den gleichen Vokal bietenden 
Formen einen Halt im Gedächtnis gefunden. Nirgends aber gab es 
bereits Präterita mit inlautendem 6, an die sich §16x u. s. w. hätten 
lehnen können. Die Dörfer bei Magdeburg, die seinem Einflüsse stetiger 
unterlagen, sind freilich einen Schritt weiter gegangen. Sie haben 
auch in der a — ä-Reihe, die wegen der Gleichheit des Vokales in 
ihrem Präsens und in ihrem Participium Präteriti zu der dieselbe 



49 

Eigentümlichkeit aufweisenden Reduplikationsklasse in näherer Be- 
ziehung empfunden wurde, die Form aus dem* Eibniederdeutschen ent- 
lehnt. Dazu kam wohl, dass sich den Sprechenden die ererbten Formen 
mit ai zu den eibniederdeutschen mit e wie die ererbten mit au zu 
den elbniederd. mit 6 lautlich zu verhalten schienen. 

Nach obiger Darlegung haben wir auch als wahrscheinlich anzu- 
nehmen, dass bei der besprochenen Wiederherstellung des inter- 
vokalischen d, y, j in Wanzleben und Egeln neben dem dort selbst 
gesprochenen Hochdeutsch auch das Eibniederdeutsche gewirkt hat. 
Hätte nur das Hochdeutsche seine Einflüsse geübt, so wäre doch wohl 
t aus urgerm. $ so gut wie y, j und d aus urgerm. !> in die nieder- 
deutschen Formen einfach eingefugt: der kompliziertere Prozess, die 
lautliche Übertragung desselben in niederd. d nach Mustern wie 
niederd. kedd = hochd. kete (Kette), ist wahrscheinlich durch das 
Vorschweben der als vornehmer empfundenen elbniederd. Formen mit 
erhaltenem d veranlasst oder mindestens begünstigt worden. 



Hfotordevteohtt Jahiteoh. XIV. 



50 



Abstufungen der Lokaldialekte nach Stünden. 

Obwohl nun das ehemalige Niederdeutsch der Stadt Magdeburg, 
jetzt nur noch durch das Schiffer-Magdeburgisch repräsentiert, der- 
artige Beeinflussungen geübt hat, so ist es doch durch eine scharfe 
Kluft vom Stadt-Magdeburgischen geschieden, in dem sich selbst 
eine kontinuierliche Reihe von Übergangsstufen von der Sprache der 
Gebildeten bis zur Mundart der Arbeiter verfolgen lässt. 

Im einzelnen lassen sich die Abstufungen wegen der steten Ab- 
weichungen bei den verschiedenen Individuen schwer ersehen, so dass 
ich mich hier begnügen muss, nur einige Beispiele anzuführen, bei 
denen die Abstufung etwas deutlicher hervortritt. Der Magdeburger 
Arbeiter hat als dat.-acc. sg. des Personalpronomens der 1. und 2. 
Person meistens noch die ursprünglich niederd. Formen mik und dik 
beibehalten. Eine etwas höher stehende, sehr umfangreiche Gesell- 
schaftsklasse, auch schon viele Arbeiter, gebrauchen die diesen nieder- 
deutschen Formen lautlich entsprechenden mitteldeutschen Formen 
mix un< * ^X a ^ 8 dat.-acc. sg. Eine wieder etwas höher stehende 
Klasse kennt zwar auch miR und diR, doch ohne diese Formen überall 
von mi^ un< ^ ^X funktionell richtig zu scheiden, und nur die oberste 
Klasse wird hier den Anforderungen der Norm gerecht. (Vgl. Graupe 
S. 50.) 

Ähnlich stuft sich der Gebrauch der aus dem Niederd. beibe- 
haltenen Form dr$x (trocken), der Kontaminationsform droki und der 
rein gemeinsprachlichen Form trok) nach den gesellschaftlichen Klassen 
im Stadt-Magdeb. ab. Ganz analog werden nach „D. rieht. Berl. 
S. VI.* im Berlinischen in den neutr. der pron. die noch nieder- 
deutschen Lautstand zeigenden Formen et, det gebraucht, wofür nur 
„ Gebildetere u es, des sagten. 

Der Umlaut des urgerm. au ist im Stadt-Magdeb. allgemein 
durch e nur bei den niederen Ständen vertreten. Sobald die muster- 
giltige Gemeinsprache diphthongische Vertretung erfordert, erscheint 
dafür ai bei den mittleren, oi durchgängig fast nur bei den oberen 
Ständen. So liegen hier immer drei Formen, z. B. bema, baima und 
boima, lefst, laifst und loifst, zemm, zaimm und zoimm neben einander. 
Die mittleren Formen sind nach dem Gefühle gebildet, dass dem oi 
der Gebildeten in weitaus den meisten Fällen, nämlich so oft es Umlaut 
des au aus urgerm. ü oder Vertretung des westgerm. iu ist, ai in 
der eigenen Sprache gegenübersteht. 

Diese Abstufung ist besonders eine Folge des Strebens, sich dem 
Idealbilde der hochdeutschen Normalsprache möglichst anzunähern. 
Dies Streben tritt auch besonders in dem Umstände hervor, dass man 
den eigenen Kindern gegenüber vielfach in einer vornehmeren Sprache 
zu reden sucht, als sie einem selbst geläufig ist. So sprechen viele 
der unter sich noch niederdeutsch redenden reichen Bauern der Mag- 
deburger Börde zu ihreh Kindern regelmässig hochdeutsch. Ebenso 
bedienen sich viele Magdeb. Schiffer, wenn sie zu ihren Kindern 



61 

sprechen, ausschliesslich oder vorzugsweise des ihnen geläufigen Hoch- 
deutsch, d. h. des Dialektes der Magdeb. Arbeiter. Die Magdeb. 
Arbeiter selbst bemühen sich teilweis, mit ihren Kindern wenigstens 
ein besseres Hochdeutsch zu sprechen, als sie es im Verkehre unter 
sich selbst anwenden. 

Auf der anderen Seite wird diese Annäherung an das muster- 
giltige Hochdeutsch dadurch gestört, dass die geringere Anzahl der 
vornehmer Sprechenden der weitaus grösseren der minder vornehm 
Sprechenden nachgiebt, infolgedessen recht häufige Wörter auch in 
die Sprache der Gebildeten dringen. So gebrauchen diese in Magde- 
burg insbesondere die Formen ken (kein), öx (auch) sehr häufig, aber 
auch an anderen Punkten, wo jene Formen nur dem für die Mundart 
der mittleren und niederen Stände geforderten Lautstand entsprechen, 
z. B. in Leipzig, habe ich dieselben oft von Gebildeten gehört. 

Der verschieden starke Gebrauch des Hochdeutschen bei den 
einzelnen Ständen hat auch im Niederdeutschen ähnliche Abstufungen 
hervorgerufen. So sprechen in Wzl., wie erwähnt, nur die Ökonomen 
und besser situierten Handwerker niederd. ai für ursprüngliches oi, 
während weitaus auch die grösste Anzahl der Handwerker inter- 
vokalisches d, y, j fast überall wiederhergestellt hat. Nur bei dem 
kleineren Teile der Handwerker und bei sämmtlichen Arbeitern ist 
intervokalisches d, y, j nicht fast allgemein wiederhergestellt worden, 
so dass z. B. der Unterschied von maida, moida, moto (müde) die 
nach Ständen abgegrenzten Hauptnüancen des Wzl. Niederd. am besten 
kennzeichnet. Indessen hat auch schon die jüngere Generation des 
untersten Standes in einer Reihe einzelner Formen das d, y, j wieder- 
eingesetzt, doch in der Weise, dass die einen diese, die anderen jene 
Form mehr bevorzugen, indem sich z. B. bei einem Individuum bröe 
(ich brate) neben loa (1. lade ein, 2. lade auf), bei einem andern 
brödd neben 109 findet. Allerdings wird in gewissen Wörtern der 
Konsonant ganz besonders gern hergestellt, z. B. in lida (die Leute), 
lidd (ich läute), flaija (die Fliege). Doch auch hier lässt sich insofern 
noch eine vierte nur aus Arbeitern bestehende Schicht von der dritten 
absondern, als sich auch bei der jüngeren Generation derselben nur 
sehr wenig Formen mit wiederhergestelltem Konsonannten finden (so 
meist lfo Leute, \id ich läute, aber flaijd die Fliege). Mit Bestimmt- 
heit indessen kann man voraussagen, dass sämmtliche Formen mit 
hergestelltem d, y oder j schliesslich bei allen in Wanzleben wohnenden 
Niederdeutschen wegen ihrer Fühlung mit den hochdeutschen Formen 
werden durchgeführt werden. Dagegen sind die niederd. Formen mit 
ai schon sehr im Verschwinden begriffen. Abgesehen davon, dass die 
meisten Personen, die in ihrem Niederd. ai sprechen, dasselbe heut- 
zutage teils ganz abgelegt, teils auf den Verkehr mit ihren Unter- 
gebenen beschränkt haben, müssten diese Formen wie faifo, baikr, die 
ja keinerlei Halt an hochdeutschen Formen haben, den von der 
Majorität gesprochenen foite, boikr u. s. w. doch wohl unterliegen. 
In Egeln findet eine sehr ähnliche Abstufung im Niederd. statt ; 
doch habe ich sie im einzelnen nicht verfolgen können. 



52 

Wie sich zuweilen in dem vom Hochd. beeinflussten Niederd. 
die analogen Abstufungen wie in dem von Niederdeutschen oder auf 
ehemals niederdeutschem Boden gesprochenen Hochdeutsch finden, 
geht aus dem von Wäschke S. ICH» aus dem Niederd. der Zerbster 
Gegend angeführten Beispiel hervor, wonach neben det . dort auch 
des vorkommt, das nur Angleichung an hochd. das im Munde Halb- 
gebildeter sei ; vgl. das oben über jene Formen im Berlinischen Gesagte. 

Auch dafür, dass es auch innerhalb des Niederd. Abstufungen 
nach Vornehmheit giebt, fehlt im Volke das Bewusstsein nicht. So 
begegnet man öfters der Vorstellung, dass ein Nachbardorf, das mehr 
hochd. Elemente in sein Niederd. aufgenommen, vornehmer, ein an- 
deres, das weniger aufgenommen, „platter" rede. Der Bewohner der 
Neustadt unterscheidet drei Arten des Ditä oder Oltdffö, erstens seine 
eigene Sprache, das Ni§t3t§, zweitens das Schiffer-Magdeburgisch, das 
FedRS, drittens die Mundarten der Dörfer, die er unter dem ver- 
ächtlichen Namen BÜR§ (btäurisch) zusammenfasst. Die wohlhabenden 
Handwerker und die Ökonomen in Wanzleben halten oder hielten 
die Aussprache foita, boikr für grob, die untere Klasse deren Aus- 
sprache faito, baikr für affektiert ; allerdings hat hier auch wohl neben 
dem Klassenunterschiede die sehr in das Gehör fallende Differenz 
zwischen tieferem und höherem Eigenton des jeweilig sonantisch fun- 
gierenden Vokals die eine Aussprache als grob, die andere als fein 
erscheinen lassen. 

HALLE a. S. Riehard Loewe. 



53 



Mundart des Dorfes Fahrenkrug 
in Holstein. 

In dem holsteinischen Kreise Segeberg sitzt keine Bevölkerung 
von einheitlicher Abstammung. Um 1137 nahmen von Westen her 
Holsten das wendische Land ein, die Gegend von Bornhöved als Mittel- 
punkt wählend. Zu ihrem Besitze gehören die dem Kloster Segeberg 
bei seiner Gründung (1137) geschenkten Dörfer, wie Wittenborn, Mözen, 
Högersdorf, Schwissel am rechten Traveufer und überhaupt alle west- 
lieh von ihrem Oberlaufe liegenden Ansiedlungen, unter ihnen auch 
das Vi Stunde von Segeberg liegende Fahrenkrug. Östlich von 
Segeberg, in dem Dreieck Segeberg — Ahrensbök — Oldesloe muss die 
westfälische Kolonie gelegen haben, welche Graf Adolf IL im Jahre 
1142 in der slavischen Landschaft Dargun anlegte (Helmold, Chronica 
Slavorum I, 57 u. 63). Da dieselbe bereits 1147 von den Wenden 
zerstört wurde, so wird man die Bevölkerung im Amte Ahrensbök, um 
Warder und im Amte Traventhal als eine Mischung aus später heran- 
gezogenen Kolonisten, zurückgebliebenen Slaven und holsteinischen 
Sachsen ansehen müssen. Einheimische versichern, dass sie sich durch 
ihre Aussprache, noch mehr durch einen im Vergleich zu den Holsten 
am rechten Traveufer weichen, empfindlichen Charakter unterscheiden. 
Doch kann letzteres auch die durch den fruchtbareren Boden be- 
dingte bequemere wirtschaftliche Lage zur Ursache haben. Von Süd- 
westen her werden sich damals auch die Stormarn gegen die Trave 
vorgeschoben haben, zu deren alter Heimat die Gegend von Bramstedt 
und Kaltenkirchen sicher gehört. Zweifellos ist, dass Wenden genug 
zurückblieben, um dem Volkstum eine Beimischung ihres Blutes zu 
geben. Andernfalls wären die zahlreichen wendischen Orts- und Fluss- 
namen nicht erhalten geblieben*). Mehr als das ziemlich verbreitete, 
dunkle Haar weist häufig Bildung und Blick der Augen auf slavische 
Abstammung hin. 

*) Wendische Namen im Kreise Segeberg sind: Barck, Berlin (in Urkunden 
Bralin), Blomnath, Blunk (Bulilunkin), Dreggers (Dregherze), Gisskau, Garbeck 
(Gorbeke), Göls (Golevitz), Görs (Gyritz, Gurtze), Hüls, Kahlin, Flur bei 
Fehrenbötel, Kellerblick, Flur bei Bark, Kembs (Kempeze), zwei Krems (Krem- . 
pifze), Krebitz, Kückels (Kukeltze), Leetzen (Letzinge, Lescinghe), Mözen 
(Moitzing), Nehms (Nemizze), Pahlast, Flur bei Pronstorf, Parlblik, Flur bei Wit- 
tenborn, Petluis (Putluse), Putatz, Flur bei Kückels, Quaal, V Könnau (Rennouwe), 
Rösing (Rosen), Rosau (Flur bei Glashütte), Selitzkamp bei Schwissel, Sarau, 
Strcnglin, Schwissel, Zwisfelbeck bei Negernbötel, Wensin, Wietzig, eine Flur bei 
Gönnebeck, Wustroh, eine Flur bei Bevensee. Auch die Flussnamen Trabena, 
Bisence, Bestene (Trave, Bisnitz, Beste) sind wohl slavisch. Bei Helmold kommt 
noch Cuzalina, das spätere Högersdorf, eine Burg in Nizenna und das Zventineveld, 
Sventipole, d. h. die Gegend um Bornhöved vor. 



54 

Ich habe mich auf die Mitteilung solcher Spracherscheinungen 
beschränkt, welche mir gegenüber andern Mundarten eine Bedeutung 
zu haben schienen, indem ich die Kenntnis des überall ziemlich gleich- 
förmigen Seeniederdeutschen voraussetze. 

1. Vokale. Kurzesa hält sich in de tal, pl. de talgen. Wie 
im R. Voss erscheint ammer (Eimer). Es steht auch fest in gras, 
man (nur) und (= mnd. -ers) in hassen (bersten), gassen (Gerste), 
kasbern (Kirschen), dwas (quer). 

Gedehntes a vor r -t- Konsonant (= mnd. -er u. -ar) in 
margel (Mergel), marken, farken, stark (junge Kuh), kark, ik 
starw (ich sterbe). 

Kurzes & steht in einigen Fällen, wo andere ndd. Mundarten 
a haben, wie in ütfl Addern (ausplaudern), äddel (Jauche), ädebär 
(Storch). Von Wörtern mit langem & ^= altem ä sind Hfich (schmutzig), 
r&m (Sahne), r&w (Borke), de gr&pen (der dreibeinige Topf), ir 
(Ähre) zu beachten. Unter Einfluss von Konsonanten entstand & in 
tag (zähe), bl&g (blau), fo dri as (sobald als), ni (nach), ji (ja), 
[jedoch auf der Haide j au], woart (Enterich), ädebär (Storch). Ein 
Umlaut dazu ist nicht beliebt. Man hört zwar de n&' (die Näthe), 
gr&len (schreien), aber de schilp (die Schafe), du bl&s (du blasest). 
Gedehntes ä steht dann auch = altem a in hochtoniger Silbe vor 
einfachem Konsonanten: de häf (der Hase), von däg (heute), drägen 
(getragen), de fäg (die Säge), wäter (Wasser), häf (Habicht), de 
wäd (Molken), wäk (Eiswake). Es erleidet keinen Umlaut z. B. de 
nägels (die Nägel). Endlich steht tonlanges ä da, wo das späte 
Mittelniederdeutsch statt älterem o in hochtoniger Silbe a schreibt, 
in hochtoniger Silbe und vor r -t- Konsonanten: äpen (offen), de 
bäl (die Bohle), de fäl (das Füllen), guten (gegossen), häfen (Strümpfe), 
de k&t (die Käthe), käl (Kohle), käben (Stallung), päten (Setzlinge), 
t&gel (Zügel), barg (Eber), bärn (Quelle). Im Plural von Substantiven 
erleidet dies ä keinen Umlaut: tag eis (Schläge), füg eis (Vögel). Da- 
gegen erscheint ein solcher in iwer (über), de ifel (die Dachtraufe), 
bin (Hausboden), de bäwels (der oberste), difig (dumm), grlwer 
'(gröber), fik hägen (sich freuen), käk (Küche), de mal (die Mühle), 
nit (Nüsse), fän, pl. fäns (Sohn), falen (schmutzen), winwirp (Maul- 
wurf), ürgel (Orgel). 

Selten ist kurzes ä: fäs (sechs), jedoch auf der Haide fös, 
tw41f (zwölf), de r&t (die Ratte), d&schen (dreschen). 

Kurzes ä steht ausser als Umlaut von a in der Deklination und 
Komparation statt H in was (gewesen), de wässel (das Wiesel), 
äscher (Grabscheit), rädr (Feldweg zwischen zwei Knicken), de mät, 
pl. de matten (der Regenwurm), de fäss (der First). 

Langes ä ist der regelmässige Vertreter von mnd. e. So in den 
Infinitiven läsen, gäben, in den Participien läfen, bläben; äfel(Esel), 
tofräden (zufrieden), gäl (gelb), spälen (spielen), de fän (die Sehne), 
swinägel (Igel). 

Kurzes e bewahren wie in einzelnen andern ndd. Mundarten: 



55 

nettel (Nessel), schell (Schale), fewwer (Maikäfer). Auch steht es 
statt ä vor in linguales r übergegangenem d: ferrer (Feder), lerrer 
(Leder), werrer (Wetter), lerrig (ledig). 

Langes e steht in ik de (ich that) neben ik dö, het (hiefs), 
wet (weifs); befen (Binsen), kateker (Eichhorn), leg (schlecht), 
kl e wer (Klee), ment (gemeint), red (Ried), quefen (nergeln), quefen 
(Blasen), meden (mieten), weden (jäten), wenig (wenig) und vor r: 
kerl, dern, gern, stern, kouher (Kuhhirte). Dann in den Plur. 
Praet.: wi eten (wir afsen) und daher auch in den nach Analogie 
derselben gebildeten Sing. Praet.: ik gef, les, et, fech (sah) u. s. w. 
Aber wi ge*wen, le*gen, ste*ken, feHen, le ! fen. 

Kurzes i bietet wenig Besonderes: finster (Fenster), mis (Mist), 
minsch (Mensch), schipper (Schiffer). 

Kurzes o in nommen (genommen), kommen (kommen), fon 
(von) entstand wohl durch hd. Einfluss. 

Kurzes ö steht in einigen Fällen, wo andere Mundarten Formen 
mit e haben: Woltern (wälzen), rönnen (rennen), ölben(elf). Wie 
überall in Nordalbingien föftig (fünfzig), dörp (Dorf). 

Langes 6 steht = got. au. Dann auch in gös (Gans), dön 
(thun), tonebank (Schenktisch); vor 1, m und r in: 61t (alt), kolt 
(kalt), körrn, hörn, torn (Turm). Aber auch statt 4: görn 
(Garten), bör (Bär), Körl (Karl). 

Langes 8 = got. au und ö-Umlaut wechselt fast in allen Bei- 
spielen mit öi: de fßt oder föit (die Füfse). Das auffallige höpen 
(hoffen) wohl zur Unterscheidung von hopen (Haufen). 

Kurzes u geht nicht in o über in Wörtern wie hungern, 
brummen, spunnen (gesponnen). Auffällig sind: he mutt (er mufs), 
wussen (gewachsen), pluddern (plaudern), tubben (Pflock in der 
Wand), muss (Moos). 

Unter den kurzen ü fallen im Vergleich mit andern Mundarten 
auf: ünner (unter), bült (Haufen), nückernäm neben öckern&m 
(Spottname), pük (ausnehmend fein), de fün (die Sonne), snückern 
(schluchzen). Dann mütten (müssen), wi müt, auch wi schult, 
wült, fünt, ik bün. 

Langes ü bietet nichts Bemerkenswerthes. 

DerLaut ei, mit halblangem e, welches den Ton hat, und nach- 
klingendem i, steht an der Stelle von mnd. e, soweit es = got. ai 
und iu ist: reip, deil; deif, fleigen, snei. Etwas länger ist das 
e des Lautes in den Praet. Sing, der i-Reihe: ik bleif, steig etc. 
sowie in rpim, breif, keis (Käse), hei (Hede), weig (Wiege). 

Ein ai entsteht nur aus agi, ahi in aisch (unartig), tain (zehn), 
haister (Elster), sik stauen (sich aufrichten), n&mait (Nachmaht); 
de wai (das Eingeweide) ist wohl Fremdwort. 

Genau germanischem ö entsprechend steht ou mit sehr kurzem o: 
fout, bloum, houd, plougsik (Pflugmesser). 

In allen Wörtern, die 8 haben, hört man ebenso häufig öü mit 
kurzem gestofsenen ö: gröün (grün), dröüg (trocken), spöün (Späne). 



56 

Es scheint, als ob der Umlaut zu got. au mehr 8, der zu got. 6 mehr 
öii wäre. 

Gestofsene Vokale. Die Laute &r, &, &, ü; ü, fi, 8, i werden 
oft in so schnellem, abspringenden Tone gesprochen, dass sie aufhören 
Längen zu sein und gleichzeitig eine andere Klangfärbung annehmen. 
Grade für die mittelholsteinsche Mundart hat Mielck bereits im Kor- 
respondenzblatt des Vereins III, 27 auf die Laute, wie sie in hOner 
(Hühner), tö'läg (Zulage), nü (nun), Mlaten, hösn (Husten), wösl 
(Wiesel) vorkommen, aufmerksam gemacht. 

So hört man närf (Narbe), arder (Kreuzotter), 4'pen (offen), 
kä'kn (kochen). Das ä = mnd. e bekommt durch diese gestofsene 
Betonung fast den Klang des e: negen (neun), smeten (geschmissen), 
spinwewer (Spinne), p ekeln (pökeln), de nes (die Nase). Aber 
nur de bek (Bach), mel (Mehl), de le (Schwelle), dagegen de 
ISi (die Sense), ferner düfend,, brüd, krüpen, füpen. Seltener 
ist das , gestofsene ö statt 8: de löper.. Auch i statt i: wi habt 
keenttd had (Zeit gehabt); äwer't Ts (Eis) gän. 

2. Konsonanten. Inlautendes d zwischen Vokalen geht in r. 
seltener in 1 über: arder (Kreuzotter), ik bör (ich heizte), bäru 
(Boden), ferrer (Feder), mern (mitten), smorn (schmunzeln); jiller 
(Euter), rälr (Weg zwischen Knicken). 

Anlautendes g durchaus wie im Hochdeutschen, während man 
sonst in der Landschaft noch häufig dafür £ hört. 

Anlautendes r wird, wie im ganzen Kreise, stets mit der Zungen- 
spitze hervorgebracht. 

3. Die Deklination bietet wenig Charakteristisches. Bei den 
Substantiven lässt sich eine Vorliebe für schwache Pluralformen auf 
-en erkennen: dat licht : de lichten, de fäg : de f&gen, de elk 
(Iltis): de elken, de mät (Wurm): de mäten. Bisweilen noch de 
hüf (Häuser), gläf (Gläser). 

4. Die Konjugation. Eine beträchtliche Anzahl von Verben, 
welche in den südlicheren niederdeutschen Mundarten noch stark 
flectieren, sind zu schwachen geworden: däscht (gedroschen), gr&fd 
(gegraben), bögd (gebogen), lad (geladen). 

Nur in der i-Reihe der starken Verben hat das Praet. Sing, 
seinen eigenen Vokal behalten, in allen übrigen tritt der Vokal des 
Konjunktivs auf. Die Ablautreihen sind: 

1. i — e (e 1 ) — ä (bliben). 

2. a. fi — 8 — ä (lügen), 
b. ei — 8 — ä (geiten). 

3. i — ü — u (spinnen). 

4. ä — 6" — 1 (stälen). 

5. ä — e — ä (gäben). 

6. ä (ä) — 8 — k (drägen). 

In der 3. Reihe jedoch: swillen — swöll — swollen, hälpe 
— hölp — holpen, stärw — stärw — starben, trecken — 
trök — trocken. 



57 

In der 4. Reihe: n&men — n8m — nommen; befälen — 
befüll — bef&len. 

In der 6. Reihe: waschen — wusch — wuschen, wassen — 
wüs — wussen, swören ptc. swörn. 

Ik füll (fiel), höll (hielt), füng (fing), hüng (hing), hSt (hiefs), 
löp (lief), slöp (schlief), röp (rief), güng (ging), stünn (stand), de, 
dÖ (that). 

Ik bün (ich bin), du büs, he es, wi fünt (Brainstedt — Kai- 
tenkirchen: wi bunt); ik wör, fe wörn, wäss (gewesen). 

Schwache Verben, die in der 3. Pers. Praes., im Praet. und im 
Part. Praet. ihren Stammvokal kürzen, giebt es nicht: töwd (ge- 
wartet), he töwd 9 (er wartete). Eine Ausnahme machen he söch 
(er suchte), bot (geheizt). 

5. Nach der syntaktischen Seite besitzt die Mundart lange nicht 
die Feinheiten und Mannigfaltigkeiten, die den Mundarten zwischen 
Ems und Weser eigen sind. So viel ich beobachten konnte, beschränkt 
sich der Satzbau immer auf das Notwendige. Je schlichter und 
simpler, desto besser, scheint die Regel zu lauten. 

Auffällig ist, wie gänzlich der Konjunktiv beseitigt ist — wohl 
unter dem Einflüsse der Ersetzung der indicativischen Formen durch 
die konjunktivischen. 

Die Zusammensetzung des Praesens von werden mit dem Infinitiv 
drückt in der Mundart, wie im Seeniederdeutschen überhaupt, nicht 
die Zukunft im Allgemeinen, sondern die unmittelbar eintretende 
Handlung aus: he ward kämen, er ist im Begriff zu kommen. Aus 
dem Praeteritum dieser Form entstand, wie es scheint, im 15. — 16. Jh. 
unser hd. „ich würde lieben*. Vgl. die Beispiele in „Teweschen 
Hochtiedt* Bauernkoinödien S. 262 u. 271. 

6. Der Wortvorrat der holsteinschen Mundarten verdiente wohl 
einmal eine neue Darstellung. Schütze und Richey sind doch zu ver- 
altet und, was schlimmer ist, ohne lebendige Kenntnis des Arbeitslebens 
geschrieben. Ich stelle einige Wörter zusammen, die mir mein Kollege 
Teege angegeben hat. äs eher, Grabscheit. Vgl. Korrbl. 9, 14. — 
äfel, 8 fei. 1) überstehender Teil des Strohdachs. Mnd. ovese. 2) 
Eiszapfen. Bei Gilow, Leitfaden der vorpomm. Ma. „Schnuppen". — 
äks! Ausdruck des Ekels. — bäk, f., Bach, gewöhnlicher au. — b&rg, 
Schwein. — bannig, sehr. — born, Feldbrunnen für das Vieh, Quelle; 
börnen, tränken. — brammen, wiehern. — br&gen, Gehirn. — 
britsen, prügeln. — brüen, necken. — brot, leicht verletzlich. — 
bot, stumpf (von Werkzeugen). — dim, der Diemen. — döns, f., 
Stube (schon selten). — don, da, dann. — drach, f., Achselholz. 

— dflfich, schwindelig; d&fich, dumm. — de dünnen, f., Schläfe. 

— dut, m., Haufen. — elhorn, Holunder. — elk, Iltis. — nich et, 
nicht geniefsbar, von Heu, welches die Kühe verschmähen. — 
fearkou, unfruchtbare Kuh. — feudel, Aufnehmelappen. Nach 
Halbertsma in Overijssel feitel, f. = Nachthalstuch für Frauen, Wisch- 
tuch. In Sliedrecht: fijtel = Geifertuch für kleine Kinder. — ganner, 



58 

Gänserich. — gripen, dreibeiniger eiserner Topf. — grinen, lächeln. 

— haben, Himmel. — hänbalken, Querbalken zwischen zwei Sparern 
sik h&gen, sich freuen. — häfen, Strümpfe (nur noch von alten 
Leuten gebraucht). — hek, n., Feldthor. — hilg, die Hilde. — 
hot u. n& di, rechts und links, beim Fuhrmann. — httren, mieten. 

— jiller, Euter. — jit, n., Schaf. (Nach Schütze: Ziege.) — kamp, 
eine grofse Koppel. — kateiker, m., Eichhorn. — klben, m., Stall. 

— kiewer, Klee. — kliben, Kletten. — klüftig, klug. — knei, 
m., Knie. — knütten, stricken. — krous, Krug. — kr fisch, 
wählerisch. — küfel, Kreisel. — küf, Backenzahn. — kwanswis, 
zum Schein. Ik frög em fo kwanswis. — kwßfen, nergeln. — 
läfig, schwach. — 16, 18i, f., Sense. — le, lä, f., Schwelle. — leg, 
schlecht. — mal, närrisch, verrückt. — mät, Regenwurm. — m&den, 
mieten. — mes, n., Messer. — möten, zum Stillstehen bringen. — 
middewäken, Mittwoch, wonsdag ist unbekannt. — mit, f., Heu- 
miete. — möischen, m., Waldmeister. — nas, m., Schachtel. — 
nip, genau. — nef, Nase. — nücken, Tücke. — olmich, faul (von 
Holz). — ftmer, Oheim; Hans-Öm, Onkel Hans. — p&ge, Pferd, 
besonders Wallach. — park, Mark. — p&fel, m., Ochsenziemer. — 
päten, Setzlinge. — peik, f., Pieke. — pi, f.^ Nachtrock der Kinder. 

— plärtschen, plätschern. — plougsik, Pflugmesser. — poggen- 
stoul, Pilz. — poggenkoller, m., Froschlaich. — prünen, schlecht 
nähen. — pük, extra fein. — r&w, f., Kruste, Schorf. — rädr, 
rällr, n., Weg zwischen zwei Koppeln. — r&m, m., Sahne. — rank, 
schlank. — rölk, Schafgarbe. — röster, n., Teil des alten Holzpfluges. 

— rüffel, m., Spaten ohne Griff. — rüfich, rauh (vom Wetter). — 
fewwer, Maikäfer, fewer, Geifer. — fid, niedrig. — fil, Siel, 
Kanal. — fipen, sickern. — sl6t, junge Fichtenstämme. — siengel, 
Brunnenhebel. — smörn, schmunzeln. — filen, schmutzen. — foot, 
Brunnen. — stackel, m., ein Mitleid erregendes Geschöpf. — 
stur, grade, straff, ablehnend von Wesen. — füster, Schwester, nur 
noch scherzend, sonst swester. — swäp, f., Peitsche. — swinplitsch, 
lauernd klug. — tau, m., Webstuhl. — t&t, Stute. — täw, tiff, 
Hündin. — t&gels, Schläge. — tokum wäk, künftige/ Woche. — 
1 6 neb ank, Schenktisch. — trünneln, wälzen, rollen. — tüdr,m., Bind- 
seil nebst Pflock für grasendes Vieh. — twälfen, Zwillinge. — et 
twält sik, es teilt sich in zwei. — ul, f., Haarbesen. — unnasch, 
unreinlich, unsanft, naschhaft. — unnoug, ungern. — wid, f., Molken. 

— wäk, f., Eiswake. — woart, Enterich. — weden, jäten. — willnbom, 
der Wiesbaum. — winwirp, Maulwurf. — wiern, Metalldräte. — 
wrlben, reiben. — writen, wuchern. 

SEGEBERG. H. Jellinghaus. 



59 



Syderak. 



Eine der wichtigsten mnd. Handschriften, welche noch einer Be- 
sprechung, vielleicht einer Herausgabe harren, ist der Kopenhagener 
Sidrac. Dieses berühmte Buch ist im 14. und 15. Jh. in viele Sprachen 
übertragen worden. Über die französische Bearbeitung berichtete 
Fl. Frocheur im Messager des sciences hist. de Belgique 1842 S. 79 — 86. 
Das italiänische „libro de Sidrach* veröffentlichte A. Bartoli, Bologna 
1868. In niederländischer Sprache sind 7 Handschriften, welche sich 
in Hamburg, Königsberg, Stuttgart, Brüssel, Delft, London und Oxford 
befinden, und aufserdem zwei Drucke, Deventer 1496 und Antwerpen 
1564 bekannt. Vgl. Mone, Übersicht der niederländischen Volksliteratur 
352 f., Graesse, Allg. Litterargeschichte II, Abt. 2, 708, Zeitschrift 
für d. Alterthum 13, 528, Germania 31, 342. Die poetische Einleitung 
und den Epilog der Hamburger Hs. hat M. de Vries in De Taal- en 
Letterbode HI (1872), 65 — 70 veröffentlicht. Der einzige ndd. Sidrac 
befindet sich unter den Roostgaardschen Manuscripten der Universitäts- 
bibliothek in Kopenhagen. Er stammt aus dem Anfange des 15. Jahr- 
hunderts. Im Kataloge Nr. 807 „Des Wysen Syderachs bock von unter- 
schiedlichen Fragen verfasset in 388 Kapiteln mit einem Register". 

Vorn auf den ersten 12 Blättern sieht das Register: „Dit is dat register ouer 
des wysen astronimus bock gheheyten syderack. Dar ghi moghen inne vinden vele 
wonders vnde mennygherhande vraghc. Nw begynnet de erste vraghe aldus: Was 
god alle tyt vnde schal alle tyt vort alfo blyuen." 

Bl. 12: „Wat sprak adam erst vth synen monde. Also de moder der waren 
Propheten steinen schal schal se ghedraghen werden in dat paradys myd vleisch 
vnde myd knoken." 

Bl. A 1, Z. 10 des Buches selber: „Vnde god dorch syne grote barmherticheyt 
wolde openbaren de leue de he hadde to deme siechte Japhet noes sones vnde 
ghewaer werden eynem van dem suluen gesiechte de hete syderak. Den he vor- 
nullede vul alre wisheit vnde leet eme to wetende werden alle dink de gescheen 
weren van anbeghynne der werlt wente to synen tyden." 

A 4: „In dem jaer na godes ghebort dusent twe hundert vnde vierunvertich 
Do weren dar vorredere to vnde vragheden na dessen boke. u 

B 4: „Nw beghynnet hyr de eerste vraghe van dessen boke. De konningh 
boctu8 vraghede den wysen philosophus syderak." 

Dl: „Dar na eyne tyt scholen komen twe sulen De eyne schal gheheten 
gyn de mynre brodere vnde de andere de predikere." 

M 8: „Hyr nemet dit bock synen ende des wysen Philosophen vnde astro* 
nomus meisten syderacks de dar vele gheleert heft 

Der Epilog (vgl. De Taal- en Letterbode 3. 69) beginnt: „God sy ghelouet 

van hemelryke God unfe lyff vnde feie bewaer nw vnde to alre tyt Vnde 

make vns van allen sunden vry vnde quyt. 

Amen segghet alle tosamen 
In Godes namen. u 

SEGEBERG. H. Jellinghaus. 



60 



Eine Werdener Liederhandsehrift 
aus der Zeit um 1500. 



Bei seinen Untersuchungen der Abteikirche in Werden fand mein 
Freund W. Effmann vor einigen Jahren unter altem Gerumpel eine 
stark verrissene Papierhandschrift im Formate eines kleinen Gebet- 
buches (13Vt cm lang, 10 cm breit). Die Bruchstücke sind vom Buch- 
binder nicht ganz richtig wieder zusammengebunden und befinden sich 
jetzt im Pfarrarchive zu Werden. Der Inhalt besteht aus drei verschie- 
denen Teilen, die auch von drei verschiedenen Händen herrühren : die 
Betrachtungen der sieben Schmerzen Mariens und die Beschreibung der 
heiligen Örter in Rom und Jerusalem zeigen in den Schriftzügen schon 
merkliche Hinneigung zur Cursive und weisen dadurch wol in das 2. 
oder 3. Jahrzehnt des 16. Jahrhundert. Der erste Teil, der geistliche 
Lieder enthält und uns hier allein beschäftigen soll, ist von einer 
älteren Hand aufgezeichnet; die Schreibweise ist noch ganz die des 
15. Jahrhunderts, wodurch jedoch nicht ausgeschlossen ist, dass die 
Niederschrift im Anfang des folgenden durch einen älteren Schreiber 
stattfand; das Lied Nr. 5 verlangt mögliche Herabdrückung des Alters. 

Für den niederrheinisch-niederdeutschen Liederschatz des 15. Jahr- 
hundert ist diese Sammlung nicht ohne Interesse. Sie zeigt uns nicht 
nur die allgemeine Verbreitung vieler Lieder, sondern bringt auch 
manche ganz unbekannte, bei anderen bietet sie uns eine Handhabe 
für die Wiederherstellung des ursprünglichen Textes. Ich will von 
der argen Verderbtheit des Textes in dem von Hölscher heraus- 
gegebenen Liederbuche der Katharina Tyrs l ) gar nicht reden — man 
vergleiche nur einmal die nur aus jener und dieser Sammlung be- 
kannten Gedichte oberflächlich mit einander — auch die Texte der 
Hoffmann'schen Handschriften 2 ) sind keineswegs fehlerfrei, und es ist 
dem Herausgeber keineswegs überall gelungen, die Fehler zu beseitigen. 
Freilich sind auch die vorliegenden Texte nicht tadellos, einige sind 
sogar im Ganzen genommen schlechter als bisher veröffentlichte, aber 
im Einzelnen bieten sie auch dann nicht selten die ursprünglichen 
Lesarten und sind daher für eine kritische Herstellung der Texte nicht 
unwichtig. Es scheint, dass die Niederländer dem mittelalterlichen 
Kirchenliede die lange entzogene Gunst wieder zuwenden wollen ; Acquoy 
hat bereits einen Anlauf gemacht, um das Versäumte nachzuholen 8 ). 

') Niederdeutsche geistliche Lieder und Sprüche aus dem Münsterlande 
Berlin 1854. 

*) Horae Belgicae Bd. 10 Hannover 1854. 

•) Het geestelyke lied in de Kederlanden voor de hervorming. (Separat- 
abdruck aus dem 2. Bande vom Archief voor Nederlandsche kerkgeschiedenis onder 



«i 



Bei einer Reihe von Liedern wird sich auch jetzt schon durch eine 
Prüfung der Reime feststellen lassen, in welcher Gegend sie entstanden 
sind. Wenn auch vieles, so ist doch nicht alles jenseits der jetzigeh 
Grenze entstanden. Ich will hier nur auf das Lied Nr. 21 verweisen, 
das bereits bei Hoffmann unter Nr. 118 abgedruckt ist; dort fehlt 
aber jede örtliche und persönliche Beziehung; diese hat man in deh 
Niederlanden verwischt und so aus dem ursprünglich historischen 
Liede des Antisemiten Jakob von Ratingen (zwischen Werden und 
Düsseldorf) ein geistliches Lied gemacht. 

Ob die vorliegende Sammlung in Werden veranstaltet ist, lässt 
sich nicht mit Bestimmtheit behaupten; soviel lässt sich nur sagen, 
dass der Sammler selbst von der westfälisch-niederrheinischen Grenze 
gebürtig war, und zwar wol aus einer Gegend westlich von Werden. 
Er hat den Dialect nicht gleichmässig geändert; man sieht, dass nicht 
alles einer Vorlage entnommen ist, manches mag auch aus dem Ge- 
dächtnisse aufgezeichnet sein. Aber das ist wol zu sehen, dass man 
in seiner Heimat bekieren st. bekeren, behueder st. behoder usw. sprach. 
Ich habe diese Eigentümlichkeiten nur dort beseitigt und einen an- 
nehmbaren Text herzustellen gesucht, wo unsere Sammlung die alleinige 
Grundlage für die Herstellung des Textes bilden muss; sonst habe ich 
nur offenbare grobe Versehen berichtigt und dabei diese in die An- 
merkungen verwiesen. 

Die Lieder Nr. 1 — 22 schliessen unmittelbar an einander; Nr. 23, 
das grade 2 Blätter umfasst, ist ein Rest aus dem fehlenden Schlüsse. 
Es lässt sich nicht bestimmen, wie viele Lieder verloren sind, der 
Umstand, dass sie mit den Weihnachtsliedern beginnen, lässt auf eine 
Anordnung nach den kirchlichen Festen und damit auf einen grossen 
Verlust schliessen. 

Bei dem Abdrucke habe ich die Strophenabsätze det Handschrift 
beibehalten; man kann daraus ersehen, dass sich Melodie und Strophe 
nicht immer deckten. 

Nr. 1. 
To kerssmtese een suverlicke loysse. 



Het is een dach der vroelicheit 
all yn des connynges have, 
dat heeft gewonnen in wonderheit 
een maeget tot onsen lave; 
dat kindekyn is seer wonderlick, 
syn aensicht is genuechgeück 
na syner minschelicheiden, 
syn wesen dat is onbegrypelick 
ende daer to seer onsprekelick 
na synre gotlicheiden. 



2. 

Die moder is dochter wonderlick 
oers soens ende hy oer vader; 
waer hoert ymant des gelyc? 
hy is god ende mynsch to gader; 
hy is cnecht ende daer to heer, 
hy is aver alle, dat is meer 
onbegrypelic to vynden, 
teghenwordich ende veer; 
alsulkes wonder des groten heer 
ten kan geen man besynnen. 



redactie Tan J. G. R. Acquoy en H. G. Kogge. 's-Gravenhage 1867.) Dort findet 
man auch eine Übersicht über die vorhandene Litteratur. 



to 



Doe was gebaren die gades soen 
van eenre maeget puren, 
als van lelyen, rosen schoen, 
verwondert der naturen, 
dat een maeget een soen gewan, 
die was eer ye dynck began; 
sy was yn synen behagen, 
dat die borst der reinicheit 
gaven melc der kyntlicheit, 
die Beer alt was van dagen. 



6. 

Ut vitrum non leditnr. 

Een glas alheel dat schynt daer doer, 

ten briet niet van der sonnen: 

so heeft een maeget na ende voer 1 ) 

ionefron een kynt gewonnen. 

selich is die moder dan, 

die gades soen ter werlt gewan, 

god ende mynscb gebaren! 

die borsten oec wael selich waren, 

die god in synen jongen jaren 

to sngen had verkaren. 



4. 

In den donckeren wart hy gebaren 

die son der sonnen verliebter ; 

dat kynt wart yn den stal gelecht, 

all der werlt stichter; 

die moder selver yn den doekeren want 

des sternemeckers rechterhant, 

do he den hemel wrachte; 

hy Bchreyde, als een kyndekyn doet, 

die wölken dienden om onder synen voet, 

doe he opvoer mit erachten. 



6. 

Angelas pastoribus. 

Den waekenden hierden god ontboed 

des nachts by oeren beesten 

myt synen engelen blytschap groot: 

gebaren een konnynck mit festen, 

den gewonnen heeft een maget 

ende hebben on yn die kribbe gelacht 

ende yn den doeken gewonden; 

dat kynt dat is der engele heer 

van gedaenten schoon voel meer, 

dan ye kynt wart gevonden. 



Doe men alle die werlt beschreef, 

doe gynck die maget sware 

to Betlehem, al daer sy bleef, 

dat kynt wart daer gebaren, 

dat he ons wil schryven ynden hof, 

daer die engele syngen lof 

van nyer werdicheiden. 

god hyr baven ynden hemelryck 

die gheve den mynschen op ertryck 

van gnden willen vrede! 



Das Lied ist bereits abgedruckt bei Hoffmann a. a. 0. in zwei Fassungen 
(ffr. 21 u. 22) und von Hölscher a. a. 0. Nr. VIII. Es steht auch in dem Lieder- 
buche der Anna von Köln unter Nr. 19; vgl. Bolte, Das Liederbuch der Anna von 
Köln (in der Zeitschrift für deutsche Philologie Bd. XXI S. 129 ff.) S. 134, wo die 
weitere Litteratur angeführt ist. Unser Text ist eine Mischung von den beiden bei 
Hoffmann. Str. 4 zeigt, wie sehr die Texte bei der Überlieferung litten und wie 
man vergeblich bemüht war doch wieder Sinn hineinzubringen, unbekümmert um 
das lat. Original (Dies est laetitiae). 



*) hs. voer ende na. 



ft& 



Nr. 2. 
Ben Ander up die selve wijse. 



Een yeghers hoern mit rijcker schall, 
dat dorch die oren dynnet, 
datlnydtso veern doer berch eü dael; 
wat isset dat daer grymmet? 
och, wechter van Jherusalem, 
na hoert na deser yacht beqneem, 
luert nnt den bogen tynnen! 
verneem dy ijt? dat doet ans schijn, 
dat moet een vremde wonder sijn, 
verwaerd n stat van bynnen! 

2. 
Ick sie in deser dnyster nacht 
mit also heymelicker wonne 
een yoncfrou herden yn der yacht, 
se is claerre dan die sonne; 
se vuert twe wynd aen oerre haut, 
knysheit, oetmoet synt sy genant, 
to Nazareth geneket; 
ic sie den hemel apen staen, 
die dryvold daer to rade gaen 1 ), 
gades toern is nu geweken. 

3. 
Ick sie den rait geslaten gaus, 
die bade is nnt geseyndet, 
noch claerre dan een carbunkel glans; 
daer hy die yoncfron vyndet, 
by grneten se: genaden voll, 
het sprynget na oer, dat sien ic wall, 
een eenhorn stark van krechten; 
he[t] gaff der maeget gevangen sich 
yn oeren schoet seer mynnentlich, 
seer meisterlic van scheften. 



4. 



Dat is die dochter van Syon, 

die ons duck heeft besweret; 

kendy oeren brndegom? 

woe snell hy oer vercleret? 

se heft gevonden, den se sockt 

na edel ioncferlicker tocht: 

oer vronde was ongemeten; 

oer lichain was swanger sonder man, 

die heilige geest dat vnegen kan, 

god heeft oer hert beseten. 

6. 
Do sich dat neecte ter geboert*), 
die vorst wold sijn onslaten, 
oer ionferscap bleef (oer) onberaert 
god is doer oer gevlaten. 
vervronwe dy, moder ende maeget, 
het heeft den heren aldus behaeget, 
anschouwe voer dynen ogen 
een kijnt, een schepper uutverkaren, 
god ende mensche van dy gebaren, 
geswongen nutten hogen. 

6. 
Se droecht oec niet der vrouwen stuer"), 
die engelen oer plegen, 
die werlt scheen ciaer recht als een vner, 
vol engelscher schaer belegen; 
se vervrouden sich der nyer vrncht, 
se songen vroelic ynder Incht: 
eer sie gade ynden bogen 4 ), 
den mynschen vrede op erden hier 
van guden willen! reeden wijr, 
wen en solt des niet genogen*)? 



7. 
Die connync ynder cribben leecht, 
seer cleyn ind nochtant almechtich, 
wie des yn synen herten niet en dreecht, 
die is gades ongedechtich. 
Die oss ind die ezel bekanden on, 
dat hy weer die rechtverdige son, 
die all die werlt verlucbtet. 
nu laet ons mitten herdekijn 
aenbeden dat snete kyndekijn, 
dat hemel ind erde ontfrnchtenl 



') die heilige dryvoldicheit to. *) hs. Dat neecten sich ter geboerten wart. 
') hs. stoer. Die folgende Zeile lautet: die engelen oerre pleechden. 4 ) hs. yn der 
hoechden. •) hs. genuegen. 



14 

Vgl. Hölscher Nr. 9; es fehlen dort xwei halbe Strophen, wie überhaupt sein 
Text sehr verderbt ist. Str. 2, Z. 9 und Str. 6 Z. 2 findet sich dort indes die richtige 
Lesart, die ich infolgedessen aufgenommen habe, wie noch einige andere kleinere Abwei- 
chungen Str. 6 Z. 9 (wir) spricht für rheinländischen Ursprung, falls der Vers nicht 
verderbt ist. Str. 7 Z. 10 (ontfruchtet) würde indes nach Westafen weisen, wenn wir 
so genaue Reime von dem Verf. verlangen dürften. Zu Str. 1 und 2 vgl. W. Wacker- 
nagel, Kleine Schriften Bd. III S. 83. Die Betonung Siöoi und Jerusalem hat ihren 
Grund im lateinischen Kirchengesange. 



Nr. 3. 
Eeen nyenyaersdaeh (een) loyssehen. 



Mit desen nyen yare 

so word ons apenbare, 

-woe dat een maeget vruchtbare 

die werlt heeft verblijt. 

Gelavet moet sijn dat kyndekyn, 

geeret moet sijn dat meechdekijn 

nn inde ewelick yn alre tijt. 



Se gebeerden al sonder pijne 
ende bleef een maeget fijne, 
des sunders medicijne, 
des hebben die yoeden spijt. 
Gelavet etc. 



Woe wal was oer to moide, 
do se in vleysch ende yn bloyde 
aensach oers horten hoede, 
den heren der werlt wijt. 
Gelavet etc. 



6. 

Des dartyenden dages, sijdt vroeder, 
vonden sijt by sijnre moeder, 
Joseph was oer behoeder, 
so ons die scrift belijdt. 
Gelavet etc. 



7. 

Dat kynt van doechden rijcke 
bracht ons in all ertrijcke 
den vrede gewarichlike, 
des hadden die herden jolijt. 
Gelavet etc. 

8. 

Drye connynghen onbekande 
quamen (te doen) om offerhande 
veer uut Orientenlande, 
god sy gebenedijt. 
Gelavet etc. 



Die engele songen schone 
gloria ynden throne 
to eeren ende oec to lave 
dem kynde, des seker sijdt. 
Gelavet etc. 



9. 

Myrre offerden Jaspar, 
wyroick connynck Melchior 
ende daer na polt Baltasar, 
dies niet en geloeft, vertijt 
Gelavet etc. 



5. 

Als acht daeghe waren geleiten, 
doe waert Jhesns besneden 
al na der yoeden seeden, 
-welc ons van sunden vrijet 
Gelavet etc. 



10. 

Als ses wecken omme quamen, 
stont se op na betamen, 
gevrijet van allen vlamen, 
om na toe volgen die wyt 
Gelavet etc. 



65 



n. 

Doe gynck die maeget al sympel 
ende bracht oer kijnt teil tempel 
alle Trouwen tot een exempel', 
dies oer niet en vermyt. 
Gelavet etc. 

12. 
Doe Symeon die aide 
sach dat kint, 8yn herte vervroude; 
he voersprack, dattet noch solde 
ons van sunden maken vrij. 
Gelavet etc. 



13. 
Elc vrolick sich hier (?) aene, 
bidde oer ende vermane, 
om ons by oer to ontfane, 
als ons die doot verwijst 
Gelavet etc. 

14. 
Noch liet hy aver drij ende dertich jaer 
sich selven an een cruce siaen, 
om ons to verlosen van den doot. 
Nn help ons god nnt alre noot! 
Gelavet etc. 



Vgl. Hoffmann Nr. 1 und 2, Hölscher Nr. 12. Bei Hoffmann zählt das Ge- 
dicht einmal 6 und einmal 10 Strophen; die letztere Anzahl hat es auch bei 
Holscher. Keiner der Texte ist korrekt. Str. 6 u. 14 sind wol sicher spätere Er- 
weiterungen. Die Reime in Str. 12 beweisen den niederländischen Ursprung. 



Nr. 4. 
Dertijndaeh een ander loysse. 



1. 



Drij konnyngen nut Orienten 

qnamen toe Jhernsalem; 

By vraechden, waer is hy gebaren 

die connynck der Joeden? 

sy saghen in Orienten 

een sterne fijn, 

sy quamen om aen to beden 

dat kijndekijn. 

Een kijndekijn is ons gebaren 

in Bethleem, 

des had Herodes toorne, 

dat scheen aen em. 



Als Herodes dat vernam, 

dat een konnynck gebaren was, 

so was hy toornich ende gram 

ende hy vergan on des, 

dat hy Verliesen solde 

sijn rijc seer groot, 

hy dacht, woe hy mocht brengen 

dat kijndekijn ter doot. 

Een kijndekijn is ons gebaren etc. 

3. 
Herodes sprack den konnyngen toe: 
gaet hyn ende sueckt dat kijnt 

NiederdeuUchei Jahrbuch. XIV. 



mit also groter werdicheit, 

ende, so men van on seget, hij is konnynck 

baven allen konnyngen; 

hy is so fijn, 

men seget, hij sal besitten 

dat rijcke mijn. 

Een kijndekijn is ons gebaren etc. 

4. 
Als gy dat kyndekijn hebt gevonden, 
so komt weder om tot my, 
dat ick in körten stonden 
mach weten, waer et sy, 
dat ick oeck aen mach beden 
dat kijndekijn, 
dat heft so seer doersneden 
dat herte mijn. 

Een kijndekijn is ons gebaren etc. 

5. 
Herodes vraechden de vroden, 
waer dat kijndekijn gebaren was; 
sy seyden: heer, in Bethlehem, 
als die propheet ons las, 
dat daeruut solde komen 
een here fijn, 
die noch besitten solde 
dat rijcke dijn. 

Een kijndekijn is ons gebaren etc. 

5 



66 



6. 
Als die drije konnyngen quamen 
baten Jherusalem, 
mit vrouden sy vernamen 
die sterne staen voer om 
ter steden dat sy vonden 
dat kijndekijn, 
yn dnekeren gewonden 
by der moder syn. 

Een kijndekijn is ons gebaren etc. 



Die konyngen aenbeden dat kijndekijn 

van dertien daegen alt, 

sy offerden on ter stonden 

wijrroick, mijrre ende golt 

mit groter werdicheiden, 

des was wal noot, 

sy vonden on ter steden 

van haeven bloot. 

Een kijndekijn in ons geboren etc. 



8. 
Als die konnyngen slapen wolden, 
sprac die engel tot om, 
dat sy niet (weder) kijren en solden 
al to Jherusalem. 
to een anderen paeden 
sijn sy gekijrt, 
al na des engeis rade, 
als men ons leert. 

Een kijndekijn is ons gebaren etc. 

9. 
Nu laet ons laven dat kijndekijn, 
dat Jhesus is genant, 
dat hij ons wil bekijren 
al in dat suete land, 
daer die engelen god laven 
tot alre tijt: 

dat gnn ons god hijr baven 
van hemelrijck! 

Een kijndekijn is ons gebaren etc. 



Vgl. Hoffmann Nr. 7. Der Text seiner Vorlage ist sehr entstellt, und seine 
Conjekturen haben das Verderben nicht durchweg beseitigt. Dieser Text ist besser, 
einige grobe Fehler lassen sich leicht beseitigen: Str. 3, Z. 4: men seget, he is 
konnynck; Str. 5, Z. 3: sy seiden : yn Bethlehem Joden (nach der landläufigen 
mittelalterlichen Übersetzung von B. Judae [Matth. II 1, 5 etc.]); Str. 5, Z. 4: 
komen woldc oder solde; Str. 7, Z. 1: Do sy dat kindekijn vonden (nach Hoffmann); 
Str. 9, Z. 1 : Nu laet ons loven den heren, die . . . Hier und dort hat wol ur- 
sprünglich kint statt kindekijn gestanden. 

Strophe 5 gehört vor Str. 3. 



Merc wail! 



Siet om tergelt, o kerstenbloet, 
Dat dijn siele mit oer hebben moet, 
Want du en heves hijr geen blyvende stat, 
Daer om stroye mit doechden dynre zielen pat. 



Het is geschiedt, dat eens rijcken mans soen is kranck geworden van den 
quaden pocken, so dat alle die doctoren on dat leven ontsachten. Oeck en had 
hy sijn daege niet voel gnets gedaen, mer synen vlijt gesät op lijder to dichten, 
gnet ende quaet. So is on yn den synne gevallen wat to maecken van der 
kuysscher ionefrouwe Maria ende heft gemaect dese nageschreven gesette, ende 
daer na yn der nacht wart hy also gesont, dat men aen synen lijve niet merken 
en mochte, dat hy die pocken had gehadt. Dit heft hy verkündiget den bisschop, 
die groot afflaet heft gegeven den genen die dit lijtgen bij sich draegen, lesen 
of syngen, hoeren lesen of syngen. Oeck sullen sy seker sijn voer der quader 
snecten der pocken. 



«7 



Hr. 5. 



l. 

Maria zart, 

van edeler art, 

een rooss aen allen doernen, 

da hefs mit macht 

hijr wederbracht, 

dat voerlanghs was verlaren 

doer Adams val; 

dy heft den gewalt 

snnt Gabriel voerspraken; 

help dat niet wordt gewraken 

mijn sund ind schuld, 

verwerf my huld, 

want geen troost is, 

waer du niet bist, 

barmhertichkit to verwerven. 

aen leisten eynd, 

byd ic, dy niet weynd 

van my in mynen sterven. 

• 

2. 

Maria mild, 

du hefs gestilt 

der altvaeder verlangen, 

die iair ind dach 

yn wee inde klaech 

die voerhell hield gevangen. 

to alre tijt 

wonaten sij den strijt, 

daer doer des hemels poorten 

to reten aen allen oerden, 

ind daer af queem 

ind on beneem 

oer sware pijn; 

dat all doer dijn 

knysch ioncfroulick geberen 

is afgestelt, 

daer om dy helt 

all werlt een kroon der eren. 

3. 
Maria reyn, 
dn bist alleyn 
der sunder troost up erden; 
daer om dy haet 
die ewige rait 
een moder laten werden; 
des hoochsten heil 
doer groot ordel 
ten ionxten dach sal richten. 



haldt my aen dynen plichten, 

du werde vrucht, 

all mijn tovlncht 

heb ic tot dy, 

aent cruess bistu my 

mit snnt Johan gegeven, 

dattu oec mijn 

moder wilst sijn, 

vrijet hijr ind dair mijn leven. 



Maria clair, 

da bist vorwair 

mit groten smert gegangen 

mit dgnre vrucht 

yn eren ind tucht 

onschuldelic wart gevangen. 

doer synen doot 

verwerft my rait, 

to beteren hijr mijn leven. 

terstont bin ic om begeven 

mit snlker pijn, 

dat all doer mijn 

sund inde scholt 

bin ic gedolt 

aen lijf ind allen eynden. 

o edele rooss, 

mijn krancheit groot 

yn korts van my wilt weynden. 

5. 
Maria zart, 
gemeeret wart 

yn dy groot leet ind smerte, 
doe dijn kijnt doot. 
een speer mit noot 
doerstack sijn sachte herte. 
des blödes sacht 
sweecht dy dyn kracht, 
om leet dedet dy syncken, 
Johannes was men wynken; 
die liep bald dair 
ind dy npboer, 
daer dy dat sweert 
dijn hert verteert, 
daer van snnt Symeon saeget. 
och vrou so werd, 
son, lacht ind erd 
des levens doot beclaeget. 

5* 



68 



6. 

Maria weerd, 

so mijn siel kort 

van deser erden moet scheiden, 

so kom tot my 

ind beschermt my, 

dat my doch niet verleide 

die valsch sathan, 

wan ic niet kan 

syn dieflick lijst bekennen; 

Maria, doet my weynen, 

werpt om my bald 

dijns mantels vald, 

ind so dijn kijnt 

my rück 1 ), geswynt 

toen, yrou, dijn hert ind börste: 

dijn soen Jhesu, 

spreckt: geeft mij nu 

den snnder ewige roste. 

7. 
Maria gnet, 
wan yn onmnet 
die vader van my weyndet, 
so bid dair voer, 
dijn kijnt schick dair, 
sijn syde, voet ind hende, 
dan en mach niet seer 
die vader meer 
tegen my ordel sprecken; 
yd en mach sich oec niet recken 
god die heilige geest, 
die vast to bleest (so!) 
syn gndicheit 
yrst is bereit, 
sett wysselike guede, 
also ward ich 
selich doer dich, 
voer snnden my behuede. 

8. 
Maria fijn, 
dijn clare schijn 
lacht in den hoochsten throne, 
doe dy mit eeren 
van twelf Sternen 
wart npgesat een crone; 
die dryvoldicheit 
heeft dy bereit 
mit hoger gnaden ombegeven. 



Maria, vrijt my my leven 

so lang ind voel 

bis np den soel. 

o ioncfron suet, 

help, dat ic bnet 

mijn snnden voer mynen eynden: 

ind als mij briet 

mijn hert ind gesicht, 

biet mijnre ziel dyn hende. 

9. 
Maria vron, 
help, dat ic schon 
dijn kijnt voer mynen eynde, 
schickt mijnre ziel 
snnt Michaeel, 
dat hy sy vner beheynde 
ijnt hemelrijck, 
dair al gelijck 
die engele vroelick syngen; 
oer stemmen doen hei verklyngen: 
„heilich, heilich, 
heilich bistn, 
o stereke got 
van Sabaoth, 

du regnijrst geweldelicken.* 
so heeft eyn eynd 
al mijn eilend, 
ic vervronwe my ewelicken. 

10. 
Maria dair, 
dn bist voerwair 
fignerlick waill to bedneden 
by des weers vel vncht, 
dat Gedeon socht 
van gades segel to strijden 
beteykent wort; 
dn bist dy poert, 
die ewich blijft geslaten; 
van dy is nntgevlaten 
dat ewige woerd; 
dn bist die gaerd, 
die geteickende born, 
clair erd ind tuyn, 
beduyt voer langen iaren: 
van my niet tny 
dijn hnlp ind tron, 
als ic van hen sal varen. 



*) Der hochdeutsche Text hat rieht. 



69 

n. 



Maria meyd, 

sonder alle leid, 

yn dy en is geen gebreken; 

ten leeft geen man, 

die mach of kan 

dijn glorie groot nutsprecken; 

dijn hoge lof 

vloyet ewich af 

yn hemel ind np der erden, 



dy gelijck en mach nummer werden 

geen creatuer. 

o ioncfron puer, 

wan dairto kumpt, 

dat mijn mont stumpt, 

mijn siel van den lijf sal kijren, 

so gedenck dair ain, 

dat ic dy hain 

gedacht hier mede to eren. 



Vgl. Wackernagel, Das deutsche Kirchenlied II 8. 804 ff. Hoffmann, Ge- 
schichte des deutschen Kirchenliedes S. 264 f. Die auch dort aus Handschriften 
u. Drucken mitgeteilten Verheissungen von Ablässen für das Lesen oder Singen des 
Liedes scheinen von den Vertreibern erfunden zu sein. Dieselben bedienten sich 
des Mittels mit Vorliebe, wie wir aus päpstlichen Erlassen sehen. Diederich Kolde 
(Coeldc) zählt dieses Kunststück ausdrücklich als Sünde in seinem Beichtspiegel 
auf, ein Beweis, dass es auch in Westfalen oft vorkam. 

Vgl. auch noch Bäumker, Das kathol. deutsche Kirchenlied in seinen Sing- 
weisen I S. ßO. 

Der Übersetzer hat das hochdeutsche Original stellenweise gar nicht ver- 
standen. 



Np. 6. 
Item hijr na volget een ander devoet gesengh van onser lever vronwen. 



l. 

Ic heb die schoenste autverkaren, 
oer liefd is vast in stedicheit; 
hed sijt gedain, ic weer verlaren, 
verlaren oick in ewicheit. 
Maria, dn bust all die ic meyn, 
baven allen vronwen schoon alleyn, 
lait syn tot my dijn troost bereit! 

Ic bidde dy, 

och staet my by, 

ic bidde dy, 

och staet my trouwelic by! 

2. 

God grnet dy, werde maget reyn, 
een moder der barmherticheit, 
der genaden oick een eewich fonteyn, 
bewijst den snnders mildicheit; 
dijn macht is groot by god den here, 
seer ghern volbrenct hy dijn beghere, 
sijn moder en mach hy weygeren niet. 
Ic bidde dy, och staet etc. 



Der werlt vrond en mach niet duren, 
oer arch hef mennich mynsche bedragen, 
dat eynd der vroud is niet dan truren, 
oer dyenres heft sy vaick gelagen. 
Maria, gy sydt die stedich blijft, 
daer om kier ic tot dy mijn lieft, 
dijn dienre wil ic gerne syn. 
Ic bidde dy, och staet etc. 



Dijn doechden kond ic niet nntspreken, 
all hed ic aller tonghen gewalt, 
aen mijnre macht soldt my ontbreken. 
woe znetlick is dijn wesen gestalt! 
da bust des hemels een connyngyn, 
der werlt wydt een keyseryn, 
in dynen handen steet et al. 
Ic bidde dy, och staet etc. 



70 



Mijn ziell is duck in swaren noden, 
bangh is dat fijre herte mijn, 
ick sorgh, die duvel wil my doeden, 
oick vreess ic seer die heiische pijn. 
ic bid, dat gy alltijt wilt sijn 
tegen alle quait een medicijn 
ind my verbinden in allen lijden. 
Ic bidde dy, och staet etc. 

6. 
Maickt my van allen sunden vrij, 
behuet mijn hert ind alle mijn syn, 
mit edel doechden vercijret my, 
dat bid ic dorch dijn reyne myn! 
ghy sijd der sunders troesteryn, 
ic belijd, dat ic een snnder byn, 
dair om sneck ic genade van dy. 
Ic bidde dy, och staet etc. 



Och werde vrou, mijna herten lost, 
genaid ger ic van dy tontfangen; 
ghy sijd mijn haip ind alle mijn troost: 
deed dijet, het weer all mit my gedain! 
ontfermt n mijnre, all kom ic spade, 
ic heb mg dncwijl quellic beraden, 
och moder mylde, ic gher genade! 
Ic bidde dy, och staet etc. 

8. 
Teghen dat wy van hier nn scheiden, 
als wy dit leven snllen laten 
so wilt ons hemels vroud bereiden, 
dair vrond is alltijt sonder maten, 
in hemels throon, dair ghy syt schoon 
verheven by uwen enyghen soon, 
dair n die engelschen choren laven. 

Ic bidde dy, 

och staet my by, 

ic bidde dy, 

och staet my troulick by! 



Vgl. Hoffmann Nr. 32. Str. 7 Z. 4 deed dijet = deed ghy et. 



Nr. 7. 
Een ander. 



Help, rjjcker god van baven, 
kranck is die machte mijn, 
mocht ick dy dienen ind laven 
all na den wille mijn, 
heyll sold ic dan verwerven 
ind loon ontfangen groot, 
oick lijden sold ick derven 
ind hebben all ewich gnyt. 



Mijn krancheit is my knndich, 
mijn moet en is niet groot 
die viant is seer lystich, 
voel heft hy gebracht ter doot; 
Mijn snnden die ic laide 
sy doen my swair verdriet, 
o heer, ic bid genade, 
laet my verlaren nietl 



3. 



Och gndertyren here, 
vergeeft my myn mysdaet, 
dat is mijn gantz begheren, 
ic wil nn schnwen dat qnaet. 
Ghij knnd mijn wonden genesen, 
ghy weet wail, wat my deert, 
och wilt mijn arster wesen, 
eert mit my qnader wert 1 ). 

4. 
Die noot die duet my klaigen, 
verhoert dijn arme knecht! 
mocht ic dy noch behagen, 
so weert al mit my recht 
Drije viande die my quellen, 
sy doen my grote last: 
vleysch, werlt, duvel feile, 
helpt my, so sta ic vast! 



*) hs. wort. 



71 



5. 
Droch werlt, ic wil dy mijdeu 
ind dienen dy uiet ineer, 
da en brengst my niet dan lijden 
ind mennich groot hertenseer; 
Ic wil my van dy scheiden, 
du liefst my leet gedain, 
niet langher en will ick beiden, 
een oirden will ic ontfain! 

6. 
Hy is gekomen van koger airt, 
die my leecht in den synne, 
edel, mynlick, getronwe 
in alle eijnre mynne; 
In alre schoonheit seer volmackt 
so is die liefste mijn, 
by om wordt alle schemd gelacht, 
die yn deser erden mach sijn. 

7. 
Die werlt: 
Wilstn dan lijden annemen 
ind willes van my gain, 
yn een oirden dy begeven, 
so is dyn vrond gedain; 
Wolstu noch by my blyven, 
dat weer dy wille myn, 
dy sold noch heyl beclyven, 
mijn dienre solstn sijn. 

8. 
Die jongherlingh: 
Ick heb dy langbe gedyenet, 
mijn loon is also smal, 
ic wil enen anderen dyenen, 
die my wail Ionen sal; 
Ic wil gantz van dy tijden, 
dijn dyenre wil ic niet sijn, 
du lonest al mit lijden, 
hier na mit der hellen pijn. 

9. 
Die werlt: 
Laet dese rede varen 
ind heb enen rysschen moet 
ind wil die reyse sparen, 
dat dnnckt my wesen goet. 
Dn bnst seer wilt van synnen, 
die vrond is yn dy breyt, 
woe solstn dy bedwyngen 
yn sulker strengicheit? 



10. 
Die jongerlyng: 
Het is seer snoed van weerden, 
dat haistelick moit vergain, 
die vroud is cort up eerden 
ind mach niet langhe stain, 
Ind sold hijr na besuren 
al yn der hellen stanck, 
mit mennich sold ick trnren, 
des nnmmer en is verganck. 

11. 
Die werlt: 
Dn bnst noch yong van yaren, 
gebrnict dijn yonge yoecht 
ind laet dijn trnren varen, 
daervan wortstn verhoecht; 
Dn machst noch lange leven, 
daer to voel vronden haen, 
ynt alder dy begeven 
ind so der hellen ontgaen. 

12. 
Die jongherlyngh: 
All byn ic yong van jaren, 
die doot komt alltohant, 
die nyemant en wil sparen, 
dat is my wael bekant; 
Sy sijn dair hein gevaren, 
sy waren oers modes vry, 
oer daeghe hebn sy verlaren, 
oer vrond is nn voerby. 

13. 
Die werlt: 
Dn en kanst des niet besynnen, 
wes eenre oirden toe hoert: 
dijn natner moestn bedwyngen, 
dijn vroud wort dy verstoert; 
Een arm ellendich leven 
dat wort dy dan bekant, 
dn en kanst niet äff gewesen, 
so swaer is daer die bant. 

14. 
Die Jongerlyngh. 
Die konnynck van hijr baven 
die sal mijn hulper sijn, 
ya den die engelen laven 
yn blydelicken schijn; 
In on so wil ic hapen, 
sijn genade is seer groot, 
hy en sal my niet verlaten, 
hy help my nnt der nootl 



72 



16. 
Die werlt: 
Wie heft dy dat geraden? 
des doet my doch gewach, 
waiit da yn körten daigen 
so niet en waerst bedacht; 
Op miamoet 1 ) wilstn bouwen 
ind wüst niet volghen my! 
dat sal dy noch wal rouweii, 
daer voer so warn ic dy. 



16. 
Die werlt: 
Dn solst my gern bedrijgen, 
ic heb dy wal verstain, 
ya doch solstu my lijghen, 
als du mennich hebst gedain; 
Dijn listen en mögen niet baeten, 
dijn reden machsta wol lain*), 
ic wil my van dy säten, 
een anderen wech bestain. 



17. 



Hy heft des recht versonnen, 
die dit lijdt ijrsten sang, 
den strijt heft hij gewonnen, 
gegain ter oirdenwart an, 
Der werlt is hij gescheyden, 
dat is seer apenbair. 
onser god moet on geleyden 
yn syn beschon wen clair! 



Vgl. Kölscher Nr. XXVIII, wo die Strophen 1—5, 6 und 17 ganz fehlen. 
Str. 15, Z. 5 habe ich nach jenem Texte geändert. 



Nr. 8. 
Item noch een ander. 



l. 



Ic sach den dach upstijgen, 

die wölken scheyden sich, 

ic en kans niet langher geswijgen, 

ic warschon v alle gelijck: 

wail np wal, liever gesellen! 

en laet v niet versnellen, 

die doot is bitterlic! 

2. 

Die doot is onbestuere 

ind onversiens daerbij; 

o mynsche creatnre, 

maickt dy van sunden vrij! 

hy komt al hyr gerynge, 

wy en können on niet ontspryngen 

wo yongh, wo sterck wy sijn. 

3. 
Wo yong, wo sterck, wo schone, 
die doot en spaert onser gheen; 
wat ghevet men ons to lone 



np deser werlt gemeyn? 
men laet ons snellic verwijsen 
den wormen tot eenre spijsen, 
daer na denckt men ons cleyn! 

4. 
Nu waickt ind niet en slapet, 
van snnden, yong ind alt, 
hg komt hijr her gestrafet 
mit krechtelicke gewalt; 
Wie ye ontfijnck dat leven, 
sy moten hem reden geven, 
sijn cracht is mennichfolt 

5. 
Nu laet ons aeneschryen*) 
die moder der myldicheit, 
die reyne maighet Marien, 
dair all ons troost an steet, 
dat sy sich will ontbarmen 4 ) 
aver ons wail sundigen armen, 
alst an een sterven geet. 



*) hs. wat maten. *) ha. laten. •) hs. schreyen. 4 ) hs. ontfermen; vgl. 
Str. 7 Z. 3. 



73 



6. 
Maria, maiget reyne, 
na staet my tronwelic by, 
du büst al die ic meyne, 
des bid ic vrijntelicke dy, 
in mynen swaren noeden: 
die duvel wil my doeden, 
dair voer behoedet my! 



„Nu komt in mynen armen, 
die alreliefste mijn, 
ic wil mij dijns ontbarmen, 
woe sondich dat gy sijn 1 ); 
want ghy hebt rechten ronwen, 
dair om snlt dy my schouwen 
ind altijt vroelick sijn." 



8. 
Ick danck dy, edel maiget, 
voer all dijn grote goet, 
dat my so wail behaeget, 
ic kriege een vryssen moet; 
hijrom wil ic my vervrouwen 
ind leven sonder ronwen"), 
want ic nu sij behoet. 

9. 
Hijr aen denckt all gemeyne 
ind eert Marien altijt, 
sy kan ons maicken reyne 
ind scheiden ons sundeu qurjt; 
hijrom so willen wij se laven, 
dat sij ons help hijr baven, 
daer liefd is sonder nijt. 



Nr. 9. 
Een ander. 



Waill np, ic moet van heenen, 
mijns blyvens en is niet hijr, 
ter doecht wil ic my weenen, 
die doot die komt ons schijr! 
Int hemelrijck hoert men synghen 
der sneter engelen sanck, 
die snaren ind (die) herpen klynghen 
ind blijtschap sonder verganck. 

2. 
Nu mach ic niet meer synghen 
mit vroelicken herte mijn, 
my moet noch anders gelinghen, 
8al ic verblydet sijn; 
Och, trneren heft my bevangen 
inde brengt mijnen herten pijn, 
na god steet mijn verlangen 
gern sold ic by on sijn. 



Dat ratt van aventueren 
loept in der werlt seer, 
die vroud en mach niet dneren, 
dat gelnck geet np ind neer; 



Ic sie den goenen onder, 
den ic te hant baven sach, 
verheven is hy mit wonder, 
die kortelick onder lach. 



Noch snellre dan dat 8 ) weder, 
so is die vrond gewant, 
noch lichter dan een veder, 
so wordt die truwe bekant; 
Och, wat hebben sy verlaeren 
in vronden ewentlick, 
die daer hebben na verkaren 
np erden oer hemelrijck! 



Van lijden gaen sy tot lijden, 
van trnren tot ronwen groot: 
wolden sij die snnden mijden, 
des en dede on gheen noot; 
Seer hooch waren sy gevlagen, 
die nn sijnt syde gedailt, 
die werlt heeft sy bedragen, 
mit der doot sijn sy betaut. 



*) hs. sydt. *) hs. sonder sorghen. ■) hs. noch suecken sy dan dat weder. 



74 



6. 
Wfter om sijn onse gedachten 
yn ydelheit gekeert? 
wille wy die werlt verachten, 
wy werden myt oer geleert! 
Laet ons den wech averdencken, 
den wy moten wanderen all, 
so en sali ons yo niet krenken 
ennich lijden of ongevall. 



7. 
Den strijt wil ic beghynnen 
all teghen die synnen myn, 
myn vyanden sal ic verwynnen, 
wil du mijn holper sijn! 
Doer dijn heilige vijff wonden 
ind doer dyn sware pijn 
sal ic verslaen ter stonde 
al die mijn vyande sijn. 



8. 



Wut hyr in gnden werken 
dyn gracie geven my, 
in allen doechden Sterken, 
nnt herten bid ic dy, 
Na desen leven geven 
des hemels ewige vrond, 
dair is dat salige leven. 
ind vrond al sonder ron. 



Aus dem Liederbuche der Anna von Coeln abgedruckt von Bolte a. a. 
145. Dort fehlen die beiden letzten Strophen. 



Nr. 10. 

Ein schoon gedieht, seer nutte ende profltelick averdacht ende gesongen 
tot salieheit allen menschen np die wijse: „Die dach al doer die 

wölken drang*'. 



Och, edel mensch, bedenck die tijt, 
die dy god heft gegeven, 
maick dy der loeser werlt quijt 
ende bedenck dijn snndighe leven! 



Der werlt Inst en mach niet staen, 
daer voer saltn dy hoeden; 
der werlt Inst brengt hertelick leit, 
och die dat bekennen konde! 

3. 
So wie sich hijr to gade geeft, 
dat en darf [on] oec niet rouwen: 
Jhesns en steet on nnmmer äff, 
dat lave ick on in (rechter gnder) tronwen. 



4. 

Hartich, greven ende konnyncs kijnt, 
seer mechtich ind avermeten, 
bedenc, wo sy gevaeren synt: 
die wormen die hebben se gegheten. 

5. 
Gedenck an den wijsen Salomon 
ind an den rijken Alexander 
ind an den schonen Absalon 
mit mennigen stolten mannen 

6. 
Voer al so mennich ewich iaer; 
dat seifte sal dy dyenen, 
mer wiltn leven sonder vaer 1 ), 
so diene der maiget Marie 



') ha. waen. 



75 



Ende oeren cleynen kyndekijn zaert, 
to den saltu dy keren 1 ), 
gedenck do hy gebaren wart 
een vorst van allen heren. 

8. 
Geen kamer en was hem daer vercijrt, 
een stalleken was gemeyne, 
die hemel ind erd ind al dynck regijrt 
gebeert (Maria) die maiget reyne. 



9. 
Drij konnyngen quemen trat vremden land 
tot gade ind onser vronwen, 
dat kijndekijn gewonden in doeckeren 
sy begheerden vroelick to schouwen. 

10. 
Sy brochten oeren offer daer, 
des sijn sy wail to prijsen, 
oec syn sy mitter engelen schaer: 
god wil uns alle daer wijsen! 



Str. 9 Z. 3 ist wol zu lesen: 
snodem gewant. 



dat kijndekijn mit doekeren bewant, oder in 



Wat is in der werlt nuwe? 
Schone worde ind valsche trnwe! 



Np. 11. 



l. 
Ons kompt een schep, geladen 
hent an dat hoochste boirt; 
id brengt den soon des vaders, 
dat ewentlike wort. 

2. 
Maria, gades moder, 
gelavet moet dy sijn, 
dat dn ye gedrogest 
dat werde kyndekijn. 



Doe spraken die propheten: 
dat hebn wy langh begheert, 
dat got den hemel ontoloete 
ind queein hijr nederwert 

6. 
Hij leecht daer yn der cribben, 
dat snete kijndekijn, 
id Incht recht als die sonne, 
root is sijn mondekijn. 
Maria etc. 



3. 
Dat schepken dat kompt gestreken, 
id brengt ons rijken last, 
die mynne is dat seyle, 
die heilige geest die mast. 



Die dat kyndeken mocht küssen 
yoer syner roder mont, 
dat brocht hem grote laste 
all yn sijns hertens gront. 
Maria etc. 



Die ancker is uutgeschaten, 
dat schep moet an dat lant, 
Die hemel is opgeslaten, 
gaids soon is ons gesant. 



8. 
Die herdkens op den velde 
den deden die engele kont, 
woe god gebaren were 
van eenre maiget yonck. 
Maria gades etc. 



') hs. kijren. 



76 



9. 
Sy droech on yn den tempel 
dat snte kijndeken, 
sy offerde op den alter 
twee tortelduveken. 

Maria, gades moder etc. 

10. 
Wij is des kijiides moder? 
die dochter van Jesse! 
sy wordt een krefflike roder 1 ), 
sy vuert ons aver see. 
Maria gades etc. 

11. 
Men sal Marien dyenen, 
oer loff is also breet, 
ten kan gheen mynsch volschryven 
oer grote eerwerdicheit. 



12. 
In den hogen hemel 
daer schyncket men guden wijn, 
daer sullen die edele sielen 
van mynnen droncken sijn. 
Maria etc. 

13. 
Weer ic nu een voegeler, 
een netken wold ic slaen 
al voer die hemelsche poorten, 
beer Jhesns wold ic vaen. 
Maria etc. 

14. 
Als ic Jhesum hedde, 
wat wold ic mit on doen? 
ic sloet on yn mijn herte 
ende deed id vaste toe. 
Maria etc. 



Ein Gedicht mit gleicher oder ähnlicher Anfangsstrophe wird Tauler zuge- 
schrieben; vgl. Wackernagel II S. 302 ff., Bäumker II Nr. 85, Hoffmann, Geschichte 
des deutschen Kirchenliedes S. 107 ff., Hoffmann, Horae Belgicae X Nr. 26, wo das 
Lied 8 Strophen umfasst. Die Verwandtschaft der Texte ist eine sehr geringe. 



Nr. 12. 
Een ander lijtgen np die wijse: „Ic vrouwe my der aventstont". 



Ic vrouwe my toe deser stont, 
god weet wail, wen ic meyne: 
den vader den is worden kont, 
die ioncfrou was alleyne. 
die soon die gaff den rait also, 
die engel was der baitschap vro. 

Och yoncfrou geraeyt, 

een Sterne breyt, 
du luchtes yn des heraeis throon. 

2. 

Die engel trat in dat kemerken, 
hy vont dy yoncfrou alleyne, 
sy las in oeren boeckelken 
die uutvercaren fonteyne: 



„Ic gruet dy, genadeschryn, 

des vaders cracht sal by dy syn. a 

Och yoncfrou zairt, 

van hoger airt, 
du werst een moder des heren. 

3. 

die yoncfrou wort verschricket seer 
van deser hoger baitschap: 
„och engel, woe mach dat geschyen, 
want ic doch genen man en bekenne? 
gelavet heb ic mijn reynicheit 
den vader in der ewicheit." 

Och yoncfrou goet, 

van bogen moet, 
Du draeges der doechden een crone. 



') hs. rode. 



I 



77 



Die engel sprack uut doechtliken synne: 
r yoncfrou, ontfrucht v niet so seer, 
die baitschap die ic to dy brenghe, 
dat is des vaders wille; 
da salst ontfangen een kijndekijn, 
die overste sal sijn vader sijn, 

cherubin 

ende seraphin, 
die engelen hem alle dyenen." 



6. 

Doe antworden on die yoncfron zaert, 

uut vrouderijcken moede: 

„bereyt bijn ick to deser vart, 

ray geschie na dynen worde, 

den heiligen geest wil ick my waren 

dat hy myn reynicbeit wil be waren; 

na dynen woirde my geschije, 

een gades deerne, 
god die wil sijn mijn behoeder." 
Amen. 



Merck dit aen: 

Vry, vro to leven ind god niet bekant, 
Sterck, gesont ind god niet gedanct, 
Rijck, weeldich ind die armen niet bedacht, 
Wittich, sijnuicb ind gaids gebaden niet gedacht: 
Die mach sich vrnchten nacht ind dach, 
Want on is bereit dat ewich ongemack. 



Jesus sprect aldus tot den menschen: 

mynsche, denck aen mijn lijden, 
Sunden salstu altijt mijden, 
En sündigte niet up den troist, 
Dat die scheker wardt verloist, 
Want onversien so komt die doot, 
Die dan rou hed, des weer on noot. 



Nr. 13. 
Eeen ynnich lijdgen to kersmysst. 



Een vroelic nye liet, 

tis beter wat dem niet, 

to Bethleem ist geschiet 

van een kijnt dat Jhesus biet: 

yn armoed ende verdriet 

so mach men hem daer anschouwen 

by die vrou baven allen vrouwen. 

2. 

Den connynck van groter macht, 
gespraten uut Davids geslacht, 
wy hebben hem lange verwacht, 
nu leecht hy daer so nact, so ongeacht 
in enen duysteren nacht, 
van een arm moder gebaren, 
daer men der engelen sanc mach hoeren. 



3. 
Dat costelike kijndekijn cleyn 
leecht voer allen mynschen gemeyn 
yn enen vuylen pleyn, 
nochtans is hy der werlt beer alleyn, 
sijn moeder is maget reyn; 
hy moet daer kalde gedogen 
ende mit tränen wasschen syn ogen. 

4. 
Daer was mennich windestoot, 
rijp, haegel, drijfsnee groot, 
dat kijnkijn lach daer bloot, 
sijnledekens mochten sijn van kalde root; 
peynst, hoet die moeder verdroot, 
dat sy hem niet en mocht winden, 
sy en hadde noch wullen. noch lijnen. 



78 



Wat armoed mocht daer sijn! 

dat suete kijndekijn 

Tan kalde most lijden pyn 

mit sijn moder (Maria) die maeget fijn; 

daer en was geen sonnenschijn 

noch vner, hem by to wermen, 

mynsch, laet u dit ontfermen! 

6. 

Joseph, o reyne Tat, 

ghy hebt groot verdriet gehadt, 

als ghy most lieden dat, 

hoe daer Maria opter erden sat 

mit also kosteten schat 

yn sulken kalden weder 

by twe stommen beesten neder. 



Uut vrienden ende unt magen 

yn die kaldestrengen dagen 

ghy en mocht niemant clagen, 

ghy hebt alleen die sorch moten dragen 

voer die in Bethleem lagen: 

dat kijndekijn mit synre moeder, 

ghy waert hem en trou behoeder! 

8. 

Dat weder was also kolt, 

dat kijndekijn en was niet olt, 

daer en was geen torf noch holt, 

dns was n aorch also mennichvolt; 

cleyn was u silver off golt, 

daer gijt mede mochten betaelen, 

als ghij spijs of dranck soldt haelen. 



Np. 14. 
Op die wijse: „Ic sach die uorgensterne". 



l. 

Ic sach die av entsteine, 
oeren lichten claren schijn, 
die engele laven gade, 
woe guet is daer by sijn! 

2. • 

Wat isset dat daer synget 
ende my niet slapen en laet, 
dat ic die werlt sal laten, 
ind all oer toeverlaet? 

3. 

Dat is die geest Tan bynnen! 
wat dnet hy ons verstaen? 
so wie dat die doechden wercket, 
die sal groot loon ontfaen. 



Ick wolde gern doechden wercken, 
och, geve hy my die macht, 
die mynnentlicke here, 
die alle dynck vermach! 



o. 

Ick sal dy die erachte geven, 
mer dn moet dy kyeren äff 
van allen ertschen dyngen, 
dat dy een hynder maect. 

6. 

Ick wil alle ertschen dyngen, 

om dynen will untgaen, 

och, mynnentlicke Jhesus, 

wat loens sal ic (daer voer) ontfaen? 



Vroude ind dat ewige leven 
sal dijn vrij eygen sijn, 
all mitten seraphynnen 
salstn verheven sijn. 

8. 

Sal ick mit allen engelen 
dns hoghe verheven sijn, 
och, mynnentlicke here, 
so doe dijn genade mit my. 



7» 



9. 

Anders niet daii got alleyne, 
die alle dynck vermach, 
der mynschen troost is cleyne, 
dat pruef ick all den dach. 



10. 

Ick will den here alleyne 
to maell getrouwe sijn, 
ick mynne on all toe cleyne, 
dat is die schade mijn. 



11. 



Nu wil ick my gaen voegen 
in rechter enicheit 
ind ick wil niet meer prneven 
der mynschen onstedicheit 



Das weltliche Tagelied steht bei Unland, Alte hoch- und niederdeutsche 
Volkslieder Nr. 76 ff., Böhme, Altdeutsches Liederbuch Nr. 109 f. Die geistlichen 
Nachdichtungen, die bei Hoffmann Nr. 86, Hölscher Nr. 49 abgedruckt sind, stimmen 
unter sich mehr als mit unserm Texte überein; dieser ist eine selbständige Dichtung. 
Vgl. auch Bolte Nr. 76 und Nr. 33. 



Nr. 15. 
0p die wijse: „Ic sach den heren van Valkensteen". 



l. 

Ic sach den here van Nazareth 

op enen ezel rijden, 

die clederkens worden on ondergespreyt 

ind oec die groene twijger. 



4. 

Ick had een gotlick vonckelkijn 
in mynre sielen ontfangen, 
ind dat doerschoot dat herte mijn, 
dat quam nnt Jhesns wonden. 



Nu wael heyn ind nn wal heyn, 
van deser werlt wil ic scheyden, 
heer Jhesns is die liefste mijn, 
na on so wil ic beyden! 

3. 

Ick bidde dy, here van hemelrijck, 
vergeeft ons onse misdaden 
ind maect ons onser sonden quijt, 
ind ontfanct ons tot genaden. 



Nn wail heenne, siele mijn, 

ind gy moet ommers lijden: 

ick leedt wail dryendertich iaer pijn 

al om n to verbinden. 

6. 

Nn wille wy onder dat crnce gaen staen 
ind helpen Jhesns trnren, 
hy heeft om onsen will geladen, 
dat wart on all to sure. 



Vgl. Hoffmann Nr. 45, wo der Text 10 Strophen umfasst. Str. 4 Z. 2 ist 
(nach Hoffmann) im Keime gevonden, Str. 6 Z. 3 gedaen zu lesen. 



80 

Nr. 16. 
Item noch een ander lijd. 



l. 



Mit vrouden willen wy syngen 
ind laven die drievoldicheit, 
op dat sy ons wil brengen 
ter ewiger salicheit, 
die ewelick sal dueren 
al sonder enicfa verganck: 
och mocht ons dat geboeren, 
och ewelick is so lanck! 



Leefden wij na den gebaden, 
recht als wij leven solden, 
and dienden altijt gade 
ind onser liever vronwen, 
und lieten averglijden 
die werlt mit oeren verganck, 
so weren wij altijt blijde: 
och ewelick is so lanck! 

3. 

Die blijischap is sonder eynde 
hier baven int hemelrijck, 
die wij daer sollen vynden, 
die en heeft oec gheen gelijck: 
dat is dat gotlicke wesen, 
dat schynct ons sueten dranck, 
als ic heb hoeren lesen: 
och ewelick is so lanck! 



Maria, die moder ons heren, 
die wort van ons verbiet, 
wanneer wij ons bekijren 
in desser armer tijt; 



Maria, maghet reyne, 
och edel wijngarts ranck, 
bid voer ons all gemeyne! 
och ewelic is so lanck! 



Die engelen ynbilijren 
ind sijn so rechte vro, 
wanneer wy ons bekijren; 
sy helpen ons daerto, 
dat wij ons moegen verblijden 
ind singen der engelen sanc 
yn ewelicken tijden: 
och ewelick is so lanck! 

6. 

Die heiligen alle gaeder 
die maecken grote feest 
ind laven god den vaeder, 
den soen, den heiligen geest; 
als wy die snnde laten, 
sy weten ons groten danck 
ind sy laven ons baven maten: 
och ewelic is so lanck! 

7. 

Nn laet ons dienen gade, 
dat rade ick yonck ind alt, 
ind halden syne gebade 
ind bidden on mennichfalt, 
dat hg ons wil beschermen 
al voer der hellen stanc 
ind voer dat ewige kennen: 
och ewelic is so lanc! 



Vgl. Hoffmann Nr. 107 und 108. Als Verfasser des Gedichtes wird der be- 
rühmteste niederdeutsche Prediger Johannes Brugman (geboren zu Kempen im Rhein- 
lande c. 1400, gest. zu Nymwegen 1473) angesehen. Spricht indes nicht Str. 3 Z. 7 
gegen seine Verfasserschaft? Über Brugman vgl. Moll, Job. Brugman en het god- 
dienstige leven onzer vaderen in de vijftiende eeuw. 2 Bde. Amsterdam 1854. 
Dort hat Moli S. 207 ff. den Versuch zur Wiederherstellung des ursprünglichen 
Textes gemacht. Unser Text hat mit Hoffmann Nr. 108 die meiste Verwandtschaft, 
weicht aber im Einzelnen vielfach ab und bestätigt einige Conjecturen Mölls. 



81 

Nr. 17. 
Noch een ander. 



l. 



Woe luede so sanck de leerrer up der 
tynnen: 
wie yn swaren sunden leecht, 
die mach sich wal besynnen, 
dat hy eentijt van snnden laet, 
eer on die doot den wech ondergaet, 
des warn ic on mit sanghe. 



Ende dat yerhoerd een yongeling yonc 
van iaren 
hy gprack: o meister onversaecht, 
woe moechdy das geberen? 
ick mach noch leven mennighen dach 
ind hebben blijtscap ind gemack 
ind my nochtant to gade wart kijren. 

3. 

Die leerrer gprack: dijn woirden sijn seer 
vermeten 
ind waer syn dijn gesellen gevaeren? 
hefstu des all vergeten? 
sy waren oers müdes also rijck, 
van yaren yonck als dijns gelijck — 
die wormen die hebben sy geten! 



Die yongelyng sprack : ick en kan my niet 
bedwyngen, 
ick moet gebrnken mijiire yoecht 
mit dansen inde mit spryngen, 
die veygen moten alle sterven; 
waell up, laet ons na vroude werven, 
ons mach noch heyll erlyngen! 



Die leerre sprack: dijn vroud en mach 
niet duren, 
dat lijden komt also mennichvolt 
bynnen eenre korter uren; 
och weersta by den synnen dyn, 
dat dy na dnncket yroude sijn, 
ten weer dy niet dan trnrenl 

6. 

Die yongelyng sprac: sijn my myn synnen 
vererret, 
so is daer also mennich bedragen 
ind des rechten weges ontverret; 
ick hebbe gemist den rechten pat, 
my is geworden ick en weet niet wat, 
wat isset dat my deeret? 



Die leerre sprack: woltn dijn hert be- 
kijren, 
den rechten wech to gade wert, 
wold ick dy gerne leren; 
der werlt loff is als een kaff, 
woltn dy daer niet kieren äff, 
die helle die is dyn eijgen. 

8. 

Die yongeling sprack: dijn woirden sijn 
seer gehuere, 
god selyer heeft dy her gesaut 
to troost ind oec to stnere; 
nn brenct my op den rechten wech, 
dat ick die waerheit lere bet, 
sy is my noch seer dnere. 



9. 

Die leerre sprack : ick danck des gades 
gnede, 
dat hy in also korter tijt 
gewandelt heeft dijn gemuede; 
nn hald dy an die tien gebot, 
so en wortstu niet des duvels spot, 
got moet ons alle behueden! 



Niederdeutsche» Jahrbuch. XIV. 



82 

Abweichende Fassungen bei Hoffmann Nr. 122 und Nr. 123, Reifferscheü 
Zeitschrift für deutsche Philologie IX 190 f., Jellinghaus in diesem Jahrbuche 1881 
S. 6 ff., wo die weiteren Nachweise gegeben sind. Übersehen hat er den Abdruck 
bei Moll a. a. 0. II S. 189 ff. nach einer Handschrift aus dem Anfange des 16. 
Jahrhunderts. Vgl. auch Acquoy a. a. 0. S. 47 ff. 



Nr. 18. 
Noch een ander. 



Ten ewigen leven weer ick ghern, al 

velt et lanck 
van heer Jhesu willen wy singhen enen 
nyen sanck, 
wat in der yrsten kerstnacht geschach, 
doe hy in der crybben lach 

all onyerborgen; 
die een reyne hertken heeft, 
die en darf niet sorgen. 



Van den oversten throne wart een bade 

gesant, 
een heilich engel Gabriel is hy genant 1 ), 
die quam all daer die maget was 
yn oerre kamere, daer sy lass; 

hy sprack mit tnchten: 
gegruet sijstn, Maria, 
du en darffs niet vruchten! 

Tot elkeren vers: 

Dat kijndeken dat was suverlick, 
dat moderken dat was vronden rijck, 

all onyerborgen, 
die een reyne hertken heeft, 
die en darff niet sorghen. 

3. 

Du bist alre genaden voll, god is mit dy, 
dynes heiligen lijves vrucht gebenediet sy ; 
god wii van dy gebaren wesen, 
des salstu yonfer wael genesen 
yan alle swere, 



want wat god wil, dat moet geschijn, 
die werde here. 

Dat kyndeken etc. 



Ghebenediet sijstn, her Jhesu Christ 
wan dn myn troist, myn toverlaet, myn 
hape bist, 
noch claerre dan der sonnen schijn, 
na sluyt op dat herte mijn 

ende myne synne 
ende seynd daer yn den heiligen geest 
myt synre mynnen. 
Dat kyndeken etc. 

5. 
Doe sich des die maeget Maria versan, 
dat die tijt der geboerten wold treden an. 
sy sprack to Joseph : my steet die syn 
to Bethleem, daer will ick hyn, 

ick heb vernomen, 
dat Cristus wil gebaren syn | 

der werlt to vromen. 
Dat kyndeken etc. 

6. 
Joseph tradt mit Maria vort hent aen 

die stat, 
dat yrste huyss, daer hy mit oer die 
herberen badt, 
daer stont een ezel ende een rint'); 
daer wart gebaren dat znete kijnt, 

der werlt to troeste; 
wij mosten alle yerlaren sijn, 
hent hij ons loeste. 
Dat kyndeken etc. 



') hs. genamt. ') hs. runt. 



83 



Doe achte dage om quemen, noch myn 

noch mee 1 ), 
doe wart dat kijnt besneden na der 
yoedscher ee, 
des twelften daechs een offer gebracht 
van drijen connyngen waill bedacht, 



een offer schone, 
die rijke god, die gebaren is, 
sij od8 to lone. 

Dat kijndeken dat was suver- 
lick etc. 



Dasselbe Lied scheint sich auch in der Sammlung der Anna von Köln zu 
befinden (8 Str.); vgl. Bolte Nr. 18. 



Nr. 19. 
Das Mtihlenlied. 



Een moelen den ick bonwen wil, 

here god, wnst ick waer mede; 

hed ic hantgereide 

ende wnst waervan, 

tohant so wold ick bonwen an. 



To holte wil ick vaeren heen, 
dat walt en is niet veerne, 
hnlpe neem ic also gerne, 
woe men hoge bome vellen sal. 

3. 
Dat walt dat heitet Lybanus, 
daer wassen cederbomen, 
cypressen np die ryvijren 
ende palmen stolt, 
olyven dat wael nntte holt 

4. 
Meyster hoge, van knnsten rijck, 
woldy my synne gheven, 
honwen, snijen, even 
ende maken siecht, 
so word die moelen wal gerecht. 



Moyses heer, nn komt daer by, 

den ondersten steen berichte, 

dat hy ligge also dichte, 

so dreecht hy swair: 

die aide een die meen ick dair. 

') hs. meer. 



Die nye een, den oversten steen, 

den legge ic op den alden, 

dat hy lope also balde 

na meysters konst, 

den wert des heiligen geistes gonst 

7. 
Ghy martelers comt oec all hijr by, 
helpt ghy die molen stellen; 
ghy ry vyren schone geeft waters genoech 
ende schaffet der molen er gevoech. 

8. 
Gregorins, Ambrosins, 
Jheronymns, Augustinus, 
bewaret ghy dat dryven 
ende dat kammerat, 
so geet die molen desto bet. 

9. 
Ghy twelf apostelen, comt hijr voer 
ende maict die moelen gaende, 
dat sy niet en blief staende, 
ghy sijdt uutgesant 
to mailen over alle lant. 

10. 
Een yoncfron bracht een seckelkijn 
myt weite, wael gebonden, 
to der selver stonden 
ter moelen quam, 
een prophete dat vernam. 



6* 



84 



iL 

Jsaias had also lang 

tovoeren daeraf geschreven: 

„siet ons is ghegeven 

een yoncfrou weert, 

die ons heeft enen soon gebeert. 

12. 
Sijn naem die faeit Emanuel, 
den snllen wy alle laven! 
genadelicke van baven 
hy tot ons quam, 
des vervrouwen sich beide vrou ende man. 

13. 
Der propheten is so voel, 
die daer af hebben gesongen; 
ons is so wal gelongen, 
het is volbracht, 
dat geschach tot eenre middernacht. 

14. 
Do die nacht dat licht ontfienck, 
doe nam die dach die lengde, 
die dnysternisse oer weynde 
ind orloff nam, 
des systu, here, lavesam. 

15. 
Die sijnre so lang verbeidet hadden 
die riepen all: wy wachten, 
wy nu niet meer betrachten: 
wy syn des wiss, 
dat ons god gebaren is. 

16. 
Ghij evangelisten alle vijr, 
ghij kunt dat wal betrachten, 
woe wy sullen achten 
dat seckelkijn, 
dat ons bracht een meechdekijn. 

17. 
Mathens nemt ind bynd op den sack, 
giet op die moelen, laet schraden 
ende leer ons alto gader, 
want dn bist wal geleert, 
woe gades sone mensche wert 1 ). 



18. 
Lncas rijt den sac ontwee, 
giet op die moelen, laet wrywen: 
da kanst ons wal beschryven 
dat offer groot, 
woe gades sone leedt den doot 

19. 
Marens, sterke lewe njn, 
giet op die moelen, laet maelen, 
woe god opstont van den doden, 
doe dat geschach, 
dat riepstn an den oesterdach. 

20. 
Johannes, arn van hoger vlncht, 
dn kanst ons wal geleren 
die hemelvart ons hören 
all apenbaer: 
help ons, dat wij komen daer. 

21. 
Die moelen geet ind is wal bereit, 
all die na willen maelen, 
die snllen daer na halen 
oer koerntgen reyn, 
so wordt on dat gemailen cleyn. 

22. 

Pawes, keyser, predicker, 
bewaert ghy die moelen even, 
dat sy ons moet geven 
gescroot dat molt') 
daer van so word u rijken solt. 

23. 
Die sijn siele spijsen will, 
die sal sich hijr na stellen, 
hy wort wael bericht, 
hy meelt ind neemt des molfters nicht 



24. 

Die dese moelen gebonwet heeft, 

den moet god geleiden! 

woneer wy van hijr snllen scheyden: 

een engel wijs 

die vnyr ons in dat paradijs! Amen. 



Vgl. in diesem Jahrbuche Jelliughaus III 86 ff., Jahresbericht der german. 
Philol. I S. 184, Brandes Jahrb. IX 49 ff., Korrespondenzblatt 1885 Nr. 4 und Nr. 6. 



*) hs. wart. *) hs. dat molfter gescroot. 



85 

Nr. 20. 
Een ander lijd. 



Nu sterck ons god yn onser noot, 

beveel my, heer, yn dyn gebot, 

laet ons den dach genedelicken schijnen. 

2. 
Der naraen drij beveel ick mij 
in allen noeden waer dat ick sy, 
des crnces cracht stae my voer alle pijne. 

3. 
Nu staet my hneden an mijnre hant, 
beschermt my, beer, voer hoeftsnnden 

baut, 
seer ongestedich byn ick, waer ic my 
henne kijre. 

4. 
Dat sweert, daer Symeon äff sprack, 
dat Marien oer reyne berte doerstack, 
do sy ansach, dat Cristns stond yn lijden. 

ns. 

Maria, een wonschelgairden 
des Btammes van Jesse, 
die Tbeofilns werf gnade 
doer oer yonferlick anesien, 
strijdt, vron, voer onse schulde 
ende werfft ons gades hulde, 
mater gracie! 

6. 
Den anxt seer groot, des lijdens noot, 
dat cruyss, daer god aen leed den doot, 
der naegelen drij, die speer ende oec die 

crone, 

7. 

Der besseme swanc, der gallen dranc, 

die daer myt der mynscheit hennen sanck, 

doe Cristns riep mit also bermelicken 

done 1 ): 
8. 
Hely, heiy, lamazabatbani, 
myn god, myn god, waer om heffstu ver- 

laten my? 
des yamers schreye ind oec die martely 

sere. 



Nu staet my hneden voer alle mysdaet, 
dat ick voer dootsnnden moet sijn bewaert, 
tot my gekijrt laet sijn dijns heilighen 
geestes lere. 

II 10. 
Maria, maeget reyne, 
nwer bnlpen doet uns schijn, 
doer nwe wäre mynne 
laet my n diener sijn! 
laet my der trnwen genieten, 
nwen hemelsthroon opslnten, 
ende neem ons daer tot n yn! 

11. 

Och werde heer vorst van bemelrijck, 

doer dynre moder eer ontfermt n aver my 

ende gevet my tijt, n toorn is mij to 

sware. 

12. 
Och werde heer Chryst, laet my der list 
genieten, des my knndich is, 
dat ick dy levendich kenne yn enen 
cleynen brode. 

13. 
Ghevet ons also, dat het yo") 
hyr sy myn leste spyse, 
so werde ick vrij ende schreye luede uut 
bermelicken noeden. 

14. 
Ghevet myuen horten enen ronwigen vloet 
ende laets my niet mysgelden doer dynen 

bytteren doot 
ende weest my guet doer dijnre moder 

eere! 
Ü15. 
Mijns levens een gnet eynde, 
o heer, des bid ick dy 
ende laet my niet verslynden, 
die dnvel is so ghijr, 
ende laet my nummer sterven, 
ick en moet u hulde werven 
daer to dat hemelrijck! Amen. 



f ) hs. stemmen. ") het hyr yo. 



86 

Vgl. Uhland Nr. 312, wo das Lied 7 Strophen hat (nach dem Liederbnche 
der Herzogin Ammelia von Cleve). Wackernagel II 330. Bäumker II 452 f. (nach 
einer Trierer Handschrift. Die dort mitgeteilte Melodie liegt auch diesem Texte 
zu Grunde, derselbe ist wol erweitert). Reifferscheid a. a. 0. S. 187 f. Bartsch, 
Germania XXV (1880) 210 ff. 



Nr. 21. 

Dit lijd is van den myrakel des heiigen sacraments 
dat te Bresselouwen is geschijt. 



In den tijden van den yaren, 
doe god all dinck volbracht, 
van Judas wart hy verraden, 
den valschen yoeden verkocht; 
van der doot is hy opverstanden 
ind gevaren tot der ewicheit, 
allen yoeden tot eenre schänden, 
to trooste der cristenheit. 



Wat heft hy ons gelaten, 

dat hy ons ter letsen gaff? 

die schat is baven maten, 

want des geen tong volspreken en mach : 

dat heilige sacramente, 

gaits licham ind oeck sijn bloit, 

dat hy ons ter letsen schencten, 

doe hy an den cruce stont. 

3. 

Die valschen yoeden gemeyne, 
die en willens geloven niet, 
dat men yn die hostie reyne 
gaids licham consecrijrt 
tusschen des priesters handen, 
daer die kersten gelove an steet. 
god moit die yoeden sehenden 
doer alle dese werlt breet! 

4. 
Mit recht wil ic sy straeffen, 
men sold sy al verslaen, 
over die yoeden roep ic wapen! 
groot mort hebben sy gedaen: 
dat heilige sacramente 
hebn sy Judas brueder afgekocht 
all in der quatertemper 
voer sunte Michaels dach. 



5. 
Sy wolden dy wairheit schouwen, 
(offt en sy?) gewaer vleysch ind bloit, 
die yoeden mit eren vrouwen 
Melden enen valschen rait. 
groit wonder saltdy mereken, 
Judas brueder wart bade gesaut, 
die koster van der kerken, 
woe seer wart hy geschaut! 

6. 
Die clock sold ylf uren slaen 
ynt wüste (?) van der nacht, 
die koster quam to den yoeden gegaen, 
sijn vrouwe had hy mit om bracht: 
hy sprack: gy Joden gemeyne 
wat is nu u beger? 
doe sprack die oeverste alleyne: 
och koster, kom dy her! 

7. 
Die wijste yoede van all den hoop 
gynck bij den koster stain: 
och, wold die ons die hostie verkopen, 
die die kersten hebn omgedraegen 
all yn der gülden monstrancie, 
die die priester selver droych? 
daer voer en willen wij v niet dancken, 
du salst hebn geldes genoieh. 

8. 
Die koster mit synem wyve 
en berieden sich niet lang: 
och, mocht verborgen blyven, 
onsen god den suld dy haen; 
wat wil dy my daer om geven? 
ick sal en u leveren to myddernacht; 
id sal ons kosten all ons leven, 
wordet voer den heren bracht. 



87 



9. 
Wy willent waell verswygen, 
spraken die yoeden all gemeyn, 
dertich golden mocht dy krygen 
all voer die hostie cleyn. 
die koster mit synem wyye 
die waren der meren vro, 
dat sy dat gelt solden krygen, 
sy gyngen ter korken to. 

10. 
Sy wolden den heren hailen, 
den Pylatus aent cruess deed slaen, 
sy hebn on dieflick gestalen 
den oversten van den throon. 
die yoed mit synen ynylen banden 
tasten yn dat schoon crystal, 
hy nam den connynck der engelen, 
hy droich om mit sich van dan. 

11. 
Doe sy gaids lichara brachten, 
daer die yoeden waren by een, 
sy spotten ende sy lachten, 
sy schympten alle gheweyn; 
sy bespegen dat licham ons heren, 
sy deden on smaebeit groit: 
die oeverste van hoger eren 
die dede myrakel groit. 

12. 
Een tafel wort doe voertgebracht, 
daer gyngen die yoeden om staen, 
gaids licbam wart daer op gelacht, 
dat sacramente schoen; 
sy woldent bynnen ende bnten be- 

schonwen, 
offt weer gewaer vleiss ind bloyt, 
sy hebbent to stucken gehonwen, 
o wee der bitterre noit! 

13. 
Dat bloet dat quam gelopen 
al aver die tafel breet, 
uut gades licham gevlaten, 
daert noch huede to dage op steet. 
die yoeden worden seer verschriet, 
on ward so bang to moyd 1 ), 
woe god an den cruce ward gerecket, 
so störten hy daer syn bloyt. 



14. 
Die wechters up der muren 
die worden des yamers wijss, 
bynnen eenre korter uren 
quam daer mennich schoen tortijss, 
processien, crucen ind vaenen, 
all dat volck dreef yamer groit, 
sy wolden gaids licham hailen, 
dairt lach yn synen bloid. 

15. 
Groit volck <Juam daer gedryngen, 
beid vrouwen ende man, 
die priesters konden niet gesyngen, 
id schreiden allet dat daer quam; 
sy vielen op oeren knyen 
cruesgewijss al op die erde: 
o werde gades licham, woe ligstu hier 
doerhouwen mitten swerd. 

16. 
Die priesters mit den clereken, 
al dat volck dreeff yamer gToit, 
men droich die tafel to der kerken 
mit dem werden duerberen bloide. 
hoert, gy mannen ende vrouwen, 
waer dit groit yamer is geschiet: 
in der stat, heit Bresselouwen, 
daer men dit myrakel siet. 

17. 
Die yoeden worden gevangen, 
sestich ende hondert wart oerre ver- 

brant, 
die coster heft sich seif gehangen, 
als Judas wart hy geschant. 
hy riep mit luder stemmen: 
nu en wort my nummer vroud kont, 
ewelick moit ic verbernen 
al yn der helle gront. 

18. 
Dit gedieht heft Jacob van Raetyngen 

gemaict 
van den yoeden sehnet nummer [goit ?] 

slach ende ramspoit 

also .... swass orlich yn den lande 
daer die yoeden verheven sjjnt, 
op Marie sprecken sy schände 
ind op oer gebenedijde kynt. 



') hs. so moyd. 



88 



Vgl. Hoffmann Nr. 118 und die Vorbemerkungen. Str. 9 ist nicht mehr ganz 
zu entziffern, die Stelle ist völlig zerfressen. Das Ereignis fand wol im Jahre 1453 
statt; vgl. Grünhagen Geschichte Schlesiens I 282, wo die Zahl der verbrannten 
Juden auf 43 angegeben wird. 



Nr. 22. 



l. 
Criste, du bust dach ende licht, 
voer dy en is verborgen nicht 1 ), 
du bust des vaders lichte glans, 
leer ons den wech der waerheit gans. 



Nu slape, oghe, all sonder leit 
ende waecke, herte, yn stedicheit, 
nu bescherm ons godes rechterhant 
ende behoede ons voer hoeftaunden baut 



Wy bidden, heilige here, dy, 
in deser nacht behuede my, 
yn dy so sy die roste myn, 
laet ons dese nacht in vrede sijn. 

3. 
Verdrijf des swaren slapes vrist, 
dat ons niet en bedrijge des viants iist, 
geeft, dat ons vleysch in tuchten reyne sy, 
so staen wy van allen sunden vrij. 



Beschermer all der cristenheit, 
dyn hulpe sterck sy ons bereit, 
nu help ons here uut alre noit 
doer dyne heilige vijf wonden roit 

6. 
Gedencke, here, der swaerre tijt, 
daer aen die ziell gevangen lijdt, 
die zielen, die du heves verloost, 
den gevet, heer, dynen ewigen troist! 



Vgl. Hoffmann Nr. 113, Wackernagel II 564, Bolte Nr. 65. 



Nr. 23. 
Jhesns sprect tot die kersten ziel. 



Heffopmijncruyss, mijn alreliefste bruyt, 
ind volge my na, ind gae dijns selves uut, 
want ict gedraegen heb voer dy, 
heefstu my lieff, so volge my! 

Die ziel antwoird: 

Jhesus, alreliefste heer, 
Ick byn noch yonck ind all to teer, 
Ick heb dy lieff, dat is ummer waer, 
Mer dijn cruyss is my voel to swaer. 

Jhesns sprect: 

Ick was noch yonc, doe ic dat droech, 
En klage du niet, du bist sterc genoech, 
Wanneer du bist alt ende kalt, 
So en heefstu des cruces geen gewalt. 



Die siel antwoird: 

Woe mocht ic lyden dit gedwanck? 
Der daege is voel, dat iaer is lanck, 
Ick byn des cruces onghewoen, 
Och schoend my, mijn alreliefste schoon! 

Jhesus sprect: 

Woe bistu, liefst«, so balde verlegen, 
Du moyts noch strijden als een deghen! 
Ic wil castyen dyn yonghe lijf, 
Du wordes my anders voel to stijf. 

Die siel antwoird: 

Heer, dattu wilt, dat moet ommer wesen, 
Mer des cruces en mach ick niet genesen, 
Mer motet sijn ende aal ict draegen. 
So moet ic krencken ende versaegen. 



') h8. niet. 



89 



Jhesus aprect: 

Meynstu in den rosen to baeden? 
Dn moytst noch doer die doernen waeden! 
Siet aen dat cruce ende oec dat mijn, 
Woe ongelijc swaer dat sy sijn. 

Die liel antwoird: 

Wy lesen in der heiligher schrift: 
Dyn ynck is suet, dyn borden is licht, 
Woe bistu my dns anxtelicke hart, 
Myn alreliefste brudegom zart. 

Jhesas spreot: 

Onghewoen besweert den moet, 
Her lydt ende swijcht, et word noch goet 
Mijn crnes is allso costele pant, 
Dat ic des nymant dan mynen vrienden 
en gan. 

Die siel antwoird: 

Den vrienden gheefstn weenich rast, 
My gruwelt voer den swaren last, 
Ie sorge, ic en sals niet moegen herden, 
Och, here, wat sal mijns ghewerden? 

Jhesus aprect: 

Dat bemelrijck dat Hjdt gewalt, 
Mer dn bist noch van mynnen kalt, 
Hedstn my lief, het worde noch gnet, 
Want mynne die maect all arbeit snet. 

Die aiel antwoird: 

here, geeft my der mynnen brant, 
ilijn crancheit is dy wael bekant, 
Leetstn my op my selver staen, 
So weetatn wael, ick moet vergaen. 



Jhesus aprect: 

Ick byn brnyn ende suverlick, 
Ick byn sner ende mynnentlick, 
Ick gheve arbeit ende rast, 
Betrouwe op mij, so steetstn vast. 

Die siel antwoird: 

here, offt nmmer wesen mach, 
Des crnces neem ic gerne verdrach, 
Mer wildijt hebben ende motet sijn, 
Dijn will geschie ende niet die mijn! 

Jhesas ipreot: 

Ten hemelrijck gheet een wech alleen, 
Dats des cruyss wech ende anders geeu, 
Alle dyn waelvaert ende ewich heyii 
Steet aen den cruyss, nn kijss ende deyll! 

Die liel antwoird: 

Sold ic dyn hnld ende dijn rijck Verliesen, 
Eer hondert cruce wold ic verkiesen! 
Here, geeft my macht ende lydsamheit 
Ende cruyst my wael, et sy my lief of leit. 

Jhesua spreot: 

Als dy dat cruess ten herten gheit, 
So denct, wat ic dy hebbe bereit: 
My selver gheve ic dy to loon, 
All mitten engelen die ewighe croon. 

Die liel aprect tot oer selven: 

mijn alreliefste siel, 
Mynt god ende laet die werlt geheel, 
Siet aen dat guet, dat Jhesns is, 
Des hemelrijcks wartstu dan gewis. 
Amen. 



Über dieses sehr verbreitete Lied vgl. Jellinghaus in diesem Jahrbuche VII 
S. 3 ff. Moll II 408 ff. Acquoy S. 59 ff. Bolte Nr. 39. Berlage, Programm der 
Realschule zu Osnabrück 1876 S. 10. 



MÜNSTER i. Westf. 



Franz Jostes. 



Die W einprobe. 

Aus einem alten Revaler Liederbuche. 



Et was een Schipken angekam 
To Köllen an den Rien, 
Da[t] war ock so beladen 
Met idel rienschen Wien, 
Met idel rienschen Wien. 

Un da de Stop 1 ) een Schilling galt, 
Da weren de Wiewer fro: 
'Ach Fru Gefadderin Margreteken, 
Will wir een Stopken prowen 
Un schmecken, wo dat schmeck? 4 

Un da dee Mann in de Kareken ginck, 
Do hengdt de Tasch an de Want, 
Da weren twe witte Schilling darin, 
De weren er woll bekandt, 
De weren er woll bekandt. 

Als dee Mann ut de Kareken kam, 
Sprach [he] : 'Magt, wo ist mien Wieff? 4 
'Se ligt woll in er egen Bed, 
So we deit er dat Lieff, 
So we deit er dat Lieff. 4 

De Mann dee lept de Treppen up 
Un set sick up de Banck: 
'Ach ach, mien seelentruten Fru, 
Wo fan biß du so kranck, 
Wo van biß du so kranck? 4 

'Ick heb dat slijmme Dünebeer sapen, 

Dat kribbelt mie im Liew, 

Dat deit mie ock so schmartlich wee, 

Dat ick weet keen Verblieff, 

Dat ick weet keen Verblieff. 4 

Dee Mann de lep dee Treppen äff, 
Sprach: 'Magd, spööl us de Flasch, 
Holl mie dat beste rienschen Wien, 
Dat in de Keller iß, 
Dat in de Keller iß! 



') Stoof, ein noch heut in Reval übliches Mass, etwa Vs Liter. 



91 



8. 'Un set de Pötken an de Füer 
Un mack dat nich to heet! 

Un iß se den van Harten kranck, 
So breckt er uht de Schweet, 
So breckt er uht de Schweet. 

9. 'Un do ock een Stück Sucker darin, 
All weer et ock een Punt! 

Un iße den van Harten kranck, 
So wert sec wedder gesund, 
So wert see wedder gesund.' 

10. So don alle böße Wiewer, 
De in de Keller sind. 
Se macken ock er egen Mcnner 
Met seenden Ogen blint, 
Met seenden Ogen blint. 



Auf der Bibliothek der Petersburger Akademie der Wissenschaften 
fand ich in einem XX. J. 38 signierten handschriftlichen Liederbuche 
auf S. 68 — 72 das vorstehende nd. Lied. Die Sammlung ist dem 
Schriftcharakter nach in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von 
verschiedenen Händen angelegt und enthält auf 309 Queroktavseiten ! ) 
+ Register eine Anzahl hochdeutscher Liebesgedichte, darunter ver- 
schiedene längst bekannte: S. 21 Dachs") '0 du vormahls grünes Feldt', 
S. 57 'So hast du, liebes Kind' 3 ), S. 141 'Du Beherrscher unsrer 
Sinnen' 4 ), S. 259 An die schöne Margaris: 'Soli es dan geschieden 
sein', S. 47 'Flora stutzt in Seid und Sammet', S. 52 'Dorintgen, 
weine nicht', S. 60 'Fragt ihr noch warum ich klage', S. 63 ,Warumb 
fleuchstu, Halbgöttinne' u. a. Niederdeutsche Stücke begegnen ausser 
der mitgeteilten 'Weinprobe' nicht; volkstümlichen Charakter trägt, 
abgesehen von einigen Leberreimen und Rätseln, nur S. 118 Klag 
und Traurgesang des Märten Jennissons 6 ): 'Ich armer Haaß im weiten 
Feldt' 8 ). Bemerkenswert ist noch ein auf S. 255 — 259 stehendes 
estnisches Lied: 'Armaß kalliß kuldene Wend' in 10 vierzeiligen 
Strophen, da es, wie mir Herr Professor Leo Meyer in Dorpat gütigst 
mitteilte, als die älteste Aufzeichnung estnischer Poesie angesehen 

') S. 1-4 fehlen. 

•) S. 414 ed. Oesterley 1876. IL Albert, Arien 4, 15. 

•) A. Krieger, Arien 4, 6 (1667). Chr. Clodius' Liederbuch von 1669 Nr. 65 
(Berliner Mscr. germ. oct 231). 

4 ) Nach Meusebach, Serapeum 1870, 141 aus dem Schäferroman von Amoena 
und Amandus (1632); vgl. Bolte, Altpreussische Monatsschrift 23, 444 f. Eine 
schwedische Übersetzung vom J. 1712 durch IL B. liegt hsl. in Upsala (V 146). 

*) Jennis estnisch = Hase. 

•) Erk, Deutscher Liederhort (1856) Nr. 57. Mittler, Deutsche Volkslieder 
Nr. 610—612. Hoffmann von Fallersleben, Niederländische Volkslieder • Nr. 163 
(1856). Uhland, Schriften 3, 70 f. 157 f. 



92 

werden muss und un8 zugleich über die Heimat der Sammlung Auf- 
schluss gewährt. Wir werden danach kaum fehl gehen, wenn wir 
dieselbe in Reval suchen. Denn hierhin fuhrt uns auch ein S. 104 
aufgezeichnetes Gedicht auf die Hochzeit Thomas Knipers: eine Familie 
Kniper 1 ) war in Reval während des 17. Jahrhunderts ansässig, und 
Herr Oberlehrer G. von Hansen wies mir sogar einen Thomas Kniper 
in Akten des Revaler Stadtarchivs v. J. 1649 nach. Eine genauere 
Zeitangabe findet sich auf S. 95 einem nach der Melodie: '0 grau- 
sahmes Hertz' gehenden Gedichte: 'Mein Geist, emphor! komm, säume 
nicht zu gehen' beigeschrieben: 'Von J. Rf?]. H. gemacht 8. Sept. 1680 ; . 
Einer der Besitzer des Büchleins wird der J. P. ß anner gewesen 
sein, welcher auf dem Vorsatzblatte seinen Namen unter einem Denk- 
spruche verewigt hat: 'A dieu complaire | A tous seruir | Jamais 
mal faire | Ces[t] mon desir. | Got zu lieben | Niemant verachten 
| Und nicht ybel zu thun | Ist alle mein Trachten'. 

BERLIN. Johannes Bolte. 



Zur Geschichte der Leberreime. 

Therander ist nicht der einzige gewesen, der die Rhytmi mensales 
des Johannes Junior in der Absicht durchmustert hat, sie ins Hoch- 
deutsche zu übertragen. Im Jahre 1629, bald nach ihrem Erscheinen, 
legte ein Danziger, Michael Hancke der Jüngere, Schreiber des bürger- 
meisterlich Höheschen Amtes, eine Sammlung von Reimsprüchen, 
historischen Liedern, Rätseln u. dergl. an, die bis 1644 mit Zusätzen 
versehen wurde. Aus diesem Sammelbuche hat Toppen, Volkstümliche 
Dichtungen, zumeist aus Handschriften des 15., 16. und 17. Jhs. 
gesammelt. Ein Beitrag zur Geschichte der schönen Litteratur der 
Provinz Preussen. Königsberg 1873 (Sonderabdruck aus der Altpreuss. 
Monatsschrift Band 9) S. 83 — 86 Etdichc leberreime zum Abdruck 
gebracht. Es sind im Ganzen 18 Sprüche. Da sie der Herausgeber 
in der Reihe der von ihm mitgeteilten Reimsprüche als Nr. 61 — 78 
mitzählt, so muss er eine engere Zusammengehörigkeit derselben nicht 
angenommen haben. Hinsichtlich des Entstehungsortes und der Ent- 
stehungszeit neigt er der Meinung zu, dass sie in Preussen und in der 
Zeit Hanckes entstanden seien. Prüfen wir die Aufstellungen Töppcns 
auf ihre Berechtigung, so haben wir zunächst zu bemerken, dass die 
in Rede stehenden Sprüche, wie aus den Reimen uberaU: sott (Nr. 62), 



') Die Bibliothek der Petersburger Akademie der Wissenschaften besitzt ein 
1636—1641 geführtes Stammbuch des Stud. theol. Johannes Kniper aus Reval 
(XX. C. a. 10); vgl. über ihn auch Lappenbergs Ausgabe von Flemings Deutschen 
Gedichten 1865 S. 820. 



M 



schon: thun (ebd.), bock: glück (Nr. 70), ehr: vier (Nr. 72) erhellt, 
aus dem Niederdeutschen übersetzt sind. Sie stellen entweder den 
Überrest einer vollständigen hd. Bearbeitung des von Hofmeister in 
dieser Zs. 10, 59 — 89 behandelten Werkes des Johannes Junior dar 
oder, was mir wahrscheinlicher erscheint, eine wohl von Hancke selbst 
veranstaltete und ins Hochdeutsche umgeschriebene Auswahl aus dem- 
selben. Was sodann Töppens Zeitbestimmung angeht, so kann sich 
diese nur auf die Form des Leberreims beziehen ; die in sie gebrachten 
Sprüche dürfen auf ein erheblich höheres Alter Anspruch erheben. 
Auf die Bedeutung der Sammlung des Johannes Junior als Fundgrube 
nd. Sprichwörter und Spruchgedichte hat schon Hofmeister 1. c. S. 63 
aufmerksam gemacht, aber Hofmeister hat ebenso wenig wie Toppen 
erkannt, dass wir für eine grosse Anzahl der Reime in der unter dem 
Namen Schone KÄnstlike Werldtsproke gehenden Bearbeitung dos Nd. 
Reimbüchleins die direkte Vorlage besitzen. Sieht man von den durch 
die Form des Leberreims bedingten Abweichungen ab, so ist der An- 
schluss an die Quelle in den meisten Fällen eine sehr enge. Ein 
Beispiel möge genügen, um dieses Verhältnis zwischen Rhytmi mensales 
und Weltsprüchen zu illustrieren. Junior Nr. 11: 

Diß Lever genamen uth dem Lyff, 
Moth men nicht ethen gar tho ryff. 
Merck, welcker nicht vorderven wil, 
Höd sick vor Lögn und Kartenspir, 
Vor Küpen und vor Börgerschop, 
Vor Hören und böser gselschop. 

und Werldtsproke 9 (Nd. Reimbüchlein S. XIV.) heisst es: 

Welcker nicht vorderven wil, 

De höde sick vor Lögen und Spil, 

Vor Kopen und Bftrgeschop, 

Vor Wyver und böser Geselschop. 

Welche Reime des Johannes Junior sich bei Hancke wiederfinden, 
ergiebt sich aus nachstehender Uebersicht. 



Junior 4 = 


Toppen 


S. 86 Nr. 69 


Junior 110 = Toppen S. 84 Nr. 62 


13 = 




S. 85 Nr. 70 


111 = S. 83 Nr. 61 


14 = 




S. 85 Nr. 71 


112 = S. 84 Nr. 65 


17 = 




S. 85 Nr. 72 


113 = S. 84 Nr. 64 


19 = 




S. 85 Nr. 73 


123 = S. 84 Nr. 63 


78 = 




S. 86 Nr. 74 





Die Nummern 75 — 78 bei Toppen sowie auch wohl Nr. 66 
gehören vermutlich zu den bisher nicht wiedergedruckten geistlichen 
Leberreimen des Johannes Junior, von denen Hofmeister einige Proben 
mitteilt, Nr. 67 dagegen, mit schwacher Anlehnung an Nr. 42 der 
'Rhytmi mensales', Nr. 68 und die in Hanckes Sammelbuche getrennt 
von der Eteliche leberreime überschriebenen Sammlung stehenden Num- 
mern 108 — 111 scheinen aus anderer Quelle zu stammen. 

Da der Herausgeber der 'Werldtliken Ryme van der Levern' nur 
gelegentlich auf Parallelstellen verwiesen hat und zur Rechtfertigung 
der vorhin aufgestellten Behauptung, dass Johannes Junior eine 



94 

Bearbeitung des Reimbüchleins gekannt und benutzt habe, schliesse 
ich Bemerkungen zu einer grösseren Anzahl der Reime an. 

Nr. 4: jungen statt sungen bei Toppen Nr. 69 V. 3 wird Druck- oder Lese- 
fehler sein. Der aus Freid. 52, 16—17 stammende Spruch ist aus der jüngeren 
Glosse zum RV I, 11 in das RB 1281—1282 gekommen. KW 30. 

Nr. 8 V. 2—3: Im RB an verschiedenen Stellen: V. 2119—2120, worauf der 
Herausgeber verweist, ferner 1913—1914 und 2510—2511. Nl. : Wien 2 (Nd. Jahrb. 
13, 104 V. 7—8) und 1. Hulth. 26 (Belg. Mus. 1, 102 V. 5-6). — V. 4—6: 
RB 2142-2143. 

Nr. 11 : KW 9. 

Nr. 12: RB 205—210. 

Nr. 17: Die Mewe ist bei Toppen Nr. 72 zur mucke geworden; der Wechsel 
im Reimwort hat die Ausstossung des aus dem RV I, 2 Randgl. in das RB 1437 
bis 1438 übernommenen Spruches von den Räubern und Dieben zur Folge gehabt 

Nr. 18: KW 48. Aus einer Halberstädter Hs. im Nd. Jahrb. 3, 62 Nr. 22 
mit einer Notiz Walthers ebd. S. 67. 

Nr. 20: KW 2. 

Nr. 22: Aus dem Narrenschiff 6, 57—62 durch Vermittelung von RV II, 
6 Gl. in das RB 565-570 gelangt. 

Nr. 23: Aus Freid. 32, 7-10. RB 559—562, entlehnt aus RV n, 7 Randgl. 

Nr. 48: RB 713-714 aus RV I, 39 Randgl. 

Nr. 49: Der Spruch ist am Ende gekürzt. RB 755-758 aus RV I, 37 Randgl. 
Vgl. Hoffmann von Fallersieben, Findlinge 1, 452 Nr. 143. 

Nr. 53: KW 20 = RB 2405—2406 und in weiterer Ausführung Hoffmami 
von Fallersleben, Findlinge 1, 351: 

Quter Muth, gesunder Leib, 
Altes Geld, ein junges Weib, 
Gottes Huldt und Glück dabei, 
Was meinstu wol, das besser sei? 
Vgl. auch RB 2435— 2437, hd. in Hoffmann von Fallersleben, Spenden 1, 16; 1, 20: 
1, 23, in Eschenburgs Denkmälern S. 397 Nr. 5 und nl. in der Berliner Samm- 
lung 12 (Altd. Blätter 1, 75). 

Nr. 57 : Aus Freid. 96, 18-19. RB 1415—1416 aus RVI, 3 Randgl. Vgl. 
Nd. Jahrb. 3, 62 Nr. 17. HcL auch in Johannis Fabri de Werdea Proverbia 
(Weimar. Jahrb. 2, 184). 

Nr. 58: Vgl. RB 2628-2629. 

Nr. 59: RB 2632—2633. 

Nr. 62: Vgl. Narrensch. 1, 103—104: 

Mannich leret nu dat heym tho hus, 
Dat he ne lerede to Farus. 

Nr. 80 V. 3-8: RB 2479—2484 aus Freid. 170, 14-17 und 20-21. Nl. in 
der 2. Hulth. Sammlung 56 (Belg. Mus. 6, 199-200 V. 443-448). — V. 9-10: 
RB 2485-2486 aus Freid. 170, 18-19. 

Nr. 81: RB 2487-2490 aus Freid. 170, 22-25. Vgl. auch Hoffmann von 
Fallersleben, Spenden 1, 30. 

Nr. 84 V. 2-4: RB 2292-2293. Vgl. auch Nd. Jahrb. 3, 61 Nr. 10 V. 5-6. 

Nr. 85: RB 2315-2320. Vgl. Nd. Jahrb. 3, 61 Nr. 9, ferner Germania 19, 
303. Nl. in der 1. Hulth. Sammlung 18 (Tijdschr. voor Nederl. Taal- en Letterk. 
3, 178). 

Nr. 86 V. 5-6: RB 2301-2302. 

Nr. 95: RV I, 22 Randgl. Vgl. Hoffmann von Fallersleben, Findlinge 1, 442 
Nr. 69, ferner Keller, Alte gute Schwanke 2. Aufl. Nr. 26. Albert Hoefer verweist 
hinsichtlich dieses weit verbreiteten Reimspruches am Schluss seines Aufsatzes über 
apologische oder Beispiels-Sprichwörter im Niederdeutschen in v. d. Hagens Germania 
6, 106 ausser auf Wackernagel A. L. 8p. 1027 auf J. W. Wolfs Wodana 2, 206. 
Man findet ihn auch gegen Ausgang von Hans Rosenbluts Spruch von dem Pfennig 
(Keller, Fastnachtspiele 1184): 



95 

Man spricht: lieb gee für alle ding. 
Neyn, sprich ich pfennig, 
Wo ich pfennig wennt, 
Da hot die lieb ein endt. 
Dass Rosenblut nicht der Verfasser desselben ist, erhellt aus den einleitenden 
Worten: 'Man spricht 4 , die sonst nicht vorkommen. In das RB 925—928 ist er 
aus dem RYI, 24 Gl. in nachstehender Form übergegangen: 
Frflndtschop geit vor alle dinck, 
Dat straffe ick, sprack de penninck, 
Den wor ick keer und wende, 
Dar helft de Frundtschop ein ende. 
Es muss dahingestellt bleiben, ob die Bearbeitung des RB, die Johannes 
Junior zur Verfugung hatte, die Aenderung von 'Freundschaft' in 'Liebe 4 enthielt 
oder ob dieser die Fassung: De Lefft öoerwindt alle ding, weil sie ihm geläufiger 
war, einsetzte. An eine gleichzeitige Benutzung der jüngeren Glosse zum RV, die 
auch die letztere Lesart kennt, braucht man deshalb noch nicht zu deuken. Auf die 
Freundschaft bezogen steht der Spruch auch im Buche Weinsberg 71a (vgl. Bir- 
lingers Mitteilungen aus demselben in der Germania 19, 83) und um die ersten 
beiden Verse verkürzt in Hoffmann von Fallersieben, Findlinge 1, 444 Nr. 82 
V. 3 — 4. Weitere Belege giebt Sandvoss in seinen Bemerkungen zu den Inschriften 
von Lund, unter denen unser Reim ebenfalls begegnet, im Nd. Korrespondenzblatt 
9, 53—54. 

Nr. 99: RB 2107—2112 (s. auch RB 663-664). Hd. bei Toppen S. 76 

Nr. 18 V. 1—4 und erheblich gekürzt in Hoffmann von Fallersieben, Spenden 1, 73. 

Nr. 112: Bei Hancke gehört die Leber einem 'einhorn', nicht einem 'Barn'; 

V. 5 ist, wie folgt, umgestaltet : Ich toils noch ein zeit lang (wil myn Fryent wat) 

ansehen. 

Nr. 121 : RB 292—299 aus RV III, 7 Gl. 

Nr. 128: Vgl. RB 2325-2331, ebd. 100—108 und 2512-2513. Hd. bei Toppen 
S. 77 Nr. 24 und bei Hoffmann von Fallersieben, Spenden 1, 19. 

Unangemerkt ist bisher geblieben, dass sich Johannes Junior öfters wiederholt. 
Nr. 1 steht Nr. 123 nahe, Nr. 2 V. 2—4 = Nr. 99 V. 2—3, Nr. 4 V. 3—4 = 
Nr. 77 V. 1-2, Nr. 10 V. 6-7 = Nr. 84 V. 5—6, Nr. 74 V. 4—6 = Nr. 87 V. 5-6. 

BERLIN. Herman Brandes. 



Zur Geschichte der Leberreime. 



Die Rhytmi mensales des Johannes Junior sind auch nach Mi- 
chael Hancke noch ins Hochdeutsche übertragen. Im Jahre 1649 
erschien: 

JOOSERIA (!) MENSALI A, I Das ift: | <Htlid?e fjunbert fdjine Qrift* 
tmb | weltliche fd)erg onb ernfthaffte | £eber Heimen, | gufampt | (Etlichen luftigen, 
fdj&i nnb 3&djtt* | gen Heimn>eif$ gesellten | Hinein. | Vov btefem niematyen fo 
orbentltdj, | nebenfk fo fdfinen tmb luftigen Heimen tmb | Hinein ©erbeffert, in 
teutfd? an§» | gangen. [Druckerstock.] (Sebrucft im 3at}r, | \6ty. 

Als Motto steht auf der Rückseite des Titels: 
21 n ben £efer. 
Wer roxi bie £ebr bereimen fdfledjt, 
Der reb was Ojrtftlid} ift wib redjt. 



96 

Es folgen auf Seite 3 — 19 nach der Überschrift „Zrtandierlev 
tüeifc über (Eifdf Cfyriftüdf bie Ober 3U bereimen" 110 geistliche Leber- 
reime, dann kommen S. 20 — 54 176 weltliche Leberreime, an die sich 
71 Rätsel schliessen. Ein grosser Teil der weltlichen Reime dieser 
Sammlung nun ist aus den Rhytmi mensales des Johann Junior über- 
tragen. Es finden sich von den niederdeutschen Reimen folgende in 
den Jocoseria mensalia übersetzt: 



Rhytmi mens 


2—5 


= 


Jocor. mens 


51—54 


» 


7 


= 


n 


55 


n 


9 


= 


n 


56 


n 


11—14 


= 


n 


57—60 


n 


16—17 


= 


r» 


61—62 


n 


19—25 


= 


n 


63—69 


n 


28—46 


= 


n 


70—88 


j) 


47—91 


= 


j) 


104—148 


T) 


93-94 


= 


r» 


149—150 


J7 


97—102 


= 


n 


151—156 


J7 


105 


= 


jj 


157 


n 


109 


= 


n 


158 


J7 


110 


= 


n 


101 


n 


111 


= 


n 


99 


Jl 


113—114 


= 


jy 


159—160 


1) 


116 


= 


jj 


176 


1) 


116 


= 


n 


161 


» 


117 


= 


jj 


97 


n 


119 


== 


n 


100 


n 


123 


3= 


n 


162 


»» 


125 


= 


jj 


14 


» 


128 


= 


» 


173 



Dass die Leberreime der Jocoseria Übersetzungen aus den nieder- 
deutschen Reimen des Junior sind, beweisen die zahlreichen nd. Reim- 
formen, welche in der hd. Übersetzung beibehalten sind. Ein Beispiel 
möge genügen: 

Rhytmi mensales 40. Jocoseria mensalia 82. 

Difz Leuer vam Hoen ick ethen wil, Die £ebr t>om fjuljn idj effen wtl, 

Wol ümmer sitt vnd schwicht ock still EDer jmmer fifet onb fdjroetget ßitt, 

Vnd steds duncker vnd suer vthsicht Dnb jicts bundfcl onb faror augjtdjt 

Höd dy ydt ys ein Schalck vellicht. ßfit fcidj, er tft ein Sdjaltf pieflctdjt, 

Ein oldt Sprickwordt mereke thor stundt (Ein alt fpridjtport, mertf 3ur flunb. 

Jo stiller Watr, jo deper grundt. 3 C fMUer Ȋff er, je tteffer grunb. 

Der erste Teil der Joöoseria wird wahrscheinlich in ähnlicher 
Weise aus den geistlichen Leberreimen des Johannes Junior umge- 
dichtet sein. 

Den Ruf, der Erfinder der Leberreime gewesen zu sein, hat 
Heinrich Schaeve schon durch Hoffmanns Hinweis (Monatsschrift von 
und für Schlesien (1829) I S. 229 ff.) auf Johann Sommer verloren; 
nun lässt sich sogar wahrscheinlich machen, dass der gelehrte Rector 
Schaevius überhaupt keine Leberreime verfasst hat. Freilich werden 
in dem Schulspiel von Johann Leonhard Frisch Die entöecfte un& 
penoorffene Unfauberfctt öcr falfdjen t>idt\U unb Heimfunfl (Berlin 



97 

1700) drei recht abgeschmackte Leberreime ausdrücklich dem Schaeve 
zugeschrieben, nämlich: 

Die Leber ist vom Hecht und nicht von einem Hahn. 
Heut will ich wohl gemuth zu mein'r Hertzliebsten gähn. 
Die Leber ist vom Hecht und nicht von einer Elster. 
Mein Bruder ist mir lieb, und lieber noch die 8chwester. 
Die Leber ist vom Hecht und nicht von einer Gans. 
Die Magd hebst Ursula, der Haufsknecht aber Hans. 

Ja aus der Fassung der Worte an jener Stelle Hesse sich herauslesen, 
dass Frisch eine Sammlung des Schaevius in der Hand gehabt habe. 
Ein derartiges Werk des Schaeve hat sich aber trotz meiner sorg- 
fältigsten Bemühungen nicht auftreiben, ja nicht einmal der genauere 
Titel desselben auffinden lassen. Dagegen kann man die Quelle, aus 
der Frisch und andere ihre Nachrichten über Schaeve als Leberreim- 
dichter schöpften, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nachweisen. Ich 
meine, es war Neumeister, der in seinem Specimen dissertationis 
historico-criticae (1685. 4*) p. 91 von Schaeve sagt: Schaevius (Henr.) 
Kilon. Rector tandem Thoruni. Vir in ceteris longe doctissimus, in 
Poesi vero patria parum praestans excogitavit notos illos Rythmos 
Hepaticos, Ceber'Heime, qui ridicule ac minus congrue consui solent. 
E. g. „Die Leber ist vom Hecht" u. s. w. Es folgen dann 6 Leber- 
reime. Von diesen finden sich nun drei im Frischschen Schulspiel 
wieder, und zwar diejenigen drei, die man, ohne Ärgernis zu nehmen, 
aus dem Munde von Schülern hören konnte. Die anderen drei sind 
erotischen Inhalts. Dieser Umstand zusammen mit der Unmöglichkeit, 
eine derartige Sammlung Schaeves nachzuweisen, macht es mir wahr- 
scheinlich, dass Frisch seine Kenntnis über Schaeves Leberreime aus 
Neumeister geschöpft hat. Neumeisters Worte aber sind m. E. von 
ihm und anderen seiner Zeitgenossen missverstanden. Sein Urteil „qui 
minus congrue consui solent" bezieht sich nicht auf Schaeves Verse, 
sondern auf die Leberreime überhaupt, und um diese Ansicht zu be- 
kräftigen, führt er als Beispiele einige recht abgeschmackte Leberreime 
an, die er aber keineswegs für Schaevesche ausgeben wollte. Diese 
Auffassung der Worte bei Neumeister teilt Joh. Friedr. Rottmanns 
Lustiger Poete (o. 0. 1718) S. 393 Capitel 22 § 4 u. 5: „Ferner ge- 
hören hier her die Leber-Reime, welche Weiland Henricus Schaevius, 
ein gelehrter Rector zu Thorn und zwar unter dem Namen cter Eu- 
phrosynen von Sittenbach erdacht und heraufs gegeben. Es erfordert 
aber derselben Verfertigung gar keine Kunst, und kan ein jedweder 
nach seinen Gefallen die Leber bereimen wie solches aus einigen 
Exempeln wird erhellen." Nun folgen zwei von den bei Neumeister 
befindlichen Reimen. Nach diesen Ausführungen ist es wahrscheinlich, 
dass die von Neumeister mitgeteilten Leberreime nicht von Schaevius 
herrühren. Woher stammt nun aber Neumeisters Nachricht, dass 
Schaeve der Erfinder der Leberreime sei? Für diesen Irrtum scheint 
Morhof verantwortlich zu sein. Derselbe, obwohl ein Schüler des 
Schaeve, sagt in seinem Unterricht von der Teutschen Sprache und 

Niederdeutsche« Jabibneh. XTV. 7 



9S 

Poesie (Kiel 1682. 8°) S. 768: „Wohin (zu den Epigrammatibus) man i 
auch die bey den Teutschen gebräuchliche Leber-Reime bringen kan, '. 
von welchen Henricus Schaevius ein Büchlein unter dem Nahmen der 
Euphrosinen von Sittenbach heraufsgegeben, deren Autor sonst niemand j 
leicht bekannt ist." Welche Gründe ihn veranlasst haben, die Grell- j 
lingersche Sammlung, deren Verfasser er nicht kannte, dem Schaeve , 
zuzuschreiben, ist nicht mehr ersichtlich. Grefflingers Reime sind 1 
ohne Nennung des Verfassers häufig nachgedruckt u. a. in Alberti 
Sommers neu vermehrten anmutigen Conversationsgesprächen (1673), 
so dass die Verwechslung wohl möglich war. 

Durch dieselbe allein aber ist wahrscheinlich Schaeve in den 
unverdienten Verdacht, Leberreime verfasst zu haben, geraten. i 



Nicht auf die Rhytmi mensaies, sondern wahrscheinlich auf die 
Jocoseria mensalia gehen die Leberreime zurück, welche im 

Sdjauplafc | ber Derltebten, I Das ifi | 3üngj!*erbauete | SdfSfferey, | (Dfcer 
feufdje £tcbcs-8e* | fd^reibung, | Der ZTiinpfen | Amoena unb Amandas, j Cratus 
nnb Phoebea, | Romeo unb Julietta: | Wie audf | Des jreyers in allen 
(Saffen, | Sampt | Anfügung fyöfffidjer Säuret- | beti uadj ifcigcr Seit an bas 
löblidje | tfrauen=§immer. | Hamburg, | 3n Derlegung 3°^ ann Hanmanns, (669. 

enthalten sind. Es ist dies eine Erweiterung des 1632 zuerst unter 
dem Titel: Jüngst erbauete Schäfferey u. s. w. erschienenen Schäfer- 
romans. (Vgl. J. Bolte, Nachträge zu Alberts und Dachs Gedichten. 
Altpreuss. Monatsschrift. XXIII. 1886. S. 444.) Die dort auf S. 
261 — 273 mitgeteilten Leberreime finden sich bis auf 2 geistliche 
sämtlich in den Jocoseria mensalia. Dass die Rhytmi mensaies die 
direkte Quelle für diese Reime nicht sein können, zeigt deutlich fol- 
gende Übersicht: 



ytmi mens. 


2—5 


Joe. 


mens. 


51—54 


Schaupl. 


d. 


V. 


1—4 


n 


7 




» 


55 


ii 






5 


» 


9 




5> 


56 








6 


n 


11—14 




11 


57—60 


ii 






7—10 


n 


16-17 




11 


61—62 


ii 






11—12 


» 


19—25 




11 


63—69 


ii 






13—19 


» 


28—38 




11 


70—80 


ii 






20—30 



Es finden sich eben in der letztgenannten Sammlung genau die- 
selben Reime und in derselben Reihenfolge, wie sie der Verfasser der 
Jocoseria mensalia in freier Wahl und ohne sich an die Reihenfolge 
zu kehren aus den Rhytmi mensaies herübergenommen hat. Von den 
geistlichen Leberreimen im Schauplatz der Verliebten entspricht der 
3. dem 63. aus dem ersten Teile der Jocos. mens., der 4. dem 64., 
der 5. dem darauf folgenden ebenfalls mit 64 bezeichneten, der 7. 
dem 70., der 8. dem 74. und der 1). dem 75. Die Übereinstimmung 
ist fast wörtlich. Auffallend ist bei der Vergleiohung beider Samm- 
lungen, dass die Leberreime im Schauplatz der Verliebten gerade mit 



»9 

dem ersten Reime der Jocoseria mens, beginnen, welcher aus den 
Rhytmi mensales entlehnt ist: sollte der Verfasser des Schauplatzes 
eine vollständige hochdeutsche Übersetzung der Rhytmi mensales, die 
älter war als die Jocoseria mensalia und die der Herausgeber der 
Jocoseria ebenfalls benutzte, in Händen gehabt haben? 

BERLIN. L. H. Fischer. 



Niederdeutsehe Rechenbücher. 

Vor einiger Zeit erwarb ich ein Rechenbuch in niederdeutscher 
Sprache von Rembert Friese in Emden, welches selten zu sein scheint, 
weshalb ich es hier beschreibe: 

Titel: „Arithmetica | bat i&: | De Hefen ffinjt. | TXlit aller- 
ley* nibige Regulen, fetjoue | ^empelen, pnb buYtlyfe Inftructien 
ge3vret: | So tfyo befer tvbt im Koop«rjanbel am gebruecflycfflen. 
| Sampt einen KunjUvfen Appendix, | De leepe 35get unb atte 
Ceefffyebberen befer | fünft tf>o f Silbernen niitte im | Drficf pir- 
fertiget | 7>Sxd\: | Rembertum5nefe,lX>olp6rorbneteu | Sd^ryff' 
unb Hefenmeifter ber töfflvfen | Stabt £mbben. | ißebrueft ttjo 
<£mbben, | Sy Daoib fjinbriefs pan Sorcfum, | Door 3ann 
Sippen fdjuirman Soecfperfoper in be | 29rugge (irate int gelben 
21 S. | im yxty* j658." 8°. 

Unter denjenigen, welchen das Buch gewidmet ist, befinden sich 
auch die „ScfjrYff* pnb Hefen*meijtern ber CSfilvTen Stabt £mbben." 
Es waren die „Qeren Conrad Schröder. Gerdt Friesenborch. Adam 
van Karfzenbroeck. Jacob Oldepott. Augustus Sagittarius. Hindrick 
Janfzen B. Dirck de Ahna". 

In Hamburg waren die Rechenbücher von Brandanus Daetri 
während des 17. Jahrh. in Gebrauch. Der Genannte gab sie dreimal 
heraus. Nach seinem Tode besorgte sein Sohn Nicolaus Daetri 
eine neue Ausgabe, welche ich besitze (£jambordj, ißebruefet pnb por* 
led|t bStdi | ffiidtael £}ermcf Soecff. j630.). Aus der Vorrede ersehen 
wir, dass Nicolaus der Nachfolger seines Vaters im Schul- und Kirchen- 
dienst an S. Maria-Magdalena wurde. Ein anderer Sohn, welcher den 
Vornamen Brandanus führte, hat der Ausgabe von 1630 ein hoch- 
deutsches Gedicht auf seinen Vater vorausgeschickt, worin es u. a. heisst: 

§a>ar, Pater, 311 oem idj mein Hoffnung nefyji (Sott 
2tÜ3ett aufteilet \\att\ 3^r fevo lingft oura> oen CoM 

gufrue, ad) gar 3U frfie uon »ns tympeg geriffen: 

— 3*t r f e Y& oatjin, begraben 

7* 



100 

3" aller ntutterfdjoefj, bodj nur ber £eib, bie <5aben 
So (Sott in eudj gelegt, bie fonnen nidjt oergettn, 
Sonbem fo lauge n)trb bie ^Iritr^metic fter/n 
3n rechtem Ku^m' vnb IPertt], n)irb audj ber Ztafyme bleiben 
Pen jf^r befommen rjabt burdj croer Budjer fajreiben. 
Dnb off t als biefes 8udj, u>ie Mein es von papier 
So groß oon IZutjen bodj, wirb mm gebruefet tyer, 
EDerb 1 idj endj lieber fet|n als u>ie oon nen>en (eben 
Wann eudj big Büchlein giebt, u>as jtjr ftm rjabt gegeben. 

Von den früheren Ausgaben befindet sich die von 1602 in der 
Stadtbibliothek zu Hamburg. 

In Lübeck druckte Johan Balhorn 1547 das Rechenbuch des 
Caspar Hützier von Nürnberg in niederdeutscher Sprache, der Titel 
ist: „<£yn be< | tjeiibe vnb fimft | rife Hefensbocf, pp | aüerley foep- 
tyanMe, ym \ taue, mate vnb tjeandjte, pp | 5er Ciiüen ph& t3yfern, aanti 
| gruntUef gemafet pnb tofa« | menbe gelefen, öirdj <£a(per | £}ufeler van 
Zl&venbetdt, | Ctjom anfarti male auer* | feen, pti mit flyte fcScd} | 3or/an 
29alt}orn geör&cfet." Am Schluss steht folgendes Gedicht: 

gramer fnab, fop oiib leg my mit truroen, 
X>yn gelbt fdjal by nid^t rutuen. 
So irf ben mdjt fry be n>arljeyt \>o fagen, 
So madjfttt my cor bem patofte Dorflagen. 

Darauf: „tDecr roets | rr/tes fumpt. | 3n bet Keyfferlifen Stabt 
Cübccf, bSvd\ 3or]an | öaltjorn mit flitc | gebruefet. | M. D. XL VII. * 

Ob Caspar Hutzier sein Rechenbuch ursprünglich niederdeutsch 
geschrieben, oder ob es erst in Lübeck übertragen wurde, kann ich 
nicht angeben. 

Ein dem obigen inhaltlich verwandter Reim findet sich auch auf 
der Rückseite des Titelblatts in dem Rechenbuch von Rembert Friese. 
Er lautet: 

Dat öoeef tfyom Cefer. 

teere £efer garj nidjt porby 

Seife erft n>artljo irf nnttc fy. 
£e§, porftal], pnb berjolb' Peel meljr, 

H?at icf ran befer fünft by €etn\ 
Hidjt in bc Z>od?t ooef alles garjr, 

€er bu ibt Dabelft (Dpenbal^r. 
33efiimfiu nenen fromen ban 

Dorflag my Por ein 3eberman. 

ELBERFELD. W. Crecelius. 



101 



Die Vogelspraehen 

(Vogelparlamente) der mittelalterlichen Litteratur. 

In der ehemaligen Herrenstube des Lübecker Ratsweinkellers 
findet sich auf dem Sims des altertümlichen Kamins neben der bild- 
lichen Darstellung eines Hahnes und einer Hernie die alte Inschrift 1 ): 

OTennidf man lube fandet 
Wen mett em fre brut bringet 
Wcfte tje wat men em brodjte 
Dat t^e wol menen modjte. J575. 

Wir wissen nicht, aus welchem Grunde gerade diesen Spruch 
voll herber Lebenserfahrung die beiden Ratmänner Franz und Hinrich 
von Stiten, welche i. J. 1575 den Kamin gestiftet haben, auf seinen 
Sims setzen Hessen. Aber wie einem alten Steingerät der kundige 
Forscher wohl ansieht, aus welchem fernen Gebirge der Stein dazu 
gebrochen ist, und er, Fund zu Fund fügend, die Richtung eines alten, 
vorgeschichtlichen Handelsweges erkennt, so wird auch jener merk- 
würdige Spruch des Ratskellers in Lübeck im Lichte vergleichender 
Litteraturforschung uns auf Wege weisen, auf denen einst alte Spruch- 
weisheit von West nach Ost, von Nord nach Süd zog, die Schranken 
der nationalen Litteraturen durchbrechend. 

Es ist von Ch. Walther 2 ) darauf hingewiesen worden, dass 
derselbe Spruch sich in zwei englischen Spruchdichtungen des 12. und 
13. Jahrhunderts wiederfindet, in den sogenannten Proverbs of hing 
Alfred*) und den Proverbs of Hendhig*). In jenen lautet er: 

Monymon singeth, Mancher Mann singt, 

That wif hom bryngeth. Der sein Weib heimfuhrt. 

Wiste hc hwat he brouhte, WüssU er was er brächte, 

Wepeu he myhte. Weinen er möchte. 

Der Alfredsspruch und der Spruch des Ratskellers sind die Enden 
eines Fadens, der einst die englische und die deutsche Spruchdichtung 
verknüpfte. 

Dass der englische Spruch in dem alten Vororte der Hansa 
wiederkehrt, würde sich freilich leicht und einfach erklären, wenn man 
annehmen dürfte, dass dieser Spruch in dem Weinstübchen des Stahl- 
hofes, des alten Contors der deutschen Hansa in London, gleichfalls 

') Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte 2 (1867), 120 ff. 

*) Von Nah uiid Fern. Festgabe für C. F. Wehrmann. Hamburg (1879) 
S. 7—11. 

•) An old engl, misccllany, ed. by Morris (1872) S. 118. 

*) 'Monimon synghet When he hom bringeth Is jonge wyf ; Wyste whet he 
brojte Wepen he mohte Er syth his lyf.* Böddeker, Altengl. Dichtungen (1878) 
S. 293. 



102 

zu lesen war und der lübische Ratskeller nur eine Copie davon böte. 
Die Kaufmannsgesellen des Stahlhofes, welche die Geschäfte der 
deutschen Häuser in London besorgten und ebenso wie ihre Genossen 
in den übrigen ausländischen Contoren der Hansa auf die Ehe ver- 
zichten mussten, so lange sie von der Heimat fort waren, jene Lon- 
doner Hanseaten konnte der Spruch, der in Lübeck so herbe warnend 
in lustige Hochzeitsgelage hineinschaut, humorvoll über den ihnen 
aufgezwungenen Coelibat trösten. Und wenn man dann weiter an- 
nimmt, dass der Erbauer des Kamins, einer jener Stiten, nach zeit- 
genössischem Brauch die Kaufmannschaft in einem hansischen Contor 
erlernend einst in London einen Teil seines Lebens verbracht hat und 
nach Lübeck zurückgekehrt als alter Junggesell den Spruch, mit dem 
er sich in London getröstet hatte, auf dem Kamin anbringen liess, 
so mutet diese Annahme wie die getroffene Lösung eines Rätsels an. 
Der alte Stahlhof, in dem auch Shakespeare am rheinischen 
Weine sich erfreut haben soll, ist vor zwei Jahrhunderten nieder- 
gebrannt, ohne dass eine achtsame Hand die Sprüche, die ohne 
Zweifel seine Weinstuben zierten, aufgezeichnet und uns überliefert 
hat. Befand sich der Lübecker Spruch in der Tat unter ihnen, so 
ist er doch jedesfalls nicht erst i. J. 1575 in Deutschland bekannt 
geworden. Es lässt sich vielmehr erweisen, dass er viele Jahre früher 
in Lübeck bekannt gewesen sein niuss, als Spruch einer Vogelsprache. 

Die Vogelsprachen '), oder wie man heute sagen würde und auch 
schon im Mittelalter gesagt hat die Vogelparlamente, waren, wie die 
Zahl der erhaltenen Fassungen und die Anwendung ihrer Form zu 
Nachahmungen beweist, im Ausgange des Mittelalters eine sehr volks- 
tümliche Dichtungsart. Heute wird angesichts des Umstandes, dass 
auch nicht ein einziger von denen, welche die eine oder andere zum 
Abdruck brachte, ihre ungemeine Verbreitung übersah oder eine An- 
deutung giebt, dass sie einen besonderen Typus darstellen, eine kurze 
Darlegung desselben einer ausführlichen Untersuchung über sie voraus- 
zugehen haben. Es ist bekannt, dass im späteren Mittelalter die 
sogenannten Bildersprüche sehr beliebt waren, d. h. lehrhafte Sprüche, 
die allegorischen Figuren oder anderen bildlichen Darstellungen bei- 
gefugt waren. Diese Sprüche wurden dann auch wohl abgeschrieben, 
ohne dass die Bilder mit copirt wurden. Als solche Bildersprüche 
könnten auf den ersten Blick die Vogelsprachen um so eher aufgefasst 
werden, als viele nur Sammlungen von Sprüchen scheinen, die Vögeln 
in den Mund gelegt sind, und Abbildungen der einzelnen Vögel oft 
die Sprüche begleiten. Die Bilder sind jedoch bei den Vogelsprachen 
nebensächlich, die Dichtungen sollen ursprünglich vielmehr das Abbild 
eines Reichstages oder Parlamentes vorstellen, in welchem dem Könige, 
der die Versammlung berufen hat, von den Grossen seines Reiches 



') Über mnd. sprake (lat. colloquium concilium synodus; franz. parlement). 



Vgl. Ndd. Jahrbuch 12, 78. 



103 

für seine Regierung gute oder schlechte Ratschläge gegeben werden. 
Nach Art der Fabel treten an die Stelle der Menschen jedoch tierische 
Wesen, und zwar überwiegend Vögel, als König erscheint gewöhnlich 
der Zaunkönig oder Adler, als seine Räte der Falke, Habicht, Pfau, 
der Fuchs, das Einhorn usw. 

Das nachfolgende Verzeichnis stellt zum ersten mal diejenigen 
Vogelsprachen oder deren Nachahmungen, welche in neueren Abdrücken 
vorliegen oder mir sonst bekannt geworden sind, möglichst vollständig 
zusammen. Die beigefügten Nummern sollen keine chronologische 
oder sonstige Ordnung andeuten, sondern zur Vermeidung gehäufter 
Citate die Bezugnahme auf einzelne Fassungen erleichtern. 

Nr. 1. Niederdeutsch. 
Stockholmer Hs. (16. Jh.) Gedruckt weiter unten S. 126. — 84 Vögel, die 
Spruche haben auch bei den Vögeln, deren Eigenschaft als nicht gut hingestellt 
wird, eine moralische Wendung. Vierzeilige Sprüche. 

Nr. 2. Niederdeutsch. 
Druck o. 0. u. J. (circa 1500) der Münchener Bibliothek. Gedruckt weiter 
unten S. 138. — 62 Vögel, von deren Sprüchen dasselbe gilt, was zu Nr. 1 bemerkt 
ist. Die Sprüche sind meist vierzeilig. 

Nr. 3. Niederdeutsch. 
Utrechter Hs. (15. J.) Bruchstück. Herausg. von F. Buitenrust Hettema 
im Ndd. Jahrbuch 11 S. 171 ff. — Erhalten sind 10 vierzeilige Sprüche. 

Nr. 4. Niederdeutsch (Auslese). 
„Niederdeutsches Reimbüchlein. Eine Spruchsammlung des 16. Jahrh. (1885)." 
Vs. 1939—1991. Vgl. weiter unten S. 107. — 13 bezw. 14 vierzeilige Sprüche. 

Nr. 5. Hochdeutsch-Niederländisch. 
Haag'er (Hulthem'-eche) Hs. (14. Jh.) „Van den voghelen." Herausgeg. 
yon Massmann in Pfeiffers Germania 6 (1861) 231 f. Vgl. ferner weiter hinten 
S. 113. — Ausser dem Winterkoninc 14 Vögel, die abwechselnd gute und schlechte 
Lehren geben. Zweizeilige Sprüche. 

Nr. 6. Niederdeutsch. 
Wolfenbüttler Hs. (15. Jh.) Gedruckt als „Raths Versammlung der Thiere" 
bei P. J. Bruns, Romantische Gedichte in Altplattdeutscher Sprache (1793) S. 135 ff. 
und Wizlaw IV von Rügen hrsg. von Ettmüller S. 64 ff. — 40 Tiere (bis auf Ein- 
horn, Wolf und Fuchs sämmtlich Vögel), von denen die erste Reihe gute, die andere 
(von Vs. 53 ab) schlechte Lehren gibt. Zweizeilige Sprüche. 

Nr. 7. Niederländisch. 
Haag'er (Hulthem'sche) Hs. (14. Jh.) „Dit sijn Voghel Sproexkene." Ge- 
druckt in Vaderlandsch Museum voor nederduitsche Letterkunde, uitgeg. door 
Serrure. Deel 1 (Gent 1855), 319 ff. — 26 abwechselnd teils gute, teils schlechte 
Lehren, die an den König gerichtet sind. 24 Vögel und zweimal der Profeta. Der 
König fehlt. Zweizeilige Sprüche. 

Nr. 8. Hochdeutsch, 
a) Nürnberger Hs. (v. J. 1454). Gedruckt: Die Erlösung herausg. von Bartsch 
(1858), Einleitung S. XL1II ff. — Ausser dem Eisvogel, der König ist, 46 Vögel, 
gute und schlechte Lehren wechseln ab. Zweizeilige Sprüche. 



104 

b) Handschrift des Stifts St. Florian bei Linz. (15. Jh.) Herausg. von 
Chmel: Jahrbücher der Literatur Bd. 40 (1827. Wien) Anzeige-Blatt Nr. XL S. 
15 ff. — Dieselbe Fassung wie die vorige. 

c) Berliner Hs. (v. J. 1475). — Eine dritte Handschrift derselben Fassung. 
Vgl. Sotzmann im Serapeum 12 (1851), 339. 

Nr. 9. Neuhochdeutsch. 
„Ain 8elzamb gedieht der Vogl, so in Kayser Maxmilians stubn zu Inssprugg 
gemalt vnd gschriben", aus einer Hs. des 16. Jh. herausg. von Chmel im Notizen- 
blatt. Beilage zum Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen. Jg. 1 
(1851), 153 ff. — Ausser dem „Königl" 33 Vögel, die abwechselnd gute und schlechte 
Lehren geben. Die Sprüche sind meist zweizeilig, im letzten Drittel der Dichtung 
meist sechszeilig. 

Nr. 10. Hochdeutsch. 

a) Handschrift des 15. Jh. im ehemaligen Besitz J. C. v. Fichard's. Von 
dem Besitzer zum Abdruck gebracht in seinem Frankfurtischen Archiv für ältere 
deutsche Litteratur und Geschichte. Tl. 3 (1815) S. 316 ff. — Ausser dem Könige 
29 (in dieser Handschrift nicht genannte) Vögel. Es wechseln immer mehrere gute 
und mehrere schlechte Lehren ab. Sechszeilige Sprüche. Dieselbe Vogelsprache 
liegt vor in einer: 

b) Stuttgarter Hs. (15. Jh.) Vgl. Pfeiffer in seiner Germania 6 (1861), 
88 f. — Der Anfang fehlt. Erhalten sind die Sprüche von 24 Vögeln. 

Nr. 11. Hochdeutsch. 
Wiener Hs. (v. J. 1518). „Manigerley vögel rat." Vergl. weiter unten 
S. 109. — Ausser dem Küniglein 30 Vögel. Es wechseln gute und schlechte Lehren 
ab. Sechszeilige Sprüche. 

Nr. 12. Hochdeutsch. 
Stuttgarter Hs. (15. Jh.) Herausgeg. von Pfeiffer, Germania 6 (1861), 83 ff. 
— Ausser dem Regulus 18 Vögel, von denen Nr. 2 — 6 gute, 7 — 11 schlechte, 12 
— 15 gute, 16—19 schlechte Lehren geben. Sechszeilige Sprüche. 

Nr. 13. Hochdeutsch. 

Münchener Hs. (Cg. 714. 15. Jh.) „Der vogel gespräch." Herausg. von 
F. Pfeiffer, Germania 6 (1861), 91 ff. — Die Einleitung erzählt das Märchen vom 
Zaunkönige, der durch seinen hohen Flug König der Vögel wird. In einer Vogel- 
sprache (Vs. 151—485), die er abhält, geben ihm die Vögel Ratschläge. Den 
Anfang machen 22 Vögel mit guten Lehren, dann folgen nach der Aufforderung 
des Herolds „Nu ratet auch meinem heren Mir zuo meinen eren" schlechte Lehren, 
die 21 Vögeln, einer Seele und dem Teufel in den Mund gelegt sind. Sprüche von 
4, 6, 8 und mehr Zeilen. 

Nr. 14. Hochdeutsch. 

Münchener Hs. (Cg. 312. aus Augsburg, v. J. 1454). Ungedruckt, vgl. Se- 
rapeum 12 (1851), 338 f. — 100 Vögel mit Namen und Abbildung. Die Ratser- 
öffnung durch den König fehlt. Der erste mitgeteilte Spruch zehnzeilig. 

Nr. 15. Lateinische Nachahmung. 
(V. J. 1557.) Job. Major's Synodus avium (6pvi9o(TUVoXo;) depingens 
miseram faciem Ecclesise. Erster Abdruck im Scriptorum publice propositonim a 
gubernatoribus studiorum in Academia Witebergensi Tomo 111 Witebergae 1563. — 
Andere Ausgaben und ausführliche Inhaltsangabe bei G. Frank: Zeitschrift für 
wissenschaftliche Theologie Jg. 6 (1863) S. 124. 

Nr. 16. Neuhochdeutsche Nachahmung. 
(1524.) Hans Sachs „Der zwölff reynen vögel eygenschafft, zu den ein 
Christ vergleichet wirdt. Auch die zwelff unreynen vogel, darinn die art der gott- 



105 

losen gebildet ist". Hans Sachs herausg. von Keller Bd. 1, 377 ff. — 24 VögeL 
Pierzeilige Sprüche. 

Nr. 17. Neuhochdeutsche Nachahmung. 
(17. Jh.) „Das geistliche Vogel-Gesang." Wahrscheinlich um 1650 zu Augs- 
burg gedruckt und sehr oft wiederholt, 1792 als „Das geistliche Vogelgesang oder 
Betrachtung der Allmacht des weisesten Schöpfers in Hervorbringung unterschied- 
licher Vögel in Reimen gebracht und mit Sittenlehren begleitet". — Knaben- 
Wunderhorn 3, 357. 4, 277 (Ausgabe von Birlinger-Crecelius 2, 455). Pröhle, Volks- 
lieder (1855) 209 f. Wackernagel, Voces animantium (1869) S. 112. Vgl. Ale- 
mannia 7, 219. 12, 73. — 35 oder mehr achtzeilige Strophen, die Vögel sind alpha- 
betisch geordnet. 

Nr, 18. Neuhochdeutsche Nachahmung. 
Breslauer (Üniv.-Bibl.) Hs. v. J. 1700. „Vogel-Schul." — 59 Vögel. Vgl. 
weiter hinten S. 116. ,> 

Nr. 19. Niederdeutsch (Nachahmung). 
„Reinke de Vos" (herausg. von Prien 1887) Vs. 3247—3274. Sieben Vögel 
treten zu einer Beratung zusammen, jeder spricht vier Zeilen. 

Nr. 20. Niederdeutsch. Nachgeahmt als Orakelspiel. 
Fragment eines alten Druckes o. 0. u. J. in Hamburg. „Vagelsprake." Auf- 
gefunden und mitgeteilt von De Bouck. Serapeum 21 (1860), 273 ff. — Ursprüng- 
lich 88 Vögel und einige andere Tiere mit vierzeiligen Sprüchen. Erhalten sind 
die Sprüche Nr. 29—42. 

Nr. 21. Hochdeutsch. 
Münchener Hs., Cg. 312, dieselbe wie Nr. 14, aus Augsburg, 15. Jh. Unge- 
drackt, vgl. Serapeum 12, 315. 339. — 56 Tiere, Vögel u. a., darunter 'ain Syren, 
Frawe Adelhait, das Merwunder, die Schön diern' mit Sprüchen und Würfelung, 
letztere zur Benutzung als Loosbuch. 

Nr. 22. Böhmisch. 

(V. J. 1395.) Neueste Ausgabe: Pamatky stare literatury ceske. Vydavane 
Maticf Ceskou. L: Nova rada. Basen Pana Smila Flasky z Pardubic. K tisku 
pripravil a vyklady opatril Jan Gebauer. V Praze 1876. 8°. (Denkmäler der alten 
tschechischen Litteratur. I.: Der neue Rat. Qedicht des Herrn Srail Flaschka 
von Pardubitz. Mit Anmerkungen von J. Gebauer. Prag 1876.) — 2116 Verse. 
22 Tiere. 

Nr. 23. Böhmisch. 

(15. Jh.) Ältester Druck v. J. 1528, neuester besorgt von F. D(obrovsky): 
Kniha vzitecnä y kratochwilnä, genz slowe: Rada wsselikych Zwjrat nerozumnych 
neb zhowadilych, y Ptactwa . . . W Praze 1814 (d. h. Nützliches und unterhaltendes 
Bach, welches heisst Rat aller Tiere . . . Prag 1814). 

Nr. 24. Lateinisch. 

(V. J. 1520.) Älteste Ausgabe Nürnberg® 1520, letzte: Theriobulia Sive ani- 
malium de regiis praeceptis consultatio ad Ludovicum Hungariae & Bohemite Regem. 
Aactore Johanne Dubravio Episcopo Olomucensi. Breslse 1614. 8. — Zwei libelli 
mit je 23 Tieren und Vögeln, deren König der Löwe ist, während der Adler 
(Aquila) Königin der Vögel genannt wird. 

Nr. 25. Französisch. 
„Les Dictz des bestes et aussi des oyseaux . . Nouvellement imprime* ä Paris, 
en 1a nie Neufve Nostre-Dame, ä l'Escu de France." (15. Jh.) Wiederholt bei 
A. de Montaiglon, Recueil de poösies francoises des XV. et XVI« siecies. Tom. \ 
(Paris 1855), 256 ff. — 22 Tiere, dann 17 Vögel. Vierzeilige Sprüche. 



106 

Nr. 26. Französisch. 
(Um 1500.) „Les dictz des oyseaux: Et des bestes par hystores" „Imprime 
a chaalons Par Estienne bally . ."* Druckfragment, wiederholt: Le Bibliophile 
beige . . Annäe 1 (1866), S. 1 ff. — Erhalten sind 24 vierzeilige Sprüche, Tiere 
und Vögel wechseln ab. 

Nr. 27. Lateinisch. (?) 
(13. Jh.) „Pavo", Gedicht von 272 Versen, wahrscheinlich von Jordanus von 
Osnabrück (s. Waitz: Allgem. deutsche Biographie 14, 501) verfasst. Heraus- 
gegeben von Karajan: Denkschriften der K. Akad. d. Wiss. Phil.-hist Ciasse. 
2 (1851) 111 ff. 

Nr. 28. Englisch. (?) 
„The Parlament of Byrdes. Imprinted af London for Anthony Kytson." 
Desgl. „by Abraham Vcle". (16. Jh.) Neu gedruckt bei W. Carew Hazlitt, Bernaus 
of the Early Populär Poetry of England. Vol. 8 (London 1866), 164 ff. 

Nr. 29. Englisch. Anlehnung. (?) 
Chaucer's „Assembly of foules". Vgl. weiter hinten S. 123. 



Die verschiedenen Vogelsprachen stehen, wie die genauere Unter- 
suchung ergeben wird, im verwandtschaftlichen Zusammenhange, indem 
die erhaltenen Fassungen auf ältere zurückweisen, deren veränderte 
und erweiterte Wiederholungen sie sind, und schliesslich sämmtliche 
Bearbeitungen sich als in verschiedenen Entwicklungsformen erhaltene 
Weiterbildungen und Nachahmungen eines nicht mehr vorhandenen 
Gedichtes des 13. oder 14. Jahrhunderts erweisen, welches das Motiv 
eines von Vögeln abgehaltenen Parlaments zuerst gnomisch verwertete. 
Der Grad der Verwandtschaft, in welchem die einzelnen Fassungen 
zu einander stehen, wird sich freilich nicht immer genau bestimmen 
lassen. Hierzu fehlen zu viele der Zwischenglieder, und auch dadurch 
wird die Untersuchung erschwert, dass die einzelnen Fassungen mehr 
durch ihre Form, als durch übereinstimmenden Wortlaut der Sprüche 
ihren Zusammenhang bekunden. Es war eben nicht schwer, an Stelle 
der Sprüche oder Ratschläge, welche eine ältere Dichtung bot, andere 
zu reimen und den Vögeln in den Mund zu legen. So kommt es, 
dass nur die näher verwandten Fassungen auch im Wortlaute zu- 
sammenstimmen. 

(Lehrhafte oder hansische Gruppe.) Wörtliche Übereinstimmung 
hat am meisten noch in denjenigen niederdeutschen Vogelsprachen 
Statt, welche vierzeilige Sprüche bieten (Nr. 1 — 4). Ganz nahe, fast 
wie Abschriften derselben Vorlage, stehen die Fassungen der Stock- 
holmer (Nr. 1) und Utrechter Handschrift (Nr. 3). Letztere bietet 
nur ein Bruchstück, aber die Sprüche, welche es enthält, kehren 
sämmtlich und zwar in derselben Reihenfolge in der Stockholmer 
Handschrift wieder. Es sind nämlich 

Utrecht. Hs. Spr. 1—7 = Jütische Hs. Spr. 35—41 
„ „ 8-10 = „ „ „ 43-45 

Ein ähnliches Verhältnis hat obgewaltet zwischen der Stock- 
holmer Vogelsprake und der Fassung, die der Veranstalter der unter 



107 

dem Titel „Niederdeutsches Reimbüchlein" neu herausgegebenen alten 
Spruchsammlung excerpirt hat. Es sind nämlich 

Reimb. Vs. 1939—42 = Stockh. Spr. 8 Reimb. Vs. 1967—70 = Stockh. Spr. 24 



1943—46 = 


99 


99 


9 


99 


„ 1971—74 = 


99 


19 


28 


1947—50 = 


99 


99 


10 


99 


„ 1975—78 = 


99 


19 


27 


1951—54 = 


99 


9) 


12 


99 


„ 1979—82 = 


99 


19 


30 


1956—58 = 


19 


19 


14 


19 


„ 1983—86 = 


99 


99 


34 


1959—62 = 


99 


99 


21 


99 


„ 1987—90 = 


99 


99 


37 


1968—66 = 


99 


19 


28 













Die oft gedruckten „ Werldtspröke" sind ein Auszug aus dem 
Reimbüchlein. Es erklärt sich hieraus, dass sich in ihnen die Sprüche 
der Stockholmer Handschrift 9 10 12 14 23 24 27 30 34 37 wieder- 
finden. Wenn ausserdem in ihnen noch aus der Stockholmer Fassung 
der Spruch 16 (= Weltspr. 94 in der Ausgabe des Reimbüchleins 
auf S. XXVII) begegnet, ist das ein neuer Beweis für die von mir 
ausgesprochene Ansicht, dass die Weltsprüche aus einem jetzt ver- 
schollenen Drucke des Reimbüchleins stammen, der älter war, als der 
in den Drucken des Vereins wiederholte. 

Auch die „Vogelsprake" des Druckes in München (Nr. 2) ist 
den bisher besprochenen Fassungen trotz der daneben bestehenden 
Verschiedenheit nahe verwandt. Es ist nämlich 



3 = Mü 


nch. 30 


St. 


32 = M. 26 


St. 


65 = 


M. 


38 


6 = 


, 31 


99 


41 = „ 11 


99 


66 = 


99 


28 


17 = 


, 24 


99 


42 = „ 42 


99 


72 = 


91 


39 


21 = 


, 44 


99 


46 = „50 


99 


74 = 


11 


20 


22 = 


, 38 


99 


49 = „ 37 


11 


76 == 


19 


15 


27 = 


, 44 


99 


51 = „ 46 


91 


79 = 


99 


5 


28 = 


, 10 















Die Feststellung der Tatsache, dass dem Verfasser des Reim- 
büchleins der Text einer Vogelsprache vorgelegen hat, welche der- 
selben Bearbeitung wie die Stockholmer angehörte, ist von Belang 
fiir die Frage nach der unmittelbaren Herkunft des Spruches im 
Lübecker Ratskeller. Die Stockholmer Vogelsprache bietet nämlich 
(vgl. Spruch 51) genau denselben Spruch. Da nun das Reimbüchlein, 
wo auch immer es Sprüche im Zusammenhange bietet, aus nieder- 
deutschen Drucken Lübecker oder Rostocker Officinen compilirt ist, 
so ergiebt sich, dass es in Lübeck eine wahrscheinlich dort gedruckte 
Vogelsprache gegeben hat, aus der der Spruch des Ratskellers ent- 
nommen werden konnte. Übrigens erklärt sich daraus, dass er einer 
Vogelsprache entnommen ist, auch die bildliche Darstellung des Hahnes 
und der Henne, die neben ihm angebracht ist. Jedesfalls braucht der 
Spruch nicht aus England unmittelbar durch den Stifter des Kamins 
herübergebracht zu sein, denn die Stockholmer Handschrift, die ihn 
enthält, ist älter als der Kamin, den er schmückt, und noch älter ist 
der Druck in München, der ihn gleichfalls (Spr. 46) bietet. Er muss 
also schon der gemeinsamen Vorlage der ganzen Gruppe angehört 
und bereits vor d. J. 1500 in Deutschland bekannt gewesen sein. 

Die Stockholmer, Utrechter, Lübecker und die Fassung des 



108 

Münchener Druckes lassen sich bei ihrer nahen Verwandtschaft als 
eine Gruppe oder Sippe zusammenfassen. Wie Herkunft der Hand- 
schriften und Sprachformen zeigen, sind die Texte dieser Gruppe in 
den Gebieten, die der hansische Handel beherrschte, verbreitet gewesen. 
In skandinavisches Gebiet, in die Niederlande, nach Lübeck, in das 
Quartier von Köln weisen die vier erhaltenen Fassungen, nach Eng- 
land, wie Walther gezeigt hat, der Alfredsspruch, da er schon in der 
gemeinsamen Vorlage aller Texte enthalten war. So scheint diese 
Bearbeitung zu der Litteratur zu gehören, welche, wie in der Ein- 
leitung zum Pseudo-Gerhard von Minden ausgeführt ist, ihre Entstehung 
den auswärtigen Contoren der Hansa verdankt. Sie mag deshalb, um 
eine zusammenfassende Bezeichnung zu gewinnen, die hansische oder 
auch, aus einem Grunde, der sofort dargelegt werden wird, die lehr- 
hafte Gruppe genannt werden. 

(Beratende Gruppe.) Der eben besprochenen Gruppe stehen alle 
übrigen in mittelniederdeutscher, mittelhochdeutscher und niederlän- 
discher Mundart überlieferten Vogelsprachen — von den Nachahmungen 
und den ausserdeutschen Dichtungen sehe ich zunächst ab — als eine 
zweite, besondere Gruppe gegenüber, welche man um den wesentlichsten 
Unterscheidungspunkt hervorzuheben die Gruppe der beratenden 
Vogelsprachen nennen könnte. Während nämlich in jener hansischen 
oder belehrenden Gruppe die Vögel moralische Wahrheiten von all- 
gemeiner Giltigkeit aussprechen oder doch solche an ihre Eigenschaften 
geknüpft werden, sind in der anderen, der beratenden Gruppe die 
Vögel als Ratgeber ihres Königs — als solcher erscheint bald der 
Zaunkönig, bald der Eisvogel oder Winterkönig — gedacht, dem sie 
in allgemeiner Reichsversammlung je nach ihrer Eigenart die guten 
Vögel gute, die bösartigen verwerfliche Ratschläge geben, nach denen 
er seine Herrschaft ausüben soll. Die Ratschläge widersprechen sich 
daher oft; wenn der edle Aar z. B. rät, der König möge im Geben 
milde sein, so entgegnet der böse Geier: „Herr, ihr könnt es durch 
Freigebigkeit dahin bringen, dass ihr selbst in Mangel kommt," oder 
er rät nach anderer Fassung: „Esst allein, was ihr habt!" 

Das Motiv des den König beratenden Reichstages ist gewöhnlich 
durch die Anfangsverse, durch die der Vogelkönig von seinen Unter- 
gebenen Rat erbittet, blos angedeutet. Nur in einem Falle (Nr. 13) 
leitet eine ausführliche Erzählung ein. Es wird darin ausgeführt, wie 
die Vögel sich auf Betrieb des Adlers versammelten, um zu ihrer 
aller Ehre und zur Wahrung des Friedens unter ihnen einen König 
zu wählen. Man wurde schlüssig, König solle sein, wer am höchsten 
fliege. Als nun der Adler so hoch er nur konnte sich in die Wolken 
hochgeschwungen hatte und schon glaubte, dass er nun König sein 
werde, erschien auf einmal über ihm der Zaunkönig, der sich listiger 
Weise unbemerkt im Gefieder des Adlers versteckt hatte und von 
diesem emporgetragen war. Der Adler zeigte sich darüber zwar so 
ergrimmt, dass der Zaunkönig schnell in ein Versteck flüchtete, be- 



109 

ruhigte sich aber bald und forderte selbst die Vögel auf, den Zaun- 
könig, der nun einmal höher als er geflogen war, einzuholen. Der 
Zaunkönig kommt darauf und bittet alle Vögel, zu seiner Ehre ihm 
zu raten. Dieselbe Vogelsprache unterscheidet sich von den sämmt- 
lichen Fassungen beider Gruppen auch noch dadurch, dass die Sprüche 
der Vögel nicht unverbunden aufeinander folgen, sondern durch er- 
zählenden Text verbunden sind. 

Der Gruppe der beratenden Vogelsprachen gehören an die 
Nummern 5 — 13. 

Von diesen Vogelsprachen sind die Wiener (Nr. 11) und die 
Fichard'sche (Nr. 10) so nahe verwandt, dass sie, wenn nicht in beiden 
die Reihenfolge der Vögel gänzlich verschieden wäre, trotz mancherlei 
Abweichungen nur als Abschriften desselben Textes aufgefasst werden 
könnten. Es ist nämlich 

Wiener Hs. Str. 1. 3. 4. 5. 6. 7. 9. 10. 11. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. etc. 
= Fichard's Hs. „ 1. 9. 10. 2. 19. 23. 3. 20. 11. 6. 24. 15. 29. 7. 25. 16. etc. 

Im übrigen sind die Übereinstimmungen zwischen den verschie- 
denen Fassungen nicht so hervortretend wie in der hansischen Gruppe. 
Schon darin zeigt sich die grössere Verschiedenheit, dass, während 
alle Fassungen jener Gruppe vierzeilige Strophen bieten, in dieser 
Sprüche mit zwei, vier, sechs und mehr Versen begegnen. Immerhin 
verraten auch hier vereinzelte wörtliche Übereinstimmungen, dass die 
verschiedenen Fassungen nicht blosse Nachahmungen verloren gegan- 
gener Vorbilder sind, sondern dass die Verfasser der einzelnen Vogel- 
sprachen zwar die Texte ihrer Vorlagen im allgemeinen mit grosser 
Freiheit umgestaltet und umgedichtet haben, dass sie daneben aber 
doch auch hin und wieder einzelne Strophen oder auch nur Verse der 
Vorlage wörtlich übernahmen. 

So findet sich eine Strophe der Stuttgarter Vogelsprache (Nr. 1 2) 
in der von Fichard veröffentlichten ziemlich wörtlich wieder, vergl. 

Stuttg. (Nr. 12) Str. 7. Fich. (Nr. 10a) Str. 4. 

Herre du solt neroen waz man dir git, Herre mm was man dir git, 

Gioube wol, gip nieinan nüt, Glob vil und gebe nymant nit, 

Ahte nüt waz man von dir klage, Was lit dir daran was vraant klage 

Durch daz man dir daz gnot zuo trage , Off das man dir das gut her drage 

Da mit sich din schätz gemeret, In stettigen kryg saltu dich lan 

Als mich mein Vernunft leret. So mögen wir gantz fülle gehan. 

Die Verwandtschaft, d. h. die mittelbare Abhängigkeit von der- 
selben älteren Vorlage, zwischen den zweizeiligen und mehrzeiligen 
Fassungen erweisen ausser dem Zusammentreffen des Eingangs in 
einem Falle 

(Nr 6.) (Nr. 12.) 

Die winterkoninc zevt: Regulus. 

Ich bids vch lieven heren Ich bitte euch herren alle sampt, 

Das ir mich raet min eren Sit ich uwer künig bin genant, 

Wie ich min zachin ane va Daz ir nement miner eren war, 

Das min rych in eren sta, Wie daz ich recht und eben far, 

Daz ich stände lasters fri, 
Als liep uch min hulde si. 



110 

die folgenden Übereinstimmungen: 

Nr. 5 (Haager Hs.). 
6. Die wuwe zeyt: 7. Die vle zeyt: 

Heere et si in velde of in straissin Here ir sult van den laden tyen 

So ensultu ghein man nicht laessin. Ynd alle zyt den heren vlyen. 

Nr. 10a (Fichart's Ha.). 
11. 27. 

♦Es sy off felde oder off strasen *Herre du solt dich von den luten tzyhen 

♦Du solt herre nymant nicht laszen ♦Und alle tziit dy herren flyhen 

Wann schlag barmherzikeit tzu rücken Es sy tag oder nacht so volge mir 

Und lasz uns die hüner plücken So du wilt drincken oder eszen 

Das wir in groszen füllen leben So mögen gut gewinnen wir 

Das rat ich und kömpt uns eben. So soltu diner frunde vergessen. 

Nr. 12 (Stuttgarter Hs.). 
9. Der wihe. 10. Die ule. 

Herre ich wil dir sagen Herre, waz du vahest an, 

Wilt du dich recht betragen, Daz sol dir noch glücke gan. 

So nim einen sitten an dich, ♦Du solt dich von den lüten ziehen 

Den von kindes uf habe ich ♦Und allzit die fromen fliehen 

Gefuret gar uff wilder haide, Und hüte dir vor der gemain, 

In holcz, uff velde und in weide: So hestu dinen willen allein. 
*Es sie uff velde oder uff stroszen, 
♦So soltu herre nieman niit erloszen. 

Fernere Übereinstimmungen zeigt die nachfolgende Zusammen- 
stellung: 

Nr. 5 (Haager Hs.). 
2. Die aren zeyt: 11. Die hoppe zeyt: 

Here ymmer west mit rade milde Here mich dunket dat beste 

Sone wirt vr goet nemmer wilde. Onreyn te zin bewiset min neste. 

Nr. 6 (Wolfenbütüer Ha.). 
2. Arn. 28. Wedehoppe. 

Wes here mit rade milde Seet here in myn nest 

So en wert din ere nummer wilde. Unrenichet is aller best. 

Nr. 12 (Stuttgarter Hs.). 
2. Der adeler. 16. Der widehopf. 

♦Herre, ir sont mute sin und reht leben, ♦Herre, du mäht prüfen an mime nest, 

Lehen lihen rittern und knehten geben. ♦Unreine sin dunket mich daz best 

Noch eren süllent ir werben, Und dar zuo üppige zuo sin, 

Umb uwer lant sont ir sterben, Daz rüret zuo gewin, 

Und wenn die armen uch clagen, Als es mir ouch wol an stot, 

Daz süllent ir enden und nüt vertragen. Min hus buwe ich mit kot. 

Nr. 13 (Münchener Hs.). 
Der adler (Vs. 159 ff.). Der widhopf (Vs. 376 ff.). 

Tugent ere und miltikeit ♦Sih, herre, an mein nest! 

Schol allen künigen sein bereit. ♦Unflat dünkt mich das best. 

Der arm und der reich Also halt, herre, das haus dein, 

Schüllen im gefalln geleich; Als ich tuo das nest mein, 

Und scholt in gleich mit varn, So kümpt niemant gern zuo dir, 

Wolt ir gots gebot bewarn, Als die andern vogel tuon zuo mir. 
♦Und seit mit rat milde, 
♦So wirt euch das guot nit wilde. 



111 

Die Nürnberger Vogelsprache trifft an einigen Stellen gleichfalls 
mit anderen Fassungen zusammen, am häufigsten mit der Fichart'schen : 

Nr. 8 (Nürnberger Bs.). 
Stockar (Vs. 7 f.). Droschel (Vs. 57 f.). 

Herre, iz allein din spise Herre wiltu leben küniclichen 

So dunkestu mich wise. So riht dem armen als dem riehen. 

Nr. 5 (Haager Hs). Nr. 7 (Haager Hs.). 

3. Die ghier zeyt: Die tortelduve (Vs. 29 f.). 

Here is allene dine spise Here, seldi coninghen gheliken, 

So dunes du mich gar wise. Soe recht den aermen als den riken. 

Nr. 6 (Wdlfenb. Ha.). 

ghuz (lies ghiir) (Vs. 53 f.). ^ . , „ , 

Et allene, wat du hest r Es entsprechen sich ferner in ähn- 

ttaa* «™„™ «I™ ««„* lieber Weise wie in den hierneben ab- 

Bidde nummer nenen gast. gedruckten Stelleu die nachfolgenden 

Nr. 10 (Fichart's Hs.). Spr. 5. Strophen der Nürnberger und Fichart'- 

♦Here frisz allein was du hast schen Fas8un * : 
Und ruch nit wer dir verkeret das Nr. 8 Vs. 9. 10 == Nr. 10 Str. 6 

Wo es dir herre werden mag „ 29. 30 = „19 

Sprich alles here in mynen krag „ 39. 40 = „17 

Alles mir und nymant me „ 69. 70 = „ 24 

So dinen ich di vor al e. „ 71. 72 = „21 

Während sonst jede Vogelsprache der zweiten Gruppe wenigstens 
eine wörtliche Übereinstimmung mit den übrigen Fassungen enthält, 
die nicht zufällig sein sondern nur durch Entlehnung aus einer altern 
Vorlage erklärt werden kann, macht hiervon allein die Vogelsprache 
(Nr. 9) eine Ausnahme, die dadurch merkwürdig ist, dass sie einst in 
Kaiser Maximilians Gemach in Innsbruck auf die Wand gemalt war. 
Sie bietet nur eine Anzahl wörtliche Anklänge 1 ), im Übrigen ist sie 
jedoch nach Form und Gedankeninhalt trotz einiger Besonderheiten 
den altern Vogelsprachen zu ähnlich, als dass diese Ähnlichkeit sich 
anders als durch Abhängigkeit oder Nachbildung von einer älteren 
Vogelsprache der zweiten Gruppe erklären lässt. Ihr Dichter hat 
eben anscheinend nur wörtliche Entlehnungen vermieden. 

Die obigen Zusammenstellungen hatten zunächst den Zweck, zu 
erweisen, dass mannigfaltige wörtliche Übereinstimmungen zwischen 
den verschiedenen Vogelsprachen der beratenden Gruppe bestehen, und 
somit die Annahme gerechtfertigt erscheint, dass die ganze Gruppe 
auf ein einziges altes, vielfach wörtlich ausgeschriebenes Vorbild zurück- 
geht. Aber noch ein zweites lehren jene Zusammenstellungen. Ver- 
gleicht man nämlich die zwei- und die mehrzeiligen Ratschläge, so 
zeigt sich, dass die mehrzeiligen unter sich, wo sie überhanpt wört- 
liche Übereinstimmungen zeigen, diese gerade in den Zeilen und 



') Specht: Her du solt nemen und raissen Witwen und den wayssen. Vgl 
Nr. 10 S. 9: Du solt in dinen reiszen Nemen wytwen und weysen. — Zeysl: Herr 
den armen tayl die speis dein In parmbhertzigkait lass dirs bevolhn sein. Vgl. 
Nr. 10 8. 24: Den armen deil mit dy spise din . . . Und mynne barmhertzikeit. 



112 

Worten bieten, welche sich auch in den zweisilbigen *) finden. Es geht 
hieraus hervor, dass die mehrzelligen aus zweisilbigen erweitert sind, 
d. h. dass die ursprüngliche Fassung zweisilbige Ratschläge bot. Diese 
Fassung muss, da die ältesten Handschriften mit deutschen Vogel- 
sprachen aus dem 14. Jahrhundert sind, auch spätestens diesem Jahr- 
hundert angehört haben, und es erscheint nun nicht mehr als Zufall 
dass diese ältesten Handschriften (Nr. 5 — 7) gerade Vogelsprachen 
mit zweizeiligen Katschlägen enthalten. 

In den Vogelsprachen der beratenden Gruppe finden sich Sprüche, 
die zu gutem, vermischt mit solchen, die zu bösem raten. Die An- 
ordnung in den verschiedenen Dichtungen weicht nun derartig ab, 
dass in vielen je ein gutes und je ein böses empfehlender Vogel ab- 
wechseln (Schema: g b g b g b), in andern kommen erst sämmtliche 
gute, dann sämmtliche böse Vögel (g g g g b b b b), in andern 
wechseln Reihen ab (g g g b b b g g b b). Das erste jener Schemata 
ist offenbar das ursprüngliche, denn wenn z. B. der Adler empfiehlt 
„Sei freigebig" und der Geier „Iß allein was du hast", so gehören 
beide Ratschläge wie Rede und Widerrede zusammen. Die Gründe, 
warum in vielen Fassungen die alte Anordnung umgestossen ist, mögen 
verschiedenartig sein, in einem Falle lässt sich jedoch die Ursache 
dieses Vorgangs klar erkennen. 

In der „Ratsversammlung der Tiere u (Nr. G) sprechen zunächst 
alle guten, dann alle bösen Tiere ihren Rat aus. Von den guten 
redet als letztes das Einhorn als Symbol der Keuschheit. Seine Worte 
sind bisher stets falsch verstanden, sie lauten: 

Du scalt kuscheit plegen, Du sollst Keuschheit üben, 

So machstu iu eren streven. So kannst du in Ehren dastehen. 

Dar is jo de valscheit myn, Da die Schlechtigkeit weniger (d. h. 

To der lochteren siden, here, ek bin. nicht) ist, 

Auf der linken Seite, Herr, bin ich. 

Der Ausdruck c to der lochteren siden' erklärt sich so: Die Vor- 
lage, aus der dieser Text stammt, hatte die gutes ratenden Tiere, 
wie es das nebenstehende Schema veranschaulicht, unter- 
1 (g) 2 (b) einander auf der linken Hälfte eines Blattes der Hand- 
r fä\ « a\ sc hrift angeordnet, die böse Grundsätze empfehlenden 
7 (g) 8 (») Tiere daneben auf der rechten Blatthälfte. Die letzten 
9 (g) 10 (b) beiden Verse 2 ) des Einhorns deuten nun mit dem Hin- 
weis, dass er zur linken Tierreihe gehöre, darauf, dass 
es zu den guten Tieren gehöre. Indem ein späterer Schreiber dann 
ohne Verständnis der Anordnung die Sprüche der Reihe nach von 
oben nach unten copirte, entstand das Schema g g g ... b b b ... 

Es genügt für die Zwecke dieser Abhandlung der Nachweis, dass 
die Vogelsprachen Nr. 5 — 13 eine besondere Gruppe bilden und diese 
Gruppe eine gemeinsame Vorlage in einem verlorenen Gedicht spätestens j 

') Die in Betracht kommenden Verse der mehrsilbigen sind vorn mit einem 
* ausgezeichnet. 

*) Sie sind übrigens sicher späterer Zusatz. 



113 

des 14. Jahrhunderts gehabt hat. Mit Hilfe von Zusammenstellungen, 
die aber ungebührlich viel Baum beanspruchen, würde es möglich 
sein, über das Verwandtschaftsverhältnis der Fassungen unter sich 
einige sichere Ergebnisse zu gewinnen und einen Teil des Inhalts der 
gemeinsamen Vorlage zu ermitteln. Das Ergebnis würde sein, dass 
die gemeinsame Vorlage aller hochdeutschen Vogelsprachen so ziemlich 
mit der Fassung der Hulthemschen Handschrift zusammenstimmt, die 
nach Jul. Zachers Abschrift von Massmann (Nr. 5) veröffentlicht ist. 
Da dieser Text wenig Kaum beansprucht, sei er hier wiederholt, 
er zeige, wie klein und unscheinbar der Spross eines Zweiges der 
mittelalterlichen Spruchdichtung war, dem so viele und z. Th. auch 
umfangreiche Dichtungen in deutschen und, wie wir sehen werden, 
auch fremden Mundarten erwachsen sind. 

Die Anordnung des Abdruckes lässt auf einen Blick erkennen, 
dass immer zwei Sprüche (2 und 3, 6 und 7 usw.) in der Art einander 
entsprechen, dass was der linke rät, der rechte widerrät. Ausnahme 
machen nur Spruch 5 und 15, sie sind offenbar spätere Zutat, welche 
an die Stelle der ursprünglichen Gegensätze zu Spruch 4 und 14 
getreten ist. Die niederländischen Formen, welche der Text bietet, 
sind augenscheinlich Änderungen eines Schreibers. Vorher war, wie 
die Keime erweisen, der Text mitteldeutsch gewesen. 

1. Die winterkoninc zeyt: 1 ) 
Ich bids uch lieven heren, 
Das ir mich raet min eren, 
Wie ich min zachin aneva, 
Das min rych in eren sta. 

2. Die aren zeyt: 3. Die ghier zeyt: 

Here, ymmcr west mit rade müde, Here, is allene dine spise, 

Sone wirt ur goet nemmer wilde. So dunes du mich gar wise. 

4. Die valc zeyt: 5. Die wuwe zeyt: 

Here, zyt werachtich jegen u viande, Heere, et si in velde of in straissin, 

Hout goeden vrede in uwen lande. So ensaltu ghein man nicht laissin. 

6. Die havic zeyt: 7. Die ule zeyt: 

Here, zyt guiden luden heymelich, Here, ir sult van den luden tyen 

En armt uch niet und macht u ryc. Und alle zyt den heren vlyen. 



>) Spr. 1 vgl. Nr. 5, 1; 8, 1; 10, 1; 13 V. 151. 

Spr. 2 vgl. Nr. 1, 6; 4, 81; 6 V. 3; 7, 1; 8 V. 5; 10, 2; 12, 2; 13 V. 165. 

Spr. 3 vgl. Nr. 6 V. 53; 8 V. 7; 10, 5. 

Spr. 4 vgl. Nr. 6 V. 9; 8 V. 9; 12, 8. 

Spr. 5 vgl. Nr. 10, 11; 12, 9; 13 V. 318. 

Spr. 6 vgl. Nr. 10, 7; 12, 4. 

Spr. 7 vgl. Nr. 6 V. 59; 10, 27; 12, 10; 13 V. 363. 

Spr. 8 vgl. Nr. 6 V. 21; 7 V. 9; 10, 6. 

Spr. 9 vgl. Nr. 6 V. 73; 12, 8; 13 V. 339. 

Spr. 11 vgl. Nr. 6 V. 61; 12, 16; 13 V. 376. 

Spr. 12 vgl. Nr. 6 V. 11; 12, 18. 

Spr. 13 vgl. Nr. 6 V. 69; 12, 17. 

Spr. 16 vgl. Nr. 7 V. 51; 12, 15. 

Niederdeutsches Jahrbuch. XIV. Q 



114 



8. Die sporwer zeyt: 
Here, war hout uwe wort, 
Die bogen (lies logen) vliet als quade mori 

10. Die papegay zeyt: 
Here, werlich (lies werdich) hout uwe reste, 
Men prueft den wert bi zinen geste. 

12. Die tortelduwe zeyt: 
Here, wie u gut raet, den haet wert, 
Er is, die ure eren ghert. 

14. Die gans zeyt: 
Here, ich zuen, das der buesen raet 
Heren und land verderft haet. 



9. Die rauen zeyt: 
Here, dune machs niet genesen, 
Du enwilt scalc und untrou wesen. 

11. Die hoppe zeyt: 
Here, mich dunket dat beste 
Onreyn te zin, bewiset min neste. 

13. Die elster zeyt: 
Here, wie melden und claffen kan, 
Es nu te hove der liever man. 

15. Die pauwe zeyt: 
Here, deys du na der bueser raet, 
So werts du metten boesen quaet 



(Nachahmungen.) Mehr vielleicht noch als die verhältnismässig 
grosse Zahl der Handschriften und Drucke, welche Vogelsprachen ent- 
halten, bekundet die Volkstümlichkeit dieser Dichtungsart der Um- 
stand, dass sie vielmals Nachahmung bei späteren Dichtern gefunden 
hat, sei es, dass diese das Motiv einer beratenden Vogelversammlung 
verwerten, sei es, dass sie einzeln Vögeln Lehren in den Mund legen 
oder aus deren Eigenart entwickeln. 

Die hervorragendste Dichtung unter diesen Nachahmungen ist 
die Synodus avium depingens miseram fadem Ecclesiac, propter eer- 
tamina quorundam qui de Primatu contendunt^ cum oppressione rede 
merüarum (Nr. 15). Der Verfasser ist der Wittenberger Professor 
Johann Major 1 ), der ein ebenso eifriger als streitlustiger Anhänger 
Melanchthons war und in seinen Gedichten die Gegner der philippi- 
stischen Richtung aufs massloseste befehdete. Auch die Synodus ist 
ein Angriff auf dieselben ; mit den Vögeln, die auftreten, sind nämlich 
die namhaftesten Vertreter der sich gegenseitig befeindenden theolo- 
gischen Parteien gemeint. Es wird erzählt, dass nachdem der Schwan 
(d. i. Luther) gestorben war, die Vögel eine Versammlung abhielten, 
um seine Stelle durch ein neues Oberhaupt zu besetzen, der die sang- 
reichen Stellen der Vögel zusammenordnen, Recht sprechen und den 
Streit schlichten könne. Ein Teil der Vögel erklärte sich darauf für 
den Kukuk (Flacius), andere waren für den Hahn (Nie. Gallus), andere 
für die Amsel (Amsdorf), die verständigeren Vögel stimmen dagegen 
einmütig für die Nachtigall (Melanchthon). Das Gedicht schildert 
dann die Ränke, durch welche die einzelnen Vögel ihre Partei zu 
stärken und die Wahl Melanchthons zu hintertreiben sich bemühen. 

Schon diese kurze Andeutung über den Inhalt der Dichtung 
Majors lässt erkennen, dass dieser das Motiv eines Vogelparlaments 

') Aucb andere Gedichte Majors handeln von Vögeln, unter denen Zeit- 
genossen des Dichters zu verstehen sind. Bei Majors Schüler Georg Rollenhagen 
ist Ähnliches der Fall, nicht nur im Propemptikon (Geschichtsblätter für Mag- 
deburg 24 S. 93), sondern auch im Froschmeuseler. Wenn PHILippOs MELAnch- 
thon „Nachtigal" genannt ist, so spielt das auf seinen Namen an. Vgl. auch P. CasseFs 
Aufsätze über Joh. Stigel im 'Sunem'. Jg. 13 (1887), S. 250 ff. 258 ff. 



115 



in einer Weise ausgestaltet hat, dass die Ausfahrung kaum noch an 
die alten einfachen Vogelsprachen erinnert. Am ehesten könnte man 
noch an ein Vorbild ähnlich der Münchener Fassung (Nr. 13) denken, 
wenn die Annahme unstatthaft sein sollte, dass Major den Pavo (Nr. 
29), von dem noch später die Rede sein wird, gekannt und nach- 
geahmt haben kann. 

Von den übrigen Nachahmungen der Vogelsprache sind mehrere 
geistlich gewendet. So die Dichtung des Hans Sachs (Nr. 16), in 
welcher gerade so wie in der Vogelsprache Nr. 6 erst die guten, dann 
die bösen Vögel an die Reihe kommen. Das Wahlmotiv ist aufgegeben, 
und es bleiben, wie in den Vogelsprachen der hansischen Gruppe, nur 
einzelne Vögel und Lehren, die an sie geknüpft sind. Die Art, in der 
das geschieht, lässt schon der erste Spruch genügend erkennen: 

Der Adler in die Sunnen sieht 
Also ein Christ schaut in dem Liecht 
Das Wort Gottes; was Gott begert, 
Lieht in für alle Ding auff Erd. 

Eine dritte geistliche Umgestaltung ist das in Handschriften und 
Volksblattdrucken des 17. und 18. Jahrhunderts oftmals begegnende 
— bis jetzt sind etwa zehn verschiedene Überlieferungen bekannt — 
Gedicht „Das geistliche Vogelgesang al ). Die Gegenüberstellung der 
guten und bösen Vögel findet nicht Statt. Der Adler, „der aller Vögel 
König ist", macht den Anfang, dann folgen Amsel, Bachstelz, Cana- 
rienvogel, Dahl, Emmerling, Eul, Fink, Grasmuck, Gumpel, Hahn und 
Henne, Immen usw. Die Ordnung ist also alphabetisch. Als Probe 
sei herausgehoben: 



Anfang : 
Wohlauf, ihr klein Waldvögelein, 
Alles was in Lüften seh weht, 
Stimmt an, lobt Gott den Herren mein! 
Singt an, die Stimm erheht! 
Dann Gott hat euch erschaffen 
Zu seinem Loh und Ehr; 
Gsang, Feder, Schnabel, Waffen 
Kommt alles von ihm her. 



Widhopf. 
Der Widhopf ist gar wohl geziert 
Und hat doch ganz kein Stimm; 
Sein Cron er allzeit mit sich führt, 
Ist doch nichts hinder ihm. 
Wie mancher brangt in Kleider, 
Als wann er war ein Graf: 
Sein Vatter ist ein Schneider, 
Sein Bruder hüt die Schaf. 



Andere Gedichte, die ähnlich dem Geistlichen Vogelgesang die 
Eigenschaften und auch die Stimme der Vögel erbaulich und belehrend 
verwerten, seien in der Anmerkung verzeichnet 2 ). 



l ) Vgl. oben S. 105 Nr. 17. Ganz verschieden davon ist „Ein Schön New 
Liedt genandt das Vogelgesang." (Gödeke Grundrisz 2. Aufl. 2, 253 Nr. 4a.) 
*) Lied 'Ick genck my dorch den gronen woldt 
Dar sungen de vogelkens iunck und olt etc.' 
Xd. geistliche Lieder aus dem Münsterlande, hrsg. von B. Hölscher (1854) S. 74 ff. 
— *Vier Christliche anzcygungen und bedeütungen, In diser frölichen angehenden 
Sommerszeyten lustig zu behertzigen: Warumb . . Gott . . dem Guckguckh, der 
Ganss, dem Raben und der Eulen jr angeborne stimm also angeordnet . . . Durch 
J. J. Gugger. Freyburg 1593.' Hrsg. von Crecelius: Alemannia hrsg. von A. Bir- 
linger Bd. 7 (1879), 220 ff. — Lied: Ad peccatorem „Het is genoch geschlapen 
TJ weckt die na— na-na— nachtigal, mensch van gott geschapen, In dese 11 — 11 — 



116 

I 

Die jüngste mir bekannt gewordene Nachahmung stammt aus 
d. J. 1700 (Nr. 18). Sie führt in der Handschrift, welche sie enthält, 
den Titel »Vogel-Schul Worinn Auss Eigenschafft und Natur auch der 
lieben Vogelein gewisse Tugenden zu lernen, und Untugenden oder Laster 
zu vermeiden begriffen zu Pappir gesetzet im Jahr unssers Hcyls 1700 
Und zum Heyligen Namens- Tag Offeriri Dem Wd Ehrwürdigen etc. 
Herrn Urbano Francisco Vogd Dess Heyligen Canonischen Ordens von 
Lateran Professor zu Bresslau auf der Insul Sand, im hoch-löblichen 
gestift unsser lieben Frauen Priester etc." Sie war also einem Geist- 
lichen Namens Vogel zu seinem Namenstage gewidmet. Es liegt also 
die Vermutung nahe, dass der Name des Gefeierten dem Verfasser 
Veranlassung zu der von ihm gewählten Dichtungsform gegeben hat. 
Genannt hat sich der Dichter nicht, am Ende der Vorrede finden sich 
jedoch die Verse: 

Wil man wissen, wer ich bin? 
Ich heiss Frisch, Freilich, und Kin. 

Als Probe sei hier abgedruckt: 

Widehopff. 
Mit schönen Federn ist die Widhopff zwar gezihrt: 
Aber ein' üblen Stand in ihrem Näst sie führt: 

Auss hoch-stinckendem Koth ist, und wird sie gebrütt, 
Bringet auss ihrem Näst auch nichts, als Unflath mittl 
An der Widhopffen kan sich iederman ersehen, 
Und was die Hoffart sey genüglichen verstehen: 

Die Hoffart, wie man deutsch zu sagen pflegt, stinckt 
Und doch fast alle Welt nach diesem Laster ringt. 
Lass ringen wer da wil: der Hoffart du nichts achte: 
Hoffart und Übermut auss gantzem Grund verachte; 
Ergebe, Mensch! vielmehr der edlen Sanftmut dich, 
Ess wird der grosse Gott mit dir austheilen sich. 

Behandelt sind im Ganzen 59 Vögel; Adler, Auerhahn, Ambsel, 
Aglester, Bachstelz, Byroll, Birkhun, Cukuk, Distelfink, Drossel usw. 
Die Reihenfolge der Vögel ist also wie im Geistlichen Vogel-Gesang, 
der dem Verfasser bekannt und Vorbild war, die alphabetische. 

Neben diesen eigentlichen Nachahmungen der alten Vogelsprachen 
muss auch noch auf einige blosse Anlehnungen an dieselben hinge- 
wiesen werden. Eine solche findet sich im Reinke Vos zu Anfang des 
zweiten Buches und umfasst die Verse 3247 — 3274, für welche sich 
im niederländischen. Reinaert nichts entsprechendes findet. Dieselben 
sind also von einem der Bearbeiter, und zwar wie Prien ansprechend 
ausführt, von Hinrek von Alkmer hinzugefügt. Seine Bearbeitung fällt 
in das vorletzte Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts, also in eine Zeit, in 
der bereits zahlreiche Vogelsprachen die allgemeine Beliebtheit be- 
kunden. Das in den Reinke eingelegte Vogelgespräch stellt eine Sprake 
oder Beratung verschiedener Vögel dar, welche die gegen den Fuchs 
gerichtete Klage zu unterstützen beschüessen. Es erinnert an die 

li — li dal etc." Aus einer Hs. Hölschers mitgeteilt von Crecelius, Alemannia 12 
(1884), 73 f. 



117 

Vogelsprachen durch die hinzugefügten Abbildungen von Vögeln und 
die Gleichzeitigkeit der von den einzelnen Vögeln gehaltenen Reden. 
lls weicht von den deutschen Fassungen ab, indem es sich (wie in 
27 — 29) um eine Klage, nicht um allgemeine oder einem Könige er- 
teilte Lehren handelt. 

Auch einige niederdeutsche Loosbücher (Nr. 20. 21) haben das 
Ansehen von Vogelsprachen. Nr. 20 trägt sogar den Titel „Vogel- 
spnike*, ohne jedoch mehr als äusserliche Ähnlichkeiten zu bieten, 
nämlich vierzeilige Sprüche, die Vögeln in den Mund gelegt sind. 

(Verhältnis der deutschen Gruppen £u einander.) Vergleicht man 
die Texte der hansischen mit sämmtlichen Vogelsprachen der beratenden 
Gruppe, so findet sich, abgesehen von vielleicht zufälligen Anklängen 1 ), 
nur eine einzige Übereinstimmung des Wortlautes, welche den ver- 
wandtschaftlichen Zusammenhang der beiden Gruppen sicher stellt 
und der Mühe überhebt, ihn aus andern Gründen folgern zu müssen. 
Diese Stelle findet sich im Spruche des Adlers: 

Nr. 1 (Stockh. Hs.) Spr. 6. Nr. 4 (Münchener Dr.) Spr. 31. 

Met rade schaltu wesen milde, Wes mit rade milde 

Uppe dat din gut di nicht en wilde. So wert di dat goed nicht wilde. 

We sin god nicht holt an hode, Bistu nicht milde bi raede, 

De lidet (lichte) grote armode. Dat rouwet di to spade. 

Entsprechend bieten: 

Nr. 5. Nr. 6. 

Here, ymmer west mit rade milde, Wes here mit rade milde, 

Sone wirt ur goet nemmer wilde. So en wert din ere nummer wilde. 

Diese Übereinstimmung deutet zugleich darauf, dass die hansische 
Gruppe sich an eine alte Fassung der beratenden Gruppe, welche 
zweizeilige Sprüche bot, angelehnt hat. Näher lässt sich diese Vorlage 
nicht bestimmen, da die hansische Gruppe so durchgreifende Änderungen 
in Bezug auf Inhalt und Form der Sprüche zeigt, dass eben nur jene 
einzige wörtliche Übereinstimmung geblieben ist. 

Von den Nachahmungen gehen die niederdeutschen Gedichte auf 
Vorbilder der hansischen, die hochdeutschen auf Vorbilder der bera- 
tenden Gruppe zurück. Wenn trotzdem die hochdeutschen Nach- 
ahmungen späterer Zeit weniger ihren Vorbildern als vielmehr den 
Bearbeitungen der hansischen Gruppe gleichen, so ist diese Über- 
einstimmung einerseits die Folge davon, dass das Motiv der Beratung 
des Königs wegfiel, anderseits hängt sie damit zusammen, dass nach 
der Reformation die Dichter ihre Aufgabe in Belehrungen religiösen, 
sittlichen oder praktischen Inhalts sahen. 

(Böhmische Gruppe.) Eine besondere Abzweigung der Vogel- 
sprachdichtung hat sich in Böhmen entwickelt. Hier vollendete i. J. 

*) Stockh. 85. Du schalt dy theen van velen luden, vgl. Nr. 6 Spr. 7: 
Here, ir sult van den luden tyen. 



118 

1394 oder 1395 Smil von Pardubic mit dem Beinamen Flaschka, der 
einem der vornehmsten Geschlechter Böhmens angehörte und an der 
Universität Prag das Baccalaureat erlangt hatte, ein umfangreichem 
Lehrgedicht unter dem Namen Nova rada d. h. Neuer Rat. (Nr. 22.) 
Der Inhalt desselben ist in Kurzem folgender. Als der junge Löwe 
nach dem Tode seines Vaters den Thron bestiegen hatte, entbietet er 
alle Grossen des Tierreichs zu sich und auch den ihm dienstbaren 
König der Vögel, den Adler, sammt dem ganzen Geflügel. Als sich 
alles um ihn geordnet hatte, forderte er die Versammlung und zunächst 
den Adler auf, ihm, der noch jung und wenig erfahren sei, Rat zu 
erteilen, wie er zum Gedeihen seines Reiches über dieses herrschen 
müsse. Es treten auf diese Aufforderung abwechselnd immer ein Tier 
und ein Vogel vor ihn und sprechen in durchweg höfischer Form ihre 
Meinung aus. Zuerst der Adler, dann folgen Leopard, Falke, Bär. 
Kranich, Wolf, Geier, Hirsch, Pfau, Ross, Hahn, Ochs, Gans, Esel 
Taube usw., im Ganzen ohne den König 44 Tiere und Vögel, von 
denen nur wenige (etwa Bär, Wolf, Geier, Gans, Schwein, Luchs und 
Affe) boshafte Natur durch ihren Ratschlag beweisen. 

Eine zweite Dichtung derselben Art ist die altböhmische Rada 
zwirat, d. h. Rat der Tiere (Nr. 23), eines unbekannten Verfassers, 
die in der Fassung, in der sie erhalten ist, aus dem 15. Jahrhundert 
stammt und zum ersten Mal 1628 gedruckt ist. Es ist ein sehr um- 
fangreiches Werk, in dessen erstem Buche 22 Vierfüssler auftreten, 
während im zweiten 24 Vögel zu Worte kommen und das dritte Buch 
den Insekten, Schlangen und Fischen gehört. Die Ratschläge sind 
nicht an den König der Tiere oder Vögel gerichtet, sondern jedes 
Geschöpf giebt in längerer Rede dem Menschen eine gute Lehre, der 
darauf einige Worte erwidert. Wie in der Nova rada geben auch in 
der Rada zwirat zu den Worten eines Tieres eine Anzahl anderer 
ihm verwandter Tiere ihre Zustimmung. Eigentümlich ist der Rada 
zwirat die gelegentliche Bezugnahme auf die äsopische Fabeln, deren 
Kenntnis der Dichter bei seinen Lesern also vorausgesetzt hat. 

Eine jüngere der böhmischen Gruppe angehörende Dichtung ist 
die 1520 zum ersten Male und später noch dreimal gedruckte Thcri- 
abülia (Nr. 24) des Olmützer Bischof Johannes Dubravius. Dieselbe 
ist eine freie Bearbeitung des Neuen Rates Smils von Pardubic. Wie 
bei diesem ist auch bei Dubravius der Löwe der König der Tiere, 
der die Grossen seines Reiches beruft, um ihm, der soeben den Thron 
bestiegen kat, Rat zu erteilen. Wie im Neuen Rat wechselt von den 
45 Tieren, die auftreten, immer ein Vierfüssler mit einem Vogel ab. 
Während jedoch bei Smil wenigstens noch einige Tiere der ihnen 
angeborenen Eigenart gemäss Ratschläge erteilen, die gegen das 
menschliche Tugendgesetz Verstössen, sind bei Dubravius alle Tiere 
voll Empfehlungen der Tugend und Sittlichkeit. 

Von den drei Bearbeitungen der böhmischen Gruppe nimmt der 
Neue Rat Smils von Pardubic in der altböhmischen Litteraturgeschichte 
eine hervorragende Stelle ein und ist oftmals und besonders eingehend 



119 

von Feifalik *) behandelt worden. Wenn ich Feifaliks Arbeit bei meiner 
Unkenntnis der böhmischen Sprache einerseits meine Wissenschaft von 
den altböhmischen Fassungen zum grössten Teile verdanke 2 ), so muss 
ich doch anderseits den litteraturgeschichtlichen Ergebnissen seiner 
Untersuchung in wesentlichen Punkten widersprechen. 

Nach Feifalik soll sowohl die Nova rada als die Rada zwirat 
Benutzung des bekannten mittelalterlichen Physiologus zeigen. Ferner 
seien die prosaischen Einleitungen, welche im Rada zwirat den ein- 
zelnen Abschnitten vorangehen, erst im 15. Jahrh* eingefügt, die 
Dichtung selbst sei jedoch älter als die Nova rada Smils. Dieser habe 
die Rada zwirat benutzt, indem er den Gedanken, den er darin fand, 
in seinem Sinne ausgebildet habe. Drittens möge Smil wohl gleichfalls 
das von Bruns als Ratsversammlung der Tiere herausgegebene nieder- 
deutsche Gedicht (Nr. 6) gekannt und aus ihm die Idee geschöpft 
haben, den Löwen als König die Tiere berufen zu lassen. 

Von allen diesen Annahmen ist nur soviel beweisbar, dass Smil 
eine deutsche Vogelsprache gekannt und nachgeahmt hat. Als diese 
deutsche Quelle gerade die niederdeutsche von Bruns herausgegebene 
Ratsversammlung anzusehen — eine andere Fassung war Feifalik 
nicht bekannt geworden — liegt kein Grund vor, man wird vielmehr 
an eine ihr ähnliche verlorene hochdeutsche Bearbeitung des 14. Jahr- 
hunderts zu denken haben. Auf eine der deutschen Vogelsprachen 
als Quelle weist es, wenn übereinstimmend mit diesen auch in der 
Nova rada der Adler zuerst dem Könige ratet und ihm (wie in Nr. 
1. 4) Freigebigkeit anempfiehlt. Eine andere Übereinstimmung (mit 
Nr. 6) findet sich nach Angabe Feifaliks in dem Ratschlage, den der 
Pfau giebt 8 ). 

Ferner konnte weder aus dem Physiologus noch aus der Rada 
zwirat, sondern nur aus einer Vogelsprache der beratenden Gruppe 
von Smil das Motiv eines durch den König der Tiere berufenen Reichs- 
tages und der Wechsel guter und schlechter Ratschläge entnommen 
werden. 

Feifalik nennt zuerst als Quelle Smils den mittelalterlichen Phy- 
siologus und verweist zur Begründung seiner Ansicht auf angebliche 
Übereinstimmungen zwischen der Nova rada und dem Physiologus. 
Diesem soll es entlehnt sein, wenn Smil den Leopard zur Frömmigkeit, 
das Einhorn zu keuscher Enthaltsamkeit, den Elephant zur Bekämpfung 
böser Begierden raten lässt. Thatsächlich kennt der Physiologus aber 
gar nicht den Leopard, weshalb Feifalik statt seiner auf den Panther 

*) Studien zur Geschichte der altböhmischen Literatur. III. Wien 1860 (= 
Sitzungsberichte der phiL-hist Classe der K. Akad. d. Wiss. in Wien Jahrg. 1869 
Bd. 32 S. 685—718). 

*) Die unter dem Titel „Der neue Rath des Herrn Smil von Pardubic, nebst 
dessen übrigen Dichtungen, deutsch bearbeitet von Joh. Wenzig. Leipzig 1855" 
erschienene Übersetzung kürzt so sehr das Original und verfahrt auch sonst durch 
Umstellung u. a. so willkührlich, dass sie fast keinen Nutzen gewährt. 

*) Feifalik S. 19. Wenzig's sogen. Übersetzung lässt vollständig im Stich, 
bei ihm kommen auf den Pfau acht, im Original 26 Verse. 



120 

verweisen muss. Aber auch dieser darf nach dem Physiologus, der 
seine verschiedenen Farben usw. den verschiedenen Eigenschaften und 
dem Dulden des Heilandes vergleicht, nicht als Symbol der Fröm- 
migkeit, sondern vielmehr nur als Symbol der Demut aufgefasst werden. 
Was zweitens das Einhorn betrifft, so steht im Physiologus nur, dass 
es von reinen Jungfrauen sich greifen lässt. Das Mittelalter sah es 
dagegen als Symbol der Keuschheit an. Dass Smil, dessen Quelle also 
der Physiologus beim Einhorn nicht war, hier gleichfalls durch seine 
deutsche Vorlage beeinflusst sein konnte, zeigt der oben S. 112 ab- 
gedruckte Spruch des Einhorns aus der 'Ratsversammlung der Tiere', 
den Feifalik mit mehr Hecht hätte anziehen können. Drittens soll 
zum Physiologus stimmen, wenn der Elephant den Kampf gegen böse 
Begierden empfiehlt. Im Physiologus steht aber nur, dass er keine 
Begier nach Fleisch hat und durch Genuss einer Wurzel sich geil 
macht, er wird auf Adam und Eva gedeutet, die von der Schlange 
verführt von der verbotenen Frucht assen und alsdann in gegenseitiger 
Lust entbrannten 1 ). Somit stimmt auch hier der Physiologus nicht 
im geringsten zur Nova rada. 

Feifalik vertritt die schon vor ihm ausgesprochene Ansicht, die 
Nova rada habe eine direkte politische Tendenz und unter dem Löwen 
sei König Wenzel zu verstehen. Die reiche Anzahl der von mir 
zusammengestellten Vogelsprachen, in denen viele der Nova rada 
ähnliche, an einen König gerichtete Ratschläge ausgesprochen werden, 
wird gegen diese politische Deutung um so eher vorsichtig machen, 
als das handschriftlich überlieferte Entstehungsjahr der Nova rada, 
nämlich 1395, gar nicht damit im Einklänge steht, dass z. B. Wenzel, 
der damals 35 Jahre alt und bereits 17 Jahre König gewesen war, 
als Junger Knabe geschildert und Krcilovice genannt und ihm, der 
damals zum zweiten Male verheiratet war, der Rat gegeben wurde, 
nicht wieder zu heiraten, wenn er etwa Witwer würde (Feifalik p. 13). 
Feifalik glaubt deshalb entgegen der Angabe beider Handschriften die 
Entstehungszeit in frühere Jahre verlegen zu müssen. Wenn ich eine 
Vermutung aussprechen darf, die mit der Feifaliks freilich gemein 
hat, dass sie sich nicht beweisen lässt, aber vor ihr voraus hat, dass 
sie mit bekannten oder nachweisbaren Tatsachen nicht im Widerspruch 
steht, so ist es folgende. Smil hat eine Vogelsprache benutzt, in denen 
wie in manchen deutschen Fassungen neben Vögeln auch Vierftissler 
erscheinen (wie z. B. in Nr. 6). Der König hiess in dieser Vogel- 



*) Wie gesucht und hinfällig in Bezug auf den Physiologus die Beweis- 
fuhrung Feifaliks ist, zeigt auch seine Anmerkung 24 (auf S. 11): „Der Elephant 
rät in der Nova rada zur Kinderliebe; man vergleiche damit das Bild im Gött- 
weiher Physiologus [Archiv f. Kunde östr. Geschichtsquellen. Jg. 1850. Bd. 2. Tafel 
III Nr. 7], wo der Elephant sein Junges hegt." Das Bild zeigt nun den 
weiblichen Elephanten bis zum Bauche im Wasser und zwischen seinen Beinen sein 
Junges, während ein anderer Elephant ausserhalb des Wassers steht. Das Bild 
illu8trirt offenbar die Angabe des Physiologus, dass der Elephant bis zum Bauche 
ins Wasser geht, wenn er gebären will, und der männliche Elephant währenddes 
am Ufer wacht 



121 

spräche, wie gewöhnlich in den hochdeutschen Fassungen Regulas oder 
Künigd (vgl. Nr. 9, 11, 12 u. a.). Smil, dem das deutsche Mährchen 
vom Zaunkönige unbekannt war oder seiner zur Erklärung des Regulus 
nicht gedachte, musste den Regulus für den König der Tiere, den Löwen, 
halten, an den Adler konnte er deshalb nicht denken, da dieser in 
allen Fassungen sofort nach dem König redet und als sein erster 
Unterthan ihm Rat erteilt. So wurde der Regulus der deutschen 
Vogelsprachen zum Krcdome und zum^Löwen und, wie in den deutschen 
Fassungen, kommt als erster seines Reichs der Adler zu Wort Es 
erklärt sich so auch zugleich leichter die bei Smil durchgeführte Ab- 
wechslung von Vierfüsslern und Vögeln 1 ). 

Was schliesslich die Rada zwirat betrifft, so ist sie nicht nur 
nicht die Quelle der Nova rada, sondern stellt eine spätere Entwick- 
lungsform der Dichtungsform dar, indem das Beratungsmotiv und der 
Wechsel guter und schlechter Räte aufgegeben ist. Wie die Sprüche 
der deutschen Vogelsprachen der lehrhaften Gruppe gleich Bilder- 
sprüchen sich an den Beschauer oder Leser richten, so ist die Rada 
zwirat an den Menschen gerichtet. Wie in Deutschland sich die be- 
ratende Vogelsprache zur lehrhaften entwickelte, so konnte das auch 
in Böhmen geschehen. Wenn demnach in dieser Beziehung der An- 
nahme, dass die Rada zwirat aus der Nova rada durch Nachahmung 
und Umwandlung hervorgegangen sei, nichts entgegensteht, so scheint 
doch der Umstand dagegen zu sprechen, dass Feifalik wörtliche Über- 
einstimmungen zwischen beiden anscheinend nicht anzuführen weiss. 

(Französische Bearbeitungen.) In der französischen Litteratur 
begegnet man Bearbeitungen der Vogelsprachen unter dem Titel Dictes 
des oyseaux in Drucken aus dem Ende des fünfzehnten oder dem 
Anfang des sechszehnten Jahrhundert. Vergleicht man die zwei in 
Neudrucken (vgl. Nr. 25. 26) vorliegenden Fassungen, so wird man 
in beiden dieselben Sprüche wörtlich wiederfinden, nur die folgenden 
drei als Probe hier mitgeteilten Strophen finden sich in Nr. 26 allein: 

Le papegay. Le faulcon. 

Prince doit estre piteux Viure du sien est grant noblesse 

Et de soii peuple avoir pitie Prince son peuple ne doit greuer 

Quant il le voit langoureux Sy autrement fait son peuple Messe: 

Montre lui doit son amitie. Et le fait sans cause endure: 

Lespriuiers. 
Par dessus tous oyseaulx de proye 
Je suys du plus noble lynaige; 
Pour neant plus me priseroye: 
Qui mains se prise plus est saige: 

Dagegen unterscheiden sich beide Fassungen durch die Reihen- 
folge, in denen die Tiere und ihre Sprüche aufeinanderfolgen. In 



x ) Ahnlich wie die böhmischen ordnen auch die französischen Bearbeitungen 
die Tiere und Vögel. 



122 

Nr. 25 sind die ersten 22 Sprüche Vierfiisslern, die letzten 17 Vögeln 
beigelegt, während in Nr. 26 immer ein Vierfüssler und ein Vogel 
abwechselt *). Trotz dieser Umsetzung lässt sich jedoch auch aus der 
Reihenfolge der Sprüche erkennen, dass beide Fassungen auf dasselbe 
Original zurückweisen. Es ist nämlich 2 ) 



Nr. 25. 


Nr. 


26. 


Nr. 25. 


Nr. 


26. 


Nr. 25. Nr. 


26. 


Spr. 8 = 


Spr. 


22 


Spr. 16 = 


Spr. 


16 


Spr. 29 = Spr. 


3 


„ 10 » 


»i 


24 


» 17 = 


j» 


18 


„ 33 = „ 


5 


„ 11 = 


»» 


2 


ii 18 = 


ii 


20 


ii 35 = „ 


1 


„ 12 = 


ii 


4 


ii 19 = 


ii 


10 


ii 36 = „ 


7 


„ 13 = 


ii 


6 


ii 20 = 


ii 


12 


„ 37 = „ 


13 


„ 14 = 


ii 


8 


„ 24 = 


ii 


21 


„ 38 = „ 


15 


„ 15 = 


ii 


14 


ii 25 = 


ii 


23 


»> 39 = „ 


17 



Löwe (De toutes bestes suis le roy) und Adler (De tous oyseaulx 
je suis le roy) heissen zwar Könige, aber die ihnen in den Mund ge- 
legten Sprüche enthalten keine Andeutung, dass durch einen dieser 
Könige die Tiere zu Ratschlägen veranlasst sind und ebenso wenig findet 
sich der Wechsel der guten und der schlechten Ratgeber. Aus den 
Eigenschaften der Tiere sind, wie schon die oben abgedruckten Sprüche 
zeigen, moralische Lehren in derselben Art abgeleitet, wie das in der 
hansischen Gruppe der deutschen Bearbeitungen der Fall ist. Trotzdem 
scheint ihr Vorbild nicht der hansischen, sondern der beratenden 
Gruppe angehört zu haben, denn einige Sprüche, z. B. zwei der 
obigen, lehren, was Fürsten geziemt. 

(Andere Vogelparlamente.) Während die bis jetzt besprochenen 
Dichtungen sämmtlich mit einander verwandt sind, fehlt jeder festere 
Anhaltspunkt, diese Verwandtschaft auch auf die drei folgenden Ge- 
dichte auszudehnen, die dadurch, und freilich allein dadurch mit jenen 
in merkwürdiger Übereinstimmung sich befinden, dass in ihnen Vögel 
in einem Concil oder Parlament zusammentagen. 

Das älteste ist der in der Mitte des 13. Jahrhunderts wahr- 
scheinlich durch Jordanus von Osnabrück verfasste Pavo (Nr. 27), 
eine satirische Parabel, die sich auf das Lyoner Concil v. J. 1245 
bezieht und von der man fast annehmen möchte, dass sie von Joh. 
Major, dem Poeten der Wittenberger Universität gekannt und in seiner 
Synodus avium nachgeahmt ist. Wie in dieser sind auch im Pavo 
mit den Vögeln bestimmte Personen gemeint. Geschildert wird, wie 
der Pfau (der Papst) das ganze Vogelreich zu einem allgemeinen 
Concil einladet; es erscheinen darauf alle Arten der Tauben (die 
höheren Kleriker), Gänse und Enten (Abgeordnete der Städte), Sper- 
linge (niedere Kleriker), Raben (Ghibellinen), der Hahn (der franzö- 
sische König), die Elstern (Weifen) usw., nur der Adler (Kaiser 



') Nr. 25 bietet also eine Analogie zur böhmischen Rada zwirat, Nr. 26 zur 
Nova rada, vgl. S. 121. 

*) Die Sprüche von Nr. 26 sind ohne Rücksicht auf die Lücken, über welche 
der Herausgeber keine Auskunft giebt, fortgezählt. 



123 

Friedrich II) erscheint nicht. Ihn verklagt im versammelten Concil 
der Pfau, fast alle Anwesenden haben über ihn Klagen vorzubringen, 
und trotz des Widerspruch« des Raben und der Dohle, die allein für 
den Adler eintreten, beschliesst das Concil den Abwesenden seiner 
Königswürde verlustig zu erklären. Darauf ziehen alle Vögel heim 
und versammeln sich bald darnach, um einen neuen König zu wählen. 

Das zweite Gedicht, Chaucers Vogelparlament (Nr. 29), ist nach 
J. Kochs ansprechender Vermutung *) gleichfalls auf eine geschichtliche 
Begebenheit, nämlich die Werbung des Königs Richard von England 
um Anna von Böhmen i. J. 1380 und 1381 zu deuten. Am Valentins- 
tage, erzählt Chaucer, vereinigten sich vor der Göttin Natur alle 
Vögel, um sich zu paaren, zu einem grossen Concil. Drei Adler 
warben zugleich um ein Weibchen (nach Koch eben die böhmische 
Anna). Die Göttin befragte deshalb die Vögelversammlung, und die 
Sprecher der einzelnen Geflügelgruppen tragen ihre abweichenden Rat- 
schläge vor. Schliesslich entscheidet die dem Wunsche des Weibchens 
nachgebende Göttin, dass die Freier noch ein Jahr sich zu gedulden 
haben und dann das Weibchen selbst wählen dürfe. 

Das dritte Gedicht (Nr. 28) ist das dem Ende des fünfzehnten 
oder dem Anfange des sechszehnten Jahrhunderts angehörende Par- 
lament of byrdes eines unbekannten Verfassers. In dem Parlamente, 
zu dem die Vögel zusammentreten, wird gegen den Habicht von den 
gemeinen Vögeln (the commons) Klage geführt und über Mittel zur 
Wahrung des Friedens im Vogelreiche beraten. Die Formen der par- 
lamentarischen Verhandlung sind in dieser Dichtung bis in Einzel- 
heiten hinein angedeutet 8 ). 

(Ursprung der deutsehen Vogelsprachen.) Während die älteren 
deutschen Vogelsprachen mit dem Pavo und den beiden englischen 
Vogelparlamenten das Motiv eines Reichstages der Vögel gemein haben, 
unterscheiden sie sich von diesen durch ihre moralisch-lehrhafte Tendenz. 
In dieser Beziehung knüpfen sie an eine gewisse Art der mittelalter- 
lichen Symbolik an, die durch Bildwerke und auch litterarisch bezeugt ist. 

Die Tugenden und Laster waren im Mittelalter von jeher beliebte 
Gegenstände der allegorischen und symbolischen Darstellung und 
moralischen Betrachtung 8 ). Bildliche Darstellung fanden sie meist in 
allegorischen weiblichen Figuren, denen als Symbole bestimmte Tiere, 
Bilanzen oder andere Gegenstände beigefugt wurden. Es kam aber 



*) Englische Studien 1, 287 f. 

*) Das bei Hazlitt, Remains of Poetry 3, 187 ff. abgedruckte Gedicht 'Armonye 
of birds' gehört nicht hierher, weil es ausser Verbindung mit den englischen Vögel- 
parlamenten steht, im übrigen gleicht es den oben S. 115 genannten deutschen 
Gedichten. Vgl. 25 ff. The popyngay Than fyrst dyd say Hoc didicit per me, 
Emperour and kyng, Without lettyng, Discite semper a me. There fore wyll I The 
name magnify Of God above all names; And fyrst begyn In praysing to him This 
song, Te Deum laudamus. 

*) Häufler: Archiv für Kunde österr. Geschichts- Quellen. Jg. 1850. Bd. 2. 
S. 584. 



124 

auch vor, dass die allegorische Figur fortblieb und Tugenden wie 
Laster nur durch ihre Symbole angedeutet wurden. Für die Über- 
tragung solcher Symbolik in die Spruchdichtung scheint auch eine 
mittelniederdeutsche Spruchreihe, die noch ungedruckt ist 1 ), einen Beleg 
zu bieten. Als Symbol der Timiditas erscheint z. B. der Hase und 
spricht: 

To manheit byn ik io vorzaghet 

Mit dem scrige werde ik vorjaghet. 

Mit besonderer Vorliebe wurden aber die sogenannten Haupt- 
tugenden und Hauptlaster zusammengestellt, gewöhnlich je sieben, nur 
ausnahmsweise erscheinen sie in der Vier- oder Zwölfzahl. Verschie- 
dene Symbole jener sieben Tugenden und Laster stellt recht über- 
sichtlich die sogen. „Note wider den Teufel" zusammen, die von 
Häufler 2 ) aus einer Handschrift des 15. Jahrh. herausgegeben ist. 
Die nachstehende Tabelle giebt daraus einen Auszug der Tiere, die 
in den deutschen Vogelsprachen erscheinen. Zu bemerken ist freilich, 
dass die mittelalterliche Symbolik nicht einheitlich ist, und andere 
ihrer Quellen für die einzelnen Tugenden und Laster zum Teil andere 
Tiere nennen. Die sieben Haupttugenden (vier menschliche: Pru- 
dentia, Justitia, Fortüttdo, Temperantia; drei theologische: Fides y Spes, 
Charitas) und die ihnen gegenüberstehenden Laster (Superbia^ Invidia, 
Ira, Accidia, Avaritia^ Gtda, Luxuria) sind dagegen meist überall 
dieselben. Die Teufelsnote stellt etwas abweichend also zusammen: 

Tugenden : Laster : 

1. Demut: Greif. 1. Hochfahrt: Pfau, Adler. 

2. Keuschheit: Einhorn. 2. Unkeuschheit: Schwalbe, Sirene. 

3. Mildthätigkeit: Galander. 3. Geiz: Eichhorn. 

4. Geduld: Schwan. 4. Zorn: Sperber. 

5. Liehe: Pelikan, 5. Neid: Fledermaus. 

6. Andacht: Phönix. 6. Trägheit: (Esel). 

7. Massigkeit: Rabe. 7. Gehässigkeit: Fuchs. 

Die älteren Vogelsprachen bieten zu dieser Tabelle eine gewisse 
Analogie. Auch in ihnen handelt es sich um, wenn auch andere, Tu- 
genden und die ihnen entgegengesetzten Laster. Ferner sind die Tu- 
genden und Laster mit bestimmten Vögeln und Tieren in Verbindung 
gesetzt. 

Wenn die Vogelsprachen andere als die oben aufgezählten Tu- 
genden empfehlen, so erklärt sich dieses dadurch, dass es sich in ihnen 
nicht um die allgemeinen menschlichen oder theologischen Cardinal- 
tugenden, sondern um die Eigenschaften eines Königs, also um fürst- 
lich-ritterliche Vorzüge und Fehler handelt. Darum finden in ihnen 
Freigebigkeit (mhd. milde), Kriegstüchtigkeit, Gute Wahl der Bedien- 
steten, Äussere Würde, Schutz der Armen ihre Stelle. Die wesent- 
lichsten guten oder schlechten Eigenschaften eines Fürsten waren 



Grotefend, Verzeichnis der Handschriften der Stadtbibliothek Hannover 
(1844) S. 2. 

*) A. a. 0. S. 583 ff. 



125 

nicht wie die christlichen Cardinaltugenden und Laster durch eine 
herkömmliche Zahl bestimmt und beschränkt, es konnten deshalb 
spätere Bearbeiter von Vogelsprachen nach Belieben neue fürstliche 
Tugenden und Fehler hinzufügen; die altertümlichste Fassung, die 
S. 1 1 neu abgedruckt ist, legt jedoch die Vermutung nahe, dass nach 
Analogie der christlichen ursprünglich auch sieben fürstliche Tugenden 
aufgestellt waren. 

Derjenige, der die kurzen Ratschläge, wie ein Fürst sein soll 
und wie er nicht sein soll, aneinandergereiht und durch den Gedanken 
einer Beratung des Vogelkönigs durch seine Reichsstände sinnreich 
verbunden hat, schuf eine kleine Dichtung, die, wie diese Abhandlung 
lehrt, zahlreichen Nachahmungen als Vorbild gedient hat. So an- 
sprechend nun aber auch der verbindende Gedanke war, im übrigen 
muss die älteste der Vogelsprachen sowohl was ihren äusseren Umfang 
als ihren Gedankeninhalt betrifft, so wenig als Dichtung hervorragend 
gewesen sein, dass sie nur einem besonderen günstigen Zufalle so 
vielfache Nachahmung verdanken konnte. Zur Erklärung drängt sich 
eine Vermutung auf. Wo anders kann man sich jene erste Vogel- 
sprache besser und passender denken als nach der den Wandspruch 
liebenden Sitte des späteren Mittelalters in dem Gemache eines Fürsten? 
Wie später die Innsbrucker Vogelsprache (Nr. 9) in der Stube Kaisers 
Maximilians auf einer der Wände zu lesen war, so mag auch die 
älteste Vogelsprache einst das Zimmer eines norddeutschen Fürsten 
geschmückt haben und dadurch schnell und weithin bekannt ge- 
worden sein. 



12« 



Niederdeutsche Vogelspraehe. 

(Ans einer Stockholmer Handschrift) 

Die unter dem Namen der 'Jütischen Sammlung' bekannte Stock- 
holmer Handschrift enthält S. 77 — 96 den im Jahre 1541 niederge- 
schriebenen Text einer niederdeutschen Vogelsprache, über deren Ver- 
hältnis zu verwandten Fassungen oben S. 106 ff. gehandelt ist. Die 
Aufforderung zu Schluss, einen Vollen (nämlich dem Vorleser) zuzu- 
trinken, scheint darauf hinzuweisen, dass die Dichtung vorgelesen 
worden ist 1 ). 

Von dem handschriftlichen Texte gilt dasselbe, was Jahrb. 8, 33 
von der aus derselben Sammlung abgedruckten 'Guden lere van einer 
juncvrowen' bemerkt ist. Der Schreiber war, wie ausser manchen 
Scandinavismen viele im Deutschen unmögliche Formenbildungen be- 
weisen, ein Scandinave, der des Deutschen nicht vollkommen mächtig 
war und hoch- und niederdeutsche Formen nicht auseinander zu halten 
wusste. Bis Spruch 20 bediente er sich der ihm geläufigen Current- 
schrift des Reformationszeitalters. Später, von Spruch 21 ab, zeigt 
die Schrift ein etwas altertümlicheres Ansehen, der Schreiber hat 
augenscheinlich versucht, die Schriftzüge einer älteren Vorlage viel- 
leicht nachahmend, in der Fraktur zu schreiben, die so viele Hand- 
schriften des 15. Jahrh. bieten. Die Sicherheit der Lesung wird durch 
die oft undeutliche oder zweideutige currente Schrift sowie auch da- 
durch beeinträchtigt, dass die n oder m vertretenden Striche oft über 
das ganze Wort gezogen sind und es um so eher ungewiss bleibt, 
zu welchem Buchstaben sie gehören 8 ), als die Schreibung auch sonst 
willkührlich n m u. a. Consonanten verdoppelt. Die überflüssige 
Häufung von nn und auch anderen Consonanten 3 ) begegnet übrigens 
seit dem Ausgange des 15. Jahrh. auch bei vielen Schreibern Deutsch- 
lands, ist also nicht ganz der Unkenntnis des scandinavischen Schreibers 
zuzuschreiben, doch hat dieser mitunter und besonders Vokale gegen 
die deutsche Gewohnheit verdoppelt. 

Der handschriftliche Text wird hier im getreuen Abdrucke wieder- 
holt, doch ist die Setzung der Buchstaben u v w nach heutigem 
Brauche etwas geregelt. Ferner sind Besserungen, welche sich durch 
Tilgung von Buchstaben und Worten vollziehen lassen, durch (runde) 
Klammern angedeutet. Fehlende Worte usw., die Zusammenhang oder 
Reim erheischen, sind in [eckigen] Klammern beigefugt. 4 ) 



») Gerhard von Minden. Einl. S. XII f. 

*) Z. B. über fromen (frommen oder fromenn) Vorw. 13; dsgl. 14 vornomen; 
12 menegen. 

*) Z. B. spreckenn statt spreken, toennite statt toente, veüe statt vele. 

*) Zu besonderem Danke bin ich Herrn Professor K. von Bahder ver- 
pflichtet, der einen Correcturabzug mit der von ihm genommenen Abschrift der 
Handschrift auf meine Bitte freundlichst verglichen und an einer Anzahl Stellen 
berichtigt hat. 



Hi 



12? 



[Vonrort.] 



Lir begynd uns de vogelesprache. [S. 771 

Velle nutts mag me dar ut mackenn 

Und nemen dat wol in den synn, 

Wentte velle gudes mach et briingen in. 
5 De oc mitt luste wiill na gemacke 

Herenn desse vogelesprache, 

De schal thu desser schreffte gaen 

Und losse dar inde syn argefn) wan. 

To hannt an desser sulwen stunt 
10 Wertt eme desse vogelesprache kunt, 

Dar he woll utt op syn gewin 

Mach theen vel mennegen wisen syn, 

De unns mach komen to frommen, 

Also ich hebbe woll vornommen, 
15 Wentte men findt vil nuwir wort, 

Dat nicht er is gehortt. 

Utt desser schreftt mach fme] nemen, [S. 78] 

Also such datt woll mach temen, 

Dare men such by bedencken mach 
20 Beiide dag und nacht. 

Dar umme jewelicke vromme man, 

De na wijssheit is bestann, 

De schal by desse[r] schreffte bliiwen. 

Utt gansche[n] vliit saa mach he schriwen 
25 Ann syn hertte maniche[n] wissefn] syn, 

Den desse selwe schriifft holt indt. 

Dat uns alle datt besehe, 

Des helpfen] uns der namen dre(ij), 

Godt vader und de(r) sonne meist 
30 Und dar to de helliige(n) geäst! 

1. De pellieanas. 

Ic bynn ein vogell gar wiisse, [S. 79] 

Myne kyndernn ich sulve spiisse 

Mede mynefn] vlesche un myne[n] blöde; 

Datt de[dej enn andernn vogel node. 



Vorw. 1. 6. 10 spräche mit ch statt mit k wie in schinchen 16, 2 und oft in 
sich» mich usw. — 8 inde Scandinavismus ztaü mnd. inne, vgl. dän. inde. — syn 
ist gleichwertig der Schreibung synen, der scheinbare Abfall der Accusativendung 
erklärt sich dadurch, dass das e derselben ebenso wenig wie heute in vulgärer mnd. 
Rede gesprochen zu werden brauchte. Im 15. Jahrh. wie bei guten Schreibern des 
16. Jahrh. fehlt die Endung selten, bei schlecht geschulten im 16. Jahrh. dagegen 
sehr häufig. Ebenso steht Vs. 16 syn, 18, 4 en. — 24 saa 'so' Scandinavismus, 
ebs. 4, 3. — 26 indt desgl. vgl zu Vs. 8. 



128 

2. De ffenhc. 

Ic bynn ein vogell nicht gemene 
Unn dode mich sulve aleyne. 
So dodett such sulwe menich man, 
De syine munde nicht rade[n] kann. 

3. De swentee. 

Ich kann gansche woll vordowen 

Isernn un stoll sunder kowen, 

Aldus verdowett meniche beriig unnd lannd, 

Da[tj sie komen an fromede hantt. 

4. De blawefot 

Ic berge mich hog inn den luchten, [S. 80] 

Darumme ick ander yogel nicht darff [vruchten]. 
Saa [en] darff siick oc ein iewerlich man(s vruchten), 
De nicht quade hefft gedann. 

5. De giilppe. 

Avende spaade un mor(n)gen vro 
Griip ich mett myne[nj klowen thu 
Alzo deitt oc de(nn) geriige mand, 
De na vromede gode is bestann. 

6. De arnne. 

Mett rade schaltu wessen mylde, 
Uppe dat din gutt dy nicht en wilde. 
We syn godt nicht holt an hode 
De liidett von re[ch]tthe grette armode. 

7. De valcke. 

Ich bynn klein, doc[h] fruchten mich [S. 81] 

Ander klein vogel, wore ich sy. 
Alsus so m0tt menic fromme man 
Eyne[nJ schalck fruchten wor he kann. 

8. De kariek. 

Dynen vyent holt nicht thu ringe, 
So mach dy woll gelyngen. 
Wol is he kleine, lychte wet he kunst, 
Dar he dy mede deiit des d0des dunst. 

9. De sparwer. 

Ann dogennt schaltu oven ju, 

Dat boret herenn un furstenn tu 

Un andern menen luden 

De such vor schände wille[n] behuden. 



ft, 2 stoll 'siaht vgl 13, 4 goen. — 3, 3 berig lies borg vgl 25, 4 und 
Münchener Vogelsprache 26, 4. — 5, 3 mand 'Mann 9 Seandin<m*inu*i 



129 



10. De ghk. 

Ic en achte nicht was sie klawen, [S. 82] 

Wo ic vulle myne[n] klagen, 
So deit oc de geriige man, 
De na pening[enj is bestann. 

11. De adeler. 

Twar ich wil hoge klymmen 
Und vangefn] mett wiissen synnen, 
So deitt en jeuerlich wiiss man, 
De na godes hulde strewen kan. 

12. De hasselhone. 

Menich denckett klene up den dott, 
De hyr up erden hefft vel gut, 
Und mott dog drade an grotte[r] var 
Mede wessen an der deden schare. 

13. De wlige. 

Menych vacke sulff ander geytt, [S. 83] 

Up datt man wette wat he deiit, 
Und machte lewer goen alleyne, 
Wen alle des 0uel ghemeyne. 

14. De radelwiige. 

Ic bin en vogel, de gerne bedrucht, 
Dar ane myne mutter nitt ser enluct. 
We gerne wiill vremede gud werven, 
De mut vakene quades dodes sterwen. 

15. De ule. 

De scheneste vogel de jerge is ; 
De byn ich, des siitt wiis! 
So dynket such menich(e) schone sin, 
Dem nene(r) schanheit wanet by. 

16. De stennulle. 

We des nachts wil velle drinken [S. 84] 

Und nicht mede etthen von den schinchen, 
Des awens [ghan] an des ullen vlucht, 
Dem besteiit gernne de wattersucht. 

17. De mewe. 

Ic flutte hir uppe dem dycke, 
Eyn jewerlick sehe synn geliicke. 
De such better duncket wan he is, 
De geckett siich sullwen dat is wis. 



10, 1 klawen lies klagen. — 10, 2 klagen l. kragen oder wie Reimbüchlein 
1948 myne magen. — 13, 4 lies ovet? — 15, 3 lies dunket. — 16 Vgl. Welt- 
sprüche Nr. 94 (Reimbüchlcin S. XXVII). — 17, 2 sehe, lies soke? 

Niederdeutsches Jahrbuch. XIV. 9 



130 

18. De kr0nn. 

Ich gaa hir uumme mede wiide trede, 
Woll emme, de dar heff[t] stede wisse rede. 
Welcher man de der nicht heb[b]en kan, 
Den holt man vor en humpelman. 

19. De adetar. [& 85] 
Ich mott roven, dat is myn artt; 

Van rcrvende schut mennegheme quat. 
Wolde he synn revenntt latten, 
Datt mochte im under tiiden hatten. 

20. De wilde swann. 

Dyne[n] dott ttovornen betrachte(n). 
So magstu sterwen sachte. 
We datt deytt thu rechtefr] stunde, 
De mach such qwiten von den sunden. 

21. De tarne swann. 

He duncke my nicht weßen wys, 

De dar buwet uppe dat ijes. 

Wente wen dar kumpt der sunnen glans, 

So kan dat buwete nicht bliven ghans. 

22. De pawc. 

Ik byn eyn voghel ghar schone 

Und draghe uppe mynem hovede eyne kröne. 

Ik byn hoverdych unde trede lijse, [S. 86] 

Nemande schal duncken to gid syne wyse. 

23. De börnghans. 

Weß hovesk unde dar by wyß, 
So gheven dy de lüde prys. 
Spreck vrowen und juncfrowen 
So gheven see dy hoghen mod. 

24. De wilde ghans. 

Myt leckeren gherichten 

Spyset men ryddere unde knechte. 

Mennych man wol leckere rechte nemo 

Unde vragede klene van wenden dat se qwemen. 

25. De tarne ghans. 

Ick und alle myne ghenoten 
Vortheren de klenen myt den groten. 
Alsus kumpt an vromede hant 
Mennych slot vnde herenlanth. 



131 



26. De grawe gfcans« 

Ick bin eyn voghel va[n] schonenn ghelate, 
Doch men hefft myner nenen groten baten. 
A18U8 varth mennych dorch de lanth 
Gar schone myt synes deves hant. 

27. De wilde aatii. 
De enen doden schyten drecht 
Unde 8yn ghelt an böse wyve lecht, 

De mach dat iummer wesen wys, [S. 87] 

Dat syn arbeyt halff vorloren ys. 

28. De tarne anth. 

Ick gha hir snateren in dem drecke, 
De my bespotten dat synt ghecke. 
Ick mene, dat it sick nicht en themet, 
Dat syck en synes amptes schemet. 

29. De ffoysan. 

Wultu schulen by dem hern, 
So wes dem bussche nicht to verne. 
Wente dat is nu der heren räd, 
Dat alle ere synne na rovende stad. 

30. De trappe. 

We gherne drinket to vullen, 

De m8d ock vakene dullen. 

Betere were id, dat he druncke to mathe, 

So levede he na der wysen stade. 

31. De sappe. 

We nycht wil sorghen an der tiit, 
De werth gherne der eren quiit. 
We ock sorghet umme der zele gud, 
De is wyss und dar bii vrod. 

32. De reygrher. 

Ick wände lever by dem dycke 

Und were salych und da bij rike, 

Wan uppe ener borch hoghe 

Unde hadde eyn quad iar uppe dat oghe. 

33. Dat raphon. 
Ick leve wol van myneme ghude, 
Leckere spise ethe ick mytt mode 

Und drincke dar tho den kolden wyn, [S. 88] 

Dat mSt de arme lathen syn. 

34. De urhane. 
We mere vorteret wen he vormich, 
Den sleyt gherne der sorghen slach. 

9* 



132 

Betere were, dat he terde tho mathe, 

So en dorffte he nycht bydden uppe der strate. 

35. De urhe[n]ne. 

Du schalt dy then van velen luden, 
Wultu dyn ruchte an eren behuden. 
Mennyck schynet gudt unde is doch quath, 
Malk see, myt weme he um[m]e ghäd! 

36. De berehhane. 

We tho vele wil volghen guden ghesellen, 
De mod vakener ghan in plunden wan in pellen. 
He vortheret syn gud an doren wyse, 
Dar umme ick ene nicht sere en pryse. 

37. De berchhen[n]e. 

We gherne to laghe myt my wil drincke[n] 
Und wil nicht gherne myt my klincken, 
Des lages unde syner ick wol umbcre, 
AI were he ock enes landes here. 

38. De tarne hane. 

Dorch quade lüde schaltu waken, 
Dat sc dy nenen schaden makcn, 
Und holt dyn gfid an steder hude, 
So deystu seker alzo de vrode. 

39. De tarne hen[n]e. 

Ik byn des nachtes yuI stede 

By myneme manne myt vrede. 

Dede eyn iewelik wiiff alzo, [S. 89] 

So mochte ere man wesen vro. 

40. Dat koken. 

Wultu wesen myt gheraake, 
So hebbe an dy wysse sprake. 
We gherne den luden spreket quath, 
Nycht ghudes eme dar van bestat. 

41. De dnffer. 

Wor de maghet ovele meth 
Unde de knecht sijk an der schrifft vorghet 
Unde de werdynne to rekent gherne, 
Dar schal men vormy(n)de[nJ de thaverne. 

42. De dune. 

We syn hus wil hebben suver, 
De wäre syck vor papen unde duven. 
De duve gheyt schyten umme den thrent 
Unde de pape umme sy[n] serdent. 



42, 4 serdent vgl mhd. serten 'stupraref, surt t stuprum\ 



43. De holtduve. 

Wol eme, de dar helft sulken stad, 
Dat he en bedderve wiff had! 
De mach manck bedderve lüde ghan 
Unde vrolycken syne oghen upslän. 

44. De riHgeldnne. 

Ach du bedrovede hanreyghe, 
Ick like dy enem yulen eyghe, 
Dat is mank den luden ghar unwerth, 
De sulve heyl is dy ock beschert! 

45. De tertelduue. 

Ick yycke men den enen man, 
Dem sulven ick alles gheyles ghän. 
Ghunde mennich wyff erem manne alzo, 
Des mochten se beyde wesen vro. 

46. De rordum. 

Id is be(s)t, dat ick binde mynen naghe[l] t s - 90] 
Vaste tho mineme saghel, 
Wan ick umme dat ghesarde 
Wul sere gheslaghen worde. 

47. De krickantii. 

Alle man schaltu nycht geloven, 

So kan dy nen man bedroven, 

Wente mennych is van sulker arth, 

He spreket wyth und menet doch swarth. 

48. De hegher. 

We gherne tho losen wiven gheyt, 
Under tijden werth em eyn slach bereyth, 
Dar um he alle de weken 
Möt wessen unthoreke. 

49. De specht. 

De dar hefft enen steneghen acker 
Unde eyn wyff myt den lenden wacker, 
Deme syn dynck denne nycht en doch, 
De hefft ungheluckes ghenäch. 

50. De karock. 
De syn echte wyff vorsmäd 

Unde gheyt, dar he ene palluchen had, 

De deyt alzo der dullen swinen, 

Dat gheyt uthe reynen water in den ron(t)sten. 



46, 3 vgl zu 42, 4. — 50, 2 hs. palluchen oder pallunche? ob verschrieben für 
hallunche? — 60, 3 swinen lies swinen en. 



134 

51. De nachtegal. 

Vil mennich man lüde synghet, 
Wan me eme de bruth bringhet. 
Wüste he, wat me emme brochte, 
Wat he wol swyghen mochte! 

52. De critae. [S. 91] 

Wor gherthels wanet in deme hus, 
Dar m8t de werth swyghen so en mus. 
Is id dat he dat jemande claghet, 
Under de kisten see ene iaghet. 

53. De ghele vincke. 

Ach god, wath id dar seidene wolstad, 
Dar dat wiiff de brock anne had 
Unde dar de man is ghehuvet! 
Nicht ghudes men dar vele kluvet. 

54. De boekvincke. 

Wor de werth grensen ghad 
In deme huse sunder underläd 
Uppe syn wyff unde uppe ynghesynde, 
Dar is seiden wath ghudes inne. 

55. De graue fincke. 

Dat wyff mach wol syn vorraden, 
Dat myd eneme quaden manne is vorladen, 
Wente se kan eme spade edder vro 
Seiden wat tho wyllen don. 

56. De wylde rave. 

Mennych man syth tho deme bere 
Unde weth mer rechtes wen ander vere, 
Deme doch dat recht äff gheyt 
Wanner he vor dem gherichte steyt. 

57. De tarne rare. 

Myn here unde myn vrowe hebben my leff, 

Doch byn ick van nature ein deff. 

So is ock mennych man 

En deff, dem men wol ghudes ghan. 

58. De nachtrave. [S. 92] 
Ick Torderve myn liiff myt quatze 

Des nachtes, myt drinckende und myt vratze. 

So deyt ock vil mennich man, 

De des nachtes nicht wil to bedde ghan. 



52, 1 gherthels l. girehelse? 



135 

59. De andvoghel. 

Eyn jewelick hebbe io eyne reyne hant, 
So mach he varen dorch de landth, 
Ach god, wath id eme ovele stad, 
De syne hende gherne kleven lad. 

60. De aleke. 

Eyn iewelick de late my myt ghemake, 
Wente ick hebbe io ene dale sprake. 
Wente he undertiiden io wath beryth, 
De den andernn nycht myt ghemake leth. 

61. De kreyghe. 

We des morghens vro upsteyt 
Unde dorch lusten spasseren gheyt 
Unde leth na ghades kerken, 
De wyl der boyen orden sterken. 

62. De heyyhester. 
We smeken unde vorraden kan, 
De i8 to have eyn werth man. 
Wente truwe de lydet nu n5t 
Ynde de ere is gheslaghen döt. 

63. De papeghoyge. 

Underschedenheyt in allen dinghen 

Mach mennighen groten vramen bringhen, 

We dar nycht mede umme gheyt, Iß- 93 1 

De werth gherne yelen luden leyth. 

64. De kuckuck. 

Myn name is wol gekant. 
Myt schalkheyt wynt me mennych land. 
Dar umme see eyn reuelyck tho, 
Werne he love spade edder vro. 

65. De wedehoppe. 

Ick bin [ein] voghel ghar schone 

Unde draghe uppe mynem havede eyne kröne, 

Me kan my anders nycht vorwyten, 

Men dat ick myn eghene nest besplyte. 

66. De wachtele. 

Myn grote ropent unde myn schal 

Hefft my ghebrocht an ungheval, 

Dat ick hire lygge in dem nette. 

Dar spreket mennych unde sweghe bette! 



60, 3 lies jo wedde bere(de)t? — 64, 3 reuelyck lies ieuelyck. 



136 

67. De drossele. 

Seidene kan he weren vrot, 

De stede dencket vppe grot gfid. 

Wente nement wet noch dach effte nacht, 

Wo langhe syn levent waren mach. 

68. De kaiander. 

We myd den ghosefn] drincket to laghe, 
De schal my nycht wol behaghen, 
Doch druncke he lever den kolden wyn, 
Mochte id na synen wyllen ghen. 

69. De zeddike. 

We myt my wyl ghan tho deme wyne, [S. 94] 

De legghe synen pennynck hy den mynen. 
Dat do he snelle sunder wanck 
Edder drincke, dat de ghos dranck. 

70. De stegelitze. 

Eyn jewelyk wyss yrod man 

Schal tho tijden to bedde(n) ghan 

Unde des morghens dene[n] ghade ghar even, 

De eme lyff und zele hefft ghegheven. 

71. De gizyek. 

De my vruntlik vor mynen oghen ist 
Und ment my myt valscher list, 
Den wil ick iummer enem dwase lyken, 
Dat swere ick bii gode vam hemmelrike. 

72. De buvynck. 

Ick holde ene vor enen wysen man, 
De des somers so vele vorwerven kan, 
Dat he des wynters hefft syn ghevoch. 
Wol dem ghennen, de dar tho doch! 

73. De lewerk. 

Ick see den dach, ick wil upstan 
Und sen wath ick to schaffende han. 
We des morgens gherne langhe vulet, 
In grotem armode he dar na schulet. 

74. De spreen. 

Gude selschup fyn unde reyne, 

De pryse ick vor ener fonteyne, 

De ut der erden dringhet. 

Eyn schamel herte syck sulven dwinghet. 



68, 4 ghen lies sin. — 71 gizyck? vgl 75. 



137 



75. De ghele ghirayek. [S. 95] 
Offte my eyn bove myt eneme boven schulde 

Unde de sulve bove nych vor my en ghulde 
Und were doch ergher bove wen ick, 
Des sulven boven vordrote myck. 

76. De nettelkonnynck. 

We des avendes wyl vele drinckefn] 
Und des morghens nycht uppe gade dencke[n] 
Deme were id beter, dat he dat lethe 
Unde druncke dat water uth deme vlete. 

77. De sperlinek. 
We dar vele wil borghen, 
De käme lever morghen; 
Id is dallinck de dach, 
Dat men nycht borghen mach! 

78. De meseke. 

We syn gud wol waren kan, 
De mach wol syn eyn vrod man. 
Wente men secht myt underschedenheyt: 
Eyn iar nycht so dat ander steyt. 

79. De terse. 

Ick lope hir in deme grase, 

De my soken dat syn dwase. 

Ick dunke em na und byn em verne, 

Alsus socht mennych syne deme. 

80. De sTaleke. 

Vacke hoghe gheseten 
Und dar by ovele ghegheten, 
Dat ys eyne tucht to have, 
Der ick nicht sere en lave. 

81. De queekstert. [S. 96] 

Ich bin hir unde dar so eyn mfls 
Unde wäre gherne enes anderen h&s. 
Doch were it beter al sunder kiiff, 
Dat ick bewarde myn eghea wiiff. 

82. De rorsperlinck. 

He mach wol syn myt körten worden 
Eyn broder an der hanreygher orden, 
De dat wol weth unde doch vordrecht, 
Dat sick syn wyff by enen andern lecht. 



79, 3 em 'thnen' dat. ptur. 



138 

83. De hake. 

Kum her to my, myn leve man, 
Secht mennych wyff up losen wan 
Unde menet dat myt deme herten nycht. 
Ach god, wo vaken dat dat schiebt! 

84. De vledermns. 

Alsunder vedderen ick vlege. 
Mennyk man sorghet vor syne weghe, 
Dat he dar nycht in tymmeren kan. 
Lychte deyt dat wol sin kappellan. 

flnls hutas. 

Hir endyghet syck der voghel sprake. 
Eyn iewelyck wese myt ghemake 
Und dryncke my enen vullen tho, 
So mach ick drade werden vro! 



Niederdeutsehe Vogelspraehe. 

(Aus einem Wiegendrucke.) 

Der aus der Jütischen Sammlung S. 127 ff. zum Abdruck ge- 
brachten Dichtung steht die Vogelsprache nahe 1 ), welche die Incunabd 
8. a. 208 der Hofbibliothek in München bietet. Dieser Druck umfasst 
acht unbezifferte Blätter (14. 10 Cin.), von denen das erste auf der 
Vorderseite nur die Worte bev Pogel fprafe bietet. Die Rückseite ist 
leer. Blatt 5a trägt unten das Bogenzeichen b \, Blatt 8b füllt ein 
Holzschnitt: Maria mit dem Jesusknaben, daneben eine zweite Frau, 
oben der heilige Geist in Gestalt einer Taube. Druckort und Druck- 
jahr sind nicht genannt, und es lässt sich nur vermuten, dass der 
Druck um d. J. 1500 die Presse verlassen hat. 



Hyer begynt der yogel fyrake. 
1. De Netelenkonynck fecht: 
We vmbesehympet mochte fijn, 
He droege wael ene krönen fijn. 
We my befeympet, de fe vp fick, 
Schande weet he meer wan ick. 

2. Boeckvyncke. 

Hannyp eethe yck geerne. 

Dat is mannyge fchone deerne, 

De gerne wat foetes eet; 

Daer van wert fe yn den fyden vet. 



*) Vgl. oben S. 107 ff. — 2, 1 hanip 'Hanftsamm)'. 



139 



Se wolde fick gerne vyncken. 

Nu wal hen! mee fued daer nemende van hyncken. 

3. Adeber offte ftorck. 

Ick en fpaer nicht dijn genote[n], 
Ick fluke de lutteken myt den groten. 
Dat fteyt al in mijn gemote: 
Hunger maket mij ro bonen wal fote. 

4. De pauwe. 

Ick byn een vogel fchone, 
Dat hebbe ick van gode to lone. 
De fchone ys vnd daer bij gued, 
Och wat he gode leue doet! 

5. De teere off fcryck. 

Ick lope yn deme graefe, 
Wee my foeken, dat fyn dwafe; 
Ick fchyne na vhde byn veere 
Und make mannygen manne eerre. 

6. De hege[r] off maerkloff. 
We vele wyl legen 

Unde fyck daer vp dreegen 
Unde ys daer by valfch vnd fpee, 
Och welck een fcalck is he! 

7. De lunlnek off mnffche. 

Ick nefte in de hufe 

Bij ratten vnd bij mufe. 

We myt dem anderen wil inne wefen, 

De moet behende breue lefen. 

8. De karock. 
Hoge torne vnd klockenklanck, 
To groten fchepen roder lanck, 
To qwader reyfen gude wege, 
Den quaden wijuen grote flege! 
We vele wil vnnutte klaffen, 

De mochte leuer holden fine blaffen; 
Men mach fynre nicht geerne lijden, 
Daer vmme moet he de felfchop mijden. 

9. De kreghe. 

We des morgens vroe vpftaed 
Und gode nycht vor ogen en had, 



2, 5 sik vinken: In Holstein und Ostfriesland heissen die Sperlinge Finken 
und braucht man das Verbum 'finken' für 'nach Sperlingsart der Liebe pflegen'. 
— 8, 6 Entweder ist sin zu bessern oder ein sonst unbekanntes Substantiv blaffe 
anzunehmen. 



140 

Wo vele te lenger wert em de dach, 
Wo he den ouerbrengen mach. 
So hefft [he] noch den langen morgen 
Nycht vele guder verworuen. 

10. De aent fpreckt: 

Ick fnater in deme drecke, 
De my befchympen dat fyn gecke. 
Int ynreyn foeck ick mijne fpijfe, 
Gelijck [do] een ander na fyner wijfe. 

11. De kryekant. 

Waer dat ys een aftorich weert 

Und vele kynder vmme den hert, 

De frouwe nycht wyl koken, dat men eet, 

Unde de maget luttick in de kanne met 

Unde daer to rekent gerne, 

Dat maket fnel een wofte tauerne. 

12. De haue. 

Ick bijn een vogel by nachte, 
De tijd ick vorwachte. 
Mannich ver wachtet fyne tijde, 
Nochtan wert he leiden blijde. 

13. Dat hoen. 
Heer weert, wefet guden hoghen, 
Wan ghij enen guden vrunt hebben mögen 
In guden reden funder fchaden, 
Meer hodet iv vor den quaden! 

14. De gaes oflte gans. 

Durbaer koftelijke rijke vnd flechte, 
Papen, rydder, heeren vnd knechte, 
Deer ys vele, de geerne nemen, 
Und achten nicht, waer yd her queme. 

15. Dat waterhoen. 

We des auendes vele wyl drincken 

Und des morgens vp god nycht dencken, 

Ick wolde, dat he yd lete; 

He mochte leuer dryncken vth den vlete. 

16. De mefe. 

Ick nefte hijr yn dat reet, 

Dat bedudet fo vele als een fcheet. 

Wan dat reet wert äff gehouwen, 

So moet ick vp een ander ftede bouwen. 



9, 3 te lies de 'desto'. — 11, 1 lies asturich. 



141 

Dat ys mij en grot fchade, 
Mer de narow ys to fpade. 

17. De zedyek. 

Seeder dat yd waert, 

Dat men papen wijgede vngelaert 

Und lüde te rydder floch funder gebort 

Und blote kutten fchoer, 

Heefft fick de werlt feer verkart. 

18. De swale. 

Ick byn een vogel fnel, 

Des kenne de frouwe, wan fe wyl! 

Des morgens fpreke ick: wriff in! wriff in! 

Alfo fta yck in der frouwen fyn. 

19. Papegoye. 

Synt dat papen vogede weren, 
Monyke hulpen fick vth den ordcn, 
Landes heern nicht bleuen bij worden, 
Synd is de werlt feer verfoerden. 

20. De spray. 
Gude gefelfchop reyne 

De prijfe yck voer alle fonteyne; 

Alfe dat water vth den bergen drinckt, 

Et ys mannich man, den fijn eere dwynckt. 

21. Yekntmp off rordomp. 

Ick ligge in den rore bedouen 

Und hebbe den yungen in dat water fchouen, 

Ick fpreke: dum dum ledich gaen, 

Wo een yflich dat fchal verfmaen. 

22. De duker. 

Ick duke in dat water fnel. 
We den wyuen vele feggen wil, 
Dat ys euen alfo befloten, 
Alfe water in een feue goten. 

23. De fchuluer. 
Ick duke in den grund 
Unde fluke enen ael in minen munt. 
Eer ick en hebbe vp gefloken, 
Is he my achter vth gekropen. 

24. De mewe. 

Ick vyffche bij dem dijke, 
Eyn yflick vryge fynen gelijke. 



21 Tckrump Ues Iprump. 



142 

We ück beter holt wan he is, 
De gecket fick fuluen, dat is wis. 

25. De leppeleer. 

Ick hebbe enen nybben als eyn lepel, 
Eyn yflick hebbe enen lijken fchepel; 
Met he nicht myt truwen, 
Dat wil em lange rouwen. 

26. De reyger. 

Hoge gefeten: ouel gegeten! 

Dat is eyn ydel eere, i 

Deer ick wal entbeere. j 

Ick woende leuer by dem dijcke 

Und weer falich vncfe rijcke, j 

Dan (ick) vp eyner borch hoge I 

Und hadde een quad iaer vpt oge. 

27. De egelter. 

Waer twe litten in eenen gelage 
Unde beginnen mannyge vrage, 
De moten mannich werff feer legen, 
Schall de(r) eene den anderen bedregen. 

28. De waehtele. 

Mijn ropen vnd mijn fchalle[n] 
Heft mij gebracht to vngeualle, 
Dat ick fij komen in dat nette. 
Dat fpreckt mannich, he fwege bet! 

29. De worgeL 

Ick weet dynck, der fynt veer: 

Dobbelen: fchijten: fpijen: kyuen in den beer. 

Wan ick guden hogen wil blijuen, 

So wyl ick leuer fpijen dan kijuen. 

30. Strues. 
Ick byn een yogel vnd kan verduwen 
Iferfn] vnd ftael funder kuwen, 
So deyt mannich borch vnd lant 
Und blijfft in groter forgen bant. 

81. Aeren. 
Wes myt rade mylde, 
So wert dij dat goed nicht wilde. 
Biftu nicht mylde bij raede, 
Dat rouwet dij to fpade. 



26, 1 Das Kolon bietet hier wie 29, 2 bereits der Druck. 



143 

32. De uahke. 

Hoge geflogen, fijde dalt, 
Daer wert wijfheyt vth gehaelt. 
En wem de dorn nergen, 
We8 wolden fe fick dan bergen? 

33. Boemraleke. 

See to wijflijcken, 

Dattu konneft fachte flijcken. 

Wanne du bij houeflche frouwen litten gaeft, 

Unbefchympet du nicht bij en vp en ftaeft. 

Wij houelude laten nummende nycht, 

Doch ys vns de taffche licht, 

Wij geuen mannigen vnfe spijfe to allen malen, 

So moten fe dat doch weder betalen. 

34. De hauyek. 

Ick roue dorch de noet; 
Rouede ick nicht, fo wer ick doet. 
We dorch noet wert mifdedich, 
God fy der zelen genedich! 

35. De wUgge. 

Ick byn een vogel nicht alte wert, 

Des ys mannich hoen vor mij veruert. 

Ick flege bij der eerden neder, 

Wat ick kryge, dat en wert nemende weder. 

We fick myt fchemede wil beergen, 

De moet hyer vnd daer herbergen. 

36. De raoe. 

Rouen vnd weder geuen nicht, 
Dat ys yo des rouers plicht. 
Eet allene, wattu hast 
Und bydde nummer nynen galt! 

37. De trappe. 

Mannich man hefft enen ftenegen acker 
Und fijn wyff myt -dem eerfe wacker 
Und ene ftumpe ploech 
Unde eme fijn dynk nicht en doch. 
Uorwaer de hefft vnluckes genoch! 

38. De wedehoppe. 

Ick byn een vogel fchone, 

Ick drage vp mijnen houede ene krönen; 

Mer fee an mijn neft, 

Unreynicheit duncket mij beft; 

Men kan mij nicht verwijten, 

Men dat ick in mijn egen neft fchijte. 



144 

39. Kickuek. 

He is wijs vnd wal gefynnet, 
De des fomers fo vele wynnet, 
Dat he fick des wijnters bedraget. 
Na deme wijfen he deme vraget. 

40. Specht 
Ick houwe an den boem, 

Dat bedudet fo vele als een droem. 
We vele doet vnd nycht verfteyt, 
Dat is verloren arbeit. 

41. Yfenbot. 

Suy nicht an een fchone kleyt, 
Want ick dat vorwaer weet: 
Mannich is gekledet fo een docke 
Und is doch valfch in eren rocke. 

42. De duue. 

We fyn huis wil holden suuer, 
De hode lick vor papen vnd duuen. 
De duue fchijt vmme den trent, 
De pape em fijn dochter mynnet. 

43. Tortelduue. 

Ick flege vp enen foren twijch, ' 

Sunder gallen byn ick rijck. 

Eyn yflick frouwe heft enen man, 

Deme se wal van herten gan. 

Hefft se dan enen anderen leeff 

So fchrijfft me fe in den horenbreeff. 

44. De swane. 

He en duncket mij nicht wijs, 
De daer bouwet vp dat ijs; 
He mach daer anne verlefen, 
Et en wil altijt nycht frefen. 

45. De krane. 

We daer wyl vyffche meygen 

Und an fynen acker ftene fegen, 

Und [de] den doden fchijten drecht 

Und fyn gelt an hören lecht: 

Des biftu feker vnde wis, \ 

Dat yd al te male verloren is. i 

46. Nachtegale. 

Ick mach frolick fyngen, 
Nu gij mij de brud bryngen. 
Och wifte ick, wat gij brochten, 
Wat ick wal fwijgen mochte! 



145 



47. De wedewale. 

hogefte manck den luden, 

Kanftu dij nicht behuden? 

Byftu gud, dat wert wal fchijn; 

Wes du wat (vnde), laed enen andern ock wat fijn. 

48. De lewerlck. 

De dach kan mij nycht verbliden, 
Ick danck gode to allen tijden, 
Er de funne vp geyt vnd in golt; 
So is mijn nerynge manichuolt. 

49. De syfeck. 

Ick byn eyn vogel fchone 

Und fynge vth foter done. 

Daer vmme dat ick wal fyngcn kan, 

Des hebbe ick enen guden kumpaen. 

Dat machftu duden langes offte dwers, 

Eyn fchoen angefleht verkoft enen vulen ers. 

50. De quekeltert. 

Wan my mijn dinck doet wee, 

So bynde yck yd leuer to deme dee, 

Eer yck dat foerde, 

Dat mij na verweten wordc. 

51. De nledermuys. 

Ick byn eyn vogel verfchapen. 
Hoed dij vor den ftrijpeden papen! 
Des auendes wan yck vth flege, 
So geyt de pape na fynen leue. 
Ick flege vth myt den vnwerden, 
De yagen fe mij myt den fwerden 
Unde holden mij vor enen geck, 
Noch ethe ick yo enes anderen fpeck. 

52. Mugge. 
We inij de äderen wolde flaen, 
De mofte een klene flete haen; 
De mofte wefen kleine, 
Off he tobreke mij de beyne. 

Deo gratias. 

Concluflo. 

Hyer endet fyck der vogel fprake, 
De nicht en fpreken funder fake. 
Nyemant wil fick to wijfheyt keeren, 
So moten em de vogel leeren. 



48, 3 in golt (seil geyt) 'untergehen' vgl to golde gän Mnd. Wich. 2, 132. 

Niederdeutsches Jahrbuch. XIV. 10 



146 



Hochdeutsche Vogelsprache. 

(Aus einer Wiener Handschrift.) 

Die oberdeutsche Vogelsprache, welche der von frater Johannes 
Hauser plebanus (f 154S) geschriebene Codex Nr. 4117 der Wiener 
Hofbibliothek (vgl. Tabulae cod. ms. in bibl. Vindob. 3, 163) auf Bl. 
38 — 43 bietet, stimmt, wie bereits oben S. 109 bemerkt ist, im Wort- 
laute mit der Vogelsprache in der Fichart'schen Handschrift fast 
überein. Der W T iener Text weicht jedoch, auch abgesehen von der 
verschiedenen Reihenfolge der Sprüche, dadurch ab, dass er einige 
überschüssige Strophen (Nr. 2. 8. 12 ) und die dem andern Texh 1 
mangelnden Namen der redenden Vögel überliefert. Nach einer für 
mich freundlichst angefertigten Abschrift sei hier als Probe eine 
Anzahl Strophen mitgeteilt. Die handschriftliche Überschrift lautet: 
Hye vahent sich an manigerlay vögel rat, dy da ratent guts vnd 
pöses noch irer aygenschafft vnd natur wie sich ain kunig oder herre 
halten sol in seiner regierung. Zu Wort kommen folgende Vögel: 
Küniglein, Wachtel, Gans, Rabe, Adler, Sittich, Wiedehopf, Eule. 
Falke, Distelfink, Auerhahn, Kranich, Habicht, Gcislein (?), Sperber, 
Blaufuss, Storch, Elster, Lerche, Pfau, Parnhaklein (?), Meise, Wint- 
wähel (Rötelweihe), Geier, . . . (?), Sperling, Luersvogel (?), Henne, 
Eisvogel, Kukuk. 



1. Des küniglcins pegeren: 

Nun nembt ir herren alle rat, 
Daz ir mein eren wert [l. ncraet] war 
Vnd daz mein landt in frewden sey 
Vnd von laster werde frey; 
Vnd ratent mir, wie daz ich 
Alczeyt pebar mein kunigreich! 

2. Der wachtel rat: 

Du solt alczeyt geren gelten 
Vnd der hoctiffart phlegen selten, 
Dar zw solt du dich masse[n], 
Das dich dein gut nit lasse. 
Auch schlaff nit zevil in trakayt 
Vnd halt treulich deinen ayd. 

3. Der gans rat: 

Du solt alczeyt in deinen raysen 

Verderben witib vnd waysen, 

Prennen, stelen vnd rauben sere, 

So furcht man dich, daz ist mein lere. 

Vnd ob du kumbst vmb dein krag 

So schrey ich desder lautt[er] ga ga ga ga. 

4. Des raben rat: 
Stelen, rauben, prennen sey dein spil, 
So dyenen dir gutter gesellen vil, 



Dy zw solichem schimpff gehören 
Vnd sich mit solichen eren neren, 
Als des wolffs gwanhait ist. 
Das rat ich dir in kurezer frist. 

5. Des adlers rat: 
Man sol geben waz man geben sol, 
Daz czimbt euch vnd allen herren wol, 
Milt sein vnd nach staten geben 
Vnd alezeit nach gotlichen eren streben. 
Vnd rieht den armen alz den reichen, 
Das stet wol vnd ist herleichen. 

6. Des sithichs rat: 
In allen deinen raysen 
Peschirm witib vnd waysen; 
Auch fleuch neyd vnd poses gut, 
Sy verkern recht vnd weysen muet; 
Vnd gedenk der guten tat, 
Dy got vmb dich geliten hat. 

7. Des wiethopffen rat: 

Piss vnrayn herre zw aller frist, 
Thu alz ich scheyss in mein genist, 
Treyb schant vnd posshait vil, 
Daz ist yeezund der herren spil, 
Vnd welich das nun wol kan. 
Den helt man für ainen weysen man. 



147 



8. Der eylin rat: 

Herre da solt dich von danne ziechen 
Vnd alczeyt dy herren fliechen, 
Dy iren rat also geben, 
Tag vnd nacht nach eren streben, 
Herre volig den andern vnd mir, 
So mugen wir gut gewinnen schir. 

9. Des falken rat: 

Mit krafft deinen veinten thu widerstandt, 
So machst du frid vber alle landt, 
Vnd schön here deiner vndertan, 
Daz nit nemb schaden frau vnd man; 
So hilfft dir got in aller weyse, 
Daz du pehaltest den preyse. 

10. Des tistelvogel rat: 

Zw vil schweygen ist nit gut, 
Vbennässig klaffen schaden thut, 
Wanne wer vil klafft der muess lyegen, 
Dar vmb solt du dy klaffer fliehen. 
Auch ain lugenhafftig mund 
Verdambt leyb vnd sei zw aller stund. 

11. Des orhannen rat: 

Herre du solt nyemant lassen 
Zw feld oder an der Strassen 
Öder wie du sy machst ergagn 
Klain vnd gross pey irem kragen; 
Parmhcrczikayt solt du legen zeruk 
Vnd sew dester pass perupff. 

12. Des kraiiigs rat: 

Herre, wil du in eren leben, 
So lass dein hercz in hochfart streben, 
Wan mit hochfart lugen vnd listen 
Pringt man dy pfennig von den kisten. 
Dar vmb treug vnd leug an alle wer, 
So voligt dir nach ain gross her. 



13. Des habichg rat: 

Herre, da solt warhafftig sein 
In tugent ker dy synne dein, 
So machstu wol mit eren 
Sten vor fursten vnd herren, 
Piss den frumen leuten gut, 
Den posen trag strengen mut. 

14. Des geysleins rat: 

Dem armen tayl mit dy speys dein, 
So wirt dy gottes huld scheyn, 
Vnd hab dar pey parmherczikayt, 
So wirt dir lob vnd ere gesayt 
Vou armen vnd von reychen. 
Das gelaub mir sicherleichenl 

15. Des sparbers rat: 

Gross gut darffst du wol herre. 
Dar nach stell, daz ist mein lere, 
Vnd sain zw hauffig dy phennig schir, 
Wie sy dir mugen werden daz rat ich dir, 
Das wir da von wol mugen leben 
Vnd kurczweyl da von phlegen. 

16. Der krau rat: 

Ich wolt pey meinen eren, 
Daz dy herren peschayden weren 
Vnd ryetten, alz sy pileich solten; 
Zwar es wirt in wol vergolten. 
Dar vmb ratens alz sy sind, 
Aber an iren eren sind sy plind. 

17. Des plabfness rat: 

Stetter mutt sol dir wonen pey, 
So magst du leben sorgen frey, 
Vnd piss den guten haymleich, 
So pleybt in eren dein kunigreich, 
Wan mit den guten wirst du gut, 
Dy poss geselschafft schaden thut. 



18. Des storchen rat: 

Mein herre hat zwayer hendt rat, 
Lass sehen au welich er stat, 
Der armen vnd der reychen. 
Ich sag euch sicherleychen, 
Vnd thut er nach der posen rat, 
So wirt er mit den posen quat. 



BERLIN. 



W. Seelmann. 



10* 



148 



Zum Sündenfall. 

V. 169. Alles dinges wil ek wol erwcrven, 
Nein dink kan me vor my sparen. 

V. 169 ist mit Herstellung des reinen Reimes folgendermassen zu 
bessern : 

Alles dingen bin ek wol vorvaren 

'Jedes Dinges bin ich kundig, und nichts kann man vor mir ver- 
heimlichen.' 

204. Och wan se it alle recht verstoiden 
Wu leftiken wy se broiden 

broiden erklärt Schönemann als „hüten", das Mnd. Wb. durch „mit 
Brod versehen"; es ist aber wohl aus hehoiden 'behüten' entstellt, 
vgl. V. 202. 

251 ff. sind folgendermassen herzustellen: 

Alm echtige seipper, hör dinen kor, 

dede virtutes is genomet, 

dede nicht en staden, diu we verdorrtet 

werde van jennigen creaturen, 

De wy virtutes behoden unde bescuren. 

Statt staden 'verstatten, zulassen', das sich auch V. 655 findet, liesst 
der Herausgeber scaden, was keinen Sinn gibt. Es liegt augenscheinlich 
Verwechslung von t und c hier wie auch sonst öfter vor. 

258 ist zu lesen: Virtutes dat sint dogede. Seh. liest mit der 
Hs.: de gode. 

652 ff. ist zu lesen: 

Owe owc uns armen doren, 
Dat wy ju worden also dul, 
Dat wy alsodene vorgiftigen mül 
Toleten (Hs. To leren) unde staden. 
1102. Here, ik wil dusse veste (das Paradies) 
Bescermen unde behoden. 
Or scal sik hir nein mer ütfoden. 

ütfoden wird durch „ausruhen" erklärt, es ist aber zu trennen: ut 
faden. „Ihrer niemand soll sich hieraus ernähren." 

1108 ist zu lesen: Nu is vorternt min leve here. 

1140 hat die Hds. richtig: Wat mach ik arme nu ane gän? 'Was 
soll ich nun anfangen?' Seh. schreibt unverständlich War mach u. s. w. 

1150 lies: lk bin io dyn gegeven früe. 

1171 Wy hauwen hen in godes namen kann nicht richtig sein, 
es ist thauwen 'eilen' zu schreiben. 

1244 ff. spricht Cain seine Verwunderung aus, dass Gott Abels 
Opfer vor seinem 'ausgesondert hat', und fährt dann fort: Gd tcy, 
dat wy dar vorder van reden Abel antwortet 1250: 

Leve broder, deit dik des wol neden? 
Du sust my also grimmigen an, 
Dat ik kume dar mit dy gän. 



149 

So Schönemanns Text, die Hs. hat dat ik st. deü dik. neden wird im 
Glossar durch Neid erregen erklärt, während es V. 2256 und 3491 
unzweifelhaft die Bedeutung 'wagen, sich erkühnen' hat. Auch das 
Mnd. Wb. 3, 168 fuhrt diese Erklärung an, lässt jedoch die Mög- 
lichkeit offen, dass es auch an dieser Stelle gleich dem alts. nädhian 
sei; L. übersetzt deit dik des wol neden? durch „Macht dich das so 
trotzig?" Es ist zu schreiben: Dar ik des wol neden 'Darf ich das 
wohl wagen?' 

1559 ist nach 1441 ff. zu verbessern: 

Den (Baum) sach ik also langen. 

Dar ein eislik stange 

In lach io hope gewunden. 

1659 lies: Unde dö so weil . . . Über die Höflichkeitsformel ddt 
wol, 'seid so gut' Tgl. Müller im Mhd. Wb. 3, 135, 43; Mnd. Wb. 1, 
537, 41. 

1665 lies: Ik bidde, dat gy nicht to en (d. h. 'ihn') decken. 

1761 f. ist zu lesen: 

Umme der sunde willen, schaltu denken, 
Schulten aÜe creaturen drenken (Hs.: krenken) 

Über drenken 'ertrinken' s. Mnd. Wb. 1, 572, 5. 

1776. So grote gnade liefst du gedän 
Uns armen creaturen, 
Dat wy in aussen schüren 
In dinen gnaden leven. 

Seh. erklärt schür als 'Schauer, Regenguss' und auch das Mnd. Wb. 
bleibt bei dieser Erklärung, obgleich richtig bemerkt wird: „Charac- 
teristisch bei einem Schauer ist die Heftigkeit und kurze Dauer des 
Ausbruchs." Danach ist klar, dass die heftigen, andauernden Güsse 
der Sündflut nicht so bezeichnet werden können, schürn oder schüre, 
f. ist auch hier der Ort, der Schutz und Obdach gewährt; es können 
auch die einzelnen Fächer, Abteilungen der Arche gemeint sein. 
S. Mnd. Wb. 4, 153. 

1909 ist zu lesen: Abraham, nutn dinen son Eingeborn Ysaak. 

2003. Dem husche enschut min alle nein schade 
Es ist zu lesen: mit edle 'durchaus'. 

2067 ff. sind folgendermassen zu schreiben und zu interpungieren: 

Hir umme bin ik hir nedder Stegen 
Unde hebbe my b% dy gevlegen, 
Dattu se bringest buten dat laut 
Üt konninges pharahonis hant, 
Min leve volk van Israhel, 
In ein lant 

Seh. hat st. se das hinzeigende so, das nicht am Platze ist. Auch 
2065 steht der Plural se, während der Singular volk vorhergeht. 
2096 ff. ist zu lesen: 

Ik hope, ik hebbe noch nicht gebroken 

An minem steigende, leve here, 

Unde hope, dat my des nement vorkere, 



150 

Wol doth U Lottes tiden geschach 
Min opper unde nicht up aussen dach. 

2112 ff. Auch diese Verse sind von Seh. nicht richtig auf- 
gefasst; es ist zu lesen: 

Ach here, welke geistlike tneninge 

Is hir der werlde bi gegeven? 

'Dat ute deme buske dal ewige leven 

Der werlde to tröste komen schal, 

— Ein herde toesent — dat to einem stal 

An dat levent is geborn.' 

Ach Herr, welche geistliche Bedeutung liegt hierin für die Welt? 
Antwort: Dass aus dem Busche das ewige Lehen der Welt zum Tröste 
kommen soll — in der Gestalt eines Hirten — das in einem Stall 
in das Leben hinein geboren ist. Zu: an dat levent geborn vgl. an de 
erden geb. 2927. 

2275 lies: dat uns trutoer rät werden moete. Seh. liest werde, I 
die Hs. hatte wahrscheinlich werdö. 

2322 ist zu lesen: 

Ik wü iu umme mines leven vaders willen 
GoÜiken handelen unde spisen .... 

Der Ausfall des Acc. iu vor umme erklärt sich leicht. 

2337 f. ist zu lesen: na legenicheit aller der mynschen salicheti 
„nach der Sachlage der Seligkeit aller Menschen". Vgl. 2378 nach 
legenicheit des speis. 

2402 ist das hsl. dat nicht in dar zu ändern; es ist das Demonstr., 
während dat zu Anfang des Verses Conjunction ist. Es ist zu schreiben: 

Wan se dat dode kint vindet dar, 

So schal se menen aldorgen war, 

Bat ü si ir eigen kint, 

Dat se döt dat bi sik vint 

Die Verse 2485,6 sind nur zu verstehen, wenn sie umgestellt 
werden. Es ist danach zu lesen: 

2483. Stner dener der is over den tal, 
Ik en kan or nicht getellen al, 
dat dar aUetnäle mede is. 
Busse koninch is also kloek unde ms. 

V. 2485 steht dat, als wenn gesinde, wie 2481, nicht der Plural dener 
vorherginge. Vgl. 2509: Vrauwen unde junefrawen unde megeäe % Gy 
schütten altomalen tnede. 

2927 entspricht das hsl. van stner junefrauwen dem lat. ex 
virgine ejus V. 2924; die Änderung in einer ist unnütz. 

2980 ff. Das Lateinische ist verstümmelt und nicht herzustellen: 
nur soviel ergibt sich aus der Vergleichung mit der deutschen Über- 
setzung V. 2984: up einem stole se sit, dass statt sedes sedens (sedös) 
zu schreiben ist. Auch dut Jammer! V. 2988 ist kaum richtig; viel- 
leicht mit jammer? 

3213 lies: 

Dut wort dat wart geborn got. 
Unde alse ein mi sie der verstot. 



151 

3281 ff. ist die Interpunktion folgendermassen zu ändern: 

Wy hadden dem my tischen alle spise 
Gegeven in dem paradise. 
Einen bom, den ik om dar vorböt, 
Dar umme heft he gegeten den döt 
Unde heft gesundiget üter maten. 

3362 ff. ist zu lesen: Unde su an unse bitteren trenen, Da wy 
dach unde nackt bewenen Mede use schult . . . 

3447 lies: It helpet ome nicht allent dat he drift. 

3465 kann innigen nicht Synon. zu vromen sein, sondern es 
muss = jenigen sein. Für jenich aliquis findet sich auch inich; s. 
Mnd. Wb. 2, 364, 31. 

Die Verse 3569,70 sind gründlich entstellt. Nachdem hinter V. 
3568 ein Punkt gesetzt, ist folgendermassen zu schreiben: 

Unde dat in mtner lere schult 
Dat möt noch alle werden vorfult. 

'Was in meiner Lehre verborgen liegt, das muss noch alles erfüllt 
werden.' Die Bestätigung der Verbesserung liegt in dem lat. Texte: 
Aperiam in parabölis os meum. Der Reim schult : vorfult findet sich 
auch 2841. 

3654 ff. ist zu lesen: 

Her vader, wärwordich schütte gy wesen, 
Unde lotet den mynschen nicht genesen, 
Dat he so vr ome der bede genete. 

'Herr Vater, ihr sollt wahrhaft sein und den Menschen nicht ohne 
Strafe davon kommen lassen, so dass er den Vorteil von so befremd- 
licher Bitte hat.' Vgl. die Worte Adams 3429: Ik höre de bedde der 
leven ftropheten, Der mach ik leider nicht geneten. 
3672 ff. sind genau nach der Hs. zu lesen: 

Hir umme denket Adames, juwes sones, 

Up dat it (das Wort Davids) werde vuüenbracht, 

Unde dat Cherubin Sette heft gesacht, 

Dat he miner möge geneten. 

Vgl. die Worte des Cherubin, besonders 1471 ff. 

3737 kann noden wohl nur heissen 'notwendig sein'; vgl. Mnd. 
Wb. 3, 194, 33. Vielleicht ist dusses döt zu lesen. 

3747 ff. sind folgendermassen herzustellen: 

Gabriel, nu werdet rede, 
Segget Annen dat ik or berede: 
Ek wil twiden ore bede, 
De se vaken an my dede. 

'Gabriel, nun mache dich bereit. Sage Anna das, was ich ihr ver- 
spreche. Ich will ihr Gebet erfüllen, mit dem sie mich oft anlag.' 
— Über bereden = versprechen, geloben s. Mnd. Wb. 6, 51. Statt 
berede V. 3749 hat die Hs. bede, was wohl aus be' de entstellt ist. 

361 lies ausser. 390 lies ift st. ist. 572 lies ewiclichen. 1180 
ist wohl zu lesen: hir nach so seiche ein gevelle. Nach 1638 ist der 
Punkt in ein Komma zu ändern und V. 1639 nach Dat ist he zu er- 



152 

ganzen. 1643,4 me : entwe. 1723 lies ho (: io). 1873 me : se. 1920 
lies mit der Hs.: vromede. 1958 tilge das Komma. 2171 ist wohl 
dede : rede zu lesen. 2233 lies dele (tele). Nach 2296 ist der Punkt 
zu tilgen. 2365. Nach 692 ist neste st. veste zu schreiben. 2421 lieh 
enberest. 2449 hat die Hs.: Dut sechst; Seh. schreibt: Dut secht, es 
ist aber: Du sechst zu schreiben. 2479 ist natürlich mit der Hs. er- 
licheit und 2490, 2494 erlik zu schreiben. 2507 lies iuk st. sik. 276t» 
lies gesen. 2844 lies schtd. 2921 lies reger et. 2948 lies novis. 2950 
lies neten (: prophäen). 3034 lies ütgesent. Nach 3199 und 3201 
sind die Kommata zu streichen. 3227 lies worte garte 'Wurzgarten : 
s. Mnd. Wb. 3348 wohl: van gode an himmelrike. 3389 und 3397 
lies weisen. 3445,6 prophäe : vordrete. 3474 my st. mir? 3716 ist 
beidentstden zu schreiben. 3854. Da twiden auch 3456 mit dem Gen. 
construiert wird, so war alles, nicht allct zu schreiben. 

Zum Wörterbuche habe ich noch folgendes zu bemerken: 

behuddes 'verborgen' s. Mnd. Wb. 1, 198, 32; bekoren hat 2236 
nicht die Bedeutung 'in Versuchung fuhren', sondern 'Jem. anliegen, 
bitten'. 

beschelicheit erklärt auch das Mnd. Wb. 1, 260 als Zusammen- 
ziehung von beschedelicheit, Bescheidwissen, Klugheit. Dies Wort findet 
sich jedoch nirgend belegt. Ich stelle beschelicheit zu schelen in der 
Bedeutung 'unterscheiden' (s. Mnd. Wb. 4, 64, 40); es bezeichnet 
demnach die Eigenschaft dessen, der Wahres und Falsches zu unter- 
scheiden versteht. 

bewant 'gut angewandt' gehört zu bewenden, Mnd. Wb. 1, 318. 

brecht ist = bracht 'Pracht, Herrlichkeit', s. Lübben u. d. W. 

broiden 'hüten' ist zu streichen, s. o.; düfare ist Comp. 

emmelat kann natürlich nicht = England sein. Statt ende ist 
ende zu schreiben; over ende gän heisst 'bei Seite gehn' wie schon 
richtig im Mnd. Wb. 1, 660 gedeutet ist. 

St. gesekin ist glesekxn zu lesen; gd = Versammlung, s. Mnd. 
Wb. 2, 126. 

herschult ist zu streichen, s. o. 

houde. Die scheinbar ndl. Form beruht auf Schreibfehler, es 
muss an dieser Stelle hode lauten, zu höt. 

hiire nicht 'hart', sondern 'zerbrechlich'. 

kolden kann 727 nicht 'erkalten' heissen; auch das Mnd. Wb. 
gibt keine Auskunft. 

mond. Auch diese vermeintliche niederl. Form ist zu streichen. 

St. neden 'Neid erregen' ist nedeti 'wagen' zu schreiben, s. z. 1250. 

schür 'Schauer, Regen' ist zu streichen, s. z. 1778; über schil 
und schelten s. Mnd. Wb. 4, 62 u. 64. 

stempen nicht 'stampfen', sondern 'Verrat üben, betrügen', s. 
Mnd. Wb. 4, 384, 20. 

tiden 'sich verlassen auf, Mnd. Wb. 4, 540. 

ütföden 'ausruhen' ist zu streichen, s. z. 1104. 



153 

Yorkeren V. 487 ist = verführen, s. Mnd. Wb. 5, 375. 

verlegnen 'abweisen, zurückweisen', Mnd. Wb. 5, 389. 

vorschoven hat sowohl 275 als auch 717 die Bedeutung 'ver- 
drängen', s. Mnd. Wb. 5, 439. vorsoret ist 'vertrocknet'. 

wer 'Schmerz, Leid' ist zu streichen, denn 1611 ist vre : me 
zu lesen. 

NORTHEIM. R. Sprenger. 



Zu Meister Stephans Sehaehbueh. 

Das dem Dorpater Bischöfe Johann von Fifhusen von einem 
Schulmeister Stephan gewidmete Schachgedicht ist nach dem Lübecker 
Druck aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, der allein es uns erhalten 
hat, im genauen Abdruck erschienen im 11. Bande der 'Verhandlungen 
der gelehrten estnischen Gesellschaft' im Jahre 1883. Dazu erschien 
in diesem Jahre als 14. Band der Verhandlungen ein sorgfältiges 
Glossar von W. Schlüter, während ein weiterer Band, Einleitung und 
Anmerkungen enthaltend, noch zu erwarten ist. Beifolgende Bemer- 
kungen betreffen einige Stellen, wo entweder der Text verderbt ist, 
oder deren Erklärung bisher nicht genügend gefordert zu sein scheint. 

1467. Dar vant he vele godes knechte 
De ghesant weren to unrechte 
In dat eilende dar se säten 
Unie pine leden dar godes gnaten. 

dar yotcs gnaten wird von Schlüter im Glossar übersetzt durch 'um 
Gottes willen'. Das ist nicht sprachgemäss. Auch ist ein unreiner 
Reim wie säten : gnaten im Ged. ohne weiteres Beispiel. Ich glaube, 
dass zu lesen ist dor gotes ghaten 'um Christi Nägelmale willen', gate 
für Wunden an den Füssen findet sich in folgender Stelle der Dial. 
Gregor, im Mnd. Wb. 2, 17 sine voete weren van den voet ouel so sere 
gesicdlen, dat se dl vul gate weren. 

1837. Aldus ridder Joab dede 

De menneghen brochte in grote Jede 
Do he Davides her greue was 
Also men in den boken las 
Do he mit sinem here de schonen 
Hadde vorslaghen Absolonem. 

Die letzten Verse sind entstellt; es ist zu lesen: 

Do he mit sinem häre den schönen 
Hadde vorslaghen Absalönen. 

Da er Absalon mit seinem schönen Haare erschlagen hatte. 

2223. He sach enen eme bekant 
Dat up siner seren hant 
Mugghen seien. 



154 

Es ist im Glossar nicht bemerkt, dass beJcant hier heissen muss: sich 
als pflichtig, abhängig bekennend; vgl. Mnd. Wb. 1, 208. 4 Er sali. 
dass einem seiner Untergebenen auf der wunden Hand Mücken sassen.* 

2231. De mugghen de dar weren vloghen 
Unde al rede vul ghesoghen 
Unde enbeten my nicht mere. 
Komen nu andere mugghen vere 
Hungerich in quader bere u. s. id. 

V. 2233 ist zu schreiben: De enbeten my nicht mere. Sodann ist im 
Glossar unrichtig bemerkt, dass vere hier 'weither' sein soll. Es ist 
vielmehr ver, fer das frz. fier stolz, übermütig, besonders durch Gerh. 
v. Minden häutig auch von Tieren gebraucht; s. Seelmanns Glossar. 
2497 f. ist zu lesen: 



Wente dat vor gode wert ghespart 
Dat vert vil dicke des duuels vart. 



Die Hs. hat wert. 



2859. Also maket dicke en kone moct 
Mennich dromch herte sunt. 

Ein unreiner Reim wie moet : sunt findet sich bei Stephan sonst nicht. 
Es wird munt : sunt zu lesen sein. Wie aus V. 2831 ff. hervorgeht, 
handelt es sich hier um den Trost, der einem Traurigen durch Zu- 
spräche zuteil wird. 

3012 ist zu lesen: 

He hincket dicke by emc stave 
Van oldere de de vruntschop begert. 

'Der welcher diese Freundschaft (s. d. Überschrift) begehrt hinkt oft 
vor Alter am Stabe.' 

3157. De drudde vruntschop wille gy dat weten 
Is in den truwen herten beseten 
Dat is ere woninge käste 

Schlüter bemerkt im Glossar S. 119 unter woninge: 'woninge scheint 
als adj. gefasst werden zu müssen, abgeteilter Wohnraum' (?), vgl 
Sch.-L. unter woninge. Das ist nicht möglich, und auch der Verweis 
auf Sch.-L. passt nicht. Ieh halte vielmehr haste für adj. = lat. 
castus, rein, unbefleckt. 

4806 ff. ist zu lesen: 

He sprak: In mynem testamente \ 

teil ik maken grote rente j 

unde uril de iw na mynen dagen, 

is dat gy my vort behagen 

unde gheuen my al myn gcooech. i 

'In meinem Testamente will ich grosse (jährlich wiederkehrende) Ein-I 
künfte aussetzen, und will diese euch verschreiben, sofern ihr mir 
weiterhin gefallt und mir allen meinen Bedarf gebt.' willen findet 
sich auch sonst in ähnlichen elliptischen Wendungen, s. Mnd. Wb. 
5, 720 Sp. 1. 

5032 wird dem Läufer geraten: 



155 

Des auendes schal he weynich drincken 
Van dünnen tcine unde vort gan wincken 
So blifft syn houet des morghens licht 

winken wird durch Schlüter falsch als 'wandern' erklärt, mit Ver- 
weisung auf wanken bei Schiller-Lübben, es hat aber vielmehr die 
Bedeutung 'schlafen', wie aus Sch.-L. 5, 728 zu ersehen war. Der 
Sinn ist so klar: Der Läufer soll des Abends nur wenig dünnen Wein 
trinken und dann sofort schlafen gehen, damit ihm am nächsten 
Morgen der Kopf leicht sei. 

5211. Also is des koninges name oek 
Idel unde van hulpe Hot 
Heft he nicht in siner not 
Borghe unde gude slote 
Dar he myt alle siner rote 
Mach to koneren ane vare 
Want en besticket der vyende schare 

In to koneren vermutet Schlüter im Glossar einen Druckfehler für 
to-komen. Sollte nicht vielmehr kaueren zu lesen sein? Dieses würde 
sich erklären durch mittelengl. coure (ne. cower) 'still liegen' s. Skeat, 
Etymol. Dictionary of the English Language s. v. 

5496. Ik ne mene de heren nicht 

De ere lüde myt rechter plicht 
Dwingen eren unde voren 

Die Stelle ist, wenn man eren hier = eren, ehren nimmt, unverständ- 
lich; ich glaube, es ist gleich eren, ackern. Auch voren passt in der 
Bedeutung führen hier nicht in den Zusammenhang. Sollte es zu 
vore 'Furche' gehören? Die Stelle wäre dann zu übersetzen: Ich 
meine nicht diejenigen Herren, welche durch Auferlegung rechtmässiger 
Abgaben ihre Leute zwingen, zu pflügen und zu furchen. 

NORTHEIM. R. Sprenger. 



Zum Amringiseh-föhringisehen. 

(Nachtrag zu Jahrbuch XIII, 1—32. 160.) 

Die folgenden Nachträge kann ich auf Grund einer zweiten 
Studienreise 1888 geben. 

S. 4 unten: Die Amringinnen antworten heute dem Fremden 
bereits deutsch und können in Folge des Schifferverkehrs im allge- 
neinen jetzt bereits besser platt- als hochdeutsch. Einheimischen Platt- 
leutschen antworten die Frauen meist amringisch, die Männer platt- 
leutsch. Auch auf Westerlandföhr antworten heute nur noch wenige 
Frauen föhringisch auf eine deutsche Frage. 

S. 5, § 6 bitte statt der ersten vier Zeilen lieber zu lesen: Der 
unterschied zwischen der Sprache von Süd und der von Amrum und 
?öhr ist nicht so bedeutend, dass nicht der Amringe den Sildringen 



156 

im grossen und ganzen verstünde, wenn sich beide auch, zumal die 
Männer, vielfach auf plattdeutsch verständigen. Weit glatter ver- 
ständigen sich die Helgolander und die Amringen oder Föhringen in 
ihrer Muttersprache. 

S. 6, Z. 2 v. u. bitte einzuschieben s. skil'. 

S. 7, 4) statt mei, neil, vei lies müei, näeil, väei. 

S. 7, 5) statt 8. ürd lies s. ürt. 

S. 8, oben 2) bitte hinzuzufügen s. döf, s. ström, s. bom, s. slö. 

S. 8, 3), Z. 5 lies h. veter, s. veder und s. ibm. 

S. 9, 8), Z. 4 füge hinzu s. skil'. 

S. 10, 4), Z. 5 und 6 füge hinzu s. skoat und s. s'ern. 

S. 11, Z. 24 fuge hinzu s. skel. 

S. 14, Z. 18 statt 'rein' lies 'noch stark'. 

S. 15, 2), letzte Zeile ist zu streichen. 

S. 15, 4), letzte Zeile lies w. ölr, aosdr. 81r, 8dr. 

S. 17, 2. füge hinzu Apenrade: a. Apmrüaed. 

S. 20, Z. 18 statt von mir in Vorbereitung lies: erschienen unter 
dem Titel: Ferreng an ömreng Stacken üb Rimen ütjdenn fan Dr. 
Otto Bremer, Halle 1888. 

S. 21, Z. 7 füge hinzu: Gregööri. Insel-Bote, Wyk, Neunter 
Jahrgang, Nr. 23, 21. März 1888. 

_ S. 21, Schluss des ersten Absatzes füge hinzu: Lün>ji Vöy»n 
Okaen, führ, und amringisches Tanzlied, auf Föhr entstanden, neuesten 
Ursprungs, nach mündlicher Überlieferung von mir aufgezeichnet. 

S. 21, IL, 2. vgl. Ndd. Liederbuch, Nr. 54. 

S. 21, letzte Zeile füge hinzu: Übersetzung in Clements Lappen- 
korb, S. 317—319. 

S. 22, Z. 2 füge hinzu: Übersetzung in Clement's Lappenkorb, 
S. 319—321. 

S. 22, 14. hinter Schmidt füge hinzu: (geboren in Nebel). 

S. 22, 15. lies^Feddersen (geboren in Nebel), 1846. 

S. 22, 18. hinter (Iarken) fuge hinzu: (geboren in Nebel). 

S. 22, 19. Z. 1 lies: Paulsen (geboren in Süddorf, lebte in 
Norddorf). 

S. 22, 19. Z. 3 und 4 lies: die übrigen Strophen konnte ich teils durch 
eine freilich sehr schlechte Norddorfer Abschrift ergänzen, teils durch mündliche 
Überlieferung eines alten Norddorfers. 

S. 23, Z. 1 lies: Engmann (geboren in Wyk, lebte in Norddorf), 

S. 23, 22. Z. 1 lies: (geboren 1820 in Norddorf). 

S. 23 füge hinzu: 23. Friesische Plaudereien. An Harwstinjj 
Gespräch von Richard Mechlenburg aus Nebel. Gedruckt Westsed 
Inseln, Nr. 102, Wyck, 27. Mai 1871. . 

Hiernach sind die folgenden Zahlen 23, 24 und 25 in 24, 21 
und 26 zu ändern. \ 

S. 24, IV. fuge hinzu: 3. Hat rintj üb a bragg an at wärl 
wiat, altes Tanzlied (auch hoch- und plattdeutsch), besitze ich nad 
der Niederschrift von N. Jürgens in Neumünster. 



157 

Ebendort fuge hinzu: 4. Huar as di Fresk sin federlunn?, 
Lied unbekannten Ursprungs, besitze ich in der Niederschrift von N. 
Jürgens in Neumünster. 

S. 24, IV., 3. ist hiernach in 5. zu ändern, ebenso 4. in 6. 

S. 24, IV., 3. a) füge hinzu: Nachdichtung von „Kommt die Nacht 
mit ihrem Schleier". 

S. 24, IV., 4. g) ist zu streichen und dafür einzusetzen: Bi s trunn, 1888. 

S. 24, IV. füge hinzu: 7. Theodore Jensen aus Oldsum dich- 
tete in den achtziger Jahren 2 von mir nach ihrem Munde nieder- 
geschriebene Gedichte: 

a) Nan, nan, hat as tu doli, 1881V, Nachdichtung von „Nein, nein, es ist 
zu toll 11 . — b) Hat as tick dach ei oderlicks. 

S. 24, V., 4. a) lies: Lacht as et eg, eh ferreng Spriak tu 
skriwen. Gedicht, gedruckt Westsee-Inseln, Nr. 25, 26. März 1879, 
1. Jahrgang, Deezbüll. 

S. 24, V., 4. b) ist zu streichen. 

S. 25, 9., Z. 3 füge hinzu: Ich besitze von den nicht gedruckten 
Sachen die Originalhandschrift. Dafür sind im folgenden Absatz unter 
d) bis r) die Worte zu streichen: Hdschr. im Besitz des Verf. Daselbst 
füge hinzu: Föhringer Plaudereien: Fehr, ah 16. Jan 1871. Man leewe Fröd!, 
Brief von Knütj. Gednickt Westsee-Inseln, Nr. 65, Wyck, 18. Januar 1S71. — 
Föhringer Plaudereien: An fährring Düntje van det Schwin, wat Jielke 
Skruadder för an Höhn vörkäft. Gedruckt Westsee-Inseln, Nr. 82, Wyck, 
18. März 1871. — Di grappig Sönk, Erzählung 1888. 

S. 26, Z. 2 fuge hinzu: (geboren 1834 in Alkersum, lebte in 
Nieblum). 

S. 28, 14. gehört der Sprache nach nach Goting. Daselbst fuge 
nach „Westsee-Inseln" hinzu: und der „Niebüll-Deezbüller Zeitung". 

S. 28, 16. lies: besitzt eine grössere Sammlung guter Gedichte, 
von welchen ich 10 nach der Originalhs. abgeschrieben habe, das 
letzte in der Originalhs. besitze. 

a) Siamans Ufskias. — b) Wi sann hirr tu Gast en wi ha't so nett. 

— c) En Wurd tu min Lunnslidj. — ch Di ufskoffelt Edelraan. — e) En 
Bradlepsliad. — f) TuminFrinjer. — g) Tu Knut en Engellena's Ütjbringcn. 

— h) Noch ian tu jar Ütjbringen. — i) Tu man Maan. — k) Tu min ual 
Ami. — 1) Ick sann so ünlokkelk wesen. — m) Wann jam nu smock ens 
harki well. — n) Tu Engelena. — o) En Stack Snack tesken Atj en 
Dochter. — p) Nu ha'k doch noch, nan det gongt doch witj. — q) Tu Karl. 

— r) Tatji an Matji jarrens Rais after eh Wyk. — s) An nü letj Näggels 
wanskik di. — t) Gudd maren, nü ha jam gud sleppen. — u) tu Juli. — 
v) Tu Pitt. — w) Tu Nanne. — x) Tu Inge. — y) Ick san an letj jong 
Wüff van Fehr. — z) Ick bad jam Lidj, huaram san jam so thwäs. — 
a) Seh dett letj Bläd, ast eg en Grap. — ß) Diar ick noch letj wiar. — y) 
Wann ick vor Juaren hir of diar. 

S. 28, 20. a) lies: Lew Eilun Fehr. 

S. 32 ist nach 26. hinzuzufügen: Bohn, „Wörterstudien, 1888," 
Heft im Besitz des Verfassers, in jeder Hinsicht unbrauchbar. 

HALLE. Otto Bremer. 



158 



Anzeige. 



Wilhelm Bäumker, Niederländische Geistliche Lieder nebst ihren 
Singweisen aus Handschriften des XV. Jahrhunderts. (Separat- 
abdruck aus Vierteljahrsschrift für Musikwiss. 1888. Leipzig, 
Breitkopf & Härtel.) 8°. 

Hoffmann von Fallersleben was de eerste, die den Nederlanders toonde, 
welk een schat van schoone, geestelijke liederen zij lang reeds hadden bezeten, 
zonder dien te kennen. 

Door de uitgave van Deel X Zijner Horae Belgicae gaf hij den stoot tot 
de Studie der Nederlandscbe geestelijke lyriek. Vele Nederlanders wekte bij op 
hem te volgen op het door hem gebaande, maar nog niet afgeloopen. päd. Alber- 
dingk Thijm, De Coussemaeker, Willems, Lootens en Feys, Van Vloten maakten 
zicb verdienstelyk door het nitgeven of onderzoeken van geestelijke liederen en 
hunne melodieen. Ook de bekende kerkhistoricus Prof. Moli wijdde zijne aan- 
dacht aan ons geestelijk lied, dat hij kende en liefhad; trouwens in dezen is 
kennen liefhebben. Verschillende liederen, ontleend aan handschriften of zeld- 
zame liedeboekjes, werden door hem bekend gemaakt; in zijn boek over Johannes 
Brngman gaf hij eene fraaie schets van het geestelijk lied in den tijd van dien 
beroemden kanselredenaar. 

Het door Moli zoo goed begonnen werk werd voortgezet door Prof. Acquoy. 
den man, die het eerste wetenschappelijke werk over ons geestelijk lied schreef, 
al gaf hij daaraan den bescheiden titel: s Aanwijzingen en Wenken". 1 ) Acquoy 
is de man, die ons eene Geschiedenis van het Geestelijk Lied kan geven. Hopen 
wij, dat hij het eens zal doen. 

Er moet echter nog heel wat gepnbliceerd, onderzocht en gerangschikt 
worden, voordat iemand er aan kan denken de ontwikkelingsgeschiedenis van het 
geestelijk lied in de Nederlauden te schrijven. 

Welkom is daarom allen vrienden onzer literatuur en onzer muziek de 
bnndel liederen, welke door Wilhelm Bäumker voor het eerst en met de melodieen 
naar de handschriften werden uitgegeven. De liederen, welke hier het licht zien, 
werden door B. afgeschreven uit een onlangs te Weenen ontdekt handschrift; 
ook nit een, vroeger door Hoffmann von Fallersleben gebruikt, nu te Berlijn 
bernstend hs. nam hij eenige onuitgegeven liederen over en voegde aan andere 
de melodieen toe, welke H. v. F. had laten rasten. 

Bäumker heeft zijne taak breed opgevat en voortreffelijk volvoerd, vooral 
indien men in aanmerking neemt, dat de bedoelde liederen gedieht zijn in eene 
taal, welke niet de zijne is. 

Over het muzikale deel van zijn werk kan ik niet als bevoegde inede- 
spreken ; de melodieen onzer geestelijke liederen kan ik slechts ge nieten, niet als 
deskundige beoordeelen. Ik zal mij dus bepalen tot de beteekenis van het werk 
uit een taal- en letterkundig oogpunt. 

In de Inleiding deelt B. ons het een en ander mede over den bloeitijd 
van het geestelijk lied in de Nederlanden, over inhoud en vorm der liederen, 
over de dichters en de melodieen, over de handschriften, waaruit hij putte. Op- 
merkingen over den tekst der liederen en een Glossarium voltooien het werk. 

*) Het geestelijk Lied in de Nederlanden vöör de Hervorming. Aanwyzingen 
en Wenken, door Dr. J. G. R. Acquoy. Overgedrukt uit het Archief voor Ned. 
Kerkgesch. Kl. IL 's-Gravenhage 1886. 



159 

Slechts op een enkel punt der Inleiding wensch ik hier de aandacht te testigen. 
B. zegt op bl. 156: „Indessen glaube ich, dass in den Niederlanden ebenso wie 
in Deutschland in der Kirche Lieder in der Volkssprache gesangen wurden. 
Nehmen wir z. B. gleich das erste Lied der Wiener Handschrift „Jhesus Christus, 
Marien soen", so sehen wir, dass es vollständig nach Text und Melodie den 
Charakter eines echten Kirchenliedes an sich hat. Zudem enthalten unsere beiden 
Handschriften Uebersetzungen alt-lateinischer Gesänge und eine Anzahl von solchen 
Liedern, welche in späteren katholischen Gesangbüchern sich wiederfinden. 

Gesteid al, dat de bewering omtrent het bedoelde lied (n° 1) juist zij, dan 
kan een lied toch geen afdoend bewijs zijn. Dat men vertalingen van Oud- 
latijnsche liederen aantreft en liederen, welke in latere katholieke gezang- 
boeken voorkomen, kan toch moeilijk bewijzen, dat zij vroeger werkelijk door 
de gemeente in de kerk gezongen zijn. Zoolang geene sterker sprekende bewijzen 
zijn aangevoerd, moeten wij ons, meen ik, houden bij de oude zienswijze, dat de 
katholieke geestelijkheid het monopolie van het gezang in de kerk had en hield ; 
dat eerst de Hervorming het gemeentegezang in gebruik heeft gebracht. In 
letterkundige schoonheid moeten de meeste dezer liederen onderdoen voor de door 
Hoffmann von Fallersleben in zijne Horae Belgicae gepubliceerde. Ook komt het 
mij Toor, dat de kunBtpoezie hier ruimer vertegenwoordigd is dan de volkspoezie, 
terwijl in de liederen van het Berlijnsche handschrift misschien de tegenovef- 
gestelde verhouding heerscht. De bouw, het metrura, de woordenkeus, de inhoud 
der door B. uitgegeven liederen behooren eer tot de kunstpoezie dan tot de volks- 
poezie, al zijn natuurlijk de grenzen tusschen die beide afdeelingen niet overal 
scherp te trekken. Naieve kerstliederen, als in de Horae Belgicae, vindt men 
hier slechts een enkelen keer. Ook vindt men hier niet zoo dikwijls die frisch- 
heid, dien toon der romance, dien springenden verhaaltrant, die eigenaardige 
wendingen, waardoor de volkspoezie zieh onderscheidt. 

In de liederen der Hör. Belg. noemen zieh de makers der liederen niet 
zelden of liever geven zij in het laatste of voorlaatste couplet eenige aanwij- 
zingen omtrent zieh zeif, gewoonlijk echter zonder hunnen naam te noemen. 
Men vergelijke b. v. het slot der liederen n° 47, n° 51, n° 52, n° 53, n° 64, 
n° 80, n° 91, n° 95 (in den aanvang), n° 109, n° 114, n° 115, n° 119. Deze 
eigenaardigheid der volkspoezie trof ik geen enkele maal in de door B. gepubli- 
ceerde liederen aan. 

Omtrent de plaats, waar deze liederen gedieht zijn, weten wij weinig of 
niets. Toch is het voor de geschiedenis van het geestelijk lied niet zonder 
belang te weten waar onze geestelijke liederen gedieht zijn. De taal, waarin 
de hier bedoelde zijn geschreven, kan ons eenige gegevens verschaffen. Uit het 
voorkomen van sommige taalvormen zou men vermoeden, dat eenige dezer liederen 
in het Zuidoosten van ons land gedieht zijn. Zoo b. v. : 5, 7: heyt l, leit; 
8, 5: dregen (dragen); 9, 12: wunelic; 9, 14: ghestadlich; 12, 11: 
ghemeenentlic; 17, 13: ut des hertschen wonnen; 17, 22: wi synt 
(wi sijn) ook 24, 10; 30, 3; 21, 11: waerlich (ook 31, 3); 25, 9: steet 
(staet) ook 42, 4; 30, 4: te gaer, herts dit passim; 35, 1: toe tide; 
ondergheet; 35, 5: verwennentlic (verweendelic) ; 35, 7: sold ic; de 
Varianten op n° 36; 54, 2: vrolich || zuete lieh; 56, 1: suver liebste; 
58, 5: sairt (zart); 59, 2: mijn hartsen gheren etc. 

Hier zou echter een nader onderzoek moeten plaats hebben. 

Over het algemeen is de tekst der liederen door B. met zorg behandeld. 
Daar de dichten zieh echter lang niet overal duidelijk nitdrukken, is het ver- 
staan van den tekst niet altijd gemakkelijk ; het herstellen van bedorven plaatsen 
ook niet licht. 



160 

Een paar opmerkingen a&ngaande den tekst iaat ik hier volgen : 
4, 7: „heel raeer dan maken dusent iaer u 1. : een uer daer maket dusent 
iaer? 4, 18: bleeft 1. bleeff; 5, 1: suverliker 1. suverlike; 5, 2: onbevaen 
1. ombevaen; 8, 6: unosei 1. onnosel; 9, 6: coninx soen 1. sconinx soen; 9, 9: 
cransken 1. tcransken; 9, 14: al leneken 1. alleneken; 10, 6: ay hi voer op 
1. als hi voer op (met het Berl. hs.); 11, 5: had in geseten haer vol tut 1. had 
nn etc.; 17, 40: beneder 1. beneden; 17, 45: hier nae alle myn begheert L 
hier nae staet alle m. b.; 18, 1: dat wercoren 1. dat kint vercoren; 23, Iß: 
mach u kynt niet gebrnken 1. mach ic u kynt niet g. ; 23, 32: leer 1. seer; 
26, 4: besiit myns vaders riic 1. besit m. v. r.; 26, 6: aldaer en leyt u niet 
smyts aen 1. aldaer en leyt u niettemyt aen; 28, 14: beb 1. heb; 29, 4: des 
viant strie 1. des viants s. ; 29, 5: ouuerslaen 1. onverslaen; 30, 2: Van alder 
sonder plagen 1. van a. sonden p. ; 30, 13: tsermoen 1. tfermoen; 30, 14: teerst 
in 1. teersten ; schrap in vs. 2 : hi ; 32, 2 : pitteren 1. bitteren ; 32, 3 : verdracht 
1. verdrach; 41, 13: ontgach 1. ontgaet; 41, 14: daer 1. der; 41, 17 (vs. 4) 
genoech 1. gevoech; 42, 2: sieyt l. steyt; 43, 3: ouerspronc 1. oerspronc; 45, 1: 
voir onse voirscult 1. voir onse scult (vgl. 52, 4); 48, 2: den niaghet 1. die 
maghet; 48, 6: nach 1. noch; salt 1. sult; 48, 10: oec si 1. dat si; öl, 7: 
totten ioncsten daghen 1. t. i. daghe; 51, 8: eer ic u arre 1. eer ic verarre; 
56, 6: der liefster duve 1. die liefste d. (des liefsten d.?); 56, 7: denc ic dair 
van 1. d. i. dair an; 61, 1: dien 1. die; 61, 4: nach 1. noch; 61, 5: bleeft 
1. bleeff. 

Het Glossarinm is grootendeels juist; alleen zijn de w. w. bescnren 
(bedecken, beschützen) ; bestnren (hindern, hemmen) ; b e s w i ge n (verschweigen), 
naar ik meen, niet in het Mnl. aan te wijzen. Ook heeft het adj. b o u t in het 
Mal. nooit de bet. van Hd. klng. 

Er is, gelijk wjj reeds zeiden, nog veel te doen, voordat eene geschieden!* 
der ontwikkeling van het geestelijk lied te onzent kan geschreven worden. 

Veel moet nog worden uitgegeven. Niet alleen moeten nog vele liederen 
op nieuw of voor het eerst worden onderzocht, maar ook moeten de verschillende 
lezingen van een lied onderling worden vergeleken. *) 

Is eens alles gedrukt, dan kan men gaan bestudeeren en rangschikken: 
dan zal men het geestelijk lied in zijne ontwikkeling kunnen volgen en den 
gang dier ontwikkeling in eene bloemlezing van geestelijke liederen met hunne 
melodiee'n kunnen veraanschouwelijken. 

*) Ter aanvulling der uitvoerige opgaaf van gedrukte en ongedrukte bronncn 
bij Acquoy, wijs ik nog op het llaagsche hs. n° 721 ter Kon. Bibl. berustciid, waariu 
ook een paar geestelijke liederen voorkomcn op f° 54 v° : „Van der moeder god*</* 
„Hets een dach van vroliehede" ; eene bcwcrking, die in vele opzichten overeenstemt 
met die in Horae Belgicae X n° 21 en n° 22, maar toch ook afwijkingen vertoont. 

AMSTERDAM. G. Kalff. 



Berichtigungen . 

Auf S. 36 Z. 8 v. u. lies Niederdeutschen anstatt Mitteldeutschen. 
S. 38 Z. 14 v. u. lies Baitn anstatt haitn. 

S. 51 ist folgendes zu streichen: Z. 20, 22, 26 y» J- — z - 32 flaija 
die Fliege. — Z. 36 aber flaija die Fliege. — Z. 38 y oder j. 
S. 52 Z. 4 lies 406 anstatt 106. 
S. 104 bei 11 lies (vor 1548) statt (v. J. 1518). 



In unserm Verlage sind erschienen: 

Ducke des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung. 

i. 

mittelniederdeutsche Fastnachtspiele. Mit Einleitung und 
Anmerkungen herausgegeben von W. Seelmann. XLVIL und 
86 S. Preis 2 Mk. 

Inhalt: Böse Frauen. — Bauernbetrügerei. — N. Mercatoris Fastnachtspiel. — Zwie- 
gespräch s wischen dem Leben und dem Tode. — Der Scbeve Slot. — Böbeler Spiel. 
— Das Glücksrad. 

Dieser Neudruck mit Beproduction der Original-Holzschnitte enthält eine 
Sammlung alter volkstümlicher Lustspiele in mittelniederdeutscher Mundart. 
Die ausführliche Einleitung, welche der Herausgeber beigefügt hat, bereichert die 
GeschicJite des deutsciien Dramas um eine Reihe interessanter Thatsaclien und 
führt u. a. den Nachweis, dass dem Fastnachtspiele, wie man böse Frauen fromm 
machen kann, derselbe Stoff und dieselbe Quelle %u Grunde liegt, wie einer eng- 
lischen, auch Shakespeare, wie seine Zähmung der Widerspenstigen zeigt, be- 
kannten Dichtung. 

II. 

Das niederdeutsche Reimbüchlein. Eine Spruchsammlung 
des 16. Jahrh. Herausgegeben von W. Seelmann. XXVIII. und 
122 S. Preis 2 Mk. 

Das um die Mitte des 16. Jahrh. gedruckte und nur in einem einzigen 
Exemplare erhaltene Beimbüchlein ist eine in ihrer Art einzig dastehende Antho- 
logie gnomischer und lyrischer Poesie, die aus z. Th. jetzt verschollenen Dich- 
tungen, z. Th. auch aus dem Volksmunde gesammelt ist. 

III. 

De diidesche Schlömer von Johannes Stricerius. 1584. Her- 
ausgegeben von Joh. Bolte. *76 und 236 S. Preis 4 Mk. 

Ein Neudruck des Schlömers, welcher neben dem verlorenen Sohne des 
Burkard Waldis als das bedeutendste niederdeutsche Drama des 16. Jahrhunderts 
bezeichnet werden muss, ist sclwn oft als ein Bedürfnis empfunden worden. 
Slricer entwirft darin in lebendigen Zügen ein getreues und anschauliches Bild 
von dem wüsten und schwelgerischen Leben des Adels in seiner Heimath Holstein. 
Seinem Stücke liegt zu Grunde eine schon zuvor in England, Holland, Frank- 
reich und Deutschland dramatisch bearbeitete Fabel, die, wie Goedeke nachgewiesen 
hat, aus einer budhistischen Parabel hervorgegangen, zuletzt zu einer Darstellung 
der Bekehrung eines verstockten Sünders im Sinne der protestantischen Becht- 
fertigungslehre geworden ist. 



Meister Stephans Schachbuch. Ein mittelniederdeutsches 
Gedicht des 14. Jahrh. Theil L: Text. Preis 2 Mk. 50 Pf. 
Theil 11. : Glossar, zusammengestellt von W. Schlüter. Preis 2 Mk. 



Wörterbücher des Vereins für niederdeutsctie Sprachforschung. 

tVortrrl»fi<*li der Wrn( lhlis<*jM-ii HandlUi 

MJttolntacIerdetitJl*heif HaudwArierblicli 

l.iiMiru. Mach dorn Tode des 

istoph Walther. 
ts 





















Woordenboek der (jirmtitijgM'li«* l oIUhIiwi) 



Forschungen. 

Heraasgegeben vom Verein für niederdeatsche Sprachforscliiuig. 

i. 

Die SiMsfer Mundart. I 

niin;itnl Holt 



Norden. 



Diedr. Soltau's Vorlag. 



Jahrbuch 



des. 



Vereins für niederdeutsche Spracbforschung. 



Jahrgang 1889. 



XV. 



NORDEN und LEIPZIG. 

Diedr. Soltau's Verlag. 
1890. 



Ausarbeitungen, deren Abdruck im " Niederdeutschen Jahrbuche 
gewünscht wird, sind dem Mitgliede des Redactionsausschusses Dr. 
W. Seelmann, Berlin SW, Lichterfelderstrasse 30 zuzusenden. Die 
Zalüung des Honorars (von 32 Mark für den Bogen) erfolgt zu 
Jahresschluss durch den Schatzmeister. 

Zusendungen, deren Abdruck im Korrespondenz -Blatte erfolgen 
soll, nimmt Dr. W. H. Mielck, Hamburg, Dammthorstr. 27 entgegen. 

Die Mitgliedschaft zum Niederdeutschen Sprachverein wird durch 
Einsendung des Jahresbeitrages (5 Mark 5 Pf.) an den Schatzmeister 
des Vereins Dr. W. H. Mielclc in Hamburg oder durch Anmeldung 
bei einem der Vorstandsmitglieder oder Bezirksvorsteher erworben. 

Die Mitglieder erhalten für den Jahresbeitrag die laufenden Jahr- 
gänge der Vereins-Zeitschriften (Jahrbuch und Korrespondenz -Blatt) 
postfrei zugesandt. Sie sind berechtigt, die ersten fünf Jahrgänge 
zur Hälfte, die folgenden Jahrgänge sowie alle übrigen Vereins-Ver- 
öffentlichungen (Denkmäler, Drucke, Forschungen, Wörterbücher) zu 
Dreiviertel des Ladenpreises zu beziehen, wenn die Bestellung unter 
Berufung auf die Mitgliedschaft direkt bei dem Verleger Diedr. Söltau 
in Norden (Ostfriesland) gemacht wird. 

Bis auf weiteres können die Mitglieder von demselben auch das 
'Wörterbuch der Ostfriesischen Sprache von J. ten Doornkaat Koolnia-n' 
(3 Bände gr. 8° kartonirt) für 15 Mark (Ladenpreis 44 Mark) post- 
frei beziehen. 

Bücher oder Sonderabzüge, deren Anzeige oder Besprechung 
gewünscht wird, sind mit dem Vermerk 'Zur Besprechung' oder dgl. 
dem Verleger oder einem der beiden anderen genannten Herren 
zuzusenden. 



Jahrbuch 



des 



Vereins für niederdeutsche Sprachforschung. 



Jahrgang 1889. 



XV. 



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HORDEH nnd LEIPZIG. 

Diedr. Soltau's Verlag. 
1890. 



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Druck von Diedr. Soltan in Norden, 






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Inhalt. 



Seite 

Die Ebstorfer Liederhandschrift. Von Edw. Schröder 1 

Niederdeutsche Handschriften. Von K. E. H. Krause 33 

Mittelniederländische Bruchstücke. Von K. E. H. Krause 39 

Zitelöse. Von K. E. H. Krause 44 

Diele, delc. däle. Von Ed. Damkühler 51 

Plattdeutsche Sprüchwörter und Redensarten aus Hinterpommern. Von 

0. Knoop 53 

Der Heliand und die niederländischen Volksdialekte. Von H. Jellinghaus 61 

Ein Liebesbrief aus dem 16. Jahrhundert. Von W. Ribbeck 73 

Zu Pseudo-Gerhard von Minden. Von KarlBreul 78 

Zum Sündenfall. Von Ed. Damköhler 79 

Zu Johann Laurembergs Scherzgedichten. Von R. Sprenger 84 

Zum Düdeschen Schlömer. Von R. Sprenger 91 

Zeugnisse für die frühere Verbreitung der nordfriesischen Sprache. Von 

Otto Bremer 94 

Pelwormer Noräfriesisch. Von OttoBremer 104 

Mittelniederdeutsches Arzneibuch. Von J. H. G allere 105 

Noch einmal das Hundekorn. Von K. E. H. Krause 149 

Karl Strackerjan. Von Reinhard Mosen 157 



Die Ebstorfer Liederhandsehrift. 



Das Liederbuch, mit dem ich die Freunde der niederdeutschen 
Litteratur wie des Kirchengesanges bekannt machen will, darf ich 
wohl ein Vermächtnis von Karl Goedeke nennen. Ihm verdanke ich 
nicht einen blossen Hinweis, er hat mich zur Herausgabe ausgerüstet 
und verpflichtet, indem er mir mit der Handschrift selbst, die er aus 
den Händen des ehemaligen kgl. hannoverschen Ministers Frhrn. von 
Hammerstein empfangen hatte, eine nahezu vollständige Kopie von 
seiner Hand übergab. Das geschah im Jahre 1885, bald nachdem der 
erste Band seines Grundrisses in neuer Autlage herausgekommen war 
und auf S. 472 (vgl. S. 458) die erste Nachricht von unserem Ma- 
nuscript gebracht hatte. Es war am Schlüsse einer jener Plaudereien 
in seiner Studierstube, die sicli oft stundenlang hinziehen konnten 
und von denen ich nie ohne reiche Belehrung, selten ohne ein kleines 
Geschenk heimgekehrt bin. Goedeke hat mich dann noch wiederholt 
ermahnt, der Heimat des Liederbuches selbst einen Besuch abzu- 
statten und mich an Ort und Stelle nach weiteren Handschriften 
umzusehen, und eben diese Anregung, der ich leider auch bis jetzt 
noch nicht habe Folge leisten können, war der Grund, aus dem ich 
die Herausgabe des Ganzen immer wieder verschob. 

Das Benedictinerinnen - Kloster Ebstorf (Ebbekestorpe) in der 
liiineburger Heide (etwa IV2 Meile nordwestlich von der jetzigen Kreis- 
stadt Ülzen) erlebte in der zweiten Hälfte des Mittelalters eine Blüte 
des geistigen Lebens, von der Erzeugnisse der Wissenschaft, Kunst 
und litteratur vielfältige Kunde geben. Ich erinnere nur an jene 
mächtige Weltkarte, die um 1350 im Kloster öder doch für das Kloster 
angefertigt wurde und deren Herausgabe jetzt der historische Verein für 
Xicdersachsen vorbereitet 1 ); ich verweise auf Mithoffs Kunstdenkmale 
und Altertümer im Hannoverschen Bd. IV S. 63 — 69, wo neben Denk- 
mälern der Architectur, Sculptur und Malerei zahlreiche Producte des 
Kunstgewerbes verzeichnet sind, — und ich nenne schliesslich die 
Bibliothek des Klosters. Ihre noch immer stattlichen Überreste hat 
im Jahre 1886 Archivrat Dr. Jacobs (von Wernigerode) in einem 
^»rgfältigen Katalog verzeichnet, dessen Ergänzung sich in heimatlicher 
r'erienmusse Herr Dr. H. Warnecke eifrig angelegen sein lässt. 

J ) Vgl. vorläufig 0. Sommcrbrodt, Afrika auf der Ebstorfer Weltkarte (Fest- 
schrift), Hannover 1885. 

Niederdeutsches Jahrbuch XV. \ 



2 

Der freundlichen Vermittelung des Herrn Dr. Warnecke und dem 
liebenswürdigen Entgegenkommen der hochwürdigen Frau Äbtissin 
des adlichen Damenstiftes Ebstorf, Frau von Meding, verdanke ich dir 
Einsicht in diesen Katalog wie auch die Übersendung verschiedener 
Handschriften. Weitere Ausbeute, als ich sie diesmal geben kann und 
will, darf man einmal von Dr. Warnecke, dann aber auch wohl von 
einer Bearbeitung der Geschichte des Klosters erwarten, wie sie der 
niedersächsische Geschichtsverein in Hannover angeregt hat. Die Vor- 
arbeiten dazu entzogen mir die Bekanntschaft mit einigen der wich- 
tigeren Manuscripte. 

Der Name Ebstorf erinnert die Germanisten an jene Vir- 
ginal-Bruchstücke, welche Goedeke im Korrespondenzblatt des Ge- 
sammtvereins der deutschen Geschichtsvereine 1856, S. 58 f. bekannt 
gemacht und Zupitza nach einer Abschrift Müllenhoffs für seine Aas- 
gabe des Gedichtes verwertet hat, s. Deutsches Heldenbuch Bd. V 
S. IX f. (E). Nach der Seite der weltlichen Litteratur verspricht 
nun freilich der Handschriftenkatalog keine weiteren Spenden. Der 
Inhalt der deutschen Abteilung (VI) ist ziemlich eintönig: Gebet- 
bücher, Predigten, geistliche Betrachtungen (Asketisches und Kate- 
chetisches), dazu lateinische Hymnen mit Interlinearversionen, ein la- 
teinisch-niederdeutscher Vocabularius ex quo (vgl. unser Korrespondenz- 
blatt VH, 85) — damit dürfte der Inhalt umschrieben sein. Aber 
einmal ist diese Litteratur sehr reichlich vertreten und dann wächst 
ihr Wert dadurch, dass die Entstehung grossenteils am Fundort zu 
fixieren ist. Besonders wird die Geschichte der Predigt aus den um- 
fangreichen Handschriften VI 5 und 6 Nutzen ziehen: es sind nieder- 
deutsche Homilien, die in Ebstorf selbst gehalten sind und sich auf 
die Jahre 1497 — 1521 bestimmt datieren lassen. Ihnen scheint sich 
die Handschrift VI 1 1 anzuschliessen. Geschrieben sind diese Codices 
überwiegend, vielleicht durchgehends, von den Damen des Klosters, 
die gelegentlich auch ihre Namen genannt haben. Es ist nicht un- 
möglich, dass auch die eine oder andere Frauenhand, die an unserem 
Liederbuch Anteil hat, sich später durch Vergleichung genauer be- 
stimmen lässt. 

Es ist ein reges religiöses Leben, das aus diesen vielfach modrigen 
und wurmzerfressenen Handschriften zu uns spricht, und wir begreifen 
sehr wohl, dass gerade von Ebstorf aus den Reformationsbestrebungen 
des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg ein besonders heftiger Wider- 
stand entgegengesetzt wurde, s. A. Wrede, Die Einfuhrung der Re- 
formation im Lüneburgischen durch Herzog Ernst den Bekenner (Göt- 
tingen 1884) S. 211 ff. Ja, wie ein Wetterleuchten scheint es bereits 
aufzublitzen, wenn auf den letzten Blättern unserer Handschrift (s. 
unten Nr. XXII) die biblischen Zeugnisse für den Wert der guteu 
Werke zusammengestellt und unter Berufung auf Augustin die Umtriebe 
der 'Ketzer' bekämpft werden. Die Geschichtschreibung der Refor- 
mation hat auch auf protestantischer Seite längst begonnen, denj 
socialen Zuständen vor der grossen Bewegung gesteigerte Aufmerk- 



samkeit zu schenken, aber sie hat sich noch viel zu wenig um die 
verschiedenartige Entwickelung des religiösen Lebens gekümmert, die 
zu erforschen gerade eine Hauptaufgabe der Local- und Territorial- 
historiker sein sollte, und auch der Verf. der eben angeführten Mo- 
nographie verhält sich diesen Dingen gegenüber in einem Masse gleich- 
giltig, dass man ihn nicht einmal der Unwissenheit zeihen darf. 

Das geistliche Lied ist diejenige Gattung der niederdeutschen 
Litteratur, deren nähere Kenntnis uns erst am spätesten erschlossen 
worden ist. Freilich, wenn Phil. Wackernagel im zweiten Bande seines 
grossen Werkes, der die Lieder und Leiche von den Tagen Otfrids bis 
auf die Reformation umfassen und reproducieren will, unter 1448 Stücken 
nur 6 niederdeutsche (und daneben 12 'niederrheinische') bietet, so ent- 
sprach das schon damals (1867) keineswegs mehr dem Stande unseres 
Wissens, aber es erklärt sich aus der Zersplitterung, in der die nieder- 
deutschen Lieder auf uns gekommen und zur Publication gelangt sind. 
Unser Verein wird bald die Aufgabe ins Auge fassen müssen, die in 
zahlreichen z. Tl. abgelegenen Drucken versteckten Gedichte zu sammeln 
und mit einer Nachlese aus den Handschriften zu einem besonderen 
Bande seiner 'Denkmäler' oder 'Drucke' zu vereinigen. Der Herausgeber 
einer solchen Sammlung muss dann ein kritisches Verfahren einschlagen 
und er wird uns aus dem gewonnenen Überblick über das Mass von 
Originalität, das dem geistlichen Lied des alten Niedersachsens viel- 
leicht gegenüber Oberdeutschland und den Niederlanden verbleibt, 
aufklären können. Der Abdruck einer einzelnen Handschrift wie der 
Ebstörfer kann nicht gut zum Ausgangspunkte einer solchen Unter- 
suchung gemacht werden, ich muss mich mit wenigen Hinweisen auf 
verwandte Sammlungen und einzelne Parallelen begnügen. 

Die bisher bekannt gewordenen geistlichen Liederbücher in nieder- 
deutscher Sprache stammen sämmtlich vom Niederrhein und Westfalen. 
Von ihnen ist das Liederbuch der Catherina Tirs aus dem Kloster 
Niesink-Münster (1588) bereits 1854 von Hölscher in seinen Nieder- 
deutschen geistlichen Liedern und Sprüchen aus dem Münsterlande Nr. 
I — LXII veröffentlicht worden, während zwei andere erst vor Jahresfrist 
ans Licht getreten sind: das Liederbuch der Anna von Köln, 
über welches Bolte in der Zeitschr. f. d. Phil. XXI, 129 — 163 ein- 
gehend berichtet hat, und das in diesem Jahrbuch XIV, 60 — 89 durch 
J ostes zum Abdruck gebrachte Werdener Liederbuch. Alle drei 
gehören dem 16. Jahrhundert, keines der Zeit vor 1520 an. Kann 
man diese rheinisch-westfälischen Liederbücher zu einer Gruppe zu- 
sammenschliessen, welche viele Stücke gemeinsam hat und weiterhin 
mit den durch Hoffmann von Fallersleben, Horae Belgicae X (1854) 
und neuerdings durch W. Bäumker, Vierteljahrsschr. f. Musikwissen- 
schaft IV (1888), 153—254. 283—350 ausgebeuteten mittelniederlän- 
dischen Handschriften aus Berlin (Mscr. germ. in 8°. 185 und 190) 
und Wien (7970) zahlreiche Berührungspunkte bietet, so steht die 
Ebstörfer Handschrift, das erste eigentliche Liederbuch, das aus dem 
östlichen Teile des niederdeutschen Sprachgebiets bekannt wird, mehr 



4 

für sich. Mit dem Lb. der Anna von Köln hat sie nicht ein einziges 
Lied gemein, mit dem der Schwester von Niesink nur Nr. IV, mit dem 
Werdener ausser dem Mühlenlied (Nr. I) noch den ursprünglich hoch- 
deutschen und nur niederdeutsch angetünchten Meistergesang auf 
Maria (Nr. III) und die in Nr. XVII bewahrten Fragmente eines weit- 
verbreiteten geistlichen Volksliedes. Und ebenso spärlich sind die 
Beziehungen zu den niederländischen Handschriften, die man in den 
Anmerkungen zu I. IV. VIII. XVII. nachlesen mag. Ob mir im übrigen 
bei den litterarischen Nachweisungen nicht ein und der andere ver- 
einzelte Druck entgangen ist, wage ich nicht zu bezweifeln: von mehr 
als der Hälfte der dargebotenen Stücke ist mir eine gedruckte Fassung 
nicht bekannt geworden. 

Aber nicht allein in diesen novis liegt der Wert unserer Hand- 
schrift. Auch die bereits bekannten Stücke gewinnen an Interesse, 
sei es durch das Alter der Überlieferung, das ihnen hier zur Seite 
steht, sei es durch das Zeugnis für ihre Ausbreitung nach Osten. Es 
scheint mir ferner kaum einem Zweifel zu unterliegen, dass auch ein- 
zelne der bisher unbekannten Gedichte niederländischen Urspruugs 
sind. Das anziehendste an dem Ganzen aber ist die enge Verbindung, 
in der hier das geistliche Lied mit dem Volkslied erscheint. Haben 
andere derartige Liederbücher, wie das Werdener und die niederlän- 
dischen Handschriften Hoffmanns von Fallersleben, hier und da über 
dem Texte kurze Hinweise auf weltliche Lieder, deren Melodie kirch- 
lichen Neudichtungen zu Grunde gelegt wurde, so finden wir hier ein- 
zelne Volkslieder in extenso eingeschaltet — w T enn auch leider nicht 
vollständig erhalten (Fragmente sind Nr. XII und XIV, vollständig 
Nr. XI). Es ist möglich, dass an der Verstümmelung der Handschrift 
religiöser Eifer mitgewirkt hat, welchem die weltlichen Strophen in 
dieser frommen Umgebung anstössig erschienen. Den schlimmsten 
Verlust freilich hat der Mäusefrass herbeigeführt, dem Bl. 1 — 5 zum 
Opfer gefallen sind. Was uns erhalten blieb, ist fast durchweg ohne 
Schwierigkeit zu lesen. 

Das Liederbuch führt heute die Bezeichnung VI 17 und ist eine 
Papierhandschrift in kleinem Octavformat: etwa 15 : 11 cm, der sehr 
verschieden beschriebene Raum nicht über 10 : 7,5 cm; sie liegt in 
einem dreifachen Einband, der über einem doppelten Pergamentum- 
schlag (Stücke einer niederdeutschen Urkunde und einer lateinischen 
Bibelhs.) noch eine Gobclinhülle aufweist. Das erhaltene umfasst nach 
meiner (jetzt mit Bleistift eingetragenen) Zählung 62 Blätter, von 
denen 8 (4. 5. 51 — 56) leer, 3 nur einseitig beschrieben sind (2:1. 
50. 62); da aber die Seite 35b mit einem Textblatt überklebt ward, 
kommen wir im ganzen auf 106 beschriebene Seiten. Die Schrift ist 
durchgehends steile Buchschrift, wie sie gerade in norddeutschen 
Klöstern noch um 1500 üblich war: die Handschrift w r ird sich vor- 
läufig nur auf die Zeit 1490 — 1520 bestimmen lassen. Die Vcrgleichun^ 
mit anderen Ebstorfer Handschriften, besonders mit VI 10 ergibt riio 
gleiche Schreiberschule. Die Abkürzungen sind wenig zahlreich: ich 



habe sie durchgehends aufgelöst und da, wo, wie bei dem Nasalstrich, 
ein Zweifel obwalten konnte, mich sorgfältig nach dem sprachlichen 
Brauch der Umgebung gerichtet, vh ist stets durch unde wiedergegeben, 
weil diese Schreibung sehr oft, und niemals vorkommt. Um den 
Freunden unseres alten Kirchengesangs die Leetüre nicht unnötig zu 
erschweren, habe ich u und v grundsätzlich geschieden, obw T ohl dies 
in neueren Abdrücken niederdeutscher Schriftstücke seltener geschieht. 

Für die Interpunction bin natürlich ich verantwortlich, ebenso für 
die geregelte Verwendung der grossen Anfangsbuchstaben bei Eigennamen 
und Absätzen. Dagegen habe ich mit Bedacht nur unzweifelhafte Schreib- 
fehler gebessert, aber keine Änderung vorgenommen, welche das Bild der 
Sprachmengung zerstörte, auch dem Reime zu Liebe nicht. Für den Lit- 
terarhistoriker wie für den Grammatiker ist die Bewahrung dieses Bildes 
wertvoll und interessant. Die Frage: ob nach einer Vorlage? oder Nie- 
derschrift aus dem Gedächtnis? muss für jedes der unten folgenden poe- 
tischen Stücke einzeln gestellt werden, wenn auch nur für wenige sich die 
Antwort der letzteren P^ntstehung zuneigen mag. Auf die Sprachmischung, 
die der Feder des Schreibers unmittelbar entstammt, ist bei älteren Denk- 
mälern hundertfach hingewiesen worden, auf die oft noch rücksichts- 
losere, welche das unsichere Gedächtnis des naiven Menschen vollzieht, 
hat man bisher fast nur bei dem modernen Volkslied geachtet. 

Ich unterscheide drei Schreiber- oder wohl richtiger Schreiber- 
innenhände, die sich mehrfach innerhalb der gleichen Lage, aber nur 
einmal (auf Bl. 1) innerhalb des gleichen Stückes ablösen, 

1) Bl. la (sowie, nach den erhaltenen Buchstabenresten, die vor- 
ausgegangenen 5 Blätter); ferner, nur mit spitzerer Feder, Bl. 35M> — 62 
incl. Es ist die am wenigsten geübte Hand. 

2) Bl. 11)— 23 incl.; BL 32a von Kyrie ab — Bl. 35 incl. Feste 
und kräftige Züge, obwohl auf verschiedenen Blättern ungleich grosse 
Schrift. 

3) BL 24 — 32a bewaren amen. Zierlich und gleichmässig. 

Alle drei Schreiberinnen haben vereinzelt grün und rote Initialen 
angebracht. 

Die einzelnen Stücke verteilen sich auf die verschiedenen Hände 
in folgender Weise: 

1: Nr. I bis Str. 10, 1 had-; Nr. XIII— XXII. 

2: Nr. I von Str. 10, 1 -de ab; Nr. II— VI; Nr. X— XII. 

3: Nr. VII— IX. 

Die verschiedenen Schreiberinnen kommen vor allem auch für die 
wechselnden Züge der sprachlichen oder doch orthographischen Phy- 
siognomie unserer Handschrift in Betracht. 

Der lückenhafte Zustand der Handschrift erfordert indessen, auch 
auf die Zusammensetzung aus Lagen noch mit einigen Worten ein- 
zugehen. 

BL 1 — 7 gehörten einer Lage von 6 Doppelblättern an, von 
denen nur das innerste erhalten ist (BL 1. 2); die herausgerissenen 
oder wohl richtiger von Mäusen abgefressenen 5 ersten Blätter müssen 



6 

mehr enthalten haben als die sieben fehlenden Strophen des Mühlen- 
liedes, zu denen nur 3 Blattseiten nötig waren. 

Bl. 8 ist ein einzelnes angeheftetes Blättchen. 

Bl. 9 — 22 bilden eine vollständig erhaltene Lage von 7 Doppel- 
blättern. 

Bl. 23 wie Bl. 8. 

Bl. 24 — 31 scheinen eine unversehrte dritte Lage von 4 Doppel- 
blättern darzustellen; doch vgl. die Erwägung zu Nr. VII 24, 3. 

Bl. 32 ist wieder einzeln angeheftet. 

Bl. 33 — 38, 3 Doppelblätter, im Innern der Lage fehlt mindestens 
ein Doppelblatt, das den Schluss von Nr. XII (2. Hand) und den 
Anfang von Nr. XIV (1. Hand) enthielt. Noch vor dem Verlust dieser 
wichtigen Blätter wurde aber Bl. 35b überklebt und dies Deckblatt 
35bb (das ich jetzt losgelöst habe) von der 1. Hand beschrieben (Nr. 
XIII); man muss vermuten, dass in ähnlicher Weise auch noch der 
Schluss von Nr. XII durch die Fortsetzung von Nr. XIH überklebt 
war, ehe beides herausgerissen wurde. 

Bl. 39 — 50, 6 Doppelblätter, eine vollständige Lage. 

Bl. 52 — 61, 5 Doppelblätter, ebenfalls eine unversehrte Lage, 
um die nachträglich noch Bl. 51 und 62 als äusserstes Doppelblatt 
herumgelegt wurden. 

Ich bringe die Handschrift ihrem ganzen Umfang und Inhalt 
nach zum Abdruck, da ich das Gesammtbild nicht durch Weglassung 
der wenig Raum beanspruchenden Prosastücke beeinträchtigen möchte. 
Der geistlichen Lieder sind es vierzehn; unter denen, welche bisher 
ohne Variante sind, dürften die volkstümlichen Nummern XIII und XV 
das meiste Interesse erregen. Besonders in Nr. XV, wo eine sehr 
verbreitete, noch heute für Neujahrs- und Dreikönigslieder übliche 
Melodie zu Grunde liegen mag, scheint mir der Ton des geistlichen 
Volksliedes so gut getroffen, wie in wenigen Stücken unserer älteren 
Überlieferung. 

Nr. I. Fragment des Miihlenliedes. 

(f. la) berichtet dat. nach vorghesprakenen stunden 

8. Gyon, Fison, Eufrates, to der ™ l ™ }™ m ' 
Tigris, gy vlete vere ** P ro P hete dat vornam ' 
unde gy stolten revere, . 

hehbet waters ghenoch, 12 - Isaias de hadde dar »ngne 

pleghet der molen er ghevoch. tovoren af ghescreven: 

c set, uns wart ghegheven 

9. Gy twolff apostele, ghadt hir vor, eyn junckfrouwe wertd, 
maket gy de molen ghande, j e fa eynea aones ghebert/ 
dat ze nicht enblive bestände. 

gy synt tho malende sant 13 g uame de hetd gick <^ mid . 

aver al de lant. den J. , w - j^ 

10. Eyn juncfrouwe had(f. lb)de eyn gnedichliken van baven 

seckelin he to uns quam, 

mit weten wol ghebunden, des vrouwet sick vrouwen unde mau. 



14. De siner langhe ghebeydet (f. 2a) han, 
de repen alle: 'wy enachtent 

nicht nier, 

wy sint des wis, 

dat uns Crist ghebaren is.' 

15. Do de nacht de körte entfenck, 
de dach de nam de lenghe, 

der dusternisse dwenghe 

eyn ende nam. 

o godt! des bistu lovesam. 

16. 6y ewangelisten alle vere, 

gy moghen wol wijzliken wachten 



dat sekkelin, 

wente dat brochte uns eyn fyn meghetin. 

17. Lucas, nu loze up den sack, 
(f. 2b) gheit up an gades namen, 
lere uns alle samen. 

da bist gheleret, 

wo gades sone minscke wartd. 

18. Marcus, rit den sack entwey, 
gud up de molen, lat wriveu. 

du konst wol bescriven 

dat offer grot, 

wo godt dar na led den dotd. 

19. Matheus, nu loze up den sack, 
gheit up de molen, lat schroden, 
wo got stunt up van dem dode. 



wo dat ghescbach, 

dat repestu an den osterdach. 

20. (f. 3a) Johannes, eyn arnt van hoger 

vlucht, 
dar na scholtu uns leren 
de hemmelvart unses heren 
al apenbar. 
de helpe uns, dat wy kamen dar. 

22. Pawest, keyser, prediger, 
wäret gy der molen even, 
dat se moghe geven 

mel unde molt. 

des möge gy hebben riken solt. 

21. De mole de gheit, se ijz bereit; 
we de nu sin körne wil malen, 

de schal here halen 

sin körne al reyn. 

so wert id eme (f. 3b) malet klene. 

23. De sine sele spieen wil, 
de schal sick here snellen, . 
to desser molen seilen. 

sid des bericht: 

se malet unde mattet nicht 

24. De desse molen ghebuwet hat, 
den mote god gheleyden, 

wan we van hinnen schullen scheiden; 

uns engel wis 

de vore uns an dat paradifz. Amen. 



16, 2 hs. vachten. 17, 3 hs. alle. 24, 1 hs. han. 5 hs. de vore. 

Die Idtteratur über das in letzter Zeit so vielfach behandelte Gedieht 
s. bei Wiechmann-Hofmeister III, 60 ff., 228 f., Jostes, Jahrbuch XTV, 84, 
Jellinghaus in Pauls Grundrixs d. germ. PhiloL II, 1, 425. In der Strophen- 
Zählung habe ich mich an Hofmeisters Abdruck angeschlossen. 

[fol. 4 und 5 unbeschrieben.} 

Nr. IL Übersetzung von Ev. Joh. I, 1—14. 

(f. 6a) Hir beghinnet sick dat ewangelium des hilghen apostelfz Jo- 
hannes; we dat alle daghe list, er he sprickt, de wart vorwert vor donner, 
blixem unde aller vorgiftnisse unde vor dem snellen unvorsichtighen dode. 

(1) In dem anbeghinne was dat wort, unde dat wort was bi gade, 
5 unde godt was dat wort. (f. 6b) (2) Dat wort was in dem anbeghinne by 
gade. (3) Alle dinck sin dorch ene ghemaket, unde ane ene ifz nicht ghe- 
maket, dat dar ghemaket is. (4) Dat was in eme eyn levent, unde dat levent 
was eyn licht der minseken. (5) Unde dat licht lachtet in den dusternissen, 
unde de dusternisse hebben ene nicht (f. 7a) begrepen. (6) Id word eyn 



8 



minfzke ghesant van gade, des name was Johannes. (7) De sulve quam in 
tuchnisse, dat he tnchnisse gheven schulde van dem lichte, up dat alle minscken 
dorch ene loveden. (8) He was nicht dat licht, men dat he tuchnisse gheven 
scholde van dem lichte. (9) Id was eyn wäre licht, dat dar vorluchtet alle 
5 minfz(f. 7b)ken de dar kumpt in dusse werldt. (10) He was in der werlt, 
unde de werlt heft ene nicht bekant. (11) He quam in sin eghen, unde de 
sinen hebben ene nicht entfanghen. (12) Overst alle de de ene entfenghen 
den gaff he de macht, kinder gades to werdende, de dar loven in sinen namen. 
(13) De dar nicht uthe dem blöde (f. 8a) noch uth dem willen des fi[e]isckts. 

10 noch uth der wollust des mannes, men uth gade gheboren sint. (14) Unde 
dat wort ifz flesck gheworden, unde heft ghewonet in unjjz, unde wy hebben 
ghesen sine glorien, alze de glorien sines eyngheboren [sunes] van dem vader. 
vul (f. 8b) gnade unde warheit. 

Gade si dancknamicheiti Dorch de worde des hilghen ewangelii inoten 

15 uthe delghet werden alle unse sunde unde 1 ) mote van unfz entfernigbet 
warden alle varlicheit lives unde der zele. Amen. 

*) Mit roter Schrift am Rande nachgetragen dar, von gleichzeitiger, cid- 
leicht der gleiclien Hand. 



Nr. III. Marienlob. 



1. (f. 9a) Maria zart, 
van eddeler art, 
eyne rose ane dornen, 
Du hefst mit macht 

5 wedder bracht 

dat so lange was vorlaren 
Dorch Adams val. 

dy heft de ghewalt 

sunte Gabriel vorspraken. 
10 help dat nicht werde ghewraken 

myne sunde unde schult, • 

vorwerff mi hult. 

Wente neyn trost ifz 

wor du nicht enbist, 
15 barmherticheit to erwerven. 

(f. 9b) An dem lesten ende, 

bidde ik, nicht wende 

van my in niynem stervende. 

2. Maria milde, 
du hefst ghestilt 

der oltveder vorlangen t, 
De jar unde daghe 
ö in we unde klaghe 

de vorhelle helt ghevanghen. 

To aller tydt 
scrienden se den stridt 
al dorch des hemmeis porten 
10 toridt in allen orden, 

dat he her (f. 10a) af queme 



unde en beneme 
Ere sware pin; 
unde dat dorch dyn 
15 kusck junckfrouwelick geberen 
Ifz af ghesteldt, 
dar umrae dy telt 
alle weit eyne kröne der eren. 

3. Maria reyn, 
du bist allene 

der sunder trost up erden. 

Dar umme dy had 
5 de ewige radt 

eyne moder laten werden. 
Des hogesten heil, 

[de] dorch ordel 

am jungesten daghe wert richteutle. 
10 holde my an dinen (f. 10b) plichteu. 

du werde frucht, 

al myn toflucht 

Hebbe ik to dy, 

am cruce bist my 
15 mit sunte Johannes ghegeven, 

Dat du ok myn 

moder scholt syn, 

vrist hir unde dar myn leven. 

4. Maria klar, 
du hefst vorwar 
mit groten smarte gheghangeo, 



Z_ 



Do dine vrucht 
5 ghaus mit untucht 

unschuldich wart ghevanghen 
Umme myne dadt. 

vorwerft* my gnade 

(f. IIa) to beterende hir myn levent, 
10 wente ik bin hir ummegheven 

met swarer pine, 

linde dat dorch myne 

Groten sunde nnde schulde, 

ik vele vordulde 
15 am lyve unde allen enden. 

werde roze, 

myne kranckheit loze, 

dine gnade nicht van my wende. 

ö. Maria zart, 

vormeret wart 

in dy grote leydt unde smarte, 

Do dyn kynt dot 
5 eyn aper mit nodt 

dorchstack syn sach(f. llb)te harte 
Dyn blödes saft 

krenckede dy dine kraft, 

van leyde wordestu dy senkende, 
10 Johannes deden se wenkende. 

he quam al dar, 

nam diner war, 

Do dy dat swert 

dyn herte vorserde, 
15 dar van Symeon saghet. 

junckfruwe werde, 

sunne lticht unde erde, 

den dodt dynes kyndes beklaghet. 

6. Maria schon, 

du hogeste Ion, 

wen ik (f. 12a) van hir schal scheyden, 

So kuin to my, 
5 bescher me my, 

dat my doch nicht vorleyde 
De valsche Sathan, 

wen ik nicht kan 

sine duvelscken list erkennen, 
10 noch moth ik jo van hennen. 

umme werp my ok 

dynen mantel unde rock, 

Waner din kint 

my rieht gans swint, 
15 so wise, fruwe, din hert unde brüste 

Dinem sone Jhesu, 

sprick: 'gif (f. 12b) my nu 

dessen sunder ik ewich vriste.' 



7. Maria gud, 
wen in unmodt 

de vader van my wendet, 

So bidde dat dar 
5 dyn sone schickke clar 

syne syden, vote unde hende. 
Denne mach nicht sere 

de vadder mer 

wedder my eyn ordel spreken; 
10 ok mach sick jo nicht wrekeu 

got hillige gheist. 

de erst bewist 

Sote gnedicheit. 

denne ijz bereyd 
15 (f. 13a) drevoldichlike gude. 

Also wert my 

zalicheit dorch di, 

vor (my) sunden my behode. 

8. Maria fyn, 
dyn klare schin 

erluchtet den hogesten tron, 

Do dy mit eren 
5 van tvolf Sternen 

wart up ghesettet eyn kröne. 
De drevoldicheit 

heft dy ghekledet 

mit hogher gnade ummegheven. 
10. Maria, vriste myn levent, 

so mennighen dach 

ik bichten mach. 

O junc(f. 13b)frouwe sote, 

help dat ik böte 
15 mine sunde vor ininem ende; 

Wen myn herte brickt, 

myn ghesichte vorschrickt, 

bede myner zele dine hende. 

9. Maria vrouwe, 
help dat ik schouwe 

dyn kynt vor minem ende; 

schicke myner zele 
5 sunte Michael, 

dat he se vore behende 
Int hemmelrike, 

dar alle (f. 14a) ghelike 

de enghele vrolick synghen, 
10 er stemne don helle erklinghen: 

'hillich, hillich! 

du bist hillich! 

starke got. 

van Sabaoth, 
15 regerest gheweldichliken.' 



10 



So heft en ende 

al myn elende, 

unde vrouwe my ewichlyken. 

10. Maria klar, 

du bist vorwar 

fygurliken wol to bedudende: 

Dat vlus Gedeon 
5 bistu, da (f. 14b) kern, 

van gade krech macht to stridende. 
Bedudest vort 

unde bist de porte, 

de ewich blifft gheslaten, 
10 von dy ifz uth ghevlaten 

dat ewighe wort; 

gheslatene garde, 

Ghetekende borno, 

klar al/z de sunne 
15 fyguret vor langben jaren. 

Van my nicht wende 



dyne truwe am ende, 

so ik van henne schal varen. 

11. (f. 15a) Maria reyn, 

junckfruwe alleyn, 

in dy i/z nen ghebreck. 

Id levet nen man, 
5 de de mach effte kan 

dine ere to grodt uth spreken. 
Dyn hogheit laven 

swevet ewich baven 

in hemmel [unde] ock up erden. 
10 dyn ghelike mach nnmmer werden, 

reyne creature, 

o jnnckfrnwe pur! 

Wen id dar tho knmpt, 

(f. 15b) dat myn mnnt vorstummet, 
15 myn zele van dem lyve schal scheden, 

So ghedencke dar an, 

dat ik dy han 

hir mede ghedacht to eren. Amen. 



Id i/z gesehen dat eynes rikes mannes sone ys bevallen mit den pocken, 
so ene alle doctores avergheven, des he sere bedrovet was. Ok so hade he 
sine leve(f. 16a)daghe nicht vel gndes dan, men alle synen vlit settede he 
allene up lede to dichtende unde to singhende, be\de gud unde quad. So quam 
5 em in den syn wes to makende van der moder gades, unde makede dusse vor 
beschreven ghesette. Dar na tohant in der nacht i/z he ghesunt worden van 
der plaghe, dat men an synem live nicht konde merken dat he wejz sericheit 
heft ghehat; to welkeren ghesetten de byschop van Reytz heft gegheven 
XL daghe afflates alle (f. 16b) den jennen de desse ghesette lesen efte leren 
10 efte singhen hören. Ok sunder twifel Maria wel se bewaren unde beschermen 
vor der quaden suke unde krancheit der pocken. 

2, 8 die genieine Lesart gibt wünschten, auch die Werdener Hs.: wonsten. 

4, 7 hs. myner. 8, 6 hs. wart ghe up ghesettet. 

Nachwort Z. 8 lesen hochdeutsche Druclce Zeitz, s. IL v. F., Kirchenlied 

5. 455. 

Von dem tirsprünglich hochdeutschen und in hd. Einzeldrucken und Ge- 
sangbüchern häufigen Meistergesang (Wackernagel II, Nr. 1036 ff. Bäumkcr 
I, Register) hat die Werdener Hs. (Nr. 5) eine von der unsem abweichende nd. 
Umschrift; zum obigen stimmen ein Marburger und ein Hamburgci' Text. 



Nr. IV. Kreuzlied. 

Eyn ander cantilena van dem hilghen cruce. 



1. Lave zederbom, 
du hoghelavede holt, 
an dy so heft ghehenget 
de eddele vorste stolt. 



2. Ik mene Jhesum Christum, 

sin name is wit unde bredt; 

we en dricht an sinem (f. 17a) herten. 

he benimpt ome al sin led. 



11 



3. da sote Jhesn, 
da eddele vorste fin, 

giff mi, dat ik di dreghe 
al an dem hertken min. 

4. Also da, leve here, hanghedes 
al an dem cruce breyt, 

do dyn vil milde hertken 
en scharper sper dorsnet. 

5. To mines leves hoveden 
dar steit eyn krenfzelin, 
dat krenselin is bedowet 
mit dem eddelen blöde sin. 

fi. Och were myn herte eyn (f. 17b) garde 
?an eddelen blomken fyn, 
dar in so wolde ik planten 
mines leves eyn krenselyn. 

7. De blomken de ik mene 
de beten homilitas, 
de anderen schollen heten 
spes, fides, karitas. 

H. To mines leven syden herten 
dar springhet eyn bornelin, 
eyn revereken wil ik leyden 
an minem gardelin. 

9. Jbesu, gardenere, 
da wäre ackerman, 

woldesta mines garden pleghen, 
so wor(f. 18a)de he lavesam. 

10. Mynes leves arme 

de Stadt wit uthghebreit, 
mochte ik dar inne ronwen, 
so vorghete ik al myn leit. 

11. Myn lef heft to my gheneghet 
sinen rotermant: 

och mochte ik one knssen! 
so were min zele sant. 

12. So ik en an gheschouwe, 
den vorsten hoch ghebaren, 
de leve heft ene vorwundet, 
sine varwe heft he vorlareo. 

13. (f. 18b) An mines leves siden 
dar steit eyn gnlden schrin, 
were ik dar inne besloten 

al na dem willen min! 



14. Ik kan dar nicht in kamen, 
da leydes mi dar in, 

wente da hefst ghesproken: 
'ane my könne gy nicht sin.' 

15. To mines leves voten 
dar steit eyn bornelin, 

mochte ik dar ander spasceren ghan, 
so vorghete ik al myn pine. 

16. Wan ik min lef vorlese, 
den dach and ok de nacht 

so mach ik one wedder vin(f. 19a)den 
al in des bomes ast 

17. De leve heft ome ghebunden 
de hilghen hende syn 

al an des crnces aste 
mit scharpen negelkin. 

18. Se ik em an de vote 
den levesten heren myn, 

he steit so vaste ghenegelt, 
he kan my nicht entvlen. 

19. da sote Jhesu, 
wo dicke ik di entfle, 
dorch miner sande willen 
is minem herteken we. 

20. Dencke, here, der rede 

(f. 19b) de van di schreven stan: 

'so ik vorhoget werde, 

alle dinck wil ik na my han.' 

21. Jk bidde dy, sote Jhesu, 
dorch diner leve kraft, 

the myn vil wilde herte 
in dines crnces ast. 

22. Dat min herte ronwe 
ok an den wanden din: 
al twisken dinen brüsten 
al/z eyn mirren bundelin. 

23. Reghere, leve here, 
myne sele to aller stont, 

(f. 20a) dat ik dine leve vinde 
in mines herten grünt. 

24. Wol np, miner zele krefte! 
na maket juck alle her. 

nnde denet dem heren mit vlite: 
dat ijz al myn begher. 



12 



25. Dat he uns nicht enwike, 
in ein licht al myn trost, 
ift ik eue nicht envole, 
myn zele ifz nicht ghelozet. 



2(>, 1k bidde di, sote Jhesu, 
dorch diner marter pin, 
vor(f. 20b)nyghe my mit diner leve, 
mik kan nicht beth ghesin. 



4, 1 hs. hanghendes. 8, 1 /. Ut m. ieves herten. 12, 4 hs. verve. 19, 3 
hs. mine. 

Das Lied ist nach einer zweiten Ebstorfer Aufzeichnung (Mscr. VI 10 
S. 71b. 7ä) abgedeckt im Korresjmndenzblatt VII (1882) S. 84 f. 1 ): der Eingang 
lautet hier 'Love zedewerbom love', Str. 20 u. 23 fehlen. Vgl. ferner llorm 
Belgicae X, 186 (Nr. 94): 'Ghelovet sijstu cederboom', HölscJier S. 39 (Nr. XVIIIi: 
'Boven allen cederen bomen 1 . 



Nr. V. 'Jesus mein Liebster'. 



1. Nu lave, hertken, lave! 
du scholt nicht sore stan. 

ik wil di noch dallinck bringhen 
den levesten den ik han. 

2. Heft dar we sin lef vorlaren, 
so han ik jo dat min, 

ik wil ghan to dem cruce 
und breken eyn krenselin. 

3. Eyn krenselin van ros,en 
is gudt to brekentje, 

eyn lef van stedem sinne 
is hoch (f. 21a) to drepende. 

4. Eyn krenselin van dornen 
is scharp to dreghende, 
rosen mancket den lylien 
sin gud to brekende. 



5. To mynes leves voten 
dar stan twe bomelin, 

de eyne de dricht muschaten, 
de ander neghelkin. 

6. Muschaten de sint sote, 
de negelkin de sin gud, 
wan ik der mach smecken, 

so draghe ik eynen vriscken motd. 

7. Tho mynes leves hoveden 

(f. 21b) dar steit eyn lylienbladt, 
dat lopt van vrouden umme 
so alzc eyn molenradt. 

8. Tho mines leves siden 
dar stat eyn gülden schrin, 
dar inne is beslaten 

dat milde hertken sin. 



1, 1 hs. herken. 2, 4 hs. eynen. 4, 1 lis. dorne. 

Das Gedicht, in dieser Fassung mir sonst nicht bekannt, steht in nalun 
Beziehungen zu dem vorausgehenden ; die Übei'liefcrung des Liedes vom Cafrr- 
bäum bei Höheher Nr. XVIII bietet in Str. 12 eine Strojriw, die oben iW 
Schlusssirophe nacligebildet selieint. Bekannter ist das wcltliclie Lied: Bei meines 
bulen haupte da stet ein güldner schreiu (Uhland Nr. 30), von dem* es anrh 
eine erweiterte niederdeutsche Fassung gibt: Niedevd. Volkslieder hrsg. v. Ver. 
f. nd. Sprachforsch. I, 49 f. (Nr. 76). 



maken. 



Nr. VI. Sprüche in Prosa. 

(f. 22a) Holt di ersten in vrede, so machstu ander lüde vredesammich 



2 ) Str. 10 lies dort stad st. dat is. — Str. 18 ist vollständig erhalten und 
weicht von der obigen Fassung nur mit neghelt st. ghenegelt ab. 



n 



Eyn vredesammich minscke is nutter wen eyu ghelert minscke, unde en 
unvredesara minscke de ihut ok dat gude in dat quade unde liehtliken iovet 
he quades. 

De vredesammiche minscke de kert al dinck to dem besten. 
5 (f. 22b) De in gudem vrede ijz, de enheft up nemande quade dancken. 

Werstu ghelavet, du bist dar umme de hilgeste nicht; werst[n] ghe- 
lastert, du bist dar umme de snodeste nicht. 

Dat du bist dat bistu, unde bist nicht groter, wen got din ewich (?) ijz. 

Wan du aver denckest, wat du iuwendich bist in di, du en(f. 23a)achtest 
10 nicht wat de lüde van di segghen. 

De minscke sut in dem antlate, men godt in dem herten. ' \ 

De de wandert in gade inwendich unde to uthwendighen dingen neue 
begheringhe enheft, dat ijz eyn statd enes innighen minscken. 

fol. 23b unbeschrieben.] 

Nr. VII. Christus und die Seele. 



(f. 24a) De eddele zele eynes 
juwelken cristen mynschen spricket to 
dem hilgen ernce: 

1. Boghe dynen strenghen telghen, 
du schone palme holt! 

dorch dyne milden gude 

so giff roy dyne frucht so sote, 

giff my myn leflf so stolt! 

Dat cruce to der zele: 

2. Ik sta hir by dem wege 
unde byn berede dy. 

niyne frucht wil ik dy gheven, 
men du raost dy up heven 
unde stich dar dyn leff i/z. 

De zele: 

3. Wo schal ik to em kamen? 
dyn polle is my to hoch. 
neghe dy to der erden, 

(f. 24b) dat my myn leff möge werden, 
so werde ik seker vro. 

Dat cruce: 

4. Dyn leff ijz an der wnnne, 
dn bist eyn arme wicht. 

he schal hyr an my hangen, 
(In kanst ene nicht äff langhen, 
to dy so wil he nicht. 

De zele: 

5. Eya, du schone palme! 
wo bistu my so swar! 

myn leff ijz vul der gnade, 
he gheve sick my so drade, 
worde he myner enwar. 



De zele to Jhesn orem leve: 

6. Slapestu edder wakestu? 

(f. 25a) Jhesu, min trost so gtidt! 
na dy so lith myn herte 
so droflike smerte, 
kum, lose id uther noth! 

De zele: 

7. Wo hengestu, leff, dyn hovet 
nedder al umme den willen myn? 
wultu my nicht to sprecken, 

so raodt myn herte breken 
al dorch de leve dynr 

De zele: 

8. Wack up, wak up, myn heylant! 
myn hopene unde al myn trost. 
sprickestu my nicht to so drade, 

so hape ik nener gnade 

unde (f. 25b), werde nümmer los{. 

Jhesus antwert der zele,: 

9. Wol ijz dat de my wecket, 
al uth dem slape myn? 
slapes ik beghere, 

ik bin vormodet sere 

van lydent unde ok van pyn. 

De zele: 

10. Leff, dat bin ik vil arme, 
dar to bringhet my de noth. 
werestu nicht entwaket 

unde heddestn my nicht to spraken. 
van rnwe were ik doth. 



14 



Jhesns: 

11. An der leve bistu nicht vasty, 
dat merke ik wol an dy. 
woldesta so ringhe (f. 26a) vormoden, 
ifte ik dy lete an noden, 
so hapestn klene an my. 

De zele: 

12. Ach leff, myne macht nnde ok myne 

starke 
de ijz dy wol bekant. 
wultu dy to my keren, 
so mach ik dulden leren; 
anders ifz id nmbewant. 

Jhesns: 

13. Wnltn dnlden leren, 
so se, leff, hir her an my: 
an myne wnnden rode 
mit mynem bitteren dode; 
hir an so speygel dy. 

De zele: 

14. Ik se dy, leff, gekronet 
myt eynem krantze roth, 
den drichstn, leff, vnl pyne 
al nmme den willen myn, 
(Jar na so steyt myn modt 

(f. 26b) Jhesns: 

15. Scholle wy twe leve wesen, 
so nym, leff, den kranfz to dy. 
drich ene nnvorborghen 
den avent nnde ok den morgen, 
dar by so dencke [an] my. 

De zele: 

16. Wo se ik, leff, dyne oghen! 
dar nmme myt blöde rodt! 
dar alle engele schare 
nnde alle hilgen klare 
syn in ewiger vronde grodt. 

Jhesns: 

17. Myne oghen syn vordecket 
alto eynem bilde dyn, 
wen dyne oghen mere 
stan na ideler ere, 
so dencke, leff, an my. 

2, 6 vfi am Bande mit Verweisungszeiclim nacfigetragen, 19, 4 h 
yarne. 24, 3 ist so durcliaus verderbt; etwa da mit sy moten? (Es könnk 
immerhin auch ein Innenbhit der Lage zwiscten mit und dy ausgefallen scinl 



De tele: 

18. Wo bleck syn dyne wanghen! 
(f. 27a) wor ifz de schonbeyt dyn? 
dyn liff mit blöde beninnen 

hir henget an der snnnen 
al nmme de schult myn. 

Jhesns: 

19. Bistn nicht geleret 
al an der leve grod? 

al de eyn vast leff kesen, 
ere varwe se vorlesen 
nnde bernen van leve roth. 

De zele: 

20. Wo reckestu nth dyne arme? 
entfanck my, leff, dar in! 
mochte ik an dy rouwen, 

dyne groten leve schonwen, 
so worde ik seker vro. 

Jhesns: 

21. De bin alle tyd berede 
nnde wil dy dar inne entfan. 
de (f. 27b) snnde scholtn myden, 
nnde nmme mynen willen lyden 
allent wat dy kan an ghan. 

De zele: 

22. Ik ata nnde se dy, Jesn, myn leff. 
vorwandet al an dat herte dyn, 
mochte ik my dar in senken, 

wen myn herte nnde mnnt nicht mei 

spreket, 
so ladt my, leff, dar in! 

Jhesns: 

23. Schal ik dy laten ronwen 
an mynes herten grnnt, 

so vorwunde erst dyn herte 
myt mynes lydendes smerte 
to betrachtende in aller stunt. 

De zele: 

24. Jhesn, eyn bunt der mirren 
gifstn den leven dyn. 

se mit (f. 28a) dy so moten dregen 
dyn ernce in allen wegen, 
wnltn, so mach id syn. Amen. 



15 

Das Stück bringt uns ein zweites Gedieht der Gattung, welche bisher 
in der niederdeutschen Litteratur nur durcJi das bekannte Lied: Heff up din 
cruce, min leveste brut (Hölscher Nr. XLV, Jahrb. VII, 3 ff., Horae Belg. X, 
Nr. 81, Werdener Lb. Nr. 23) vertreten war. 



Xr. VIII. 'Trug-Welt' (nach der Melodie 'Ave pulcherrima regina'). 



1. Droch werlt, my gruwet vor dyn 

wesent. 
wor gyn nu de resen, 
de dar nesen 
nicht enkonden? 
se sint so gar vorswunden, 
des bedrove ik my. 
We moten al up de sulven Straten, 
wo wille we nns säten? 
de mate, de lengede, 
de wech i/z wit nnde enge 
gar wunderlik. 

Se sin dot, de alle tydt na lasten weren 
nach der werlde lop. 
help nter nod, Crist! wente dn so duldich 

werest 
an des (f. 28b) cruces rope. 
wor vint me nn to kope 
de dope 
der rnwe? 

wente ik mot gruntliken schouwen 
al myne schult. 

2. Des were wol tydt, dat ik my be- 

dachte, 
wo ik willichliken brochte 
to rechte 
myn levent. 

he kumpt, de nns wil gheven 
eyn ewich Ion. 

Nach werken nnde ok nach worden, 
nach dem strengen orden 
ies ordels ich vruchte, 
ik beve nnde ik suchte 



vor gades torn. 

Wente he kumpt und weckt my uther 

erden begraven, 
(f. 29a) dar ik ligge beschuret, 
so mod ik vor des strengen koninghes 

k rafft, 
de dar ewichliken duret. 
went ik dat besure, 
so truret 
myn gemote. 

de my io schop, sin gode 
help my dar to. 

3. Nu help Maria eyn koninginne reyne, 

wente du bist alleyne, 

de ik meyne 

myt truwen. 

du machst my ewichliken vronwen 

nach dyner lust. 

Du bist de hogelavede werde, 

de de beyde hemmel nnde erde 

bekerde 

to den vra(f. 29b)men, 

do Christus wolde kamen 

to dyner brüst. 

Do god up slos syne hilgen drevoldicheyt 

also herliken, 

he gaff dar uth den schat der erlicheyt 

also dogentliken. 

he late uns nicht entwiken 

syn rike 

tom lesten, 

wen sick unse sele resten 

in vromde laut. Amen. 



Das Lied existiert — freilich mit irreleitender Strophenabteilung — 
luch in einem Eostocker Einzeldruck von L. Dietz (ca. 1520), der bei Wiech- 
nannr-Hofmeister III, 65 beschrieben und wiederholt wird; eine mittelnieder- 
(indische Fassung ist von Bäumher, Vierteljahr sschr. f. Musikwiss. IV (1888), 
J29 ff. nach der Wiener Handschrifl 7970 mit Lesarten des Berliner Mscr. 
\erm. in 8° 190 herausgegeben. Die gleiche künstliche Strophenform begegnet 
vuf niederdeutscJiem Boden noch in Hölschers Nr. LXIX. Den Eingang 'Droch 
rerlt* hat auch der geistliche Wechsel (Seele und Welt) bei Hölscher Nr. 
LXVIH, während die betr. Stroplie im Werdener LB. Nr. 7 die fünfte ist. 



16 



Nr. IX. Spräche in Versen und in Prosa. 

1. De meyster Aristotil spricket: 

De böse wanheyt de guden vorkeret, 

de gude wanheyt de bösen leret; 

id i/z neyn complexio so gndt, 

de wanheyt vorwan(f. 30a)delt eren raodt. 

2. We in suntheyt unde in vrede wil leven, 
de raot sik dar to gheven, 

dat he stedes hebbe enen vroliken mod 
unde vormide sorghe, torn nnde drovicheit. 

3. Wes ghemlik lustich unde fro 
unde fruchte god in allen steden jo. 

4. Wultu don na gudem rade, 
so holt gades bade. 

5. Eyn anbeghin der wisheyt i/z de fruchte gades. 

6. Wisheit averwint de bosheyt. 

7. We salich wil bliven, 
de mod leren lyden. 

8. (f. 30b) Lydent ane dult 
endeiget nene schult. 

9. Id gha dy wol edder ovele, 
dyn hopene sy to gade snel. 

10. t)enck up dem ende 
alles dinghes en ende. 

11. Na tyden unde na steden 
wandelt de wjse minsche sine sede. 

12. Lever mach de minsche myt swigende winnen, 
den dat he mit spreckende werde vorwunnen. 

13. Men swich unde lydt, 
dencke nnde mitd, 

so hefstu tydvordrif. 

14. Swich unde tydt, 
id kumpt de tydt, 

dat swigent maket lident quidt. 

15. Nen doget also hoge (f. 31a) gheyt, 
alse dar deyt de duldicheyt. 

16. Wener de minsche nnbescheden i/z, so wert de doget to euer nn«l»irrt 
gekeret. 



17 

17. Mate ij*z nnder allen dinghen alder nuttest. 

18. Dat ding wert nummer gudt, 
dat me ane mate deyt. 

19. Wol vrunt by vrunden nicht ensy, 
doch schal dar truwe by syn. 

20. De dar mit worden misbert, 
des herten dat nicht enment, 

do du ok so in den saghen, 
so wert de kunst bedraghen. 

21. De en war (f. 31b) frunt i/z, de lieft alle tyd leff unde steyt in vronden 
nnde in droffnisse vast, dat i/z wis. 

22. Du scholt nicht snel werden en vrunt, overst wen du dat bist ge- 
worden, so bewise dat myt den wercken. 

23. Iftu wult gudt syn, so wes allen truwe myt dynem munde. 

24. We de holt sinen munt, 
de beholt ok synen vrundt. 

25. Du scholt swighen unde nicht opeubaren wat dy wart bevalen. 

26. Du scholt dy nicht tornen unde in torne nicht arges spreken. 

(f. 32a) 27. We gades moder stede ert, 

in quade pyne wert he nummer kert. 

28. Du scholt dy maken anname unde bereyt 
gade to denende ane underscheyt. 

29. Misse, bedent, almisse, vastent, 
desse vere algenant 

de losen de zele uter pynebant — 

dar god unjz alle mote vor be waren, amen. 

Am Text dieser Sprüche wäre besonders viel xu tun: der Reim ist 
rirlfach durch Umstellung oder Einsetzung von hochdeutschen oder rlteinischen 
Formen Jierxustellen. So lies: 9, 1 ovele edder wel (: snel); 11, 2 seden; 18, 2 
ilut; 19, 2 wesen by (: ensy). Ein Beim ist wohl auch einxuführen in 23 
(«jndt : mudt) und in 25 (holden verbalen : bevalen); 20, 2 lies des dat herte. 
Weiteres unterlasse ich, weil a?idere vielleicht mehr Varianten und Parallel- 
stellen beizubringen in der Ixige sind. 

1 wies mir W. Seelmann bei Evcrliard von Wampen Buch 1, V. 10 1 

— 104 fJaJtrb. X, 124) nach; darauf Jiabe ich in der QoÜiaer Handschrift 
mich nach 2 gesucht, aber vergeblich. — 5 Eccli. 1, 16. — 6 vgl. Sap. 7, 30. 

— 13 vgl. Rimbökelin V. 1287 ff. — 18 Freid. 114, 5. 6. — 19 Freid. 
9f>, 13. 14: Swie fremede ein friunt dem andern si, da sol doch trinwe 
wesen bi. 

Nioderdentschot Jahrbuch. XV. O 



18 



Nr. X. Gebet in Reimprosa. 

Kyrie, ach vader, alder hogestc godt! 

wo kleyne achtet raen dyn ghehoth! 

schon unser bo/zheit, 

de vel sunde deyt, 
5 (f. 32b) vorbarme dy unser, Crist, 

de du bist 

de porte des levendes, de wech der warheit 

unde dat levent der ghelovighen zalicheit, 

van dem vader ghegheven, 
10 dar dorch wi leven. 

vorbarme di unser, 

Kyrie hillige geyst in ewicheit! 

sta uns bi dorch dine barmhorticheit! 

unse sunde de syn uns bi — 
15 wil nicht vorlaten 

de up dy hapen. 

vorbarme dy unser! 



4 Zw. xpe. 



Nr. XL Farbenlied. 



(f. 33a) 1. Na groner farwe min herten 

vorlanghet, 
do ik elende was. 
dat i/z der leve eyn anghefanck 
recht so dat grone gra/z 
Eyntsprunghen uth des meyes schin 
mit so mennighen blomlin klar, 
des heft sick eyne junckfruwe fyn 
ghebildet in dat herte myn 
tho dussem nyen jare. 

2. Umme oren willen draghe ik widt 

in mines herten grünt, 

min hertz steyt mit gausem flite 

na orem rodermunt. 

Dar na sette ik mine dancken 

(f. 33b) beyde nacht unde ok den dach, 

dar na so gha ik mennighen ghanck, 

de tidt wert mi n timmer to lanck, 

wen ik se schouwen mach. 

8. Roder farwe der hebbe ik vel, 

in der leve so brent myn hertz; 

dat se dat nicht erkennen wil, 

dat dot my seker smertz. 

Dat szeghe ik van hertzen gherne: 

ach mochte ik by er syn! 

ik hope, dat se jo wil schir 



ere junghe hertze to my keren, 
wor ik in elende byn. 

4. Blaw bistu, leff, van my be(f.34a)ghert 
in rechter stedicheyt, 

wüste ik wat din herte beghert, 

dat scholde dy sin bereyt. 

Dar scholtu, lef, neyn twifel anne lmn, 

mit (dy) truwen ik di mene, 

[ik] wil an dinem denste stan, 

de wile ik dat levent han 

wenthe an den ende myn. 

5. Grauwe farwe brinckt my pine i 
mit suchten unde ok myt claghen, 
also ik in droflikem schine 

in minem herten draghe. 

Dat se sodanes nicht erkent, 

myn raydent bringhet my (f. 34b) pine, 

min hertz er mennich suchtent seilt, 

ik hope, id werde des schir eyn endt. 

[so] ik bi er mochte sin. 

6. Geler farwe heft se mi vormant, 
do se my bejeghende de suverlick. 
ik se, se gerne heft se erkant; 
dat maket my frouden rick. 

Se bod my eren rodermunt, 



19 

mines leydes ik vorghadt al myn frode heft se bedecket 

ik danckede er to der sulven stnnt; nnder erem düsteren schin. 

rayn hertz in groter freyden stnnt; Godt seghen di, leff, to aller tidt! 

do wort myn sorghe gheboth. scheydent bringhet dat groteste swer. 

dach nnde nacht dencke ik mit flidt, 

7. (f. 35a) Swarte farwe heft mi vor- al wor ik bin, ferne nnde wydt, 

schrecket: ik vorghete dy nnmer mer. 
dat modt eyn scheydent sin. 

1, 3 hs. anfanck, dann fanck durchstrichen und (in der folgenden Zeile) 
gliefanck. 2, 3 steyt mit anderer Tinte am Bande. 2, 6 es stand ursprünglich 
dach nnde (ok de übergeschrieben) nacht. 3, 8 hs. herteze. 4, 8 Jis. hant. 
6, 2 de am Bande nachgetragen. 

Die gleiche Zahl und Beihenfolge der Farben tot die Fassung des 
Frankfurter Lb. (bei Mittler Nr. 697), völlig abweichend der niederdeutsche 
Test in den Nd. Volksliedern I Nr. 108 (8 Strophen). Eine geistliche Um- 
dichlnng bei Ilölscher Nr. XXXIX (6 Strophen). — Die Melodie liegt dem nl. 
/Jede Ic heb ghejaecht mijn leven lanc (Horae Belg. X Nr. 109 unter Brugmans' 
Namen) zu Grunde. 

Nr. XII. Volkslied. 

Eyn ander leydt. 

1. Id redt eyn ridder wolghemodt, 

He vorde eyne fedderen up sinem hode. 

2. (f. 35b) He vorde eyne valcken np siner hant, 
He redt dem marckgraven dorch sin landt. 

3. He redt dem marckgraven vor sine dor, 
Dar seten dre schone junckfrnwen vor. 

4. 'Stolte ridder, ridt mi nicht to na, 
Dat my jnwe grauwe ro/z nicht entsla.' 

5. 'Myn grauwe ro/z sleyt jnw nicht: 

He heft de schonen junckfruwen vel to leff. 

6. Jnnckfruwe, ik gheve jnw — 

Das Lied steht liochdeulsch bei Uhland Nr. 108 (vgl. S. 1010), nieder- 
deutsch in jüngerer stark abweichender Fassung in den Nd. Volksliedern I 
Nr. 131. 

Der Schluss unserer Aufzeichnung ist leider herausgerissen und die 
Seite 35b obendrein überklebt durch 

[f. 3»bb) Nr. XIII. Geistliches Lied nach der Melodie des vorigen. 

1. Id was e'yn vorste also grodt, 

de henimel nnde erde allene schopp. 

2. He schopp den mynschen na synem ghebilde, 
tho synem lave nnde ere. 

2* 



20 

3. De dorch den slanghen wart bedraghen 
unde van synem scipper gberaden. 

4. De milde god vorbarmede sick des, 
dat de mynsche bedraghen was. 

5. Unde trachte tho erer salicheyt, 
wo de mochte — — — 

Vgl, hierzu die Variante f. 36b. 37a (unten Nr. XUIa): die, abweichenden 
Lesarten zeigen, dass das Lied beidemal aus dem Gedächtnis niedergeschrie\*n 
ward. 

Nr. XIV. Fragment eines Volkslieds. 

l. 

— (f. 36a) hamer nnde ok myt tanghen. 
dar vant ik nicht men haverkaff, 
dar was myn krudt verghangben. 

2. Dat dn myn krndt vordorven hefst, 
des schal dy noch wol ruwen; 

nnde leve ik dissen sommer lang, 
ik plante noch eynen nyen blomen. 

3. Ik kam mick in eynen danjz gheghan 
mancker ghesellen unde hoveseke junefrouwen, 
dar vanth ik mynes krndes eynen kranfz, 

dar tho vorghetten trnwe. 

4. Dar vanth ik ze in dem dansse gheghan, 
(f. 36b) dar my befft na vorlanghet, 

dar vanth ik ze an dem dansse gheghan 
myt brnner varwe bevanghen. 

5. Dn, dn eddele lylienbladt, 
dn eddele keyzerinne, 

nnde dat ik van dy scheiden schal, 
des krencket myr hertz nnde synne. 

Ich habe das Lied nicht anderweitig feststellen können. 



Nr. XHIa (teilweise Wiederholung von XII). 

Dit ander singhe na der wyze alse van dem ridder, de dem marckgrarei 
redt dorch syn land: 

1. Id was eyn vorste also grod, 
de hemmel nnde erde allene scopp, 

durchstrichen. 

2. He schop den mynschen na synem bilde, 
en allene tho belevende nnde erende. 

Den anbeghin desses sanges vinst dn III blade thovoren. 



21 



(f. 37a) 3. De dorch den slanghen wart bedraghen 
trade so van orem gode drenghet. 

4. De milde god vorbarmede sick des 
unde trachte tho orer salicheit. 



durchstrichen. 



Nr. XV. Lied von Marien Verkündigung. 



1. De here vorbode den engel schone, 
dat he her trede al an den tron. 

2. De engel quam, godt sprach thohant: 
4 ik mudt dy senden in verne lantd. 

3. Ach Gabriel, eyn junghelyn fyn! 
du mnst my eyn truwe bade syn. 

4. Nn nym nnse septrnm in dyne hant, 
up dat du sist van allen bekant. 

5. (f. 37b) Var in de Stadt tho Nazareth 
to ener juncfrouwen ghar wunnichlick. 

6. De grote in dem namen myn 

onde segghe er, ik wyl ore kyndelyn syn.' 

7. De enghel sperde uth synegoltvedderen, 
he hof sick np, he sette sick nedder. 

8. He vloch so spei myt groter hast 
to Nazaret al in de Stadt. 

9. He quam aldar de maghet was: 
an oren innighen bede ze lach. 

10. He sprack: 'god grote juw, schone 

maghet! 
wente gy ok gode so wol behaghet. 

11. (f. 38a) Gy scollen syn maghet unde 

moder 
van Jesu Christ al unsen behoder. 1 

12. De maghet scrack so sere vorwar 
al vor dem grote des engheijz dar. 

13. Se sprack : 'wo mach ik des beghinnen ? 
wente ik nu nenen man bekande. 1 

14. De enghel de tröste ze altohant: 
'Maria, dat schal dy syn bekant. 



15. De hilghe geyst schal an di komen, 
also de'douw valt up de bloraen.' 

16. Do sprack Maria al apenbar: 
4k han dyne rede wol vorstan. 

17. Na dinem worde my ghesche, 
des helpen my de namen dre.' 

18. Tohant so bloyede de roze rodt, 
den soten dow ze an sick sopp. 

19. (f. 38b) Ok sehen hir var dat 

morghenrödt, 
de waren sunne an sick slotd. 

20. Er hovet neghede ze al den schod, 
also de blawe fyolek dodt. 

21. Se heft ok oren roke sehyn, 
also de wytte lylye fyn. 

22. Do Maria vulbortd hadde gheven, 
Gabriel in vrouden beghunde to sweven. 

23. He spreyde uth syne goltvedderen, 
he hoff sick to dem trone snel wedder. 

24. He brochte dat vulbortd van der 

maghet, 
de gode hadde so wol behaghet. 

25. (f. 39a) Do sprack god vader in 

ewycheyt: 
'ok segghe, eyn enghel ghemeyt, 

26. Ok segghe my, eyn junghelyn fyn: 
wo entfeng dy doch dat meghetyn? 1 

27. 'Dat meghetyn heft myr wol ent- 

fanghen 
godes wylle ijz vuüenghanghen.' 

28. Were dyt kyndelyn scone nicht ent- 

fanghen, 
so were wy altomalen vorghanghen. 



29. Were unfz dat kyndelyn nicht gheboren, 
so were wy altemalen vorlaren. 



14, 2 hs. bekat. 16, 1 lis. apebar. 21, 
sweuede beghüde to, nachträglieh umgestellt 



1 Iis. rokesehyn? 22, 2 hs. 



22 



Xr. XVI. Ein anderes. 

Noch eyn ander schone cantilena up dat ewangelium 'missus est angelus'. 



1. (f. 39b) Tho dissem nuwen jare 
so wyl wy vrolick syn! 

un/z heft eyn juncfrouwe clare 

ghebert eyn kyndelyn: 

tho Bethleem vorkoren, 

alse un/z de scrift vorklart, • 

wardt un/z dat kyndelin gheboren, 

de maghet bleff ünbeswert. 

2. Dar boven uth dem trone 
wart Gabryel ghesant 

tho eyner maghet schone 

al in dat lovighe lant: 

tho Nazareth al in de stadt 

dar he ze vant alleyne; 

he sprack: 'godt gheve dy vrede, 

godt i/z mydt dy ghemeyne. 

3. (f. 40a) Du bist boven alle frouwen 
van gode ghebenedyet, 

an dy so i/z entholden 
dat Adam heft entfernighet. 
du schalt an dynem lyve 
eyne eddele frucht entfan 
unde blyven sunder anghest 
unde twyvelen nicht dar an. 1 

4. De maghet wartd ser entbeveu, 
vorschrecket in oren moth, 

ze dachte in oren sinne, 
wat wezen mochte de grodt, 
den er de enghel brachte, 
de was ny er ghehordt. 
ze sprack myd stempnen sachte: 
'wo mochte dat ghesyn?' 

5. (f. 40b) De enghel sprack: 'du schone, 
du scholt nicht syn vorsaghet, 

du entfangest des oversten sone 
unde blivest eyn reyne maghet. 
du entfanghe one sunder sunde, 
dat licht, der eughele brodt. 
der werlde moghe syne 
eyn wortd nicht syn ghenodt. 1 

6. 'Wo mochte ik frucht gheberen? 
ghekande ik doch ny neuen man, 
hebbe ik doch ny gheberet, 

wo mochte dat wezen dan? 



id i/z boven nature unde krefte, 
tho wezende mo(f. 41a) der unde maghet 
des truret myn ghedechte, 
dar van byn ik vorsaghet. 1 

7. 'Du hoghe maghet van pryze, 
du schalt nicht syn vorsaghet. 
de hilghe geyst wyl risen 

an dy vel werden maghet. 
de godes krafft utherkoren 
de wertd dy umme ghedan, 
dat van dy wertd gheboren, 
schal Adames sunde affdon. 1 

8. Adam unde syne ghesellen 
de leghen so langhe ghevanghen 
in der varborch der hellen, 

dar umme dat ze hadden my/zghedan. 

dat Adam hadde vorloren 

(f. 41b) den erdeseken paradi/z, 

dat wartd van dy gheboren. 

Ave, ik byn des wys. 

9. Elyzabeth heft entfanghen 
in orer olden tydt, 

ore jar de synt vorghanghen, 
du maghet ghebenedyet. 
id i/z ok in ghodes vormoghe, 
wat i/z unde wezen schal, 
vulborde myt ghuder hoghe 
unde tröste dit j am er dal. 

10. De maghet was othmodich unde reyne. 
vallet nedder upp ore kny: 

'su, eyn denerinue godes, 
nach dynem worde my sehe. 1 
al tho den sulften stunden 
entfanghet de maghet fyn, 
ze droch one sunder anxst, 
ze geber one (f. 42a) sunder pyu. 

11. Tho Bethleem utherkoren, 
so un/z de scrifft vorklaret, 
wort un/z dat kyndelyn gheboren, 
de maghet bleff ünbeswert. 

syn moder de bleff maghet; 
er van des wyl wy vrolick syn 
unde frouwen un/z altomalen: 
un/z mochte nicht beth ghesclien. 



2$ 

Das Gedicht ist in der Überlieferung besonders arg mitgenommen, ob- 
wohl es ein ursprünglich niederdeutsches Produkt, keine Übertragung aus dem 
Hochdeutschen ist: schon die Reimbindungen 4, 2/4 modt : grodt (muot : gruoz); 

5, 6/8 brodt : ghenodt (bröt : genöz); 4, 5/7 brachte : sachte (brähte : sanfte); 

6, 5 7 krefte : ghedechte würden als Beweis dafür genügen; vieles andere ist 
bei der Umschrift aus einem westlichen in einen östlichen Dialelct, mehr noch 
durch Einwirkung oberdeutscher Schreibart verwischt woi'den. 1, 5 /. uther- 
koren (wie 11, 1). 11. kynt, ebenso 11, 3. 8 /. unbeswart (: verklart), ebenso 
11, 4. — 2, 5 tho Nazareth der stede (: vrede). 6/8 /. alleyn : ghemeyn (resp. 
alleen : ghemeen). — In Str. 3, wo der Reim gänzlich zerstört ist, macht 
Z. 4 die grössten Schwierigkeiten: entfernighet stand ursprünglich da, ist aber 
in ein Wort geändert, das ich nur als entfernt zu lesen vermag. 5, 7 wird 
durch Umstellung leicht ein Reim lyve : blyven hergestellt wie 7, 1/3 prise : 
risen. — 4, 6 wird im Reim auf sin : geschin (geschien) eingeführt werden 
müssen, vgl. auch 11, 6/8. — 5, 2 4 muss ebenso wie 6, 6/8; 7, 2/4 stumpfer 
Reim sein, also etwa in der Schreibung maecht : vortsaecht. — 6, 1/3 wird 
man auf den ursprünglichen Reim gewinnen : weet ik doch nicht van minnen 
raten dürfen. — 7, 6 '8 /. mnmevan : afdwan. — 8, 2 /. ghevan, — wenn nicht 
die Verderbnis tiefer liegt. — 10, 1/3 ist gewiss von einer Umstellung in 3 
aus xu heilen: godes denerinne : reyner sinne? 7 /. sunden (: stunden), oder besser 
noch sunde (: stunde). 

Nr. XVII. Fragment ('Es kommt ein Schiff gefahren'). 

1. Ave Maria, roseke, 2. Hur kumpt eyn schepken varen 

du leve moder myn, so verne uth Enghelant, 

tröste alle herte, Maria sit darinne, 

de nu bedrovet syn. ore leve kynt wol bekant. 

3. Och we (f. 42b) mochte küssen 
vor sine rotermunth! 
dat kerne wol tho lusten: 
syn zele de worde ghesunth. 

Str. 2 und 3 bilden in der %strophigen Fassung der Horae Dclgicae X 
Nr. 26 die erste und letzte StropJie, im Werdener LR Nr. 11 Str. 1 und 7. 
Str. 1 hat nur einen Anhalt in der oberdeutscJien Tradition, vgl. H. v. F. 
Kirchenlied Nr. 34 (= Wackernagel II Nr. 458) Str. 3. 



Xr. XVni. Osterlied. 

Wy wyllen alle vrolick syn 

tho disser osterliken tydt, 

dar al unse trost unde heyl an lydt. 

alleluja, alleluja! 

alle alle alleluja! 

ghelavet sy god unde Maria! 

Vgl. Wackernagel II Nr. 1121; niederdeutsch aus eitler Hildesheimer 
Hs. c. ./. 1478 im Jahrb. V, 47. 



24 



Nr. XIX. Passionslied (Christi Tagezeiten). 



1. (f. 43a) Un/z daghet hüte en /zalich 

dach, 
de mach un/z vroude bringhen; 
de ewighe sunne gift eren schin, 
der mach un/z wol ghelinghen. 

2. Wan dat kumpt to der primen tyd, 
und ik myn leveken wil schouwen, 

so vinde ik en to Pylatus hu/z 
mit roden rozen bestrouwet. 

3. Wan dat kumpt to der tercien tydt, 
unde ik myn leveken wil schouwen, 

so wizet he my dat duldighe lam, 
dat kan he wol bewisen. 



4. (f. 43b) Wan dat knmpt to der sexteu 

tyd, 
so kumpt my myn leff to mote, 
mit enen cruce, dat i/z swar, 
so bitterliken wenende. 

5. Wan dat kumpt tor nonen tydt, 
so schinet de sunne bete, 

so schenket he my den roden wyn 
uth synes herten wunne. 

6. Wan dat kumpt tor vespertydt 
unde ik myn leveken soke, 

so vinde ik one in Marien schote 
mit heten tränen beghaten. 



7. (f. 44a) Wan dat kumpt to der corapleten tydt, 
unde ik myn leveken wil schowen, 
so ze ik hir unde ze aldar, 
ift he dar nerghen stunde. 

Die Reime sind mehrfach verderbt, man möge einsetzen: 4, 2 bejenemk. 
5, 4 swete; andere Verderbnisse liegen tiefer. 



Nr. XX. Die minnende Seele. 

Ift du begherest tho hörende ifte tho synghende werlike senghe unde glwlt 
tydvordriff tho hebbende, so holt dy tho dissen senghen. 



1. Ik byu van sorghen drovich, 
thom herten i/z my we, 

wan ik de valschen warlde 
vor mynen oghen /ze. 

2. Ik wil selscop soken 

unde wyl spasceren (f. 44b) ghan 
in mynes leves gharden 
unde speien sunder wan. 

3. Wan ik byn allene, 
so byn ik seker vro, 
wen(te) alle tydtvordryvent 
i/z in ghuder selscopp jo. 

4. Ik hau twe leve selleken, 
de stedes by my syn, 

de eyne i/z myn apostel, 
de ander myn enghel fyn. 

5. Dar tho eyn truwe meghetyn, 
dat heth oratio, 



de kan so wacker vleghen 
wente in den hemmel hoch. 

6. Dat meghetyn wyl ik senden 
von hir uth Jeri(f. 45a)cho, 

dat ze my selscop vorwerve 
van Jerusalem hoch. 

7. Bekanth unde ok wylkomen 
i/z ze dem hemmelschen her, 
wes ik dar uth beghere, 

den kan ze brynghen her. 

8. Wol i/z de maghet wacker, 
doch wart ze vaken kranck, 
so inudt ze by sick hebben 
van tränen eynen dranck. 

\). Se schal my dar vorwerven 
des hilghen geystes ghunst, 
de i/z in allen speien 
de alderbeste knnst. 



25 



10. Wyl ik wol behagheu 
dem leven Jhesu myn, 

so mudt ik medebrynghen 
de leven moder syn. 

11. (f. 45b) Wan ik dorch myne sunde 
synen torne fruchte [so], 

so suth he syne moder 
vor my tho biddende jo. 

12. Se mach orae vormaueu 
de brüste de he soch, 

wan ze one up oreu armen 
in syner kyntheyt droch. 

13. Se metyghet synen torne 
unfz armen sonderen jo, 
wan wy myd nnsem bede 
tho er hebben thovlucht jo. 

14. Wan ik de koninghinnen 
vau hemmel so lade jo, 

dan volghet orer vruwen 
dat ghansse her dar tho. 

15. (f. 46a) Margareta, Ursula, 
Agneta, Barbara, 

de volghen mydt den anderen 
der koninghynnen na. 

16. Myd den wyl ik den speien 
nnde treden in den danjz, 

ze scholt my helpen maken 
uiynem leve eyneu kranjz. 

17. Wol mach sick den vrouwen 
myn zele uude ok myn'lyff, 
wan ik myd sulker selscopp 
mach hebben tydtvordryff. 

18. Vor mynes leves gharden, 
dar ligghen vyende vel, 

de mick den wech (f. 46b) vorkeren, 
wan ik dar speien wyl. 

IV). Ik wyl tho sammede lezen 
dat bjttere lydent syn 
nnde legghen upp myn herte 
so eyn in irren bundelyn. 

20. So ijz neyn vyent so dryste, 
d<: my den do vordretd, 



wan ze de starcken wapen 
np mynen brüsten seen. 

21. Wol [he] mydt synem herten 
den gharden urarae geytd, 

so ifz he van der werlde 
jo wyder unde breydt. 

22. Myner zele krefte, 

Stadt upp unde ghadt (f. 47a) vyl snel, 
dat wy der tydt wol bruken, 
de uujz god gheven wel. 

23. Id geyt nu an den avent 
mydt unses lyves macht, 
un/z mochte snel besliken 
des wyssen dodes nacht. 

24. Welck tydt nu [is] vorlaren, 
de wert uycht wedder bracht, 
de is jo in dem besten, 

de nu syn leveken socht. 

25. In mynes leves gharden 
i/z de berch calvarie, 

dar wassen rozenblomen 
tho allerhande we. 

26.(f.47b)Dar[inne?]heftunfzghep!anret 

de wäre karitas 

de droffeleu upp den rancken, 

dar rae den roden wyn uth parset. 

27. De bom des hilghen cruces 
i/z hoch unde ok al breydt, 
dar jo mydt wyden armen 
Jhesus myn leff uppe steytd. 

28. Van mynes leves schetelen 
wente upp synen vodt 

kan ik in ome nicht vynden 
men wunden unde blodt. 

29. Och mochte ik dar sughen 
myd dem sundighen munde myn 
uth den mynsten wunden 

den roden soten wyn! 

30. (f. 48a) Ik han [van] mynen sunden 
grote kraucheyt unde byn seck, 
myner zele wunden 

syn ser vul unde depp. 



26 

31. In sick myn leff lieft sahen, 83. In syn vyl mylde herte 
de maket my wol sunth, wyl ik my sencken, 
darumme wyl ik ome wyzen so kan ik nenes Ieydes 

al myner sunde gruntd. (f. 48b) men vrouwde deuckeu. 

32. Eme wyl ik klaghen 34. Wy wyllen in dissem ghardeu 
al mynes herten leydt, de fynen blomelyn 

he kan my wol trösten altosamede plucken 

alse eyn frunt den anderen deyt. unde makeu eyn krenselyn. 

35. Dat krenzelyn schal van leve 
thohope voghct syn, 
den wyl ik den upsetten 
dem alder levesten myn. 

Str. 11, 2 man könnte auch auf fruchten do raten, 18, 4 es steht 
vorher durchstrichen: wan ik spasseren wyl. 20, 2 die la. vordre td ('verdricssi \ 
scJieint sichei' y obwohl das erste r und dann wieder re nbergesclirieben sind; der 
Heim lässt sich ja durch Einfügung der Form seedt herstellen. 23, 4 h. 
acht (durchstrichen) nacht. 33, 2 hs. seckeu. 35, 1 hs. krezelyn. 

Das Gedicht kündigt den Welteifer mit der Weise des Volksliedes gleich 
in der Vorbemerkung an. Es gehört mit dem folgenden (XXI) und mit Nr. 
IV, V zu einer engem Gruppe, die niederrheinischer, vielleicht geradezu n\t- 
derländischer Herkunft ist, obwohl ich bisher nur für Nr. IV eine niederländisch' 
Parallele kenne. 

Nr. XXI. Paraphrase der Glaubensartikel. 

Dissc uaghescreven verseke spreket up de artikel des cristliken loveu 
unde thom ersten up dat wort: 'he is entfanghen' dit versek: 

1. Her Gabriel de plantede eyne rozen to Nazaret, 

de wa/z in s ; ck so kreftich, dat ze den hemmel thoredt. 

(f. 49a) Gheborcn van Marien: 

2. Tho bethleem dar was eyn fyn wyd rozelyu, 

in houw hadde de gheplantet eyn fyn kusek meghetyn. 

Ghelcden: 

3. Iu dessem gharden wassen de eddelen druffelyn, 
dar unfz ijz uth gheparset de heylsame rode wyn. 

Ghestorven: 

4. In dem mydden daghe (f. 49b) so ijz de sunnc lietd, 
so gha wy tho dem bome, dar ik myn leveken wedt. 

5. Dar wyl ik ome tho holden mynes herten schotd 
unde wyl den dar entfanghen de soten rozen rodt. 

Begraveu : 
B. Mercket: desse rozen, dat ifz dat leveken myn, 
dat wyl ik den begraven an mynes herten schryn. 



27 

He ifz nedder steghen to den hellen: 

7. De vyl schone rose sehen so eyn karbunkelyn 
den synen in der helle unde lozcde ze uth der pyn. 

(f. 50a) He ijz up ghestan van den doden: 

8. De vorwclkedc rozc van slcghen unde van pyn 

• [in] donwe wedder groyet unde lieft dusent sunnen sehyn. 

He ijz up ghesteghen tho den hemmelen: 

9. Van hogher vlueht de arnt so varet de blomelyn 
boven alle hemmele wentc tho dem trone syn. 

He is thokuftich tho richtende de levendighen unde de doden: 

10. Uth mynes leves munde geytd eyn twe — 

Str. 3 und die Überschrift von 4. 5 wurden dojyelt geschrieben und 
dann das erste Mal ausgestrichen; Variante: 3, 2 xucj'st gheparset, nachher 
ghepset. 7, 1 hs. schone blome (durchstrichen) rose. Str. 10 mit twe- bricht 
dir Schreiberin ab, Bl. 50b ist unbeschrieben. 

jfol. 51 — 56 leer.] 

Xr. XXII. Biblische Zeugnisse vom Lohne der guten Werke. 

(f. 57a) Mercke du nisten mynseke uth den worden Christi unde des hilghen 
apostcls saneti Pauli, ok uth anderen bestcntliken scriften, wo dat de hilghen 
Ion vordenen. 

To dem ersten vyntme Mathci am voften, Luce am sosten: 'Sedt, juwe 
5 Ion ifz grodt unde avertiodich in den licinmelcn.' (Matth. 5, 12. Luc. 6, 23.) 

Quarte apocalipsis in dem anderen: (f. 57b) 4 Ik werde gheven enera ju- 
welken na synen werken.' (Apoc. 2, 28.) 

Item Apocalipsis in dem verteynden: 'Salich syn de doden, de in den 
heren stervet, ore wereke volghct one na.' (Apoc. 14, .13.) 
10 Luce in dem verteynden dar wert mc ok wol vinden, wer de werke nicht 

ghelden, dat hir tholangh ijz to scrivende. 

In der ersten epistelcn tho den (•orintcren in dem voftey[n]den unde 
verteynden capittel: (f. 58a) 'Eyn juwolck wart syn Ion nemeu na synem arbeyde.' 
(I Cor. 3, 8.) 'Overvlodich sitd in dem wereke des heren stede, dar uth dat gy 
15 weten, dat juwe arbeyt iJV? nicht unnuttc iu dem heren.' (I Cor. 15, 58.) 

Paulus to den Homeren am anderen: 'Godt wart gheven eynem juwelkeu 
na synen wareken. den vorwarvet de vader lydinghe des ghuden (f. 58b) werekes 
herlicheyt unde ere unde unstraflicheyt soken, dat rike godes unde dat ewyghe 
leveut.' (Rom. 2, 0.) 
20 Sapiencie in dem losten: 'Se hebben nicht ghehopet dat lön der gherech- 

tirheyt, ghudt aver dunde scolle wy nicht uphoren, wente wy werden id in der 
tydt meyen.' (Sap. 2, 22.) 

Item Paulus to den Galatereu in dein sosten: *Wan wy tydt hebben, ladt 
unjfc ghudt don tho allen, unde dem meysten to dem husghesinde des ghelovcn.' 
25 ( ( 'al. 0, 10.) 



28 

(f. 59a) Ecclcsiastes im anderen: 'Gy de den heren fruchten, ghcluvet 
ome, unde juwe Ion schal nicht uth ghedelghet werden.' (Ecclu 2, 8.) 

Psalmista: 'Ik hebbc myn herte gheneghet tho dunde dyne gherechtichevt 
in der ewycheyt umme den wedderlon.' (Ps. 118 (119), 112.) 
30 Sapiencie in dem ersten: 'De rechten werden in ewycheyt leven, und* 

by dem heren ij"z ore Ion.' (Sap. 5, 16.) 

Mathei im teynden: 'De enen propheten to sick (f. 59b) nympt in den 
namen des propheten, de wart enes propheten Ion nemen.' (Matth 10, 41.) 

Mathei im neghenteynden: 'De de vorledt huze, efte brodre, efte sustcr. 

35 efte moder, efte vruwen, efte kynder, efte acker umme mynes namen wyllen, 

de wart hundertvolt nemen unde dat ewyghe levent besitten.' (Matth. 19, 29. > 

Les Marci im negheden, Mathei in dem twyntighesteu, in der ersten tho 
den (-horin(f. 60a)theren im dnidden capittcl: 'Isset dat werke blivet unde dat 
he dar upp buwet, he wart Ion entfanghen etc. 1 (I Cor. 3, 14.) 
40 Luce im XVIII. unde im VI., Ecclesiastes im XVL, to den Ebrereo im 

VI., ok im X: 'Warpet nicht van juw juwe vortruwenissc, de de heft grote 
wedderghevinge des lones.' (Hehr. 10, 23.) 

Item to den Ebreis im XIII., Johannis im anderen vynt me dir ok van 
wäre tuchnisse. 
45 (f. 60b) Item Paulus ad Titum: 'De de vechtet im banghestrydt, schal 

nicht ghekronet werden, id sy dat he eeliken stridet.' (II Tim. 2, 5!) 

Genesis im XV.: 'Ik byn dyn vordeghedingher, dat Ion dynes arbeydes.* 
(Gen. 15, 1.) 

Ecclesiastici im III.: 'He heft ghegheven den gherechten dat Ion ore* 
50 arbeydes. (Sap. 10, 17!) 

Ecclesiastici im drudden: 'Den doden nicht vorbeydet gnade.' (Eccli. 
7, 37.) 

(f. 61a) Paulus ad Titum, dat he scholde dat volck vormanen unde reyzen 
tho ghuden wereken: 'Darumme blivet jo bestendich, juwe wareke willen van 
55 dem heren nicht unvorloent bliven, des wy de ghanssen scrift vul hebben." 
(Frei nach Tit. 3, 8.) 

Ok secht sanetus Paulus : 'Id behort sick dat ketterie werden, up dat de 
lovighen werden vorsocht.' (I Cor. 11, 19.) 

Augustinus in dem boke de civitate dei: 'Alse de duvel sudt, dat de 

60 tempel der duvel syn vorlaten (f. 61b) unde dat me loppet tho dem namen der 

vryeheyt des myddclors, so beweghe[t] he de ketters, de under dem crist- 

liken namen wedderstan der cristlikcn lere alse eyn stadt des hones, alse in 

ze ane jeneghe brecHchcit syn ghesen in der stadt godes unde syn doch alse 

eyn stadt des hones. ze hebben mancket sick wyssaghen de mannigherhande 

65 unde wedderwardighe dinghe volen. wat he nu nicht dorch sick kau don, da' 

deyt he dorch valsche broder, de he be(f. 62a)drechliken under der stalt- 

nisse des ghuden unde der upscrift des loven — de duvel